Gerd Bernecke – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 14 Jan 2026 16:04:08 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Zwischen Normalität und Avataren https://www.tiefgang.net/zwischen-normalitaet-und-avataren/ Sun, 18 Jan 2026 15:48:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13131 [...]]]> Das Hamburger Kindertheater Treffen 2026 steht vor der Tür und bringt vom 20. bis 26. Februar eine Energie in die Stadt, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Unter dem Motto »Auf die Plätze!« zeigen die freien Kindertheater*innen, dass Bühne weit mehr sein kann als nur Märchenstunde. Es ist eine Werkschau des vergangenen Jahres, die so ziemlich alles abdeckt: von abenteuerlichen Geschichten bis hin zu utopischen Tanzperformances mit VR-Brillen.

Den Startschuss gibt das Theater Fata Morgana am 20. Februar im FUNDUS THEATER mit der Performance „Wie normal bist du denn?“. Ab 10 Jahren wird hier die Macht des Normalen hinterfragt – ein Thema, das in unserer heutigen Gesellschaft aktueller denn je ist. Wer es moderner mag, sollte sich „DANCE MACHINES“ von Regina Rossi am 24. Februar vormerken. Hier verschmelzen Gegenwart und Zukunft, wenn Menschen ab 11 Jahren mit speziellen VR-Brillen und Avataren in einen analog-virtuellen Raum eintauchen.

Das Festival ist ein Gemeinschaftsprojekt von ahap e.V. und kitsz e.V. und bespielt drei ganz unterschiedliche Orte: das FUNDUS THEATER, das HoheLuftschiff und das Flachsland – Hamburger Puppentheater. Jede Bühne hat ihren eigenen Charme, vom festen Haus bis zum Theaterschiff auf dem Wasser.

Theater für alle: Inklusion im Fokus

Besonders beeindruckend ist der diesjährige Fokus auf Barrierefreiheit. Dank zusätzlicher Förderung gibt es Angebote wie Audiodeskriptionen für Sehbeeinträchtigte, etwa bei „Nö. Ich. Zuerst.“ vom Theater am Strom am 21. Februar oder bei der Geschichte um den „Rollschuhdieb“ am 26. Februar. Auch für Menschen mit auditiven Einschränkungen wird mit „Die geheimnisvolle Kiste“ am 22. Februar gesorgt.

Die Bandbreite reicht dabei von den Allerkleinsten ab 2 Jahren bei „Wenn das Schaf nicht schläft“ bis hin zu Teenager*innen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda betont in seinem Grußwort treffend, dass diese Stücke die Facetten unserer Gesellschaft spiegeln und Themen behandeln, die Groß und Klein gleichermaßen beschäftigen. Es geht um Gerechtigkeit mit Robin Hood, um die Kraft der Kreativität bei „Prinz Eile“ oder einfach um den Mut, jemanden zu trösten.

Das Programm im Überblick

Die Vorstellungen finden über die ganze Woche verteilt statt, wobei das Wochenende perfekt für Familienausflüge ist:

Am Freitag, den 20. Februar, startet das Festival um 18 Uhr im FUNDUS THEATER mit der Performance über Normalität. Der Samstag, 21. Februar, bietet im FUNDUS THEATER ein volles Programm: Los geht es um 11 Uhr mit „Pokko und die Trommel“, gefolgt von „Nö. Ich. Zuerst.“ um 14 Uhr und der musikalischen „Klabauter-Kapelle“ um 16 Uhr.

Der Sonntag, 22. Februar, beginnt um 11 Uhr mit „Triff Robin Hood!“ im FUNDUS THEATER, während um 14 Uhr „Prinz Eile“ übernimmt. Um 16 Uhr lädt das HoheLuftschiff zur „geheimnisvollen Kiste“ ein.

In der Woche geht es am Montag, 23. Februar, um 10 Uhr auf dem HoheLuftschiff mit dem „Super-Kräfte-Chaos“ weiter. Am Dienstag folgt zur gleichen Zeit die multimediale Bewegungserfahrung „DANCE MACHINES“ im FUNDUS THEATER. Der Mittwoch, 25. Februar, widmet sich um 10 Uhr auf dem HoheLuftschiff dem kleinen Schaf, das nicht schlafen kann. Den Abschluss macht der „Rollschuhdieb“ am Donnerstag, 26. Februar, um 10 Uhr im Flachsland.

Tickets und Kontakt: Die Preise variieren je nach Spielort zwischen 8,00 € und 9,00 € für Kinder sowie 10,00 € bis 12,00 € für Erwachsene. Gruppenpreise liegen meist bei 6,00 € bis 8,00 €.

Reservierungen sind direkt bei den Spielstätten möglich:

Alle weiteren Infos finden Interessierte unter www.hamburger-kindertheater.de.

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Die Pianistin, der Flügel und die Hölle https://www.tiefgang.net/die-pianistin-der-fluegel-und-die-hoelle/ Fri, 12 Dec 2025 23:16:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13002 [...]]]> Manchmal ist ein Theaterabend kein Genuss, sondern eine Notwendigkeit. Im Januar 2026 bringt das Harburger Theater ein Stück auf die Bühne, das nicht nur unterhält, sondern regelrecht in die Seele zwingt: „Alice – Spiel um dein Leben“.

Es ist die Geschichte von Alice Herz-Sommer (1903 – 2014), der ältesten Holocaust-Überlebenden der Welt, und es ist ein Abend, der die ungeheure Frage stellt: Wie bewahrt man die Liebe zur Schönheit, wenn man vom Schrecken umzingelt ist?

Die Antwort findet sich in den 80 Tasten eines Klaviers. Das musikalische Ein-Personen-Stück von Autorin Kim Langner ist ein wahres Feuerwerk an Emotion und Recherche. Es ist der Versuch, das Unfassbare greifbar zu machen: Alice Herz-Sommers Zeit im Ghetto Theresienstadt. Dort, wo Tausende auf engstem Raum starben, gab die jüdische Pianistin Konzerte – über 100 sollen es gewesen sein. Mit ihrem sechsjährigen Sohn an der Seite, kämpfte sie mit jeder gespielten Note gegen die Verzweiflung, gegen die Verbitterung.

Genau diese Diskrepanz ist das elektrisierende Zentrum des Stücks: die himmlische Schönheit von Bach oder Chopin im Angesicht der Hölle. Kann Musik tatsächlich vor dem seelischen Zusammenbruch schützen?

Die Darstellerin, Natalie O’Hara (Produktion zusammen mit Michael Hildebrandt), die von François Camus inszeniert wird und von Matthias Stötzel musikalisch geleitet wird, hat sich tief in diesen Stoff gegraben. Zwei Jahre Recherche, Reisen nach Prag, Theresienstadt und Tel Aviv, Gespräche mit Alices Familie und Schüler*innen – das ist keine oberflächliche Nacherzählung, sondern ein zutiefst persönliches Unterfangen.

Ein-Personen-Stück mit Sogwirkung

Das Format des Ein-Personen-Stücks ist dabei genial gewählt. Es bündelt die ganze Kraft der Biografie, des Klavierkonzerts und des Schauspiels in einer einzigen Darstellerin. Natalie O’Hara muss die ganze Bandbreite von Alices unerschütterlichem Optimismus bis hin zu den Grauen des Ghettos tragen. Eine schauspielerische Herausforderung, die die Wucht des Erlebten direkt ins Publikum transportiert.

Wie gut ihr das gelingt, zeigt eine hochkarätige Anerkennung: Natalie O’Hara war für ihre Leistung bereits für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2023 in der Kategorie Darsteller*in Schauspiel nominiert. Wer ausgezeichnet wird, weiß, wie man aus einer wahren Geschichte ein emotionales Theatererlebnis formt, das nachhaltig bewegt.

Das Stück feiert seine Premiere in Harburg im Januar und wird insgesamt fünfmal aufgeführt: Am Freitag, den 9. Januar, und Samstag, den 10. Januar, jeweils um 19.30 Uhr, sowie am darauffolgenden Wochenende am Donnerstag, den 15. Januar, und Freitag, den 16. Januar, ebenfalls um 19.30 Uhr. Ein besonderer Termin ist der Sonntag, 11. Januar, um 15.00 Uhr, dem um 13.00 Uhr eine kostenlose Matinee vorausgeht.

Wer also im Januar in Harburg ins Theater geht, bekommt nicht nur ein Stück Zeitgeschichte präsentiert. Man begegnet der tief bewegenden Frage, was Menschlichkeit, Liebe und vor allem Musik in den dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts zu leisten vermögen. Ein intensiver und wichtiger Abend, der nicht nur die Ohren öffnet, sondern auch das Herz.

Harburger Theater | Museumsplatz 2 | 21073 Hamburg | www.harburger-theater.de

Kartenreservierung: 040 376 394 65

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Die Wahrheit ist kein Algorithmus https://www.tiefgang.net/die-wahrheit-ist-kein-algorithmus/ Fri, 31 Oct 2025 23:25:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12767 [...]]]> Hamburg ist nicht nur Tor zur Welt, es ist auch eine der großen Medienstädte Europas. Doch in den digitalen Gassen dieser Metropole wird die Währung, die uns alle am Leben hält, täglich entwertet: die Wahrheit. Fakt und Fake verschmelzen, Desinformation wird zur Waffe.

Daher ist die Hamburger Woche der Pressefreiheit vom 2. bis 8. November 2025 keine Kultur-Agenda, sondern eine notwendige, energische Intervention. Initiert von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und der Körber-Stiftung und getragen von über 40 Partner*innen, geht es in dieser Woche um eine glasklare Botschaft: Nachrichtenkompetenz ist die neue Schlüsselkompetenz, das Fundament unserer wehrhaften Demokratie.

Der offizielle Auftakt setzt ein bewusst aufsehenerregendes Zeichen. Am Montag, den 3. November, lädt der Senat unter dem Titel „Raise your Voice! Senatsempfang für junge Stimmen“ medieninteressierte Schüler*innen und Jugendliche ins ehrwürdige Rathaus.

Das ist klug gedacht, denn wer sonst kämpft täglich so sehr mit dem digitalen Chaos wie die junge Generation? Der Hamburger Kultur- und Mediensenator Dr. Carsten Brosda macht klar: Die Freiheit lebt davon, unabhängige Entscheidungen treffen zu können. Und dafür braucht es ein „Gespür für guten Journalismus“. Deshalb stehen beim Empfang keine grauen Eminenzen, sondern Persönlichkeiten wie Influencer Fabian Grischkat oder Minusch Afonso (News-WG-Host) im Zentrum. Es geht darum, nahbar zu zeigen, wie ein kritischer und kreativer Umgang mit Informationen aussieht, wenn man tagtäglich von Content überflutet wird.

Wie Prof. Manuel Hartung von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS es prägnant formuliert: Es braucht Menschen, die Quellen hinterfragen und Bilder kritisch einordnen. Die Woche der Pressefreiheit ist ein „starkes Zeichen“, weil sie Medienkompetenz mit mehr als 60 niedrigschwelligen Angeboten in die Fläche trägt – von der Schule bis in die Haspa-Filiale in Harburg oder Ahrensburg.

Das Besondere an dieser Aktionswoche ist ihre enorme Bandbreite, die von lokalen Workshops bis zur globalen Kulturpolitik reicht. Die Woche der Pressefreiheit blickt entschlossen über Hamburg hinaus und wird zum Gastgeber des Kampfes gegen die Autokratien.

Ein zentraler Block widmet sich dem Exiljournalismus. Eva Nemela von der Körber-Stiftung betont, dass Pressefreiheit ein Fundament der Demokratie ist und warnt vor der „beunruhigenden Zunahme von Repressionen“ weltweit. Die Stiftung veranstaltet mit dem Exile Media Forum (4. November) und dem Exile Media Lab (5. November) Deutschlands größte Fachkonferenz für diesen unerlässlichen Bereich. Highlights wie die Keynote der sudanesischen Exiljournalistin Amal Habani machen hier sichtbar, welche wichtige Rolle Journalist*innen spielen, die aus der Diktatur heraus über Desinformation aufklären.

Als Krönung dieser Solidarität werden am 6. November bei den „Free Media Awards 2025“ im Rathaus herausragende Journalist*innen aus Osteuropa ausgezeichnet – teils Menschen, die aktuell wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen.

Blicke hinter die Kulissen

Die Woche der Pressefreiheit lockt zudem mit einer Fülle an Programmformaten, die Lust auf guten Journalismus machen:

  • Der Medien-Marathon: Los geht es am Sonntag, 2. November, mit einer Live-Sendung beim NDR (unter anderem mit Ingo Zamperoni, Fabian Grischkat und der US-Digital-Expertin Nina Jankowicz).
  • Nah am Newsroom: Zahlreiche Medienhäuser – darunter NDR Info, RTL Nord, das ZDF und DER SPIEGEL – laden zu Redaktionsbesuchen und spannenden Blicken hinter die Kulissen ein.
  • Hochkarätiger Austausch: Ob mit dem deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, Fernsehmoderatorin Caren Miosga oder Schriftstellerin Thea Dorn – hochkarätige Panels, Keynotes und Fishbowl-Veranstaltungen laden zum kritischen Denken ein.
  • Zukunftswerkstatt: Die ARD veranstaltet in der Bucerius Law School eine zweitägige Konferenz mit 130 jungen Medienschaffenden zur Zukunft des Journalismus.

In einer Welt, in der die Wahrheit ständig zur Verhandlung steht, ist die Hamburger Woche der Pressefreiheit ein klares Statement: Die Zukunft der Demokratie hängt davon ab, dass wir alle lernen, Fakt von Fake zu unterscheiden. Ein intensives und wichtiges Programm für alle Altersgruppen.

Das gesamte Programm mit über 60 Veranstaltungen findet sich online unter: www.pressefreiheit.hamburg

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Harburg wird zum Gerichtssaal der Erinnerung https://www.tiefgang.net/harburg-wird-zum-gerichtssaal-der-erinnerung/ Fri, 17 Oct 2025 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12694 [...]]]> In Zeiten, in denen rechtsextreme Netzwerke erneut mit erschreckender Energie um sich greifen, ist die Kultur gefordert, sich zu positionieren. Sie muss mehr sein als nur schöne Fassade. Sie muss laut sein, fordernd, und die Leerstellen der Geschichte mit Wahrhaftigkeit füllen.

Am 6. November wird das im Herzen Hamburgs – genauer gesagt in Harburg – geschehen. Im Rahmen der Harburger Gedenkwochen im November 2025 holt der Harburger Integrationsrat zusammen mit weiteren Partnern wie der Interreligiöse Dialog in Harburg, Harburger Muslime, Omas gegen Rechts Hamburg-Süd das erfolgreiche Theaterstück „NSU-Monologe“ nach Harburg. Die Aufführung der „NSU-Monologe“ der Bühne für Menschenrechte ist nicht einfach nur Theater. Es ist eine hochpolitische Notwendigkeit. Das Stück zieht die Zuschauer*innen direkt hinein in einen der dunkelsten Komplexe der deutschen Nachkriegsgeschichte: den Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und das erschütternde, langjährige Versagen staatlicher Institutionen.

Das Trauma, das nicht enden darf

Zur Erinnerung: Zwischen 2000 und 2007 ermordete die rechtsextreme Terrorzelle, bestehend aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, zehn Menschen – neun Gewerbetreibende mit türkischem, kurdischem oder griechischem Migrationshintergrund sowie die Polizistin Michèle Kiesewetter.

Das eigentliche, zutiefst verstörende Trauma liegt jedoch im „zweiten Schock“: Über Jahre hinweg ermittelten die Behörden in die völlig falsche Richtung. Statt rechtsextreme Täter*innen ins Visier zu nehmen, wurde das Umfeld der Opfer kriminalisiert. Familien sahen sich plötzlich im Zentrum verdächtiger Nachfragen, ihre Trauer wurde mit Misstrauen beantwortet. Sie mussten das rassistisch motivierte Morden ihrer Angehörigen und die behördliche Demütigung gleichzeitig ertragen.

Der 2018 abgeschlossene, jahrelange NSU-Prozess in München führte zwar zur Verurteilung von Beate Zschäpe und Helfer*innen, ließ aber viele drängende Fragen unbeantwortet: Wer wusste Bescheid? Wie tief reichen die Verstrickungen in die Sicherheitsbehörden? Und warum konnte dieser Terror so lange unentdeckt – und scheinbar unwidersprochen – stattfinden?

Die Bühne als Archiv der Wut und Würde

Genau hier setzt das Konzept der „NSU-Monologe“ an, das so energisch wie notwendig ist. Das Stück basiert auf wortgetreuen Dokumenten und Zeugenaussagen, die in enger Zusammenarbeit mit den Angehörigen der Opfer entstanden sind. Die Bühne für Menschenrechte verzichtet auf fiktive Elemente; sie ist ein neutraler Raum, ein Archiv der Wahrhaftigkeit.

Im Mittelpunkt stehen die Geschichten von Elif Kubaşık, Adile Şimşek und İsmail Yozgat. Es sind die Stimmen der Überlebenden, die nach Jahren des Schweigens und der Anschuldigungen endlich Gehör finden. Sie erzählen von ihrem Kampf um die Rehabilitierung ihrer ermordeten Söhne und Väter, von ihrer unerschütterlichen Willensstärke, die Umbenennung von Straßen zu fordern, und von ihrem Mut, sich öffentlich gegen die von Behörden verbreitete „Döner-Mord“-Lüge zu stellen.

Das Format des Monologs ist dabei so schlicht wie genial: Es gibt den Opfern ihre Individualität und ihre Würde zurück, die ihnen durch rassistische Vorurteile und institutionelles Versagen genommen wurde. Es reißt die Perspektive vom rechten Terror-Trio weg und lenkt den neugierigen und kritischen Blick der Zuschauer*innen auf diejenigen, die zurückblieben und gegen das Vergessen kämpfen mussten. Die monologische Dichte erzeugt einen Sog von Empathie und Wut zugleich, der unter die Haut kriecht.

Dieses Theaterstück ist eine Einladung an uns alle, die Lektion des NSU-Terrors endlich anzunehmen: Es gibt keine Entschuldigung für das Wegsehen, und der Kampf um eine antirassistische und demokratische Gesellschaft ist noch lange nicht gewonnen. Die „NSU-Monologe“ sind somit kein Stück über die Vergangenheit, sondern eine hochaktuelle, drängende Intervention für die Gegenwart.

Die Aufführung der „NSU-Monologe“ in Harburg wird von einer Podiumsdiskussion oder einem Publikumsgespräch begleitet, um die sozialen und politischen Konsequenzen des NSU-Komplexes tiefgehend zu erörtern.

Do., 6. Nov., 18.30 Uhr: NSU-Monologe

Feuervogel – Bürgerzentrum Phönix | Maretstraße 50 | 21073 Hamburg | Eintritt frei!

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Kunst kann mehr! https://www.tiefgang.net/kunst-kann-mehr/ Fri, 03 Oct 2025 22:00:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12598 [...]]]> Die Institution, der die Deutschen am meisten vertrauen, ist nicht die Polizei oder die Regierung. Es sind ihre Museen.

Und: Ihr Kapital liegt noch weitgehend verborgen in Millionen von Nicht-Besucher*innen.

Gerade in Hamburg wird gerne leidenschaftlich und emotional darüber gestritten, welche Rolle die Kultur in Zeiten wachsender politischer Polarisierung und globaler Krisen einnehmen soll. Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg nimmt diesen Diskurs auf und lädt in seiner neuen, aufregenden Diskussionsreihe Kunst kann mehr! genau dazu ein. Der Anlass: eine bahnbrechende Studie, die den gesamten Kultursektor mit einem riesigen Geschenk – einem bisher ungeahnten Vertrauensvorschuss – beschenkt.

Das verborgene Kapital: Vertrauen als Fundament

Die vom Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin vorgelegte, bevölkerungsrepräsentative Studie „Das verborgene Kapital: Vertrauen in Museen in Deutschland“ beweist energisch und mit klaren Zahlen: Museen genießen im institutionellen Vergleich das höchste Vertrauen in der Bevölkerung. Sie schlagen damit Gerichte, die Wissenschaft und erst recht die klassischen Medien. Sie sind ein Ankerplatz in stürmischen Zeiten, ein Ort, der für Wahrheit und Verlässlichkeit steht.

Die Analyse der Studien-Autorinnen ist in Aufbau und Argumentation mustergültig klar: Dieses Vertrauen existiert zweigleisig und ist höchst komplex. Einerseits gibt es ein abstraktes Vertrauen als Vorschuss, welches die Menschen den Häusern als Institutionen schenken. Andererseits wächst das Vertrauen noch einmal deutlich mit jedem tatsächlichen Besuchskontakt.

Die Macht der „Nie-Besucher*innen“

Die wahre Sensation liegt jedoch in einem scheinbar unsichtbaren Publikum: den „Nie-Besucher*innen“. Die Studie enthüllt, dass Museen über ein enormes, bislang unaktiviertes Publikum verfügen, das den Häusern bereits mit Wohlwollen begegnet. Dieses Vertrauenskapital existiert selbst in Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen oder geringerem Bildungsgrad, die traditionell im Museum nur selten anzutreffen sind. Das Museum besitzt also einen Vertrauensvorsprung, der über die tatsächliche Nutzung hinausgeht – ein „verborgenes Kapital“, das nur darauf wartet, endlich gehoben zu werden.

Die Kernbotschaft der Forschung ist deshalb ein überzeugender und energischer Appell an die Kulturlandschaft: Museen sind weit mehr als nur Hüter der Vergangenheit. Sie sind ein Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Gegenwart. Die Kulturinstitutionen müssen dieses Vertrauen nun durch „gute Performanz in Form von ansprechenden Ausstellungen und weiteren Angeboten“ nutzen. Es geht darum, das passive Vertrauen in aktives Besuchsverhalten zu überführen und so die gesellschaftliche Relevanz kraftvoll zu stärken.

Die Autorinnen der Studie:

Hinter dieser fundierten Analyse stehen zwei Museums- und Forschungsexpertinnen. Prof. Dr. Patricia Rahemipour ist seit 2019 Direktorin des Instituts für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die Museumsgeschichte, innovative Wissenskommunikation und die gesellschaftliche Rolle von Museen, insbesondere im Hinblick auf soziale Kohäsion und Diversität. Kathrin Grotz, M.A. ist stellvertretende Direktorin des Instituts und forscht intensiv zur gesellschaftlichen Wirksamkeit von Museen, Evaluierung und Besucher*innenforschung.

Diskussion im Bucerius Kunst Forum:

Das Bucerius Kunst Forum greift diesen Befund auf und eröffnet die Reihe „Kunst kann mehr!“ mit einer Debatte zur politischen Verantwortung der Kultur. Ein Muss für alle, die wissen wollen, wie dieses unschätzbare Kapital nun genutzt werden soll.

Donnerstag, 16. Oktober, 19 Uhr: Krisen überall – Hat Kunst noch Relevanz? (Diskussionsreihe Kunst kann mehr!)

Bucerius Kunst Forum | Alter Wall 12 | 20457 Hamburg

Im Gespräch: Prof. Monika Grütters (Kulturstaatsministerin a.D.) und Dr. Carsten Brosda (Hamburger Kultursenator)

Moderation: Stefan Koldehoff (Deutschlandfunk) und Mandy Frick (ahoy radio)

Die vollständige Studie „Das verborgene Kapital: Vertrauen in Museen in Deutschland“ kann übrigens kostenlos beim Institut für Museumsforschung heruntergeladen werden: Studie www.smb.museum

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Familiengeheimnisse im Moor https://www.tiefgang.net/familiengeheimnisse-im-moor/ Fri, 05 Sep 2025 22:29:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12158 [...]]]> In der Wedeler Marsch verschwindet nicht nur eine Frau. Mit ihr versinkt auch ein jahrzehntealtes Geheimnis im Moor, das die Fundamente einer Familie zu erschüttern droht.

Katja Keweritsch nimmt die Leserinnen und Leser in ihrem neuen Werk auf eine Reise in eine Welt mit, die von unausgesprochenen Schmerzen und stillen Vereinbarungen geprägt ist. Ihr Roman entfaltet eine komplexe Geschichte um die Hamburgerin Mona, die in die Wedeler Marsch reist, um den 80. Geburtstag ihres Großvaters Karl zu feiern. Dort findet sie heraus, dass ihre Großmutter Annemie spurlos verschwunden ist. Es ist der Beginn einer Suche, die tiefer in die Vergangenheit reicht, als Mona je ahnen konnte. Statt eines Festes findet sie ein schmerzvolles Geheimnis, das das Leben der ganzen Familie bereits seit Langem beeinflusst hat.

Keweritschs Stil ist von einer eindringlichen sprachlichen Kraft geprägt. Sie nutzt eine bildhafte und metaphorische Sprache, die sich direkt in die Herzen und Köpfe der Leserinnen und Leser gräbt. Die Marsch selbst wird zur Protagonistin, ein lebendiger Organismus, der mitschwingt und die menschlichen Dramen reflektiert. Keweritschs Texte sind sinnlich und atmosphärisch, sie fangen die Gerüche der Erde und die Weite des Himmels ein. Die dichte, poetische Sprache schafft eine tief verwurzelte Erzählwelt, die trotz ihrer Schönheit auch das Unheilvolle greifbar macht. Etwa wenn es heißt:

„Die Stille der Marsch ist trügerisch. Sie ist kein Versprechen von Frieden, sondern ein Vorrat an unausgesprochenen Geschichten. Und im Moor, so lehrte es Annemie Mona als Kind, versinkt nichts wirklich. Es schlummert nur, bis der Wind es aufwirbelt und ans Licht zwingt.“

Uns erwartet ein Geflecht aus Lügen und unausgesprochenen Wahrheiten, das unter der Oberfläche der scheinbar idyllischen Marsch schlummert. Es geht um eine erste Tochter namens Iris, von der niemand wusste, um ein erzwungenes Versprechen, das zur Ehe führte, und um ein Schicksal, das das Fundament der ganzen Familie erschütterte. Man wird Zeugin oder Zeuge eines Puzzles, das Mona aus alten Andeutungen und der stillen Sprache der Marsch zusammensetzen muss, um das Geheimnis ihrer verschwundenen Großmutter zu lüften.

Katja Keweritsch, in einem friesischen Dorf aufgewachsen, ist Ethnologin und Journalistin. Ihre Studien führten sie von Hamburg und Köln bis nach Los Angeles, und sie lebte zeitweise in Mumbai und auf Sansibar. Heute wohnt sie mit ihrer Familie nahe Hamburg an der Elbe. Die Autorin ist bekannt für ihre sorgfältige Recherche und die Fähigkeit, komplexe menschliche Schicksale in atmosphärischen Erzählungen zu verarbeiten. Sie ist Mitglied der „Autorengruppe DELIA“, die sich der deutschsprachigen Liebesliteratur widmet. Zu ihren weiteren Büchern gehören »Die wundersame Reise der Bienen«, »Agnes geht« und »Alice und das Blau des Wassers«.

Was dieses Buch so besonders macht, ist das Zusammenspiel von Zeitgeist, Genre und stilistischer Umsetzung. Es reflektiert die universelle Frage nach der Bedeutung von Familiengeschichten und dem Umgang mit generationenübergreifenden Traumata. Der einzigartige, dichterische Stil und die atmosphärische Erzählweise der Autorin heben diesen Roman von anderen Familiensagas ab. Es ist eine packende Suche nach der Wahrheit und gleichzeitig eine Hommage an eine einzigartige Landschaft. Wer das Außergewöhnliche in der stillen Marsch sucht und sich für die Geheimnisse der menschlichen Seele begeistert, sollte diesen Roman in die Hand nehmen.

Katja Keweritsch: Das Flüstern der Marsch

Verlag Hoffmann und Campe, erschienen 5. September 2025, 384 Seiten

ISBN: 978-3-455-02015-1 | Preis: 26,00 EUR (D)

Lesung: Fr., 10. Okt. 19 Uhr: Lesung in der Stadtbücherei Wedel, Rosengarten 6, 22880 Wedel
Eintritt: 8,- €

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Geschichte in Trümmern https://www.tiefgang.net/geschichte-in-truemmern/ Fri, 22 Aug 2025 22:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12309 [...]]]> Was, wenn die Abrissbirne bald zur Hamburger Folklore gehört? Ein neues Buch der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zeigt jetzt, was in nur einem Jahr an kulturellem Erbe unwiederbringlich verloren gegangen ist – auch vor unserer Haustür.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz legt mit ihrem „Schwarzbuch der Denkmalpflege“ ein Dokument vor, das aufrüttelt und zugleich schmerzt. Es ist ein Verzeichnis der Verluste, der bewusst herbeigeführten Ruinen und der stillen, rechtlichen Aushöhlung von Schutzstatus. Ziel des Buches ist es, künftig jährlich aufzuzeigen, was an Geschichte und Einzigartigkeit in nur einem Jahr verloren ging, um so Bewusstsein zu schaffen und Wege aufzuweisen, wie Denkmalverluste zukünftig verhindert werden können.

Und es gibt gute Argumente: Denkmalschutz ist weit mehr als nur der Erhalt von Steinen. Es ist der Schutz von Erinnerung, Identität und Kultur. Die Autoren beleuchten verschiedene Ursachen für die Zerstörung, von „Abriss ohne Genehmigung“ über „Abriss trotz Einsatz vor Ort“ bis hin zur „Spekulation auf Abriss“. Das Buch zeigt auf, wie Denkmalschutzgesetze ausgehöhlt und Denkmalbehörden systematisch geschwächt werden.

Auch für Hamburg wird der traurige Befund des Schwarzbuchs nachvollzogen. Der geplante Abriss der Köhlbrandbrücke etwa: Ein architektonisches Wahrzeichen der Hafenstadt soll einem Neubau weichen, ohne dass eine ernsthafte Diskussion über den Erhalt geführt wird. Noch dramatischer ist die Situation der Sternbrücke, ein ikonisches Bauwerk, dessen Schicksal zwischen Denkmalschutz und dem Drang nach moderner Infrastruktur verhandelt wird. Das geplante Ersatzbauwerk, so die Kritik der Denkmalschützer, werde die Identität des Ortes unwiderruflich zerstören.

Ein weiteres unsägliches Kapitel in der Hamburger Denkmalpflege: die Schilleroper. Das Opernhaus, das einst als Theater mit 1400 Sitzplätzen diente, ist durch jahrelange Vernachlässigung dem Verfall preisgegeben. Ein bezeichnender Fall von „Spekulation auf Abriss“, bei dem private Interessen über das kulturelle Erbe gestellt werden.

Ein eigenes, brisantes Kapitel widmet sich den Bahnhöfen in Deutschland – einst mal die Visitenkarten der Städte und Orte. Die Deutsche Bahn baut nun vielerorts ihre Bahnhöfe um, was häufig aber auch mit einer Missachtung ihrer historischen Bedeutung einhergeht. Auch hier wird kritisiert, dass bei der Modernisierung zu oft historische Substanz geopfert wird, um „Funktionalität“ zu erzielen. So verschwinden unter dem Deckmantel der „Entwicklung“ kunstvolle Dächer, ornamentierte Hallen und historisch wertvolle Fassaden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fordert auch hier einen bewussteren Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz, denn Bahnhöfe seien nicht nur Verkehrsknotenpunkte, sondern auch Zeugnisse der Industrialisierung und der Mobilitätsgeschichte.

Das „Schwarzbuch der Denkmalpflege“ ist ein leidenschaftlicher Appell an alle Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung für unser gemeinsames Erbe zu erkennen und aktiv für den Erhalt einzutreten. Es zeigt, dass auch kleine Schritte und individuelles Engagement wichtig sind, um die Verluste zu stoppen und die Schönheit unserer gebauten Geschichte zu bewahren. Das Schwarzbuch macht deutlich: Es ist fünf nach zwölf, wenn es um unser kulturelles Erbe geht. Das Bewusstsein für die Bedeutung von Geschichte in unseren Städten muss dringend wieder gestärkt werden, damit das, was uns ausmacht, nicht einfach verschwindet.


Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Hg.): Das Schwarzbuch der Denkmalpflege. Ein Verzeichnis verlorener Geschichte 2023/24

284 Seiten

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