Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 20 Apr 2026 08:14:48 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Neue Regeln für Airbnb & Co https://www.tiefgang.net/neue-regeln-fuer-airbnb-co/ Sat, 18 Apr 2026 22:32:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13647 [...]]]> Geht man heute durch Hamburg spazieren, sieht man an vielen Haustüren kleine Schlüsselsafes. Ein sicheres Zeichen: Hier wohnen keine Nachbar*innen, hier logieren Tourist*innen.

Allein für Harburg und nur bei Airbnb werden unter Suche unter „Hamburg-Harburg“ hunderte Angebote gelistet. Was für die einen ein netter Nebenverdienst oder ein unkompliziertes Urlaubsquartier ist, ist für die Stadt ein massives Problem im Kampf gegen die Wohnungsnot.

Am 20. Mai 2026 soll nun das Zweite Gesetz zur Änderung des Hamburgischen Wohnraumschutzgesetzes in Kraft treten. Eine Zäsur, denn Hamburg wartet nicht mehr darauf, dass Gastgeber*innen ehrlich ihre Belegung melden – die Stadt holt sich künftig die Daten nun direkt an der Quelle.

Bisher war die Kontrolle der sogenannten 8-Wochen-Grenze (so lange darf man die eigene Wohnung pro Jahr meist genehmigungsfrei vermieten) mühsame Handarbeit für die Bezirksämter. Man glich Inserate ab, zählte Bewertungen und hoffte auf Hinweise aus der Nachbarschaft. Damit soll bald Schluss sein. Basierend auf neuem EU-Recht müssen dann Plattformen wie Airbnb oder Booking.com künftig monatlich melden, wer wie oft über sie gebucht hat.

Was heißt das konkret?

  • Automatisierte Überwachung: Die Daten fließen über eine zentrale Schnittstelle direkt an die Behörden.
  • Keine Ausreden mehr: Wer die 8-Wochen-Frist reißt, fliegt im System sofort auf.
  • Wegfall der 50%-Regel: Bisher galt die Vermietung von weniger als der Hälfte der Wohnfläche als weitgehend frei. Diese „Zimmer-Vermietungs-Lücke“ wird geschlossen, da die Portale die Quadratmeterzahl nicht erfassen können. Jede Nacht zählt nun gegen das Kontingent.

Die 2. Seite der Medaille

Wie so oft im Recht stehen sich aber auch hier zwei berechtigte Interessen gegenüber:

Stadt versus Mieter*innen: Wohnraum ist in Hamburg ein rares Gut. Jede Wohnung, die dauerhaft als Ferienunterkunft zweckentfremdet wird, fehlt dem regulären Markt. Das Gesetz soll nun das Gemeinwohl schützen: Wohnraum soll zum Wohnen da sein, nicht zum Maximieren von Renditen durch Kurzzeitgäste.

Die Seite der Gastgeber*innen: Viele Hamburger*innen vermieten ein Zimmer, um sich die hohen Mieten in der Stadt überhaupt noch leisten zu können. Für sie bedeutet das Gesetz mehr Bürokratie und das Ende von Ausnahmeregelungen, die bisher legal waren. Die automatisierte Überwachung wird von Kritiker*innen zudem als gläserne*r Bürger*in im Bereich des privaten Wohnens kritisch beäugt.

Konsequenz

Hamburg wechselt nun also von der „Angebots-Regulierung“ zur „Vollzugs-Automatisierung“. Die Botschaft des Senats: „Wir haben jetzt die Daten, um unsere Regeln auch durchzusetzen.“ Aber ob die Technik zum Stichtag im Mai reibungslos funktioniert und wie die Behörden mit den nun leichter nachweisbaren Verstößen umgehen, wird die spannende Frage der kommenden Monate sein. Schon bei der Meldung von Mietwucher zeigten sich wesentliche Probleme in der Umsetzung. Und doch: ein erster Schritt ist getan.

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Abflug verpasst auf dem „Planet Harburg“? https://www.tiefgang.net/abflug-verpasst-auf-dem-planet-harburg/ Fri, 17 Apr 2026 22:08:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13637 [...]]]> Meine Lieben, schnallt euch an!

Eure Clara Klatsch hat sich diese Woche mal wieder die Hacken abgelaufen, und zwar direkt am Harburger Ring. Ich sag es euch, wie es ist: Wer beim Friseur mal kurz wegdöst, verpasst weniger als im ehemaligen Karstadt-Haus in zwei Jahren passiert ist!

Habt ihr das mit der NASA letzte Woche mitbekommen? Einmal ruckzuck um den Mond geflogen, Daten gesammelt, zack, fertig. Wahnsinn, oder? Und bei uns? Wir haben hier auch so einen Himmelskörper, den „Planet Harburg“. Aber während die im All mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind, scheint unser Planet eher in einem schwarzen Loch aus Aktenordnern festzustecken.

Man nennt es jetzt „Planet“, aber die einzige Bewegung, die ich dort sehe, ist der Staub, der sich sanft auf die Rolltreppen legt. Da passt der Name ja eigentlich: Im Weltraum hört dich niemand schreien – und im alten Karstadt hört man höchstens das Echo der großen Versprechen von 2024.

Und dann erst dieses „Kino“ im Erdgeschoss. Meine Lieben, ich war ja da. Wer ein rotes Samtgestühl und Popcorn-Maschinen erwartet, sollte lieber direkt weiter nach Buxtehude oder in die City düsen. Das Ganze ist ja eher ein gemütlicher Vortragsabend mit bewegten Bildern. Aber wisst ihr, was der Gipfel ist? Selbst dieses kleine ambitionierte Projekt wurde hinterfragt!

Da sitzen schlaue Köpfe zusammen und grübeln, ob das baurechtlich überhaupt ein Kino sein darf oder ob die „baurechtliche Nutzung“ als Vortragsraum durch die Filme gefährdet ist. Ich sag euch: Wenn wir in Harburg so lange über die Definition von „bewegten Bildern“ diskutieren, sind die Bilder im Film schon längst verblasst, bevor der Projektor warm gelaufen ist!

Was mich aber wirklich vom Hocker gehauen hat: Sogar unser Hamburger Stadt-Wolf war schneller! Der wurde letzte Woche eingefangen, bekam einen schicken Sender verpasst und ist schon wieder ausgewildert. Der Wolf hat jetzt eine Perspektive und die Behörden wissen, wo er ist.

Hätten wir dem Karstadt-Gebäude mal einen Sender verpasst, dann wüssten wir vielleicht auch, wo die Reise hingeht. Stattdessen warten wir immer noch darauf, dass die ersten Bücherhallen-Regale einziehen oder die VHS-Kurse starten. In der Zeit, in der die Stadt über Brandschutz und Toilettenreinigung im ersten Stock philosophiert, hätte der Wolf wahrscheinlich schon dreimal das gesamte Erdgeschoss markiert.

Meine Lieben, wir brauchen keine weiteren „Forschungswerkstätten“, in denen wir unsere Träume auf Pappe kleben. Wir brauchen jemanden, der einfach mal den Schlüssel umdreht! Sonst bleibt unser Planet Harburg am Ende nur das, was er gerade ist: Ein grauer Riese im Tiefschlaf, während der Rest der Welt (und der Wolf) an uns vorbeizieht.

Bussi, eure Clara!

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Durch Kultur die Welt neu erfunden https://www.tiefgang.net/durch-kultur-die-welt-neu-erfunden/ Fri, 17 Apr 2026 10:15:38 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13642 [...]]]> Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 1951. Deutschland liegt moralisch und physisch in Trümmern, das Vertrauen der Welt ist verspielt. In dieser frostigen Atmosphäre der Nachkriegszeit entsteht eine Institution, die heute, 75 Jahre später, als der wohl wichtigste Seismograph deutscher Identität im Ausland gilt. Das Goethe-Institut.

Jetzt feiert es Jubiläum, und wer genau hinschaut, erkennt: Hier wurde nicht nur Sprache vermittelt, sondern ein ganzes Land Stück für Stück neu erfunden. Vom steifen Kulturexport der Anfangstage bis zum mutigen Netzwerk für Freiheit und Nachhaltigkeit heute ist es eine Reise, die uns viel über unsere eigene Wandlungsfähigkeit verrät.

In den frühen Jahren ging es vor allem darum, ein anderes Deutschland zu zeigen. Man schickte Musiker*innen und Dichter*innen in die Welt, um den tiefen Schatten der Vergangenheit mit Hochkultur zu vertreiben. Doch das Institut blieb nicht in der musealen Pflege stecken. Mit den 1970er Jahren und den weltweiten Studierendenbewegungen wurde es politischer, kritischer und vor allem dialogorientierter. Es ging nicht mehr nur darum, was wir der Welt zu sagen hatten, sondern was wir von ihr lernen konnten. Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 öffnete Türen im Osten, die heute, in Zeiten neuer geopolitischer Spannungen, wichtiger sind denn je. In 75 Jahren hat sich das Goethe-Institut vom reinen Sprachlehrer zum globalen Moderator entwickelt, der dort Räume öffnet, wo sie anderswo oft geschlossen werden.

Ein besonders faszinierendes Beispiel für diese Neuerfindung ist der aktuelle Neubau in Dakar. Wer die Entwürfe des Pritzker-Preisträgers Francis Kéré sieht, spürt sofort eine neue Energie. Diese Architektur aus nachhaltigen Lehmziegeln ist ein klares Statement: Hier wird nicht einfach ein deutsches Gebäude in den Senegal gesetzt. Hier verschmelzen lokale Bautraditionen mit internationalem Anspruch. Es ist ein Ort der Begegnung, der Öffentlichkeit und Partizipation zusammendenkt.

Doch man darf dabei ruhig einen zweiten, neugierigen Blick riskieren. Es ist kein Geheimnis, dass ein solcher Standort in Westafrika auch als politisches Rahmenprogramm neuer Wirtschaftsbeziehungen fungiert. In den aktuellen Verlautbarungen fällt ganz offen der Begriff der Fachkräftemigration. Das Goethe-Institut agiert hier als Scharnier: Es bereitet Menschen sprachlich und kulturell auf einen Weg nach Deutschland vor, während es gleichzeitig die lokale Kulturszene stärkt. Das wirft spannende Fragen auf: Ist das noch reine Kulturarbeit oder bereits eine moderne Form der Soft Power, die wirtschaftliche Interessen mit kultureller Augenhöhe verknüpft? Es ist ein mutiger Spagat zwischen Idealismus und den Realitäten einer globalisierten Arbeitswelt.

Ein Jubiläum als Seismograph der Freiheit

Das Motto Wir in der Welt zieht sich wie ein roter Faden durch das Jubiläumsjahr 2026. Es geht dabei nicht um Selbstbeweihräucherung, sondern um das Sichtbarmachen von Verbindungen. Das Programm ist so vielfältig wie das Netzwerk selbst: In Berlin wird die Internationale Bibliothek der Dinge eröffnet, die 75 Gegenstände aus 62 Ländern zeigt – ein globales Schaufenster gelebter Nachhaltigkeit. Es gibt Literaturgespräche unter dem Titel Goethes Diwan und einen exklusiven Abend mit der Choreografin Sasha Waltz.

Was all diese Veranstaltungen eint, ist der Fokus auf die Freiheit. Die Präsidentin Gesche Joost betont es immer wieder: In Zeiten, in denen demokratische Institutionen weltweit unter Druck geraten, ist das Institut ein unverzichtbarer Rückzugsort für den freien Diskurs. Ob es um die Internationale Deutscholympiade in Mannheim geht oder um Projekte zur Dekolonisierung – das Goethe-Institut nutzt sein Jubiläum, um seine Rolle als Verteidiger offener Gesellschaften zu untermauern.

Wenn wir also fragen, wie sich Deutschland durch das Goethe-Institut neu erfunden hat, lautet die Antwort: Wir sind neugieriger und vielleicht auch ein Stück demütiger geworden. Das Institut hat uns beigebracht, dass Kultur kein Einbahnstraßensystem ist. Es hat uns geholfen, von der Last der Geschichte zu einer Verantwortung für die globale Zukunft zu finden. Ob in Dakar, Tokyo oder direkt vor unserer Haustür in Berlin – die nächsten 75 Jahre werden zeigen, wie stabil diese Brücken wirklich sind. Eines ist sicher: Die Begeisterung für den Austausch ist der Motor, der uns weiterhin mit der Welt verbindet.

Das Jubliäumsprogramm: Ein Roadtrip durch die globale Seele des Goethe-Jubiläums

Keine angestaubten Festschriften und steifen Empfänge: Wenn das Goethe-Institut seinen 75. Geburtstag feiert, dann fühlt sich das eher nach einem elektrisierenden Roadtrip durch die Kulturen an als nach einem klassischen Staatsakt. Das Programm für 2026 ist ein echtes Feuerwerk für alle, die wissen wollen, wie die Welt heute eigentlich tickt. Es ist laut, es ist bunt und es stellt genau die Fragen, die wir uns viel öfter stellen sollten. Hier sind die Highlights, die man diesen Sommer auf dem Schirm haben muss.

Die Internationale Bibliothek der Dinge

Los geht es am 29. April in der Berliner Heinrich-Böll-Bibliothek. Aber erwartet keine staubigen Regale. Die Internationale Bibliothek der Dinge präsentiert 75 einzigartige Gegenstände aus 62 Ländern. Jedes dieser Objekte erzählt eine ganz eigene Geschichte über Nachhaltigkeit und das tägliche Leben zwischen Rio und Rangun. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein einfacher Gebrauchsgegenstand zum Botschafter einer ganzen Kultur werden kann. Ein globales Schaufenster, das uns zeigt: Wir teilen auf diesem Planeten oft dieselben Probleme, aber wir finden herrlich unterschiedliche Lösungen dafür.

Wenn Worte wandern: Goethes Diwan

Im Mai und Juni wird es intellektuell, aber ohne den erhobenen Zeigefinger. Die Reihe Goethes Diwan bringt literarische Schwergewichte wie Nino Haratischwili und Judith Schalansky mit ihren internationalen Übersetzer*innen zusammen. In Städten wie Leipzig, Hamburg und Berlin geht es um mehr als nur um korrekte Vokabeln. Es geht um das Wandern von Gedanken über Sprachgrenzen hinweg. Wer schon einmal versucht hat, ein Gefühl in eine andere Sprache zu retten, weiß, welche Magie in diesem Prozess steckt. Diese Abende sind eine Liebeserklärung an die Zwischentöne und die Kunst des Verstehens.

In den hiesigen Literaturhäusern wird dann nicht nur gelesen, sondern leidenschaftlich über die Kraft der Übersetzung debattiert.

Es ist eine faszinierende Konstellation: Mit Nino Haratischwili und Judith Schalansky kommen zwei der prägendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur nach Hamburg. Doch der Clou ist ein anderer: Sie bringen ihre Übersetzer*innen mit auf das Podium. Das ist so mutig wie notwendig, denn wer versteht die Seele eines Textes besser als diejenigen, die jedes Wort, jede Nuance in eine andere Sprache retten müssen?

In einer Zeit, in der die Welt oft in schwarz-weiß-Mustern denkt, setzt dieser Dialog ein wichtiges Zeichen. Es geht um die Wanderung von Gedanken über Grenzen hinweg. Die Kooperation zwischen dem Goethe-Institut und unseren lokalen Literaturhäusern zeigt dabei einmal mehr, wie eng Hamburg mit dem globalen Kulturnetz verflochten ist. Das ist Kulturpolitik auf Augenhöhe – nahbar, lebendig und ohne Berührungsängste.

Die Perspektive ist dabei konsequent neugierig. Wir fragen nicht nur, was ein Text bedeutet, sondern wie er in einer völlig anderen Kultur ankommt. Was bleibt von Schalanskys Naturbeobachtungen oder Haratischwilis monumentalen Familiengeschichten übrig, wenn sie in fremden Ohren klingen? Es ist ein Fest für alle Sprachakrobat*innen und Literaturbegeisterten, die wissen, dass ein gutes Buch immer erst der Anfang eines Gesprächs ist.

Rhythmus und Rebellion: Von AMAN, AMAN! bis Sasha Waltz

Mitte Juni verwandelt sich das Berliner SİNEMA TRANSTOPIA in einen Schmelztiegel für den östlichen Mittelmeerraum. Das Festival AMAN, AMAN! serviert drei Tage lang eine wilde Mischung aus Konzerten, Listening Sessions und kulinarischen Interventionen. Es ist genau diese Art von Nahbarkeit, die das Goethe-Institut heute ausmacht: Kultur geht durch den Magen, durch die Ohren und direkt in die Beine.

Apropos Beine: Der 26. Juni markiert einen echten Gänsehaut-Moment. Die weltberühmte Choreografin Sasha Waltz konzipiert mit ihrer Compagnie einen speziellen Dialoge-Abend im Haus der Berliner Festspiele. Eine tänzerische Hommage an 75 Jahre kulturelle Zusammenarbeit. Wer die Kraft und Präzision von Sasha Waltz & Guests kennt, weiß, dass dies kein gewöhnlicher Auftritt wird, sondern eine visuelle Eruption, die zeigt, wie Körper Geschichten ohne ein einziges Wort erzählen können.

Sprache als Sport: Die Internationale Deutscholympiade

Dass Deutschlernen alles andere als trocken sein kann, beweist im Juli die Internationale Deutscholympiade (IDO) in Mannheim. Junge Menschen aus rund 60 Ländern treten hier an. Aber hier geht es nicht um Grammatik-Pauken bis zum Umfallen, sondern um Begegnung. Wenn Jugendliche aus der ganzen Welt in Mannheim zusammenkommen, um gemeinsam an ihrer Zukunft zu basteln, dann spürt man die verbindende Kraft von Sprache am deutlichsten. Es ist ein lebendiges Labor für Vielfalt und ein Beweis dafür, dass Neugier die beste Motivationssprache ist.

Ob beim Tanz in Berlin, bei den Geschichten in der Bibliothek oder beim Mitfiebern in Mannheim – das Goethe-Institut beweist, dass es mit 75 Jahren mitten im Hier und Jetzt steht. Eine Feier der Perspektiven, die uns daran erinnert, dass der Dialog das wichtigste Fundament unserer Gesellschaft bleibt.

Weitere Informationen unter www.goethe.de

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Vögel auf dem Drahtseil https://www.tiefgang.net/voegel-auf-dem-drahtseil/ Tue, 14 Apr 2026 22:38:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13630 [...]]]> Es gibt Traditionen, die eine Stadt nicht nur schmücken, sondern sie im Kern definieren. In Buxtehude ist das die Kunstinsel.

Seit 2009 verwandelt sich der kleine Ponton auf der Este alljährlich in eine Bühne für die regionale Kunstszene. Initiiert wurde das Ganze einst von Jürgen K.F. Rohde, und seitdem hat sich die schwimmende Plattform zu einem echten Leuchtturm im öffentlichen Raum entwickelt. In diesem Jahr, zur 18. Ausgabe, kehrt ein alter Bekannter zurück: Folkert Bockentien bespielt die Insel zum dritten Mal und bringt eine Installation mit, die so leichtfüßig daherkommt, wie ihr Titel es verspricht, und doch eine enorme Tiefe in den Wellen verbirgt.

Der Titel der Installation, balance 3, birds in balance, weckt sofort Assoziationen. Wer denkt bei Vögeln auf einer Stange nicht unweigerlich an Leonard Cohens unsterbliche Zeile like a bird on a wire? Bockentien fängt genau dieses Gefühl ein: den Moment zwischen Innehalten und Abflug, zwischen absoluter Ruhe und plötzlicher Bewegung.

Das Spannende an seiner Arbeit ist ihre Reaktivität. Diese drei stilisierten Vögel aus gelbem und blauem Sperrholz sind keine statischen Monumente. Sie reagieren auf den Wind, der durch das Estetal zieht, und auf die Wellen, die gegen den Ponton schlagen. Es ist ein lebendiger Dialog mit der Natur. Was auf den ersten Blick wie eine spielerische Skulptur wirkt, ist eine technisch präzise ausbalancierte Konstruktion, bei der im Inneren Bleigewichte dafür sorgen, dass das fragile Gleichgewicht gewahrt bleibt – ein schönes Sinnbild für unsere eigene Suche nach Stabilität in bewegten Zeiten.

Die Farbwahl in Gelb und Blau ist ein kluger, vielschichtiger Schachzug. Natürlich sind es die Farben der Hansestadt Buxtehude, eine klare Liebeserklärung an die Heimat. Doch im Jahr 2026 schwingt in dieser Kombination unvermeidlich auch die Solidarität mit der Ukraine mit. Es ist bezeichnend für Bockentiens Prozess, dass er sich von der ursprünglichen Idee – dem Schwarz-Weiß-Blau der Elstern in seinem Garten – weg zum Leuchtenden, Signalhaften bewegt hat. Er möchte ein buntes Stückchen Buxtehude schaffen, das die Sinne anregt und den Blick weitet.

Doch hinter der ästhetischen Freude verbirgt sich eine ernste ökologische Reflexion. Der Titel spielt auf eine Balance an, die in der Realität längst verloren gegangen ist. Während die hölzernen Vögel auf der Este sanft im Wind schaukeln, schlägt der NABU Deutschland Alarm: Die Bestände der Feldvögel sind seit 1980 um bis zu 88 Prozent eingebrochen.

Bockentiens Werk wird so zu einem Mahnmal der Abwesenheit. Es macht auf das aufmerksam, was wir immer seltener hören und sehen. Die Kunstinsel wird zum Resonanzraum für ein Thema, das uns alle angeht. Es ist diese Mischung aus lokaler Verbundenheit, handwerklicher Präzision und globaler Relevanz, die die Kunstinsel Jahr für Jahr so unverzichtbar macht.

Bevor die Vögel ihre Balance auf dem Wasser finden, ist Muskelkraft gefragt. Wie in jedem Jahr wird die Insel mit tatkräftiger Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr zu Wasser gelassen – ein wunderbares Beispiel für das Ineinandergreifen von Kultur und bürgerschaftlichem Engagement in der Stadt. Wenn am 25. April die offizielle Eröffnung gefeiert wird, wird Buxtehude einmal mehr beweisen, dass Kunst nicht in geschlossene Räume gehört, sondern mitten ins Leben, dorthin, wo das Wasser fließt und der Wind weht.

Installation: Folkert Bockentien – balance 3, birds in balance

Eröffnung: Samstag, 25. April 2026, 13 Uhr

Auf der Este, Höhe Stadtpark / Zwischen den Brücken 8, 21614 Buxtehude

Die Installation wird für ein Jahr auf der Este und bei freiem Eintritt zu sehen sein.

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Eine Hommage an Heidi Meyer https://www.tiefgang.net/eine-hommage-an-heidi-meyer/ Mon, 13 Apr 2026 22:33:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13593 [...]]]> Die Buxtehuder Künstlerin Heidi Meyer verabschiedet sich mit einer beeindruckenden Werkschau vom Kunstbetrieb.

Wenn sich am Die., 28. April 2026 die Türen des Buxtehuder Marschtorzwingers für die Ausstellung Geschriebene Farben öffnen, schließt sich ein beeindruckender Lebenskreis. Für die in Hamburg geborene und heute in Buxtehude lebende Künstlerin Heidi Meyer ist diese Schau die letzte ihrer öffentlichen Karriere. Es ist ein Abschied voller Dankbarkeit, ein bewusster Rückzug aus dem Ausstellungsbetrieb, der jedoch keineswegs ein Verstummen bedeutet. Vielmehr ist es die Krönung eines Werkes, das die Grenzen zwischen Kontinenten, Techniken und philosophischen Ansätzen über Jahrzehnte hinweg aufgelöst hat.

Wer die großformatigen Arbeiten Heidi Meyers betrachtet, stößt auf eine faszinierende Verbindung aus fernöstlicher Zurückhaltung und westlicher Abstraktion. Die Technik, mit der sie Papier eigenhändig auf Holzrahmen aufzieht und bearbeitet, hütet sie wie ein kostbares Geheimnis. Dahinter steckt kein bloßer Schutz vor Nachahmung, sondern eine tiefgehende Überzeugung: Jede*r Künstler*in muss den eigenen Weg, die eigene Haptik und den eigenen Widerstand des Materials selbst erproben und finden. Es geht um die Freiheit des Experiments.

Diese Freiheit prägte auch ihre Zeit als Hochschuldozentin an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Das gemeinsame Erkunden, wie Wasser auf verschiedenen Papiersorten reagiert oder wie eine Linie im Raum atmet, war ihr wichtiger als starre Vorgaben. Ihr Werk fordert ein Nachspüren der Natur und das In-Verbindung-Setzen mit der Farbe, was ihr selbst, wie sie sagt, ein Gefühl des Seins gibt.

Zwischen Osaka, Paris und der Geest

Meyers Biografie liest sich wie eine Landkarte der Weltkunst. Lange Jahre lebte und arbeitete sie in Japan, einem Land, zu dem sie eine tiefe spirituelle und künstlerische Verbundenheit entwickelte. Ihr Stil der geschriebenen Malerei ist ohne die Einflüsse der japanischen Kalligrafie und Formensprache kaum denkbar. Dass der japanische Kaiser gleich dreimal die Schirmherrschaft für ihre Ausstellungen unter dem Titel Japan in Deutschland übernahm, unterstreicht die außergewöhnliche Relevanz ihres Schaffens im interkulturellen Dialog.

Ihre Werke hängen heute an Orten von globaler Strahlkraft: vom Rathaus in Osaka über das Goethe-Institut in Hanoi bis hin zu bedeutenden Sammlungen in Paris, Singapur und den USA. Auch nationale Institutionen wie die Staatsgalerie Stuttgart oder das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg führen ihre Arbeiten. Doch trotz dieser Weltläufigkeit blieb der Bezug zur norddeutschen Heimat stets lebendig. Nach Jahren im Ausland kehrte sie nach Buxtehude zurück, betrieb dort ihre Galerie Am Geesttor und bereicherte die regionale Kunstlandschaft nachhaltig.

Ein besonderes Juwel dieser letzten Ausstellung wird die Vorführung ihres 16-mm-Kurzfilms Es könnte Frühling werden, oder es wird sowieso Frühling oder nicht aus dem Jahr 1976 sein. Aufgenommen mit einer Bolex-Kamera, ungeschnitten und im radikalen Selbstversuch, zeigt der Film eine Künstlerin, die schon früh keine Angst vor dem Unvollkommenen und dem Prozesshaften hatte. Es ist ein Dokument des Mutes zum Sehen – ein Appell, den sie bis heute an ihre Betrachter*innen richtet: Statt Kunst vorschnell zu bewerten, solle man ihr offen begegnen und eigene Eindrücke wachsen lassen.

Die Laudatio zur Eröffnung wird Dr. Manfred Osten halten – ein Weggefährte, der sie bereits in Tokio und Paris begleitete und somit den Bogen von der Welt zurück in den Marschtorzwinger schlagen wird. Auch wenn sich Heidi Meyer nun zurückzieht, bleiben ihre Farben geschrieben – in den Sammlungen der Welt und in den Herzen derer, die ihren Ruf zum Mut zum Sehen gehört haben.

Heidi Meyer – Geschriebene Farben | 28. April bis 7. Juni 2026

Filmvorführung: Sonntag, 31. Mai 2026, 14:00 Uhr (16-mm-Kurzfilm von 1976)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15 –18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr

Marschtorzwinger, Liebfrauenkirchhof, 21614 Buxtehude | Eintritt: Frei

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Ein Künstlerdorf zum Hafenfest https://www.tiefgang.net/ein-kuenstlerdorf-zum-hafenfest/ Sun, 12 Apr 2026 22:45:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13610 [...]]]> Wenn im Juni das 24. Harburger Binnenhafenfest die Segel setzt, geht es längst nicht mehr nur um Schiffe und Schanty-Chöre. Inmitten von Fischbrötchenduft und Takelagengeschnack entsteht 2026 etwas völlig Neues: Ein begehbares Künstlerdorf.

Hinter der Vision des „PORT ART FESTIVAL“ stecken zwei Köpfe, die man im Hamburger Süden kennt wie bunte Hunde: Resi und Bernd Muss.

Resi, die mit ihrer „Resis Art“ normalerweise den Kulturkiosk an der Blohmstraße beim „Art Cornern“ in eine Freiluftgalerie verwandelt, und Bernd Muss, der Meister des maritimen Treibguts und der Street-Art, bündeln ihre Kräfte. Ihr Plan: Eine 100 Quadratmeter große Fläche direkt am Wasser wird zum Epizentrum der lokalen Kreativszene.

„Wir wollen Kunst sichtbar machen – und zwar dort, wo das Leben tobt“, so der Tenor der Initiator*innen. Statt weißer Galeriewände gibt es weiß gestaltete Bauzaunwände, statt steriler Stille herrscht Hafenatmosphäre. Bis zu 15 Kunstschaffende aus Harburg und dem Umland sollen hier ihr Zuhause auf Zeit finden.

Das Besondere an diesem „Künstlerdorf“ ist die Unmittelbarkeit. Wer hier ausstellt, muss auch da sein. Keine anonymen Schilder, sondern echte Gespräche zwischen Pavillons und Kuchengabeln. Besucher*innen werden mit einer Postkarte begrüßt, die wie ein kleiner Kompass durch die Vielfalt der Stile führt – und ein Kuchengutschein sorgt dafür, dass die Verweildauer (und die Gesprächsbereitschaft) steigt.

Es ist dieser typische Harburger Spirit: Man macht es einfach. Man vernetzt sich. Unterstützt durch den Sponsor Schüthe Druck & Verlag, verwandelt sich eine kahle Fläche in einen Ort der Begegnung. Port Art ist dabei mehr als eine einmalige Show; es ist der Versuch, die Erfahrungen des „Art Cornerns“ in den großen, öffentlichen Raum des Hafens zu tragen.

Aufruf an die Szene: „Wir suchen dich!

Noch ist das Dorf nicht voll besetzt. Bernd Muss und Resi rufen die lokale Kunstszene dazu auf, Teil dieser Premiere zu werden. Ob Malerei, Skulptur oder Street-Art – gesucht werden Künstler*innen, die Lust haben, ihren Elfenbeinturm gegen eine Meeresbrise einzutauschen.

Wer dabei sein will, sollte nicht lange fackeln: Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 30. April 2026. Es ist die Chance, Teil eines Formats zu werden, das Kunst nicht nur zeigt, sondern sie mitten in das Herz des Harburger Sommers pflanzt.

Der Ruf des Hafens – So seid ihr dabei:

  • PORT ART FESTIVAL im Rahmen des 24. Harburger Binnenhafenfests
  • 5. bis 7. Juni 2026
  • Bewerbung mit Foto der Arbeiten und kurzer Info an info@resis-art.de oder info@berndmuss.de
  • Deadline: 30. April 2026

Gehen wir cornern – diesmal im großen Stil am Kai!

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Der Beat, der bleiben will https://www.tiefgang.net/der-beat-der-bleiben-will/ Sat, 11 Apr 2026 22:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13615 [...]]]> Vom belächelten Novum zum unverzichtbaren Krisenmanager: Die Hamburger Clubstiftung beging ihr 15-jähriges Jubiläum. Doch statt bloßer Selbstbeweihräucherung gab es im Molotow eine schonungslose Bestandsaufnahme.

Warum braucht eine Weltmusikstadt eigentlich immer noch einen Rettungsanker für ihre Bühnen? Wer in diesen Tagen die Bilanz der „Stiftung zur Stärkung privater Musikbühnen“ liest, stößt auf eine ungewöhnliche Mischung aus Stolz und Sorge. Was im Jahr 2010 unter der damaligen Kultursenatorin Karin von Welck als Experiment begann, hat sich in „Club-Jahren“ – einer Zeitrechnung, in der ein Jahrzehnt einer Ewigkeit gleicht – zum Rückgrat der Hamburger Nachtkultur entwickelt. Dass die Feier am Do., 9. April 2026 ausgerechnet im Molotow Musikclub stattfand, ist ein Statement für sich: Ein Ort, der wie kein zweiter für den Kampf um kulturelle Freiräume steht.

Zwischen Tacheles und Tradition

Die Einladung zur Feier stellte provokant die Frage: „Ist das eigentlich ein Grund zum Feiern?“. Statt Sektlaune herrschte der Wille zum „Tacheles“. Auf dem Podium im Molotow wurde unter der Moderation von Birgit Reuther (Biggy Pop) leidenschaftlich über die Identität der Stadt gestritten. Mit dabei waren unter anderem der Journalist Christoph Twickel, der die Hamburger Stadtentwicklung seit Jahren kritisch begleitet („not in our name“), und Luna Twiesselmann, die als Betreiberin des neuen Fundbureaus die Herausforderungen der nächsten Generation verkörpert.

Ein Name ist dabei untrennbar mit der Geschichte der Stiftung verbunden: Heiko Langanke. Der heutige 2. Vorsitzende ist ein Mann der ersten Stunde und bringt eine ganz eigene Perspektive mit. Als Harburger, der einst das Stellwerk als Jazzclub betrieb, kennt er die Herausforderungen abseits der glitzernden Reeperbahn-Meile aus eigener Erfahrung. Er ist das personifizierte Bindeglied zwischen der administrativen Kraft der Stiftung und dem rauen Alltag der Musikmacher*innen.

Die Verteidigung der Räume

Die Diskussion im Molotow, an der auch Egbert Rühl (Kreativgesellschaft) und Prof. Dr. Hanna Göbel (HCU) teilnahmen , machte deutlich, dass Hamburg nur dann „live“ bleibt, wenn die Räume dafür aktiv verteidigt werden. Es ging um weit mehr als Subventionen; es ging um die Frage, wo Hamburgs Nachtleben heute steht und welche Weichen für die nächsten 15 Jahre gestellt werden müssen.

Auch wenn der aktuelle Kultursenator Carsten Brosda nicht persönlich auf dem Podium saß, war sein politisches Ressort das Ziel vieler Impulse. Die zentrale Erkenntnis des Abends: Die Clubstiftung hat sich vom anfangs beäugten „Novum“ zum unverzichtbaren Rettungsanker und Krisenmanager gewandelt. Sie ist heute die Instanz, die sicherstellt, dass die Stadt ihre Seele nicht zwischen Immobilieninvestitionen und Lärmschutzverordnungen verliert.

Die vergangenen 15 Jahre waren eine Reise von der Gründungsidee hin zu einer professionellen Lobby für die Subkultur. Doch die Arbeit ist längst nicht getan. Solange Clubs um ihre Existenz bangen müssen, bleibt die Stiftung der notwendige Wächter über den Puls der Stadt. Denn eines ist nach diesem Abend im Molotow sicher: Hamburgs Identität bemisst sich nicht nur an der Höhe seiner Philharmonie, sondern an der Dichte seiner Kellerbühnen.

Wer die Szene der Hamburger Musikclubs unterstützen will, kann Kontakt mit der Clubstiftung aufnehmen: CLUBSTIFTUNG HAMBURGStiftung zur Stärkung privater Musikbühnen Hamburg;
Kastanienallee 9, 20359 Hamburg, Telefon 040 / 235 18 777 | Mail: kontakt@clubstiftung.de | Fax 040 / 235 18 885

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Crazy Creatures in City Galerie https://www.tiefgang.net/crazy-creatures-in-city-galerie/ Fri, 10 Apr 2026 22:14:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13621 [...]]]> Die KunstPassage im Durchgang der Harburger City Galerie hat seit Ostern einen Neuen Hingucker: Yvonne Lautenschläger stellt als nunmehr dirtte Künstlerin dort aus.

Wer sagt eigentlich, dass der Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen grau sein muss? In der Harburger City Galerie wird dieser Mythos gerade Stein für Stein – oder besser: Leinwand für Leinwand – abgebaut. Seit Ostern weht ein neuer, ziemlich verrückter Wind durch die KunstPassage. Yvonne Lautenschläger hat die Glasvitrinen im Durchgang zwischen Lüneburger Straße und Harburger Ring übernommen, und sie hat Gesellschaft mitgebracht: ihre „Crazy Creatures“.

Nach den abstrakten Köpfen von Frank Vaders und der tropischen Farbgewalt von Thomas Behrens schlägt die Kunstleihe Harburg nun das dritte Kapitel ihres einjährigen Projekts auf. Yvonne Lautenschlägers Ausstellung „Crazy Creatures & Patterns“ ist genau das, was der Name verspricht: eine Explosion aus Humor, leuchtenden Pigmenten und Formen, die sich nicht so recht entscheiden wollen, ob sie nun Abstraktion oder Fabelwesen sind.

Lautenschläger, die unter ihrem Künstlernamen „medea“ firmiert, kombiniert großformatige Acrylwerke mit einer fast schon plakativen Hintergrundgestaltung. Ihre Kreaturen blinzeln Passant*innen mit einem Augenzwinkern entgegen – mal verspielt, mal nachdenklich, aber immer mit einer Prise Ironie, die den Alltagstrott für einen Moment unterbricht.

Von der Wissenschaft zur wilden Leinwand

Besonders faszinierend ist die Frau hinter den Pinseln. Geboren 1964 in Bielefeld, führte ihr Weg erst über ein naturwissenschaftliches Studium und Jahre im Beruf, bevor sie sich traute, ihrem lebenslangen Traum Raum zu geben. Heute ist ihre Kunst international gefragt – von der Artfair Beijing bis hin zur Hamburger Bunkerhill Galerie.

Dass sie nun ausgerechnet in der Harburger Innenstadt ausstellt, ist ein Glücksfall für das Quartier. Unterstützt durch den Verfügungsfonds „Mitten in Harburg“, zeigt dieses Projekt einmal mehr, wie man ungenutzte Flächen im öffentlichen Raum mit Leben füllen kann. Die Kunst kommt hier nicht nur zu den Menschen, sie bleibt auch: Wer sich unsterblich in eines der Wesen verliebt, kann die Originalwerke sogar direkt über die Kunstleihe Harburg für das eigene Wohnzimmer entleihen.

Ein Farbtupfer bis zum Sommer

Die „Crazy Creatures“ bleiben uns bis Ende Juni 2026 erhalten. Es ist eine Einladung, den Blick vom Smartphone zu heben und sich von der Freude am Unerwarteten verzaubern zu lassen. Ein kleiner Urlaub für die Augen – mitten im Harburger Ring.

Ausstellung „Crazy Creatures & Patterns“: bis Ende Juni 2026 während der Öffnungszeiten der City Galerie frei zugänglich. Weitere Einblicke in das Schaffen der Künstlerin gibt es auf ihrer Website www.medeas.space. Informationen zum Ausleih-Service finden sich bei der Kunstleihe Harburg unter www.kunstleihe-harburg.de.

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Wolf auf Bewährung https://www.tiefgang.net/wolf-auf-bewaehrung/ Fri, 10 Apr 2026 22:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13607 [...]]]> Meine Lieben, schnallt euch an! Wer diese Woche in Harburg keine Meinung zum Wolf hat, der war vermutlich nicht vor der Tür!

Dass ein junges Männchen erst durch eine Altonaer Einkaufspassage spaziert , dort eine Frau verletzt und schließlich in der Binnenalster baden geht, war ja mittlerweile Stadtgespräch von Neugraben bis Kirchdorf. Aber während die City noch über Mahnwachen am Jungfernstieg diskutiert, wird es bei uns im Süden jetzt richtig konkret – und auch ein bisschen ungemütlich.

Die Umweltbehörde hat das Tier am Ostersonntag wieder ausgewildert. Und auch wenn offiziell geschwiegen wird, wo genau der Transporter hielt, pfeifen es die Spatzen in der Fischbeker Heide von den Dächern: Der Wolf ist zurück in unserer Nachbarschaft. Diesmal allerdings mit einem schicken neuen Accessoire: einem Sender-Halsband. Umweltsenatorin Katharina Fegebank nennt das eine „Auswilderung auf Bewährung“. Ich nenne es: ein Experiment am lebenden Objekt, direkt vor unserer Haustür.

Ich kann die Wut unserer Schafzüchter*innen mehr als verstehen. Da verletzt ein Wildtier mitten in der Stadt einen Menschen, und die Antwort ist ein High-Tech-Halsband und ein „Viel Glück“ in Richtung Süden. Das fühlt sich für viele hier wieder einmal so an, als würde Harburg als Vorgarten für Probleme genutzt, die man an der Alster lieber per GPS-Tracker aus der Ferne beobachtet.

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Diejenigen, die sich freuen, dass Isegrim eine zweite Chance bekommt und nicht zur Trophäe wurde. Es ist dieses typische Harburger Spannungsfeld: Wir lieben unsere wilde Natur, unsere Heide und das Ungezähmte. Aber wir sind auch Realist*innen genug um zu wissen, dass ein Wolf, der schon einmal gläserne Automatiktüren von innen gesehen hat, kein gewöhnlicher Waldläufer mehr ist.

Was machen wir also daraus? Wir bleiben so, wie wir sind: neugierig, aber wachsam. Wir wissen jetzt, dass die Jäger im Zweifel eingreifen können, wenn der Sender meldet, dass der Wolf unseren Siedlungen zu nahe kommt. Ob das reicht, um das Vertrauen der Tierhalter*innen zurückzugewinnen, wage ich zu bezweifeln. Aber eines ist sicher: Der Spaziergang durch die Heide hat diesen Frühling einen ganz neuen Nervenkitzel.

Mein Tipp für das kommende Wochenende: Genießt die Sonne, aber haltet die Augen offen. Wir teilen uns den Bezirk jetzt mit einem prominenten Rückkehrer. Hoffen wir, dass er die Lektion in der City gelernt hat und sich hier im Süden von seiner besten, also seiner unsichtbaren Seite zeigt.

Wir sehen uns draußen – mit gesundem Abstand und geschärften Sinnen!

Eure Clara

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Ein Fest der vollen Häuser https://www.tiefgang.net/ein-fest-der-vollen-haeuser/ Thu, 09 Apr 2026 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13602 [...]]]> Vier Wochen lang war der Hamburger Süden nicht wiederzuerkennen. Wo sonst der Alltag zwischen Pendelzügen und Hafenbecken taktet, regierten im März die Worte. Die 11. SuedLese ist Geschichte, aber der Nachhall dieses literarischen Marathons ist in Harburg, Wilhelmsburg und bis weit nach Buxtehude hinein noch deutlich zu spüren.

Unter dem passenden Motto Orte der Worte verwandelte sich die gesamte Region in eine einzige, pulsierende Bühne für alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt – und oft weit darüber hinausging.

Es war ein Fest der vollen Häuser. Dass die SuedLese längst eine feste Institution ist, zeigte der enorme Andrang. Ob bei den großen Namen wie Michel Abdollahi, der trotz terminlicher Verschiebung für ungebrochene Begeisterung sorgte, oder in der intimen Atmosphäre von Claus-Peter Rathjens plattdeutscher Wohnzimmerlesung: Die Neugier des Publikums war grenzenlos. Wer zu spät kam, stand oft vor verschlossenen Türen – ein schönes Luxusproblem für die lokale Kulturszene.

Besonders hängen geblieben ist die Energie der Debüts. In Buxtehude feierte die Ladies Crime Night Premiere und bewies, dass Krimis im Zehn-Minuten-Takt mit echtem Adrenalin funktionieren. Wenn der Schuss vom Band die Lesezeit gnadenlos beendete, blieb das Publikum mit Cliffhangern zurück, die förmlich nach dem Gang zum Büchertisch schrien. Es ist genau dieser Mix aus Unterhaltung und Anspruch, den die Organisator*innen um Heiko Langanke so meisterhaft kuratieren.

Doch die SuedLese scheute auch die harten, schmerzhaften Themen nicht. Dominik Bloh berichtete in einer fast greifbaren Intensität von seinen Jahren auf der Straße und seinem Weg zurück in die Sichtbarkeit. Rina Schmeller brach im Speicher am Kaufhauskanal mit ihrem Debüt Co das Schweigen über Co-Abhängigkeit, während Mia Raben am Moorburger Elbdeich die unsichtbaren Geschichten polnischer Pendel-Migrant*innen beleuchtete. Diese Stimmen gaben dem Festival eine politische Relevanz, die weit über rein literarische Zirkel hinausreicht.

In den Gesprächen mit den Künstler*innen wurde deutlich, wie sehr die Orte die Texte prägen. Jan Simowitsch entführte seine Zuhörer*innen im Amtshaus Moisburg bis auf die Färöer-Inseln und ließ sie an seinem radikalen Ausbruch teilhaben. Kea von Garnier nutzte die raue Atmosphäre des Stellwerks im Harburger Bahnhof, um über die Verletzlichkeit junger Männer und das Patriarchat zu sprechen. Es sind genau diese Begegnungen auf Augenhöhe, die das Festival so nahbar machen.

Zum Abschluss setzte die belarussische Philosophin Olga Shparaga im Kulturhaus Süderelbe einen wichtigen Akzent. Ihr Bericht über den Mut der Frauen in Belarus und die Kraft der zivilen Solidarität erinnerte daran, dass Kultur und Freiheit untrennbar miteinander verwoben sind.

Organisator Heiko Langanke blickt auf einen rasanten Lauf zurück, der trotz mancher Debatten im Vorfeld die demokratische Grundhaltung des Festivals unterstrich. Sein Beharren auf der Eigenverantwortung der Orte und dem Respekt vor der künstlerischen Freiheit ist das Rückgrat der SuedLese. Wenn am Ende die Wangen der Besucher*innen noch vibrieren, wie es Jan Simowitsch hoffte, dann hat dieses Festival alles richtig gemacht. Der Hamburger Süden hat bewiesen, dass er nicht nur arbeiten, sondern auch leidenschaftlich zuhören und streiten kann. Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Kapitel.

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