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Der Weg zu Hamburgs größter Ausstellung

Das wahre Kunstabenteuer beginnt dort, wo der Rahmen nicht an der Museumswand endet, sondern im eigenen Flur seinen Platz findet. Yasmin Delaneuve macht sich in einer vierteiligen Serie auf den Weg, die Kunst des (Ver-)Leihens zu ergründen …

Ein Blick in die Statistik der städtischen Depots ist oft ein trauriger Moment für die Kunst. Da lagern hunderte, tausende Werke – Zeugnisse schöpferischer Kraft, von denen die Öffentlichkeit nie etwas erfährt, weil sie im Dunkeln auf ihren nächsten, meist nie stattfindenden großen Auftritt warten. Denn sie für eine Ausstellung aufzubereiten kostet – zusätzlich zu den hoffnungsweise klimatisch gut konditionierten Depots. Doch was wäre, wenn man den starren Rahmen großer, ehrfurchtserbietender Museen sprengte und Kunst dorthin brächte, wo das Leben stattfindet? Die Antwort führt direkt zu einem Gedankenexperiment, das den Betrieb von Artotheken und Kunstleihen vom kaufmännischen Fundament bis zur utopischen Vision durchdenkt: Was würde Hamburg gewinnen, wenn es sich dieses Prinzip zu eigen machte?

Rechnet man die Realität herunter auf das, was eine Kommune oder Stadt für ein solches Projekt kalkulieren müsste oder bereits tut, zerstäubt das oft vorgeschobene Argument mangelnder Finanzierbarkeit. Raumkosten für Miete und Nebenkosten schlagen je nach Standort mit etwa 28.000 Euro zu Buche, Personalkosten für den laufenden Betrieb belaufen sich auf rund 30.000 Euro, ergänzt durch einen jährlichen Ankaufetat von 5.000 Euro sowie gut 1.500 Euro für Verpackungen und konservatorisches Material. Ob in Köln [1], Kiel [2], Bremen [3] oder Buxtehude [4] – die finanziellen Dimensionen bewegen sich auf überschaubarem Terrain.

Und dennoch entfalten diese Einrichtungen einen gesellschaftlichen und kulturpolitischen Wert, der auf keiner Bilanzseite vollständig abbildbar ist. Durch den niedrigschwelligen Verleih von Originalen fungieren Artotheken als lebendige Schnittstelle, die breite Bevölkerungsschichten an zeitgenössische Kunst heranführt und Berührungsängste abbaut. Gleichzeitig übernehmen sie eine zentrale Rolle bei der direkten Förderung von Künstler*innen sowie des künstlerischen Nachwuchses, indem durch regelmäßige Ankäufe finanzielle Stützung und dringend benötigte Sichtbarkeit geschaffen werden.

Besonders für jene Kunstschaffenden der zweiten und dritten Reihe, die abseits des großen Marktrummels oft auf prekäre Nebenzweige angewiesen sind und wenig gesellschaftliche Wertschätzung erfahren, würde ein solches System eine spürbare Aufwertung bedeuten. Ihre Arbeit würde nicht in der Anonymität verstauben, sondern im Alltag verankert. Für die hiesige Kunstszene wäre es aber auch eine lohnenswerte Ergänzung, denn in Zeiten von Instagram und Künstlicher Intelligenz kann kaum besser an die analoge Kunst und ihr Können herangeführt werden als durch eine intensive Selbstauseinandersetzung mit ihr.

Also, spinnen wir den Faden weiter: Was wäre, wenn unter dem Dach einer zentralen Kunstleihe in jedem Hamburger Bezirk eine eigene Dependance bestünde? Wie mir Heiko Langanke am Beispiel der Harburger Kunstleihe erläutert, ist dieses Modell vom Vereinskonstrukt und selbst der Webseite her schon so angelegt, dass eine solche Ausweitung jederzeit und ohne bürokratische Ungeheuer gelingen könnte. Die Wandsbeker können am besten über ihre lokalen Künstler*innen erzählen, die Harburger über ihre. Stile, Motive, Techniken und Kunstpositionen – „um so mehr, um so besser“, konstatiert Sabine Schnell von der Harburger Kunstleihe.

Hamburg stünde also plötzlich da mit einer Publicity, die ihresgleichen sucht: Eine Metropole, die ihren Bürger*innen Kunst als leistbares, flexibles „Geschenk auf Zeit“ anbietet, bricht mit allen elitären Konventionen. Mehr noch: Man könnte den oft beklagten Leerstand an prominenter Stelle in den Innenstädten und Quartieren nutzen, um diese Kunstleihstationen als leuchtende Publikumsbringer zu etablieren. Schaufenster, die sonst von Tristesse zeugen, würden zu offenen Galerien der Nachbarschaft.

Und was könnte Hamburg verlieren? Bequemlichkeit, die das Verwalten des Status quo so pflegeleicht macht? Ginge der etablierten Hochkultur etwa ein Stück Exklusivität verloren?

Am Ende würde vielleicht eher die Vision von Kunstleihe-Initiator Heiko Langanke real: Hamburgs größte Kunstausstellung – keine, die in sterilen Hallen stattfindet, sondern eine, die schnell mit mehr als 1.000 Werken in privaten Wohnungen, Arztpraxen, Handwerksbetrieben und Anwaltskanzleien glänzte. Immerhin sind allein durch die Harburger Kunstleihe schon jetzt gut 200 Werke stets in ständiger privater Ausstellung …

Ist das alles absurd? Keineswegs. Absurd ist vielmehr, dass wir eine Stadtgesellschaft haben, die nach Kultur hungert, 15 Euro oder mehr Eintritt für die Kunsthalle zahlt, während gleichzeitig in ihren Kellern die Kunst verstaubt, weil niemand den Mut hat, sie einfach freizulassen.

Wer Interesse am Konzept und an der Kunst selbst hat: Kunstleihe Hamburg e.V., Meyerstr. 26, 21075 Hamburg, www.kunstleihe-harburg.de [5]. Wer Artotheken an anderen Orten sucht, findet auf der Webseite des Deutschen Artothekenverbandes gute Orientierung: artothek.org/ [6]

Teil 1: Sharing-Geist ohne Kunst? [7]

Teil 2: Die Ästhethik des Teilens [8]

Teil 3.: Das Wohnzimmer als Kunst-Labor [9]


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