Das wahre Kunstabenteuer beginnt dort, wo der Rahmen nicht an der Museumswand endet, sondern im eigenen Flur seinen Platz findet. Yasmin Delaneuve macht sich in einer vierteiligen Serie auf den Weg, die Kunst des (Ver-)Leihens zu ergründen …
Man kommt aus der S-Bahn-Station Heimfeld ans Tageslicht, biegt links in die Bansenstraße und landet unmittelbar im charmanten, fast unerwartet schönen gründerzeitlichen Meyer-Viertel in Heimfeld. An der nächsten Ecke betritt man durch eine schmale Tür die Kunstleihe Harburg [1], des in Hamburg einzigartigen nichtkommerziellen Kunst-Verleihs, und betritt keinen sterilen Ausstellungsraum, sondern einen lebendigen Mikrokosmos voller kreativer Fundstücke. Kaum hat man den Raum betreten, zieht ein imposantes Kunstwerk sofort den Blick an: eine großformatige Arbeit von rund 150 mal 200 Zentimetern, gefertigt aus Papier und in Acryl gehalten, stammend von der international renommierten Tapisserie-Künstlerin Erika Sellmann-Büsching aus dem Osnabrücker Land. „Das Werk wurde uns angeboten und obwohl es zum Verleih eigentlich zu groß ist, konnten wir nicht Nein sagen“, beschreibt Sabine Schnell vom Verein Kunstleihe Hamburg diese schwelgerische Ausnahme. Hat man die räumlichen Kapazitäten dafür, ist dies ein Kunstwerk, das schlicht jeden Raum um ein Vielfaches aufwertet.
Der Blick wandert weiter durch den Raum und bleibt an einer vertrauten Miniatur hängen: Zwischen den hunderten Arbeiten im Bestand entdeckt man genau jene kleine, gerahmte Kostbarkeit wieder – Ewald Matarés „liegende Kuh nach rechts I“ – die den Bogen zur großen Museumswelt des Barlach-Hauses [2] schlägt.
Diese faszinierende Mischung aus lokaler Verwurzelung, hochkarätigen Schenkungen und dem direkten Draht zu den Menschen markiert den Kern des Artotheken-Prinzips. Was in Hamburg-Heimfeld im kleinen Rahmen zivilgesellschaftlich getragen wird, blickt im übrigen Bundesgebiet auf eine lange, strukturierte Tradition zurück.
Kunst als demokratisches Grundrecht
Die Geburtsstunde moderner Artotheken ist untrennbar mit den Aufbruchsbewegungen der späten 1960er- und 1970er-Jahre verbunden, in denen Kulturelle Teilhabe als demokratisches Grundrecht verstanden wurde. Ob Horst Dietzes Graphothek in Berlin-Reinickendorf (1968) oder die Kölner Artothek (1973) als Teil der Stadtbibliothek – die Idee war stets dieselbe: Originalgrafiken, Fotografien und Gemälde sollten aus den elitären Depots direkt in den Alltag der Bevölkerung wandern. Durch Verleih.
Heute existieren gut 140 Artotheken in der gesamten Bundesrepublik – von großen Metropolen bis hin zu engagierten Mittelzentren. Das Spektrum zeigt, wie pragmatisch Kultur funktionieren kann. Auch der Bundestag verfügt über eine eigene Artothek [3], in der Abgeordnete für ihre Legislatur sich mit eindrucksvoller Kunst umgeben können. Zum einen sind Kunstverleihe oft an Bibliotheken angebunden. Die Artotheken nutzen dabei bestehende Infrastrukturen, senken ihre Kosten und holen genau jene Laufkundschaft ab, die ohnehin zum Lesen kommt. Für kommunale Kulturämter dienen die Kunstverleihe meist als Instrument der doppelten Förderung – finanzielle Unterstützung lokaler Künstler*innen beim Ankauf und gleichzeitige Vermittlung an die bürgerliche Gesellschaft. Oft sind es aber auch unabhängige Träger und Vereine, die diese Rolle einnehmen – wie in Hamburg: Sie schlagen mit minimalen Budgets die Brücke zwischen den Ateliers und dem Publikum.

In diesen Städten ist der Griff zum Original so alltäglich wie das Ausleihen eines Buches. Man nimmt das Werk für ein paar Monate mit nach Hause, lässt es im eigenen Wohnzimmer wirken, um es schließlich gegen eine neue ästhetische Position einzutauschen. Es ist diese ständige Zirkulation, die den musealen Staub von der zeitgenössischen Kunst wischt und zeigt, dass das Verleih-Prinzip längst ein bewährter Standard der Kulturvermittlung ist. Und – wie ich erfahre – ist ein Kauf bei größter Liebe zu einem Werk trotz Leihprinzip kein Tabu. „Wir stellen bei Interesse gerne den Kontakt zur Künstlerin oder Künstler her“, so Sabine Schnell von der Hamburger Kunstleihe. „Und meist bekommen wir dann eben ein neues, anderes Werk. Nur Werke von verstorbenen Künstler*innen – da ist es uns meist wichtiger, dass möglichst viele noch ihrer Kunst gedenken.“
Netzwerk statt Verwaltung
Und die Arbeit der Kunstleihe Harburg erschöpft sich nicht in der bescheidenen Ausgabe von gerahmten Bildern. Aus dem gewachsenen, engen Netzwerk zur aktiven Kunstszene in Hamburg erwachsen Aktionen und Veranstaltungsformate, die weit über das klassische Verleihgeschäft hinausgehen. Es ist eine kulturelle Energie, die mit reinen behördlichen Fördergeldern und standardisierten Etat-Töpfen schlicht nicht freigesetzt würde.
„Es geht darum, Kunst direkt zu den Menschen zu bringen und Barrieren abzubauen“, erklärt Heiko Langanke von der Kunstleihe die Philosophie. Wenn Magazine wie Hinz&Kunzt [4] über das Projekt berichten, wird regelmäßig hervorgehoben, mit wie viel Herzblut und unbezahltem Engagement hier ein sozialer Raum geschaffen wird, den die offizielle Stadtverwaltung schlicht vermissen lässt: „Hier wird Kultur nicht verwaltet, sondern gelebt“, heißt es dort etwa. Und das sieht man auch daran, was dieser Kreis in den letzten Jahren auf die Beine gestellt hat. Während in den Ausstellungshäusern der Stadt während des Corona-Lockdowns die Rollläden heruntergingen, stemmte das Netzwerk mit SuedArt 2022 ein starkes Lebenszeichen mitten aus der Krise heraus. 40 Künstler*innen stellten zusammen aus und initiierten ein gemeinsames Kunstevent. Als kraftvolle Fortführung wurde mit der SuedArt24 eine Tour von Stade bis Harburg – entlang der S-Bahnlinie S5 – mit Kunstinstitutionen wie dem Schloss Agathenburg, dem Kunsthaus Stade, dem Marschtorzwinger Buxtehude oder der Falckenberg-Sammlung in Harburg inszeniert, der weit über seine geografischen Bezirksgrenzen hinausstrahlte. Mit dem Format des Kunstsalons schuf die Kunstleihe einen geschützten, diskursiven Ort für den intensiven Austausch über Kunst, Haltung und das kreative Handwerk jenseits des elitären Kunstmarkt-Geschehens. Und mit Rundgängen unter dem Slogan Kunst vor Ort führte man über Jahre an die erstaunlich vielseitige Kunst direkt im Harburger Stadtraum heran.
Hinzu kommen punktuelle Lichtblicke institutionalisierter Zusammenarbeit – wie etwa die Kooperation des Stadtmuseums Harburg (AMH) mit der Kunstleihe, bei der Leihgaben von Werken wie des Harburger Künstlers Carl Ihrke gezeigt wurden. Und aktuell werden Glasvitrinen einer Passage in der Harburger Innenstadt durch Künstler*innen des Kunstleihe-Netzwerkes ausgestellt. „So es sich ergibt, wollen wir unsere lokalen Künstler*innen einfach mehr Aufmerksamkeit schenken“, so Sabine Schnell.
Nächste Woche Teil 3: Das Wohnzimmer als Kunst-Labor
- Teil: Sharing-Geist ohne Kunst? [5]
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