Runder Tisch Kultur https://www.tiefgang.net Thu, 07 May 2026 08:22:41 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Die Mauer aus Paragrafen https://www.tiefgang.net/die-mauer-aus-paragrafen/ Sat, 09 May 2026 22:11:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13800 [...]]]> Die Debatte um die Harburger Kulturförderung erreicht mit der Stellungnahme der Behörde für Kultur und Medien (BKM) vom 5. Mai 2026 eine neue, ernüchternde Stufe der bürokratischen Logik.

Wer glaubte, dass die seltene Einigkeit der Harburger Parteienlandschaft in der Kulturbehörde für ein Umdenken sorgen würde, sieht sich nun eines Besseren belehrt. Es ist ein politisches Schauspiel der besonderen Art: Alle Harburger Fraktionen – von der Linken bis zur FDP – stehen Seite an Seite und fordern eine jährliche Erhöhung der Mittel um 457.000 Euro. Sie wollen endlich die Früchte des Kulturentwicklungsplans ernten und Institutionen wie SuedKultur oder das Kulturhaus Süderelbe auf ein solides Fundament stellen. Doch die Antwort aus der City liest sich wie ein Lehrstück in Sachen Zuständigkeitsvermeidung.

Die Kulturbehörde vollführt in ihrer Stellungnahme einen bemerkenswerten rhetorischen Spagat. Einerseits gibt sie den Harburger*innen recht: Ja, der Bezirk ist unterfinanziert. Ja, das kulturelle Potenzial wird nicht ausgeschöpft und kann es auch nicht. Andererseits zuckt sie mit den Achseln und verweist auf eine Steigerung von mickrigen 1,39 %, die gerade einmal die Tarifsteigerungen auffängt. Mehr sei nicht drin, und eine einseitige Bevorzugung Harburgs verbiete das System.

Das ist das Harburger Paradoxon: Man bescheinigt dem Bezirk schwarz auf weiß eine strukturelle Benachteiligung, weigert sich aber, diese zu beheben, weil man damit andere Bezirke benachteiligen könnte, die historisch gesehen ohnehin mehr Geld bekommen. Die Forderung der Behörde, dass alle sieben Bezirke gemeinsam einen neuen Verteilungsschlüssel aushandeln müssen, gleicht einer diplomatischen Sackgasse. Es ist, als würde man sieben hungrigen Menschen einen zu kleinen Kuchen hinstellen und verlangen, dass sie sich einstimmig auf eine neue Verteilung einigen, während einige bereits seit Jahren die größeren Stücke auf dem Teller haben.

Besonders bitter stößt auf, dass die Behörde die bezirkliche Entscheidungshoheit als hohes Gut preist. Doch was nützt die Hoheit über die Mittel, wenn diese Mittel hinten und vorne nicht reichen, um die selbst gesteckten Ziele der Kulturentwicklung zu erreichen? Das Bezirksamt hat einen Mehrbedarf von fast einer Million Euro angemeldet. Die Antwort der Behörde darauf ist eine Nullrunde mit Ansage.

Die Harburger Abgeordneten in der Bürgerschaft sind nun mehr denn je gefordert. Wenn die Behörde sich hinter dem Verteilungsschlüssel verschanzt, muss der politische Druck direkt in den Haushaltsverhandlungen der Stadt erhöht werden. Es geht nicht darum, anderen Bezirken etwas wegzunehmen. Es geht darum, dass eine wachsende Stadt wie Hamburg ihre Stadtteilkultur nicht nach historischen Zufälligkeiten, sondern nach aktuellen sozialen Realitäten finanzieren muss.

Wenn die Mauer aus Paragrafen nicht fällt, wird der viel gelobte Kulturentwicklungsplan als Papiertiger in den Archiven verstauben. Harburg hat geliefert, was Konzepte und Engagement angeht. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Hansestadt zeigt, ob ihr die kulturelle Teilhabe südlich der Elbe wirklich mehr wert ist als eine freundliche Stellungnahme. Alles andere wäre eine Fortsetzung jener Böhmschen Briefkultur, die zwar korrekt im Ton, aber verheerend in der Wirkung ist.


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Ein politischer Offenbarungseid https://www.tiefgang.net/ein-politischer-offenbarungseid/ Mon, 02 Mar 2026 09:59:44 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13459 [...]]]> Man muss sich die Szenerie einmal bildlich vorstellen: Am Freitagabend (20.2.) herrscht im Großen Saal des Harburger Rathauses noch feierliche Eintracht. Die Bezirksversammlung ehrt zum 13. Mal das Engagement für eine lebenswerte Zukunft.

Der erste Preis des Harburger Nachhaltigkeitspreises geht unter großem Applaus an die Kiezläufer*innen von IN VIA. Es sind Menschen, die seit Jahren das soziale Rückgrat in den Quartieren bilden, die deeskalieren, zuhören und vermitteln. Doch während die Urkunden noch in den Händen der Preisträger*innen zittern, liegt in deren Postfächern wohl bereits ein Schreiben, das all diese Bemühungen mit einem Federstrich entwertet. Die Ereignisse rund um die Harburger Kulturförderung haben sich in den letzten Tagen regelrecht überschlagen und tun es weiter.

Kurz zur Chronologie der Ereignisse: Noch im Januar – das Jahr 2026 hatte kaum begonnen – berichtete die NDR Hamburg-Welle 90,3: „Harburg will die Kultur im Bezirk stärken. Verschiedene Akteure aus Kultur, Politik und Verwaltung haben dafür einen Plan entwickelt. Das gab es in der Form noch in keinem der anderen Hamburger Bezirke.“ Am 20. Februar 2026 – gerade sechs Wochen später – platzte eine ganz andere Nachricht in die lokalen Gazetten und Magazine. Ein Brief der Bezirksversammlung Harburg war an zahlreiche Kultur- und wohl auch andere Institutionen wie IN VIA ergangen, der unmissverständlich darauf hinwies, dass künftigen Anträge auf Fördergelder eher nicht zugestimmt wird – erst recht nicht, wenn sie bereits mehr als drei Mal gestellt worden seien. Das Hamburger Abendblatt griff den Kultur-Sparkurs im Bezirk auf und thematisierte die Verunsicherung der Kulturschaffenden durch den Brief der Bezirksversammlung. Fast zeitgleich verbreitete die MOPO das Schlagwort der „Einschüchterung“, das Jan Schröder für das Netzwerk SuedKultur geprägt hatte. Auch das Online-Magazin „Besser-im-Blick.de“ stellte die rhetorische Frage nach einem beginnenden Kulturkampf südlich der Elbe. Und auch wir wiesen darauf hin (siehe Tiefgang „Böhmsche Briefe“, 20.02.2026). Die mediale Front war einhellig: Hier wurde ein mühsam aufgebautes Vertrauensverhältnis zwischen Politik und Szene ohne Not torpediert.

Nur drei Tage später, am 24. Februar 2026, folgte der physische Protest. Wie das Abendblatt berichtete, empfingen Kulturschaffende die Abgeordneten vor der Bezirksversammlung mit bunten Plakaten und lautstarkem Unmut. Es war die unmittelbare Vorbotin für das, was Jan Schröder dann zwei Tage (26.2.) später im Harburger Kulturausschuss vortragen sollte. Seine Rede im Ausschuss war weniger eine bloße Stellungnahme als vielmehr ein eindringliches wie leidenschaftliches Plädoyer für die Vernunft. Schröder fragte: Warum gab es kaum Ansprechpartner zu dem Schreiben? Und: Ist das Schreiben ein gesamt-politischer Wille oder nur die Meinung eines kleinen Kreises? Besonders mit seinem Hinweis auf die pro-Kopf-Förderung, bei der Harburg ohnehin das Schlusslicht Hamburgs bildet, markierte er den logischen Tiefpunkt der politischen Entscheidung.

Denn man muss sich die Szenerie einmal bildlich vorstellen: Über Jahre hinweg saßen sie alle an einem Tisch, die Visionär*innen der Harburger Kultur und die Verwalter*innen der politischen Macht. Sie haben Pläne geschmiedet, den Kulturentwicklungsplan (KEP) wie eine Monstranz vor sich hergetragen und die Soziokultur als sozialen Kleber eines komplizierten Bezirks gefeiert. Und dann? Ein Brief. Unterzeichnet im Namen derer, die eigentlich die Ermöglicher*innen sein sollten.

Es ist eine bemerkenswerte Form der politischen Amnesie, die sich derzeit im Harburger Rathaus breitmacht. Die Bezirksabgeordneten scheinen sich nicht im Geringsten bewusst zu sein, dass sie mit dem Brief – namentlich des Vorsitzenden der Bezirksversammlung Holger Böhm und so ja aber auch stellvertretend für alle (!) dort vertretenen Fraktionen – nicht nur über Paragraphen einer (offenbar zudem veralteten, also gar nicht mehr aktuellen) Förderrichtlinie informiert haben. Sie haben das Fundament des Runden Tisches Kultur kurzer Hand zertrümmert. Wer jahrelange Aufbauarbeit von Institutionen wie den „SuedLese Literaturtagen“, dem „Sommer im Park“- oder dem „Hafenfest“ kurzerhand zur Anschubfinanzierung umdeutet, zeigt ein erschreckendes Unverständnis für kulturelle Ökosysteme. Man pflanzt doch keinen Baum, nur um ihm nach dem ersten Austrieb das Wasser abzugraben, weil er nun ja gefälligst selbst für Regen sorgen solle.

Die Ironie der Geschichte liegt auch im Timing. Für das laufende Jahr 2026 stehen nämlich gar keine Kürzungen an. Es ist ein Gespenst namens 2027 und später, das hier an die Wand gemalt wird – ohne konkrete Zahlen, ohne Notwendigkeit zur jetzigen Panikmache. Doch der Schaden an der Seele der Kulturschaffenden ist bereits real. Jan Schröder, Sprecher des Netzwerkes SuedKultur, sollte recht behalten: Diese Politik der Vorab-Absage lähmt jede Ambition.

Dabei liegt – eine weitere Ironie der Harburger Chaostage – die eigentliche Entscheidungsebene ganz woanders. Während in Harburg Briefe nämlich verschickt werden, die wie Kündigungen wirken, beginnt die Hamburger Bürgerschaft just über den Gesamthaushalt der Stadt für 2027/28 zu „verhandeln“. Acht Abgeordnete aus dem Bezirk Harburg sitzen dort an den Hebeln der Macht. Es ist ihre vornehmste Aufgabe, im Hamburger Zentrum dafür zu sorgen, dass der außenliegende Süden nicht nur als Problembezirk mit dem kleinsten Budget wahrgenommen wird.

Wenn die Harburger Bezirks- und Bürgerschaftsabgeordneten sich jetzt nicht gemeinsam auf die Socken machen, um die Gelder für ihren Bezirk zu sichern, dann war der Kulturentwicklungsplan tatsächlich nur eine teure Beruhigungspille für die Basis. Schlimmer aber noch: bei allen Beteuerungen einer wehrhaften Demokratie, würden sie genau diese – und vermutlich aus Eitelkeiten – nachhaltig und wiederholt beschädigen.

Man kann Kultur nicht entwickeln, wenn man gleichzeitig das Grab für die Akteur*innen schaufelt. Die Brücken nach Harburg müssen gehalten werden – finanziell und menschlich. Alles andere wäre ein kultureller Offenbarungseid, den sich dieser Bezirk schlicht nicht leisten kann.

Es ist Zeit, die Grabesschaufeln beiseitezulegen. Kultur und soziales Engagement sind keine Projekte, die man anstößt und dann ihrem Schicksal überlässt. Sie sind der Atem einer Stadtgesellschaft. Wenn die Politik diesen Atem drosselt, darf sie sich nicht wundern, wenn es im Bezirk bald sehr still wird. Die acht Bürgerschaftsabgeordneten haben es nun in der Hand, in den Haushaltsverhandlungen die Weichen so zu stellen, dass Harburg nicht nur Preise verleiht, sondern auch die Mittel bereitstellt, damit die Preisträger*innen morgen noch existieren. Alles andere wäre ein politischer Offenbarungseid.

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Böhmsche Briefe https://www.tiefgang.net/boehmsche-briefe/ Fri, 20 Feb 2026 15:05:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13376 [...]]]> Viele Institutionen erreichten die Tage Briefe der Bezirksversammlung, die im Grunde nur eines sagen: gefördert wird weniger und eher Neues. Die Wirkung ist fatal und völlig überflüssig!

Wer in diesen Tagen über die Elbe blickt, sieht nicht nur den Nebel über den Harburger Schloßbezirk ziehen, sondern auch das herannahende Ende einer mühsam kultivierten Hoffnung. Es geht um mehr als nur ein paar Euro für Stadtteilfeste; es geht um die Seele eines Bezirks, der sich gerade erst anschickte, sein kulturelles Selbstbewusstsein in einem Kulturentwicklungsplan (KEP) zu manifestieren. Doch während die Tinte unter den lobenden Worten zum Runden Tisch Kultur kaum getrocknet ist, erreicht die Kulturschaffenden und andere ein Schreiben, das wie ein Grabstein für bürgerschaftliches Engagement wirkt.

Die Szenerie ist paradox: Über Jahre hinweg saßen Politiker*innen, Verwalter*innen und Kulturschaffende an jenem Runden Tisch zusammen. Man entwarf Visionen, priorisierte Handlungsfelder und feierte die Kooperation als neues Zeitalter der Ermöglichung. Doch nun, im Februar 2026, scheint das politische Gedächtnis eine fatale Lücke aufzuweisen. Holger Böhm, der Vorsitzende der Bezirksversammlung, verschickt Briefe, die die bisherige Förderung kurzerhand zur bloßen Anschubfinanzierung umdeuten. Eine dauerhafte Unterstützung? Nicht vorgesehen.

Für das Netzwerk SuedKultur, das seit 2007 die zerstreuten kreativen Energien südlich der Elbe bündelt, ist dies ein Schlag ins Gesicht. Jan Schröder und seine Mitstreiter*innen sehen die Kulturentwicklung beerdigt, bevor sie überhaupt richtig laufen lernte. Projekte wie die SuedLese, Sommer im Park oder das Hafenfest sind keine Eintagsfliegen, die nach einem Schubs von alleine fliegen. Sie sind gewachsene Institutionen, die auf Verlässlichkeit angewiesen sind. Wer Kultur nur als Startup-Modell begreift, das sich nach zwei Jahren selbst tragen muss, verkennt die ökonomische Realität soziokultureller Arbeit fundamental.

Der Verweis auf die Förderrichtlinie für Gestaltungsmittel wirkt dabei wie eine bürokratische Nebelkerze. Zwar wird dort von innovativen Ansätzen gesprochen, doch der Geist des Kulturentwicklungsplans zielte gerade auf die Stärkung vorhandener Strukturen ab. Wie sollen eine Kulturkoordination oder ein Raummanagement Früchte tragen, wenn der Boden, auf dem sie wachsen sollen, systematisch ausgetrocknet wird? Es entsteht der Eindruck einer Einschüchterungstaktik, die jene bestraft, die über Jahre hinweg ehrenamtlich das Rückgrat der Harburger Identität gebildet haben.

Harburg droht nun, das zu verlieren, was es sich mühsam erkämpft hat: eine Sichtbarkeit, die über die Grenzen des Bezirks hinausstrahlt. Wenn die Bezirksversammlung sich auf den Standpunkt zurückzieht, dass Bewährtes kein Geld mehr wert ist, wird Innovation zum Selbstzweck degradiert. Ein Hafenfest ohne Tradition ist nur eine leere Kaimauer, eine Lesereihe ohne Kontinuität nur ein flüchtiges Wort im Wind.

Die Frage, die über dem Rathausplatz schwebt, ist existenziell: Besteht wirklich ein Interesse an einer nachhaltigen Kulturentwicklung, oder war der Runde Tisch nur eine folkloristische Inszenierung, um die Akteur*innen ruhigzustellen? Wenn die Politik jetzt nicht einlenkt und die nötige Planungssicherheit garantiert, wird der Kulturentwicklungsplan als das teuerste Märchenbuch in die Harburger Geschichte eingehen. Es ist Zeit, die Schaufeln beiseitezulegen und stattdessen das Fundament zu stärken, auf dem die Vielfalt dieses Bezirks ruht. Kultur ist kein Projekt, das man anstößt und dann vergisst – sie ist ein Prozess, der Atem und Ausdauer verlangt. Alles andere wäre in der Tat ein Begräbnis erster Klasse.

Harburgs Politik wäre gut beraten, künftig eine andere Kommunikation an den Tag zu legen. Viel, bedeutender aber wäre wohl, ernsthaft darlegen zu können, dass man in der Hamburger Bürgerschaft und im Senat die Interessen Harburgs vertritt und sich für eine bessere Finanzierung einsetzt. Davon war bisher wenig zu lesen und zu hören. Und einfach nur zu Jammern, das Geld sei zu knapp, ist ja der Vorwurf, den eigentlich sonst Kulturschaffende zu hören bekommen.

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Bullen, Bücher und Blamagen https://www.tiefgang.net/bullen-buecher-und-blamagen/ Mon, 22 Dec 2025 23:46:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13027 [...]]]> Das Jahresende 2025 entwickelte sich im Hamburger Süden zu einem furiosen Finale, das noch einmal alle Facetten dieses widersprüchlichen Jahres vereinte: Eigensinn, Leidenschaft und der unerschütterliche Wille, sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern.

Während die City im herbstlichen Grau oft mit sich selbst beschäftigt war, zündete Harburg ein kulturelles Feuerwerk, das weit über die Bezirksgrenzen hinausstrahlte.

Der Oktober begann mit einer klaren Ansage an die sterile Konsumwelt: Die Kunst eroberte die Harburger City Galerie. In der neuen Kunstpassage präsentierte der Heimfelder Künstler Frank Vaders seine „Köpfe mit Ecken und Kanten“ – kraftvolle, expressive Werke, die das menschliche Antlitz dekonstruieren und neu zusammensetzen. Es war ein kluger Schachzug der Kunstleihe Harburg, die Kunst direkt in den täglichen Strom zwischen Einkauf und S-Bahn zu stellen und so zu zeigen, dass kulturelle Kraftorte keinen weißen Museumsbau brauchen. Passend zu dieser Entdeckerlust lieferte Bärbel Wegner mit ihrem Werk „Harburg. Das Buch.“ das ideale erzählerische Zeitdokument. Ohne die typischen Postkartenmotive, dafür mit einem intimen Blick auf die Netzwerke der Menschen, lud sie dazu ein, die Vielfalt südlich der Elbe neu zu lieben.

Diese Liebe zur Vielfalt fand ihren lautstarken Widerhall in einem Highlight, das die musikalische DNA des Bezirks im vierten Quartal wie kein zweites Event zum Schwingen brachte: die 15. SuedKultur Music-Night am 11. Oktober. Während die einstige große „Lange Nacht der Clubs“ in der Hamburger City oft mit weiten Wegen und Anonymität zu kämpfen hatte, bewies Harburg einmal mehr den Vorteil der Nähe. 14 Locations, über 40 Acts und das alles für einen fast schon symbolischen Preis – fußläufig und intensiv. Es war eine Nacht der Entdeckungen, die neugierig und begeisterungsfähig machte. Das Programm spiegelte die gesamte kulturelle Bandbreite des Südens wider: Von Groove-Jazz und Funk in der Fischhalle über Deutschrock in der Auferstehungskirche Marmstorf bis hin zu experimentellen Klängen im ligeti zentrum. Besonders beeindruckend war die Kooperation in der Sauerkrautfabrik, wo der Harburger Integrationsrat Rap-Musik der candyboiclique mit traditioneller Weltmusik auf der orientalischen Längsflöte zusammenbrachte. Diese Mischung ist Harburg pur – ein Ort, an dem Gegensätze nicht nur nebeneinander existieren, sondern gemeinsam gefeiert werden. Jan Schröder, Sprecher von SuedKultur, brachte es auf den Punkt: Das Festival ist ein Gemeinschaftserlebnis, das das vielfältige Netzwerk des Bezirks lebendig hält.

In einem Jahr, das so oft von Leerstand und Krisen sprach, war diese Nacht ein energischer Beweis für die Kraft der Harburger Club- und Kulturszene, die sich ihren Raum mit Leidenschaft zurückerobert. Dass Harburgs Charakter aber nicht nur im lautstarken Erfolg, sondern auch in der heroischen Niederlage und im Durchhaltevermögen glänzt, bewies ein Ereignis aus Moorburg, das es sogar bis in die FAZ schaffte: Das 0:66-Debakel des Moorburger TSV. Mit nur sieben Spieler*innen traten sie an, verweigerten den Abbruch und spielten bis zum bitteren Ende durch. Es war eine Liebeserklärung an den Amateurfußball und den Harburger Galgenhumor – ein Beweis dafür, dass Haltung wichtiger ist als das nackte Ergebnis.

Genau diese unerschütterliche Haltung trug auch den November, als der 22. Harburger Kulturtag das Zepter übernahm. Unter der Federführung von Harburg Marketing wagte die Tradition einen mutigen Neuanfang. Trotz knapper Kassen pulsierte das Leben an 28 Kulturorten. Ob Lindy Hop, Street Art oder das Laternenbasteln – der Kulturtag bewies, dass Gemeinschaft die stärkste Ressource des Bezirks ist. Zeitgleich wurde in Buxtehude mit der Verleihung des 54. Buxtehuder Bullen an Maja Nielsen für „Der Tunnelbauer“ ein starkes politisches Zeichen gesetzt. Die Auszeichnung würdigte den Einsatz für Freiheit und Demokratie – Themen, die durch die Anwesenheit des Zeitzeugen Joachim Neumann eine beklemmende Tiefe erhielten.

Den Bogen von der gelebten Gegenwart zur reflektierten Geschichte spannte schließlich der Dezember mit einem Blick zurück und nach vorn zugleich. In Winsen lädt das Museum im Marstall mit der Ausstellung „Pinsel, Stein und Stift“ zu einer Reise durch 150 Jahre Kunstgeschichte ein. Über 40 Künstler*innen zeigten dort, wie die Landschaft an der Luhe seit jeher Kreativität freisetzt. Doch Harburg blieb auch digital am Puls der Zeit: Mit dem Projekt Museana brachte das Archäologische Museum die Debatte um koloniale Straßennamen direkt in die Klassenzimmer. Es ist dieser lebensweltnahe Zugang, der die Geschichte aus den Archiven holt und sie mitten in die aktuellen gesellschaftlichen Gespräche stellt.

Doch während die Museen die Vergangenheit digital bändigten, vollzog sich auf politischer Ebene ein Prozess, der für die Zukunft des Bezirks wegweisend sein sollte: der Runde Tisch Kulturpolitik und Kulturentwicklungsplan. In vier intensiven Workshops rangen Akteur*innen aus Kultur, Politik und Verwaltung um eine Strategie, wie die Harburger Infrastruktur langfristig gesichert werden kann. Das Abschlussdokument liest sich wie eine Bestandsaufnahme der Harburger Seele – es fordert mehr Sichtbarkeit, eine bessere Vernetzung und vor allem eine verlässliche Förderung für die freie Szene. Doch während die Kulturschaffenden im vierten Quartal mit Events wie der Music-Night oder dem Kulturtag Fakten schufen, herrscht hinter den Kulissen des Runden Tisches eine gewisse Ernüchterung. Der Plan liegt vor, das Starter-Kit mit prioritären Maßnahmen ist geschnürt, doch die konkrete Umsetzung etwa durch die Bezirksversammlung lässt auf sich warten. Für viele Beteiligte fühlt es sich an, als stünde man vor einem fertig gedeckten Tisch, an dem jedoch niemand Platz nehmen darf. Dieser Kontrast prägte das Jahr 2025: Auf der einen Seite die unbändige Energie der Szene, die den Bezirk belebt, und auf der anderen Seite ein zäher administrativer Prozess, der nun beweisen muss, dass er mehr ist als nur eine gut moderierte Absichtserklärung.

Rückblickend schließt sich mit diesem Quartal ein Kreis, der im Januar mit den leuchtenden Wortspielen am Karstadt-Leerstand begann. Das Jahr 2025 war für Harburg eine Zeit, in der die großen Themen – die Sorge um den Leerstand der Innenstadt, das Ringen um die freie Szene nach dem Miskatonic-Brand und die Suche nach demokratischem Dialog in der Reihe Dr. Sommer der Demokratie – immer wieder auf die Kraft der Gemeinschaft trafen. Während in der Hamburger City über Ballett-Zäsuren und Milliardenprojekte gestritten wurde, setzten Harburger Künstler*innen, Architekt*innen der Stadtgesellschaft und Bürger*innen auf Nahbarkeit und klare Argumente. Ob beim Sommer im Park oder in den Kunst-Führungen der Kunstleihe – Harburg hat 2025 bewiesen, dass es kein Problembezirk ist, sondern ein Laboratorium für die Zukunft der Stadtkultur.

Wir verabschieden dieses Jahr neugierig und begeisterungsfähig: Harburg ist nicht nur ein Ort auf der Karte, sondern ein Versprechen an alle, die Kultur als lebendigen Dialog begreifen.

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Harburgs Kultur geht in den Neustart https://www.tiefgang.net/harburgs-kultur-geht-in-den-neustart/ Fri, 25 Mar 2022 23:02:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8882 [...]]]> Die Corona-Pandemie hat auch Harburgs Kulturlandschaft arg zugesetzt. Doch schon zuvor lag vieles im Argen. Gestern nun startete der ganzjährig geplante „NEUSTART SuedKultur“ mit einem Workshop in der Klangfabrik. Zu Gast war auch Antonia Marmon vom Harburg Marketing.

Die Bezirksverwaltung und -politik sprach längere Zeit von einem Kulturentwicklungsplan und einem Runden Tisch für die Kulturszene in Harburg. Aber eine erste Ausschreibung einer Gesprächsmoderation aller Beteiligten lief ins Leere und bis heute tat sich faktisch nichts.

Das dauert den Kulturschaffenden zu lang und durch eine Förderung des Fonds Soziokultur macht man sich nun daran, einen eigenen Runden Tisch zunächst unter Kulturschaffenden ins Leben zu rufen. Zu gegebener Zeit, so Sprecher Heimo Rademaker, werde man aber natürlich und von sich aus auch auf die Politik und Verwaltung im Bezirk zu gehen. „Wenn Harburg zu einem eigenen Kulturstandort werden soll, ist eine Zusammenarbeit aller interessierten Kräfte nötig. An uns jedenfalls wird es nicht liegen und was wir aus der Kraft der Kulturschaffenden selbst schon auf den Weg bringen können, werden wir tun. Um aus dem ganzen Mist der Pandemie rauszukommen dürfen wir jedenfalls nicht weitere Zeit verlieren!“

Als Moderatorin konnte die Initiative SuedKultur zwei Personen gewinnen, die selbst nicht aus Harburg kommen. „Das sichert uns den Blick von außen und hilft, dass man nicht über in eigenen Vorurteilen hängen bleibt“, so Rademaker. Zu den beiden Moderator*innen gehört neben Dennis Ahmedow die von den SuedLese-Literaturtagen 2021 bekannte Projektleiterin Anne Lamsbach. „Durch die Arbeit zur letzten SuedLese und auch mein Studium an den Harburger Medical School Hamburg im Kulturbereich habe ich Harburg im Grunde sehr positiv wahrgenommen“, so Lamsbach. „Ganz viel entsteht aus eigener Kraft und Idealismus. Aber es ist auch viel Resignation zu spüren, viele Verletztheiten und Verdruss. Wenn ich helfen kann, hier zu moderieren und bis zu einem gewissen Grad auch zu mediatieren, wäre mir das eine Freude. Von außen betrachtet, scheint mir alles vor allem eine Sache des Miteinanderredens. Übers Jahr wird sich aber vermutlich zeigen, was die eigentlichen Probleme sind. Die ersten Gespräche – auch und vor allem mit Antonia Marmon – machen mich recht zuversichtlich. Und wie es letztes Jahr schon bei den SuedLese-Literaturtagen erlebte: Harburg hat derart viel Potenzial um ein Bezirk mit ganz eigenem Kulturleitbild zu werden, dass es fatal wäre, wenn die Chancen nicht genutzt würden!“

Und an altbekannten Themen mangelt es nicht. So konnte Andreas Maecker, einer der Geschäftsführer der Harburger Musikschule Klangfabrik in der Nöldekestraße 19 gleich zum Auftakt über das miserable Mietverhältnis mit der Sprinkenhof GmbH berichten. Um das Gebäude kümmere man sich kaum, durch der Verkauf seitens der Stadt an eben die Sprinkenhof aber solle man jetzt auch noch mehrere tausend Euro Grundsteuern zahlen und auch für die defekte Heizung aufkommen. Gerne wolle man das Gebäude, früher mal als das FZ (Freizeitstätte) Nöldekestraße bekannt und damit Ursprung der heutigen Trägervereins Rieckhofs, auch erwerben, aber auch hier zeigt sich: Kommunikation findet schlicht nicht statt. „Nun läuft unser Mietvertrag zum Sommer entweder aus und wir müssten wegziehen oder wir akzeptieren einen neuen Mietvertrag, der uns ebenso keine weiteren Investitionen mehr möglich macht“, so Maecker. „Ich würde mir wünschen, wenn es in Harburg irgendwen in der Verwaltung gäbe, der zumindest als Ansprechpartner vermittelnd tätig werden könnte.“ Wie sich zeigte, ist die Klangfabrik nur eines der vielen Fälle, mit denen Kulturschaffende hinsichtlich Raumnutzung zu tun haben. Seit Jahren thematisiert die Initiative, dass es vor allem zu wenig Räume für kulturelle Arbeit aber auch Angebote gibt. In einem der nächsten Workshops will man nun Experten des Hamburger Raummanagements einladen. Eine bisherige Anfrage an die Bezirksverwaltung in Harburg blieb indes unbeantwortet.

Zu Gast beim ersten Workshop in der Klangfabrik in der Nöldekestraße am vergangene n Dienstag war die neue Geschäftsführerin Antonia Marmon, des Harburg Marketings, das sie als Nachfolgeverein von Channel Harburg und Citymanagement Harburg leitet. Es ging dabei vor allem um Fragen, welche Rolle Kultur im Standortmarketing einnimmt und -nehmen könnte oder gar sollte. Marmon war erstaunt über das rege Interesse des unter 2G+-Bedingungen gefüllten Saales der Klangfabrik. Auch hier stand im Raum, in wie weit Kultur den Leerstand in der Lüneburger Straße nutzen könnte, aber auch als Faktor in der touristischen Darstellung dienen könnte. Fest stand am Ende, dass man die Gespräche vertiefen werde.

Konkret plant die Initiative SuedKultur nun monatlich weitere Workshops zu verschiedenen Themenbereichen und das bis Jahresende. Im April etwa soll am Thema Kulturräume gearbeitet werden. Als Gäste sind bereits Vertreter*innen des Baudezernats sowie der Kreativgesellschaft angefragt.

Wer daran als KulturschaffendeR teilnehmen will, kann sich unter neustart@sued-kultur.de melden. „Auch Kulturinteressierte aus Politik und Verwaltung können und sollten sich selbstredend melden“, so Rademaker.

Daneben wird bereits intensiv an den nächsten und schon 7. SuedLese-Literaturtagen gearbeitet, die im Juni und wieder mit Orten im Bezirk als auch Landkreis Harburg stattfinden werden. Fest steht auch schon, dass es Ende Oktober die nunmehr 12. SuedKultur Music-Night geben wird und auch Ideen für einen möglichen 2. SuedKulturSommer sind in Arbeit.

Die Initiative SuedKultur entstand 2007 und ihr gehören mittlerweile mehr als 60 Kulturinstitutionen und weiter Einzelpersonen an – vom Archäologischen Museum oder dem Heimfelder Verein Alles wird schön bis hin zur Kulturkneipengenossenschaft „Zur Stumpfen Ecke“. Die Initiative steht allen Kulturinteressierten Harburgs offen, betreibt das Terminportal www.sued-kultur.de, das Online-Feuilleton „Tiefgang“, die jährliche SuedKultur Music-Night, die SuedLese-Literaturtage und die Harburger Kunstleihe, war zwei Mal zum Stadtteilkulturpreis Hamburgs nominiert, wird aber vom Bezirk nicht gefördert.

Das Workshop-Projekt NEUSTART SuedKultur wird gefördert durch das Programm NEUSTART KULTUR 2, der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und dem Fonds Soziokultur, der Alfred Toepfer Stiftung FVS wie dem Verfügungsfonds „Mitten in Harburg“.

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Harburgs Kultur – was soll und was wird werden? https://www.tiefgang.net/harburgs-kultur-was-soll-und-was-wird-werden/ Fri, 10 Sep 2021 22:31:27 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8357 [...]]]> Harburgs Kultur war trotz, während und wegen der Pandemie immer wieder Streitthema. Jetzt lädt die Initiative SuedKultur zum Gespräch …  Der Streit um Harburgs Kultur schwelt schon lange und wurde auch in der Starre der Corona-Pandemie nicht geringer. Das seit nun 15 Jahren bestehende  Netzwerk SuedKultur konnte sich zwar solidarisch und halbwegs durch die Lockdowns retten, schaffte ein länderübergreifendes SuedLese-Literaturfest und einen fulminanten dreiwöchigen SuedKulturSommer. Doch zufrieden ist man nicht. Darüber soll nun geredet werden.

Das Netzwerk SuedKultur ist weder glücklich über die Streitigkeiten von Verwaltung und Politik um eine Neuausschreibung des Bürgerhauses Rieckhof  noch über die Ausschreibung zu einer 2jährigen Moderation eines Runden Tisches Kultur  mit dem Ziel der Schaffung eines Kulturentwicklungsplanes. „Nicht, dass nicht vieles gut klingt und auch Potenziale hat“, resümiert SuedKultur-Sprecher Heimo Rademaker die Diskussionen innerhalb der Kulturszene. „Aber dies über unsere Köpfe hinweg auf den Weg zu bringen, einen Kulturbeirat mit dem Argument abzulehnen, man wolle eben diesen Kulturentwicklungsplan erst abwarten, verdeutlicht, dass der Gesprächsbedarf zwischen Politik, Verwaltung und Kultur immens ist.“

Also wird eingeladen und gestritten – über Rieckhof, das Mit- oder Gegeneinander während der Lockdowns, fehlende Räume, abgelehnte Anträge und mangelndes Miteinander. Aber auch über Wünsche und Ziele: was hat und was braucht Harburgs Kultur?
Termin: Mo., 20. Sept., 19 Uhr im Stellwerk, Bahnhof HH-Harburg, über Fernzuggleis 3.

Geladen sind alle Interessierten – ausdrücklich auch aus Politik und Verwaltung.

Die Moderation übernimmt Siri Keil, die u.a. Kultursendungen im Hörfunk moderiert.

Aufgrund begrenzter Plätze ist eine Anmeldung bis zum 18.9. erforderlich unter sprecher@sued-kultur.de
Vor Ort gelten dann die 3G-Regeln (Geimpft, Genesen oder attestiert Getestet).

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