Was lange nur eine Forderung war, wird jetzt Realität. Hamburg setzt ein historisches Zeichen und macht Schluss mit der jahrelangen prekären Bezahlung in der Soziokultur.
Jahrelang war es eine stille, zermürbende Realität: Hochqualifizierte Fachkräfte, die mit glühendem Engagement für den gesellschaftlichen Zusammenhalt kämpfen, arbeiten am Existenzminimum. In der Hamburger Soziokultur herrschte ein krasses Missverhältnis zwischen den komplexen Aufgaben und der viel zu geringen Bezahlung. Doch jetzt ist Schluss damit! Ein historischer Meilenstein, der zeigt: Wertschätzung muss wahrlichen Mehr-Wert haben.
Warum der Wandel überfällig war
Der Ruf nach fairer Bezahlung ist nicht neu. Schon vor Jahren wurde klar, dass die leidenschaftliche Arbeit in der Soziokultur auf Dauer nicht aufrechterhalten werden kann. Die Kolleg*innen übernehmen mit großer Verantwortung Aufgaben, die oft eine akademische Ausbildung erfordern, doch die Bezahlung ist mit anderen Branchen kaum vergleichbar.
In einem Artikel aus dem Jahr 2022 brachte Corinne Eichner, damals schon Vorständin des Bundesverbands Soziokultur, die Frustration auf den Punkt: Sie sprach von einem zermürbenden Gefühl der Ausbeutung, das entsteht, wenn junge, exzellent ausgebildete Kolleg*innen feststellen, dass sie für ihre harte Arbeit deutlich weniger verdienen als Freund*innen mit ähnlicher Qualifikation. Sie forderte schon damals: „Professionelles Engagement kann nicht umsonst sein.“
Die Konsequenz? Ein Teufelskreis. Fachkräfte blieben nicht lange, wanderten ab. Und der wichtige Generationenwechsel, der die Soziokultur am Leben halten soll, wurde zur Herausforderung. Denn wer will unter diesen Bedingungen in das Berufsleben starten? Die Gefahr der Altersarmut, die weithin üblichen Befristungen und unbezahlte Mehrarbeit sorgten für eine Aushöhlung der gesamten Branche.
Eine neue Gehaltsstruktur sorgt für Gerechtigkeit
Jetzt hat die Stadt gehandelt – und wie! Die Hamburger Behörde für Kultur und Medien hat zusammen mit der Bezirksbehörde (angesiedelt beim Finanzsenator) eine neue Gehaltsstruktur verabschiedet, die sich am Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) orientiert. Das Ergebnis: Rund 65 Prozent der Stellen in der Soziokultur werden höher eingruppiert, und die Stadt investiert dafür eine Million Euro pro Jahr.
Kultursenator Dr. Carsten Brosda findet klare Worte für diesen längst überfälligen Schritt: „Eine faire Bezahlung in der Kultur ist kein Luxus, sondern eine Frage der Anerkennung und Gerechtigkeit.“ Auch Finanzsenator Dr. Andreas Dressel pflichtet ihm bei: „Wertschätzung bemisst sich nicht nur in Worten, sondern eben manchmal auch in Euro.“
Besonders bemerkenswert: Das Projekt, das von der Initiative „KulturWert“ angestoßen wurde, fand seinen Ursprung im Bezirk Harburg. Das dortige Bezirksamt koordinierte die Initiative federführend. Sozialdezernentin Dr. Anke Jobmann, die selbst aus dem Süden Hamburgs kommt, betonte begeistert: „Hier ist etwas wirklich Großes gelungen.“ Das zeigt, dass der Wandel direkt aus den Quartieren heraus angestoßen wurde – und dass die soziokulturelle Szene im Süden der Stadt, mit ihrer starken Basisarbeit, direkt von dieser Anerkennung profitiert.
Ein historischer Schritt für eine lebendige Zukunft
Dieser Erfolg ist ein Beweis für die Kraft der Zusammenarbeit. Der Dachverband STADTKULTUR HAMBURG e.V. hat den Prozess von Anfang an mitbegleitet. Geschäftsführerin Corinne Eichner, die schon vor Jahren die Missstände anprangerte, bezeichnet das Ergebnis als „historischen Meilenstein“. Die neue Gehaltsstruktur schaffe die Voraussetzungen, dass die Stadtteilkultur künftig auch für junge, hervorragend ausgebildete Menschen ein attraktiver Arbeitsplatz sein kann.
Das ist mehr als nur eine Tarifanpassung. Es ist eine Investition in die Zukunft. Seit den Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg, über die Blütezeit der 70er- und 80er-Jahre bis heute sind Stadtteilkulturzentren wie die GWA St. Pauli, das Haus Drei in Altona, die Motte in Ottensen, das Stadtteilkulturzentrum Lurup oder auch das Kulturhaus Süderelbe lebendige Orte der Begegnung. Sie sind die Herzschläge der Quartiere. Mit der neuen Gehaltsstruktur werden sie endlich strukturell gestärkt und gesichert. Sie können weiterhin ihre große Wirkung für den Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt der Stadt entfalten – und die Menschen, die dort arbeiten, müssen sich nicht mehr um ihre eigene Existenz sorgen. Hamburg hat bundesweit neue Maßstäbe gesetzt. Der Lohn der Leidenschaft ist endlich kein unerfüllter Wunsch mehr, sondern Realität.
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