Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Tue, 28 May 2019 06:27:57 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Harburger Vogel(ab)schießen https://www.tiefgang.net/harburger-vogelabschiessen/ Fri, 24 May 2019 22:14:49 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5318 [...]]]> 70 Jahre Grundgesetz – welch ein Grund zum Feiern. Auch in Harburg. Aber wer feiert hier was?

Harburg hat eine lange Tradition im Vogelschießen. Selbst Erste Bürgermeister sind jährlich aus Gründen der Wertschätzung verpflichtet, dem beizuwohnen. Leider wird man  auch Zeuge, wenn Harburg im übertragenen Sinne mal wieder den Vogel abschießt. Ein Paradebeispiel dafür hat der Bezirk jüngst und ausgerechnet zum Feiertag des Grundgesetzes präsentiert. Ein Projekt mit Modellcharakter, das „Demokratie ganz nah“ veranschaulichen sollte, missriet regelrecht ins Gegenteil.

Doch der Reihe nach:

Frühzeitig zu 70 Jahren Grundrechte rief die Bundeszentrale für politische Bildung  dazu auf, kreative Ideen zum Themas „Grundrechte“ zu entwickeln, um unterschiedliche Diskussions- und Beteiligungsformate anbieten. „Vor allem dort, wo Menschen bisher selten mit „der Politik“ in Berührung kommen können oder wollen. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt in diesem Band alle Projekte vor und lädt ein, den Erfahrungsaustausch über neue Methoden zu vertiefen.

Die Harburger Anwältin und Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs bewarb sich und entwickelte das Projekt „Gemalte Freiheit“. Es hatte großen Zuspruch und brachte viele innovative Ideen hervor (´Tiefgang` berichtete „Die gemalte Freiheit“ vom  28. Juli 2018 wie auch  „Grundrechte sorgten für volles Haus“ vom 29. Sept. 2018).

Ein voller Erfolg hinsichtlich der Zielsetzung: das Projekt machte die Werte greifbar und nahbar, warb so für Respekt, Wertschätzung und Partizipation. Das Resultat sorgte dafür, dass die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg derweil es gar als Modellprojekt für ganz Hamburg sieht. Wenn das mal nichts ist!

Nun aber zum oben erwähnten Vogel(ab)schießen. Pünktlich nun zum 70. Geburtstag unseres Grundgesetzes lädt der Bundespräsident eben zum Kaffeekränzchen die Akteure der Projekte aus den verschiedenen Bundesländern ein und bringt auch eine Dokumentation als praxisnahe Festschrift heraus. In der nimmt das Harburger Projekt eine relevante Stellung ein. Passend zum Thema und Projekt sinniert der Bundespräsident im Vorwort: „Demokratie ganz nah. Im Alltag erleben wir ja leider oft das genaue Gegenteil: Distanz, mal mit Fakten, mal mit Gefühlen begründet. Die repräsentative Demokratie, wie sie das Grundgesetz definiert, ist unter Druck geraten, weil sich viele Menschen in unserem Land nicht wahrgenommen oder nicht als Teil von ihr empfinden.“

(Die FridayForFuture-Demonstranten oder das aktuelle YouTube-Video von Rezo hatten als Projekte übrigens nicht teilgenommen … )

Harburg also mal ganz vorne. Doch wer fährt zum Kaffeekränzchen in Berlin samt Ehrung des Projektes? Nicht etwa Ulrike Hinrichs mit den Akteuren des Projektes. Nein. Harburgs Sozialdezernentin Dr. Jobmann findet sich ein und lässt sich mit dem Bundespräsi ablichten. Ganz offiziell, zählt ja zur Arbeitszeit. Doch damit nicht genug: stolz verkündet das Bezirksamt Harburg zudem am 22. Mai  in seiner Pressemitteilung auf der eigenen Facebook-Seite:

„Im Rahmen der Initiative „Demokratie ganz nah – 16 Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“, die unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht, darf der Bezirk Harburg die Freie und Hansestadt Hamburg mit dem Projekt „Gemalte Freiheit“ vertreten. Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann reiste dafür auf Einladung heute zur Matinee und Ordensverleihung zum 70. Jahrestag des #Grundgesetzes nach Berlin.

Das Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, mit Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Milieus zusammenzuarbeiten und sich mit den im #Grundgesetz verankerten Grundrechten aller Menschen in #Deutschland persönlich und künstlerisch in historischer Perspektive auseinanderzusetzen. Der Ausgangsgedanke war, dass das Grundgesetz als wichtigster Ankerpunkt unserer gesellschaftlichen Grundwerte gerade in Zeiten neuer Problemlagen und polarisierender Wertekonflikte für die Zukunft der #Demokratie eine überragende Bedeutung besitzt.

Mit dem experimentellen Kunstprojekt waren alle Hamburgerinnen und Hamburger aufgerufen, ihren Blick auf das Grundgesetz künstlerisch zu gestalten. loesungskunst./grundrechte_kreativ

Dr. Jobmann (links) feiert mit dem Bundespräsidenten Respekt, Anerkennung und Würde. (Foto: BA Harburg)

Fehlt was? Ja. Klar. Von wem kam noch die Idee? Wer ist die Urheberin (Achtung – Urheberrechte!) und wessen Lorbeeren stehen hier wem?

Später erst wird kommentarlos – als sei nichts gewesen – der Satz hinzugefügt: „Ein großer Dank an die Kunsttherapeutin Ulrike Hinrichs für die Initiierung und tolle Begleitung des Projektes!“

Respekt, Anerkennung, Würdigung … naja, so genau nimmt man es in Harburg eben nicht. Und überhaupt: hat das was mit dem Thema Grundgesetz zu tun?!? Kann ja mal passieren.

Nun, wenn man so lapidar mit diesem Thema umgeht, viel Geld für Themen wie Integration, Partizipation oder Diversität ausgibt, um es nachfolgend einfach „abzufeiern“, sollte man es vielleicht lieber ganz lassen. Selbst das Vogelschießen ist bei den Schützenvereinen  vermutlich besser aufgehoben.

Die Projekturheberin hat sich im Übrigen postalisch mit ihrer Ent-Täuschung ans Büro des Bundespräsidenten gewandt. Denn die Kreativen hätten sich gefreut und wären stolz gewesen, die Anerkennung entgegen nehmen zu dürfen. Und so macht Harburg  eben wieder auf sich aufmerksam. Dieser wundersame Teil der Weltmetropole Hamburgs …

Der „Werkstattbericht“ mit allen bundesweiten Projekten steht übrigens kostenfrei als download unter: demokratie-ganz-nah

Zum Thema siehe auch tiefgang/idee-des-gelebten-grundgesetzes

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Harburg – Pampa oder gentrifizierbar? https://www.tiefgang.net/harburg-pampa-oder-gentrifizierbar/ Fri, 15 Feb 2019 23:27:45 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4891 [...]]]> Der Kunstverein Harburger Bahnhof ist nicht nur Ausstellungsfläche sondern greift auch Themen unserer Zeit auf. Die Reihe „Tracks“ steht da als Marke und nun kommt Christoph Twickel – wieder.

Bei der Reihe Tracks geht es am kommenden Sonntag (24.2.) mal wieder um Entwicklungen . Vor allem in Harburg. In der Ankündigung heißt es: „Wir betreiben eine Standpunktanalyse: Wo befinden wir uns? Was war vor uns hier? Was geschieht um uns herum? Welche Handlungen verknüpfen sich mit diesem Ort? Wir sprechen über gemeinsames Arbeiten, geteilte Zeit und gestalteten Raum, über Teilhabe und solidarische Bezugnahme. Wir sprechen über Infrastruktur und temporäre Gemeinschaften und erproben institutionelle wie individuelle Möglichkeiten, eben jene zu schaffen.“
Dabei beginnt es um 13Uhr mit einen Stadtspaziergang mit der Geschichtswerkstatt Harburg. Es geht zu Arbeitswelten und Wohnräumen im Harburger Bahnhofsviertel. (Treffpunkt Kunstverein.
Von 14 bis 18 Uhr gibt es dann eine „Teezeremonie“ mit Dungeon TT von Martin Kohout mit Paul Sochacki und um 15 Uhr ein Künstlerinnengespräch mit Chris Reinecke im Gespräch mit Lena Ziese.
Um 16h wird dann zur Diskussionsrunde geladen.
Das Thema „Zentralität, Peripherie, Gentrifizierung und Teilhabe in Harburg – Runder Tisch zum offenen Gespräch“. Dabei ist der Journalist Christoph Twickel, Anke Jobmann (Bezirksamt Harburg), Heiko Langanke (Initiative SuedKultur), Mathias Lintl (3falt / Stadtkultur Hafen) und Vertreter*innen des Kulturwohnzimmer und der Sauerkrautfabrik.

Die Runde ist insofern interessant, dass bereits vor acht Jahren Christoph Twickel als Autor des Buches „Gentrifidingsbums“ als Gast der Initiative SuedKultur war. Da war Hamburg gerade allerorten damit beschäftigt, dass abgewirtschaftete Leerstände und Brachflächen aufgehübscht, -gewertet und für teuer Geld verwertet wurden, was eine der zentralen Thesen Twickels war und ist. Damals fragte SuedKultur auch, ob Harburg gentrifizerbar ist bzw. geht eigentlich auch „ein bisschen Gentrifizierung“?

Dann kam die Lehman-Pleite und die zinsfreie Zeit, was seit 2010 ganz maßgeblich dafür sorgte, dass Geld in Grund und Boden und Betongold (sprich Haus- und Wohnungsbau) investiert wurde und wird, so für eine extreme Verknappung und Verteuerung von Raum gerade in Metropolen wie Hamburg führt(e).

Seinerzeit berichtete Thomas Sulzyc für das Abendblatt unter dem Titel „Harburg  – Diskussion: Was bringt die Gentrifizierung?“ zur Veranstaltung:
„Christoph Twickel bietet eine versöhnlichere Perspektive auf die Fußgängerzone an. Der Hamburger Journalist und Mitverfasser des Manifests „Not in our name – Marke Hamburg“ der Bewegung Recht auf Stadt identifiziert in Harburg noch das eigentliche Wesen von Stadt. Hier existiert noch die urbane Multitude, das Nebeneinander von Bevölkerungsgruppen. Anders ausgedrückt: In Harburg können sich Kopftuchträger und Rentner noch Kaffee satt leisten.

In seinem Buch „Gentrifidingsbums – oder eine Stadt für alle“ beschreibt Christoph Twickel die Wiedergeburt der abgewirtschafteten Altonaer Fußgängerzone. „Jetzt kommt Ikea, dann ist sie gerettet“, sagt er süffisant. Die Geschichte der Großen Bergstraße könnte auch die der Harburger Fußgängerzone sein.

Twickel beschreibt in seinem Buch Prozesse der Gentrifizierung, also den Umbau von Stadtquartieren und die Verdrängung von Mietern. Auf Einladung der Vereinigung Sued-Kultur, ein Zusammenschluss von Kulturschaffenden in Harburg, diskutierte der Autor vor 27 Besuchern im Jazzclub Stellwerk über die Rolle der Künstler und Kulturanbieter bei der Gentrifizierung.

Kulturell Aktive stecken nämlich in einem Dilemma: Nach der Devise „Wenn ein Ort langweilig wird, hauen die Reichen ab“ gilt heute selbst Subkultur als Standortfaktor im Monopolyspiel der milliardenschweren Investoren. Hamburg Marketing schmückt die Hansestadt in einem Werbespot mit Travestiten und Rockkonzerten.

Clubbetreiber und Galeristen bekommen leerstehende Gebäude in guten Lagen und machen sie interessant. Später fallen viele der selbstproduzierten Aufwertung zum Opfer, wenn gut verdienende Bevölkerungsgruppen in diese Quartiere mit hippem Image ziehen und die Mieten steigen.

„Müssen wir uns Sorgen machen?“, will Jazzclubchef Heiko Langanke wissen. Und einzelne bei Sued-Kultur meinen durchaus: Ja. Wenn die Initiative Kultur im Hamburger Süden schaffe, trage sie zur Gentrifizierung bei.

Eine Kulturwüste als Gegenstrategie zur Verdrängung au dem eigenen Viertel? Christoph Twickel erteilt einem so radikalem Weg eine klare Absage: „Es führt in die Irre, wenn wir sagen, ein Jazzclub schaffe Gentrifizierung.“ Der Kämpfer für ein „Recht auf Stadt“ unterscheidet zwischen Kulturschaffenden, die einfach nur ein Programm abspulen und dann wieder abhauen (…) und denen, die sich einmischen und dauerhaft im Stadtteil bleiben.

Eine Antwort darauf, wie man das bekämpft, was man selbst hervorruft, finden Twickel und sein Harburger Publikum, darunter die frühre Phönix-Center-Managerin Anette Eberhardt, an diesem Abend nicht. Einen Vorteil darin, dass Themen wie „Ekeltunnel“ oder Leerstand das Bild Harburgs in der Öffentlichkeit prägen, sieht Heiko Langanke jedenfalls nicht.

Wie aber solle Harburg damit umgehen, wenn es nur als „Idiotenstadt“ gesehen werde, fragt der Jazzclubchef und liefert in einer weiteren Frage eine Antwort, an die er selbst nicht so recht glaubt: „Geht auch ein bisschen Gentrifizierung?“ Ein wenig Aufwertung wäre ja nicht schlecht.

Leute, die vorher Turnschuhe oder Waschmittel vermarktet hätten, würden heute die Koordinaten der Politik bestimmen, beklagen Gentrifizierungsgegner. Stadt werde nur noch als Portfolio von Investitionsflächen gesehen, Politiker schauen willfährig zu. Menschen müssten diesen Leuten die Kulturpolitik wieder wegnehmen, sagt ein Besucher. Wie man aber Investmentgesellschaften und Konzernen die Macht über die Stadtentwicklung streitig macht – das bleibt an diesem Abend offen.“

Quelle: Hamburger Abendblatt

Kurzum: es dürfte mehr als interessant sein, welche Aspekte sich geändert und welche sich verstetigt haben.

Für S-Bahnreisende von Hamburg Hbf: 
Für den 24.2. ist Schienenersatzverkehr zwischen Hammerbrook und Wilhelmsburg angekündigt. Es empfiehlt sich den Metronom oder andere Regionalzüge zu nutzen.

Die Reihe Track wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.
Das Programm des Kunstvereins und die Reihe Track werden gefördert von der Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

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Entdecke Dich durch Kunst https://www.tiefgang.net/entdecke-dich-durch-kunst/ Fri, 25 Jan 2019 23:05:05 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4805 [...]]]> Was ein Auflauf! Vergangenen Mittwoch lud die Initiative SuedKultur zur Einweihung der Kunstleihe für Harburg und ganz Hamburg und der Andrang war groß! Ab Sonntag darf dann jeder leihen.Im Obergeschoss des Kulturprojektes „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“ der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche Neue Str. 44 im Harburger Zentrum wurde es kurz nach 18 Uhr sichtlich eng. Das Team vom Irish Pub „The Old Dubliner“ aus der Nachbarschaft reichte Sekt und Häppchen, ein Quartett der Akademie für Musik und Kultur aus Harburgs Hafen spielte auf und knapp hundert Menschen tummelten sich inmitten von Kunst verschiedenster Machart. SuedKultur  im wahrsten Sinne.

v.l. Metin Hakverdi, Heiko Langanke, Dr. Jenny Svensson, Ansgar Wimmer (Foto: Muammer Kazanci)

Unter den Gästen fanden sich neben den sich für die Kunstleihe engagierten Institutionen Stiftungen Alfred Toepfer Stiftung, Ansgar Wimmer, Dr. Jenny Svensson von der Claussen Simon Stiftung , Joachim Bode vom Eisenbahner Bauverein wie auch Anke de Vries vom einstigen Kunstverein Kobalt Kunst international auch Prominenz wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Metin Hakverdi.

Aus der örtlichen Bezirkspolitik glänzten Heinke Ehlers und Jürgen Marek von den Grünen, aus der Bürgerschaft kam Norbert Hackbusch von der Linken. Für die Verwaltung kam stellvertretend für die Bezirksamtsleiterin Sonja Fredenhagen die auch für Kulturfragen zuständige Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann, vom Berufsverband der Bildenden Künste der Vorsitzende Alfred Stephan Mattes und auch das Präsidium samt Mitgliedern der dort aktiven Kunstinitiative der Technischen Universität Hamburg mit Dr. Ralf Grote oder auch Jens Brauer vom Stadtmuseum Harburg waren zugegen. Aus Buxtehude kam die Leiterin der Artothek Buxtehude, Susanne Wiegel und vom Landesverband der Artotheken Schleswig-Holstein kam Stephan Tresp. Und etliche Kunstinteressierte mehr kamen zusammen.

Jürgen Marek und Jürgen Havlik

Und am Sonntag (27. Januar) von 12 bis 17h ist nun die Kunstleihe erstmals der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich und wer will kann dann „Kunst auf Zeit“ für Zuhause, das Büro, die Kanzlei oder andere Orte entleihen.

Besonders wichtig ist den Initiator*innen der bildungsrelevante Ansatz. Mit Kunst seine persönlichen Erfahrungen zu machen, sie einfach mal in den eigenen vier Wänden, in KiTas, im Büro, der Arztpraxis oder Anwaltskanzlei über eine längere Zeit „wirken“ zu lassen, rufe bei den meisten ganz automatisch Veränderungen hervor. War es bei der spontanen Auswahl vielleicht noch die passende Farbe zum Sofa, ist es wenige Tage später doch vielleicht die Vieldeutigkeit des Motivs, die Technik oder Wirkung in unterschiedlichen Launen oder Lichtern.

Die Kunstleihe Harburg legt den Schwerpunkt dabei vor allem auf die zeitgenössische Kunst und auf die regionalen Künstler*innen. Denn so wie die Kunstvermittlung auf der einen Seite wirke, ist es zugleich eine Würdigung der lokalen Akteur*innen auf der anderen Seite. Im Bezirk Harburg, so ergab u.a. die einjährige Recherche der Initiator*innen, gibt es rund 100 Künstler*innen , die hier leben und / oder arbeiten und ausstellen. Ihnen mehr Wahrnehmung zu verschaffen und abseits der ohnehin statt findenden Einzelausstellungen Hilfestellung bei der Präsentation ihrer Kunst zu geben, ist eines der Ziele der Kunstleihe.

Dr. Ralf Grote (rechts) vom Präsidium der TUHH überreicht ein Werk für die Kunstleihe.

Denn Harburg kann auf eine große Kunsttradition pochen. Es sind nicht allein die bundes- oder landesweiten relevanten Kunstorte wie die Falckenberg-Sammlung, der Kunstverein Harburger Bahnhof oder die Reihe „Kunst verbindet“ des hit-Technologieparks in Harburg, die das Kunstleben von Hamburgs Süden bestimmen. Es gibt auch etliche Ausstellungen und recht regelmäßige Orte auf lokaler Ebene. Ob vom Kunst- und Kulturverein „Alles wird schön“, die seit 40 Jahren stattfindenden Ausstellungen in der Bücherhalle Harburg, seit 15 Jahren der Harburger Kulturtag, das Atelier Seils, Kunst im Kulturhaus Süderelbe, Kulturcafé komm Du, der Kulturwerkstatt Harburg, der Fischhalle, des Ateliers Malrausch, im AKH Krankenhaus Harburg, der Kunstinitiative der Technischen Universität TUHH, den Moorburger Vereinen eldbeich e.V. oder Moorburger Art e.V.  oder der Initiative wattenbergArt – sie alle präsentieren alltäglich Kunstwerke vornehmlich lokaler Künstler*innen und haben auch ein Publikum dafür. Die Recherche ergab, dass über 70.000 Menschen jährlich allein deren Ausstellungen aber auch Kunstkurse frequentieren. Und umso größer die Wahrnehmung dieser Kunst, um so eher ist natürlich auch gegeben, dass diese Kunst gekauft wird.

Kunstleihen – meist als Artothek bezeichnet – gibt es seit den 80er Jahren in der ganzen Bundesrepublik. Als Pendant zu Biblio-, Video- oder Mediatheken kann man bei ihnen Kunst leihen. In Hamburg gab es das bisher nicht, was die Initiative SuedKultur über die Kunstleihe HH-Harburg nun ändert.

Zu leihen sind vorwiegend Werke lokaler Künstler*innen und in Formaten, die eben leihbar sind. Ob Drucke, Fotos, Stiche, Acryl- oder Ölbilder oder auch kleinere Plastiken – die Vielzahl ist nicht nur in den Techniken als auch in den Motiven und Stilisten breit aufgestellt. Und die Kunstleihe startet mit rund 100 Werken.

Das ist auch bei der zu den Ausstellungen ergänzend startenden Kunstleihe ein wünschenswerter Effekt, damit Kunst eben nicht brotlos bleibt. Ihr vorrangiges Ziel ist es aber nicht. Es ist wirklich die Auseinandersetzung mit Kunst auf Zeit. Immer mal etwas anderes an der Wand hängen zu haben, ist immer eine neue Auseinandersetzung. Und wenn es mal nicht gefällt, tauscht man es einfach schnell gegen ein anderes.

Impuls & Vorgeschichte:

Der Impuls zur ersten Hamburger Kunstleihe kam im Januar 2017 in einer Sitzung des bezirklichen Kulturausschusses. Dort lag eine Anfrage eines Verwaltungsmitarbeiters vor. Dieser hatte in den Verwaltungsgebäuden ein ihn offenbar beeindruckendes Werk gesehen, das aber leicht beschädigt war. Da er nicht wusste, wem es überhaupt gehört, ließ er auf dem Amtsweg nach Eigentümer und der Möglichkeit der Reparatur fragen. Es stellte sich heraus, dass es dem Harburger Verein „Künstler zu Gast in Harburg“ gehört, der jährlich Stipendiaten als „artists in residence“ nach arburgHarburg einlädt. Zum Ende ihrer Arbeitsphase erwirbt der Verein von ihnen zudem eines der zu der Zeit geschaffenen  Werke und überlässt sie dem Bezirk, um etwa Büroräume aufzuwerten. Eine Art interne Artothek. Aber warum nur für Behörden? Und schon war die Idee geboren.

Stephan Tresp übermittelt Glückwünsche.

Entwicklung:

Es bildete sich so im Frühjahr 2017 von der Initiative SuedKultur, in der sich rund 50 Kulturinstitutionen des Hamburger Südens vereinen, schnell eine mehrköpfige Arbeitsgruppe, die das Thema genauer ergründete. Recht bald stand auch fest: offenbar hatte seit den 80er Jahren in den wenigsten Fällen eine Artothek aus Kostengründen wohl aber aufgrund mangelnder Leidenschaft der Akteur*innen geschlossen. Andererseits gibt es viele Arten von Kunstleihen und –ansätzen. Wie würde es also am besten für Hamburg passen?

Ein Antrag im bezirklichen Kulturausschuss, von dem man sich erhoffte, das Thema zumindest mit ein wenig Reisekosten unterstützt zu bekommen, lief ins Leere; Doch die Hamburger Alfred Toepfer Stiftung FVS zeigte sich dem Thema gegenüber offen und bewilligte einstweilen 2.000,- €. Und so wurde alsbald Norbert Weber vom Landesverband der Artotheken Schleswig-Holstein eingeladen, um weitere Möglichkeiten, Probleme aber auch Aspekte der Kooperation sowie inhaltliche Facetten zu beleuchten. Es folgten ein Besuch der Stadtgalerie und Stadtbilderei Kiel, die erfolgreich und enthusiastisch eine Kunstleihe auch für Firmen und ihre Büros betreibt. Ein Besuch in der nahegelegenen Artothek in Buxtehude schärfte die Perspektive für die lokalen Künstler*innen und die fundamentale Vermittlungsarbeit für die Kunst. Die Jahrestagung der Schleswig-Holsteinischen Artotheken im süddänischen Apenrade folgten wie auch der Besuch des Kunst- und Kulturzentrums sowie ihrer Artothek in Sonderburg. Am Ende standen nicht nur eine Vielzahl an Eindrücken sondern auch konkreter Austausch, Möglichkeiten der Ausrichtung sowie der Machbarkeit zur Verfügung.

Die Harburger Kunstgruppe wurde 2017 zudem auf die leerstehende Kantine des Rathauses Harburg aufmerksam gemacht, die aber dann 2018 auf einmal nicht mehr zur Verfügung stand, da dort auf Dauer Akten gelagert werden.

In dem Umwidmungsprojekt „3falt“ der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Harburg Neue Str. 44 kam dann im Sommer 2018 plötzlich ein Raum in Betracht, der hinsichtlich Lage, Größe und Möglichkeiten nahezu ideal scheint und auch schnell von weiteren Bildenden Künstler*innen für Kunst-Workshops und –Kurse adaptiert wurde.

Volles Haus zur Einweihung.

Alsbald ergab auch der Austausch mit der Kunstinitiative der TUHH, dass diese selbst auch Kunstwerke ihrer Ausstellungen erwirbt und ihren Studierenden und Mitarbeitenden für ihre Arbeitsräume zur Verfügung stellen will. Eines brachte Dr. Ralf Grote vom Präsidium der TUHH auch gleich mit. „Die Kunstleihe ist eine wunderbare Aktion, die wir liebend gerne unterstützen“, so Grote bei der Einweihung. „Auch wir haben ja jede Menge Kunstausstellungen in unseren Institutsräumen und meist behalten wir von den Künstlerinnen und Künstlern eines bei uns“. Und so übergab er eine Fotoarbeit von Monika Vollmer, die Ende letzten Jahres mit der Ausstellung „Wandel – Verwandlung“ sich mit dem aktuellen Thema Braunkohle und Klimawandel beschäftigte. Ebenso als Eröffnungsgabe hatte Jens Brauer, Leiter des Stadtmuseums Harburg einen Druck des Merians mit einer Harburger Stadtansicht des 17. Jahrhunderts mitgebracht. Darauf besonders schön zu sehne, die einstige Dreifaltigkeitskirche, in der die Kunstleihe nun eröffnet.

Ein persönlicher Kontakt von Toepfer-Stiftungs-Vorstand Ansgar Wimmer führte dazu, dass ein privater Sammler sich von der Idee angetan zeigte und bei der altersbedingten Verkleinerung seines Haushaltes einen beträchtlichen Teil seiner Sammlungen zeitgenössischer und teils bundesweit renommierten Kunst ebenso als Leihgabe an die Kunstleihe abtrat. „Es gibt sicher viele bürgerliche Haushalte, die kaum noch wissen, wohin mit all der Kunst! Vielleicht eine gute Anregung, Kunst allen zugänglich zu machen!“

Andreas Patommel v.d. Bücherhalle Harburg (links) und Prof. Michael Ganß im Diskurs.

Der Kontakt wiederum zur renommierten Claussen-Simon-Stiftung Hamburg, die in verschiedenen Kulturgenres jährlich Stipendien vergibt, ergab eine Schenkung der Stiftung von insgesamt acht Werken aktueller Stipendiat*innen. Von denen stammt der Photograf Philipp Meuser direkt aus dem Bezirk Harburg. Zwei weitere Künstlerinnen (Linda Hollkott und Simone Karl) wiesen zumindest durch ihre Kunst einen starken regionalen Bezug auf, da sie beispielsweise in den Phoenixhallen schon ausstellten.

Ein weiterer Austausch mit der benachbarten Dependance „arts & change“ der Medical School Hamburg will sich künftig zudem einem Kursangebot an. Unter Federführung von Prof. Michael Ganß soll elementare und erlebbare Kunstvermittlung für Kleinkinder über Schulen bis hin ins hohe Alter erarbeitet werden und anhand der Kunstleihe-Werke direkt vor Ort erfahrbar machen, welche Wirkung Kunst in vielen Belangen des Alltags hat.

Und das war den ganzen Abend über zu spüren: angeregte Gespräche vor allem über Kunst aber auch das Kulturprojekt 3falt, über Harburg und sein kulturelles Miteinander allerorten.

Ziele:

Aus all den recherchierten und erfahrenen Eindrücken kam die Arbeitsgruppe zu der Überzeugung, dass es in einer Millionenstadt Hamburg am Sinnvollsten ist, die Kunstleihe bezirklich zu organisieren. Damit wäre ein unmittelbarer Bezug in die Nachbarschaft gegeben, der Austausch über Kunst wäre konkret und nahbar und die Vermittlung demnach vermutlich individueller und vor allem leidenschaftlicher. Um aber die Kunstleihe zum keinen politischen Strömungen und Wechseln auszusetzen, zum anderen optional auf ganz Hamburg ausweiten zu können, soll der Kunstfundus sowie Ausleihebetrieb alsbald in eine kleine, unabhängige Stiftung eingebracht werden. Eine renommierte Hamburger Anwaltskanzlei (Rose & Partner) war von der Idee angetan und erarbeitete alsbald pro bono die rechtliche Konstruktion.

Die Stiftung wird die Kunst selbst als Kapitalstock vorhalten und kann aber auch durch öffentliche Zuwendungen gefördert werden. Abhängig sollte sie aber von eben diesen nicht werden. Unter dem Dach der Stiftung könnte dann aus jedem Bezirk eine weitere Kunstleihe entstehen, die sich unabhängig organisieren, aber die Struktur der Stiftung nutzen kann.

Unterstützer:

Bisher waren es also allen voran die Alfred Toepfer-Stiftung, die nicht nur durch die erste Unterstützung zur Recherche sondern auch dem Voranbringen bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht genug gedankt werden kann, aber auch die Eisenbahnbauverein Genossenschaft sowie der lokale und nun  leider aufgelöste Kunstverein „Kobalt Kunst international e.V.“ sowie die Claussen-Simon-Stiftung, ohne die das Projekt nicht zur Verwirklichung gekommen wäre. Aber es sind auch die zahlreichen Künstler*innen vor Ort gewesen, die die Idee immer weiter trieben, die unzähligen Gespräche, die die Leidenschaft und die unzähligen Aspekte von Kunst bereichernd einbrachten und bringen. Und letztlich alle Partner der Initiative SuedKultur, die seit nunmehr 12 Jahren besteht und nun neben einer jährlichen Music-Night für Musik und den Literaturtagen Suedlese nun auch einen weiteren Schwerpunkt für die Bildenden Kunst in Hamburgs Süden setzen konnte. 

Plakat zur Kunstleihe

Die Ausleihe

Erste offizielle Öffnungstage:

So., 27. Jan in der Zeit von 12-17 Uhr sowie Sonntag, der 3. Februar ebenso von 12-17h.

Wer Kunst dann direkt entleihen möchte, möge daran denken, seinen Personalausweis, 12 € einmalige Erfassungsgebühr sowie die Entleihgebühr in Höhe von 6,- €  je Werk und für ein ganzes Vierteljahr dabei zu haben.

Um ein Werk zu leihen, bedarf es nämlich nicht viel: einen gültigen Personalausweis und eine einmalige Gebühr für die Erstellung des Kunstleihe-Ausweises in Höhe von 12,-€. Die Leihgebühr für ein Werk und für ein Vierteljahr beträgt 6,- € und liegt damit unter dem Preis eines Tagestickets der Hamburger Verkehrsbetriebe.

Die Werke werden in eigens erstellten Kartons handlich und gut transportabel mitgegeben.

Gerne würde die Kunstleihe schon jetzt weitere Entleihtage – etwa auch in der Woche – anbieten. Da aber bisher all diese Arbeit noch unentgeltlich ehrenamtlich erfolgt (Entscheidungen über Anträge zur kommunalen Unterstützung sind noch nicht gefallen), bittet die Kunstleihe um die arg eingeschränkte Leihe um Verständnis. Ebenso ist der bisherige Internetauftritt bislang nur rudimentär unter www.sued-kultur.de/kunstleihe.

weiterführend siehe auch: Hamburger Abendblatt vom 25. Januar 2019

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