- Tiefgang - https://www.tiefgang.net -

Der Eppendorf-Style

Meine Lieben, schnallt euch an! Habt ihr diese Woche auch die Geschichte von Patrice Bouédibéla verfolgt? Unser aller liebster Ex-MTV-Moderator ist auf romantischer Mission und sucht eine Frau, der er im Hamburger Norden begegnet ist.

Klingt erst mal nach großem Kino und Schmetterlingen im Bauch. Aber wenn man sich die Suchmeldung genauer ansieht, wird es eigentlich erst richtig amüsant.

Patrice beschreibt nämlich den absoluten Eppendorfer Standard-Look: Trenchcoat, Leggings, Cap. Die Haare? Blond und offen. Eben „Schnepfendorf“? Ganz ehrlich? Wenn ich am Isemarkt oder in der Eppendorfer Landstraße unterwegs bin, sehe ich gefühlt tausend Frauen, die exakt so aussehen. Das ist keine Personenbeschreibung, das ist eine Inventarliste der örtlichen Boutiquen! Wie will der gute Mann da jemals die Richtige finden? Das ist ja wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen – nur dass der Heuhaufen aus beigem Stoff besteht und Markenkappen trägt.

Man fragt sich ja schon: Ist das noch Mode oder ist das schon eine Uniformierungspflicht? Ob Sylvie Meis oder die Influencer*innen von nebenan – in Eppendorf scheint Individualität unter dem Schirm der Cap feinsäuberlich weggeatmet zu werden. Da glänzt der Ansatz, da sitzt der Mantel, und bloß kein Haar tanzt aus der Reihe. Es ist fast schon tragisch: Eppendorferinnen wollen besonders schick und exklusiv sein, und am Ende sind sie eine Kopie von der Kopie der Kopie.

Hier bei uns in Harburg würde so eine Suchaktion ganz anders ablaufen. Wenn hier jemand jemanden sucht, dann ist das die Frau mit der bunten Strickmütze am Kanal, der Typ mit der abgewetzten Lederjacke in der Lämmertwiete oder die Architektinnen mit den Farbflecken an den Händen am Binnenhafen. Wir Harburgerinnen brauchen keine Tarnkappe aus Luxus-Labels, um uns wohlzufühlen. Wir tragen unsere Ecken und Kanten mit Stolz spazieren, und das sieht man uns auch an.

Vielleicht sollten wir Patrice mal zu uns in den Süden einladen. Hier erkennt man die Menschen noch an ihrem Charakter und nicht an der Farbe ihres Trenchcoats. Hier ist der Frühling viel zu bunt für ein Einheits-Beige. Wenn eine Harburgerin Cap trägt, dann wahrscheinlich, weil sie gerade keine Lust auf Kämmen hatte oder weil der Wind an der Elbe mal wieder alles gibt – und nicht, weil es im Lookbook der Woche steht.

Mein Tipp für das kommende sonnige Wochenende: Traut euch ruhig mal, aus der Reihe zu tanzen! Seid bunt, seid laut, seid ihr selbst. Der rote Klinker, über den wir neulich sprachen, sieht nämlich viel besser aus, wenn darauf Menschen wandeln, die man auch ohne Lupe und Stilberater*innen voneinander unterscheiden kann.

Ich drücke Patrice trotzdem die Daumen. Vielleicht trägt seine Auserwählte ja wenigstens Socken in einer anderen Farbe – das wäre in Eppendorf ja schon fast eine Revolution.

Wir sehen uns dort, wo das Leben noch echt ist!

Eure Clara

Related Post

Druckansicht [1]     [2]

[3] [4] [5]