Tiefgang – das Kulturfeuilleton https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Sat, 18 Jul 2026 12:17:02 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Zwischen Blüten und Bildhauerei https://www.tiefgang.net/zwischen-blueten-und-bildhauerei/ Sat, 18 Jul 2026 22:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14203 [...]]]> Wenn sich am So., 9. August, die Tore zu einem Garten in Kirchdorf öffnen, feiert ein besonderes Format ein stolzes Jubiläum: „Kunst im Garten“ begeht sein zehnjähriges Bestehen.

Was einst als kleine Initiative begann, hat sich zu einem festen kulturellen Fixpunkt entwickelt, der Natur und Kunst auf einer 700 Quadratmeter großen Gartenfläche zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen lässt.

Von 11 bis 17 Uhr verwandelt sich das private Areal am Siedenfelder Weg 93 in Hamburg-Kirchdorf von Gastgeber Jürgen Weber in eine weitläufige Open-Air-Galerie. Die Gemeinschaftsausstellung bietet den Besucher*innen die Möglichkeit, zeitgenössische Kunst fernab von sterilen Museumsräumen zu erleben. Das Spektrum der gezeigten Werke ist beeindruckend breit gefächert und umfasst Fotografie in verschiedenen Ausprägungen, Malerei, Grafik, Bildhauerei, Skulptur sowie Design und einzigartige 3D-Collagen.

Persönlicher Austausch und musikalische Begleitung

Ein besonderes Merkmal dieser Ausstellung ist die Nähe zwischen Publikum und Kunstschaffenden. Die folgenden Künstler*innen werden anwesend sein, um ihre Arbeiten vorzustellen und in den Dialog zu treten: Jürgen Drygas, Viola Feldmann, Stefanie Franke-Fischer, Christopher Ponce Morales, Claus-Peter Rathjen, Ronald Sawatzki, Tatjana Jule Schenk, Jürgen Weber sowie Bernd Wucherpfennig. Musikalisch wird das Jubiläum von Renee de la Prade begleitet, die mit Akkordeon-Klängen für Blues- und Rock-Grooves in der Gartenkulisse sorgt.

Die Gemeinschaftsausstellung „10 Jahre Kunst im Garten“ findet am So., den 9. August von 11 bis 17 Uhr statt. Veranstaltungsort ist der Siedenfelder Weg 93, 21109 Hamburg-Kirchdorf. Der Eintritt ist frei!


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Brise statt Föhn https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-3-2-2/ Fri, 17 Jul 2026 22:11:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14189 [...]]]> Meine Lieben, packt die Sonnenbrille ein und stellt den Sekt kalt – eure Clara verabschiedet sich diese Woche in den wohlverdienten Urlaub!

Ja, ihr habt richtig gehört: Die Trockenhaube im Salon bleibt für ein paar Tage aus, die Schere ruht, und ich lasse mir zur Abwechslung mal die echte Meeresbrise statt des heißen Föhns um die Nase wehen. Keine Sorge, ich sammle im Liegestuhl natürlich schon fleißig neuen Stoff für euch. Während der Sommer im Park brummt, gönne ich mir zur Abwechslung mal das echte, kühle Nass.

Genießt die warmen Tage, lasst euch nicht stressen und macht es euch gemütlich. Nächste Woche bin ich wieder mit frisch gewaschenen News und dem heißesten Tratsch für euch am Start!

Urlaubige Grüße und ganz viel Sonne im Herzen,

eure Clara!


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Palmkerne und Paläste https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/ Fri, 17 Jul 2026 15:52:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14199 [...]]]> Vor kurzem legte ein Historiker*innen-Paar den „Abschlussbericht koloniales Harburg“ vor. Eine Forschungsarbeit, die ebenso lesens- und nachdenkenswert ist wie Auftakt weiterer Wissensgrabungen sein sollte.

Wer heute vor dem Harburger Rathaus steht, reibt sich unweigerlich die Augen. Da ragt dieser prachtvolle, herrschaftliche Palast im Stile der Neorenaissance empor, ein steinernes Monument puren bürgerlichen Selbstbewusstseins. Doch dreht man sich um, fällt der Blick auf die ernüchternde Realität des heutigen Bezirks: Nachkriegsbauten, funktionale Verkehrsschneisen, eine stellenweise recht unglücklich verbaute Innenstadt. Angesichts dieses Kontrasts drängt sich eine Frage geradezu auf: Welche enormen, glanzvollen Zeiten müssen das gewesen sein, die ein solches Rathaus hervorgebracht haben?

Die Antwort liegt in einer Epoche, in der Harburg nicht das Anhängsel Hamburgs war, sondern ein scharfer Konkurrent. Wir müssen den Blick zurückwerfen in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als an der Süderelbe mit radikaler Energie die Zukunft geschmiedet wurde. Harburg war damals wie ein gallisches Dorf der Industrialisierung, das seine Unabhängigkeit vom großen Nachbarn im Norden mit jeder Faser lebte und genau daraus seine enorme Dynamik zog. Während in Hamburg noch lange über Handelsprivilegien debattiert wurde, rauchten in Harburg längst die Schlote.

Der Funke, der diese Dynamik entzündete, sprang zuerst im Binnenhafen über. Mit dem Bau des ersten Bahnhofs (wo heute das Neubaugebiet der Theodor-Yorck-Straße liegt) direkt an den Kaianlagen wurde das Fundament für einen beispiellosen Boom gelegt. Harburg besaß plötzlich das, wovon andere Städte nur träumen konnten: den direkten Umschlag vom Schiff auf die Schiene.

Die Stunde der Pioniere

Es war die Stunde der Pioniere der Fettindustrie. Als die ersten modernen Ölpressen im Hafenbereich in Betrieb gingen, veränderte das die hiesige Wirtschaft grundlegend. Heimische Saatfrüchte wie Raps oder Lein stießen schnell an ihre kapazitären Grenzen, doch man erkannte das enorme Potenzial von Palmkernen aus Übersee – sie waren ungleich ergiebiger. Es entstand eine fulminante Erfolgsgeschichte, geprägt durch Namen wie Gaiser, Noblée & Thörl und später Hobum, die Harburg in ein Zentrum der Fett- und Margarineindustrie verwandelten. Hand in Hand damit ging das Übersee-Handelshaus von Gottlieb Leopold Gaiser, das ab den 1880er Jahren eigene Faktoreien in Westafrika betrieb und die Rohstoffströme direkt an die Elbe lenkte.

Parallel dazu revolutionierte ein ganz anderer Rohstoff den Alltag: Kautschuk. In den Werkstätten von H. C. Meyer jr., dem legendären „Stockmeyer“, gelang ein industrieller Coup. Das bisher für edle Spazierstöcke verwendete, aber extrem knappe und teure Elfenbein konnte durch das neuartige Hartgummi ersetzt werden. Fast zeitgleich schrieben die Harburger Gummi-Werke (die Urzelle der späteren Phoenix-Werke) ab 1856 Industriegeschichte. Mithilfe des hochentwickelten Goodyear-Verfahrens zur Vulkanisation konnten aus Kautschuk elastisches Gummi in Massen hergestellt werden – für robuste Schuhe, bald für Reifen, Kämme oder Billardkugeln.

Ein weltweiter Rohstoffhunger brach aus, der an der Süderelbe ein mächtiges Zentrum fand. Es gehört zu den zentralen neuen Erkenntnissen des Berichts, die hiesige Wirtschaftsgeschichte um eine bisher übersehene Säule zu erweitern: die Jute-Spinnerei, die um 1913 zur größten Arbeitgeberin Harburgs aufstieg. Ihr Erfolg basierte fundamental auf den existenziellen Krisen und dem Elend der kleinbäuerlichen Bevölkerung im fernen Bengalen.

Geld – Macht – Einfluss

Wie aber finanzierte und organisierte Harburg dieses atemberaubende Wachstum? Die Antwort liegt in einem eng geknüpften, hocheffizienten Netzwerk, das sich radikal vom Hamburger Weg unterschied. Während man nördlich der Elbe auf die etablierte Macht der hanseatischen Kaufleute setzte, pumpte im Süden die Hannoversche Bank das nötige Kapital in die rasant wachsenden Betriebe.

Und dort, wo das Geld lag, saßen auch die politischen Entscheider. Harburgs Aufstieg ist untrennbar mit den weitsichtigen Stadtobersten jener Epoche verbunden. Maßgebliche Bürgermeister wie Julius Ludowieg und später Heinrich Denicke tummelten sich just in jenen finanziellen Zirkeln und Gremien der Hannoverschen Bank, die den Boom erst ermöglichten. Hier verschmolzen knallharte Kommunalpolitik und weitreichende industrielle Interessen zu einem unaufhaltsamen Motor. Man verstand sich eben als Macher.

Dieser Motor veränderte das Gesicht der Stadt in Rekordzeit. Um den gewaltigen, globalen Rohstoffhunger logistisch bewältigen zu können, wurde die Infrastruktur auf Effizienz getrimmt. Ein topmoderner Kaihafen entstand, begleitet von einem neuen, imposanten Bahnhof und einem rasterartig ausgebauten Straßennetz. Doch Fabriken brauchen Hände. Aus dem ländlichen Umland strömten Tausende Tagelöhner*innen an die Süderelbe, angelockt von der Aussicht auf Arbeit.

Für diese neue, massiv anwachsende Klasse von Arbeiter*innen wurden in Windeseile ganze Viertel (z.B. Phoenix-Viertel) mit dicht gedrängten Mietshäusern aus dem Boden gestampft. Die Stadt explodierte förmlich. Um dieses neue, mitunter prekäre soziale Gefüge im Schatten der rauchenden Schlote stabil zu halten, entstanden parallel die ersten Armenkassen.

Ungleicher Schweiß des Erfolgs

Es war eine vollkommene Transformation: Harburg hatte sich eine komplett neue, vibrierende und raue industrielle Identität erschaffen. Während die bürgerliche Elite kolonialbegeistert war, blieb der Arbeiterschaft in den engen Straßen des Phoenix-Viertels kaum Raum für imperiale Träume. Da die Arbeiter*innen primär mit dem nackten Überleben und dem harten Fabrikalltag eines 12-Stunden-Tages beschäftigt waren, macht gerade diese tief ausgeprägte Klassenperspektive die Harburger Geschichte im Vergleich zum Handels- und Kaufmannszentrum Hamburg so speziell.

Doch diese glänzende Medaille des industriellen Erfolgs hatte eine weitere tiefdunkle Kehrseite. Der unaufhaltsame Harburger Boom basierte fundamental auf der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Süden, angetrieben von einer zielgerichteten imperialen Politik. Als das junge deutsche Kaiserreich ab den 1880er Jahren vehement auf eigene Kolonien drängte, saßen die Harburger Fabrikanten längst an den Hebeln der globalen Warenströme. Ob Kautschuk aus Kamerun oder Palmkerne aus Togo – der koloniale Raubbau war der Treibstoff für den heimischen Aufstieg.

Wie viele dieser Verflechtungen in den Alltag einsickerten, konnten die Historiker*innen Annika Bärwald und Yves Schmitz in den Archiven der Lokalzeitung nachlesen. Denn die Harburger Anzeigen und Nachrichten begleiteten den weltweiten Aufstieg der Stadt Schritt für Schritt. In ihren Spalten mischten sich nüchterne Marktberichte mit unverhohlener kolonialer Propaganda. Man feierte den wirtschaftlichen Imperialismus und versuchte gezielt, auch die heimische Arbeiterschaft für das koloniale Projekt zu begeistern.

Aus den fernen Kolonien floss jedoch nicht nur Rohmaterial in die Fabriken, sondern auch Beute in die Salons. Die lokale bürgerliche Elite, berauscht vom eigenen globalen Einfluss, demonstrierte ihren Status durch eine ganz besondere Form des bürgerlichen Stolzes: Man sammelte eifrig ethnografische Objekte aus den besetzten Gebieten und schenkte sie dem Helms-Museum. Diese mitgebrachten Trophäen sollten den kolonialen Geist mitten in Harburg fassbar machen – eine Zurschaustellung von Macht, die heute, sicher verwahrt in den Depots, als stummes Zeugnis einer tiefen moralischen Schuld überdauert hat. Der Bericht macht die koloniale Gewalt schmerzhaft konkret: Unter den Schenkungen an das Helms-Museum befinden sich nicht nur koloniale Alltagsobjekte wie eine Nilpferdpeitsche, sondern auch sensible, von Gewalt zeugende Funde wie ein menschlicher Schädel. Hier wird einstiger bürgerlicher Sammlerstolz zur dringlichen zeitgenössischen Verpflichtung. Wie Bärwald und Schmitz attestieren, wartet dieser Fundus im heutigen Stadtmuseum Harburg auf seine kritische historische Einordnung und schlussendliche Restitution.

Ein Abschluss als Beginn

Dass diese lange Zeit unsichtbaren Linien zwischen Harburger Prachtbauten und kolonialer Ausbeutung nun so klar gezeichnet werden, ist das Ergebnis einer kulturpolitischen Initiative aus dem November 2021. Angestoßen durch einen Vortrag des Historikers Kim Todzi von der Forschungsstelle Kolonialgeschichte, beschloss die Bezirksversammlung, die Verflechtungen der eigenen Stadtgeschichte systematisch auszuleuchten.

Der nun vorgelegte Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz löst dieses Versprechen in Teilen ein. Die Forschenden haben eine akribische Aufarbeitung geleistet, die genau jene Verbindungen freilegt, die im kolonialen Rausch des Kaiserreichs geknüpft wurden. Durch die erstmalige systematische Durchsiebung lokaler Quellen, wie des Digital-Archivs der Harburger Anzeigen und Nachrichten, wird nachvollziehbar, wie Globalgeschichte und Lokalgeschichte an den einzelnen Fabrikbänken aufeinandertreffen. Der Bericht schließt damit nicht nur historische Leerstellen, sondern gibt präzise Hinweise zur Vertiefung.

Dieser Abschlussbericht ist deshalb so absolut lesenswert, weil er nicht dem staubigen Klischee klassischer Heimatforschung entspricht. Er holt die Weltpolitik direkt vor unsere Haustür. Das macht das Werk zu einem packenden Stück Zeitgeschichte, das fesselt und stellenweise tief bewegt. Vor allem aber macht der Bericht eines unmissverständlich klar: Harburgs Geschichte zu erforschen lohnt sich – und sie liegt uns im doppelten Sinne nah. Sie ist räumlich zum Greifen nah in den Hafenbecken und Straßennamen unseres Stadtraums, und sie ist uns strukturell in ihren globalen Auswirkungen viel näher, als wir es im Alltag oft wahrhaben wollen. Denn Gummi und Palmöl sind alltägliche Begleiter unseres Lebens.

Genau aus diesem Grund darf und wird diese Arbeit kein Schlusspunkt sein, der in den Schubladen der Bezirksverwaltung verschwindet. Sie ist vielmehr ein gelungener Auftakt. Bärwald und Schmitz haben ein stabiles Fundament gegossen, doch die reichhaltigen Quellenfunde – von den tiefen Archiven des Helms-Museums bis zu den ungesichteten Firmennachlässen – schreien förmlich nach einer Fortsetzung. Dieser Bericht muss als lauter Ansporn verstanden werden: für Schulen, für zivilgesellschaftliche Initiativen und für weitere historische Forschungen. Die Spurensuche an der Süderelbe hat gerade erst begonnen.

Der „Abschlussbericht koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Yves Schmitz steht hier kostenfrei zum Download.


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Ist es nun nachts um halb eins? https://www.tiefgang.net/ist-es-nun-nachts-um-halb-eins/ Fri, 17 Jul 2026 10:26:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14192 [...]]]> Vom 16. bis 19. September 2026 verwandelt sich St. Pauli wieder in das pulsierende Zentrum der europäischen Musikwelt. Doch über den Vorbereitungen des Reeperbahn Festivals liegt ein tiefer, dunkler Schatten.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer plant eine drastische Halbierung der Bundesförderung. Ein kulturpolitischer Kahlschlag, der die Hamburger Clubszene ins Mark trifft. Doch hinter den Kulissen schwelt ohnehin ein historischer Verteilungskampf: Für viele Kiez-Clubs ist das Festival Freud und Leid zugleich.

Dabei ist es irgendwie ja auch eine Geschichte vom texanischen Traum zum globalen Kiez-Leuchtturm: Man schreibt das Jahr 2000, als ein junger Hamburger Musikmanager namens Alexander Schulz im texanischen Austin aus dem Flugzeug steigt. Er gerät mitten hinein in das vibrierende, laute Chaos der South by Southwest (SXSW). Dort, im drückenden Süden der USA, beobachtet er fasziniert, wie eine ganze Stadt für wenige Tage zur globalen Hauptschlagader der Musikindustrie wird. Aufstrebende Bands spielen in winzigen Kneipen, in Hinterhöfen, auf der Straße. Labels, Booker*innen und Tech-Pionier*innen feilschen an den Tresen um die Zukunft der Popmusik. Schulz hat eine Vision: Was im staubigen Texas funktioniert, muss doch auch im rauen, windgepeitschten Norden Deutschlands möglich sein.

Es dauert sechs Jahre, bis dieser Traum Wirklichkeit wird. Im September 2006 feiert das Reeperbahn Festival seine Premiere auf St. Pauli. Das Konzept ist so einfach wie genial: Die ohnehin dichte, historisch gewachsene Clubstruktur rund um die sündigste Meile der Welt wird zur Bühne für ein gigantisches Schaufenster der Popkultur – ein sogenanntes „Showcase-Festival“. Anstatt etablierte Megastars zu buchen, die ohnehin die Stadien füllen, wird das Festival zum Entdecker-Paradies. Hier treten die vielversprechendsten Newcomer*innen auf, oft noch bevor sie überhaupt einen Plattenvertrag in der Tasche haben.

Über die Jahre entwickelt sich die Hamburger Veranstaltung rasant vom ambitionierten Kiez-Experiment zum unumstrittenen, unersetzlichen Seismografen und wichtigsten B2B-Marktplatz der europäischen Musikbranche. Es ist die vitale Lunge, durch die die heimische Musikwirtschaft atmet. Jedes Jahr im September treffen sich tausende internationale Fachbesucher*innen in den Hamburger Spielstätten, um auf hochkarätigen Konferenzen die Trends von morgen zu verhandeln. Und weil dieses Treffen längst keine rein lokale Angelegenheit mehr ist, sondern auch als nationaler, kulturpolitischer Leuchtturm strahlt, stieg auch der Bund massiv in die Finanzierung ein. Zuletzt trug die Bundesförderung das Festival zu über 70 Prozent – eine lebensnotwendige Partnerschaft, die nun jedoch vor einer Zerreißprobe steht.

Das Festival in nackten Zahlen

Wenn man nun verstehen will, warum in den Chefetagen der Hamburger Musikwirtschaft und hinter den Tresen der Kiez-Clubs derzeit blanke Existenzangst herrscht, muss man den Blick auf die nackten, eisigen Zahlen richten. Die finanzielle Lebensader des Festivals wird im Rekordtempo abgeschnürt. Noch im vergangenen Jahr feierte die Musikbranche einen historischen Höchststand. Mit 6,27 Millionen Euro (!) Bundesförderung im Rücken konnte das Reeperbahn Festival ein Programm auf die Beine stellen, das international Maßstäbe setzte. Aber schon für das laufende Jahr 2026 grätschte der Rotstift der Politik brutal dazwischen und das Budget wurde auf 4,5 Millionen Euro herabgestuft – ein schmerzhafter, aber gerade noch handhabbarer Schnitt. Der aktuelle Haushaltsentwurf von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer für das kommende Jahr aber sieht nun einen noch radikalen Kahlschlag vor. Nur noch 3 Millionen Euro sollen aus Berlin an die Elbe fließen. Faktisch ist das eine Halbierung der Bundesmittel innerhalb von 2 Jahren.

Kulturpolitik nach Gutsherrenart?

Dieser drastische Sparkurs ist aber kein isoliertes Phänomen. Er legt eine tiefe, fast schon ideologische Kluft in der aktuellen deutschen Kulturpolitik offen. Während Weimer bei der Popkultur, den Newcomer*innen und der Nachwuchsförderung mit eisiger Konsequenz streicht – auch die überlebenswichtige Initiative Musik soll um 22 Prozent auf 15 Millionen Euro gekürzt werden –, bleiben andere Töpfe unangetastet oder wachsen sogar. Ausgerechnet die Bayreuther Festspiele, das alljährliche Hochamt der klassischen Hochkultur, dürfen sich über eine Erhöhung der Bundesmittel freuen.

Es ist eine Schieflage, die in der Szene für fassungslose Wut sorgt. Hier wird nicht einfach nur gespart; hier werden kulturpolitisch gänzlich andere Prioritäten gesetzt. Die Botschaft, die aus Berlin gesendet wird, ist fatal: Die lebendige, diverse und wirtschaftlich so bedeutende Popkultur gilt in den Augen des Kulturstaatsministers offensichtlich als streichbares Freizeitvergnügen, während die elitäre Hochkultur als schützenswertes Heiligtum zementiert wird. Wer die Jugend und die Zukunft der Musik so systematisch im Regen stehen lässt, betreibt eine Kulturpolitik nach Gutsherrenart, die den Anschluss an die gesellschaftliche Realität längst verloren hat.

Wenn im September aber nun die Scheinwerfer wieder angehen und die internationale Musikwelt auf St. Pauli anstößt, waren auch so nie alle glücklich mit dem Festival. Für viele lokale Clubbetreiber*innen bedeutete das Festival jahrelang nämlich nicht nur Glanz und Gloria, sondern auch einen harten Kampf um die eigene Existenz. Die Beziehung zwischen der Festivalleitung und der lokalen Clubszene ist ein hochsensibles, historisch gewachsenes Spannungsfeld, das hinter den Kulissen oft heftig knirschte.

Die Fesseln der „360-Grad-Verträge“

Das größte Konfliktfeld der vergangenen Jahre lässt sich wohl in dem Begriff „360-Grad-Vertrag“ zusammenfassen, der unter Kiez-Clubbetreiber*innen fast wie ein Schimpfwort benutzt wird: eine Exklusivitätsklausel. Wer als Band auf dem Reeperbahn Festival spielen wollte, musste oft sogenannte „360-Grad-Verträge“ unterschreiben. Die Bedingung: Die Künstler*innen verpflichteten sich, in einem Radius von teilweise bis zu 150 Kilometern und über einen Zeitraum von bis zu einem halben Jahr vor und nach dem Festival nicht eigenständig in Hamburg aufzutreten.

Für die kleinen, inhabergeführten Live-Clubs war dies ein Desaster. Es schnitt ihnen das eigene, mühsam kuratierte Booking ab und entzog ihnen lukrative Konzerte im restlichen Jahr. Die Bands wurden künstlich verknappt, die Einnahmen der Hamburger Spielstätten drastisch beschnitten. Hinzu kam ein tiefes Gefühl der Fremdbestimmung. Viele renommierte Clubs dienten während der Festivaltage als bloße Hüllen – als reine „Venues“ für das vom Festivalbüro zentral gebuchte Programm. Eigenes Mitspracherecht beim Line-up? Fehlanzeige.

Während sich das mediale Scheinwerferlicht zudem fast ausschließlich auf die Reeperbahn und ihre direkten Nebenstraßen konzentrierte, blieben Clubs abseits der Partymeile oder Konzertorte, die in den Wochen vor und nach dem Trubel auf Publikum angewiesen waren, sprichwörtlich im Dunkeln stehen. Der gigantische Werbe-Hype des Festivals saugte die Aufmerksamkeit und die Kaufkraft der Musikfans wie ein schwarzes Loch auf.

Dass diese Spannungen nicht in einer offenen Revolte eskalierten, ist vermutlich der zähen Arbeit des Clubkombinats Hamburg zu verdanken. Der Verband der Hamburger Clubbetreiber*innen hat über Jahre hinweg als diplomatisches Schutzschild agiert. In harten, oft zähen Verhandlungen rangen sie der Festivalleitung und der Politik Zugeständnisse ab. Es wurden finanzielle Ausgleichszahlungen für entgangene Einnahmen vereinbart und strukturelle Förderungen erwirkt, um die Härten der Exklusivitätsklauseln für die Betreiber*innen abzufedern. Erst durch diesen mühsam erkämpften Kompromiss wurde das Festival für die Hamburger Clublandschaft überhaupt erst tragbar.

Stirbt nun die Solidarität im Sparkurs?

Mit den drastischen Kürzungsplänen aus Berlin gerät dieses mühsam austarierte, fragile Gleichgewicht auf St. Pauli nun ins Wanken. Denn die bittere Ironie der aktuellen Krise liegt auf der Hand: Wenn dem Festivalriesen die Millionen weggebaggert werden, droht die mühsam erkämpfte Solidarität mit der lokalen Basis als Erstes unter die Räder zu kommen. Ohne ausreichende Bundesförderung stehen vermutlich auch jene finanziellen Ausgleichszahlungen und strukturellen Hilfen zur Disposition, die das Clubkombinat Hamburg für die kleinen Spielstätten erstritten hat.

In dieser zugespitzten Lage prallen die Positionen der verschiedenen Akteur*innen mit unerbittlicher Härte aufeinander. Wolfram Weimer verteidigt seinen harten Sparkurs unbeirrt. Aus dem Umfeld des Kulturstaatsministers heißt es kühl, die Haushaltskonsolidierung des Bundes erfordere schmerzhafte Einschnitte in allen Bereichen. Dass dabei die zeitgenössische Popkultur die Zeche zahlt, während die klassische Hochkultur geschont wird, wird als notwendige Schwerpunktsetzung deklariert. Carsten Brosda, Hamburgs streitbarer Kultursenator, hält mit aller Kraft dagegen. Er warnt eindringlich vor einer „spürbaren und dauerhaften Schwächung des Musikstandorts Deutschland.“ Brosda lässt dabei auch keinen Zweifel daran, dass Hamburg dieses massive Defizit nicht einfach stillschweigend ausgleichen kann: Ein nationaler Leuchtturm, der als Schaufenster für die gesamte Bundesrepublik dient, darf nicht im Alleingang auf den Schultern der Hamburger Steuerzahler*innen abgeladen werden. Ob das Argument verfängt?!

Die Hamburger Clubszene wiederum steht währenddessen in einem quälenden Dilemma. Einerseits ist der Groll über die jahrelange Dominanz, die Knebelverträge und die gefühlte Arroganz der Festivalleitung bei vielen Betreiber*innen noch immer tief verwurzelt. Andererseits wissen die Kiez-Größen ganz genau: Ein unkontrolliert kollabierendes Reeperbahn Festival würde eine Schockwelle auslösen, die die ohnehin angeschlagene, lokale Club-Infrastruktur mit in den Abgrund reißen könnte.

Wenn der Gigant stürzt, kann er auch die kleinen Bühnen mit sich ziehen. Aus dem berechtigten, jahrelangen Verteilungskampf zwischen „Kiez gegen Festival“ ist im Angesicht der Berliner Kürzungspläne ein existenzieller Überlebenskampf geworden, den man vielleicht und letztlich nur gemeinsam gewinnen – oder krachend verlieren kann.

Am Ende wird es bei dieser Debatte also um weit mehr als um nackte Zahlen, Haushaltslöcher und politische Zuständigkeiten gehen. Es geht um die Frage, welchen Wert wir als Gesellschaft der lebendigen, ungezähmten Kultur beimessen. Wenn im Herbst 2026 die Abgeordneten im Bundestag über den finalen Haushaltsentwurf abstimmen, entscheiden sie auch darüber, ob Deutschland seine lauteste, bunteste und mutigste Stimme behält – oder ob wir sehenden Auges ein historisches, kulturelles Sterben einleiten.

Popkultur ist kein Luxusgut

Popkultur ist kein nettes, verzichtbares Beiwerk, das man in Krisenzeiten einfach wegzensieren oder wegbudgetieren kann. Sie ist der soziale Kitt, der Sauerstoff einer Gesellschaft. In den einst stickigen, verrauchten Kellern von St. Pauli wird verhandelt, wer wir sind, wer wir sein wollen und wie wir miteinander leben. Hier entstehen Utopien. Wer hier den Rotstift ansetzt, spart an unserer Identität. Das Reeperbahn Festival darf nicht zum Opfer eines politischen Trauerspiels werden. Es muss ein Ort bleiben, an dem der Bogen tanzt, an dem junge Künstler*innen ohne Knebelverträge eine faire Chance bekommen und an dem die lokalen Clubs als gleichberechtigte Partner*innen glänzen können, statt als bloße Kulissen missbraucht zu werden.

Die Politik in Berlin steht nun also in der Pflicht. Das parlamentarische Verfahren im Bundestag ist die letzte Reißleine. Es ist die Chance für die Abgeordneten, Weimers einseitige, rückwärtsgewandte Schwerpunktsetzung zu korrigieren. Sie müssen beweisen, dass ihnen die Zukunft der Musikwirtschaft und die Existenz der Clubs auf St. Pauli ebenso viel wert sind wie die Traditionen der klassischen Hochkultur.

Der Kiez darf nicht verstummen. Wenn im September 2026 die ersten Akkorde über die Reeperbahn schallen, sollte das kein wehmütiger Abgesang auf bessere Zeiten sein, sondern ein unüberhörbares, trotziges Lebenszeichen. Die Hamburger Livemusikfans sollten ihre lokalen Clubs unterstützen, auf Konzerte gehen, diesen Freiraum einfordern. Denn eine Stadt ohne laute, mutige Livemusik ist am Ende nur eines: unendlich arm.


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Neue ´Art Week` kommt https://www.tiefgang.net/neue-art-week-kommt/ Wed, 15 Jul 2026 14:01:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14179 [...]]]> Hamburg bekommt Zuwachs im Kulturkalender und die Erwartungen sind groß: Im September soll das neue Veranstaltungsformat „Hamburg Art Week“ die Kunstszene Hamburgs pushen.

Mit der ersten Hamburg Art Week, die vom 3. bis zum 6. September 2026 unter dem programmatischen Titel „Crossing Currents“ stattfindet, soll die Hansestadt endlich eine Plattform erhalten, die ihre vielfältige Kunstlandschaft medial bündelt und weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlen lässt. Es ist ein längst überfälliges Unterfangen, denn die Zeit erfordert neue Formate, um in einer überfluteten Medienlandschaft überhaupt noch durchzudringen. Die Hamburg Art Week soll die Kraft der bildenden Kunst in der Stadt bündeln und für ein breites Publikum sichtbar machen.

Das Versprechen ist groß: Mit 18 Museen, über 44 Galerien und 42 Off-Spaces soll das Event zu einer „Founding Edition“ heranwachsen, die Hamburg als Ganzes begreift. Doch bei aller Begeisterung für das neue Format stellt sich eine entscheidende Frage: Wie sehr wird dieses „Crossing Currents“ seinem Namen gerecht werden, wenn es um die geografische Ausdehnung der Kunst geht?

Denn die Kunstszene Hamburgs endet keineswegs an den Elbbrücken. Gerade im Süden der Stadt blüht eine Szene, die schon seit Jahren mit dem Label „SuedArt“ erfolgreich einen Prototypen für gemeinschaftliche Sichtbarkeit etabliert hat. Von der renommierten Falckenberg-Sammlung in den Phoenix-Hallen über den experimentierfreudigen Kunstverein Harburger Bahnhof bis hin zum Informationszentrum Hanne Darboven – der Süden ist kein kultureller Randbezirk, sondern ein Zentrum für visionäre Kunst.

Es bleibt daher spannend, inwieweit die neue Hamburg Art Week die gewachsenen Strukturen des Südens in ihr Programm integriert und ob die „kreuzenden Strömungen“ tatsächlich auch die Elbe überqueren. Ein Festival, das Hamburgs Kunstszene ernsthaft kartieren will, sollte die kreative Energie von Harburg und Wilhelmsburg nicht ignorieren. „Ein solches gemeinsames Format fehlte Hamburg bisher, um die verschiedenen Akteur:innen der bildenden Kunst zusammenzubringen und die Stadt in einen Raum der Begegnung zu verwandeln“, so verlautet es in den ersten Ankündigungen.

Noch sind die konkreten Programmpunkte weitgehend geheim, was die Spannung in der Szene weiter anheizt. Um das Projekt mit einem klaren Gesicht zu versehen, stützt sich die Hamburg Art Week aber auf ein Team aus profilierten Köpfen, die tief in der Hamburger Kunstszene verwurzelt sind. Die künstlerische Leitung liegt in den Händen von Jessica Nupen, die als Kuratorin und Choreografin eine interdisziplinäre Perspektive einbringt, unterstützt von der Kunst- und Kulturmanagerin Fanny Roy. Initiiert wurde das Vorhaben durch Luise Nagel, Managing Partnerin der renommierten Produzentengalerie Hamburg, und Anna Nowak, die als Geschäftsführerin und Künstlerische Leitung des Kunsthauses Hamburg fungiert. Gemeinsam mit einem in Hamburg ansässigen Team gestalten sie die Vision und die kuratorische Ausrichtung der Art Week. Ihre Rollen als Kuratorinnen und Vermittlerinnen im Hamburger Kunstbetrieb garantieren, dass die Art Week nicht nur als bloßes Marketinginstrument fungiert, sondern einen tatsächlichen inhaltlichen Mehrwert für die lokale Kunstwelt generiert. Durch ihre Arbeit an der Schnittstelle von kommerziellem Galeriebetrieb, institutioneller Präsentation und freier Kunstproduktion verfügen sie über das notwendige Gespür, um die unterschiedlichen Strömungen – vom Alsterufer bis weit hinein in den Süden – in ein kohärentes Gesamtprogramm zu übersetzen.

Man darf dennoch gespannt sein, ob die Kuratierung gelingt, ohne dabei die lokalen Identitäten zu verwässern. Der Erfolg dieses Vorhabens wird davon abhängen, ob es gelingt, die ganze Stadt – von den großen Häusern in der City bis zu den versteckten Juwelen im Süden – unter einem Dach zu vereinen. Es wäre ein starkes Signal für die kulturelle Einheit einer Stadt, die sich ihrer eigenen Vielfalt oft erst noch bewusst werden muss.

Hamburg Art Week – „Crossing Currents“ | 3. bis 6. September 2026 | hamburgartweek.com

18 Museen, 44 Galerien, 42 Off-Spaces; Partner: Behörde für Kultur und Medien, ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, Michael Otto Stiftung, M.M.Warburg & CO


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Mosaike der Perspektiven https://www.tiefgang.net/mosaike-der-perspektiven/ Tue, 14 Jul 2026 15:25:52 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14172 [...]]]> Wenn Hamburgs Kulturszene auf internationale Impulse trifft, entsteht weit mehr als nur ein künstlerischer Dialog. Mit dem Start des Stipendiat*innen-Jahrgangs 2026/2027 des Programms INTRO beweist die Hansestadt einmal mehr, wie gesellschaftliche Transformation und künstlerischer Widerstand durch geflüchtete Künstler*innen neue Formen finden. Auch Harburg ist dabei.

Das Programm, das seit 2019 erfolgreich internationale Talente fördert, die in ihren Herkunftsländern nicht mehr arbeiten können, geht nun in eine neue, besonders vielfältige Runde. Die Bedeutung dieses Austausches betonte auch Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, anlässlich des Starts: „Das INTRO-Programm ist ein wichtiges Signal für die Freiheit der Kunst und den Respekt vor der künstlerischen Arbeit. Es ermöglicht uns, von den Erfahrungen und Perspektiven der Stipendiatinnen und Stipendiaten zu lernen und unsere Stadt als einen Ort zu begreifen, der durch Vielfalt und Austausch stetig wächst.“

Die diesjährigen Tandems – bestehend aus den internationalen Künstler*innen und Hamburger Gastgebern – setzen kraftvolle Akzente. So arbeitet etwa Laila Mahmudi aus Afghanistan beim Harburger Verein „Alles wird schön“ in Heimfeld. Ihr Vorhaben ist ein berührendes Plädoyer für den nonverbalen Ausdruck: Sie nutzt Kunst als Form des Widerstands, der Heilung und sozialen Verbundenheit, um die persönlichen Geschichten afghanischer Frauen im Exil sichtbar zu machen. Der Abschluss ihrer Residenz wird eine Tanzperformance sein, die diese unsichtbaren Geschichten in den öffentlichen Raum trägt.

Neben der Zusammenarbeit in Heimfeld beleben weitere Tandems die Hamburger Quartiere:

  • Honigfabrik e. V. beherbergt den Syrer Khaldoun Shadoud, der in seinem Projekt „Pieces of Peace“ die sinnliche und kollektive Erfahrbarkeit von Frieden jenseits politischer Theorien erforscht.
  • Mut Theater / Interkulturell e. V. arbeitet mit Havin Funda Saç (Türkei/Kurdistan) zusammen, deren experimentelles Theater die Grenzen zwischen Deutsch, Türkisch und Kurdisch auflöst, um universelle menschliche Erfahrungen spürbar zu machen.
  • Verein Gängeviertel e. V. unterstützt Arsenii Kibenko aus Russland bei seinem „Memory-Mapping Lab“, in dem er persönliche Landkarten aus Erinnerungen und Erlebnissen erschafft.

Dass der Verein „Alles wird schön“ in Heimfeld in diesem Jahr als Gastgeber fungiert, ist ein Gewinn für den Bezirk Harburg. Der Verein, der sich durch sein Engagement für „ungewollte“ oder abseits akademischer Pfade agierende Künstler*innen einen Namen gemacht hat, bietet einen idealen Boden für Mahmudi. Hier, wo Kunst als gesellschaftlicher Kitt verstanden wird, wird der Stipendiat*innen-Aufenthalt zu einem lebendigen Gemeinschaftsprojekt.

Der Jahrgang 2026/2027 ist ein starkes Zeichen für ein Hamburg, das seine kulturelle Identität ständig durch den Dialog mit der Welt erweitert. Es sind diese Begegnungen in Stadtteilzentren wie in Heimfeld, die zeigen, dass Kultur nicht nur in zentralen Häusern stattfindet, sondern dort, wo sie den Menschen unmittelbar begegnet.


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Die verlorene Lesewelt https://www.tiefgang.net/die-verlorene-lesewelt/ Sun, 12 Jul 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14165 [...]]]> Wer die sozialen Medien scrollt, stößt oft auf den Ratschlag, seine Zeit lieber effizient zu nutzen statt in einem dicken Buch zu versinken. Der Verzicht auf Literatur als moderner Lifestyle. Doch die neuesten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollte man schon noch gelesen haben …

Denn sie zeichnen ein düsteres Bild dieser digitalen Selbstoptimierung: In der Altersgruppe der Zehn- bis Fünfzehnjährigen ist die Zahl der Buchkäufer*innen binnen eines Jahres um alarmierende 30,6 Prozent eingebrochen. Was also als digitale Freiheit getarnt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eher besorgniserregender Rückzug aus der analogen Welt der Reflexion. Wir erleben derzeit, wie ein Stück unserer immateriellen Infrastruktur wegbricht – und damit eine der zentralen Säulen unserer demokratischen Urteilsfähigkeit.

Wenn wir von einer „Lesekrise“ sprechen, meinte man früher oft das Feuilleton-Geplänkel über die Sinnhaftigkeit postmoderner Literatur. Heute meinen wir vielmehr das nackte Überleben eines Kulturmediums in den Händen der nächsten Generation. Die Zahlen des Börsenvereins – ein Einbruch von 30,6 Prozent bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen – sind kein statistisches Rauschen mehr. Sie sind der Ausdruck einer Entfremdung, die sich bereits schleichend vollzogen hat.

Fragt man nach den Gründen, blickt man oft auf eine digitale Wand. Jugendliche verbringen heute Stunden in einer Welt, die keine Pausen für den langen Atem eines Buches lässt, sondern auf die sofortige Belohnung durch den Algorithmus setzt. Doch greift die Kritik an den sozialen Medien als alleinige Sündenböcke zu kurz. Uwe Ebbinghaus bringt in seinem Kommentar „Challenge Buchkauf“ (FAZ vom 10.07.2026) eine interessante Facette in die Debatte: Er konstatiert, dass wir den „analogen Muskel“ des Lesens im Alltag verkümmern lassen. Das Buch ist für den Heranwachsenden, der sich in der Unendlichkeit des Feeds verliert, zu einer „Challenge“ geworden – einem Hindernislauf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, schlägt einen schärferen Ton an und verweist auf die bildungspolitischen Trümmerhaufen. Wenn ein Viertel der Grundschulabgänger*innen nicht mehr sinnerfassend lesen kann, dann haben wir nicht nur ein Problem mit der Lesekompetenz, sondern ein massives Problem mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Hier bricht etwas weg, das Guggolz treffend als „immaterielle Infrastruktur“ bezeichnet – ein Begriff, der das Buch nicht als Ware, sondern als geistiges Leitungsnetz unserer Demokratie begreift.

Ist das Buch für die heutigen Zehn- bis Fünfzehnjährigen also nur noch ein „fremdes Objekt“ in einer Welt, die sich längst in Pixeln organisiert hat, oder unterschätzen wir die Sehnsucht nach echter, analoger Tiefe, die unter der Oberfläche der digitalen Betriebsamkeit vielleicht doch noch existiert?

Zwischen New-Adult-Hype und komplettem Rückzug

Es ist ein Paradoxon, das uns dieser Tage vor Augen geführt wird: Während der Buchmarkt insgesamt einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent hinnehmen muss, gleicht die Belletristik einer kleinen, trotzigen Insel der Seligen. Hier wachsen die Genres Young Adult und New Adult – wir sprechen von jenen pastellfarbenen, emotional aufgeladenen Welten, die auf Plattformen wie TikTok unter dem Hashtag #BookTok einen regelrechten Kultstatus genießen.

Doch darf man sich von diesem glitzernden Fassadenanstrich täuschen lassen? Tillmann Neuscheler zeigt in seiner Analyse („Der Buchmarkt verliert seine jüngsten Käufer“, FAZ vom 09.07.2026), dass der Erfolg dieser spezifischen Segmente zwar ein Leuchtfeuer ist, aber eben nicht den gesamten Markt wärmt. Wir sehen hier eine gefährliche Konzentration: Verlage setzen immer stärker auf die Backlist – also jene Bücher, die sich bereits bewährt haben –, weil das Risiko bei neuen Titeln angesichts der allgemeinen Verbraucherunsicherheit kaum noch kalkulierbar scheint. Die Zahl der Novitäten ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent eingebrochen.

Das ist ein Kulturverlust in Zeitlupe. Wenn wir uns nur noch an das halten, was wir kennen, stirbt das Wagnis der literarischen Neuentdeckung. Die Belletristik floriert zwar, doch das Sachbuch verliert fünf, Ratgeber sogar acht Prozent an Umsatz. Wir kaufen mehr vom Gleichen, statt uns im Fremden zu verlieren. Der Boom der New-Adult-Literatur könnte wie ein Beweis dafür herkommen, dass die Jugend das Lesen gar nicht aufgegeben hat – doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Es ist eine Nischenblüte, kein Markttrend. Wenn wir das Lesen nicht mehr als Werkzeug der Teilhabe begreifen, verliert unsere Demokratie ihren Nährboden.

Der Wert des Vorlesens

Wenn wir über den Schwund der Lesekompetenz klagen, blicken wir oft nur auf die Ziffern. Doch das eigentliche Drama spielt sich dort ab, wo keine Kamera dabei ist: im Kinderzimmer. Was geschieht, wenn die ersten Impulse fehlen? Ebbinghaus kritisiert zurecht in der FAZ die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das Programm „Lesestart 1-2-3“ auslaufen zu lassen. Dieses Programm sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt, und stärkte so die frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse. Der „Vorlesemonitor“ liefert dazu die bittere Bestätigung: Über 30 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren bekommen nie oder selten vorgelesen.

Man muss sich das einmal plastisch ausmalen: Das Vorlesen ist kein bloßes Ritual der Entspannung; es ist die erste Begegnung mit der menschlichen Fähigkeit, Welten zu erschaffen, ohne ein einziges Pixel zu bemühen. Es ist die Einübung in das geduldige Zuhören. Das Lesen ist nicht nur ein privates Vergnügen; es ist ein bürgerschaftliches Training. Wer sich als Kind in der Unendlichkeit eines Buches verlieren durfte, der weiß, dass es mehr als eine Wahrheit gibt – eine Erkenntnis, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung so wertvoll ist wie nie zuvor.

Literatur wird mobil

Während wir also um das gedruckte Wort bangen, vollzieht sich eine ästhetische Verschiebung, die wir als Feuilletonist*innen schon länger aufmerksam beobachten: Das Hörbuch hat sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem veritablen Wachstumsgaranten geworden. Mit einem Zuwachs von fast vier Prozent bei den Hörbuchkäufer*innen zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Erzählungen keineswegs erloschen ist – es hat nur das Medium gewechselt.

Doch ist das Hören nur ein Ersatz für das Lesen? Oder erleben wir hier eine neue Form der literarischen Aneignung? Die Stimme einer Sprecher*in verleiht einem Text eine körperliche Präsenz, die das reine Schriftbild manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Doch wir müssen kritisch fragen: Entzieht uns das bloße Konsumieren per Streaming die Konzentrationsfähigkeit, die das gedruckte Buch – die vertiefte Lektüre – fordert? Das Buch verlangt eine Entscheidung, einen Rückzug, eine Stille, die wir aktiv herstellen müssen. Die Branche setzt auf bewährte Klassiker, auf die sogenannte Backlist, während neue Stimmen es schwerer haben, den Weg in die Ohren des Publikums zu finden.

Debattenräume unter Druck

Wir haben den Blick auf die Umsätze und die jungen Käufer*innen gerichtet, doch wir müssen das Bild weiten. Buchhandlungen sind in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Echokammern und digitale Filterblasen zurückzieht, zu den letzten echten Debattenräumen geworden. Wenn aber die Konjunktur schwächelt und die Verbraucher*innen verunsichert sind, wie Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, zu bedenken gibt, dann trifft es ausgerechnet diese Orte vor Ort am härtesten.

Warum lassen wir zu, dass die Orte des freien Geistes unter dem ökonomischen Druck erodieren? Wenn Buchhändler*innen ihre Läden schließen müssen, verschwindet nicht nur ein Geschäft – es verschwindet eine Begegnungsstätte, die uns lehrt, mit Ambivalenzen und komplexen Narrativen zu leben. Wir sollten den „langsamen Genuss“ des gedruckten Wortes wieder in den Mittelpunkt stellen, nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Werkzeug für die Zukunft. Bücher sind unsere Schutzschilde gegen die Polarisierung.

Greifen Sie zum Buch, diskutieren Sie es, lassen Sie sich darauf ein! Es ist ein Akt, der sich beliebig oft wiederholen lässt und dessen Wirkung auf unsere gesellschaftliche Urteilsfähigkeit unbezahlbar ist.

Weitere Informationen des Deutschen Börsenvereins: www.boersenverein.de


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Generationswechsel in der Clubkultur https://www.tiefgang.net/generationswechsel-in-der-clubkultur/ Sat, 11 Jul 2026 22:26:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14157 [...]]]> Für Hamburgs Nachtschwärmer*innen sind sie der Puls der Stadt, eine absolute Konstante im urbanen Lebensgefühl: die Live-Musikclubs. Aber auch hier ist irgendwann ein Wechsel nötig …

Man tanzt, feiert und geht mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause, dass der Lieblingsladen irgendwie immer da ist. Doch dieser vertraute Schein trügt. Hinter den bunten, neonbeleuchteten Fassaden und den dröhnenden Bässen vollzieht sich gerade eine stille, existenzielle Krise. Viele der prägenden Köpfe, die diese Kulturräume teils seit drei Jahrzehnten oder länger unter enormem persönlichen Einsatz und gegen jede bürokratische Welle durch schwere See gesteuert haben, erreichen in absehbarer Zeit das Rentenalter. Ohne eine rechtzeitige und professionelle Planung droht der Hamburger Clubszene das lautlose Sterben geschichtsträchtiger Orte.

Hier klinkt sich nun die Stiftung Private Musikbühnen Hamburg (Clubstiftung) ein und startet ein ambitioniertes Rettungsprogramm für den Generationswechsel. Ab sofort bietet sie eine strukturierte, vertrauliche und praxisnahe Begleitung für den gesamten Prozess der Clubübergabe an. „Ein Musikclub ist kein normales Unternehmen, das man einfach so inseriert. Hier hängen Herzblut, Kultur und jahrzehntelange Identität dran“, betont Heiko Langanke, 2. Vorsitzender der Clubstiftung Hamburg. „Wir merken in den Gesprächen, dass viele Betreibende vor den bürokratischen und finanziellen Hürden zurückschrecken und das Thema einfach vertagen. Genau hier setzen wir an.“

Das Unterstützungsangebot der 2010 von der Stadt und den Clubs gegründeten Stiftung ist feingliedrig aufgestellt. Es reicht vom diskreten Erstgespräch über die Strukturierung erster Ideen bis hin zur konkreten Modellentwicklung. Ob klassischer Verkauf, Verpachtung oder das Aufbrechen alter Strukturen hin zu einem Kollektiv oder Verein – die Clubstiftung stellt das nötige wirtschaftliche, steuerliche und vertragliche Know-how bereit oder vermittelt direkt an die passenden Expert*innen.

Flankiert wird das Ganze durch das laufende Projekt „Soundcheck Finanzen“. Denn eine erfolgreiche Übergabe gelingt nur, wenn die Betriebsstruktur zukunftssicher und transparent ist. Das Projekt hilft den Clubbetreibenden, die Liquidität im Blick zu behalten und die strikten Anforderungen der Finanzbehörden – etwa im Bereich der Barkassen – rechtssicher umzusetzen.

Besonders spannend: Die Initiative richtet sich nicht nur an die alteingesessene Garde des Nachtlebens, sondern öffnet die Türen ganz bewusst für die Stadtgesellschaft. Es ist ein flammender Aufruf an all jene, die ihr Geld nicht in anonymen Kapitalanlagen versenken, sondern gezielt in die „Soundtrackmaschinen“ des eigenen Lebens investieren wollen, um die Vielfalt der Musikstadt Hamburg nachhaltig zu sichern. Jede Beratung, die heute angestoßen wird, sichert den Clubsound von morgen. Detaillierte Informationen finden Interessierte auf der Plattform der Stiftung.

Weitere Infos hier: stiftung-private-musikbuehnen-hamburg.de/clubhilfen/


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Stillstand: das neue Premium-Produkt https://www.tiefgang.net/land-unter-in-marmstorf-3-2/ Fri, 10 Jul 2026 22:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14149 [...]]]> Meine Lieben, böse Zungen behaupten ja, in Harburg passiere nichts. Ich sage: Stimmt gar nicht! Bei uns wird das Nichts im ganz großen Stil zelebriert.

Während andere Städte mühsam versuchen, ihre Gebäude mit Leben, Kultur oder gar Menschen zu füllen, haben wir im Süden den architektonischen Minimalismus für uns entdeckt. Leerstand ist das neue Schick!

Beim Haarewaschen meinte meine Friseurin ganz trocken: „Mensch Clara, wenn wir für jeden ungenutzten Quadratmeter einen Euro bekommen würden, bräuchten wir uns um den Haushaltsplan der Stadt keine Sorgen mehr zu machen.“ Recht hat sie! Schauen wir uns die vier großen „Geister-Hotspots“ doch mal mit einer großen Portion Humor und den allerneuesten Updates an:

Unser geliebter, riesiger Ex-Karstadt am Ring führt die Hitliste natürlich an. 26.000 Quadratmeter geballte gähnende Leere. Nach der kurzen technischen Zwangspause wegen der Elektrotechnik hat die Museumsdependance im Erdgeschoss zwar wieder geöffnet und bietet sogar tolles Ferienkino für die Kleinen an, aber der Rest des grauen Riesen wartet und wartet.

Ein paar Meter weiter in der Neuen Straße grüßt die ehemalige Dreifaltigkeitskirche. Die Gemeinde ist längst ausgezogen, das barocke Inventar und die Orgel wurden ausgebaut. Eigentlich gab es ja den wunderbaren Plan, das denkmalgeschützte Gotteshaus in eine lebendige Kita umzubauen. Aber jetzt kam der absolute Schock: Das Projekt ist vorerst komplett gescheitert! Da flossen beim Friseur fast die Tränen. Während die einen noch auf die Baugenehmigung gewartet haben, ist der Traum von Kinderlachen unter dem Kirchendach erst mal geplatzt. Jetzt herrscht dort vor allem eines: heilige, zugige und wohl noch sehr lange anhaltende Stille.

Ach ja, und dann der legendäre Beachclub am Treidelweg! Das ist mein absoluter Lieblings-Schildbürgerstreich im Binnenhafen. Da freuen wir uns auf Strand-Feeling, Liegestühle und Cocktails bei Sonnenuntergang. Und was passiert? Die mühsam sanierte Kaimauer ist derart fugendicht geraten, dass das Regenwasser nicht mehr abfließen kann. Ergebnis: Bei jedem Schauer verwandelt sich die Beach-Fläche in ein riesiges Biotop. Weil man mit riesigen Schlammpfützen aber schlecht eine Strandbar betreiben kann, zog der angedachte Betreiber die Reißleine. Jetzt haben wir am Kanal zwar jede Menge gähnende Leere, aber immerhin ein fantastisches Enten-Paradies!

Und zu guter Letzt das historische Thörl-Gebäude an der Harburger Schloßstraße. Das imposante, alte Fabrikgebäude gehört ja zur TUHH. Eigentlich sollte der schicke Anbau samt Sanierung für Büros und Forschungswerkstätten schon Ende 2023 fix und fertig sein – stattdessen herrschte dort eine unendlich lange, frustrierende Baupause. Und statt 14 soll es nun 23 Millionen kosten. Bis die erste Vorlesung stattfindet, bleibt es zwar ein architektonisches Geduldsspiel, aber immerhin bewegt sich wieder eine Putzkelle!

Meine Lieben, warum machen wir aus dieser kollektiven Misere nicht einfach ein touristisches Gesamtkonzept? Wir nennen das Ganze „Die Harburger Geister-Tour“. Zuerst besichtigen wir die stillen Flure im Karstadt-Haus. Danach meditieren wir vor der gescheiterten Kirchen-Kita. Anschließend gehen wir im überfluteten Beachclub baden und zum Finale feuern wir die Bauarbeiter*innen an der Thörl-Fabrik an, damit der Baufortschritt diesmal hält!

Ich bleibe erst mal im Friseur-Salon – da herrscht zum Glück gähnende Leere nur in der Kaffeekanne, und der Tratsch ist garantiert absolut lückenlos!

Bussi, eure Clara!


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Fotos für die Ewigkeit https://www.tiefgang.net/fotos-fuer-die-ewigkeit/ Thu, 09 Jul 2026 22:38:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14145 [...]]]> Hol Dir den Freddy an die Wand! – oder wenigstens einen Funken jener elektrisierenden Energie, die einst Stadien zum Beben brachte. Eine Ausstellung im Hamburger Stilwerk lädt dazu ein …

Wer dieser Tage durch das stilwerk Hamburg schlendert, begegnet nicht nur Udo Lindenbergs Panik-Universum, sondern findet im vierten Obergeschoss eine Einladung zu einer wahren Zeitreise. Die Ausstellung „LEGENDS OF ROCK ´N´ ROLL“, kuratiert von der Limelight Gallery, ist kein bloßes Sammelsurium von Fotos; sie ist ein von Neal Preston, Bob Gruen, Henry Diltz und anderen Musikfotograf*innen kuratiertes Hochgebirge an Popkultur-Geschichte.

Hier hängen Bilder, die längst über den bloßen Moment ihrer Entstehung hinausgewachsen sind. Wenn Neal Preston Freddie Mercury 1986 im Wembley Stadion festhält, dann sehen wir nicht einfach einen Sänger. Wir sehen eine Pose für die Ewigkeit, ein Bild, das atmet, das singt, das den Geist einer Ära in einem einzigen Klick einfängt. Diese Fotografien sind das visuelle Gedächtnis unserer Musikgeschichte. Man steht vor diesen großformatigen Fine-Art-Prints und spürt förmlich, wie der Bogen tanzt, wie der Schweiß von den Bühnenbrettern aufsteigt und wie John Lennon vor Bob Gruens Linse zum Symbol einer ganzen Generation wird.

Es ist diese hautnahe Authentizität, die den Reiz ausmacht. Zagaris, Floyd, Diltz – sie alle waren dort, in den Backstage-Bereichen, auf den Festivals, in den intimen Momenten der Rebellion. Sie dokumentierten kulturelle Umbrüche und künstlerische Freiheit, lange bevor die digitalen Filter alles glätteten. Dass man sich diese Fragmente der Rock-Historie tatsächlich mit nach Hause nehmen kann, macht den Besuch zu einem erlebnisorientierten Muss. Ein eigenes Stück „Ewigkeit“ für die heimische Wand zu erwerben, fühlt sich hier fast wie eine Notwendigkeit an, um sich den Spirit des Rock ´n´ Roll dauerhaft in die eigenen vier Wände zu holen.

Die Ausstellung ist bis zum 4. Oktober 2026 im stilwerk Hamburg, direkt gegenüber vom Udoversum in der Großen Elbstraße 68, zu sehen. Der Eintritt ist frei, was den Zugang zu dieser exzellenten Werkschau wunderbar niederschwellig gestaltet. Geöffnet ist die Galerie dienstags bis freitags von 11 bis 19 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 18 Uhr, wobei montags die Türen geschlossen bleiben. Eine wunderbare Gelegenheit, sich in der Nachbarschaft der Panik-Legende inspirieren zu lassen und zu erkennen, dass Rock ´n´ Roll weit mehr ist als nur Musik – er ist ein Lebensgefühl, das uns noch heute, Jahrzehnte später, direkt ins Herz trifft.

weitere Informationen: limelight-gallery.com


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