Arion Klangfeldt https://www.tiefgang.net Tue, 21 Jul 2026 14:53:18 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Neue ´Art Week` kommt https://www.tiefgang.net/neue-art-week-kommt/ https://www.tiefgang.net/neue-art-week-kommt/#respond Wed, 15 Jul 2026 14:01:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14179 [...]]]> Hamburg bekommt Zuwachs im Kulturkalender und die Erwartungen sind groß: Im September soll das neue Veranstaltungsformat „Hamburg Art Week“ die Kunstszene Hamburgs pushen.

Mit der ersten Hamburg Art Week, die vom 3. bis zum 6. September 2026 unter dem programmatischen Titel „Crossing Currents“ stattfindet, soll die Hansestadt endlich eine Plattform erhalten, die ihre vielfältige Kunstlandschaft medial bündelt und weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlen lässt. Es ist ein längst überfälliges Unterfangen, denn die Zeit erfordert neue Formate, um in einer überfluteten Medienlandschaft überhaupt noch durchzudringen. Die Hamburg Art Week soll die Kraft der bildenden Kunst in der Stadt bündeln und für ein breites Publikum sichtbar machen.

Das Versprechen ist groß: Mit 18 Museen, über 44 Galerien und 42 Off-Spaces soll das Event zu einer „Founding Edition“ heranwachsen, die Hamburg als Ganzes begreift. Doch bei aller Begeisterung für das neue Format stellt sich eine entscheidende Frage: Wie sehr wird dieses „Crossing Currents“ seinem Namen gerecht werden, wenn es um die geografische Ausdehnung der Kunst geht?

Denn die Kunstszene Hamburgs endet keineswegs an den Elbbrücken. Gerade im Süden der Stadt blüht eine Szene, die schon seit Jahren mit dem Label „SuedArt“ erfolgreich einen Prototypen für gemeinschaftliche Sichtbarkeit etabliert hat. Von der renommierten Falckenberg-Sammlung in den Phoenix-Hallen über den experimentierfreudigen Kunstverein Harburger Bahnhof bis hin zum Informationszentrum Hanne Darboven – der Süden ist kein kultureller Randbezirk, sondern ein Zentrum für visionäre Kunst.

Es bleibt daher spannend, inwieweit die neue Hamburg Art Week die gewachsenen Strukturen des Südens in ihr Programm integriert und ob die „kreuzenden Strömungen“ tatsächlich auch die Elbe überqueren. Ein Festival, das Hamburgs Kunstszene ernsthaft kartieren will, sollte die kreative Energie von Harburg und Wilhelmsburg nicht ignorieren. „Ein solches gemeinsames Format fehlte Hamburg bisher, um die verschiedenen Akteur:innen der bildenden Kunst zusammenzubringen und die Stadt in einen Raum der Begegnung zu verwandeln“, so verlautet es in den ersten Ankündigungen.

Noch sind die konkreten Programmpunkte weitgehend geheim, was die Spannung in der Szene weiter anheizt. Um das Projekt mit einem klaren Gesicht zu versehen, stützt sich die Hamburg Art Week aber auf ein Team aus profilierten Köpfen, die tief in der Hamburger Kunstszene verwurzelt sind. Die künstlerische Leitung liegt in den Händen von Jessica Nupen, die als Kuratorin und Choreografin eine interdisziplinäre Perspektive einbringt, unterstützt von der Kunst- und Kulturmanagerin Fanny Roy. Initiiert wurde das Vorhaben durch Luise Nagel, Managing Partnerin der renommierten Produzentengalerie Hamburg, und Anna Nowak, die als Geschäftsführerin und Künstlerische Leitung des Kunsthauses Hamburg fungiert. Gemeinsam mit einem in Hamburg ansässigen Team gestalten sie die Vision und die kuratorische Ausrichtung der Art Week. Ihre Rollen als Kuratorinnen und Vermittlerinnen im Hamburger Kunstbetrieb garantieren, dass die Art Week nicht nur als bloßes Marketinginstrument fungiert, sondern einen tatsächlichen inhaltlichen Mehrwert für die lokale Kunstwelt generiert. Durch ihre Arbeit an der Schnittstelle von kommerziellem Galeriebetrieb, institutioneller Präsentation und freier Kunstproduktion verfügen sie über das notwendige Gespür, um die unterschiedlichen Strömungen – vom Alsterufer bis weit hinein in den Süden – in ein kohärentes Gesamtprogramm zu übersetzen.

Man darf dennoch gespannt sein, ob die Kuratierung gelingt, ohne dabei die lokalen Identitäten zu verwässern. Der Erfolg dieses Vorhabens wird davon abhängen, ob es gelingt, die ganze Stadt – von den großen Häusern in der City bis zu den versteckten Juwelen im Süden – unter einem Dach zu vereinen. Es wäre ein starkes Signal für die kulturelle Einheit einer Stadt, die sich ihrer eigenen Vielfalt oft erst noch bewusst werden muss.

Hamburg Art Week – „Crossing Currents“ | 3. bis 6. September 2026 | hamburgartweek.com

18 Museen, 44 Galerien, 42 Off-Spaces; Partner: Behörde für Kultur und Medien, ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, Michael Otto Stiftung, M.M.Warburg & CO


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Wegbereiter der Moderne https://www.tiefgang.net/wegbereiter-der-moderne/ Sat, 20 Jun 2026 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14028 [...]]]> Die Geschichte der deutschen Moderne ist ein strahlendes Panorama, doch in ihrem Glanz verblasst oft ein entscheidender Teil ihrer Entstehungsgeschichte. Es war eine Generation von jüdischen Sammler*innen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit visionärem Weitblick, intellektueller Offenheit und beachtlichem Mäzenatentum den Boden für den Siegeszug der modernen Kunst in Deutschland bereitet hat.

Viel zu lange sind diese Persönlichkeiten – wie die Familie Hirschland in Essen, Paul und Clothilde Schüler in Bochum oder die Hamburgerin Rosa Schapire – aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dass ihre Namen heute bestenfalls in fachinternen Kreisen genannt werden, ist ein Verlust, den das Bucerius Kunst Forum nun mit einer außergewöhnlichen Anstrengung korrigieren möchte.

Die kommende Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland ist weit mehr als eine bloße Präsentation von Werken. Sie ist ein Akt der Erinnerung und eine notwendige Korrektur unseres kunsthistorischen Gedächtnisses. Indem die Kurator*innen Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff über 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 rekonstruierten Sammlungen weltweit zusammenführen, schaffen sie physische und gedankliche Räume, in denen das Werk der Moderne wieder auf seine ursprünglichen Eigentümer*innen trifft. „Die langjährige und aufwändige Recherche zur Ausstellung hat gezeigt, dass viele Jüdinnen und Juden, deren Sammlungspraxis integraler Bestandteil der deutschen Moderne war, höchstens in Fachkreisen noch namentlich bekannt sind“, so das Kurator*innen-Team.

Diese Sammler*innen agierten oft gegen den erbitterten Widerstand eines konservativ geprägten Kunstbetriebs des Kaiserreichs. Während die offizielle Kulturpolitik an akademischen Konventionen festhielt, begegneten sie Stilen wie dem Impressionismus, dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit mit einer Neugier, die Grenzen sprengte. Doch diese kulturelle Blütezeit endete mit dem Jahr 1933 in einer Katastrophe. „Spätestens in der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre Lebensgeschichten von Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geprägt“.

Die Ausstellung scheut nicht davor zurück, auch die dunklen Kapitel dieser Zerstreuung zu beleuchten. Sie thematisiert, wie Netzwerke aus Museen, Kunsthändlern und internationalen Käufern unter politischem Druck von der Zerschlagung dieser privaten Sammlungen profitierten. Im Programm hießt es daher: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler*innen, Museen, staatlichen Akteur*innen und internationalen Käufer*innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren“.

Mit dieser Schau kehrt also auch ein Stück deutsche Identitätsgeschichte zurück und an die Wände des Bucerius Kunst Forums. Es ist eine Einladung, den Blick zu schärfen: für die Schönheit von Werken wie denen von Cézanne, Kirchner oder Picasso und für die Menschen, deren Mut und Leidenschaft sie erst zugänglich machten. „Diese Sammler*innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“, heißt es.

Die Sammler*innen – Zwischen Weltläufigkeit und Verfolgung

Wer aber waren diese Menschen, deren Spürsinn die deutsche Kunstlandschaft so nachhaltig prägte? Die Ausstellung nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch das damalige Deutsche Reich, von den Sammlungen in Mannheim über Frankfurt bis nach Berlin und Hamburg. Es wird deutlich, dass das Sammeln für diese Persönlichkeiten keine bloße Akkumulation von Objekten war, sondern ein tiefgreifender Ausdruck ihrer geistigen Welt.

Die Sammler*innen zeichneten sich durch eine bemerkenswerte ästhetische Wahl aus. Während das offizielle Kunst-Establishment des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik oft starr an traditionellen Werten festhielt, bewiesen gerade diese Mäzen*innen eine Vorreiterrolle. Ihre Offenheit für die Moderne war Ausdruck eines modernen Selbstverständnisses. Im Programm liest man:  „Sie trugen durch ihre individuellen Tätigkeiten zur gesellschaftlichen Etablierung moderner Kunst bei: Neben der intellektuellen Aneignung, Auswahl und Präsentation der Werke spielte die öffentliche Unterstützung dieser Kunstformen in Museen, Kunstvereinen und Publikationen, die Kooperation mit Galerist*innen und die direkte Förderung von Künstler*innen eine große Rolle.“

Die Schau stellt dabei den Menschen in den Mittelpunkt, nicht nur das Werk. Durch Zeitdokumente und Fotografien werden die Biografien von Familien wie den Blanks aus Köln oder Max Meirowsky greifbar. Man begegnet Menschen, die sich nicht nur durch ihren Kunstbesitz, sondern durch aktives gesellschaftliches Engagement auszeichneten – sei es in öffentlichen Institutionen oder durch privates Mäzenatentum. Diese Räume machen deutlich, dass moderne Kunst in Deutschland ohne die intellektuelle und finanzielle Unterstützung dieser jüdischen Familien kaum den Stellenwert erreicht hätte, den sie heute genießt.

Die systematische Zerstörung dieser bedeutenden Sammlungen unter dem Nationalsozialismus markiert eine der dunkelsten Zäsuren der deutschen Kulturgeschichte. Der politische Druck manifestierte sich dabei in einem perfiden Geflecht aus Zwangssteuern, Vermögenssperren, Ausreiseverboten und Devisenauflagen, die jüdische Sammler*innen gezielt in den wirtschaftlichen Ruin trieben. Wie das Bucerius Kunst Forum dazu erläutert: „Als ein Aspekt dieser Unrechtsgeschichte wird daran erinnert, wie politischer Druck, Zwangssteuern, Ausreiseverbote, Vermögenssperren und Devisenauflagen jüdische Sammler:innen häufig zur Aufgabe ihrer Sammlungen zwangen.“

Das Ausmaß dieses Raubzugs war jedoch nicht allein das Werk nationalsozialistischer Ideologen, sondern ein gesellschaftliches Versagen, an dem sich Akteur*innen aus der Mitte der Gesellschaft beteiligten. Die Ausstellung macht deutlich, wie eng das Netz aus Museen, Kunsthändler*innen und internationalen Käufer*innen gestrickt war. Hierzu heißt es: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler:innen, Museen, staatlichen Akteur:innen und internationalen Käufer:innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren.“

Nach 1945 setzte sich der Prozess der Verschleierung oft fort. Die Kunstwerke wurden weltweit zerstreut und in Institutionen oder private Sammlungen integriert, wobei ihre belastete Herkunft entweder in Vergessenheit geriet oder aktiv verborgen wurde. Es gelang nur wenigen Familien, ihren Besitz über die Jahre der Verfolgung und des Exils hinweg zu retten. Die Ausstellung arbeitet diese Mechanismen der Enteignung akribisch auf, um das Schicksal der Sammler*innen aus der Anonymität der bloßen Objektgeschichte zurückzuholen. Im Programm heißt es: „Nach 1945 verstreuten sich die Kunstwerke über alle Kontinente und gelangten in private oder institutionelle Bestände, wobei die Vorgeschichte manchmal nicht mehr bekannt war, häufig aber auch bewusst verschleiert wurde.“

Die Schau verbindet damit kunsthistorische Analyse mit einer tiefgreifenden erinnerungskulturellen Reflexion, die den Verlust als eine fortdauernde Mahnung begreift.

Rekonstruktion als Akt der Wiederbegegnung

Die kuratorische Arbeit von Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff geht in der Ausstellung weit über die bloße Zusammenstellung von Kunstwerken hinaus. Indem sie die weltweit verstreuten Stücke – von Gemälden und Skulpturen bis hin zu privaten Künstler*innenpostkarten – wieder an einem Ort vereinen, schaffen sie eine emotionale und historische Rekonstruktion, die den Sammler*innen ihr Gesicht zurückgibt. „Jeder Sammlung ist ein eigener Raum gewidmet, in dem die Begegnung mit den Kunstwerken, deren Weg bis in die Gegenwart, mit den Sammler:innenpersönlichkeiten und ihrer Geschichte möglich ist“.

Dieser Ansatz verwandelt das Bucerius Kunst Forum in einen Ort des aktiven Erinnerns. Die Schau fungiert dabei nicht als statisches Museum, sondern als ein komplexer Resonanzraum, in dem kunsthistorische Forschung und kunstsoziologische Analyse miteinander verschmelzen: „In der Gesamtkonzeption verbindet die Schau kunsthistorische und kunstsoziologische Forschung und Analyse, kulturpolitische Kontextualisierung und erinnerungskulturelle Reflexion“.

Für die Besucher*innen eröffnet sich dadurch eine seltene Gelegenheit, die Genese der Moderne aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Die Räume werden zu einer Bühne für die Lebenswege der Sammler*innen, deren Engagement für die Kunst oft einherging mit einem tieferen Wunsch nach einer offenen, progressiven Gesellschaft. Die Ausstellung leistet somit Pionierarbeit, indem sie diese „Physischen und gedanklichen Räume“ nutzt, um aufzuzeigen, „aus welchen Motivationen, auf welche Weise und mit welcher Unterstützung die einzelnen Sammlungen entstanden sind – und aus welchen Gründen die Sammler:innen sich häufig auch progressiver Kunst zuwandten“.

Letztlich aber ist diese Ausstellung auch ein dringender Aufruf an die Gegenwart. Sie fordert dazu auf, Provenienz nicht als abstraktes Feld der Geschichtswissenschaft zu sehen, sondern als integralen Bestandteil einer lebendigen Erinnerungskultur, die den Wert und die Geschichte des Kulturguts stets mit der Geschichte der Menschen verknüpft, die es einst so leidenschaftlich förderten.

Die kommende Ausstellung im Bucerius Kunst Forum ist also weit mehr als eine Rückschau. Wer durch die Räume wandelt, wird konfrontiert mit der Ambivalenz von ästhetischem Hochgenuss und menschlicher Tragödie. Die Kunstwerke von Meistern wie Cézanne, Modersohn-Becker oder Kirchner gewinnen durch ihre Geschichte eine neue, dringliche Präsenz. Sie sind nicht länger nur Zeugnisse einer Epoche, sondern Mahnmale für einen gesellschaftlichen Aufbruch, der gewaltsam unterbrochen wurde.

Es erfordert Mut, den Blick nicht abzuwenden – weder von der Schönheit der Bilder noch von der Härte des Unrechts, das ihre einstigen Besitzer*innen erfahren haben. „Diese Sammler:innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“ (Bucerius Kunst Forum). Die Schau bietet uns einen Resonanzraum, in dem wir lernen können, dass Kultur niemals im luftleeren Raum existiert, sondern immer tief in den Biografien und politischen Kämpfen derer verwurzelt ist, die sie fördern und bewahren.

Wer diese Ausstellung besucht, begibt sich auf eine Reise, die unser Verständnis von der deutschen Moderne für immer verändern wird. Sie macht sichtbar, was zu lange unsichtbar blieb, und erinnert daran, dass das Erbe dieser jüdischen Kunstsammler*innen ein unverzichtbarer Teil unserer Identität ist. Es ist ein würdiger, notwendiger und zutiefst menschlicher Beitrag, den das Bucerius Kunst Forum hier leistet, um das Unrecht der Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern den Sammler*innen die Anerkennung zurückzugeben, die sie verdienen. Ebenso sollte erwähnt werden, dass parallel zur Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland das MARKK vom 28. August 2026 bis 27. Juni 2027 die Schau Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK zeigt. Anhand der als verschollen geltenden Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde erzählt die Ausstellung Objektgeschichten und Biografien vom frühen 20. Jahrhundert bis heute und hinterfragt dabei die Klassifizierung ‚jüdischer Objekte’ sowie die Rolle des Museums im Nationalsozialismus. Auch hier lohnt ein Besuch.

Überblick

Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland

11.09.2026 bis 29.03.2027

Ort: Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg| Website: buceriuskunstforum.de


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Wenn die Gondeln Trauer tragen https://www.tiefgang.net/wenn-die-gondeln-trauer-tragen/ Fri, 08 May 2026 22:05:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13784 [...]]]> Venedig ist im Mai 2026 kein Ort für touristische Klischees. Zwar glitzert die Sonne über dem Canal Grande, aber der Deutsche Pavillon in den Giardini eröffnet und trauert zugleich: um Henrike Naumann. Sie verstarb vor einigen Wochen.

Es ist sowohl ein Moment der künstlerischen Selbstbehauptung, in dem die Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) ihre Rolle als globale Denkfabrik unterstreicht.

Mit fünf zentralen Positionen, die eng mit der Elbmetropole verwoben sind, wird ab heute die 61. Biennale di Venezia zu einer Art norddeutschen Exklave der kritischen Reflexion. Im Zentrum dieses Kraftfeldes steht ein Begriff, der so schwer wie programmatisch ist: Ruin.

Ruin als Verb: Ein Prozess des Verfalls und des Widerstands

Die Kuratorin Kathleen Reinhardt hat für den Deutschen Pavillon ein Konzept entworfen, das den Ruin nicht als statischen Zustand des Verfalls begreift. In ihren Augen ist Ruin ein Verb – ein aktiver Prozess der Zerstörung, der finanzieller, politischer oder moralischer Natur sein kann. Es geht um das Überlagern von Ideologien und Biografien in einem Raum, der selbst eine belastete architektonische Geschichte atmet. Die Ausstellung will Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte als polyphon und multiperspektivisch begreifbar machen und dabei bewusst in einer Moll-Tonart agieren.

Henrike Naumann: Die Geister der Wohnstube

Besonders schmerzlich und zugleich kraftvoll ist die Präsenz von Henrike Naumann. Die Anfang 2026 viel zu früh verstorbene Künstlerin und designierte HFBK-Professorin hat ihr Werk für den Pavillon noch selbst vollendet. Unter dem Titel Die Innere Front verwandelt sie den Hauptraum in eine archäologische Grabungsstätte der deutschen Alltagsästhetik. Möbel und Readymade-Objekte werden zu Zeugen einer Radikalisierung, die nicht auf der Straße beginnt, sondern im Privaten.

Naumann arbeitete oft mit der Erkenntnis, dass Ideologie im Wohnzimmer beginnt. In Venedig sind ihre Installationen vor mintgrünen Wänden platziert, die an sowjetische Kasernen der DDR erinnern. Ein Relief aus Stühlen erzählt die deutsche Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts neu. Für Naumann war die Kunst nie vom Weltgeschehen zu trennen; sie betonte stets: „Für mich als Künstlerin ist alles politisch.“ Ihr Beitrag ist ein Vermächtnis, das die Heimeligkeit als emotionalen Raum hinterfragt und dabei eine Remilitarisierung der Gesellschaft subtil offenlegt.

Sung Tieu: Die Eleganz der Überwachung

In einem faszinierenden Kontrast dazu steht die Arbeit von Sung Tieu, Absolventin der HFBK, deren Praxis sich an der Schnittstelle von Biografie und Geopolitik bewegt. Sie verleiht dem durch den Nationalsozialismus geprägten Pavillon eine neue, irritierende Fassade. Ein Trompe-l’œil-Mosaik aus über drei Millionen Marmorsteinen bildet die Überreste eines Plattenbaus aus der Ostberliner Gehrenseestraße nach – ein Ort, der einst Tieus Zuhause war und später zum Spielball spekulativer Verwertung wurde.

Ihr Werk trägt den provokanten Titel Human Dignity Shall Be Inviolable, ein direktes Zitat aus Artikel 1 des Grundgesetzes. Hier prallen zwei Repräsentationssysteme aufeinander: die faschistische Monumentalität des Pavillons und die sozialistisch-egalitäre Idee des Wohnungsbaus. Tieu nutzt Skulpturen, Düfte und Klänge, um administrative Disziplinierung und die Marginalisierung migrantischer Gemeinschaften spürbar zu machen. Es ist eine sensible Untersuchung von Machtverhältnissen, die unterschiedliche politische Systeme überdauern.

Das Hamburger Netzwerk: Mehr als nur ein Pavillon

Der Erfolg in Venedig ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer konsequenten Förderung des Wissenschafts- und Kunststandorts Hamburg. Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal sieht die HFBK in einer wichtigen Doppelrolle als Impulsgeber und Spiegel unserer Gesellschaft. Neben dem Deutschen Pavillon sind drei weitere Künstler*innen präsent, die das Hamburger Profil schärfen: Kader Attia in der zentralen Ausstellung, Jenna Sutela im Finnischen Pavillon und Yalda Afsah mit einer Einzelschau im Palazzo Ca’ Buccari.

Diese künstlerischen Positionen decken ein breites Spektrum ab – von postkolonialen Reparationsfragen bis hin zum technologisch-biologischen Spannungsfeld. Es ist eine Demonstration der internationalen Strahlkraft, die durch eine Allianz aus öffentlichen und privaten Förderern wie der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und der Rudolf Augstein Stiftung ermöglicht wurde.

Der Deutsche Pavillon 2026 ist kein Ort der einfachen Antworten. Ruin zwingt die Besucher*innen zum Innehalten in einer Zeit, die oft von oberflächlicher Dynamik geprägt ist. Zwischen den Kettenhemdvorhängen von Henrike Naumann und den Marmormosaiken von Sung Tieu entsteht ein Raum des Widerstands gegen das Vergessen. Hamburg beweist in Venedig, dass zeitgenössische Kunst dann am stärksten ist, wenn sie dorthin geht, wo es wehtut: in die Leerstellen der Geschichte und in die Abgründe unserer eigenen Identität.


Ausstellung: Ruin

9. Mai bis 22. November 2026 | Deutscher Pavillon, Giardini della Biennale, Venedig

Beteiligte Künstler*innen: Henrike Naumann und Sung Tieu | Kuratorin: Dr. Kathleen Reinhardt

www.deutscher-pavillon.org | www.labiennale.org

Begleitend zur Eröffnung erscheint im DISTANZ Verlag eine Publikation, die künstlerische Beiträge von Naumann und Tieu mit wissenschaftlichen Essays verbindet.


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Das Auge der Epoche https://www.tiefgang.net/das-auge-der-epoche/ Wed, 22 Apr 2026 09:50:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13671 [...]]]> Es gibt Namen, die untrennbar mit dem visuellen Gedächtnis einer Stadt verwoben sind. In Hamburg ist dieser Name F.C. Gundlach.

Pünktlich zu seinem 100. Geburtstag am 16. Juli 2026 beschenkt sich die Hansestadt Hamburg nun selbst mit einer Nachricht, die das Erbe dieses Visionärs für die nächste Generation zementiert: Die Sammlung F.C. Gundlach bleibt nicht nur in Hamburg, sie wächst und wird für mindestens zwanzig weitere Jahre das Herzstück des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen bilden.

Gundlach war weit mehr als ein Modefotograf. Er war Netzwerker, Sammler, Kurator und der Gründungsdirektor jenes Hauses, das heute international als eine der ersten Adressen für die Kunstform Fotografie gilt. Sein Credo war zeitlebens die Überzeugung, dass ein Sammler eine moralische Verpflichtung hat, Teile seiner Sammlung oder ihr Ganzes öffentlich zu machen. Er sah seine Schätze als lebendigen Organismus, der auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren muss. Dieser Geist weht nun durch einen neuen Kooperationsvertrag, der die bisherige Leihgabe von 9.000 auf stolze 14.000 Werke erweitert.

Wer war dieser Mann, der die Fotografie in Deutschland aus ihrem Nischendasein als bloßes Handwerk in den Olymp der bildenden Kunst hob? Gundlach kam in den 1950er Jahren nach Hamburg und machte die Stadt zur Zentrale seiner Arbeit. Er fotografierte für die großen Magazine – von Film und Frau bis hin zur Brigitte. Doch seine Bilder waren nie bloße Kleiderständer-Dramaturgien. Er verstand es, Mode als Spiegelbild gesellschaftlicher Identitäten zu inszenieren.

Betrachtet man seine ikonischen Werke, etwa die Aufnahme (Titelbild) der deutschen Models in Santiago de Chile aus dem Jahr 1963, erkennt man seine Meisterschaft: Es ist ein Massenauflauf der Neugier, eine Begegnung zwischen der Eleganz der alten Welt und der dynamischen Realität Südamerikas. Gundlach fing hier nicht nur Stoffe ein, sondern den Moment, in dem Mode zum öffentlichen Ereignis wird. Ebenso legendär ist sein Porträt von Uschi Obermaier in Hamburg 1970.

Uschi Obermaier, Hamburg 1970

In ihrem Blick und ihrer Haltung manifestiert sich der Umbruch einer ganzen Generation – weg von der steifen Etikette, hin zur Freiheit der 68er.

Gundlachs Blick war stets präzise, fast architektonisch. Er setzte den Menschen in Bezug zu seiner Umgebung, sei es vor den ägyptischen Pyramiden oder in den kühlen Betonfluchten der Moderne. Für ihn war Fotografie nie isoliert. Der Titel der kommenden großen Ausstellung im Bucerius Kunst Forum, You’ll Never Watch Alone, bringt es auf den Punkt: Fotografie geschieht durch Austausch, durch Allianzen und das Wirken in Netzwerken.

Die Nachricht der Vertragsverlängerung ist ein Meilenstein für die Hamburger Kulturlandschaft. Dr. Carsten Brosda bezeichnet die Erweiterung als einen Gewinn für die Kulturstadt, um die Position des Hauses der Photographie als international führendes Zentrum zu stärken. Bis 2028 wird die südliche Deichtorhalle umfassend saniert. Wenn sie ihre Pforten wieder öffnet, wird die Sammlung F.C. Gundlach einen völlig neuen Raum erhalten.

Im ersten Obergeschoss entsteht ein Bereich, der die Grenzen zwischen Archiv, Forschung und Erlebnis auflöst. 200 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche, ein Schaudepot und die über 10.000 Bände umfassende Sammlerbibliothek werden dort ein neues Zuhause finden. Es ist die Erfüllung eines visionären Traums: Die Sammlung wird zur lebendigen Ressource für die 200-jährige Geschichte der Fotografie und gleichzeitig zum Labor für die Zukunft des Mediums. Künftig werden neben dem zentralen Thema Das Bild des Menschen auch Schwerpunkte wie abstrakte, subjektive sowie Landschafts- und Objektfotografie dauerhaft präsent sein.

Die Triennale als Fest des Sehens

Während die Deichtorhallen aber aktuell noch saniert werden, feiert die Stadt das Medium Fotografie bereits jetzt im Rahmen der 9. Triennale der Photographie. Diese von Gundlach einst initiierte Großveranstaltung macht die Stadt im Sommer 2026 zum Schauplatz für elf Ausstellungen. Das Bucerius Kunst Forum widmet sich dabei Gundlachs Rolle als unermüdlicher Förderer und Sammler. In der Ausstellung werden neben seinen eigenen Ikonen auch Werke von Weggefährt*innen wie Ute Mahler gezeigt, deren Bild Zwei Models im Kreuzgang von 1989 die melancholische Strenge und grafische Kraft illustriert, die Gundlach in der Fotografie so schätzte.

Ute Mahler – Zwei Models im Kreuzgang, 1989 (Fotorechte: Ute Mahler)

Es ist diese Kombination aus dem eigenen Schaffen und dem Blick für die Qualität anderer, die Gundlach so einzigartig machte. Er sammelte nicht für den Tresor, sondern für die Erkenntnis.

F.C. Gundlach hat uns gelehrt, dass ein Foto nie nur ein Abbild der Realität ist, sondern immer auch eine Konstruktion von Wahrheit, Sehnsucht und Zeitgeist. Sein Erbe in Hamburg ist kein staubiges Denkmal, sondern eine Aufforderung zum genauen Hinsehen. Mit der nun gesicherten Zukunft seiner Sammlung in den Deichtorhallen bleibt Hamburg ein Ort, an dem die Fotografie atmen, sich verwandeln und uns immer wieder neu befragen kann. Ein würdigeres Geschenk hätte man dem großen Visionär zu seinem 100. Geburtstag kaum machen können.

Die Ausstellung: F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone | Laufzeit 8. Mai bis 16. August 2026

Bucerius Kunst Forum | Alter Wall 12, 20457 Hamburg | www.buceriuskunstforum.de

Die Sammlung F.C. Gundlach wird ab der Wiedereröffnung des sanierten Hauses der Photographie in den Deichtorhallen (voraussichtlich 2028) dauerhaft in neuen Räumlichkeiten präsentiert. Aktuelle Informationen zu den Baufortschritten und Interims-Projekten finden Sie unter www.deichtorhallen.de.

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Vögel auf dem Drahtseil https://www.tiefgang.net/voegel-auf-dem-drahtseil/ Tue, 14 Apr 2026 22:38:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13630 [...]]]> Es gibt Traditionen, die eine Stadt nicht nur schmücken, sondern sie im Kern definieren. In Buxtehude ist das die Kunstinsel.

Seit 2009 verwandelt sich der kleine Ponton auf der Este alljährlich in eine Bühne für die regionale Kunstszene. Initiiert wurde das Ganze einst von Jürgen K.F. Rohde, und seitdem hat sich die schwimmende Plattform zu einem echten Leuchtturm im öffentlichen Raum entwickelt. In diesem Jahr, zur 18. Ausgabe, kehrt ein alter Bekannter zurück: Folkert Bockentien bespielt die Insel zum dritten Mal und bringt eine Installation mit, die so leichtfüßig daherkommt, wie ihr Titel es verspricht, und doch eine enorme Tiefe in den Wellen verbirgt.

Der Titel der Installation, balance 3, birds in balance, weckt sofort Assoziationen. Wer denkt bei Vögeln auf einer Stange nicht unweigerlich an Leonard Cohens unsterbliche Zeile like a bird on a wire? Bockentien fängt genau dieses Gefühl ein: den Moment zwischen Innehalten und Abflug, zwischen absoluter Ruhe und plötzlicher Bewegung.

Das Spannende an seiner Arbeit ist ihre Reaktivität. Diese drei stilisierten Vögel aus gelbem und blauem Sperrholz sind keine statischen Monumente. Sie reagieren auf den Wind, der durch das Estetal zieht, und auf die Wellen, die gegen den Ponton schlagen. Es ist ein lebendiger Dialog mit der Natur. Was auf den ersten Blick wie eine spielerische Skulptur wirkt, ist eine technisch präzise ausbalancierte Konstruktion, bei der im Inneren Bleigewichte dafür sorgen, dass das fragile Gleichgewicht gewahrt bleibt – ein schönes Sinnbild für unsere eigene Suche nach Stabilität in bewegten Zeiten.

Die Farbwahl in Gelb und Blau ist ein kluger, vielschichtiger Schachzug. Natürlich sind es die Farben der Hansestadt Buxtehude, eine klare Liebeserklärung an die Heimat. Doch im Jahr 2026 schwingt in dieser Kombination unvermeidlich auch die Solidarität mit der Ukraine mit. Es ist bezeichnend für Bockentiens Prozess, dass er sich von der ursprünglichen Idee – dem Schwarz-Weiß-Blau der Elstern in seinem Garten – weg zum Leuchtenden, Signalhaften bewegt hat. Er möchte ein buntes Stückchen Buxtehude schaffen, das die Sinne anregt und den Blick weitet.

Doch hinter der ästhetischen Freude verbirgt sich eine ernste ökologische Reflexion. Der Titel spielt auf eine Balance an, die in der Realität längst verloren gegangen ist. Während die hölzernen Vögel auf der Este sanft im Wind schaukeln, schlägt der NABU Deutschland Alarm: Die Bestände der Feldvögel sind seit 1980 um bis zu 88 Prozent eingebrochen.

Bockentiens Werk wird so zu einem Mahnmal der Abwesenheit. Es macht auf das aufmerksam, was wir immer seltener hören und sehen. Die Kunstinsel wird zum Resonanzraum für ein Thema, das uns alle angeht. Es ist diese Mischung aus lokaler Verbundenheit, handwerklicher Präzision und globaler Relevanz, die die Kunstinsel Jahr für Jahr so unverzichtbar macht.

Bevor die Vögel ihre Balance auf dem Wasser finden, ist Muskelkraft gefragt. Wie in jedem Jahr wird die Insel mit tatkräftiger Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr zu Wasser gelassen – ein wunderbares Beispiel für das Ineinandergreifen von Kultur und bürgerschaftlichem Engagement in der Stadt. Wenn am 25. April die offizielle Eröffnung gefeiert wird, wird Buxtehude einmal mehr beweisen, dass Kunst nicht in geschlossene Räume gehört, sondern mitten ins Leben, dorthin, wo das Wasser fließt und der Wind weht.

Installation: Folkert Bockentien – balance 3, birds in balance

Eröffnung: Samstag, 25. April 2026, 13 Uhr

Auf der Este, Höhe Stadtpark / Zwischen den Brücken 8, 21614 Buxtehude

Die Installation wird für ein Jahr auf der Este und bei freiem Eintritt zu sehen sein.

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Eine Hommage an Heidi Meyer https://www.tiefgang.net/eine-hommage-an-heidi-meyer/ Mon, 13 Apr 2026 22:33:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13593 [...]]]> Die Buxtehuder Künstlerin Heidi Meyer verabschiedet sich mit einer beeindruckenden Werkschau vom Kunstbetrieb.

Wenn sich am Die., 28. April 2026 die Türen des Buxtehuder Marschtorzwingers für die Ausstellung Geschriebene Farben öffnen, schließt sich ein beeindruckender Lebenskreis. Für die in Hamburg geborene und heute in Buxtehude lebende Künstlerin Heidi Meyer ist diese Schau die letzte ihrer öffentlichen Karriere. Es ist ein Abschied voller Dankbarkeit, ein bewusster Rückzug aus dem Ausstellungsbetrieb, der jedoch keineswegs ein Verstummen bedeutet. Vielmehr ist es die Krönung eines Werkes, das die Grenzen zwischen Kontinenten, Techniken und philosophischen Ansätzen über Jahrzehnte hinweg aufgelöst hat.

Wer die großformatigen Arbeiten Heidi Meyers betrachtet, stößt auf eine faszinierende Verbindung aus fernöstlicher Zurückhaltung und westlicher Abstraktion. Die Technik, mit der sie Papier eigenhändig auf Holzrahmen aufzieht und bearbeitet, hütet sie wie ein kostbares Geheimnis. Dahinter steckt kein bloßer Schutz vor Nachahmung, sondern eine tiefgehende Überzeugung: Jede*r Künstler*in muss den eigenen Weg, die eigene Haptik und den eigenen Widerstand des Materials selbst erproben und finden. Es geht um die Freiheit des Experiments.

Diese Freiheit prägte auch ihre Zeit als Hochschuldozentin an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Das gemeinsame Erkunden, wie Wasser auf verschiedenen Papiersorten reagiert oder wie eine Linie im Raum atmet, war ihr wichtiger als starre Vorgaben. Ihr Werk fordert ein Nachspüren der Natur und das In-Verbindung-Setzen mit der Farbe, was ihr selbst, wie sie sagt, ein Gefühl des Seins gibt.

Zwischen Osaka, Paris und der Geest

Meyers Biografie liest sich wie eine Landkarte der Weltkunst. Lange Jahre lebte und arbeitete sie in Japan, einem Land, zu dem sie eine tiefe spirituelle und künstlerische Verbundenheit entwickelte. Ihr Stil der geschriebenen Malerei ist ohne die Einflüsse der japanischen Kalligrafie und Formensprache kaum denkbar. Dass der japanische Kaiser gleich dreimal die Schirmherrschaft für ihre Ausstellungen unter dem Titel Japan in Deutschland übernahm, unterstreicht die außergewöhnliche Relevanz ihres Schaffens im interkulturellen Dialog.

Ihre Werke hängen heute an Orten von globaler Strahlkraft: vom Rathaus in Osaka über das Goethe-Institut in Hanoi bis hin zu bedeutenden Sammlungen in Paris, Singapur und den USA. Auch nationale Institutionen wie die Staatsgalerie Stuttgart oder das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg führen ihre Arbeiten. Doch trotz dieser Weltläufigkeit blieb der Bezug zur norddeutschen Heimat stets lebendig. Nach Jahren im Ausland kehrte sie nach Buxtehude zurück, betrieb dort ihre Galerie Am Geesttor und bereicherte die regionale Kunstlandschaft nachhaltig.

Ein besonderes Juwel dieser letzten Ausstellung wird die Vorführung ihres 16-mm-Kurzfilms Es könnte Frühling werden, oder es wird sowieso Frühling oder nicht aus dem Jahr 1976 sein. Aufgenommen mit einer Bolex-Kamera, ungeschnitten und im radikalen Selbstversuch, zeigt der Film eine Künstlerin, die schon früh keine Angst vor dem Unvollkommenen und dem Prozesshaften hatte. Es ist ein Dokument des Mutes zum Sehen – ein Appell, den sie bis heute an ihre Betrachter*innen richtet: Statt Kunst vorschnell zu bewerten, solle man ihr offen begegnen und eigene Eindrücke wachsen lassen.

Die Laudatio zur Eröffnung wird Dr. Manfred Osten halten – ein Weggefährte, der sie bereits in Tokio und Paris begleitete und somit den Bogen von der Welt zurück in den Marschtorzwinger schlagen wird. Auch wenn sich Heidi Meyer nun zurückzieht, bleiben ihre Farben geschrieben – in den Sammlungen der Welt und in den Herzen derer, die ihren Ruf zum Mut zum Sehen gehört haben.

Heidi Meyer – Geschriebene Farben | 28. April bis 7. Juni 2026

Filmvorführung: Sonntag, 31. Mai 2026, 14:00 Uhr (16-mm-Kurzfilm von 1976)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15 –18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr

Marschtorzwinger, Liebfrauenkirchhof, 21614 Buxtehude | Eintritt: Frei

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Der Hafen als nächtlicher Spielraum https://www.tiefgang.net/der-hafen-als-naechtlicher-spielraum/ Thu, 19 Feb 2026 10:28:27 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13352 [...]]]> Hamburgs öffentliche Räume werden bei Dunkelheit neu besetzt. ´Nightshift` ist ein Projekt, das dorthin geht, wo die Stadt eigentlich nie schläft.

Die Fähre 73 schneidet durch das dunkle Elbwasser, während die Lichter der Landungsbrücken im Rücken langsam verblassen. Das Ziel dieser Reise ist Wilhelmsburg, genauer gesagt der Reiherstiegdeich 55. Hier, auf dem weitläufigen Gelände der Containerfirma Unitainer, wird am 27. Feb. um 18 Uhr eine ganz besondere Schicht angetreten. Night Shifts nennt sich das ehrgeizige, achtteilige Jahresprogramm, das Hamburgs öffentliche Räume bei Dunkelheit neu besetzt. Es ist ein Projekt, das mutig dorthin geht, wo die Stadt eigentlich nie schläft, aber oft übersehen wird.

Das Kurator*innenteam um Rosanna Graf, Lisa Klosterkötter und Gesa Troch hat ein Konzept entworfen, das die Finsternis als produktive Chance begreift. Zum Auftakt begegnet uns die Malerei von Cecilie Norgaard. Ihre Arbeiten, die speziell für diesen industriellen Ort produziert wurden, bewegen sich virtuos zwischen der Banalität des Alltags und einer entrückten Realität. Norgaard greift die Symbole und Logiken der globalen Warenströme auf und übersetzt sie in einen künstlerischen Kosmos, der radikal mit unseren Sehgewohnheiten spielt. Wenn Alltagsgegenstände ihre Größe verändern und Realitäten sich verschieben, wirkt der funktionale Hafen plötzlich wie eine geheimnisvolle Bühne für das Unaussprechliche.

Drei Nachtwächterinnen führen das Publikum durch die Dämmerung und verwandeln bereits den Weg von der Ernst-August-Schleuse zum Werksgelände in eine performative Reise. Es ist dieser Mix aus Neugier und Begeisterungsfähigkeit, der das Programm so spannend macht. Night Shifts beleuchtet das komplexe Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Verborgensein. Während die Nacht in der Stadt oft mit Unsicherheit assoziiert wird, rücken die Künstler*innen hier die Schutz- und Spielräume für Selbstentfaltung, Visionen und sogar den Exzess in den Fokus.

Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, wird Teil einer Zirkulation, die weit über das rein Materielle hinausgeht. Es geht um die Rhythmen der Stadt, um das Spiel von Licht und Schatten und um die existenzielle Frage, wer wir im Dunkeln eigentlich sind. Gefördert durch den Elbkulturfonds der Behörde für Kultur und Medien sowie namhafte Stiftungen, verspricht dieses Projekt ein echtes Highlight des Hamburger Kulturjahres 2026 zu werden. Die Nacht ist jung, der Hafen wartet und bietet eine Perspektive auf die Stadt, die Besucher*innen so schnell nicht vergessen werden.

Ablauf und Anreise:

Der Abend beginnt um 18 Uhr direkt am Reiherstiegdeich. Für ein authentisches Erlebnis empfiehlt sich die Anreise mit der Fähre 73 ab Landungsbrücken (Abfahrt 17.30 Uhr). Von der Ernst-August-Schleuse führt eine der Nachtwächterinnen die Gruppe zum Ort des Geschehens. Da die Fähren im Hafen oft ihren eigenen Takt haben, lohnt sich ein frühzeitiges Erscheinen am Anleger für die Rückfahrt gegen 21.10 Uhr oder 21.50 Uhr. Weitere Informationen zu den kommenden sieben Stationen in Orten wie der City Nord oder St. Pauli finden Interessierte unter www.night-shifts.com.

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Die Kunst des Widerstands https://www.tiefgang.net/die-kunst-des-widerstands/ Tue, 17 Feb 2026 23:12:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13343 [...]]]> Es gibt Orte, die wie geschaffen sind für die Entschleunigung, und der Buxtehuder Marschtorzwinger gehört zweifellos dazu.

Wenn sich ab dem 1. März die schweren Türen für die Ausstellung UM:DRUCK öffnen, begegnen wir dort einer Kunstform, die in unserer flüchtigen, digitalen Gegenwart fast wie ein anarchistischer Akt wirkt: der analogen Druckkunst. Die Künstler*innen Heike Küster und Britta Lange laden zu einem Dialog ein, der zeigt, dass zwischen Tradition und Inspiration ein unendlicher Raum für moderne Erzählungen liegt.

Wer sich auf das Werk von Heike Küster einlässt, spürt sofort die Erfahrung von über drei Jahrzehnten intensiver Auseinandersetzung mit dem Holzschnitt. Es ist ein Handwerk, das keine Fehler verzeiht und gerade deshalb eine so beeindruckende Klarheit ausstrahlt. Küster beherrscht das Spiel mit mehrfarbigen Druckplatten meisterhaft. In ihren seriellen Prozessen entstehen vielschichtige Bildwelten, die weit über das rein Grafische hinausgehen. Ihre Arbeiten besitzen eine rhythmische Präzision, die fast schon musikalisch wirkt. Doch hinter der formalen Strenge verbirgt sich eine erzählerische Tiefe, die oft von einem feinen, hintergründigen Humor durchblitzt wird. Es ist diese Mischung aus handwerklicher Unbeugsamkeit und geistiger Leichtigkeit, die ihre Position so kraftvoll macht.

Einen ganz anderen, beinahe lyrischen Weg schlägt Britta Lange ein. Für sie ist der Druckprozess ein bewusster Rückzug aus der Beschleunigung unserer Zeit. Ihre Inspiration findet sie im Unscheinbaren: in Alltagssituationen, in der Tiefe von Gedichten oder der Symbolik von Märchen. Geprägt von der ästhetischen Sprache der Illustrationen aus den 1960er- und 1970er-Jahren, überführt sie diese Einflüsse in eine zeitgenössische Bildsprache. Lange ist eine Grenzgängerin zwischen den Techniken. Ob Radierung, Linolschnitt oder die flüchtige Monotypie – sie nutzt die Vielfalt der analogen Verfahren, um Vertrautes neu zu rahmen. Ihre Arbeiten sind Einladungen zum genauen Hinsehen, kleine Fenster in Welten, die uns eigentlich bekannt vorkommen und uns doch überraschen.

Ein internationaler Dialog im Zwinger

Besonders spannend wird UM:DRUCK durch die Integration eines internationalen Netzwerks. Eine Ausstellung in der Ausstellung zeigt Mini-Prints aus einem Open-Print-Exchange-Projekt. Hier trifft die lokale, norddeutsche Druckszene auf globale Impulse. Dieser Kontrast unterstreicht die Relevanz der Druckkunst als universelle Sprache, die über Grenzen hinweg funktioniert. Es ist ein kluger kuratorischer Schachzug, der den historischen Mauern des Marschtorzwingers eine kosmopolitische Note verleiht.

Die Ausstellung ist kein reines Seh-Erlebnis, sondern versteht sich als lebendiger Ort des Austauschs. Zur Eröffnung am 28. Februar wird Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt den Rahmen bereiten, während Christoph Goritz vom Verein der Kunstfreunde für Wilhelmshaven in die Materie einführt. Musikalisch wird der Abend durch den Loop Artist Uwe Kamrad begleitet – ein passender Kontrast, der zeigt, wie moderne Technik und traditionelles Handwerk harmonieren können.

Ein echtes Highlight für alle Neugierigen bietet der 15. März, der bundesweite Tag der Druckkunst. Hier wird der Marschtorzwinger zum Labor: Mit Vorführungen und Mitmachaktionen können Besucher*innen die physische Kraft und die Faszination der Druckerpresse selbst erleben. Für diejenigen, die tiefer eintauchen wollen, bieten die Workshops Ende März die Gelegenheit, eigene Mini-Prints im Hoch- und Tiefdruck zu gestalten.

UM:DRUCK ist mehr als eine Werkschau zweier profilierter Künstler*innen. Es ist ein Plädoyer für das Haptische, das Durchdachte und das Beständige. In Buxtehude wird im Frühjahr 2026 deutlich: Die Druckkunst ist nicht altmodisch – sie ist die wohl ehrlichste Form, der Welt eine Form zu geben.

Ausstellung UM:DRUCK | Eröffnung: Sa., 28. Feb., 15 Uhr

vom 1. März bis 5. April 2026 | Marschtorzwinger, Liebfrauenkirchhof, 21614 Buxtehude

Di–Fr 15–18 Uhr, Sa–So 11–18 Uhr | Eintritt frei

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Wer werden wir? https://www.tiefgang.net/wer-werden-wir/ Mon, 09 Feb 2026 23:27:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13255 [...]]]> Seit Januar 2026 arbeitet die iranische Künstlerin Termeh Yaghoubi als Stipendiatin des Vereins „Künstler zu Gast in Harburg“. Wer ihre neuesten Arbeiten betrachtet, merkt schnell: Hier geht es um weit mehr als um Ästhetik.
In der historischen Harburger Lämmertwiete, dort, wo Kopfsteinpflaster und dunkles Fachwerk den Charme vergangener Jahrhunderte atmen, findet derzeit eine künstlerische Begegnung statt, die weit über die Grenzen der Hansestadt hinausreicht. Es gibt eine ganz besondere Energie ([…] dieser Beitrag wurde nachträglich von der Redaktion geändert, Anm. d. Red.), wenn sich historisches Fachwerk mit dem Puls globaler Zeitgeschichte verbindet. Es geht um das Überleben, um Sichtbarkeit und um die Neuerfindung des Selbst in der Fremde. Die neuen Einblicke in das Werk der Teheraner Künstlerin Termeh Yaghoubi verleihen ihrem Aufenthalt eine noch tiefere, fast schon existenzielle Dimension. Es wird deutlich, dass wir es hier mit einer multidisziplinären Künstlerin zu tun haben, die nicht nur malt, sondern als Lyrikerin, Schauspielerin und Designerin eine ganz eigene, hochaktuelle Sprache für die Erfahrung des In-betweens gefunden hat.

Seit 2023 lebt Yaghoubi nun in Hamburg, sorgte bereits als Artist in Residence an der Hochschule für bildende Künste (HfbK) im Rahmen der Martin Roth Stiftung für Aufsehen und bringt eine beeindruckende künstlerische Bandbreite mit. Ihre Wurzeln liegen im Saqakhaneh-Stil, doch sie hat diesen längst in eine moderne, hochpolitische Formensprache überführt. In ihrer Serie Waiting for Godot, inspiriert durch Samuel Beckett, entwirft sie Charaktere, die sich in tiefgreifenden Identitätskrisen befinden. Es ist eine faszinierende Parallele zu ihrer eigenen Geschichte: Die Figuren warten auf eine Rettung von außen, bis sie erkennen, dass die wahre Befreiung nur aus der inneren Reflexion und Selbsterkenntnis erwachsen kann.

Foto: Mokhtar Namdar

Yaghoubi, 1989 in Teheran geboren, bringt eine Bildsprache nach Harburg, die tief im sogenannten Saqakhaneh-Stil verwurzelt ist. Diese Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene Bewegung in der iranischen Kunstgeschichte gilt als eine der ersten bewussten Versuche, traditionelle Volkskunst und religiöse Motive in die Formensprache der Moderne zu überführen. Yaghoubi nutzt diese archaischen Elemente jedoch nicht als reine Dekoration. In ihrem Atelier (…) transformiert sie diese Zeichen in abstrakte Fragestellungen. Es geht um Identität, um das Erleben von Fremde und um die ständige Wandlung, die ein Leben im Exil mit sich bringt.

Die Arbeiten der Stipendiatin zeichnen sich durch eine hohe konzeptionelle Dichte aus. Die Verbindung von grafischer Präzision und malerischer Offenheit macht die Zerrissenheit zwischen der Herkunft und dem neuen Umfeld spürbar. Wer das Werk persönlich kennenlernen möchte, wird in den kommenden Monaten die Gelegenheit haben, bei Präsentationen direkt mit der Künstlerin ins Gespräch zu kommen und Einblicke in ihre Arbeitsprozesse zu gewinnen.

Ein zentraler, neuer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das Thema queer exile. Yaghoubi blickt mit einer schonungslosen Neugier auf die Leben derer, die in autoritären Regimen in den Schatten gedrängt wurden. Für sie ist der Körper der Migrant*innen ein Ort des Traumas, aber auch des Widerstands. Sie malt den zerrissenen Stoff der Zugehörigkeit und den stummen Schrei der Erinnerung. Ihre Bilder stellen die alles entscheidende Frage: Wer werden wir, wenn wir endlich wir selbst sein dürfen? Und welche Teile von uns gehen in diesem schmerzhaften Prozess des Verlernens und Neulernens verloren?

Die Künstlerin nutzt ihre Zeit in der Lämmertwiete 14 intensiv, um an diesem Archiv des queeren Exils weiterzuarbeiten. Dabei verschmelzen persische Symbole mit abstrakten Gesten zu einem kraftvollen Ganzen. Es ist dieser schnelle, energische Stil, der ihre Arbeiten so dringlich macht. Wer die Gelegenheit hat, sie in ihrem Dachgeschoss-Atelier zu besuchen, begegnet einer Frau, die nicht nur für die Freiheit der Kunst kämpft, sondern diese Freiheit in jedem Pinselstrich lebt. Die Vorfreude auf die große Ausstellung im August 2026 im Kunstverein Harburger Bahnhof wächst mit jedem neuen Einblick in ihr Portfolio. Es wird eine Schau sein, die uns herausfordert, unsere eigenen Privilegien zu hinterfragen und die transformative Kraft der Kunst zu feiern. Yaghoubi zeigt uns, dass das Exil kein Endpunkt ist, sondern ein radikaler Neuanfang, der eine neue, mutige Stimme braucht.

Die Künstlerin ist Teil des Intro-Programms der Hamburger Behörde für Kultur und Medien, das gezielt Kunstschaffende unterstützt, die in ihren Heimatländern von Zensur und Verfolgung bedroht sind. Dass sie nun in Harburg einen geschützten Raum für ihre Entwicklung findet, ist mehr als eine rein organisatorische Geste; es ist ein aktives kulturpolitisches Bekenntnis. In einer Zeit, in der insbesondere Frauen im Iran unter massiver Unterdrückung leiden, fungiert der Harburger Verein als sicherer Hafen, der die Freiheit der Kunst als unantastbares Gut verteidigt.

Der Verein Künstler zu Gast in Harburg e.V. blickt auf eine lange Tradition des bürgerschaftlichen Engagements zurück. Seit Ende der 1980er Jahren ermöglicht er internationalen Akteur*innen den Aufenthalt im Hamburger Süden. Heiko Langanke vom Vorstand des Vereins betont dabei die Notwendigkeit von Positionen, die abseits gesellschaftlicher Normen stehen. Das Stipendium für Yaghoubi, das zunächst bis Ende August 2026 läuft, bietet nicht nur der Künstlerin eine Bühne, sondern bereichert die lokale Szene um eine Perspektive, die das Lokale mit dem Globalen verknüpft.

Dass eine solche Förderung und der Schutzraum für Künstler*innen im Exil überhaupt möglich sind, liegt am starken bürgerschaftlichen Engagement vor Ort. Der Verein Künstler zu Gast in Harburg e.V. finanziert seine wichtige Arbeit vollständig durch Mieteinnahmen und Spenden. Wer diese solidarische Gemeinschaft unterstützen und der Kunst eine freie Stimme geben möchte, kann dies über das Spendenkonto bei der Sparkasse Harburg Buxtehude mit der IBAN DE31 2075 0000 0000 0099 10 tun. Jeder Beitrag hilft dabei, Harburg als Ort des internationalen Dialogs und der kulturellen Freiheit weiter zu festigen.

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Zwischen Torf und Tusche https://www.tiefgang.net/zwischen-torf-und-tusche/ Sat, 07 Feb 2026 23:21:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13238 [...]]]> Dank einer Schenkung der Fielmann Group AG ziehen jetzt ein Ölgemälde und drei Lithografien der Leipziger Künstlerin Yvette Kießling in die Sammlung der Museen Stade ein und schlagen eine Brücke von der Romantik direkt in die Gegenwart.

Das Moor ist in der norddeutschen Kunstgeschichte weit mehr als eine bloße Landschaft; es ist ein Mythos, eine Projektionsfläche und ein Ort der radikalen Subjektivität. Die Museen Stade, die bereits eine beeindruckende Sammlung an Worpsweder Klassikern beherbergen, dürfen sich nun über einen frischen, beinahe elektrisierenden Zuwachs freuen.

Wer an Moormalerei denkt, hat oft die schwermütigen, erdigen Töne der ersten Worpsweder Generation im Kopf – Namen wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn oder Heinrich Vogeler, die das Moor als Heimat und Rückzugsort inszenierten. Yvette Kießling bricht mit dieser stillen Andacht, ohne den Respekt vor der Natur zu verlieren. Ihre Arbeiten, die während eines Stipendiums im Hohen Moor bei Stade entstanden, atmen die Unmittelbarkeit des Augenblicks.

Kießling arbeitet en plein air, setzt sich also direkt dem Wind, dem wechselnden Licht und der physischen Herausforderung der Landschaft aus. Das Ergebnis ist keine topografische Bestandsaufnahme, sondern eine energetische Entsprechung erlebter Spannungen und Rhythmen. Ihre Bilder wie Königsmoor, Birken vibrieren vor Dynamik; sie sind das Resultat eines Prozesses aus Auftragen, Übermalen und mutigen, teils unerwarteten Farbsetzungen. Hier wird das Moor nicht konserviert, sondern als ein pulsierender, ökologisch kostbarer Raum neu erlebbar gemacht.

Yvette Kießling ist im Süden Hamburgs keine Unbekannte. 2017 verweilte sie in Harburg als Stipendiatin des Vereins „Künstler zu Gast in Harburg“ (siehe Tiefgang „Flüsse sind identitätsbestimmend“) und 2025 stellte sie in Stade nach einer Forschungsreise zum Thema Dekolonialisierung nach Tansania aus (siehe Tiefgang „Deutsche und tansanische Perspektiven auf eine koloniale Sammlung“)

Die Schenkung durch die Fielmann-Museumsförderung ist dabei mehr als ein reiner Sammlungszuwachs. Wie Dr. Constanze Köster betont, verbindet dieses Engagement die Förderung norddeutscher Kultur direkt mit dem Bewusstsein für den Umweltschutz. Für den Museumsdirektor Dr. Sebastian Möllers ist dieser Neuzugang eine konsequente Fortführung der bisherigen Arbeit: Der Wandel des Moor-Sujets wird nun vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in unsere hochaktuelle, klimasensible Gegenwart anschaulich.

Dieser Neuzugang beweist einmal mehr, dass Museen keine statischen Schatzkammern sind, sondern Orte, an denen Geschichte ständig neu verhandelt wird. Kießlings markante zeitgenössische Position erinnert uns daran, dass das Moor auch heute noch ein Raum von höchster ästhetischer und kultureller Bedeutung ist.

  • Museen Stade | Wasser West 39 | 21682 Stade | Telefon: 0 41 41 – 79 773 0 | Webseite: www.museen-stade.de

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