Leonie Althoff – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 05 Jan 2026 10:42:57 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Hamburgs Programm der Vielstimmigkeit https://www.tiefgang.net/hamburgs-programm-der-vielstimmigkeit/ Mon, 05 Jan 2026 10:42:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13084 [...]]]> Hamburg ist keine Monokultur, sondern vielmehr ein Remix, ein fortlaufendes Gespräch zwischen Kontinenten, Traditionen und mutigen Neuentwürfen. Dass dieses Gespräch nicht im privaten Raum verhallt, sondern auf die großen und kleinen Bühnen der Stadt drängt, ist auch eine Frage der politischen Prioritäten.

Für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien wieder ein deutliches Zeichen: Mit über 500.000 Euro wird der interkulturelle Austausch gefördert. Es geht um Sichtbarkeit, um das Aufbrechen von Stereotypen und um die Unterstützung von Teams, die mit unterschiedlichen Hintergründen das kulturelle Herz der Stadt zum Schlagen bringen.

Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: In diesem Jahr werden künstlerisch Geschichten erzählt, die ansonsten im Verborgenen blieben. Dabei reicht das Spektrum von den Köch*innen in unseren Restaurants über queere Tänzer*innen aus dem Iran bis hin zu afghanischen Musiker*innen. Es ist ein Bekenntnis zu einer diversen Gesellschaft, die ihre Kraft aus der Vielfalt ihrer Perspektiven zieht.

Strukturell wird dieses Engagement durch das Interkulturelle Forum untermauert, das seit Beginn 2026 unter der Koordination der erfahrenen Kulturproduzentin Elena Leskova steht. Sie wird für mindestens zwei Jahre die Vernetzung der interkulturellen Szene vorantreiben und ein Mentoring Programm für Künstler*innen mit Migrationshintergrund etablieren. Hier wird Professionalisierung großgeschrieben, damit Kreativität nicht an bürokratischen Hürden scheitert.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Projektförderung, für die eine Fachjury, bestehend aus Melisa Bel Adasme, Sam Schulz und Adnan Softić, insgesamt 100.000 Euro an 13 wegweisende Projekte vergeben hat. Eines dieser Vorhaben ist der Animationsfilm Küchenklänge von Zeynep Sıla Demircioğlu, der mit 10.000 Euro unterstützt wird und den oft überhörten Rhythmus und die Biografien in den Gastronomiebetrieben der Stadt einfängt. Ebenfalls mit 10.000 Euro gefördert wird das Musikfestival Hastam – Just because I am! der Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg, ein kraftvolles Statement für Selbstbehauptung und musikalische Freiheit südlich der Elbe.

Für den Bezirk Harburg und die angrenzenden südlichen Stadtteile gibt es besonders spannende Nachrichten. Der Afrikanische Frühling 2026, organisiert von Terra Africa e.V., wird mit 6.000 Euro gefördert. Dieser Verein ist ein fester Anker in der Harburger Kulturlandschaft und schafft es immer wieder, globale Diskurse und afrikanische Kunst direkt in den Bezirk zu bringen, um dort neue Begegnungsräume zu öffnen. Auch der Black History Month Hamburg 2026, der mit der höchsten Einzelsumme von 15.000 Euro bedacht wird, weist traditionell starke Berührungen mit Harburg auf. Durch dezentrale Veranstaltungen und Kooperationen sorgt die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland dafür, dass afrodiasporische Geschichte und Gegenwart auch im Hamburger Süden eine Bühne finden, die weit über den Elbtunnel hinaus strahlt.

In der Hamburger Innenstadt und im Schanzenviertel setzt M.Bassy mit der Ausstellung A Brownie Hawkeye von Gwendolyn Phillips Akzente. Die mit 8.000 Euro geförderte Schau nutzt die Ästhetik alter Kameras, um neue Blicke auf die Community zu werfen. Yolanda Gutierrez wiederum erhält 9.000 Euro für ihren Soundwalk BISMARCK-DEKOLONIAL reloaded, eine performative Auseinandersetzung mit den kolonialen Spuren im Stadtbild. Weitere Förderungen fließen in Projekte wie die Tanzperformance Silence Movement von Parichehr Bijani (6.500 Euro), die Film-Workshops Archives of Identity von Razi Uddin (5.850 Euro) oder das Symposium Art meets Technik von fluxus2 (5.000 Euro). Auch das Theaterstück Le monde est fou! von Isabelle McEwen (6.000 Euro), das Kiosk Festival NOGOODS von Danja Burchard (7.000 Euro), das Nachbarschaftsprojekt Schutzmantel von Razan Al-Sabbagh in Kooperation mit dem Goldbekhaus (6.000 Euro) sowie das Tanzprojekt Sangam: India Beyond Stereotypes von Akshatha Ramesh (5.650 Euro) bereichern das Programm.

Ergänzt wird diese Projektvielfalt durch die Festivalförderung aus der Kultur- und Tourismustaxe, die insgesamt 455.000 Euro umfasst. Hier wurden die Mittel teilweise deutlich aufgestockt. Das Festival fluctoplasma – 96 Stunden Kunst. Diversität. Diskurs. erhält nun 100.000 Euro, was einer Steigerung um 40.000 Euro entspricht. Das MUT! Theater darf sich für sein deutsch-türkisches Theaterbrücken-Festival über eine Erhöhung auf 20.000 Euro freuen. Große Institutionen wie das KRASS Kultur Crash Festival (150.000 Euro), die Altonale/STAMP (115.000 Euro) und das Programm in:szene der W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik (70.000 Euro) bleiben unverzichtbare Säulen einer Stadt, die verstanden hat, dass Kulturpolitik immer auch Gesellschaftspolitik ist.

Hamburg zeigt sich also auch 2026 neugierig, beweglich und bereit, den Vorhang für all jene zu öffnen, die unsere Stadt so unverwechselbar machen.

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Club-Hoffnung im Oberhafen-Dschungel https://www.tiefgang.net/club-hoffnung-im-oberhafen-dschungel/ Fri, 19 Dec 2025 23:15:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13011 [...]]]> Der Hamburger Oberhafen, einst ein raues Areal aus Gleisen und Güterhallen, pulsiert längst als Herzschlag der Kreativszene. Bald wird es um einen Club reicher.

Doch jede pulsierende Metropole braucht ihre Dunkelkammern, ihre Echokammern, in denen der gesellschaftliche Takt neu justiert wird: die Clubs. Und genau in diese Bresche springt nun ein neuer Player mit einem vielversprechenden Namen – das glimmer.

Wo früher der Club Moloch tobte, kehrt nun, nach einem transparenten Interessensbekundungsverfahren, die Nachtkultur zurück. Die Sanierung der Flächen im ehemaligen Lokschuppen läuft bereits, um für die Saison 2026/2027 ein neues Juwel der Clublandschaft zu enthüllen. Es ist ein entschlossenes Signal in einer Zeit, in der die Existenz vielerorts leider nicht sonderlich gut geht, aber in Hamburg das Potenzial der Szene sicherlich noch nicht erschöpft ist.

Die Entscheidung für das glimmer ist eine Bestätigung des Kurses, den die HafenCity und die Kulturbehörde seit Jahren im Oberhafen fahren. Senator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Entwicklung die Stärkung jener kulturellen Herzkammern, die für die Stadt so essenziell sind. „Der neue Club glimmer wird, gemeinsam mit den Clubs an den Deichtorkasematten, die Vielfalt der Musikstadt Hamburg bereichern“, sagt er. Die Vision ist klar: Die Gegend vom Klosterwall bis zum Oberhafenquartier entwickelt sich zur „kreativen Meile aus Musik, bildender Kunst, Fotografie und Kreativwirtschaft, die viel Platz für Kunst und Kultur bietet. Wir brauchen diese kreativen Herzkammern, in denen Kultur und gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen können.“

Diese kulturelle Verankerung wird von der HafenCity Hamburg GmbH aktiv vorangetrieben. Geschäftsführerin Christina Geib freut sich besonders, dass nun ein „ganz neuer Player die Hamburger Club-Szene bereichern wird“, an einem Ort, der mit der Halle 424 schon lange Pionierarbeit für Jazz und Klassik geleistet hat.

Mehr als nur Bässe: Das Kulturzentrum glimmer

Was Anton Burmester, Johann Kipping und Luke Mehrhoff vom Team glimmer in den Lokschuppen bringen, ist bewusst mehr als ein reiner Nachtclub. Ihr Konzept ist ambitioniert und tief in der Community verwurzelt. Das glimmer soll ein „Ort der Begegnung“ sein, ein Kulturzentrum, das den Namen verdient.

Die Basis bilden kuratierte Clubnächte und Veranstaltungen externer Kollektive, aber die wahre Innovation liegt in der Erweiterung des Spektrums. Die 548 Quadratmeter große Mietfläche, von denen 296 Quadratmeter der Veranstaltungsraum sein werden, wird durch Konzerte, Lesungen, Flohmärkte und Theater ergänzt. Zudem entstehen durch die Angliederung eines Studios und einer Werkstatt Räume, die der Bildung und Förderung der Community zugutekommen sollen.

Die Gründer des Clubs fassen ihre Motivation energisch zusammen: „Unseren Teil dazu beizutragen, dass die Szene wächst, ist eine herausfordernde Aufgabe, die wir mit viel Freude angehen.“

Der Erfolg des Projekts basiert auch auf einer wichtigen Lektion aus der Vergangenheit: dem ehemaligen Club Moloch. Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft, betont, dass die „wertvollen Erfahrungen aus dieser Testnutzung die Sanierung der Fläche entscheidend geprägt“ haben.

Das Resultat ist eine Lösung, die das Feiern in der HafenCity zukunftsfähig macht: Die neue Veranstaltungsfläche wird alle baurechtlichen Vorgaben, inklusive der Lärmanforderungen, erfüllen. Dies gewährleistet optimale Rahmenbedingungen für einen Clubbetrieb für bis zu 600 Personen und macht die Fläche zu einem „echten Juwel für Betreiber*innen“, die nun eine Genehmigung für lärmintensive Nutzungen wie Live-Musik erhalten.

Das glimmer ist somit nicht nur ein neues Ziel für die Musikstadt Hamburg, sondern vor allem ein strategischer Sieg für die Clubkultur. Es zeigt, dass die Stadt bereit ist, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Szene auf einem tragfähigen Fundament wachsen kann. Der Name ist Programm: Im Oberhafen erscheint ein neuer, heller Schimmer, der die Nacht erobern wird. Nun liegt es an den Betreibern, das Schiff aus dem Hafen in die offene See zu leiten.

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Jenseits des Metronoms https://www.tiefgang.net/jenseits-des-metronoms/ Fri, 28 Nov 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12927 [...]]]> Die Spitze des deutschen Jazz-Nachwuchses erhält neue Impulse: Mit der Berufung von Jörn Marcussen-Wulff zum Künstlerischen Leiter des Bundesjazzorchesters (BuJazzO) festigt sich eine bemerkenswerte Verbindung zur norddeutschen Musikszene.

Ab Januar 2026 wird Marcussen-Wulff, bekannt als Komponist, Arrangeur und Posaunist, das renommierte Ensemble in einer Doppelspitze gemeinsam mit Theresia Philipp leiten.

Was die Personalie besonders hervorhebt, ist die gemeinsame Schnittmenge in der Jugendförderung: Beide Künstlerpersönlichkeiten haben eine enge Bindung zum Landesjugendjazzorchester Hamburg (LJJO HH). Marcussen-Wulff steht dem LJJO HH derzeit als Künstlerischer Leiter vor, während Theresia Philipp, die bereits seit Anfang 2025 Teil des BuJazzO-Leitungsteams ist, ebenfalls eng mit der Hamburger Kaderschmiede verbunden war. Die Kontinuität an der Spitze des BuJazzO wird damit von Persönlichkeiten geprägt, die die Entwicklung von Talenten aus der anspruchsvollen Arbeit des Landesjugendjazzorchesters kennen.

Vom NDR bis zur Grammy-Nominierung

Jörn Marcussen-Wulff, der seinen Lebensmittelpunkt in Hannover hat, bringt eine außergewöhnliche Bandbreite an Erfahrung mit ins BuJazzO. Er ist Dozent für Komposition, Arrangement, Jazz-Theorie und Bigband an den Hochschulen in Weimar und Hannover. Darüber hinaus arbeitet er regelmäßig für führende Large Ensembles wie die NDR Bigband, das Metropole Orkest oder das Cologne Contemporary Jazz Orchestra.

Seine Musik steht für den neuen Zeitgeist europäischer Bigband-Arrangeure, die Konventionen aus dem Weg gehen und ihre eigene musikalische Sprache und ihren Ausdruck im Format Jazzorchester suchen und finden. Ein deutlicher Beleg für seine internationale Relevanz ist seine Beteiligung an erfolgreichen Veröffentlichungen, wie dem Album „If you really want“ von Raul Midón & dem Metropole Orkest, das sogar für einen Grammy nominiert wurde. Diese Vita, ergänzt durch Engagements wie die Teilnahme am renommierten Metropole Orkest Arrangers Workshop, belegt die kreative und professionelle Tiefe, die er nun in das BuJazzO einbringen wird.

Die Jury zeigte sich in ihrer Entscheidung überzeugt von den Konzepten Marcussen-Wulffs. Henning Vetter, Projektleiter des Bundesjazzorchesters, betonte, man freue sich sehr, mit Marcussen-Wulff eine „kreative, engagierte Persönlichkeit für die Künstlerische Leitung gewonnen“ zu haben, die zusammen mit Theresia Philipp „neue Impulse setzen [wird], die das BuJazzO für die Zukunft stärken.“

Dabei geht es dem neuen Leiter um mehr als nur um musikalische Exzellenz. Jörn Marcussen-Wulff legt Wert auf eine ganzheitliche Ausbildung der jungen Musiker*innen. Er äußerte sich dazu wie folgt: „Ich empfinde es als große Ehre, zusammen mit Theresia Philipp die Künstlerische Leitung des Bundesjazzorchesters zu übernehmen und die Entwicklung dieses Ausnahmeensembles in Zukunft mit prägen zu dürfen. Es ist eine große Bereicherung für mich, diese jungen Menschen ein Stück weit auf ihrem musikalischen Weg zu begleiten und mit ihnen gemeinsam in und an diesem besonderen Jazzorchester zu arbeiten.“

Besonders wichtig sei ihm dabei die Vermittlung erweiterter Kompetenzen: „Ich hoffe, dass ich den jungen Talenten mit meinen Erfahrungen und Ideen nicht nur künstlerisch weiterhelfen werde, sondern ihnen vermitteln kann, dass aus meiner Sicht noch viele weitere Themen wie zum Beispiel eine zeitgemäße Musikvermittlung oder ‚der Blick über den eigenen Tellerrand‘ zum Selbstverständnis eines/einer professionellen Musikschaffenden gehören“, führte Marcussen-Wulff aus. Dieses Engagement für die Jazz-Kultur zeigt sich auch in seinem ehrenamtlichen Wirken als 1. Vorsitzender der Jazzmusiker Initiative Hannover e.V. und als Preisträger des „Leinestern 2021“.

Mit Marcussen-Wulff und Philipp, zwei profilierten Köpfen, die die Herausforderungen der Jugendförderung und die Ansprüche der professionellen Szene aus erster Hand kennen, scheint das BuJazzO bestens gerüstet, um seine Rolle als wichtigste Nachwuchsschmiede des deutschen Jazz erfolgreich fortzusetzen.

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Musikunterricht adieu! https://www.tiefgang.net/musikunterricht-adieu/ Fri, 28 Nov 2025 23:08:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12920 [...]]]> Die Zahl ist ein Schock: Mindestens 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland drohen in den kommenden Jahren ihren Platz in der Musikschule zu verlieren. Diese dramatische Prognose ist das greifbare Ergebnis der sogenannten „MiKADO-Musik“-Studie.

Das kommt einem stillen Erdbeben in den Fundamenten der Kultur gleich: „Mangel an Nachwuchs im Künstlerisch-Pädagogischen Bereich an Ausbildungsinstituten in Deutschland und Österreich“, lautet die Prognose der Studie, die nun vom Deutschen Musikrat in Berlin vorgestellt wurde. Was sich hier auftut, ist keine Krise der Nachfrage, sondern eine des Angebots, eine existenzielle Bedrohung für die musikalische Breitenbildung.

Die MiKADO-Studie liefert erstmals eine breit empirisch abgesicherte Datenbasis, die das Problem unbarmherzig quantifiziert. Bis zum Jahr 2035 müssen in Deutschland Stellen bzw. Stellenanteile neu besetzt werden, die derzeit von rund 14.700 Musikschullehrer*innen ausgefüllt werden. Demgegenüber stehen lediglich rund 4.000 erwartete Absolvent*innen künstlerisch-pädagogischer Bachelor- und Masterstudiengänge.

Selbst unter günstigsten Annahmen können damit rund 73% der freien Stellen nicht mit entsprechend qualifizierten Nachwuchskräften besetzt werden. Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht sind tief in den Strukturen des Kulturbetriebs verwurzelt und reichen weit über die bloße Demografie hinaus. Die Studienergebnisse zeigen exemplarisch den Abwärtstrend: Die Zahl der weiblichen Studienanfänger*innen im künstlerisch-pädagogischen Bereich etwa sank von über 600 im Jahr 2010 auf nur noch rund 350 im Jahr 2022.

Die zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass es sich hier nicht nur um einen Mangel an Talent, sondern um ein massives Attraktivitätsproblem des Berufs handelt. Der Beruf der Musikschullehrer*in leidet unter einem doppelten Malus: schlechte strukturelle Bedingungen und ein tief verwurzeltes Imageproblem.

Einerseits beklagen die Befragten die häufig unzureichende Vergütung, unsichere Verträge und die hohe Arbeitsbelastung, die das widersprüchliche Berufsbild prägen. Viele lieben ihre Arbeit als Pädagog*innen – und ringen gleichzeitig mit den Bedingungen, unter denen sie stattfindet.

Andererseits enthüllt die Studie ein erschreckendes Hierarchieproblem in der Ausbildung: Der künstlerisch-pädagogische Studiengang (Instrumental-/Gesangspädagogik, IGP) wird oft als zweite Wahl wahrgenommen. Eine zitierte Teilstudie bringt das zynische Credo auf den Punkt: „Die Besten, die wirklich was können, studieren künstlerisch, die nicht so gut sind, studieren dann halt IP [Instrumentalpädagogik]“. Wenn die Musikpädagogik als „Plan B“ oder gar als „Verschwendung von Potenzial“ abgewertet wird, ist es kaum verwunderlich, dass junge, glühend motivierte Künstler*innen lieber ihr Glück in anderen, wenn auch unsicheren, aber prestigeträchtigeren Berufsfeldern suchen.

Die Studierenden, so ein weiteres Ergebnis, können ihre künstlerischen Fähigkeiten in anderen Berufen oft besser einbringen. Diese Abwanderung der kreativen Talente zugunsten von Selbstverwirklichung und besserer Bezahlung ist das stille Geständnis eines Scheiterns der aktuellen Förder- und Vergütungssysteme.

Die absehbare Katastrophe

Dabei kommt die MiKADO-Diagnose nicht aus heiterem Himmel. Die Ergebnisse bestätigen vielmehr „zahlreiche Erfahrungen der Musikschulen“ in den Landesverbänden, wie aus Nordrhein-Westfalen gemeldet wird. Die Probleme um prekäre Honorarverträge, das fehlende Image und die mangelnde Wertschätzung sind seit Jahren bekannt und in Fachkreisen diskutiert.

Die Studie liefert nun lediglich die harte empirische Währung für eine Entwicklung, die Musikpädagog*innen und Musikschulleitungen lange kommen sahen. Die Zeit des Zauderns ist damit vorbei. Die Präsidentin des Deutschen Musikrats, Prof. Lydia Grün, betonte bei der Vorstellung der Ergebnisse: „Die Ergebnisse der ‚MiKADO-Musik‘-Studie sind ein deutlicher Weckruf! […] Wir brauchen jetzt eine breite Allianz aus politischen Entscheidungsträger*innen und Ausbildungsinstitutionen. […] Die Zeit drängt.“

Die Forderung nach einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Sicherung der außerschulischen musikalischen Bildung ist die konsequente Antwort auf die Krise. Wenn das Musikland Deutschland nicht riskieren will, dass eine halbe Million Schüler*innen den Zugang zu einer prägenden kulturellen Erfahrung verliert, muss es die Strukturen jetzt neu denken – von der Wertschätzung des Studienfachs an der Hochschule bis hin zum fairen Gehalt für Musikschullehrer*innen in der Praxis. Andernfalls droht das schöne Spiel vom musikalischen Nachwuchs in Deutschland bald verstummt zu sein.

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Hamburger Rockförderung mit KI https://www.tiefgang.net/die-ki-wird-zur-hamburger-rock-und-popfoerderung/ Fri, 31 Oct 2025 23:11:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12789 [...]]]> Digitale Release-Prozesse gleichen für viele freie Musikschaffende einem unübersichtlichen Labyrinth, in dem das kreative Herz oft von administrativen Hürden erdrückt wird. Doch RockCity Hamburg e.V. hat dieser Überforderung nun ein technologisches Rettungsboot entgegengestellt. Mit Künstlicher Intelligenz.

Der neue Artist Navigator ist ein innovatives, kostenfreies KI-Tool, das seit dem 29. Oktober frei zugänglich ist beispielhaft demonstriert, wie technologische Transformation aktiv im Sinne der Künstler*innen gestaltet werden kann.

Die Veröffentlichung des Artist Navigator ist mehr als eine bloße Produktvorstellung; sie ist ein Meilenstein in der deutschen Popförderung. Während die Branche weiterhin über die Zukunft der KI debattiert, liefert Hamburg eine handfeste, künstler*innenzentrierte Antwort.

Das Herzstück des Navigators ist die strategische Verknüpfung von GPT-Technologie mit sorgfältig kuratiertem Fachwissen von RockCity und Branchenexpert*innen. Dieses „Rückgrat“, wie es Andrea Rothaug, Geschäftsführung RockCity Hamburg, nennt, soll Musikschaffende befähigen, ihren digitalen Release selbst zu organisieren. Sie betont: „Endlich können wir unseren Artists digital und kuratiert, zweisprachig und barrierefrei Hilfe bieten, ohne dass sie bei Anbieter*innen vierstellige Beträge für teure digitale Coachings ausgeben müssen oder an Öffnungszeiten gebunden sind.“

Der Einsatz der KI ersetzt die Kreativität nicht, sondern befreit sie. Senator Dr. Carsten Brosda sieht darin ein ideales Modell: „Der von RockCity vorgestellte Artist Navigator ist ein gutes Beispiel für einen sinnvollen Einsatz von KI, der Kreativität nicht ersetzt, sondern hilft, erfolgreich künstlerisch zu arbeiten.“

Der Live-Test: Was der Navigator wirklich kann

Um die wahre Tiefe des Artist Navigators zu verstehen, muss man ihn in Aktion erleben. Das Tool verspricht, Orientierung im komplexen Prozess von der Studioaufnahme über Social-Media-Bewerbung bis hin zu Vertrieb und psychischer Gesundheit zu bieten. Es ist diese ganzheitliche Perspektive, die den Navigator so wertvoll macht. Wir haben ihn getestet. Wir stellten dem Artist Navigator zwei typische Fragen, die vermutlich im Alltag vieler Musiker*innen auftauchen:

Eingabe: „Ich bin eine Newcomer*in aus Hamburg. Welche Förderungen passen zu mir, um mein erstes Musikvideo zu finanzieren?“

Antwort des Navigators „Basierend auf Deinen Angaben kommen die Film- und Musikförderung der Hamburger Kreativgesellschaft sowie die Projektförderung der BKM in Frage. Den nächsten Stichtag findest Du auf der webseite. Wir stellen Dir hier den direkten Link zum Antragsformular bereit und zeigen, welche Budgetposten Du realistisch ansetzen kannst.“

Eingabe 2: „Mein Song ist fertig gemastert. Was ist der nächste Schritt, um sicherzustellen, dass ich meine GEMA-Anmeldung und meinen Pre-Save-Link rechtzeitig aufsetze?

Antwort des Navigators: „Dein Master ist der Startpunkt für die 8-Wochen-Frist. Schritt 1 ist nun die Anmeldung Deiner Werke bei der GEMA – dies muss vor dem Release-Datum geschehen. Parallel dazu solltest Du bei Deinem Distributor den Pre-Save-Link mindestens 6 Wochen vor dem Release-Tag beantragen, damit die notwendigen Metadaten an Spotify und Apple Music übermittelt werden können. Hier ist eine Checkliste für die kommenden Wochen …“

Immerhin. Man bekommt eine Richtung und einen Austausch, der Schritt für Schritt für Orientierung sorgt.

Der große Unterschied zu allgemeinen KI-Plattformen wird durch Thomas Burhorn, Vorstand RockCity Hamburg und Mitglied der Band MEUTE, auf den Punkt gebracht: „Chat GPT weiß nicht unbedingt, welche Förderstellen in Hamburg zu Dir passen und wo Dir konkret weitergeholfen werden kann. Das Tool verbindet beide Welten und schlägt ganz konkrete Schritte für eine Releaseplanung vor.“

Die Essenz des Artist Navigators liegt genau in dieser Kuratierung: Er verbindet die immense Rechenleistung und Zugänglichkeit der KI mit dem echten Fachwissen der lokalen Szene. Er ist ein Instrument, das die komplexen Prozesse in „einfache, emphatische Nutzer*innenerlebnisse“ übersetzt, wie Dieter Pries von Hyperinteractive, die die App entwickelte, beschreibt. Damit ebnet Hamburg einmal mehr den Weg für eine menschlichere, modernere und vor allem künstler*innenzentrierte Zukunft der Popförderung. Das Hochgebirge bleibt eine Herausforderung, aber jetzt gibt es endlich einen sicheren Pfadweiser auf dem Weg zum Gipfel.

Man darf gespannt sein, ob das Arbeitern mit der KI dann auch zum gewünschten Erfolg führt.

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Hamburgs tonales Kapital https://www.tiefgang.net/hamburgs-tonales-kapital/ Fri, 17 Oct 2025 22:37:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12665 [...]]]> Musik ist längst kein „Nice-to-have“ in der Freizeit mehr, sondern messbarer Reiseanlass. Für 62 Prozent der befragten Tourist*innen sind Konzerte, Musicals oder Festivals ein Grund für ihre Reise nach Hamburg.

Das gleißende Licht des Reeperbahn Festivals ist kaum erloschen, da rührt Hamburgs Musikwirtschaft bereits den nächsten Trommelwirbel: Eine neue, umfassende Image-Studie belegt, dass die Musikszene der Hansestadt nicht nur ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor ist, sondern das emotionalste und wirksamste Kapital der gesamten Metropole.

Nachdem erst im September, im Rahmen des Reeperbahn-Festivals, die prekäre und zugleich kulturell unverzichtbare Rolle der Musikfestivals durch eine tiefgreifende Branchenstudie herausgearbeitet wurde, liegt der Fokus nun auf der Gesamtattraktivität: Musik ist der Herzschlag dieser Stadt und ihr entscheidender Vorteil im globalen Wettbewerb um Köpfe und Gäste.

Die „Musikwirtschaft Hamburg Studie 2025“ – beauftragt von Hamburg Music und der Handelskammer – ergänzt die harten ökonomischen Fakten der Vorjahre (über eine Milliarde Euro Bruttowertschöpfung der Branche) um die entscheidende psychologische Komponente. Das Fazit ist bestechend: Musikangebote sind für 71 Prozent der Hamburger*innen ein direkter, positiver Einfluss auf ihre Lebensqualität.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, fasst diese identitätsstiftende Kraft daher prägnant zusammen: „Musik gehört untrennbar zur kulturellen Identität Hamburgs.“ Sie reicht eben von der Elbphilharmonie bis hin zur vielfältigen Clubkultur, die gerade wieder beim Reeperbahn Festival Besuch aus der ganzen Welt angezogen hat.

Tourismus-Magnet Musik

Musik ist längst kein „Nice-to-have“ der Freizeitgestaltung mehr, sondern ein messbarer Reiseanlass. Für 62 Prozent der befragten Tourist*innen aus dem In- und Ausland sind Konzerte, Musicals oder Festivals ein ausschlaggebender Grund für ihre Reise nach Hamburg. National wird Hamburg sogar als Stadt mit dem attraktivsten Musikangebot wahrgenommen – ein Spitzenplatz, der Berlin im Städtevergleich hinter sich lässt.

Besonders im Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte wirkt das Musikangebot als unsichtbare, aber mächtige Anziehungskraft. Prof. Norbert Aust, Präses der Handelskammer, betont, dass diese lebendige Szene „uns auch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil im Ringen um dringend benötigte Arbeitskräfte verschafft.“ Musik, so die Quintessenz, macht die Stadt nicht nur liebenswert, sondern wirtschaftlich relevant.

Ebenso interessant ist die Rolle der Clubs. Obwohl Kino, Musicals und Gastronomie als Freizeitmöglichkeit höher bewertet werden, prägen Musikclubs (wie die Große Freiheit 36) das Image der Hamburger Musikszene stark. Sie sind der Ort, wo die vielfältige Clubkultur lebt.

Die Studie zeigt jedoch auch eine klare Herausforderung auf, die einen Handlungsauftrag für die Politik und die Branche selbst formuliert: die demografische Kluft in der Wahrnehmung der Marke „Musikstadt Hamburg“.

Während die älteren Bevölkerungsgruppen (über 50 Jahre) die Musik als tief verwurzelten Teil der Hamburger Identität empfinden (bis zu 72 Prozent Zustimmung), ist diese Verknüpfung bei den unter 35-Jährigen (nur 45 Prozent Zustimmung) noch deutlich schwächer ausgeprägt. Paradoxerweise gilt gerade für diese junge Zielgruppe das Musikangebot aber als am attraktivsten und bindet sie emotional am stärksten an die Stadt.

Alexander Schulz, Vorstandsvorsitzender von Hamburg Music, formuliert daraus die Konsequenz: „Die Zahlen sind aber auch ein klarer Handlungsauftrag: Um unsere Spitzenposition zu halten und international aufzuholen, müssen wir gezielt in die Zukunft investieren.“ Die Musikwirtschaft fordert eine Stärkung des Musikstadt-Marketings, insbesondere bei jüngeren und internationalen Zielgruppen, um diesen unschätzbaren Standortvorteil auch zukünftig voll auszuschöpfen.

Der Blick auf die Zahlen ist nüchtern, die Botschaft aber emotional: Hamburg muss in seine musikalische Seele investieren. Denn diese Seele ist es, die Menschen anzieht, bindet und die Stadt zu dem macht, was sie ist – eine führende Metropole, deren Takt von ihrer einzigartigen Musikszene vorgegeben wird.

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Der Wandel im Takt https://www.tiefgang.net/der-wandel-im-takt/ Fri, 19 Sep 2025 22:36:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12466 [...]]]> Hamburgs Ruf als Musikmetropole ist unbestritten. Doch jenseits des Glanzes, den das Reeperbahn Festival auch dieses Jahr wieder auf die Stadt wirft, verbergen sich die komplexen Herausforderungen einer Branche, die sich in einem tiefgreifenden Wandel befindet.

Beim jüngsten Musikdialog, zu dem Hamburgs Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda, die Spitzenvertreter*innen der deutschen Musikwirtschaft geladen hatte, wurde genau diese Zukunft leidenschaftlich und fundiert diskutiert. Es war eine Zusammenkunft, die in ihrer Essenz das Motto des Festivals „Imagine Togetherness!“ spiegelte: der Versuch, die drängenden Fragen der Branche in Solidarität zu beantworten.

In einer Welt, in der sich die Wertschöpfungsketten durch Streaming-Dienste verschoben haben und der wirtschaftliche Druck auf Live-Veranstaltungen wächst, steht die Musikbranche vor einem Scheideweg. Was sich wandelt, ist das gesamte Ökosystem: die Art und Weise, wie Musik konsumiert, finanziert und verbreitet wird. Festivals fungieren in diesem Wandel als ein entscheidendes Korrektiv, eine Art „Hochgebirge“, das es zu bezwingen gilt.

Ein zentraler Pfeiler der Konferenz war die erste umfassende, spartenübergreifende Studie zur Lage der Musikfestivals in Deutschland. Die Untersuchung, ein Gemeinschaftsprojekt der Initiative Musik, der Bundesstiftung LiveKultur und des Deutschen Musikinformationszentrums (miz), liefert handfeste Beweise dafür, dass Festivals mehr sind als nur kurzlebige Veranstaltungen. Ihre ökonomische, kulturelle und soziale Bedeutung ist immens. So zeigen die Daten, dass bundesweit jährlich rund 51.000 Konzerte auf Festivals stattfinden. Eine erstaunliche Zahl, die die Vitalität der Szene unterstreicht. Doch die wahre Bedeutung liegt in den Details: Fast 40 Prozent dieser Auftritte bieten Nachwuchskünstler*innen und -ensembles eine essenzielle Bühne, und 60 Prozent der Festivals beleben Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohner*innen. Dies ist keine Nebensache, sondern ein handfester Beweis für ihren Beitrag zur kulturellen Vielfalt und zur nachhaltigen Entwicklung der Musiklandschaft, insbesondere in nicht-urbanen Regionen. Die Festivals erweisen sich als die tragenden Säulen der musikalischen Demokratie.

Die Studie zeigt vor allem, dass die wirtschaftliche Lage vieler Festivals angespannt ist: Die durchschnittlichen Einnahmen von rund 313.000 Euro stehen Ausgaben von etwa 296.000 Euro gegenüber. Doch die Marge ist trügerisch, denn nur 15 Prozent der Festivals erzielen tatsächlich Gewinne, während ganze 30 Prozent mit einem Verlust abschließen. Die Finanzierung ist dabei eine Gratwanderung: Der größte Kostenfaktor sind die Künstler*innenhonorare, die durchschnittlich 38 Prozent der Ausgaben ausmachen. Auf der Einnahmenseite dominieren bei den Popularmusikfestivals Ticketverkäufe (39 Prozent), während sich Klassikfestivals primär über öffentliche Zuschüsse (40 Prozent) finanzieren.

Ein weiteres spannungsgeladenes Detail der Studie ist die Gagenverteilung, die die stark hierarchisierte Struktur der Honorierung im Festivalbereich schonungslos offenlegt. Während Hauptacts und Headliner im Schnitt 7.323 Euro pro Auftritt verdienen, erhalten Nachwuchskünstler*innen durchschnittlich lediglich 522 Euro – eine Spanne, die das ungleiche Gewicht der Marktteilnehmer*innen aufzeigt und die drängende Frage nach den Entwicklungschancen für neue Talente unterstreicht.

Der Bogen von den Festival-Erkenntnissen zur Solidarität in der Branche war kurz. Der Direktor des Reeperbahn Festivals, Detlef Schwarte, sprach in einem eindringlichen Impulsvortrag einen direkten Appell an alle Beteiligten aus: „Es braucht eine zukunftsstrategische Diskussion darüber, wer welchen Beitrag zur Zukunft des Musikökosystems leisten möchte oder auch leisten muss.“ Diese Worte verdeutlichen, dass es nicht mehr nur um das bloße Überleben geht, sondern auch um eine bewusste Gestaltung der Zukunft. Dr. Carsten Brosda untermauerte diese Botschaft mit den Worten: „Nur gemeinsam können wir den Wandel in der Branche erfolgreich meistern.“

Das, was an der Reeperbahn auf den Bühnen geschieht, ist die sichtbare Spitze dieses Eisbergs. Aber das, was im Hintergrund diskutiert wird, hat das Potenzial, die Art und Weise, wie Musik gemacht und erlebt wird, grundlegend zu verändern. Es ist die Aufgabe auch von uns Musikjournalist*innen, diese komplexen Zusammenhänge zu entwirren und die fachliche Tiefe der Diskussionen für ein breites Publikum erfahrbar zu machen. Ob es sich um das Reeperbahn Festival oder die bald stattfindende SuedKultur Music-Night handelt, es geht immer um das gleiche Prinzip: Die Musikbranche als ein empfindliches, vernetztes Ökosystem zu verstehen, in dem Solidarität und Zusammenarbeit die einzigen Wege sind, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

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Kunst, die bewegt und irritiert https://www.tiefgang.net/kunst-die-bewegt-und-irritiert/ Fri, 25 Jul 2025 22:14:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12181 [...]]]> Just zum Start der Sommerferien hat die freie Kulturszene in Hamburg noch einmal einen Grund zur Freude: Die Kulturbehörde hat die Gewinner des Elbkulturfonds 2026 bekannt gegeben.

Mit insgesamt 500.000 Euro werden sechs innovative Projekte unterstützt, die sich in besonderem Maße durch eine aktive Beteiligung der Stadtgesellschaft und einen Fokus auf den öffentlichen Raum auszeichnen.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda betonte, wie wichtig der Elbkulturfonds als Förderinstrument für die Vielfalt der Stadt ist. Er lobte die Künstler*innen dafür, dass sie die Zeichen der Zeit aufgreifen und die Stadtgesellschaft mit ihren Projekten zum Nachdenken und Mitmachen anregen. Tatsächlich zeigt die Auswahl der Jury, dass die freie Szene Hamburgs mit kreativen Interventionen und kritischen Beiträgen die Gegenwart spiegelt und die Vergangenheit neu bewertet.

Die Bandbreite der geförderten Projekte ist beeindruckend:

  • Beyond Borders: Love and Literature von Simoné Goldschmidt-Lechner (€ 50.000): Ein genreübergreifendes Angebot für Schreibende, das in unabhängigen Buchläden und Spielstätten in ganz Hamburg stattfindet und Orte des solidarischen Miteinanders feiert.
  • ReferenzBibliothek zu Kunst im öffentlichen Raum von Thiseas Efstathopoulos (€ 59.500): Ein digitales, barrierearmes Vermittlungstool, das die Geschichten hinter Hamburgs Kunstwerken und Denkmälern im öffentlichen Raum erzählt.
  • POPAGANDA von Clara Pazzini (€ 66.000): Eine antifaschistische Pop-Oper, die als Musiktheater-Umzug durch die Stadt zieht und dabei Konzert, politisches Happening und choreografierte Demonstration miteinander verbindet.
  • Night Shifts (AT) von Lisa Alice Klosterkötter (€ 88.000): In der Dämmerung werden Performances, Lesungen und Konzerte an ungewöhnlichen Orten wie einem Hafencontainer oder der Reeperbahn erforscht. Drei „Nachtwächterinnen“ führen das Publikum durch dieses Spannungsfeld von Licht und Schatten.
  • KLIMASTRÖME – Städte, Länder, Flüsse! von Caio Jacques Piaszek (€ 96.500): Ein Kunst- und Forschungsfestival für Kinder und Jugendliche, das künstlerische Zugänge zum Klimaschutz schafft und eine Plattform für den Austausch von Ideen und Ängsten bietet.

Postkoloniale Geschichte im Baakenhafen

Die höchste Förderung des Elbkulturfonds mit 140.000 Euro geht an Liz Rech für ihr Projekt (NOT A) COMMON GROUND. Die Künstlerin, die im Grenzbereich von Schauspiel, Performance, Installation und Aktivismus arbeitet, widmet sich der Aufarbeitung der Hamburger Kolonialgeschichte. Ihr performativer Beitrag rückt dabei den Baakenhafen in den Fokus. An diesem Ort wurden 1904 die sogenannten „Schutztruppen“ verabschiedet, die später unter Lothar von Trotha in Namibia einen Völkermord an den Volksgruppen der Herero und Nama verübten.

Mit ihrer Arbeit greift Rech die aktuellen kultur- und erinnerungspolitischen Debatten auf. Das Projekt wird im Frühsommer 2026 als Teil der Programmreihe „Counter Monuments“ der neuen Stadtkuratorin Joanna Warsza zu sehen sein – also an einem Ort, der auch im Gespräch ist für einen möglichen Neubau der Hamburger Staatsoper. Ein Projekt, das zeigt, wie die freie Szene Hamburgs wichtige gesellschaftliche Fragen aufgreift und sich aktiv in die Diskussionen um die Geschichte und Zukunft der Stadt einmischt.

Die unabhängige Fachjury, bestehend aus Elmar Lause, Tina Pfurr, Lorraine Suxdorf und Julian Warner, hat mit ihrer Auswahl sechs vielversprechende Projekte prämiert, die die kulturelle Landschaft Hamburgs im kommenden Jahr bereichern werden.

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