Serie „Der Wert der geteilten Kunst“, Teil 1v.4:

Sharing-Geist ohne Kunst?

Aktuell im Barlach-Haus zu bewundern: Ewald Mataré: Kleine liegende Kuh, 1929, Bronze, Museum Kurhaus Kleve – Dauerleihgabe des Freundeskreises Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V., Schenkung Sonja Mataré, Meerbusch-Büderich © VG Bild-Kunst, Bonn 2026 (Foto: Annegret Gossens)

Das wahre Kunstabenteuer beginnt dort, wo der Rahmen nicht an der Museumswand endet, sondern im eigenen Flur seinen Platz findet. Yasmin Delaneuve macht sich in einer vierteiligen Serie auf den Weg, die Kunst des (Ver-)Leihens zu ergründen …

Da steht man im Hamburger Ernst Barlach Haus, umgeben von der edlen Stille des weihevollen White Cube, und bewundert die meisterhaften, holzgeschnitzten Tiere und feinen Grafiken von Ewald Mataré. Die Retrospektive „Nichts ohne Natur“ (noch bis 11. Okt.) feiert den 1887 geborenen Bildhauer und Grafiker als einen der Großen der Klassischen Moderne – eine Ausstellung von Rang, für die Kulturbegeisterte gerne Eintritt zahlen und die in den Feuilletons gefeiert wird. Man schaut auf diese skulpturalen Meisterwerke, lässt den Blick über die Formen gleiten und ertappt sich unwillkürlich bei einem ganz alltäglichen, fast ketzerischen Gedanken: Wie würde sich dieses Tier aus Holz oder dieser feine Holzschnitt eigentlich im eigenen Wohnzimmer machen? Über dem Sofa? Im schlichten Flur, wo das Morgenlicht auf die Maserung fällt?

Im normalen Museumsbetrieb bleibt dieser Wunsch eine edle Illusion. Kunst gehört hier hinter Glas, auf Sockel, an die staatsmännisch beleuchtete Wand – konserviert, geschützt und für den alltäglichen Berührungskontakt tabu. Doch wer in Hamburg den Blick ein klein wenig weitet und sich aus den Hochglanzhallen der großen Institutionen in den Süden der Stadt wagt, dürfte überrascht sein. Denn nur ein paar S-Bahn-Stationen und eine Elbquerung weiter, versteckt in einer unscheinbaren Altbau-Ladenwohnung die Kunstleihe Harburg.

Hier schließt sich ein Kreis, den die offizielle Hamburger Kulturpolitik seit Jahrzehnten schlicht ignoriert. Wer dort seinen Blick über die vollbehangenen Wände streifen lässt oder direkt vor den Regalen blättert, traut seinen Augen kaum: Zwischen gut vierhundert Arbeiten meist lokaler Kunstschaffender tauchen plötzlich sie auf – zwei originale, authentische Kleinodien von ebenjenem Ewald Mataré: „Liegende Kuh nach rechts I“ (Holzschnitt, 1958) und „Kälbchen“ (Holzschnitt, 1934).

Kein millionenschwerer Museumsankauf, der im Tresor verschwindet, sondern handfeste, erlebbare Kultur. „Kunst auf Zeit, Zeit für Kunst“, so lautet das einfache, aber für die Kaufmannsstadt Hamburg revolutionäre Credo der Macher*innen vor Ort. Hier, in einer engen Ladenwohnung in einem durchaus inspirierenden Altbauviertel in Hamburg-Heimfeld, kann man sich genau diese Kunst für eine Handvoll Euro Leihgebühr einpacken, unter den Arm klemmen und mit nach Hause nehmen.

Der Kontrast könnte schärfer nicht sein. Während die Hamburger Kulturbehörde zigtausende Euro in den internationalen Kunstmarkt pumpt – man denke an die jüngste Erwerbung in Höhe von 2,4 Millionen Euro eines René Magrittes Le Palais de Rideaux der Hamburger Kunsthalle für den musealen Hochpreissektor –, geht die lebendige, lokale Basis leer aus. Aus dem zentralen Ankaufsetat werden Hamburger Künstler*innen kaum gezielt gefördert; wie der Senat auf eine Kleine Anfrage der Hamburger Bürgerschaft (Drs. 23/912 vom Juli 2025) einräumten musste, wird die Herkunft der Kreativen im Ankaufsetat „nicht gesondert statistisch auswertbar erfasst“.

Zwischen gut 400 leihbaren Kunstwerken findet sich wie selbstverständlich auch Ewald Matarés „Kuh rechts liegend“ (Foto: Y. Delaneuve)

Die Behörde für Kultur und Medien (BKM) ließ in der Vergangenheit auch so keinen Zweifel daran, was sie von einem städtisch gestützten Verleihmodellen hält: Man winkte ab und tat das Konzept intern als „nicht mehr zeitgemäß“ ab, nachzulesen in einer Anfrage (Drs. 20-2843.01) des Bezirks Harburg von 2017. Eine bemerkenswerte intellektuelle Volte in einer Stadt, die sich ansonsten gerne als hippe Metropole des modernen Sharing-Geistes inszeniert. Wenn Hamburg den Verleih von E-Rollern, Autos und Lastenrädern als zukunftsweisend feiert und die städtischen Bücherhallen längst eine florierende „Bibliothek der Dinge“ betreiben, in der vom Akkuschrauber bis zur Nähmaschine alles geteilt wird, was das Herz begehrt, soll ausgerechnet das Originalkunstwerk nicht in diesen Zeitgeist passen?

Die Kunstleihe Harburg zeigt seit nunmehr sieben Jahren und jeden Tag aufs Neue, dass das Modell mehr als aktuell ist. Sie zeigt, wie nah Kunst am Menschen sein kann, wenn man sie nur von der Kette lässt. Während also in den großen Museen die Mataré-Ausstellung bestaunt wird, beweist die kleine Ladenwohnung im Süden: Das wahre Kunstabenteuer beginnt eigentlich erst dort, wo der Rahmen nicht mehr an der Museumswand endet, sondern im eigenen Flur seinen Platz findet. Und damit sind sie keine Wegbereiter. Denn der Verleih von Kunst ist anderswo lange schon Alltag und kulturelles Selbstverständnis mancher Städte und Kommunen. In einer vierteiligen Serie mache ich mich daher auf den Weg, die Kunst des (Ver-)Leihens zu ergründen …

Nächste Woche Teil 2: Die Ästhetik des Teilens


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