Yvette Kießling – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 05 Feb 2026 09:35:21 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Zwischen Torf und Tusche https://www.tiefgang.net/zwischen-torf-und-tusche/ Sat, 07 Feb 2026 23:21:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13238 [...]]]> Dank einer Schenkung der Fielmann Group AG ziehen jetzt ein Ölgemälde und drei Lithografien der Leipziger Künstlerin Yvette Kießling in die Sammlung der Museen Stade ein und schlagen eine Brücke von der Romantik direkt in die Gegenwart.

Das Moor ist in der norddeutschen Kunstgeschichte weit mehr als eine bloße Landschaft; es ist ein Mythos, eine Projektionsfläche und ein Ort der radikalen Subjektivität. Die Museen Stade, die bereits eine beeindruckende Sammlung an Worpsweder Klassikern beherbergen, dürfen sich nun über einen frischen, beinahe elektrisierenden Zuwachs freuen.

Wer an Moormalerei denkt, hat oft die schwermütigen, erdigen Töne der ersten Worpsweder Generation im Kopf – Namen wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn oder Heinrich Vogeler, die das Moor als Heimat und Rückzugsort inszenierten. Yvette Kießling bricht mit dieser stillen Andacht, ohne den Respekt vor der Natur zu verlieren. Ihre Arbeiten, die während eines Stipendiums im Hohen Moor bei Stade entstanden, atmen die Unmittelbarkeit des Augenblicks.

Kießling arbeitet en plein air, setzt sich also direkt dem Wind, dem wechselnden Licht und der physischen Herausforderung der Landschaft aus. Das Ergebnis ist keine topografische Bestandsaufnahme, sondern eine energetische Entsprechung erlebter Spannungen und Rhythmen. Ihre Bilder wie Königsmoor, Birken vibrieren vor Dynamik; sie sind das Resultat eines Prozesses aus Auftragen, Übermalen und mutigen, teils unerwarteten Farbsetzungen. Hier wird das Moor nicht konserviert, sondern als ein pulsierender, ökologisch kostbarer Raum neu erlebbar gemacht.

Yvette Kießling ist im Süden Hamburgs keine Unbekannte. 2017 verweilte sie in Harburg als Stipendiatin des Vereins „Künstler zu Gast in Harburg“ (siehe Tiefgang „Flüsse sind identitätsbestimmend“) und 2025 stellte sie in Stade nach einer Forschungsreise zum Thema Dekolonialisierung nach Tansania aus (siehe Tiefgang „Deutsche und tansanische Perspektiven auf eine koloniale Sammlung“)

Die Schenkung durch die Fielmann-Museumsförderung ist dabei mehr als ein reiner Sammlungszuwachs. Wie Dr. Constanze Köster betont, verbindet dieses Engagement die Förderung norddeutscher Kultur direkt mit dem Bewusstsein für den Umweltschutz. Für den Museumsdirektor Dr. Sebastian Möllers ist dieser Neuzugang eine konsequente Fortführung der bisherigen Arbeit: Der Wandel des Moor-Sujets wird nun vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in unsere hochaktuelle, klimasensible Gegenwart anschaulich.

Dieser Neuzugang beweist einmal mehr, dass Museen keine statischen Schatzkammern sind, sondern Orte, an denen Geschichte ständig neu verhandelt wird. Kießlings markante zeitgenössische Position erinnert uns daran, dass das Moor auch heute noch ein Raum von höchster ästhetischer und kultureller Bedeutung ist.

  • Museen Stade | Wasser West 39 | 21682 Stade | Telefon: 0 41 41 – 79 773 0 | Webseite: www.museen-stade.de

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Deutsche und tansanische Perspektiven auf eine koloniale Sammlung https://www.tiefgang.net/deutsche-und-tansanische-perspektiven-auf-eine-koloniale-sammlung/ Fri, 06 Jun 2025 22:24:50 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11923 [...]]]>

Im Herzen von Stade entfaltet sich derzeit eine Ausstellung, die tief in die Verflechtungen von Kolonialgeschichte, kultureller Aneignung und Forschung eintaucht: „AMANI kukita | kung’oa“.

Diese Schau, die noch bis zum 9. Juni 2025 im Schwedenspeicher und Kunsthaus zu sehen ist, präsentiert die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojekts, das in Zusammenarbeit mit dem tansanischen National Institute for Medical Research (NIMR) durchgeführt wurde.

Im Fokus der Ausstellung stehen etwa sechshundert Kulturgüter aus Tansania, die seit über 100 Jahren in Stade lagern. Die zentrale Frage, die sich den Besucher*innen stellt: Warum blieben sie so lange unbeachtet, und wie kamen sie überhaupt nach Stade?

Die Recherche führt zurück zum Botaniker Karl Braun (1870–1935), der die tansanischen Kulturgüter während seiner Tätigkeit für das Kaiserlich Biologisch-Landwirtschaftliche Institut Amani in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ aneignete. Ab 1921 leitete Braun die Zweigstelle Stade der Biologischen Reichsanstalt für Land- und Forstwirtschaft. Kurz vor seinem Tod übergab er seine Sammlung der Stadt Stade.

Installation „Mbuzi“ – Yvette Kießling (Kunsthaus Stade © Museen Stade 2025, Photo: Carsten Dammann)

Die Ausstellung „AMANI kukita | kung’oa“ präsentiert nicht nur die Forschungsergebnisse, sondern reflektiert auch kritisch die Forschungspraxis selbst. Werkzeuge, Instrumente, Textilien sowie Fotografien, Karten und Dokumente erzählen von kolonialer Besetzung, Ausbeutung und kultureller Aneignung.

Künstlerische Arbeiten von Valerie Asiimwe Amani, Rehema Chachage und Yvette Kießling eröffnen dabei neue Perspektiven auf die komplexen Verflechtungen der deutschen Kolonialgeschichte.

Besonders hervorzuheben ist die Künstlerin Yvette Kießling, deren Schaffen dem „Tiefgang“-Lesepublikum nicht unbekannt sein dürfte. Kießling, die einst als „Künstlerin zu Gast in Harburg“ wirkte, hat sich intensiv mit dem Thema Landschaft auseinandergesetzt. „Seit vielen Jahren beschäftige ich mich ausschließlich mit dem Thema Landschaft,“ verriet sie in einem früheren Interview (Tiefgang, 7. Okt. 2017: „Flüsse sind identitätsbestimmend“) mit diesem Magazin. „Im speziellen mit dem Thema Fluss.“ Für „AMANI kukita | kung’oa“ hat sich Kießling dem Ort Amani im tansanischen Usambara Gebirge gewidmet. Sie malt stundenlang en plein air, um die Landschaft unmittelbar zu erfahren und zu verstehen. Dabei interessiert sie sich nicht nur für die äußere Erscheinung, sondern auch für die „kolonialen Migrationsgeschichten der Pflanzen“, die in Amani ein Eigenleben entwickelten.

Die Finissage der Ausstellung am Montag, den 9. Juni 2025, bietet eine besondere Gelegenheit, tiefer in diese Thematik einzutauchen. Yvette Kießling wird gemeinsam mit der Kuratorin Lea Steinkampf durch das Kunsthaus führen und von der dreijährigen Zusammenarbeit mit den Museen Stade und dem National Institute for Medical Research berichten.

„Ein dialogischer Rundgang zwischen Wissenschaft und Kunst“ erwartet die Besucher*innen, so die Ankündigung. Ein Ansatz, der Kießlings Arbeitsweise widerspiegelt, die Malerei und Reflexion stets miteinander verbindet. „Die verschiedenen Wege und Möglichkeiten, die aus dem Arbeiten im Wechselspiel Malerei – Grafik erwachsen, sind für mich sehr wichtig und fruchtbar,“ erklärte sie einst im „Tiefgang“-Interview.

„AMANI kukita | kung’oa“ ist eine Ausstellung, die zum Nachdenken anregt, die Perspektiven erweitert und die komplexen Beziehungen zwischen Deutschland und Tansania aufzeigt. Sie ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte über Kolonialgeschichte und kulturelles Erbe.

AMANI kukita | kung’oa | FINISSAGE MIT YVETTE KIESSLING
Montag, 9. Juni 2025 | 16:00–18:00 Uhr | Kunsthaus Stade, Wasser West 7 | 21682 Stade

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„Flüsse sind identitätsbestimmend“ https://www.tiefgang.net/fluesse-sind-identitaetsbestimmend/ Fri, 06 Oct 2017 22:20:08 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2135 [...]]]> Am 4. November 2017 findet zum 14. Male der Harburger Kulturtag statt. Dabei ist immer auch der Verein „Künstler zu Gast in Harburg“ im Mayr`schen Haus vertreten. In diesem Jahr: Yvette Kießling aus Leipzig. Wir haben mal nachgefragt.

Yvette Kießling ist 1978 geboren und lebt in Leipzig. Sie studierte dort als Meisterschülerin von Arno Ring, dem „Vater der Neuen Leipziger Schule“. Ihr Sujet ist die Landschaftsmalerei. Sie ist aber auch als Fotografin aktiv und absolviert viele Studienreisen. Nun ist zu Gast in Harburg.

Tiefgang (TG): Hallo und herzlich willkommen, Yvette Kießling. Sie sind dieses Jahr unsere „Künstlerin zu Gast in Harburg“. Wie ist der Kontakt zum Verein „Künstler zu Gast in Harburg“ überhaupt entstanden?

Yvette Kießling: Über verschiedene Aufenthalte in Hamburg, auch in Harburg und den Kontakt zu Prof. Busch habe ich von der Möglichkeit im Künstlerhaus Harburg arbeiten zu können erfahren und mich beworben.

TG: Sie stellen in Hamburg nicht zum ersten Mal aus. Ist Ihnen da der Harburger Kulturtag schon zuvor mal „untergekommen“. Also wussten Sie von ihm?

Yvette Kießling: Nein, ich kannte ihn bisher noch nicht.

TG:  Sie beschäftigen sich mit Lithografie, Malerei und Radierungen. Waren das immer schon ihre Prioritäten? Was gefällt Ihnen an diesen Techniken und Wirkungen besonders?

Yvette Kießling: Die grafischen Techniken sind mir bereits im Studium sehr wichtig gewesen. Ich habe immer parallel zur Malerei auch in der Radierung und später nach dem Studium mehr und mehr auch in der Lithografie gearbeitet. Die Grafik macht es mir möglich, verschiedene malerische und kompositionelle Ideen zu erproben. Die verschiedenen Wege und Möglichkeiten, die aus dem Arbeiten im Wechselspiel Malerei – Grafik erwachsen, sind für mich sehr wichtig und fruchtbar.

Zu Gast in Harburg: Yvette Kießling

 

TG: Sie waren Meisterschülerin bei Arno Rink, der seinerseits wesentlich das Kunststudium in Leipzig als Rektor prägte. Hat er Ihr Schaffen geprägt oder beeinflusst er es noch heute und wenn in wie fern?

Yvette Kießling: Arno Rink war ein großartiger Lehrer. Er hat meine Arbeit, meine künstlerischen Entwicklung sehr gefördert. Gerade in der Entscheidung für das Arbeiten vor der Natur, vor der Landschaft hat er in langen und intensiven Gesprächen und Bildbetrachtungen maßgeblich beigetragen.

TG: Sie leben und arbeiten in Leipzig. Eine Stadt, die zur Zeit für jung und wachsend steht. Wie ist Ihr Eindruck? Was gibt Ihnen die Stadt aus künstlerischer Sicht?

 

Yvette Kießling: Leipzig ist eine wunderbare Stadt, um als Künstler gut leben und arbeiten zu können. Durch das eigene Atelier in der Spinnerei bin ich fachlich und kollegial bestens vernetzt.

Schwierig günstigen Raum zu finden

Momentan verändert sich durch den Boom im Bau und Ausbau von Wohn- und Gewerbeflächen viel, gerade hier im Leipziger Westen. Die Mieten steigen und es wird schwieriger, günstigen Raum zu finden. Im Vergleich zu Städten wie München, Hamburg oder Frankfurt aber ist es als Künstler noch immer sehr günstig, hier zu leben und eine sehr lebendige und breite Kunstszene zu genießen.

TG: Wie sind Sie persönlich zur Kunst gekommen?

Yvette Kießling: Für mich stand es immer fest, Malerin zu werden und ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Weg über die Leipziger Hochschule nehmen konnte.

TG: In Ihren Werken dominiert Landschaftliches und vor allem Fluss, kann das sein? Und wenn, wie kommt´s?

Yvette Kießling: Seit vielen Jahren beschäftige ich mich ausschließlich mit dem Thema Landschaft. Im speziellen mit dem Thema Fluss. Die Faszination besteht seit meiner Kindheit in Thüringen und hat sich hier in Leipzig an diversen Flüssen fortgesetzt. Flüsse sind landschaftsprägend und identitätsbestimmend für die Anwohner. Mich fasziniert besonders die Energie großer Ströme, wie beispielsweise der Elbe. Die verschiedenen Landschaftsräume, die an den Ufern, in der direkten Umgebung zu finden sind, ziehen mich immer wieder in ihren Bann. Dazu kommt die Faszination der „Gestaltlosigkeit“ des Wassers an sich, der riesigen Herausforderung, dies in einem Bild zu fassen.

TG:  Was erwarten Sie von Harburg, wenn Sie jetzt hier artist in residence sind?

Yvette Kießling: Ich möchte mich vor allem weiter mit meinem langjährigen Thema Elbe beschäftigen. Besonders interessiert mich hier die Insel Wilhelmsburg mit ihren Elbufern und sie durchziehenden Wasserwegen.

Langjähriges Thema „Elbe“

Ich werde die Zeit nutzen, intensiv vor Ort zu arbeiten – diese Möglichkeit bietet mir der Aufenthalt im Mayrischen Haus in Harburg sehr perfekt.

TG: Was erwartet uns zum Harburger Kulturtag?

Yvette Kießling: Ich möchte in Harburg eine geschlossene Reihe von Bildern schaffen und neue malerische Möglichkeiten ausloten. Ich bin gespannt, im direkten Bezug neue Bilder den Menschen vor Ort zeigen zu können.

TG: Vielen Dank für das Gespräch und wir freuen uns auf Sie!

Am Sa., 4. Nov. 2017 ist Yvette Kießling im Rahmen des 14. Harburger Kulturtags von 12 – 20h mit aktuellen Arbeiten als „Künstlerin zu Gast in Harburg“ im Mayr`schen Haus in der Lämmertwiete 14, 21 073 Hamburg zu erleben.

Weiterführende Links:

www.yvettekiessling.de oder www.kuenstler-zu-gast-in-harburg.de  

Das komplette Programm des Kulturtags zum Herunterlanden unter: Harburger Kulturtag Flyer.pdf

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

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