Stadthaus – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 02 May 2018 11:39:04 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 „Verhöhnung der Opfer!“ https://www.tiefgang.net/verhoehnung-der-opfer/ Fri, 27 Apr 2018 22:49:20 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3564 [...]]]> Das einstige Stadthaus war einst auch ein Ort des nationalsozialistischen Schreckens: es wurde  verhört, gefoltert und verschleppt. Heute wird dort flaniert und konsumiert. Der Widerstand bleibt wach und lädt ein.

Nun strahlen sie – die luxuriösen „Stadthöfe“ und laden zum Shopping ein. Das Versprechen, dass auch der Erinnerung an den Faschismus würdig gedacht werde (wir berichteten mehrmals im ´Tiefgang`? ), entpuppt sich als Farce: 40 Stühle, 13 Meter Fläche. Bei weitem nicht genug, sagen die Kritiker*innen und rufen nun zur Besichtigung und Kundgebung am Mi., 2. Mai um 17.30h, Stadthausbrücke 8a.

Im Aufruf zur Kundgebung heißt es:

„Unser gemeinsames Ziel ist eine Sichtbarmachung des Ortes als zentrale Stätte des Nazi-Terrors und als würdiger Dokumentations- und Erinnerungsort an den antifaschistischen Widerstand in Hamburg

Mitten in Hamburgs Innenstadt befindet sich der ehemalige Sitz der Ordnungspolizei, der Gestapo, der Kriminal- und Sicherheitspolizei und weiterer Polizeidienststellen des 3. Reiches. Von 1933 bis 1943 war hier für Hamburg und weite Teile Norddeutschlands die Zentrale des Nazi-Terrors.

Im Jahr 2009 stellte der Senat endlich fest, welch große Bedeutung dieses Gebäudeensemble an der Stadthausbrücke für die Gedenkstättentopografie der Stadt hat, und formulierte ausdrücklich die Notwendigkeit, hier „ein würdiges Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Hamburg“ zu etablieren.

Bedauerlicherweise haben die politisch Verantwortlichen beim Verkauf des Gebäudes jeglichen Gestaltungsanspruch für einen würdigen Gedenk -ort ohne Not aus der Hand gegeben.

Der neue Prunkpalast der französischen Quantum AG basiert auf einem Ort des Nazi-Terrors. (Illustration: Quantum AG)

Als der Immobilieninvestor Quantum das Gebäude 2009 erwarb, musste er sich im Kaufvertrag lediglich dazu verpflichteten einen „Lernort mit unterschiedlichen Inhalten (Ausstellung, Seminare, Veranstaltungen, Inszenierungen, Dokumentationen)“ zu realisieren (Drs. 19/4555). Hierfür war lt. Kaufvertrag eine Ausstellungsfläche von etwa 750 qm vorgesehen.

Wer nun am 2. Mai 2018 zur Stadthausbrücke 8a kommt und die Ladenfläche betritt, die einst ein Gedenkort an Widerstand und Verfolgung in Hamburg werden sollte, findet sich in einer Buchhandlung mit angeschlossenem Café und einer 70 qm-Gedenkecke wieder.

In dieser Ecke haben 40 Stühle Platz, als Ausstellungsfläche bleiben 13 laufende Meter Wandfläche. Wie hier die verschiedenen Aspekte der Verfolgung angemessen dargestellt und darüber hinaus ein angemessenes Gedenken an den Hamburger Widerstand ermöglicht werden soll, bleibt unvorstellbar.

Peinliche Provinzposse

Trotzdem behaupten sowohl Quantum als auch die Behörde für Kultur und Medien als Vertreterin der Stadt Hamburg, der Investor habe seine Verpflichtung aus dem Kaufvertrag – einen würdigen Gedenkort an Verfolgung und Widerstand zu errichten und zu betreiben – erfüllt.

Mit dieser peinlichen Provinzposse bleibt Hamburg deutlich hinter anderen Städten zurück: Münster, Nürnberg, Köln, Düsseldorf, München, Berlin, … Nach Jahrzehnten des Verdrängens und Beschweigens wurden dort in den letzten dreißig Jahren in Gebäuden, die ähnlich wie das Stadthaus in Hamburg, Hauptquartiere des organisierten Nazi-Terrors waren, moderne und angemessene Dokumentations- und Erinnerungsorte geschaffen.

In Hamburg entsteht nun in dem Gebäude, wo sich einst Hamburgs NS-Terror-Zentrale befand, der wohl luxuriöseste Konsumtempel der Stadt, der unter dem Motto „Hommage an das Leben“ vermarktet wird.

  • Hier wurden die Hamburger Polizeibataillone aus Hamburg, Bremen und Lübeck für den Einsatz im Vernichtungskrieg organisiert und eingesetzt.
  • Hier wurden die Deportationen der Hamburger Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma geplant und vorbereitet.
  • Hier wurden unzählige mutige Menschen, die sich der Nazi-Herrschaft entgegenstellten, brutal gefoltert.
  • Hier begann der Leidensweg politischer Gegner_innen, Zeugen Jehovas, Homosexueller und als Asoziale Stigmatisierter in die Konzentrationslager.

„Unendliche Plaisir“

Doch all das taucht in der Quantum-Image-Kampagne auf der Seite www.stadthoefe.de nach wie vor mit keinem Wort auf. Neben peinlichen plattdeutsch-französischen Textpassagen, die das heran- nahende „Unendliche Plaisir“ ankündigen, finden sich zur Geschichte des Hauses nur dürre Worte wie: „Die Gebäude sind in den Jahren 1888 bis 1916 als Sitz der Hamburger Verwaltung entstanden – bis zum Sommer 2013 wurden diese von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt genutzt.“

Ein solcher Umgang mit dem historischen Erbe bedeutet eine unerträgliche Banalisierung von Terrorherrschaft, Vernichtungskrieg und Völkermord und eine Verhöhnung der Opfer.

Die Initiative Gedenkort Stadthaus ist empört, dass weder dem von der Kulturbehörde geladenen „Runden Tisch“ noch der danach erfolgten Berufung eines “Beirats“ die Bereitschaft zugrunde lag, an dem unwürdigen Konstrukt eines „Dreiklangs aus Buchhandlung, Café und Ausstellung“ noch irgendetwas Substanzielles zu ändern.

Unerträgliche Banalisierung

Wir bleiben dabei: Hamburg braucht einen zentralen Dokumentations- und Erinnerungsort an Verfolgung und Widerstand in der zentralen Stätte des Nazi-Terrors.

Diese Forderung werden wir auch weiterhin an die Stadt, an den Investor und Projektentwickler Quantum sowie an die inzwischen zu Mehrheitseigentümern gewordenen Ärztlichen Versorgungswerke von Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt richten und erwarten entsprechende Entscheidungen.

Wir nehmen den Triumph des Kommerzes über die Erinnerung nicht hin: Konsum statt Gedenken? Jamais!“

Erstunterzeichner*innen für die Initiative Gedenkort Stadthaus:

Arbeitskreis ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokra-ten (AvS); Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V.; Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V.; City-Hof e.V. – Für gelebte und gebaute Kultur; FG Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe – ver.di Hamburg; AK Antirassismus – ver.di Hamburg; Förderkreis Gedenkstätte und Lernort Stadthaus; Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V.; Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.; Hamburger Bündnis gegen Rechts; Initiative Gedenktafel Stadthaus 1981; Landesjugendring Hamburg e.V.; Netzwerk Recht auf Stadt Hamburg; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen; Stolpersteine Hamburg e.V.; Hein Pfohlmann, 1. Vorsitzender des Kuratori ums der Gedenkstätte Ernst Thälmann Hamburg.; Dr. Sigrid Curth, Geschichtswerkstatt Wandsbek; Stephan Kaiser, Süderelbearchiv; Detlef Baade; Rolf Becker; Esther Bejarano; Norbert Hackbusch; Ulrich Henschel, Pastor i.R.; Barbara Hüsing; Michael Joho; Siri Keil; Bernhard Nette; Peggy Parnass; Bernhard Stietz-Leipnitz; Sönke Wandschneider, Pastor; Sylvia Wempner

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„Verantwortung liegt bei der Stadt“ https://www.tiefgang.net/verantwortung-liegt-bei-der-stadt/ Fri, 02 Mar 2018 23:59:11 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3210 [...]]]> Die Geschichte des Stadthauses war und bleibt wechselhaft. Dass es aber auch mal Sitz der Gestapo und Verhörkeller war, kann man nicht einfach übergehen. Genau dies aber droht nun …

Das Stadthaus, Ecke Neuer Wall und Stadthausbrücke, ist ein Gebäude mit wechselvoller Geschichte. Der Immobilienkonzern Quantum ist der neueste Inhaber des zentralen Gebäudekomplexes und entwickelt hier gerade die „Stadthöfe“ als luxusorientierte Shoppingmall. (´Tiefgang` berichtete am 27. Jan und am 3. Feb. 2018).

Das Görtz-Palais (1710/11) am Neuen Wall 86 war bereits 1726 auf die Stadt Hamburg übergegangen und in „Stadthaus“ umbenannt worden. Bis zum Reichsdeputationshauptschluss diente es als Sitz des kaiserlichen Gesandten, dann des Polizeiherren. Nach dem Großen Brand von 1842 beriet hier zeitweise der Senat. 1888-1892 wurde der große – heute noch als Stadthaus bekannte – Erweiterungsbau um die Ecke des Neuen Wall bis zum Bleichenfleet von Baudirektor C. J. Chr. Zimmermann errichtet.

Der Eckturm wurde in Anlehnung an den Zerbster Schlossturm mit Pilastern, einer prächtigen Wappen tragenden Balkonbalustrade über dem Portal und einer Kuppel mit Laterne gestaltet. Das Gebäude, das seit 1933 auch Sitz der Gestapo mit Polizeigefängnis und Verhörkellern war, wurde im Krieg nur teilzerstört. Die hohen Mansarddächer und die Kuppel brannten vollständig aus. Zunächst war nur eine provisorische Instandsetzung mit flacher Abdeckung über dem erniedrigten Obergeschoss möglich, die seit den 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts zunehmend in die öffentliche Kritik geriet. Architekten und Denkmalpfleger wiesen auf die städtebauliche Bedeutung des Eckturms hin, der im Rahmen der neuen Bebauung der Fleetinsel eine herausgehobene Position einnahm. Eine Finanzierung der Rekonstruktion aus öffentlichen Mitteln war jedoch damals nicht möglich. Seit 2009 steht das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz, das Görtz-Palais wurde bereits 1982 in die Denkmalliste aufgenommen. (siehe auch ´Stiftung Denkmalpflege Hamburg`)

Beim Verkauf an den Konzern Quantum wurde zwar vertraglich festgehalten, dass ein Gedenkort an die Zeit als Gestapo-Wache impliziert sein müsse. Aber es blieb wohl offenbar vage, wer was genau an Pflichten auferlegt bekommt. Und so war der letzte Stand, dass eine Buchhandlung samt Cafébetrieb einen „Lernort“ „betreibe“. Und genau das war Stein des Anstoßes.

In einer Presseerklärung hat sich nun die „Initiative Gedenkort Stadthaus“ am 26. Feb. 2018 mit folgenden Forderungen zu den aktuellen Plänen für den Gedenkort Stadthaus gemeldet:

  1. „Die Verantwortung für das Konzept des Gedenkorts Stadthaus liegt bei der Stadt und bei Quantum. Sie sind die Adressaten unserer Forderungen.
  2. Das Stadthaus braucht einen angemessenen und würdigen Ort der Erinnerung an den Widerstand und die Verfolgung in Hamburg. Dazu gehört auch eine ausreichende Fläche, die sich aus den inhaltlichen Anforderungen ergibt. Gegebenenfalls muss darüber neu verhandelt werden.
  3. Gegenüber Sat1 hat Quantum erklärt, dass der Investor der Stadt vorgeschlagen hat, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme solle die inhaltliche (nicht finanzielle!) Trägerschaft für den Gedenkort übernehmen. Dazu ist die KZ-Gedenkstätte bereit, sofern die dafür erforderlichen Stellen zur Verfügung gestellt werden.
  4. Unser Vorschlag ist, dass der KZ-Gedenkstätte die für eine qualifizierte Betreuung des Gedenkorts erforderlichen Mittel (incl. Öffnung an Sonntagen) zur Verfügung gestellt werden, damit der Betrieb durch die KZ-Gedenkstätte erfolgen kann. Ein Betrieb im kommerziellen Rahmen wird den Anforderungen nicht gerecht.
  5. Die Gedenkstätte muss innen und außen als solche erkennbar sein.“

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Ort der Auseinandersetzung https://www.tiefgang.net/ort-der-auseinandersetzung/ Fri, 02 Feb 2018 23:10:26 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2983 [...]]]> Das einstige Stadthaus – früher zentrale Schaltstelle der Gestapo gewesen – wird zu einem neuen Luxustempel – mit einem „Ort der Erinnerung“ (Tiefgang vom 27. Jan.2018). Auf Kritik nun die Re-Aktion.

Auf die mediale Kritik reagierte nun die Behörde für Kultur und Medien. In einer Pressemitteilung vom 29. Januar 2018 heißt es:

Neuer „Ort der Erinnerung“ entsteht in den Stadthöfen

 Eigentümer schafft zentralen Raum für Ausstellung und Veranstaltungen – Kulturbehörde und Koordinatorin laden Initiativen zur Beteiligung ein

In den neu entstehenden Stadthöfen wird künftig ein neuer „Ort der Erinnerung“ erstmals überhaupt umfänglich an die historische Nutzung des Gebäudekomplexes Neuer Wall 88 / Stadthausbrücke 4 erinnern. Hier befanden sich von 1933 bis zur Ausbombung 1943 das Polizeipräsidium sowie die Leitstellen von Kriminalpolizei und Gestapo. Die Stadt begleitet zusammen mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme die von der Quantum Immobilien AG verantwortete Einrichtung des Gedenkorts und stellt Ausstellungsinhalte zur Verfügung. Der Ort soll eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den sich daraus für Gegenwart und Zukunft stellenden Fragen ermöglichen.

Das Konzept des „Ortes der Erinnerung“:

Zur Kennzeichnung des historischen Ortes wurden in den 1980er-Jahren zwei Tafeln angebracht, eine im Rahmen des Tafelprogramms der Kulturbehörde „Stätten der Verfolgung und des Widerstands 1933–1945“ und eine vom Personalrat der Baubehörde und der ÖTV initiierte Gedenktafel. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende soll darüber hinaus auf Initiative der Quantum Immobilien AG erstmals eine Dokumentation zur Geschichte von Verfolgung und Widerstand im nationalsozialistischen Hamburg entstehen. Diese wird unter inhaltlicher Federführung der Stadt auf einer Hauptfläche zentral im westlichen Eingangsbereich mit großer Sichtbarkeit zur Stadthausbrücke sowie Transparenz zum Stadthof hin im Erdgeschoss liegen.

Die Dokumentation baut auf die Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zum Stadthaus auf, die 2012 in der Rathausdiele gezeigt wurde. Über einen mit der Fachbuchhandlung „Lesesaal“ geschlossenen Mietvertrag wird eine öffentliche Zugänglichkeit gewährleistet. Die Mieterin wird in der Kombination von Buchhandlung mit anspruchsvollem Sortiment sowie angrenzendem Begegnungs- und Literaturcafé die Ausstellung in einen lebendigen Erinnerungs-, Veranstaltungs- und Kommunikationsort einbetten.

Die drei Bereiche werden ineinander übergehen und miteinander in Verbindung gebracht. So sollen Veranstaltungen mit thematischem Bezug zum Erinnerungsort sowohl durch die Mieterin und Koordinatorin der Ausstellung als auch mit Kooperationspartnern aus der Kultur und den Verbänden ermöglicht werden. Die Fläche wird je nach Bedarf zur Verfügung gestellt und flexibel gestaltet. 

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Mit dem ‚Ort der Erinnerung‘ soll in den Stadthöfen künftig erstmals umfänglich über die Vergangenheit des Gebäudes als Zentrale des Terrors informiert werden: Wir wollen, dass hier ein echter Ort des Gedenkens und des kritischen Austausches entsteht. Wir laden alle Kultur- und Forschungsinstitutionen, Geschichtswerkstätten, Verbände und Initiativen dazu ein, in enger Zusammenarbeit mit der Behörde für Kultur und Medien und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme daran mitzuwirken, dass die grausame Vergangenheit des Gebäudes angemessen dargestellt wird und zur Auseinandersetzung mit unserer heutigen Verantwortung anregen kann. Diese wichtige Beteiligung soll in Form eines dauerhaften Beirates verstetigt werden. Es ist gut, dass dieser Weg der Beteiligung auch von der künftigen Betreiberin und Koordinatorin des ‚Ortes der Erinnerung’ und dem Investor ausdrücklich unterstützt wird.“

Stephanie Krawehl, Inhaberin der Lesesaal Buchhandlung, des Literatur-Cafés und Koordinatorin des „Orts der Erinnerung“: „Hinter dem konzeptionellen Dreiklang Ausstellung – Buchhandlung – Literatur-Café steht die Idee eines zeitgemäßen Orts der Erinnerung und des Austauschs. Dank unterschiedlicher Impulse werden die Besucher der Stadthöfe erstmals Zugang zum dunkelsten Kapitel der Geschichte des Ensembles erhalten – und das an ganz zentraler Stelle. Das Beteiligungsverfahren zur inhaltlichen Ausgestaltung der Ausstellung ist richtig und wichtig.“ 

Kaufvertragliche Vereinbarung

Der „Ort der Erinnerung“ umfasst drei Elemente:

Nach Sanierung und Ausgestaltung des bis 2013 als Behördenquartier genutzten Gebäudes wird die Quantum Immobilien AG als Vertragspartnerin der Stadt hier im Zuge der schrittweisen Eröffnung der „Stadthöfe“, die Hotel und Gastronomie, Läden, Arbeitsflächen und Wohnungen beherbergen, auch für die Schaffung des „Orts der Erinnerung“ als Stätte von Dokumentation und Kommunikation Sorge tragen. Die Projektentwicklerin kommt damit einer 2009 mit der Stadt getroffenen kaufvertraglichen Vereinbarung nach.

 Der Seufzergang

Als historisches Relikt wird zudem der auf der Fleetseite gelegene Verbindungsgang einbezogen, der von den im Kellergeschoss gelegenen Arrestzellen zu den Verhörräumen der Gestapo führte. Dieser in Erinnerungen ehemaliger Gefangener als „Seufzergang“ bezeichnete Ort – vorgesehen für eine ergänzende Ausstellung mit biografischen Inhalten – ist weitgehend im Originalzustand erhalten. Eine vor Baubeginn der „Stadthöfe“ 2012 vom Denkmalschutzamt vorgenommene Untersuchung insbesondere der Kellergeschossflächen ergab, dass andere Relikte, die unmittelbar von der Nutzung zu Haftzwecken zeugen, nicht erhalten geblieben sind. Quantum trägt hierfür keine Verantwortung. Entsprechende bauliche Veränderungen fanden bereits weit vor Veräußerung der Gebäude statt.

Darüber hinaus sind in der zentral gelegenen Brückenarkade, die künftig als erstmals der Öffentlichkeit zugängliche Fleetüberquerung hoch frequentiert sein wird, Informationen zur insgesamt mehr als 200-jährigen Baugeschichte des gesamten Stadthaus-Komplexes vorgesehen. Hier werden sowohl die durch die Polizei in der NS-Zeit vorgenommenen Umgestaltungen und die Luftkriegszerstörungen 1943 thematisiert wie auch die Nutzungen in der Nachkriegszeit bis hin zu den im Zuge der Neugestaltung in den letzten Jahren erfolgten Transformationen.

Ein Ort gesellschaftlicher Verantwortung

Die Behörde für Kultur und Medien und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme liefern die Ausstellungsinhalte koordinierend zu. Entsprechende Unterlagen sind Quantum auf der Grundlage der von der Gedenkstätte 2012 realisierten Rathausausstellung „Dokumentation Stadthaus: Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus“ zur Verfügung gestellt worden. Mit der Ausstellungsproduktion soll eine anerkannte Agentur beauftragt werden.

Die Verbände werden gebeten, bei der Ausstellungserarbeitung ihre Expertise und gegebenenfalls bei ihnen verfügbare Materialien und Berichte ergänzend zur Verfügung zu stellen. Nach dem ausführlichen Beteiligungsprozess soll dann die Ausstellung für jeden zugänglich sein. Die Buchhandlung wird im Mai öffnen. Um den Austausch und eine auf Dauer angelegte Beteiligung der Verbände und Interessengruppen zu organisieren, wird die Behörde in Abstimmung mit der Mieterin in Kürze zu einem gemeinsamen Beratungstermin einladen. Die Zusammenarbeit soll in Form eines Beirates verstetigt werden.“  

Quelle: www.hamburg.de/bkm

Unser Fazit: es bleibt auf jeden Fall ein kostendeckendes Erinnern.

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Gedenken ohne Kosten? https://www.tiefgang.net/gedenken-ohne-kosten/ Fri, 26 Jan 2018 23:57:49 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2905 [...]]]> „Genießen statt Gedenken? Niemals!“ So der Tenor des „Förderkreis Gedenkstätte und Lernort Stadthaus“. Denn wo einst die Gestapo wütete, ist in Kürze Luxusshopping zuhause.

„Im Stadthaus muss ein angemessener Ort der Erinnerung an Widerstand und Verfolgung in Hamburg entstehen“ – so die Forderung eines Bündnisses, das am Die., 30. Januar von 17 – 18.30h zu einer Kundgebung am Ort des einstigen Schreckens lädt.

Kann man das Gedenken an die Greuel der Naziherrschaft einfach delegieren? Der Streit um die Antwort entbrennt auch in Hamburg aufs Neue, denn wo einst die Gestapo ihr Unwesen trieb, entsteht gerade eine Luxus-Shopping Mall, der Kosten und Gedenken gleichermaßen auferlegt wurde.  So geht das nicht, ruft ein Gegenbündnis. Und die Gründe sind plausibel: „Das Stadthaus war von 1933 bis 1943 als Sitz der Gestapo der zentrale Ort des Nazi-Terrors in Hamburg. Von hier aus brachen die Schläger-Trupps des „Kommandos zur besonderen Verwendung“ zu Razzien und Verhaftungen auf. Hier war der Ort der Folter-Verhöre, denen Tausende ausgeliefert waren und die viele nicht überlebten. Hier wurden die Deportationen von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma organisiert. 1943 wurde das Gebäude von Bomben getroffen und die Gestapo-Zentrale verlegt. Später zog in hier die Hamburger Baubehörde ein. Schon 1948 stellten „die politisch und rassisch Verfolgten in der Baubehörde“ einen Antrag auf Errichtung eines Erinnerungsmals. Erst 1981 wurde nach jahrelangen Bemühungen der Gewerkschaft ÖTV zumindest eine Gedenktafel am Gebäude Stadthausbrücke Nr. 8 angebracht.

Im Jahr 2009 verkaufte die Stadt den gesamten Gebäudekomplex an den privaten Investor Quantum Immobilien AG. Unter der Überschrift „Stadthöfe – Hommage ans Leben“ soll hier im Früh-Sommer 2018 ein luxuriöses Einkaufsquartier eröffnen. Mit allerlei französischer Wortwitzelei bemüht sich eine Imagekampagne um ein weltstädtisches Flair à la Paris oder Berlin. Auf der Website www.stadthoefe.de ist zu lesen was es alles gibt: Vom „zauberhaften 4-Sterne-Boutique-Hotel“, über „50 aparte Geschäfte“ und „exklusive Büros“ bis zu „88 hochwertige(n) Wohnungen.“ Leider wird mit keiner Silbe erwähnt, dass sich hier, wo in Zukunft sorglos flaniert und konsumiert werden soll, einst Hamburgs NSTerror-Zentrale befand. Vor diesem Hintergrund liest sich der Slogan „Hommage ans Leben“ einigermaßen zynisch.

Gedenken darf nicht privatisiert werden

Das Stadthaus neben Schutt und Asche, 1946

Im Kaufvertrag hat die Stadt den Investor zwar zur Einrichtung von „Räumlichkeiten für ein würdiges Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Hamburg“ verpflichtet. Was dort jedoch nach bisherigem Planungsstand entstehen soll, erscheint für einen historisch derart bedeutenden Gedenkort kaum angemessenen: Von 530 qm, die ursprünglich im Bauantrag als Ausstellungsfläche genannt sind, bleiben nach Auskunft des Senats für eine Dokumentations- und Gedenkstätte gerade mal 110 qm übrig. Den Großteil der Gesamtfläche sollen eine Buchhandlung und ein Café einnehmen.

Das Problem: Die Stadt privatisiert so ihre historische Verantwortung. Ein erinnerungshistorisch versierter Träger und ein nachhaltiges Konzept für den Betrieb einer angemessenen Gedenkstätte sind nicht in Sicht. Das ist mehr als nur ein Fauxpas.

Wir fordern daher ein öffentliches und transparentes Verfahren zur Zukunft der Gedenkstätte sowie eine Beteiligung der Verfolgten-Organisationen. Unser gemeinsames Ziel ist eine Kennzeichnung des Ortes als zentrale Stätte des Nazi-Terrors und als würdiger Dokumentations- und Erinnerungsort an den antifaschistischen Widerstand in Hamburg.

Eine Kundgebung am 30. Januar am Stadthaus soll an Widerstand und Verfolgung erinnern und deutlich machen: Die Erinnerung an und Auseinandersetzung mit dem Faschismus ist eine gesellschaftliche Aufgabe und gehört in den öffentlichen Raum.

Genießen statt Gedenken? Jamais!“

Quelle: VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten)

Hintergrund

Die Investoren-Firma Quantum mit Hauptsitz in Frankreich hat in Deutschland und auch in Hamburg bereits etliche Gebäude und Grundstücke erworben. Viele aus städtischem Besitz. Auf ihrer Website liest sich in einer Pressemitteilung von November 2013:

„Nach dem Umzug der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt nach Wilhelmsburg werden die Flächen nun mehr frei und zusammen mit dem Bleichenhof entsteht auf insgesamt ca. 100.000 Quadratmetern ein neues urbanes Innenstadt-Quartier.

Das Projekt Stadthöfe, gekoppelt mit dem Umbau des Bleichenhofs, bietet die Möglichkeit, ein einzigartiges Quartier mit eigenständigem Profil in der Hamburger Innenstadt zu entwickeln und neue Akzente in der Einzelhandelsstruktur zu setzen. Dieses Profil wird neben dem urbanen Nutzungsmix vor allem durch die interessante Bebauungsstruktur geprägt, die auf der Verbindung von „Altem und Neuem“ basiert. Die Stadthöfe bieten somit ein attraktives Flächenangebot, welches in dieser Form in der Innenstadt nicht vorhanden ist. Nach Umsetzung der Entwicklung werden die Stadthöfe ein neuer Premiumstandort innerhalb der Hamburger City sein.

Durch die Gestaltung des Gesamtensembles, inklusive des Umbaus der Straßen und der Verbreiterung der Gehwege auf bis zu 10 Metern, wird eine neue Lage mit einem repräsentativen Charakter im Bereich der westlichen Innenstadt geschaffen.

Gedenktafel am Stadthaus

Die Entwicklung der Stadthöfe lebt von der Revitalisierung der historischen Bausubstanz und von der Belebung der vielzähligen Höfe innerhalb der Bebauung. Mit dem urbanen Nutzungsmix aus Einzelhandel, Gastronomie, Wohnen, Büro und einem Boutique-Hotel wird ein neuer Trend-Standort in der Hamburger Innenstadt entstehen. Neue Wege verbinden die Höfe, die nicht nur zum „Shoppen und Flanieren“, sondern mit einem einzigartigen Gastronomiekonzept auch zum „Treffen und Verweilen“ einladen. Zukünftig werden die Großen Bleichen über die Stadthöfe und die Brückenarkade mit dem Neuen Wall verbunden sein. Die Ladengeschäfte, Restaurants, die Außengastronomie im Hof und eine Gedenkstätte, die an die Geschichte des Ortes erinnert, lassen die Hamburger Innenstadt wachsen- und auch das Boutique-Hotel mit ca. 130 Zimmern sorgt für Lebendigkeit und Vielfalt in den Stadthöfen.

Die Höfe werden durch neue und historische Passagen und Durchgänge verbunden sein und charaktervoll gestaltet sein. Die Hofflächen und auch die umliegenden Gehwege und Straßen werden in der Qualität der benachbarten Business Improvement Districts (BIDs)angelegt und tragen somit zu einer Aufwertung der Hamburger Innenstadt bei. In den Stadthöfen entstehen ca. 100 Wohnungen, die zum Bleichenfleet oder zu den ruhigen Innenhöfen liegen und die Hamburger Innenstadt von der Alster bis zur Elbe überblicken. Die Lage im „Trendquartier“ mit vielfältigen Nutzungen steigert die Wohnqualität. Die architektonische Verbindung von „Altem und Neuem“ -also historische Fassaden und luxeriöse Raumhöhen in Kombination mit modernem Wohnkomfort bieten den künftigen Nutzern einen besonderen, unverwechselbaren Charme.

Nach einem sehr konstruktiven Abstimmungsprozess mit der Freien und Hansestadt Hamburg und einem positiven Genehmigungsverfahren werden David Chipperfield Architects und Kuehn Malvezzi Architects zusammen mit den Architekturbüros Stephen Williams Associates und agn Leusmann die Planungen voranschreiben.

Mit den Baumaßnahmen wird bereits Ende des Jahres 2013 begonnen, die Stadthöfe werden voraussichtlich in 2017 fertig gestellt.

Erste Mieter konnten bereits für 2017 gebunden werden.

Quantum hat für die Stadthöfe eine langfristige Partnerschaft mit der Ärzteversorgung Niedersachsen, der Ärzteversorgung Mecklenburg-Vorpommern und der Ärzteversorgung Sachsen-Anhalt begründet.

Die Gesamtinvestitionskosten für das Stadthöfe-Ensemble liegen bei rd. EUR 220 Mio.“

Quelle: www.quantum.ag

Der NDR hatte über die nationalsozialistische Zeit schon im Januar 2012 berichtet und erwähnte:

„Der Hamburger Senat will in dem Gebäude, das 2013 an einen privaten Investor verkauft wird, eine Dokumentationsstelle einrichten. Bis dahin erinnern nur eine Gedenktafel und drei Stolpersteine auf dem Fußweg an die Gräueltaten, die im Stadthaus von Hamburger Polizisten geplant und begangen wurden.“

Stolpersteine am Stadthaus

Die Morgenpost titelte im Dezember 2017: „Der Folterkeller im Hamburger Luxus-Quartier“ und beschreibt den Konflikt: „Der „Förderkreis Gedenkstätte und Lernort Stadthaus“, der sich aus historisch interessierten Bürgern zusammensetzt, ist da skeptischer. Er vermisst ein langfristiges Konzept für Führungen, Veranstaltungen, Seminare und historische Forschung. Sprecher Uwe Leps kopfschüttelnd: „Möglicherweise gibt’s die Vorstellung, dass die Buchhändlerin dies ,nebenbei‘ miterledigt…“

siehe auch: www.mopo.de/hamburg

Auf unsere eigenen Nachfragen jedenfalls stellt es sich ebenso schwierig dar. Von der Quantum AG heißt es auf unsere Anfrage:

„Derzeit befindet sich die gesamte Projektentwicklung Stadthöfe in der finalen Bauphase. Dazu gehört auch die Vermietung der Räume, in der ein „Ort der Erinnerung“ entstehen wird. Das Ausstellungskonzept wird derzeit unter inhaltlicher Verantwortung der Stadt erarbeitet.“

Von der Pressestelle der Behörde für Kultur und Medien heißt es auf unsere Nachfrage:

„Der Eigentümer der Stadthöfe hat sich verpflichtet, in Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in den Stadthöfen auf seine Kosten einen Lernort zu realisieren sowie dauerhaft den Betrieb und die öffentliche Zugänglichkeit sicher zu stellen. Der Eigentümer hat nach enger Absprache mit der Kulturbehörde und der KZ Gedenkstätte Neuengamme hierzu in den vergangenen Jahren mögliche Betreiber angesprochen, darunter auch die Geschichtswerkstätten. Dabei hat das Konzept des „Orts der Erinnerung“ mit den drei Komponenten Ausstellung / Veranstaltung, Café und Literatur / Buchhandlung am meisten überzeugt. Neben einer Buchhandlung mit auch auf die Ausstellung ausgerichteter Literatur und einem Café, welches auch für Veranstaltungen das entsprechende „Catering“ gewährleistet, ist eine Ausstellungsfläche im Erdgeschoss und einen weiteren Ort der Erinnerung in dem historischen Verbindungsgang vorgesehen, der von den damaligen Arrestzellen zu den Verhörräumen führte. Die Inhalte der Ausstellung liefert die KZ Gedenkstätte Neuengamme zu, die hierfür bereits Unterlagen sowie das historische Material zur Verfügung gestellt hat, das auch Grundlage der Ausstellung zum Stadthaus in der Rathausdiele gewesen ist und steht auch weiter beratend zur Verfügung. Zudem sind in den Räumlichkeiten der Ausstellung verschiedene Veranstaltungsformate geplant. (…)

Der Betreiber des „Orts der Erinnerung“ bezieht bei seinen Entscheidungen die Behörde für Kultur und Medien und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit ein.“

Die Dokumentation

Von der Pressestelle der kuratierenden KZ-Gedenkstätte Neuengamme lesen wir:

„Korrekt ist, dass wir als KZ-Gedenkstätte 2012 für die Hamburger Rathausdiele eine als Wanderausstellung konzipierte Ausstellung zum Stadthaus unter dem Titel „Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus“ erarbeitet haben , für die Sie die Begleitbroschüre anscheinend schon vorliegen haben.

Wir sind jedoch nicht federführend an der Ausstellung im Stadthaus beteiligt.

Der Eigentümer der Stadthöfe hat sich verpflichtet, in Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in den Stadthöfen auf seine Kosten einen Lernort zu realisieren sowie dauerhaft den Betrieb und die öffentliche Zugänglichkeit sicher zu stellen. Für die Inhalte der künftigen Ausstellung konnten wir historisches Material zur Verfügung stellen, das auch Grundlage der Ausstellung zum Stadthaus in der Rathausdiele gewesen ist. Wir stehen auch weiter beratend zur Verfügung.“

„Ort der Erinnerung“, „Lernort“ auf der einen, „Verpflichtung“, „Kosten“, Zugänglichkeit“ auf der anderen Seite …  zu recht kann man Zweifel haben, ob hier ein dem heutigen Bewusstsein angemessene Denkweise der Verpflichtung zugrunde liegt. Besonders die Relevanz nun ausgerechnet dieses Gebäudes zur Zeit des Nationalsozialismus wiegt da schon … Gedenken ist eine vorwiegend politische und gesellschaftliche Verpflichtung! Dem kommt die Hansestadt Hamburg hier wahrlich nicht nach..

Hier die Dokumentation „Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus.“ als Download: media.offenes-archiv.de

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