Die Geschichte der deutschen Moderne ist ein strahlendes Panorama, doch in ihrem Glanz verblasst oft ein entscheidender Teil ihrer Entstehungsgeschichte. Es war eine Generation von jüdischen Sammler*innen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit visionärem Weitblick, intellektueller Offenheit und beachtlichem Mäzenatentum den Boden für den Siegeszug der modernen Kunst in Deutschland bereitet hat.
Viel zu lange sind diese Persönlichkeiten – wie die Familie Hirschland in Essen, Paul und Clothilde Schüler in Bochum oder die Hamburgerin Rosa Schapire – aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dass ihre Namen heute bestenfalls in fachinternen Kreisen genannt werden, ist ein Verlust, den das Bucerius Kunst Forum nun mit einer außergewöhnlichen Anstrengung korrigieren möchte.
Die kommende Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland ist weit mehr als eine bloße Präsentation von Werken. Sie ist ein Akt der Erinnerung und eine notwendige Korrektur unseres kunsthistorischen Gedächtnisses. Indem die Kurator*innen Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff über 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 rekonstruierten Sammlungen weltweit zusammenführen, schaffen sie physische und gedankliche Räume, in denen das Werk der Moderne wieder auf seine ursprünglichen Eigentümer*innen trifft. „Die langjährige und aufwändige Recherche zur Ausstellung hat gezeigt, dass viele Jüdinnen und Juden, deren Sammlungspraxis integraler Bestandteil der deutschen Moderne war, höchstens in Fachkreisen noch namentlich bekannt sind“, so das Kurator*innen-Team.
Diese Sammler*innen agierten oft gegen den erbitterten Widerstand eines konservativ geprägten Kunstbetriebs des Kaiserreichs. Während die offizielle Kulturpolitik an akademischen Konventionen festhielt, begegneten sie Stilen wie dem Impressionismus, dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit mit einer Neugier, die Grenzen sprengte. Doch diese kulturelle Blütezeit endete mit dem Jahr 1933 in einer Katastrophe. „Spätestens in der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre Lebensgeschichten von Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geprägt“.
Die Ausstellung scheut nicht davor zurück, auch die dunklen Kapitel dieser Zerstreuung zu beleuchten. Sie thematisiert, wie Netzwerke aus Museen, Kunsthändlern und internationalen Käufern unter politischem Druck von der Zerschlagung dieser privaten Sammlungen profitierten. Im Programm hießt es daher: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler*innen, Museen, staatlichen Akteur*innen und internationalen Käufer*innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren“.
Mit dieser Schau kehrt also auch ein Stück deutsche Identitätsgeschichte zurück und an die Wände des Bucerius Kunst Forums. Es ist eine Einladung, den Blick zu schärfen: für die Schönheit von Werken wie denen von Cézanne, Kirchner oder Picasso und für die Menschen, deren Mut und Leidenschaft sie erst zugänglich machten. „Diese Sammler*innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“, heißt es.
Die Sammler*innen – Zwischen Weltläufigkeit und Verfolgung
Wer aber waren diese Menschen, deren Spürsinn die deutsche Kunstlandschaft so nachhaltig prägte? Die Ausstellung nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch das damalige Deutsche Reich, von den Sammlungen in Mannheim über Frankfurt bis nach Berlin und Hamburg. Es wird deutlich, dass das Sammeln für diese Persönlichkeiten keine bloße Akkumulation von Objekten war, sondern ein tiefgreifender Ausdruck ihrer geistigen Welt.
Die Sammler*innen zeichneten sich durch eine bemerkenswerte ästhetische Wahl aus. Während das offizielle Kunst-Establishment des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik oft starr an traditionellen Werten festhielt, bewiesen gerade diese Mäzen*innen eine Vorreiterrolle. Ihre Offenheit für die Moderne war Ausdruck eines modernen Selbstverständnisses. Im Programm liest man: „Sie trugen durch ihre individuellen Tätigkeiten zur gesellschaftlichen Etablierung moderner Kunst bei: Neben der intellektuellen Aneignung, Auswahl und Präsentation der Werke spielte die öffentliche Unterstützung dieser Kunstformen in Museen, Kunstvereinen und Publikationen, die Kooperation mit Galerist*innen und die direkte Förderung von Künstler*innen eine große Rolle.“
Die Schau stellt dabei den Menschen in den Mittelpunkt, nicht nur das Werk. Durch Zeitdokumente und Fotografien werden die Biografien von Familien wie den Blanks aus Köln oder Max Meirowsky greifbar. Man begegnet Menschen, die sich nicht nur durch ihren Kunstbesitz, sondern durch aktives gesellschaftliches Engagement auszeichneten – sei es in öffentlichen Institutionen oder durch privates Mäzenatentum. Diese Räume machen deutlich, dass moderne Kunst in Deutschland ohne die intellektuelle und finanzielle Unterstützung dieser jüdischen Familien kaum den Stellenwert erreicht hätte, den sie heute genießt.
Die systematische Zerstörung dieser bedeutenden Sammlungen unter dem Nationalsozialismus markiert eine der dunkelsten Zäsuren der deutschen Kulturgeschichte. Der politische Druck manifestierte sich dabei in einem perfiden Geflecht aus Zwangssteuern, Vermögenssperren, Ausreiseverboten und Devisenauflagen, die jüdische Sammler*innen gezielt in den wirtschaftlichen Ruin trieben. Wie das Bucerius Kunst Forum dazu erläutert: „Als ein Aspekt dieser Unrechtsgeschichte wird daran erinnert, wie politischer Druck, Zwangssteuern, Ausreiseverbote, Vermögenssperren und Devisenauflagen jüdische Sammler:innen häufig zur Aufgabe ihrer Sammlungen zwangen.“
Das Ausmaß dieses Raubzugs war jedoch nicht allein das Werk nationalsozialistischer Ideologen, sondern ein gesellschaftliches Versagen, an dem sich Akteur*innen aus der Mitte der Gesellschaft beteiligten. Die Ausstellung macht deutlich, wie eng das Netz aus Museen, Kunsthändler*innen und internationalen Käufer*innen gestrickt war. Hierzu heißt es: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler:innen, Museen, staatlichen Akteur:innen und internationalen Käufer:innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren.“
Nach 1945 setzte sich der Prozess der Verschleierung oft fort. Die Kunstwerke wurden weltweit zerstreut und in Institutionen oder private Sammlungen integriert, wobei ihre belastete Herkunft entweder in Vergessenheit geriet oder aktiv verborgen wurde. Es gelang nur wenigen Familien, ihren Besitz über die Jahre der Verfolgung und des Exils hinweg zu retten. Die Ausstellung arbeitet diese Mechanismen der Enteignung akribisch auf, um das Schicksal der Sammler*innen aus der Anonymität der bloßen Objektgeschichte zurückzuholen. Im Programm heißt es: „Nach 1945 verstreuten sich die Kunstwerke über alle Kontinente und gelangten in private oder institutionelle Bestände, wobei die Vorgeschichte manchmal nicht mehr bekannt war, häufig aber auch bewusst verschleiert wurde.“
Die Schau verbindet damit kunsthistorische Analyse mit einer tiefgreifenden erinnerungskulturellen Reflexion, die den Verlust als eine fortdauernde Mahnung begreift.
Rekonstruktion als Akt der Wiederbegegnung
Die kuratorische Arbeit von Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff geht in der Ausstellung weit über die bloße Zusammenstellung von Kunstwerken hinaus. Indem sie die weltweit verstreuten Stücke – von Gemälden und Skulpturen bis hin zu privaten Künstler*innenpostkarten – wieder an einem Ort vereinen, schaffen sie eine emotionale und historische Rekonstruktion, die den Sammler*innen ihr Gesicht zurückgibt. „Jeder Sammlung ist ein eigener Raum gewidmet, in dem die Begegnung mit den Kunstwerken, deren Weg bis in die Gegenwart, mit den Sammler:innenpersönlichkeiten und ihrer Geschichte möglich ist“.
Dieser Ansatz verwandelt das Bucerius Kunst Forum in einen Ort des aktiven Erinnerns. Die Schau fungiert dabei nicht als statisches Museum, sondern als ein komplexer Resonanzraum, in dem kunsthistorische Forschung und kunstsoziologische Analyse miteinander verschmelzen: „In der Gesamtkonzeption verbindet die Schau kunsthistorische und kunstsoziologische Forschung und Analyse, kulturpolitische Kontextualisierung und erinnerungskulturelle Reflexion“.
Für die Besucher*innen eröffnet sich dadurch eine seltene Gelegenheit, die Genese der Moderne aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Die Räume werden zu einer Bühne für die Lebenswege der Sammler*innen, deren Engagement für die Kunst oft einherging mit einem tieferen Wunsch nach einer offenen, progressiven Gesellschaft. Die Ausstellung leistet somit Pionierarbeit, indem sie diese „Physischen und gedanklichen Räume“ nutzt, um aufzuzeigen, „aus welchen Motivationen, auf welche Weise und mit welcher Unterstützung die einzelnen Sammlungen entstanden sind – und aus welchen Gründen die Sammler:innen sich häufig auch progressiver Kunst zuwandten“.
Letztlich aber ist diese Ausstellung auch ein dringender Aufruf an die Gegenwart. Sie fordert dazu auf, Provenienz nicht als abstraktes Feld der Geschichtswissenschaft zu sehen, sondern als integralen Bestandteil einer lebendigen Erinnerungskultur, die den Wert und die Geschichte des Kulturguts stets mit der Geschichte der Menschen verknüpft, die es einst so leidenschaftlich förderten.
Die kommende Ausstellung im Bucerius Kunst Forum ist also weit mehr als eine Rückschau. Wer durch die Räume wandelt, wird konfrontiert mit der Ambivalenz von ästhetischem Hochgenuss und menschlicher Tragödie. Die Kunstwerke von Meistern wie Cézanne, Modersohn-Becker oder Kirchner gewinnen durch ihre Geschichte eine neue, dringliche Präsenz. Sie sind nicht länger nur Zeugnisse einer Epoche, sondern Mahnmale für einen gesellschaftlichen Aufbruch, der gewaltsam unterbrochen wurde.
Es erfordert Mut, den Blick nicht abzuwenden – weder von der Schönheit der Bilder noch von der Härte des Unrechts, das ihre einstigen Besitzer*innen erfahren haben. „Diese Sammler:innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“ (Bucerius Kunst Forum). Die Schau bietet uns einen Resonanzraum, in dem wir lernen können, dass Kultur niemals im luftleeren Raum existiert, sondern immer tief in den Biografien und politischen Kämpfen derer verwurzelt ist, die sie fördern und bewahren.
Wer diese Ausstellung besucht, begibt sich auf eine Reise, die unser Verständnis von der deutschen Moderne für immer verändern wird. Sie macht sichtbar, was zu lange unsichtbar blieb, und erinnert daran, dass das Erbe dieser jüdischen Kunstsammler*innen ein unverzichtbarer Teil unserer Identität ist. Es ist ein würdiger, notwendiger und zutiefst menschlicher Beitrag, den das Bucerius Kunst Forum hier leistet, um das Unrecht der Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern den Sammler*innen die Anerkennung zurückzugeben, die sie verdienen. Ebenso sollte erwähnt werden, dass parallel zur Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland das MARKK vom 28. August 2026 bis 27. Juni 2027 die Schau Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK zeigt. Anhand der als verschollen geltenden Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde erzählt die Ausstellung Objektgeschichten und Biografien vom frühen 20. Jahrhundert bis heute und hinterfragt dabei die Klassifizierung ‚jüdischer Objekte’ sowie die Rolle des Museums im Nationalsozialismus. Auch hier lohnt ein Besuch.
Überblick
Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland
11.09.2026 bis 29.03.2027
Ort: Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg| Website: buceriuskunstforum.de [1]
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