Meine Lieben, schnallt euch an! Letzte Woche war ich hier an dieser Stelle vielleicht ein bisschen sehr im Frühlingsmodus.
Ich habe euch vom roten Klinker-Teppich für unsere Lüneburger Straße vorgeschwärmt und davon geträumt, wie wir dort demnächst wie die Stars zum Bäcker flanieren. Aber wisst ihr was? Ihr habt mir ordentlich den Kopf gewaschen – und das völlig zu Recht.
Ich habe eure Nachrichten gelesen und die Skepsis in euren Augen förmlich gespürt. „Schön und gut, Clara“, hieß es da, „aber was nützt uns ein roter Stein, wenn die Läden dahinter leer stehen?“ Oder: „Glaubst du wirklich, dass ein bisschen neue Farbe die tiefen sozialen Risse in der Fußgängerzone kitten kann?“
Diese Kritik hat gesessen. Und sie ist wichtig. Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir in Harburg schon oft erlebt, dass viel Geld in schicke Oberflächen fließt, während das eigentliche Leben darunter ignoriert wird. Ein neuer Bodenbelag vertreibt keine Dealer, er senkt keine Mieten für kleine, mutige Ladenbesitzer*innen und er schafft auch nicht über Nacht das Gefühl von Sicherheit zurück, das viele von uns am späten Abend dort vermissen.
Vielleicht war mein Optimismus letzte Woche ein bisschen wie Lippenstift auf einem Problem, das eigentlich eine Operation am offenen Herzen braucht. Wenn wir als Nachbar*innen dort nicht mehr gern einkaufen gehen, weil das Angebot nicht mehr passt oder weil wir uns unwohl fühlen, dann hilft auch der edelste Klinker aus dänischer Produktion nichts. Dann bleibt der rote Teppich eine leere Bühne ohne Schauspieler*innen.
Die Mitarbeiter*innen im Bezirksamt und die Planer*innen müssen sich also die Frage gefallen lassen: Ist dieser Teppich der Anfang einer echten Strategie oder nur ein teures Trostpflaster? Wir brauchen Konzepte, die über das Pflaster hinausgehen. Wir brauchen Unterstützung für Start-ups, die sich trauen, gegen die 1-Euro-Shops anzutreten. Wir brauchen Lichtkonzepte, die nicht nur schick aussehen, sondern Angstträume vertreiben. Und wir brauchen eine soziale Arbeit vor Ort, die nicht nur Symptome bekämpft.
Ich bleibe neugierig, aber ich schaue jetzt genauer hin. Dank eurer kritischen Stimmen ist mir klar geworden: Ein roter Teppich ist nur dann ein Gewinn, wenn er uns zu Orten führt, an denen wir wirklich sein wollen. Harburg verdient keine bloße Kosmetik, sondern echte Substanz.
Danke, dass ihr mich daran erinnert habt, dass wir hier im Süden keine Träumer*innen sind, sondern Realist*innen mit einem sehr feinen Gespür für hohle Versprechungen. Ich werde die Verantwortlichen beim Wort nehmen und nachhaken, was neben den Steinen sonst noch im Paket steckt.
Was meint ihr? Welche konkrete Veränderung – abgesehen vom Boden – würde die Lüneburger Straße für euch wieder attraktiv machen? Schreibt es mir, ich höre zu.
Eure Clara
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