Volkshochschule Harburg – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 09 May 2022 15:42:41 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 SuedLese: „Kultur der Kooperationen“ https://www.tiefgang.net/suedlese-kultur-der-kooperationen/ Fri, 27 May 2022 22:53:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9036 [...]]]> Die Volkshochschule bietet nicht nur Kurse sondern ist auch Teil der SuedLese-Literaturtage. Was da so los ist und uns erwartet – wir haben nachgefasst.

Seit geraumer Zeit zeichnen sich Ilker Ipek und Julia Hoffmann bei der Harburger Volkshochschule für das Programm von Kursen und Veranstaltungen verantwortlich. Dank Ihnen sind die SuedLese-Literaturtage so auch um etliche Angebote reicher geworden, die viel Wissenswertes rund um die Buchwelt vermitteln. Doch ihre Welt von Workshops und Kursen ist um vieles größer …

Tiefgang (TG): Die VHS ist seit zwei Jahren aktiv bei der SuedLese dabei. Wie gefällt das Format?

Julia Hoffmann: Wir finden, dass es ein ganz tolles Format ist! Die SuedLese bietet die wunderbare Möglichkeit für alle Literaturinteressierten Eigenes vorzustellen oder auch einfach zuzuhören. Auch in diesem Jahr nehmen wir wieder mit einigen Veranstaltungen teil, u.a. mit einer Lesung von Tobias Friedrichs.

Ilker Ipek: Die Lesung haben wir, wie auch in den beiden Jahren zuvor, gemeinsam in Kooperation mit der Buchhandlung am Sand und der Bücherhalle geplant. Schön, dass uns die SuedLese an dieser Stelle wieder zusammenführt!

TG: Ihr seid als Personen seit 2019 als programmverantwortliche in der Region Harburg/Finkenwerder tätig. Wie nehmt Ihr das Interesse in Harburg wahr?

Ilker Ipek: Ich bin bereits seit 2013 in der Region Harburg für die VHS tätig. Seit Juni 2019 bin ich Regionalleiter für die Region Harburg/Finkenwerder. Julia ist zur gleichen Zeit Programm-Managerin für Harburg geworden. Das Programm für unsere Regionen entsteht in Zusammenarbeit mit unseren Kolleginnen und Kollegen in der zentralen Planungsabteilung. Wir bemühen uns in der Region um neue Kooperationen und interessante Veranstaltungsorte.

Julia Hoffmann: Darüber hinaus versuchen wir herauszufinden für welche Angebote sich die Teilnehmenden aus der Region interessieren und tauschen uns darüber mit der Programmabteilung aus. Das Interesse der Harburgerinnen und Harburger ist besonders im Bereich Sprachen und Gesundheitskurse recht groß. Auch einige Kurse im Bereich Kultur kommen sehr gut an, z.B. unsere Malkurse, auch Goldschmieden ist sehr beliebt! Für ältere Menschen bietet „HarAlt“, als Teil der Hamburger Volkshochschule seit 35 Jahren eine breite Palette von Kursen an. Einige davon sind seit vielen Jahren selbstorganisiert, also von freiwillig engagierten Menschen geleitet.

TG: Was könnte Harburg Eurer Meinung unbedingt noch gebrauchen?

Julia Hoffmann: Was wir aus Gesprächen immer wieder mitbekommen ist, dass im Kulturbereich vor allem im Bereich Handwerkskunst ein großes Interesse an Kursen besteht. Leider ist es sehr schwierig für diese Angebote geeignete Kursräume in der Region zu finden. Wir sind aktuell z. B. auf der Suche nach geeigneten Räumen für unsere Keramikkurse. Viele unserer Teilnehmenden wünschen sich z.B. Kurse in denen sie lernen, mit der Töpferscheibe zu töpfern.

Ilker Ipek: Wir bieten bereits Kurse an, jedoch ist das Kontingent an Plätzen nicht ausreichend. Wir besitzen von der VHS sogar eigene Drehscheiben, haben aber keine Räumlichkeiten in denen wir diese nutzen können. Es gibt in der Harburger Kulturszene viele Menschen mit richtig guten Ideen, denen u.a. einfach die passenden Räume fehlen.

TG: Das Angebot der VHS bietet viele Kurse zum Mitmachen an. Wie wird das angenommen?

Ilker Ipek: Wir sind im Juni 2019 mit dem Ziel gestartet, den Kulturbereich in der Harburger VHS weiter zu stärken, Kooperationen einzugehen und unser Kulturprogramm auszubauen. Z.B. war es für uns ein großer Wunsch mit Jugend in Arbeit am Hafen zu kooperieren. Unser VHS-Sommeratelier gibt es seit 2008. Das Konzept war damals an vier Tagen mit mehreren Kunstschaffenden im Hafen nahe der Veddel auf dem Kleinen Grasbrook Freiräume zu entdecken und für eine künstlerische Auseinandersetzung zu nutzten. Am Ende gab es immer eine kleine Ausstellung. Leider konnte der Ort nur bis 2019 genutzt werden, ein neuer Platz wurde gesucht und die Idee war, dass wir gern in den Harburger Hafen ziehen möchten.

Julia Hoffmann:  Für 2019 haben unsere Kolleginnen aus der Programmplanung ein tolles Programm erstellt, alles war fertig geplant. Das Motto lautete: „Ab in den Süden! VHS-Sommeratelier im Hafen“. Dann kam Corona. Generell konnten viele unserer Kurse dank unserer engagierten Kursleitungen in Onlinekurse umgewandelt werden. Wer hätte gedacht, dass wir einmal einen „Aktzeichnen Grundkurs“ als Onlineformat anbieten würden? Nach und nach sind alle unsere Präsenzkurse wieder durchführbar geworden. Und im Herbst starten wir nun auch mit einem Tischlerkurs im Harburger Binnenhafen in Kooperation mit Jugend in Arbeit!

TG: Was erwartet einen bei den Kursen?

Julia Hoffmann:  Die Bandbreite, an dem was angeboten wird, ist sehr groß. Insgesamt gibt es verschiedene Bereiche, z.B. den sehr gut besuchten Bereich Sprachen oder Gesundheitskurse wie z.B. Yoga. Es gibt auch Kurse zu Webdesign oder Kurse die sich mit der virtuellen Realität beschäftigen. Ebenso EDV-Kurse für Neueinsteigende. Im Bereich Kultur haben wir in Harburg in diesem Jahr bereits 240 Kurse im Angebot und es kommen noch weitere dazu z.B. Rundgänge in Harburg, Fotokurse, Malkurse, Schneiderkurse. Bei uns wird gehäkelt, Handlettering gelernt oder Gitarre und Ukulele gespielt. Am 25.06. gibt es einen Folk-Musik Workshop auf der Freilichtbühne, an der Harburger Außenmühle, angeleitet von Roland Prakken.

Ilker Ipek: Wir würden uns freuen, wenn sich hier noch Interessierte finden würden, die Lust haben mitzumachen. Außerdem wird es einen Bandworkshop unseres sehr engagierten Kursleiters Nils Fiedler geben. Das haben alle unsere Kursleitungen gemeinsam, sie sind alle sehr Qualifiziert und haben Spaß an dem was sie tun!

TG: Wie komme ich zu den Kursen?

Ilker Ipek: Alle Angebote sind auf unsere Home-Page: Willkommen bei der VHS Hamburg! | Hamburger Volkshochschule zu finden. Telefonisch ist unsere Hotline: 040 4284 1 4284 (mo – fr., 8:30 – 19:00 Uhr) zu erreichen. Und dienstags von 14:00 – 17:00 Uhr gibt es auch die Möglichkeit einer persönlichen Beratung vor Ort bei uns in der VHS Eddelbüttelstr. 47a, im gleichen Gebäude mit der Bücherhalle. Der Auftrag der VHS lautet: Bildung für alle. Daher bieten wir u.a. nicht nur ein breites Themenspektrum, sondern auch bezahlbare Angebote. Damit auch wirklich alle Menschen teilnehmen können, gibt es Möglichkeiten für Ermäßigungen. Wenn die Kurse trotz Er­mäßi­gungen nicht finanzierbar sind, gibt es den Förderverein „Bildung für alle!“ Willkommen bei Bildung für alle! e.V.

TG: Was erwartet uns bei der kollektiven Lesung der Hamburger Autorenvereinigung?

Julia Hoffmann:  Da sind wir selber sehr gespannt! Gino Leineweber und Sabine Witt starten mit einer Einführung zur 2021 erschienenen Anthologie „Spring‘s Blue Ribbon“, die von Antje Stehn und Gino Leineweber im Hamburger Verlag „Expeditionen“ herausgegeben wurde. 60 Autoren und Autorinnen aus 20 Ländern sind darin vertreten und etwa Zehn von ihnen werden während der Online-Lesung in ihrer Muttersprache daraus lesen. Wir freuen uns auf die SuedLese und sind gern Teil davon!

TG: Vielen Dank für das interessante Gespräch und auf zur SuedLese!

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Wertvoll für den Süden https://www.tiefgang.net/wertvoll-fuer-den-sueden/ Fri, 21 Feb 2020 23:32:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6383 [...]]]> Literaturtage nur zum passiven Konsum? Das reicht dem neuen Leitungsteam der Harburger VHs nicht und so bietet sie etliche Kurse rund ums Wort. Wir haben nachgefragt …

In den vorherigen Jahren holte die VHS in Kooperation mit der Bücherhalle prominente Gäste wie Heinz Strunk und Carmen Korn nach Harburg zu den Literaturtagen. Im diesjährigen Programm finden sich zudem Angebote, die dazu einladen, vom Zuhörer zum aktiven Teilnehmer zu werden. Wir fragten beim Leitungsteam der Region Harburg/ Finkenwerder, Ilker Ipek und Julia Hoffmann, nach, was für eine Idee dahintersteckt.

Tiefgang (TG): Die SuedLese entstand, um der Literatur eine besondere Bühne zu bieten und das Interesse an Büchern zu fördern. Die Hamburger Volkshochschule war von Anfang an Kooperationspartner. Welche Gründe waren dafür ausschlaggebend?

Ilker Ipek: Wir waren von Anfang an von genau dieser Idee der Suedlese begeistert. Die Suedlese bringt Institutionen und Kulturschaffende zusammen und es entstehen neue Kooperationen, neue Ideen und neue Angebote für die Menschen im Stadtteil. Das ist für den Süden Hamburgs sehr wertvoll.

TG: Betrachtet die VHS Lesen und Schreiben ganz grundsätzlich als Kernkompetenzen, die es explizit zu fördern gilt?

Ilker Ipek: Die Hamburger Volkshochschule betrachtet Lesen und Schreiben als unabdingbare Grundvoraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Die VHS bietet seit 1986 Kurse an, in denen Menschen das Lesen und Schreiben lernen. Darüber hinaus finden Teilnehmende in unserem offenen Programm Lesungen, Schreibwerkstätten, Literaturgesprächskreise und vieles mehr.

TG: Welche Erfahrungen werden bei deren Vermittlung gemacht? Welche Rolle spielt die persönliche Ansprache?

Ilker Ipek: Im Bereich Grundbildung ist eine persönliche Ansprache sehr wichtig. Für viele ist der erste Schritt zu einem Kurs aus vielerlei Gründen nicht einfach. Wir freuen uns aber immer wieder zu sehen, mit welcher Freude die Teilnehmenden die Kurse besuchen nach dem sie den ersten Schritt gemacht haben.

TG: Susanne Bienwald wird dieses Mal als Autorin keine Lesung mit einem ihrer Bücher machen, sondern versuchen, gemeinsam mit Teilnehmenden dem Geheimnis guter erster Sätze auf die Spur zu kommen. Ist dies ein eigens erdachter Ansatz anlässlich der SuedLese?

Ilker Ipek: Die konkrete Planung für die Kurse hat meine Kollegin Frau Hoffmann koordiniert. Sie kann die Fragen zu den konkreten Angeboten viel besser beantworten.

Julia Hoffmann: Die Idee zu diesem Kurs hat Susanne Bienwald eigens für die Suedlese entwickelt! Gerade die ersten Sätze sind ja die entscheidenden. Daher war Ihre Überlegung, einen Kurs anzubieten der sich besonders dem Einstieg in eine Erzählung widmet. Die Veranstaltung lautet daher auch: Erste Sätze finden – eine ganz besondere Textwerkstatt. („Hut ab“, sagte der Verleger nach dem Lesen des ersten Satzes.).

TG: Bei einem anderen Angebot werden Buchstaben selbst zum sinnlichen Erlebnis. Kalligraphie erinnert an die ursprünglich hohe Kunst der Schriftsprache, die wesentlich zur Weitergabe von Wissen beiträgt, also Bildung im eigentlichen Sinn.

Julia Hoffmann: Die Bedeutung der Schrift für die Bildung ist natürlich fundamental. Bei diesem Kurs geht es uns auch darum in Zeiten des digitalen Wandels, in denen ein großer Teil der Kommunikation im Alltag digital stattfindet ein Angebot vorzuhalten, welches genau auf die Kunst der analogen Schrift setzt. Ich denke, dass diese Kurse wirklich ein Ausgleich zum digitalen Alltag bieten und daher bei unseren Teilnehmenden sehr beliebt sind.

TG: Ähnlich ist das Angebot „Handlettering“. Hier kann man etwas über die Bandbreite der Schrifttypen erfahren und mit der Wirkung experimentieren. Welche Zielgruppe wird hiermit erfahrungsgemäß besonders angesprochen?

Julia Hoffmann: Unsere Kurse richten sich ganz nach unserem Motto „Bildung für alle!“ an eine sehr breite Zielgruppe. Jede oder jeder kann an diesen Kursen teilnehmen.

TG: Speziell etwas für Jüngere ist das Angebot „Comics zeichnen“, denn diese Form der Literatur erfreut sich besonders bei Kindern und Jugendlichen großer Beliebtheit. Früher eher belächelt und oftmals unterschätzt, genießt sie mittlerweile bisweilen Kultstatus, auch in erwachsenen Kreisen. Die Verknüpfung der Elemente Bild & Sprache bietet sehr viel kreativen Spielraum.

Versteht sich die VHS als Brückenbauerin, wenn sie Mittel und Wege zeigt, wie schon junge Menschen kulturschaffend sein können?

Ilker Ipek: Wir denken, dass Maßnahmen der kulturellen Bildung besonders wichtig für die Persönlichkeitsbildung und Selbstmotivation der Jugendlichen sind. Aus diesem Grund veranstaltet die Junge VHS seit Jahren den talentCAMPus. Das ist ein Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 18 Jahren. Er richtet sich besonders an Kinder und Jugendliche, die wegen ihrer finanziellen, familiären oder sonstigen Situation bildungsbenachteiligt sind.

TG: „Stadtgeschichten“ schulen die eigene Beobachtungsgabe und sollen dazu verlocken, diese in Worte zu fassen. Durchaus denkbar, dass Teilnehmende auf den Geschmack kommen und weiterentwickeln, was beim Verfassen kurzer Texte seinen Anfang nahm. Vielleicht wird der eine oder andere noch Geschichte schreiben…

Julia Hoffmann: Genau das passiert tatsächlich in unseren Kursen. Die tollen Ergebnisse sehen wir jedes Jahr in der Veranstaltung „Hamburg schreibt – ein VHS-Leseabend“. In dieser Veranstaltung bekommen Teilnehmende aus unseren Schreibkursen und Literaturwerkstätten die Möglichkeit ihre Texte einem breiten Publikum vorzustellen. Das ist wirklich eine tolle Sache.

TG: Alle diese Angebote laden dazu ein, sich selbstwirksam mit dem Akt des Schreibens auseinanderzusetzen, also aktiv zu werden, statt nur Zuschauer bzw. Zuhörer zu sein. Eine schöne Idee, die SuedLese um einen zusätzlichen Aspekt zu erweitern. Diese Ergänzung dürfte den Besuchern und Besucherinnen noch mehr Lust auf Literatur machen und auch einmal mehr aufzeigen, wie vielseitig die Hamburger Volkshochschule ist!

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

Das Kursangebot der Volkshochschule während der Literaturtage findet sich im SuedLese-Programmheft auf den Seiten 63-67.

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Vorletzter Samurai in Harburg https://www.tiefgang.net/vorletzter-samurai-in-harburg/ Fri, 16 Mar 2018 23:10:46 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3107 [...]]]> Jedes Jahr zur SuedLese tun sich die Bücherhalle Harburg, VHS Harburg und Buchhandlung am Sand zusammen und gönnen nicht sich, sonder Ihnen, liebe Literaturfans, einen Stargast für Harburg. Dieses Jahr: Dennis Gastmann.

Nach Heinz Strunk mit dem „Goldenen Handschuh“ (2016) und Wladimir Kaminer „Meine Mutter, ihr Katze und der Staubsauger“ (2017) kommt dieses Jahr Dennis Gastmann als Stargast nach Harburg. „Der vorletzte Samurai“ titelt sein neues Buch. Ein vieldeutiger Titel, den wir ergründen wollen ohne die Spannung auf den Abend zu nehmen.

In seinem neuen Buch geht es um Japan. Dennis Gastmann entdeckt das Land der Rätsel, Regeln und Rituale. Die Jahrhunderte der Abschottung liegen weit zurück, und doch wirkt dieses Land bis heute unvergleichlich fremd und geheimnisvoll. Gastmann macht sich auf, es zu erkunden, und seine Frau, die aus einer alten Samurai-Familie stammt, begleitet ihn. Die beiden bereisen den ganzen Inselstaat, von den Seen der Götter auf Hokkaido bis zu den Vulkanen auf Kyushu, und verlieren sich im Lichterrausch von Tokyo, Kyoto und Osaka. Japan, wie es sich der Westen vorstellt, erlebt Gastmann im Neongewitter eines Roboterrestaurants. In den „Höllen“ von Beppu dagegen, das für seine heißen Quellen bekannt ist, sehnt er sich nach Ruhe und begegnet dem Tod, der plötzlich rauchend vor ihm sitzt. Schließlich, auf dem Tempelberg Kuyasan, sucht er nach dem Sinn, um am Ende eines rastlosen Sommers doch noch in den Lotussitz zu finden.
Dennis Gastmanns Reiseerzählung ist ein beeindruckendes Porträt eines Landes zwischen Ordnung und Anarchie, Besessenheit und Zen – und ein sehr persönliches Abenteuer: Kann ein „Gaijin“, ein Fremder, eine Kultur verstehen, die ein Fremder gar nicht verstehen kann?

Zur Person: Dennis Gastmann (Jahrgang 1978) war Autor der Satiresendung „extra 3“, bevor er begann, als Auslandsreporter um den Globus zu reisen. 2011 erschien sein vielgelobter Band „Mit 80.000 Fragen um die Welt“, danach wanderte er von Deutschland über die Alpen nach Italien, um seine Sünden zu büßen („Gang nach Canossa“, 2012). Zuletzt erschienen „Geschlossene Gesellschaft“ (2014), eine Exkursion in die Welt der Reichen, und „Atlas der unentdeckten Länder“ (2016), eine Entdeckungsreise zu den letzten unbekannten Orten unserer Erde.

Stefan Niggemeier vom FAZ.net schrieb über ihn: „Gastmann ist ein außergewöhnlicher Reporter, der uns nicht als Wissender, sondern als Fragender durch die Welt führt. Es sind liebevoll komponierte Reportagen aus fremden Welten – die auch gleich nebenan liegen können.“

Und NDR Kultur beschrieb ihn: „Gastmann ist ein brillanter Beobachter, mit einem Hang zu kleinen Bösartigkeiten.“

Video-Trailer

Der Rowohlt-Verlag befragte Gastmann vorab zu seinem neu erschienenen „Reisebericht“:

Rowohlt-Verlag (RV): «Hajimemashite – Schön, Sie kennenzulernen», lieber Dennis Gastmann. Wie geht’s Ihrem Japanisch mittlerweile? In Hakodate auf Hokkaido haben Sie einmal, statt um die Rechnung (o-kanjo) zu bitten, eine Freundin (o-kanojo) bestellt …

Dennis Gastmann: … und mich daraufhin über den seltsam verstörten Blick der Bardame gewundert, während ein Herr an der Theke an einem plötzlichen Asthma-Anfall zu verscheiden schien. Glücklicherweise konnte Natsumi, meine Ehefrau, die Verwirrung mit einem Lächeln klären. Sie ist ohnehin dagegen, dass ich Japanisch lerne. Es sei ihre Geheimsprache, sagte sie mir einmal, in der sie die wirklich wichtigen Dinge mit ihrer japanischen Mutter kläre.

RV: Sie haben Japan mit Ihrer Frau bereist. Als Halbjapanerin scheint Natsumi ein Faible für klare Ansagen zu haben: «Flieg um die Welt, verschwinde, solange wir keine Kinder haben.» Mittlerweile sind Sie stolzer Vater eines kleinen Jungen. Ist es damit um den Reisereporter Dennis G. geschehen?

Dennis Gastmann: Diese Frage stelle ich mir tatsächlich in «Der vorletzte Samurai», ganz heimlich, still und leise, während wir einen Walhai betrachten, der seine Runden im Meeresaquarium von Kagoshima dreht: Ist es um den Abenteurer geschehen, wenn er sesshaft wird? Die Familie, der ultimative Karriereknick? All diese Ängste konnte ich inzwischen besiegen. Natsumi weiß, auf wen sie sich damals eingelassen hat. «Das Abenteuer ist Dein Job», sagt sie. Ihr Ja-Wort war wohl einer der wenigen irrationalen Moment in ihrem Leben. Rational betrachtet hätte sie einen Investment-Banker heiraten sollen.

RV: Natsumi, schreiben Sie, sei das Resultat einer «weltweiten Suche» nach der einen, der einzig richtigen Frau. Die Pointe: Während Sie durch die Welt vagabundierten, lebte Natsumi zur gleichen Zeit in Hamburg, «keine 500 Meter von meiner Wohnung entfernt». Wie konnten Sie sie nur all die Jahre übersehen?

Dennis Gastmann: Aus irgendeinem schicksalhaften Grund müssen wir uns vorher nicht begegnet sein, sonst hätte ich sie niemals übersehen. Stattdessen habe ich überall nach ihr gesucht – in den steinernen Straßen von Taschkent, unter dem Bananenmond von Mangareva in der Südsee oder am Grünen Meer –  dort, wo des nächtens die Dschinn aus den Wellen steigen, auf der Jagd nach einem Beduinenkind. Letztlich habe ich eine Frau gefunden, mit der ich am Frühstückstisch reisen kann. Etwa dann, wenn sie ein Rührei mit Stäbchen quirlt. Das finde ich zauberhaft.

RV: Vom mythischen Fuji heißt es: Wer ihn niemals besteigt, ist ein Dummkopf; wer ihn mehr als einmal besteigt, ist ebenfalls ein Dummkopf. Wie viel Mut gehört dazu, als Honeymooner den mit gut 3.700 Metern höchsten Berg Japans nicht hoch zu kraxeln?Dennis Gastmann: Erfreulicherweise nahm uns der Morgennebel die Entscheidung ab. «Wenn ich den Berg von hier aus nicht sehen kann», sagte Natsumi, während wir mit dem Schnellzug von Tokyo nach Kyoto unterwegs waren, «warum soll ich ihn dann hinaufklettern? Von oben kann ich den Fuji-san doch erst recht nicht sehen!» Das Problem mit dem Schicksalsberg der Japaner ist, dass er um seine Wirkung weiß, also macht er sich rar. Der Fuji-san ist eine Diva, und dennoch wird er in den Sommermonaten von vielen tausend Pilgern bestiegen. Manche sollen von dieser Wallfahrt so überwältigt sein, dass sie im Sonnenaufgang leise weinen. Die japanische Sprache kennt ein geflügeltes Wort, das diese jähe, bittersüße Empfinden beschreibt, wenn sich Euphorie und sanfte Traurigkeit umarmen: mono no aware – Dinge, die das Herz zerreißen.

RV: Manches in Japan hat Sie doch arg irritiert – die Vorstellung etwa, dass Iesu Kirisuto, also Jesus Christus, im Alter von 106 Jahren in Japan friedlich sterben durfte, weil ja nicht er, sondern sein (uns Bibel-Kennern unbekannter) Bruder Isukiri in Judäa für ihn gestorben ist. Anderes hat Sie in helle Begeisterung versetzt, zum Beispiel die japanische Toilette. Warum?

Dennis Gastmann: Weil die japanische Hygiene nicht zwanghaft, sondern überlegen ist. Ich werde nie verstehen, warum Europäer lieber den Straßendreck in der Wohnung verteilen, anstatt Hausschuhe anzuziehen. Und warum sie sich im Bad auf einem Folterstuhl aus Pressspan niederlassen, um ihre intimsten Stellen wenig später mit rauem Papier zu malträtieren. Wenn ich eine japanische Badezimmertür öffne, stellt sich der Toilettendeckel von selbst hoch. Ein Hauch von Wasserdampf steigt auf, der Deckel ist beheizt, und eine «Geräuschprinzessin» übertönt unangenehme Geräusche mit dem Rauschen des Meeres, bevor sich ein kleines Helferlein daran macht, die gewünschten Körperstellen zu reinigen und anschließen zu trocken. So wird aus einer peinlichen Notwendigkeit ein klinischer, nahezu therapeutischer Vorgang. Das alles erleichtert das Scheißen ungemein.

RV: Es ist schon ein dramaturgisch brillanter Kniff: Man muss bis zur vorletzten Seite lesen, um zu verstehen, wer der titelgebende «vorletzte Samurai» ist. Wollen Sie das Geheimnis für unsere Leser*innen hier und heute schon lüften?

Dennis Gastmann: «Dramaturgisch brillant» ist vermutlich vergiftetes Lob, aber Sie haben recht: Jeder normale Lektor hätte mich dazu zwingen müssen, die Bedeutung des Titels bereits auf der ersten Seite zu erklären:  Klarheit, Struktur, Verständlichkeit. Ich bin froh, dass mein Lektor milde mit mir war. Er hat verstanden, dass es hier nicht um den schnellen Gag, sondern wahrlich um ein Geheimnis geht. Es ist das Resümee einer langen Reise, die bereits vor viele Jahren begonnen hat. Wenn ich es jetzt lüften würde, wäre es keines mehr.

RV: Letzte Frage: Die 4 gilt in Japan als gefürchtete Zahl, die Tod und Verderben bringen kann. Wäre eine Verkaufsauflage von mindestens 44.444 Exemplaren für den «Vorletzten Samurai» also ein Unglück?

Dennis Gastmann: Es gab einen Moment auf unserer Reise, irgendwann in einer Tokyoter Nacht, da stand ich mit Natsumi an einem Hotelfenster. Wir blickten hinunter in tausend Neonlichter, ein Gewitter aus Farben, und sie sagte, ich möge bitte alles vergessen, was ich über Japan gelesen hätte, die Handbücher und all die Ratgeber beiseite legen. «Lass das Land doch einfach auf Dich wirken.» Es war der Schlüssel für meine Reiseerzählung. Mit der Zeit verstand ich, dass nicht alles einen Sinn ergeben muss – und dass die vier nicht nur Tod und Verderben, sondern auch großes Glück bedeuten kann.

Quelle: www.rowohlt.de

Die Lesung im Rahmen der 3. Sued-Lese:

Do., 12. April, 20:00 – 21:30 Uhr, in der Bücherhalle Harburg, Eddelbüttelstraße 47A, 21073 Hamburg, Eintritt: 12,- Euro

Der Kartenvorverkauf läuft seit dem 20. Februar bei den Kooperationspartnern Bücherhalle Harburg, Buchhandlung am Sand in der Hölertwiete und in der VHS Harburg.  Den Getränkeausschank übernimmt der EISKELLER.

Die 3. SuedLese 2018 findet vom 1. bis zum 30. April 2018 an völlig unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichsten Themen und Autor*innen statt. Schwerpunkt aber sind die lokalen Literat*innen. Ein ausführliches Programmheft finden Sie ab Mitte März in den verschiedenen Locations der Initiative SuedKultur oder online auf www.sued-kultur.de. Die 3. SuedLese wirdgefördert und unterstützt von der Behörde für Kultur & Medien hamburg, der ALFRED Toepfer-Stiftung F.V.S., der RISE-Stadtteilentwicklung sowie unseren Anzeigenpartnern.

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