- Tiefgang - https://www.tiefgang.net -

Wer werden wir?

Seit Januar 2026 arbeitet die iranische Künstlerin Termeh Yaghoubi als Stipendiatin des Vereins „Künstler zu Gast in Harburg“. Wer ihre neuesten Arbeiten betrachtet, merkt schnell: Hier geht es um weit mehr als um Ästhetik.
In der historischen Harburger Lämmertwiete, dort, wo Kopfsteinpflaster und dunkles Fachwerk den Charme vergangener Jahrhunderte atmen, findet derzeit eine künstlerische Begegnung statt, die weit über die Grenzen der Hansestadt hinausreicht. Es gibt eine ganz besondere Energie in der Harburger Lämmertwiete 14, wenn sich historisches Fachwerk mit dem Puls globaler Zeitgeschichte verbindet. Es geht um das Überleben, um Sichtbarkeit und um die Neuerfindung des Selbst in der Fremde. Die neuen Einblicke in das Werk der Teheraner Künstlerin Termeh Yaghoubi verleihen ihrem Aufenthalt eine noch tiefere, fast schon existenzielle Dimension. Es wird deutlich, dass wir es hier mit einer multidisziplinären Künstlerin zu tun haben, die nicht nur malt, sondern als Lyrikerin, Schauspielerin und Designerin eine ganz eigene, hochaktuelle Sprache für die Erfahrung des In-betweens gefunden hat.

Seit 2023 lebt Yaghoubi nun in Hamburg, sorgte bereits als Artist in Residence an der Hochschule für bildende Künste (HfbK) im Rahmen der Martin Roth Stiftung für Aufsehen und bringt eine beeindruckende künstlerische Bandbreite mit. Ihre Wurzeln liegen im Saqakhaneh-Stil, doch sie hat diesen längst in eine moderne, hochpolitische Formensprache überführt. In ihrer Serie Waiting for Godot, inspiriert durch Samuel Beckett, entwirft sie Charaktere, die sich in tiefgreifenden Identitätskrisen befinden. Es ist eine faszinierende Parallele zu ihrer eigenen Geschichte: Die Figuren warten auf eine Rettung von außen, bis sie erkennen, dass die wahre Befreiung nur aus der inneren Reflexion und Selbsterkenntnis erwachsen kann.

Yaghoubi, 1989 in Teheran geboren, bringt eine Bildsprache nach Harburg, die tief im sogenannten Saqakhaneh-Stil verwurzelt ist. Diese Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene Bewegung in der iranischen Kunstgeschichte gilt als eine der ersten bewussten Versuche, traditionelle Volkskunst und religiöse Motive in die Formensprache der Moderne zu überführen. Yaghoubi nutzt diese archaischen Elemente jedoch nicht als reine Dekoration. In ihrem Atelier im Dachgeschoss der Lämmertwiete 14 transformiert sie diese Zeichen in abstrakte Fragestellungen. Es geht um Identität, um das Erleben von Fremde und um die ständige Wandlung, die ein Leben im Exil mit sich bringt.

Die Arbeiten der Stipendiatin zeichnen sich durch eine hohe konzeptionelle Dichte aus. Die Verbindung von grafischer Präzision und malerischer Offenheit macht die Zerrissenheit zwischen der Herkunft und dem neuen Umfeld spürbar. Wer das Werk persönlich kennenlernen möchte, wird in den kommenden Monaten die Gelegenheit haben, bei Präsentationen direkt mit der Künstlerin ins Gespräch zu kommen und Einblicke in ihre Arbeitsprozesse zu gewinnen.

Ein zentraler, neuer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das Thema queer exile. Yaghoubi blickt mit einer schonungslosen Neugier auf die Leben derer, die in autoritären Regimen in den Schatten gedrängt wurden. Für sie ist der Körper der Migrant*innen ein Ort des Traumas, aber auch des Widerstands. Sie malt den zerrissenen Stoff der Zugehörigkeit und den stummen Schrei der Erinnerung. Ihre Bilder stellen die alles entscheidende Frage: Wer werden wir, wenn wir endlich wir selbst sein dürfen? Und welche Teile von uns gehen in diesem schmerzhaften Prozess des Verlernens und Neulernens verloren?

Die Künstlerin nutzt ihre Zeit in der Lämmertwiete 14 intensiv, um an diesem Archiv des queeren Exils weiterzuarbeiten. Dabei verschmelzen persische Symbole mit abstrakten Gesten zu einem kraftvollen Ganzen. Es ist dieser schnelle, energische Stil, der ihre Arbeiten so dringlich macht. Wer die Gelegenheit hat, sie in ihrem Dachgeschoss-Atelier zu besuchen, begegnet einer Frau, die nicht nur für die Freiheit der Kunst kämpft, sondern diese Freiheit in jedem Pinselstrich lebt. Die Vorfreude auf die große Ausstellung im August 2026 im Kunstverein Harburger Bahnhof [1] wächst mit jedem neuen Einblick in ihr Portfolio. Es wird eine Schau sein, die uns herausfordert, unsere eigenen Privilegien zu hinterfragen und die transformative Kraft der Kunst zu feiern. Yaghoubi zeigt uns, dass das Exil kein Endpunkt ist, sondern ein radikaler Neuanfang, der eine neue, mutige Stimme braucht.

Die Künstlerin ist Teil des Intro-Programms der Hamburger Behörde für Kultur und Medien, das gezielt Kunstschaffende unterstützt, die in ihren Heimatländern von Zensur und Verfolgung bedroht sind. Dass sie nun in Harburg einen geschützten Raum für ihre Entwicklung findet, ist mehr als eine rein organisatorische Geste; es ist ein aktives kulturpolitisches Bekenntnis. In einer Zeit, in der insbesondere Frauen im Iran unter massiver Unterdrückung leiden, fungiert der Harburger Verein als sicherer Hafen, der die Freiheit der Kunst als unantastbares Gut verteidigt.

Der Verein Künstler zu Gast in Harburg e.V. [2] blickt auf eine lange Tradition des bürgerschaftlichen Engagements zurück. Seit Ende der 1980er Jahren ermöglicht er internationalen Akteur*innen den Aufenthalt im Hamburger Süden. Heiko Langanke vom Vorstand des Vereins betont dabei die Notwendigkeit von Positionen, die abseits gesellschaftlicher Normen stehen. Das Stipendium für Yaghoubi, das zunächst bis Ende August 2026 läuft, bietet nicht nur der Künstlerin eine Bühne, sondern bereichert die lokale Szene um eine Perspektive, die das Lokale mit dem Globalen verknüpft.

Dass eine solche Förderung und der Schutzraum für Künstler*innen im Exil überhaupt möglich sind, liegt am starken bürgerschaftlichen Engagement vor Ort. Der Verein Künstler zu Gast in Harburg e.V. [2] finanziert seine wichtige Arbeit vollständig durch Mieteinnahmen und Spenden. Wer diese solidarische Gemeinschaft unterstützen und der Kunst eine freie Stimme geben möchte, kann dies über das Spendenkonto bei der Sparkasse Harburg Buxtehude mit der IBAN DE31 2075 0000 0000 0099 10 tun. Jeder Beitrag hilft dabei, Harburg als Ort des internationalen Dialogs und der kulturellen Freiheit weiter zu festigen.

Related Post

Druckansicht [3]     [4]

[5] [6] [7]