5. SuedLese 2020 https://www.tiefgang.net Thu, 30 Apr 2020 08:26:44 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Literarischer Zusammenhalt https://www.tiefgang.net/literarischer-zusammenhalt/ Thu, 30 Apr 2020 22:29:01 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6829 [...]]]> Auch die Kulturszene in Hamburgs Süden hat die Restriktionen zur Eindämmung der Covid19-Pandemie schwer getroffen. Doch es gibt auch Signale der Hoffnung.

Kaum hatte das kleine Jubiläum zur 5. SuedLese – den jährlichen vierwöchigen Literaturtagen im Hamburger Süden begonnen, wurde es auch schon wieder am 14. März eingestampft. Auf der Strecke blieben 45 Autor*innen, deren Lesungen ins Wasser fielen. Auch die alte Faustregel „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ erwies sich schnell als irreführend, denn wann sollen all die Lesungen, Konzerte und Ausstellungen nachgeholt werden? Und so zeichnete sich alsbald ab: auch die noch so kleinen Einnahmen aus Honoraren, Buchverkäufen oder Hutspenden und Eintritten würden für die Literat*innen ersatzlos wegfallen.

Kulturschaffende also am Ende der Nahrungskette?

„Zum Glück hat unser Kultursenator früh das Desaster auch für die Kulturschaffenden erkannt und gegengesteuert“, so SuedLese-Macherin Sonja Alphonso. Und so konnte das SuedLese-Team über die Abteilung „Literatur“ der Kulturbehörde Hamburg nun nochmal 6.000,- € für Ausfallhonorare der ausgefallenen Lesungen erhalten.

„Ein schwacher Trost“, so Alphonso, die die Mittel nun an die Autor*innen weiter geben durfte. „Denn eine erfolgreiche Lesung mit interessiertem und neugierigem Publikum an schönen Orten ist durch nichts zu ersetzen. Aber eben auch die kleinen Honorare und Buchverkäufe sind für viele Harburger Kulturschaffende Teil ihres Einkommens, ihrer Mietzahlungen oder Buchdruckkosten. Gerade die Kulturschaffenden der 2. und 3. Reihe trifft diese Zeit daher besonders hart.“

Und da die Grundmotive der SuedLese und auch anderer Events der Initiative SuedKultur Zusammenhalt und gegenseitiger Respekt sind, ist die Anerkennung dieser nicht so im Rampenlicht stehenden aber immens wichtigen Arbeit substantiell. „Ebenso passt übrigens dazu, dass einige Autor*innen auf Ausfallhonorare verzichteten: Sie sitzen alle in einem Boot, zeigen sich solidarisch und erklärten sich bereit, zugunsten anderer zu verzichten, die es NOCH nötiger haben als sie selbst, um die Ausfälle zu kompensieren.“

Ganz nebenbei werden so übrigens die Gesamtkosten solcher Literaturtage viel bewusster, die viel aus eigenem und privatem Engagement von Kulturclubs und –cafés bestritten werden.

Während etwa der Bezirk Harburg die SuedLese dieses Jahr mit einem Druckkostenzuschuss von knapp 3.650 €  unterstützt hat, waren für die Gestaltung des 80(!)-seitigen Programmheftes, die redaktionelle Arbeit, das Verteilen von Werbemitteln und Plakaten allein weitere 5.000,- € nötig. Die nun in Teilen nachgezahlten Honorare hingegen werden von den Leseorten und den Veranstaltern selbst erwirtschaftet und betragen ca. 12.000,- €. „Wollte man die Literaturtage also privat auf die Beine stellen, müsste man schon gute 20.000,- € investieren. Und dafür, dass für viele Harburger es manchmal als normal oder gar angemessen erscheint, wenn man 2-3 Euro „Hutspende“ zahlt, muss man eingestehen: all das ist nur auf Kosten anderer möglich. Der Literat*innen und der Veranstaltenden. Ob das nach der Corona-Krise so noch funktionieren wird, bleibt allerdings abzuwarten“, so Alphonso nachdenklich.

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„Es hat sich ausgetindert“ https://www.tiefgang.net/es-hat-sich-ausgetindert/ Wed, 01 Apr 2020 22:17:06 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6358 [...]]]> Dem Romanautor Tomas Blum wird Atmosphäre und Tiefgang bescheinigt. Er wollte zur 5. SuedLese nach Harburg kommen. Nun liest er aus dem Homeoffice. Wir haben hatten vorab mit ihm gesprochen…

Das schreckliche Ereignis in ihrer Jugendzeit liegt so weit zurück, als würde es nicht mehr zu ihnen gehören – so als hätte es nicht ihr Leben bis auf den heutigen Tag geprägt. Zufällig treffen sie einander Jahrzehnte später im Geschäftsleben wieder, inzwischen als Kollegin und Kollege, und das Kennenlernen gerät zum Spießrutenlauf der Erinnerung.

Tomas Blum erzählt in seinem Romandebüt die Geschichte einer Befreiung aus den Ketten von Karriere und Konsum, und er stellt die Frage, was von uns bleibt, wenn wir nur funktionieren. Wenn wir keinen Dialog mehr wollen, sondern schon immer alles besser wissen. Das klingt nach einer reifen Leistung.

In einer Buchbesprechung heißt es, es sei ein sehr atmosphärischer Roman mit Tiefgang, der unheimlich eindrucksvoll geschrieben ist und noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Wenn das kein Aufhänger für ein Interview mit Tiefgang ist!

Tiefgang (TG): Du lebst und arbeitest in Berlin. Was verschlägt dich zur SuedLese nach Harburg?

Tomas Blum: Christoph, der Marketing-Leiter vom Liesmich Verlag, hat den Draht gelegt. Der ist direkt an der Waterkant auf die Welt gekommen. Bei Tiefgang hat er bestimmt an mich gedacht. Ich liebe Tiefgang. Im Alltag ist vieles zu oberflächlich…

TG: Du hast Literatur studiert und auch als Autor und Ghostwriter Geld verdient, allerdings in Wirtschaft und Politik. Erst nach einem Unfall hast du dich wieder auf das literarische Schreiben besonnen. Bedeutet das, dieses Ereignis hat dich quasi zur Besinnung gebracht?

Tomas Blum:  Ja. Es gab noch ein weiteres Ereignis: der Tod eines Schulfreundes. Mir wurde dabei klar, dass man Entscheidungen für die Zukunft nicht erst in der Zukunft treffen sollte. Ich habe ja mit dem Schreiben nie aufgehört, es jedoch immer nur für die Schublade getan.

TG: Schreiben genießt einen sehr hohen Stellenwert in deinem Leben und gehört für dich zu deinen Lieblingsbeschäftigungen. Kannst du den Zustand beschreiben, in dem du dann bist?

Tomas Blum:  Das ist ein Zustand ganz großer Klarheit. Es ist so, als könnte ich nur noch die Wahrheit denken. Alles, was dann beim Denken passiert, ist richtig. Manche würden vielleicht das Bild verwenden, Schreiben sei wie eine Droge, aber Schreiben ist das Gegenteil. Es ist innere Klarheit und Offenheit.

TG: Es gibt eine Autorenhündin namens Yella. Welche Rolle spielt sie in deinem Schriftsteller-Dasein?

Tomas Blum:  Klingst erstmal wie so ein Internet-Katzen Ding, nur mit einer Hündin. Aber ehrlich: Yella rettet jeden Tag meinen Arsch, weil sie mich rausbringt aufs Land und in den Wald. Hunde sind so sensibel. Die wissen, wie es einem geht, bevor man es selbst weiß. Und meine Zeit mit ihr zu teilen, ist super inspirierend.

TG: Deinen eigenen Worten zufolge bewähren sich die Hauptfiguren in deinen Romanen und Stücken durch ihr Vertrauen, obwohl ihre Umgebung nicht vertrauenswürdig ist. Was ist damit gemeint?

 Tomas Blum: Das ist DAS Ding im Leben, glaube ich. Neulich diskutierte ich mit einem Freund den Satz Adornos, es gebe kein richtiges Leben im falschen. Aber das stimmt nicht. Man sollte, wo immer es geht, das richtige Leben anstreben. Es herstellen. Das bedeutet Vertrauen. Davon ausgehen, dass ich in der richtigen Zeit am rechten Ort bin und innerhalb meiner Möglichkeiten handeln kann.

TG: Du versuchst auch, die Grenzen unserer Einfühlung auszuloten. Herrscht deiner Meinung nach ein Mangel an Empathie? Und wenn ja, was steht der im Weg?

Tomas Blum: Es herrscht in vielen Bereichen ein Mangel an Empathie, weil unsere an Leistung gemessenen Erfolge uns hochnäsig machen. An der Schule lernen wir, dass man theoretisch alles lernen kann. Das ist ein großer Irrtum. Wenn man glaubt, alles potentiell kennen und beurteilen zu können, dann wird man zum Zyniker. Das ist mit das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Und das steht der Empathie im Weg. Wir können uns selbst und einander nicht durch (Besser)wissen erleben, sondern durch Aufmerksamkeit, durch Offenheit, durch Konzentration.

TG: Wenn es in deinem Roman um den Mut zur Wahrhaftigkeit geht, darf man auf ein Happy End hoffen, oder?

Tomas Blum: Ab-so-lut! Schwarzseherei macht denkfaul, wenn man sich vorstellt, wie etwas kollabiert oder den Bach runtergeht. Ich will für mich und meine Leser das Gegenteil. Das wünsche ich mir jedenfalls. Ich möchte zeigen, wie man sich selbst aufrichten kann. Deshalb findet ihr in den Buchklappen meines Romans zwei handschriftliche Notizen. Am Anfang: „Bleib dort wo du bist.“ Das ist der Ausgangszustand meines „Helden“. Er ist resignativ. In der Buchklappe am Ende steht: „Ich wachse.“ Und darum geht es!

Tiefgang bedankt sich für Tiefgang bei Tomas Blum!

Tomas Blum: Auch ich bedanke mich. Ich freue mich schon auf die Lesung bei euch!

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

Online-Termin: Am Sa., 04. Apr., Tomas Blum – „Wofür wie uns schämen“, um 20 Uhr auf youtube:

statt im Elbdeich e. V., Moorburger Elbdeich 249, 21079 Hamburg

Zum Buchtrailer: 

Tomas Blum – „Wofür wie uns schämen“, erschienen im Liesmich Verlag, Oktober 2019, 14,95 €, ISBN 978-3-945491-08-9

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Wanderlust statt Alltagsfrust https://www.tiefgang.net/wanderlust-statt-alltagsfrust/ Fri, 13 Mar 2020 23:16:36 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6350 [...]]]> Entschleunigung und Achtsamkeit sind wichtige zeitgemäße Themen in einer Zeit hunderter E-Mails und permanenter Online-Medien. Expertin  Sabine Kuhnert findet sie beim Wandern und macht eine informative Station bei der SuedLese im Grauen Esel.

Es ist eines dieser ungewöhnlichen Formate bei den Harburger Literaturtagen. Die Sängerin und Entschleunigungsexpertin Sabine Kuhnert hat am 1. Januar 2020 ihre Konzertwanderung „Wanderlust statt Alltagsfrust“ gestartet. Diese Tour zu Fuß führt sie mehrere Monate quer durch die Republik, wo sie an verschiedenen Orten musikalische Impulsvorträge zum Thema „Entschleunigung im Alltag“ geben wird. Am 21. März erreicht sie nun Hamburg. Genauer Harburgs Hafen.

Sabine Kuhnert kommt mit einer Mischung aus Konzert und Impulsvortrag zum Thema „Entschleunigung im Alltag“ in die Hansestadt, in der sie selbst 4 Jahre gelebt hat. Rund um Hamburg wird sie noch mehrere Auftritte haben. „Wir alle kennen die Situation, unter medialer Reizüberflutung zu leiden und gestresst zu sein. In meinen Konzerten singe ich Lieder mit eigenen Texten und erzähle Geschichten, die dem Zuschauer Impulse mit auf den Weg geben. Auch über Methoden zur Stressbewältigung werde ich etwas erzählen und im Anschluss gibt es einen ganz zwanglosen Austausch über das Thema“, erklärt die engagierte Mittvierzigerin, die sich mit ihrer Wanderung selbst einen langgehegten Traum erfüllt und Vorbild für andere sein möchte. Gestartet am 01. Januar 2020 in Fulda, wandert sie Richtung Norden. Bisher standen Erfurt, Weimar und Leipzig und Berlin auf dem Wanderplan. Dort besuchte sie Mitte Februar das Kinderhospiz der Björn-Schulz-Stiftung, der ein Teil der Einnahmen dieser Wanderung zugute kommt.

Nach ihrer Zeit in Hamburg führt der Weg über das Ruhrgebiet zurück nach Süden. Dort wird sie am 30. Juni 2020 ihr Endziel Chiemsee erreichen.

Die Björn-Schulz-Stiftung In Deutschland leben etwa 50.000 Kinder und Jugendliche mit lebensverkürzenden Erkrankungen, jährlich sterben 3.000 bis 5.000 von ihnen daran. Die Mehrheit von ihnen und ihre Familien wünschen sich, so viel wie möglich der verbleibenden Lebenszeit gemeinsam in ihrer häuslichen Umgebung und nicht in einer Klinik zu verbringen. Sabine Kuhnert will mit den Erlösen ihrer Konzertwanderung die Ziele der Stiftung unterstützen. Mehr dazu unter bjoern-schulz-stiftung.de

Über die Konzertwanderung

Alle Infos finden sich auf der Webseite www.sabine-kuhnert.de. Während ihrer Wanderung schreibt Sabine Kuhnert einen Blog, postet Videos auf facebook und Instagram und lässt so alle am Thema Interessierten an ihren Erfahrungen teilhaben. Besonderheit: Sie trifft Pioniere für ein entschleunigtes Leben, Menschen, die ihre eigene Work-Life-Balance bereits gefunden haben und interviewt sie. „Ich freue mich nicht nur auf die Konzerte und das Wandern – Ich freue mich vor allem auf die Begegnungen und Gespräche mit entspannten oder gestressten Menschen und auf die Geschichten von denen, die bereits ein entschleunigtes Leben führen. Aus ihren Erfahrungen können wir alle lernen. Jeder und jede hat es selbst in der Hand, den eigenen Stresslevel runterzuschalten.“ Wie, das erfährt man bei ihren ImpulsKonzerten und online.

Termin: Mo., 30.Mrz., 19:00 Uhr: „Sabine entschleunigt“ – eine Konzertwanderung, Grauer Esel, Karnapp 5, 21079 HH-Hafen, Eintritt frei, Spende erwünscht!

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Der Harburger Blut-Sonntag https://www.tiefgang.net/der-harburger-blut-sonntag/ Sat, 07 Mar 2020 18:40:11 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6439 [...]]]> Hundert 100 Jahre ist es her und hat auch in Harburg Geschichte geschrieben: der Kapp-Putsch. Der Historiker Gietinger hat sich des versuchten Umsturzes der Weimarer Republik angenommen und kommt just nach Harburg.

Und er liest am Die., 17. März um 19 Uhr im Rieckhof, (Räume: Sylt, Amrum und Föhr), Rieckhoffstraße 12, 21073 Hamburg-Harburg.

Als nationalkonservative Kräfte in Berlin versuchen, die Regierung zu stürzen, stellt sich eine Hamburger Einwohnerwehr Anhängern der Putschisten in Harburg entgegen. In Harburg wurde ihr Zug jedoch an der Weiterfahrt gehindert, weshalb die Soldaten nach Heimfeld marschierten. Hier wollten sie sich in der nahe gelegenen Kaserne mit Waffen und Munition auszurüsten. Die Mittelschule wurde von den Truppen kurzerhand besetzt. Nach kurzer Zeit war die Schule von Harburger Einwohnern, der Einwohnerwehr und Soldaten des Pionierbataillons umringt und man verhandelte viele Stunden mit den Baltikumtruppen um deren Aufgabe. Während dieser Verhandlungen lösten sich Schüsse und bald darauf war die Mittelschule Ort einer wilden Schießerei, in deren Verlauf 16 Personen getötet und 62 verletzt wurden. Der Vorfall geht als „Harburger Blutsonntag“ in die Geschichte ein. Heute erinnert eine Gedenktafel vor Ihrem Schulgebäude an die Menschen, die sich in Harburg dem ersten Umsturzversuch gegen die junge Demokratie entgegenstellten.

Pünktlich zum 100. Jahrestag im März 2020 rollt der Historiker Klaus Gietinger die Geschichte des Umsturzversuchs neu auf und liefert bislang kaum bekannte Fakten und Hintergründe. Es ist ein fast vergessenes Kapitel deutscher Geschichte, das jedoch fast so wichtig erscheint, wie die Novemberrevolution 1918. Und das Thema ist aktuell: denn wieder sind es rechte Kräfte, die die Demokratie auszuhöhlen versuchen. Und manche Gedanken kursieren eben auch heute wieder. Oder noch?!

„Es war der erste Versuch nach nicht einmal eineinhalb Jahren, die Weimarer Demokratie zu zerschlagen, und es war im Abwehrkampf der letzte Versuch, die Novemberrevolution zu vollenden“, so Gietinger und verweist dabei eben auch auf die bizare Situation divers und in völlig verschiedene Zielrichtungen agierender Kräfte:  Nach dem 1. Weltkrieg verlangte der Versailler Vertrag die Reduzierung des Deutschen Heeres auf 100 000 Mann und die Auflösung der Freikorps, mit denen die Reichsregierung die Arbeiteraufstände 1919 niedergeschlagen hatten. Doch der Weltkrieg wurde ideologisch derart ideologisch geführt „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ skandierte Kaiser Wilhelm II und so ist es wenig verwunderlich, dass die präfaschistischen Freikorps Ehrhardt und Loewenfeld sich der Armeereduzierung verweigerten und putschten. Die Reichsregierung floh, kurz vorher hatten Ebert und Noske einen Aufruf zum Generalstreik herausgegeben. Der größte Streik, den Deutschland je gesehen hat, folgte. Zahlreiche Kommandeure der Reichswehr sympathisierten mit den Putschisten. Die Regierung landete in Stuttgart und wurde dort nur militärisch beschützt, weil sie leugnete den Aufruf zum Generalstreik unterzeichnet zu haben. Nach fünf Tagen mussten die Putschisten in Berlin aufgrund des Generalstreikes aufgeben. Die Regierung kehrte in die Hauptstadt zurück. Inzwischen war es aber vor allem in den Industriegebieten Mitteldeutschlands, Thüringens und im Ruhrgebiet zu bewaffneten Kämpfen von Arbeitern gegen die putschenden Freikorps und die Reichswehr gekommen. Die Putschisten wurden zurückgeschlagen. Im Ruhrgebiet bildete sich eine Rote Ruhrarmee aus der SPD-, USPD- und KPD-Basis, mit bis zu 100 000 Mann. Teils waren sogar Bürgerliche und Syndikalisten beteiligt. Man wollte nun mehr als die Rückkehr der alten Regierung, verlangte die Auflösung der Reichswehr, stattdessen eine Volkswehr, die Bestrafung der Putschisten und Sozialisierung. Regierungsvertreter (SPD und Zentrum) mussten verhandeln. Man schloss das Bielefelder Abkommen, das einige soziale und militärische Zugeständnisse machte. Doch die Reichswehr hielt sich nicht daran, wie Teile der Roten Ruhrarmee. Reichspräsident Ebert (SPD) wollte das Abkommen auch nicht akzeptieren. So fielen die Reichswehr und die Freikorps, die geputscht hatten, im Ruhrgebiet ein und massakrierten die Kämpfer, deren sie habhaft werden konnten. Gedenksteine für die Opfer wurden von den Nazis beseitigt. Zeit an diesen Kampf zu erinnern.

In Hamburg, wo Reichswehr und Zeitfreiwillige stationiert waren, setzte der Kommandant von Wangenheim, ein Kapp-Anhänger, die Stadtregierung ab. Die Mannschaften der Zeitfreiwilligen tendierten aber mehrheitlich, wohl auch weil Beamte unter ihnen waren, eher zum bisherigen Senat und zur alten Reichsregierung. Sie meldeten sich einfach zum Urlaub und machten sich aus dem Staub. Eine Minderheit von 500 Mann gründete hingegen das Freikorps Sieveking. Kämpfe gab es auch – und zwar ausgerechnet in Harburg, seinerzeit noch eigenständige Stadt. „In Harburg war Major Hueg, ein typischer verdeckter Putschist, für «Ruhe und Ordnung» eingetreten, was aber selbst den SPD- und Gewerkschaftsführern nicht genügte. Sie nahmen ihn fest, erklärten seinen Mannschaften, dass er den Eid auf die Verfassung gebrochen hätte, meuterten daraufhin und reichten vielen Arbeitern Waffen.“

Doch es gab Leutnant Berthold, der mit einer Truppe aus Stade kam, eigentlich die Putschisten in der Hauptstadt verstärken wollte, aber aufgrund eines Lokschadens in Harburg landete. Er bezog am 14. März 1920 – also eben genau vor 10 Jahren! – die Schule in der Grumbrechtstraße, hisste eine schwarz-weiß-rote Kaiserreichsfahne und beschwerte sich über die Verhaftung des Kommandanten Hueg. Am 15. März begann der Generalstreik, eine riesige Demonstration mit bewaffneten Arbeitern erschien vor Bertholds Quartier

und forderte seinen Abzug. Es kam zum Kampf.

Darüber, über die sogenannte Dolchstoß-Legende und was der Kapp-Putsch über diese Zeit aussagt, aber eben auch konkret über die Kämpfe in Harburg, erläutert Gietinger anhand neuer historischer Erkenntnisse und neuzeitlicher Deutungen.

Termin: Klaus Gietinger – Kapp-Putsch 1920,  Die., 17. März, 19 Uhr, Rieckhof (Räume: Sylt, Amrum und Föhr), Rieckhoffstraße 12, 21073 Hamburg-Harburg

Gefördert durch die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg

Das Buch: 

Gietinger, Klaus: Kapp-Putsch, 1920 – Abwehrkämpfe – Rote-Ruhrarmee, 

  1. Auflage 2020, Buch, Kartoniert, Schmetterling, ISBN 3-89657-177-X, 19,80 EUR (inkl. MwSt., zzgl. Porto)

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„Das schreibende Gewissen der Deutschen“ https://www.tiefgang.net/das-schreibende-gewissen-der-deutschen/ Fri, 06 Mar 2020 23:38:27 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6341 [...]]]> Johannes Kirchberg gastiert bundesweit, ist aber im Hamburger Süden zuhause. Nun tritt er mit einem Erich Kästner-Programm bei der 5. SuedLese auf. Grund genug mal nachzuhaken …

Johannes Kirchberg ist Chansonsänger und Musikproduzent gründete 2000 gründete er das Plattenlabel dermenschistgut Musik, wo er junge Gruppen produziert. Seit 2011 ist Kirchberg Ensemblemitglied vom Theaterschiff DAS SCHIFF in Hamburg. In der Fischhalle trat er im Mai 2019 mit seinem Wolfgang-Borchert-Programm „Meine Seele ist noch unterwegs“ auf.

Bei der diesjährigen SuedLese macht der aus Leipzig stammende Johannes Kirchberg eine tiefe Verbeugung vor dem Dichter Erich Kästner, der in den dortigen Kaffeehäusern seine ersten Gedichte schrieb.

„Freunde, nur Mut, lächelt und sprecht: Die Menschen sind gut, nur die Leute sind schlecht.“

Manches ist aus dem eigenen Wortschatz kaum wegzudenken wie beispielsweise „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (mein persönlicher Wahlspruch), auch wenn uns vielleicht gar nicht bewusst ist, dass das ursprünglich von Kästner kam. Der Mann ist jedenfalls eine Legende.

Johannes Kirchberg ist seines Zeichens auch kein unbeschriebenes Blatt, sondern einer, der aus dem Vollen zu schöpfen scheint und auch noch Noten schreiben und lesen, spielen und singen kann. Man erinnere sich an seine Auftritte in unseren Gefilden im Wasserturm am Elbdeich, auf der Freilichtbühne beim letzten Sommer im Park oder die Kulturtage – Gelegenheiten, bei denen das Publikum hellauf begeistert war.

Nun denn: „Ich dagegen bin dafür“, dass einer wie er dem anderen das Wasser reicht.

Tiefgang (TG): Was ist die Idee zu diesem Erich-Kästner-Abend in der Fischhalle Harburg?

Johannes Kirchberg: Da steckt keine Idee dahinter. Es ist einfach eine große Freude, in der wunderschönen Fischhalle aufzutreten. Ich wurde im letzten Jahr eingeladen, mein Wolfgang Borchert Programm zu spielen. Und es wurde ein sehr berührender Abend, der mich sehr beseelt hat. Die Menschen der Fischhalle wurden mir zu Freunden. Da Literatur einen großen Platz in der Fischhalle hat, haben wir uns für das nächste Gastspiel Erich Kästner ausgesucht. Von mir aus darf das gerne eine Tradition werden. An mir scheitert das nicht, denn ich habe noch ein paar musikalisch-literarische Abende im Gepäck. Das Engagement der Kulturmacher im Harburger Hafen kann gar nicht genug gewürdigt werden. Was dort auf die Beine gestellt wird, verdient größten Respekt. Und Erich Kästner passt natürlich auch sensationell nach Harburg. Nicht nur, weil ich in Hausbruch wohne und wie er aus Sachsen komme, sondern auch weil er ein urkomisches Gedicht über Hamburg & Harburg geschrieben hat. Ich werde es am 26.03. einbauen.

TG:  Wann machtest du Bekanntschaft mit seinen Texten? Durch „Emil und die Detektive“?

Johannes Kirchberg: Ich habe leider die Kinderbücher als Kind nicht gelesen. Zum Glück durfte ich sie später für mich entdecken. Aber sehr zeitig fielen mir seine Gedichte in die Hände und ich begann, sie zu vertonen, um sie zu meinen eigenen Stimmen zu machen. Sie waren immer Ausdruck meiner Gefühlswelt. Und wenn ich schreiben könnte, würde ich gern so schreiben wie Kästner. Er ist für mich das schreibende Gewissen der Deutschen. Zum 100sten Geburtstag 1999 durfte ich am Leipziger Schauspielhaus einen Abend gestalten. „Der Mensch ist gut“ hieß das Programm. Und es war der Beginn meiner Karriere. Seitdem sind noch drei andere Erich Kästner Programme entstanden. Und nach wie vor lässt er mich nicht los. Und wenn ich Kummer habe oder unter Ausweglosigkeit leide, lese ich immer noch hin und wieder in der „Lyrischen Hausapotheke“. Eines der schönsten Bücher, die ich kenne.

TG: Ist er zu einem Vorbild für dich geworden? Wenn ja, warum?

Johannes Kirchberg: Naja, Vorbild nicht unbedingt. Moralische Instanz vielleicht. Wie oft spricht man Kästner, ohne es zu wissen? „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ ist das wohl bekannteste Epigramm von ihm. Aber auch „Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken“ ist so aktuell und treffend wie vor hundert Jahren. Ich bin Kästner dankbar, denn durch seine Gedichte wurde meine Liebe für die Lyrik geweckt.

TG: Du trittst auch auf kleinen Bühnen auf. Wie wichtig ist dir die Tuchfühlung zum Publikum?

Johannes Kirchberg: Wenn es gut riecht, das Publikum, dann genieße ich die Tuchfühlung … (lacht) … im Ernst, ich mag die kleinen Bühnen. Ich singe gern unverstärkt und vor neugierigen Menschen. Auch gern in privater Atmosphäre. Aber ich mag natürlich auch die große Bühne. Das Konzert im Kleinen Saal der Elbphilharmonie war schon eine große Nummer.

TG: Neben dem Interesse an zeit- und gesellschaftskritischen Texten scheint dich auch der Humor mit Kästner zu verbinden. Sorgt Humor nur für Unterhaltungswert, oder siehst du einen tieferen Sinn darin? Anders gefragt: Was bedeutet Humor für dich?

Johannes Kirchberg: Heißt es nicht irgendwo „Humor ist der Regenschirm der Weisen“? Solange Satire nicht in Sarkasmus abrutscht, ist mir Humor ein gern gesehener Begleiter. Deshalb spiele ich neben den Literaturprogrammen auch ein eigenes Kabarettprogramm. TESTSIEGER heißt es und es ist humorvoll und unterhaltsam. Die Songs sind Ende Januar auf CD erschienen. Eine opulente Produktion mit Streichorchester und Bläserensemble, Chor und Band. Mit ganz großem Besteck sozusagen.

TG: Vom Spaß zum bitteren Ernst: Wenn man überlegt, dass die Nationalsozialisten damals Bücher von Kästner verbrannten – und er sogar dabei zugesehen hat… Was geht dir dann durch den Kopf?

Johannes Kirchberg: Ich finde es schon verrückt, dass Kästner so viel vorausgesehen hat, dass er immer ein Mahner und Warner gewesen ist, dass er verboten wurde und dennoch Zeitzeuge blieb. Dass er das Land nicht verlassen hat, sondern Chronist seiner Zeit war. „Manchmal“, schrieb er „ist der Alltag, auch im Krieg und unterm Terror eine langweilige Affäre.“ Zum großen Glück ist er irgendwie durch diese schlimme Zeit gekommen und hat seinen Kopf behalten. Er hatte vor, einen großen Roman zu schreiben, hat es aber dann nach dem Ende des Krieges nicht getan. Er hat es, nach eigener Aussage nicht gekonnt und nicht gewollt.

TG: Damit das Interview nochmal die Kurve kriegt bzw. angenehm ausklingt: Welche Spielorte gefallen dir in Harburg besonders gut und warum?

Johannes Kirchberg: Die Fischhalle ist natürlich ein traumhafter Ort im Hafen. Ich mag die Bühne im Stadtpark und das „Sommer im Park-Festival“ und ganz sensationell finde ich den neuen Saal im BGZ Neugraben, das JOLA. Ich habe die große Freude, dort das Kulturprogramm zusammenzustellen. Aber das sind natürlich nur die Orte, die ich als Kabarettist kenne und bespiele. Daneben gibt es noch viele Bühnen mehr im Hamburger Süden, deren Engagement gewürdigt gehört.

TG: Herzlichen Dank für das Interview!

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

 Termin: Mi., 26. Mrz., Erich Kästner-Abend mit Johannes Kirchberg, 19 Uhr Fischhalle Harburg, Kanalplatz 16, 21079 Hamburg

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„Gefummel am Sinn, Klang, Rhythmus“ https://www.tiefgang.net/gefummel-am-sinn-klang-rhythmus/ https://www.tiefgang.net/gefummel-am-sinn-klang-rhythmus/#comments Fri, 06 Mar 2020 23:12:38 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6424 [...]]]> Lyrik scheint in Zeiten der Sachlichkeit und Funktionalität aus der zeit gefallen. Nicht so bei der 5. SuedLese. Wir haben nachgehakt.

 „Ich schreibe mir ein Bild“ (Siegfried Kopf)

Lyrik. Dieses Genre hat es schwer und dabei so viel zu bieten. Aber neben der Lyrikerin bzw. dem Lyriker braucht es natürlich auch ein aufgeschlossenes Publikum, das sich einlässt auf das, was da kommen mag und u. U. nicht leicht zu fassen ist. Lyrik erschließt sich in seiner Bedeutung nicht sofort, sondern lässt eher etwas anklingen; etwas, das einen berührt und/oder anspricht, bevor man versteht, wie und warum. Manches verhallt vielleicht unbegreiflich, anderes erzeugt ein Echo im eigenen Klangkörper.

Bei der diesjährigen SuedLese (5. März – 14. April) sollen auch wieder vorgetragene Verse – die sich keineswegs reimen müssen – dazu beitragen, der Ausdrucksform näherzukommen. Ein Werk möge wie ein Bild oder Parfüm auf Anhieb betören und dann nach und nach seine Kopfnote entfalten. Zu den Dichtenden, Denkenden und Fühlenden, die Dame zuerst:

Gisela Baudy veröffentlichte 2019 zwei Gedichtbände beim awsLiteratur Verlag des gemeinnützigen Kulturvereins Alles wird schön e. V.: „Worthaut“ und „Blaues Ufer“. In beiden Bänden hat Autor und Künstler Christian Baudy viele ihrer Gedichte mit eigenen Kunstwerken malerisch begleitet. Autorin und Maler lesen im Rahmen der awsLiteratur-Verlagspräsentation „Querbeet – awsLiteratur präsentiert Neues aus dem Verlagsprogramm“ gemeinsam aus beiden Werken und zeigen parallel Gedichte und Malereien per Powerpoint-Präsentation. Der Vortrag ist Teil einer Gemeinschaftslesung mit weiteren Autoren und Autorinnen und findet am 4. April in den Räumen des Heimfelder Kulturvereins statt.

Björn Jensen, u. a. Pädagoge und Bauarbeiter, beschreibt „Nächte aus Samt, Tage aus Beton“. Der Textschmied war schon oft zu Gast beim WORTart! Literaturfestival in der Fischhalle und liest in der Deichdiele in Wilhelmsburg.

Architekt, Texter, Maler und Fotograf Siegfried Kopf lädt bei einer Wohnzimmerlesung in Eißendorf zum „Frühlingsanfang“ ein.

Und last, but not least Ulrich Lubda, der auch schon mehr in seinem Leben gemacht hat, als hier aufgezählt werden kann und soll. Sein Thema bei der SuedLese: „Träume vom Schäfer von Schafen vom Überleben“ (Prosa) und “ShaFmanie” (Lyrik).

Tiefgang (TG): Von jedem von Euch wollen wir wissen: Was brachte euch zur Lyrik?

Gisela Baudy: Wer kann das schon wirklich sagen? Ich habe schon früh begonnen, „Tage“-Bücher zu schreiben. Irgendwann kam dort nur noch hinein, wenn mich Erlebtes auch sprachlich und klanglich reizte. Dazwischen konnten Wochen oder Monate vergehen.

Siegfried Kopf: Die Auseinandersetzung mit der Liebe und dem Zeitgeist während meiner Bundeswehrzeit als Kriegsdienstverweigerer in den Jahren 1973-1974.

Björn Jensen: Einen Auslöser oder ein bestimmtes Ereignis gab es nicht; Schon früh gefiel mir das Spiel mit der Sprache – oh, und mit 17 durfte ich an einem Buch der -auch- Kinderbuch-Autorin Ingeburg Kantstein mitschreiben („Sybilla war ein schönes Kind“).

Ulrich Lubda: Von allen Textsorten wird Lyrik gern als diejenige angesehen mit dem kürzesten Zugang zu Emotionen und dem, was als künstlerische Intuition bezeichnet wird. So jedenfalls wurde sie uns in den letzten Schuljahren im Deutschunterricht vorgestellt. Ich galt schnell als “Experte” für die für fast alle meiner gequälten Mitschüler hermetisch-geheimnisvollen und Abi-entscheidenden “Gedichtinterpretationen”. Vermutlich hatte ich eine Antenne dazu. Die in den 60ern behandelten Autoren waren natürlich wie üblich zeitversetzt eher gestrig wie: Trakl, Stadler, Rilke, Benn, Heym, Hofmannsthal, Lasker-Schüler – vielleicht auch Brecht. Die benutzte Anthologie hieß “Silberfracht”. Klar hat man sich dann stilistisch in eigenen Pennäler-Versuchen an diesen orientiert.

TG: Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Gisela Baudy: Mit etwa acht Jahren wusste ich schlagartig, dass ich Schriftstellerin werden wollte. Das schlummerte dann aber lange vor sich hin …

Siegfried Kopf: Ein Foto-Buchgeschenk an einen Freund mit dem Titel “Wüstenlandschaften” – Ich schrieb ihm dazu eine Widmung, meinen ersten Text in Lyrik.

Björn Jensen: Der Punk kam ungefähr `80 nach Hamburg und ich schrieb für die Hamburger Band „Nimm2“ einige Texte. Als dann die ersten sogenannten Poetry_Slams stattfanden (Molotow, Ponybar, Nochtspeicher, Heimfeld ist Reimfeld), habe auch ich mich auf die Bühne getraut und tue das bis heute.

TG: Habt ihr Vorbilder?

Gisela Baudy: Ich mag Dichterinnen und Dichter, die die Kürze lieben. Ich denke da an bekannte Namen wie Rose Ausländer, Reiner Kunze, Erich Fried, aber auch an weniger bekannte wie Fred Stäheli oder Angelica Seithe. Aber auch Dichter wie etwa Joseph von Eichendorff, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Paul Celan oder die Dichterin Ingeborg Bachmann haben es mir angetan. Ich könnte die Reihe unendlich fortsetzen.

Siegfried Kopf: Nicht unbedingt, doch Texte von Kurt Tucholsky, Erich Fried und Sarah Kirsch haben mich schon beeindruckt.

Björn Jensen: Ich finde Vorbilder nicht das richtige Wort, weil es ein „Nachahmen“ implizieren könnte… Ich lese gerne und mag z.B. F. Villon und C. Bukowski für Sozialkritik und ungeschliffene Härte, J. Ringelnatz, T. Pratchett und D. Adams für Sprachwitz und Fantasie, E. Mühsam, B. Brecht und E. Kästner für Werk und Haltung, Novalis für wunderschöne romantische Lyrik….. um nur einige zu nennen.

Ulrich Lubda: Über die bereits erwähnten hinaus beschäftigt man sich im Rahmen eines literaturwissenschaftlichen Studiums natürlich ausgiebig mit Lyrik verschiedener Zeiten und Sprachen, für mich der englische und slawische Sprachraum, aber auch Frankreich – e. e. cummings, Bukowski, Burns, Jewtuschenko, Lermontow, Jessenin, Celan, Prévert, Cohen, Brel u.v.a.m. In letzter Zeit versuche ich, Michael Hamburger (aus Berlin nach England emigriert) und vor allem Seamus Heaney zu übersetzen. Toll und nachahmenswert finde ich nach wie vor die Lesungen des charismatischen Peter Rühmkorf zum Jazz von Michael Naura und Wolfgang Schlüter. Sehr inspirierend.

TG: Was schätzt ihr am Spiel mit den Worten am meisten?

Gisela Baudy: Wenn es nicht selbstverliebt daherkommt. Ich mag das Spiel mit Worten  wenn es unser Da-Sein greift und ihm Stimme verleiht. Denn ich liebe Worte, die Wurzeln haben zum Trinken.

Björn Jensen: Dass es mir öfter gelingt, mit Worten Bilder oder Gefühle entstehen zu lassen, das hat fast etwas Magisches…

Siegfried Kopf: Das Bild und den Klang, wenn der Text fertig ist – wenn ich in Laune bin zu schreiben, weiß ich nie, was daraus wird.

TG: Was ist die größte Herausforderung?

Siegfried Kopf: Der Anfang eines neuen Textes.

Gisela Baudy: Das Warten oder der Stillstand zwischen zwei Schaffensphasen. Klangbilder sind wie Fische, die in der Tiefe schwärmen und dir schnell entgleiten. Eine weitere Herausforderung ist es, im Alltag einen Freiraum zum Atmen und kreativen Gestalten zu finden.

TG: Verarbeitet ihr persönliche Erfahrungen oder kommen die Eingebungen aus dem Land der Fantasie?

Ulrich Lubda: Klar. Nur. Was sonst? Der Vorgang ist immer der gleiche. Ausgelöst durch ein Bild, Gefühl – oft auch über Musik, Geruch usw. – sind schon die ersten Worte und Begriffe da. Notiz und dann tagelanges Gefummel – am Sinn, Klang, Rhythmus.

Gisela Baudy: Ich mache hier keinen Unterschied. Gelungene Gedichte sind für mich Brenngläser. Sie verdichten das Erlebte und sie vervielfachen das Licht, das Leben ist.

Christian Baudy – Blaues Ufer

Siegfried Kopf: Fast all meine lyrischen Texte spiegeln meine Lebensgeschichte wieder, also Erfahrungen und insbesondere meine Einstellung in all ihren Facetten.

Björn Jensen: Oft sind es politische Ereignisse, die mir auf den Nägeln brennen und mich zur Feder greifen lassen. Ob nun anlässlich des 80.ten Jahrestages der Reichsprogromnacht, die Umbenennung von toten Zivilisten durch kriegerische Handlungen in „Kollateralschäden“ oder die frierende Obdachlose. Aber auch romantische Verse an die auserwählte Liebste…

TG: Was war die wohl schönste Reaktion auf einen eurer lyrischen Texte?

Gisela Baudy: Es waren die Worte: Das hat mich berührt. Viele Gedichte in „Worthaut“ und „Blaues Ufer“ sind Hingabe, sind Liebeserklärungen an das Leben. Gibt es Schöneres als Liebe, die übergeht?

Ulrich Lubda: Immer schön, wenn wenigsts ein Mensch erreicht wird. Manchmal gründlich.

Wie bei Björn Jensen, als eine Zuhörerin ihm nach einer „Heimfeld ist Reimfeld“-Veranstaltung sagte, dass sie bei seinen Worten habe weinen müssen, so tief hatte das Gedicht sie berührt. Und manchmal erobert man sogar Herzen (zurück).

Siegried Kopf: Meine Jugendliebe hat mich wiedergefunden durch meine Lyrik – wir sind nach mehr als 40 Jahren wieder ein Paar.

TG: Wenn das kein schönes Schlusswort ist! Vielen Dank für die schöne Einstimmung auf magische Momente mit Lyrik.

(Die Fragen für ´Tiefgang` stellte Sonja Alphonso)

 Die Orte der Worte:

  • Wohnzimmerlesung im Mehringweg 1 –Siegfried Kopf am 20. März ab 19 Uhr, Hutspende
  • Deichdiele, Vehringsstr. 156 – Björn Jensen am 25. März um 20 Uhr, Eintritt frei
  • Alles wird schön e. V., Friedrich-Naumann-Str. 27 – Ulrich Lubda am 27. März um 19 Uhr, Eintritt frei
  • Alles wird schön e. V., Friedrich-Naumann-Str. 27 – Gisela Baudy u. a. am 4. April ab 16 Uhr, Hutspende

 

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https://www.tiefgang.net/gefummel-am-sinn-klang-rhythmus/feed/ 1
„Der reinste Kindergarten!“ https://www.tiefgang.net/der-reinste-kindergarten/ Fri, 21 Feb 2020 23:33:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6338 [...]]]> Philo Sophie Selbst-Zweifel ist bekennende Denkerin und schreibt seit über zwei Jahren im ´Tiefgang` wöchentliche Kolumnen mit Herzblut. Sie hat sich damit einen Namen gemacht, veröffentlicht gerade ihren zweiten Sammelband und nahm bereits im letzten Jahr an der SuedLese teil. Zeit für einige Fragen …

Tiefgang (TG): Was hat es mit deinen Kolumnen auf sich?

Selbst-Zweifel: Ich verarbeite stets das, was mich gerade beschäftigt. Meistens ist es sehr persönlich, gelegentlich gesellschaftskritisch und ab und zu auch ein wenig politisch angehaucht.

TG: Wo findest du deine Themen?

Selbst-Zweifel: Unterm Kopfkissen. Nein, im Ernst: die Themen kommen zu mir. Sie suchen mich sogar nachts heim. Da nützt es auch nichts, wenn ich mir die Decke über den Kopf ziehe.

TG: Wie kamst du überhaupt zum Schreiben?

Selbst-Zweifel: Ich glaube, das kopflastig-Sinnierende wurde mir schon in die Wiege gelegt… 2005 fiel mir dann ein Notizheft in die Hände. Wir verloren uns allerdings nochmal aus den Augen, aber als wir uns knapp zehn Jahre später erneut über den Weg liefen, war es Liebe auf den zweiten Blick! Seither sind wir ziemlich beste Freunde und fast unzertrennlich.

TG: Und wie kamst du vom Notizheft zu TIEFGANG?

Selbst-Zweifel: Zunächst fragte ich mich, ob man Tagebücher auch nachts schreiben kann. Und probierte es aus. Von Schreibkollegen, die meine Texte kennenlernten, wurde mir sehr nachdrücklich dazu geraten, Kolumnen zu schreiben. Dann war es ehrlich gesagt nur noch ein Katzensprung ins kalte Wasser. Aber seither schwimmt es sich ganz gut. Denn ich darf denken und schreiben, was ich will.

TG: Was für Ziele hast du?

Selbst-Zweifel: Vom Freischwimmer über den Fahrtenschreiber bis hin zum Wasserzeichen.

TG: HH, ich meinte, wen du ansprechen willst?

Selbst-Zweifel: Schwierige Frage. Ich kenne meine Zielgruppe gar nicht. Sie will offenbar anonym bleiben. Aber mir sind einzelne Personen bekannt, die mit meinen versponnenen Gedanken etwas anfangen können. Im Grunde zeichne ich nur Selbstgespräche auf, habe aber nichts dagegen, wenn jemand meine Gedanken liest. Es ist vielleicht nicht immer einfach, ihnen zu folgen, weil sie öfters Haken schlagen. Das liegt möglicherweise an meinem inneren Angsthasen. Aber aus meiner Sicht lohnt es sich, der Fährte zu folgen. Das versetzt mich in die Lage, meiner Angst immer wieder mal die Denkerstirn zu bieten. Mit meinen Mutproben mache ich recht gute Erfahrungen. Das hilft beim Umdenken.

TG: Das hört sich nach nachhaltigen Zielen an.

Selbst-Zweifel: Stimmt genau! Ich kann erste Impulse und alte Muster jederzeit in den Kreislauf zurückführen und mir etwas Neues dabei denken. Upcycling thinking.

TG: Klingt kompliziert, die Aussprache…

Selbst-Zweifel: Dann kürzen wir das eben up: thinkling.

TG: Hm…

Selbst-Zweifel: Wie gesagt, erste Überlegungen sind nicht in Stein gemeißelt. Ich werde mir das bei Gelegenheit nochmal durch den Kopf gehen lassen und den Gedankengang gegebenenfalls ausbauen bzw. sprachlich nachbessern.

TG: Mal eine komische Frage: Wie kam es zu deinem Namen? Wieso nennst du dich so?

Selbst-Zweifel: Rate mal. Ist gut, nicht? Gefällt mir immer noch. Wegen des Nennwertes! – Als kleine Hommage an Jan Fedder.

TG: Philo Sophie oder Selbst-Zweifel?

Selbst-Zweifel: NEIN! Die Erwähnung des Nennwertes.

TG: Etwas weit hergeholt, aber nun gut. Wiedererkennungswert trifft es wohl eher.

Selbst-Zweifel: Eben! Nomen est omen, wie der Lateiner sagt.

TG: Ich dachte, Latein wäre ausgestorben…

Selbst-Zweifel: Irrtum, es überlebt in Medizinmännern… und -frauen.

TG: Ich habe den Eindruck, wir verzetteln uns hier in Wortspielerein.

Selbst-Zweifel: Stimmt, dann könnt ihr vielleicht mal nachvollziehen, was in meinem Kopf vor sich geht. Der reinste Kindergarten!

TG: Welche Rolle spielt der Zweifel in deiner Laufbahn?

Selbst-Zweifel: Oberlehrer, was denn sonst?

TG: Und wie behauptet sich dein Selbst?

Selbst-Zweifel: Mit Humor. Der einzige Galgen, der überlebenswichtig ist.

TG: Vielen Dank für dieses… äh, aufschlussreiche Interview.

 

Die Bücher:

Sonja Alphonso: Einsichten einer Querdenkerin, 1. Auflage, 160 Seiten, ISBN 978-3-947051-09-0, Preis: 14,- €

Sonja Alphonso: Ansichtssache. 1. Auflage, 152 Seiten, ISBN 978-3-947051-05-2, Preis: 14,- € 

Perspektiven Harburgs mal als Sammlung von Kolumnen des Alltags. (Cover: Sonja Alphonso)

Sie können das Buch ohne zuzügliche Versandkosten von der Autorin direkt per E-Mail für ein handsigniertes Exemplar bestellen! Bestellungen im Handel sollten immer mit Angabe der ISBN vorgenommen werden.

Termin: Sa, 07. Mrz., 15:00 Uhr: Sonja Alphonso -Kolumnistin liest ihre eigenen Gedanken!

Kulturcafé Komm du, Buxtehuder Str. 13, 21073 HH-Heimfeld   

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Wertvoll für den Süden https://www.tiefgang.net/wertvoll-fuer-den-sueden/ Fri, 21 Feb 2020 23:32:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6383 [...]]]> Literaturtage nur zum passiven Konsum? Das reicht dem neuen Leitungsteam der Harburger VHs nicht und so bietet sie etliche Kurse rund ums Wort. Wir haben nachgefragt …

In den vorherigen Jahren holte die VHS in Kooperation mit der Bücherhalle prominente Gäste wie Heinz Strunk und Carmen Korn nach Harburg zu den Literaturtagen. Im diesjährigen Programm finden sich zudem Angebote, die dazu einladen, vom Zuhörer zum aktiven Teilnehmer zu werden. Wir fragten beim Leitungsteam der Region Harburg/ Finkenwerder, Ilker Ipek und Julia Hoffmann, nach, was für eine Idee dahintersteckt.

Tiefgang (TG): Die SuedLese entstand, um der Literatur eine besondere Bühne zu bieten und das Interesse an Büchern zu fördern. Die Hamburger Volkshochschule war von Anfang an Kooperationspartner. Welche Gründe waren dafür ausschlaggebend?

Ilker Ipek: Wir waren von Anfang an von genau dieser Idee der Suedlese begeistert. Die Suedlese bringt Institutionen und Kulturschaffende zusammen und es entstehen neue Kooperationen, neue Ideen und neue Angebote für die Menschen im Stadtteil. Das ist für den Süden Hamburgs sehr wertvoll.

TG: Betrachtet die VHS Lesen und Schreiben ganz grundsätzlich als Kernkompetenzen, die es explizit zu fördern gilt?

Ilker Ipek: Die Hamburger Volkshochschule betrachtet Lesen und Schreiben als unabdingbare Grundvoraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Die VHS bietet seit 1986 Kurse an, in denen Menschen das Lesen und Schreiben lernen. Darüber hinaus finden Teilnehmende in unserem offenen Programm Lesungen, Schreibwerkstätten, Literaturgesprächskreise und vieles mehr.

TG: Welche Erfahrungen werden bei deren Vermittlung gemacht? Welche Rolle spielt die persönliche Ansprache?

Ilker Ipek: Im Bereich Grundbildung ist eine persönliche Ansprache sehr wichtig. Für viele ist der erste Schritt zu einem Kurs aus vielerlei Gründen nicht einfach. Wir freuen uns aber immer wieder zu sehen, mit welcher Freude die Teilnehmenden die Kurse besuchen nach dem sie den ersten Schritt gemacht haben.

TG: Susanne Bienwald wird dieses Mal als Autorin keine Lesung mit einem ihrer Bücher machen, sondern versuchen, gemeinsam mit Teilnehmenden dem Geheimnis guter erster Sätze auf die Spur zu kommen. Ist dies ein eigens erdachter Ansatz anlässlich der SuedLese?

Ilker Ipek: Die konkrete Planung für die Kurse hat meine Kollegin Frau Hoffmann koordiniert. Sie kann die Fragen zu den konkreten Angeboten viel besser beantworten.

Julia Hoffmann: Die Idee zu diesem Kurs hat Susanne Bienwald eigens für die Suedlese entwickelt! Gerade die ersten Sätze sind ja die entscheidenden. Daher war Ihre Überlegung, einen Kurs anzubieten der sich besonders dem Einstieg in eine Erzählung widmet. Die Veranstaltung lautet daher auch: Erste Sätze finden – eine ganz besondere Textwerkstatt. („Hut ab“, sagte der Verleger nach dem Lesen des ersten Satzes.).

TG: Bei einem anderen Angebot werden Buchstaben selbst zum sinnlichen Erlebnis. Kalligraphie erinnert an die ursprünglich hohe Kunst der Schriftsprache, die wesentlich zur Weitergabe von Wissen beiträgt, also Bildung im eigentlichen Sinn.

Julia Hoffmann: Die Bedeutung der Schrift für die Bildung ist natürlich fundamental. Bei diesem Kurs geht es uns auch darum in Zeiten des digitalen Wandels, in denen ein großer Teil der Kommunikation im Alltag digital stattfindet ein Angebot vorzuhalten, welches genau auf die Kunst der analogen Schrift setzt. Ich denke, dass diese Kurse wirklich ein Ausgleich zum digitalen Alltag bieten und daher bei unseren Teilnehmenden sehr beliebt sind.

TG: Ähnlich ist das Angebot „Handlettering“. Hier kann man etwas über die Bandbreite der Schrifttypen erfahren und mit der Wirkung experimentieren. Welche Zielgruppe wird hiermit erfahrungsgemäß besonders angesprochen?

Julia Hoffmann: Unsere Kurse richten sich ganz nach unserem Motto „Bildung für alle!“ an eine sehr breite Zielgruppe. Jede oder jeder kann an diesen Kursen teilnehmen.

TG: Speziell etwas für Jüngere ist das Angebot „Comics zeichnen“, denn diese Form der Literatur erfreut sich besonders bei Kindern und Jugendlichen großer Beliebtheit. Früher eher belächelt und oftmals unterschätzt, genießt sie mittlerweile bisweilen Kultstatus, auch in erwachsenen Kreisen. Die Verknüpfung der Elemente Bild & Sprache bietet sehr viel kreativen Spielraum.

Versteht sich die VHS als Brückenbauerin, wenn sie Mittel und Wege zeigt, wie schon junge Menschen kulturschaffend sein können?

Ilker Ipek: Wir denken, dass Maßnahmen der kulturellen Bildung besonders wichtig für die Persönlichkeitsbildung und Selbstmotivation der Jugendlichen sind. Aus diesem Grund veranstaltet die Junge VHS seit Jahren den talentCAMPus. Das ist ein Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 18 Jahren. Er richtet sich besonders an Kinder und Jugendliche, die wegen ihrer finanziellen, familiären oder sonstigen Situation bildungsbenachteiligt sind.

TG: „Stadtgeschichten“ schulen die eigene Beobachtungsgabe und sollen dazu verlocken, diese in Worte zu fassen. Durchaus denkbar, dass Teilnehmende auf den Geschmack kommen und weiterentwickeln, was beim Verfassen kurzer Texte seinen Anfang nahm. Vielleicht wird der eine oder andere noch Geschichte schreiben…

Julia Hoffmann: Genau das passiert tatsächlich in unseren Kursen. Die tollen Ergebnisse sehen wir jedes Jahr in der Veranstaltung „Hamburg schreibt – ein VHS-Leseabend“. In dieser Veranstaltung bekommen Teilnehmende aus unseren Schreibkursen und Literaturwerkstätten die Möglichkeit ihre Texte einem breiten Publikum vorzustellen. Das ist wirklich eine tolle Sache.

TG: Alle diese Angebote laden dazu ein, sich selbstwirksam mit dem Akt des Schreibens auseinanderzusetzen, also aktiv zu werden, statt nur Zuschauer bzw. Zuhörer zu sein. Eine schöne Idee, die SuedLese um einen zusätzlichen Aspekt zu erweitern. Diese Ergänzung dürfte den Besuchern und Besucherinnen noch mehr Lust auf Literatur machen und auch einmal mehr aufzeigen, wie vielseitig die Hamburger Volkshochschule ist!

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

Das Kursangebot der Volkshochschule während der Literaturtage findet sich im SuedLese-Programmheft auf den Seiten 63-67.

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Sabbeleien mit Sinn und Farbe https://www.tiefgang.net/sabbeleien-mit-sinn-und-farbe/ Fri, 21 Feb 2020 23:27:19 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6305 [...]]]> Ina Bruchlos ist Hessin und schreibt seit einigen Jahren auf, was sie so redet, wenn der Alltag wieder einmal aus den Fugen gerät. Ihr Debut bei der SuedLese lädt zum Lachen. Nicht nur.

Ina Bruchlos erzählt von ihrem Brotjob bei einem Musical in Hamburg, von dem Rumgerede bei Vernissagen, vom F.C. St. Pauli-Fan und seinen kleinen Erfolgen, von Kunst und Künstlichem, von missverständlichem Deutsch und allzu gut verständlichen Deutschen. Das ist komisch – und bestürzend. Der Leser lacht – aber über wen eigentlich?

Sie beobachtet liebevoll, wie verrückt Menschen tagtäglich miteinander reden – und dabei das Chaos nur vergrößern, das ihnen allerdings als normal erscheint. Sie glauben dabei oft, die Antwort zu haben auf all die Fragen, die sie sich noch nicht einmal gestellt haben.

Andererseits trauen sie sich Fragen zu stellen, für die nicht einmal in Lexika Befriedigendes zu finden ist. Wie gut, dass Ina Bruchlos auch keine Antworten weiß – und uns mitraten lässt.

Ina Bruchlos lebt direkt an der Straße und sie hört zu, wenn unweit im Straßencafé geredet. In ihren Texten flaniert zwischen den Worten, die sich hier und da zu eigenen Häusern auftürmen. Sie erzählt von der Straße. Ihre Straße ist die Sprache.

Bruchlos studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach sowie Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und ist seit Ende 1998 als freischaffende Künstlerin in den Bereichen Malerei und Literatur tätig.

2002 gewann sie den Förderpreis für Literatur der Kulturbehörde Hamburg. Seit 2014 ist Ina Bruchlos fester Bestandteil der regelmäßig in der Mathilde Bar Hamburg stattfindenden ´Hessenlesungen`, in denen drei Hessen bzw. Wahlhessen von ihrem Leben fern und von der Heimat berichten. Sie ist ebenfalls Mitveranstalterin der dort regelmäßig stattfindenden St. Pauli-Lesungen.

Tiefgang (TG): Ich habe gehört oder gelesen, man sage dir nach, du redest so komisch.

Das erinnert mich an ein komisches Buch und auch einen luschtigen französischen Film, in dem es um S / ESCH geht. Schprischt schisch nischt scho leicht ausch… Wasch, äh was hat dich seinerzeit nach Hamburg verschlagen?

Ina Bruchlos: Sehr schöner Film übrigens. Dem Nord-Franzosen scheint es ähnlich zu gehen, wie dem Süd-Hessen. Warum Hamburg? Ich mochte die Kunsthochschule. Dort schienen mir die Studenten irgendwie experimenteller als an anderen Hochschulen. Es wurde z.B. viel Musik gemacht. Und Hamburg spricht ja ehrlich gesagt für sich.

TG: Die Hamburger reden übrigens selber seltsam. Schnodderig sagte man früher. Ist das immer noch so bzw. hast du es so wahrgenommen, als du zugezogen bist?

Oder hat sich die norddeutsche Sprache voll krass geändert, Digga?

Ich frage solche Sachen, weil der Ton bekanntlich die Musik macht, und Sprache von daher sehr viel Klang in sich trägt. Welche bevorzugst du persönlich?

Ina Bruchlos: Ach, das kann ich gar nicht genau sagen. Das Norddeutsche ist mir natürlich fremder. Ich verstehe es noch nicht einmal, während das Hessische auf mich immer sehr plump-vertraulich wirkt. Kleines Beispiel: Was hier die „Federtasche“ ist heißt bei uns „Mäppchen“.

TG: Hat sich dein Verhältnis zur Sprache durch dein Germanistik-Studium verändert?

Ina Bruchlos:  Nein, eigentlich nicht. So oder so liest man ja einfach relativ viel. Ich glaube, das Lesen verändert die Sprache.

TG: Worin siehst du den größten Unterschied zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort?

Ina Bruchlos: Ganz klar in der Betonung. Ich glaube man kann jeden guten Text schlecht lesen und niemand käme auf die Idee, dass es sich um einen guten Text handelt. Das führt natürlich manchmal umgekehrt dazu, dass man sich nach einer Lesung ein Buch kauft und enttäuscht ist. Wobei ich finde, dass man das Lesen üben kann, beim Schreiben bin ich mir da nicht so sicher. So gesehen ist mir persönlich das geschriebene Wort wichtiger. Aber das ist wahrscheinlich Ansichtssache.

TG: Ich würde gerne noch auf die Kunst zu sprechen kommen. Ist es Zufall oder gibt es einen konkreten Zusammenhang bei deiner Neigung zu malen und zu schreiben?

Ina Bruchlos: Ich glaube schon, dass es eine Verbindung gibt. Meine Bilder und Zeichnungen sind oftmals auch sehr erzählerisch. Ich finde selbst den Titel nicht unwichtig.

TG: Siehst du Parallelen zwischen den bildnerischen und sprachlichen Ausdrucksformen?

Ina Bruchlos: Ja schon. Ich glaube, Menschen die gerne Geschichten erzählen würden z. B. keine abstrakten Bilder malen.

TG: Hast du Lieblingsthemen bzw. wo findest du deine Anregungen für deine Geschichten?

Ina Bruchlos: Im Alltag. Ich möchte ehrlich gesagt gar nichts Großes schreiben, ich möchte, dass das Nebensächliche interessant wird.

TG: Worum geht es in deinem Erzählband „Nennt mich nicht Polke?“

Ina Bruchlos: Um hoffentlich genau das.

TG: Wir bedanken unsch für dasch Interview!

 

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

 Termin: Ina Bruchlos am 12. März, Beginn: 19.30 Uhr, Haspa, Sand 1/Ecke Schloßmühlendamm

Link zur Autorin: www.ina-bruchlos.de/literatur (mit integrierten Leseproben)

Veröffentlichungen:

∙ Nennt mich nicht Polke, Erzählband im Nachttischbuchverlag, Berlin 2005,

€ 14,40, ISBN 978-3937550053; nachttischbuch.de

∙ Mittwochskartoffeln, Erzählband im Nachttischbuchverlag, Berlin 2006,

€ 14,80, ISBN 9783937550091, nachttischbuch.de

∙ Der Kampf der Mähdrescher, Kurzgeschichtensammlung, Minimal Trash Art, Hamburg 2008, € 9,90, ISBN 978-3-9808788-7-6

Ina Bruchlos: Der Kampf der Mähdrescher

∙ Alte Bekannte, Erzählband 2011, € 8,90, ISBN 978-3-9814175-0-0; minimaltrashart.de

∙  Da ist ein Riss in der Welt, Erzählband 2015, € 14,90, ISBN 97839814175-2-4; minimaltrashart.de

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Kunst, Liebe und Demut https://www.tiefgang.net/kunst-liebe-und-demut/ Fri, 14 Feb 2020 23:10:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6355 [...]]]> Dass Urheberrecht eine recht emotionale Sache ist, wird bei der fiktiven Geschichte von „Venus AD“ von Gabriele Borgmann klar. Nun liest sie daraus bei der 5. SuedLese. Grund genug, mal nachzuhaken …

In der Novelle „Venus AD“ von Gabriele Borgmann (siehe auch „Als Cranach bei Dürer klaute“) dreht sich alles um das wohl erste Plagiat in der Geschichte der Malerei. Lucas Cranach hat die Venus-Skizze aus der Dürer´schen Werkstatt gestohlen und beeindruckt mit der lasziven Schönen die Kenner der Kunst. Doch bemerkt der wahre Urheber, Albrecht Dürer, diesen Diebstahl und setzt alles daran, die atemberaubende Schöpfung wieder sein Eigen nennen zu können. Entschlossen springt er durch die Zeit, will sich zurückholen, was ihm gehört, und sein Monogramm auf die Venus ritzen. So landet er im Jahr 2019 vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, vor den Füßen der Doktorandin Nele Rosenbach. Was folgt, ist eine besondere und zeitlose Nacht voller Emotionen und neuer Erkenntnisse.

Tiefgang (TG): Bei der Wahl deines Motives spielt dein Hintergrund vermutlich eine große Rolle: Du hast Kunstgeschichte studiert. Kam dir die Grundidee schon während deines Studiums oder hat dich die Muse erst später geküsst?

Gabriele Borgmann: Meine erste Hausarbeit als Studentin der Kunstgeschichte drehte sich um Albrecht Dürer. Seine Neugierde auf das Leben, sein scheinbar unstillbarer Hunger nach Wissen faszinierten mich. Und ich war beeindruckt von seiner Fähigkeit, mit Farbe und Formen Geschichten zu erzählen. Wenn wir bedenken, dass um 1500 jenseits der Schlösser, Klöster und Humanisten-Häuser kaum jemand in der Lage war, uneingeschränkt zu lesen und zu schreiben, kaum jemand den literarischen Sinn von Worten erfassen konnte, dann hat Dürer mit seinen Bildern sowohl Kunst als auch Aufklärung geschaffen. Er war Maler und Autor seiner Werke. Er erzeugte Spannung und ein Gänsehautgefühl, er zauberte ein Schmunzeln und gleichsam eine Verneigung vor dem, was höher war als die Vorstellungskraft. So, dachte ich, sollte mein Protagonist sein, warum also nicht gleich den Künstler höchstpersönlich wählen?

TG: Die Geschichte selbst ist so geschrieben, dass sie sich auch ohne deine fachspezifischen Kenntnisse erschließt, oder?

Gabriele Borgmann: Da zitiere ich gerne die BILD-Zeitung. Sie schrieb: „Ein (Berliner) Kunstroman, der sich stellenweise spannend liest wie ein Krimi, aber auch nonchalant daherkommt – wie ein lauer Sommerwind. Das Ganze garniert mit einer Prise Erotik. Eine Lektüre, die unterhält und amüsiert!“ Und doch ging es mir auch darum, die Substanz einer Kunst zu spiegeln. Es bleibt in Erinnerung, wie Dürer mit feiner Feder die Natur abbildete, wie überhaupt die großen Maler die kostbarsten Farben mischten. Die Künstler des Mittelalters waren auch Alchemisten! Wer sich die Ingredienzen nicht leisten konnte, der nagte am Hungertuch. Denn die Farben, die Adel und Klerus liebten, die kosteten mehr als Gold. In aufwändiger Art wurde der Natur entlockt, was Bildern Leuchtkraft gab. Heute noch kostet ein Gramm Purpur rund 2.000 Euro. Wenn man mich also nach der Absicht hinter der Erzählung fragt, hat die Antwort mehrere Facetten: Liebesgeschichte, Kunstraub und Verneigung vor der Malerei.

TG: Es hört sich abenteuerlich an, kunsthistorische Figuren in einen Zeitreise-Kontext zu stellen und einen bedeutenden Künstler in der Moderne ankommen zu lassen. Geht das schon in Richtung Fantasy?

Gabriele Borgmann: Ein Zeitsprung ist ein Fantasy-Element, ja. Aber es geschieht in „Venus AD“ unspektakulär, wird alleine durch die Emotion getrieben. Für mich war die Vorstellung verführerisch, Dürer durch das moderne Berlin spazieren zu lassen, ihn mit den Eitelkeiten zu konfrontieren, die doch so alt sind wie die Zeit, aus der er kommt.

TG: Wähltest du Dürer bzw. die Venus, um eine Liebesgeschichte zu schreiben? Oder hast du eine skurrile Liebesgeschichte ersonnen, um Themen wie Kunst, Urheberrechte u.ä. zu behandeln?

Gabriele Borgmann:  Ich habe die Liebesgeschichte ersonnen, um dem vermutlich ältesten Plagiat der Kunstgeschichte eine Prosa zu geben.

TG: Was denkst du persönlich darüber, wie wichtig die Signatur eines Künstlers für sein Werk ist? Bei der Betrachtung und Bewertung scheint der Bekanntheitsgrad eine immense Bedeutung zu haben, auch für den Künstler/ die Künstlerin selbst.

Gabriele Borgmann: Albrecht Dürer durfte als erster deutscher Maler offiziell seinen Bildern ein Monogramm zufügen. Das hatte der Nürnberger Rat entschieden, um seine Werke vor Fälschern und Kopisten zu schützen. Schon damals erkannte man den Wert seiner Ideen, Skizzen, Werke.

TG: Was hältst du vom Konzept von Artotheken, d.h. wie vielversprechend findest du den Ansatz, auf diese Weise einen freieren Zugang zu Kunst und dem zugrunde liegenden kreativen Geist zu ermöglichen?

Gabriele Borgmann:  Das hat zwei Seiten, die harmonieren. Auf der einen Seite steht die Kunstförderung, die steigende Bekanntheit des Künstlers. Auf der anderen Seite beschäftigt sich derjenige, der ein Werk ausleiht, mit Intention und Motiv, vielleicht auch der Technik zum Bild. Kunst sollte nicht abhängig vom Geld sein, sondern Kreativität und Liebe zu den Werken sollten im Vordergrund stehen. Ja, bitte mehr davon!

TG: Wenn du vor der Rückreise nach Berlin noch Zeit findest, schau´ doch mal bei der Kunstleihe Harburg rein, der ersten Artothek in Hamburg. Schließlich gehört zu deinem Themenspektrum u. a. Kommunikation, Kunst und Kultur, Zeitgeist und Chancen im Leben.

Gabriele Borgmann: Ich freue mich auf Hamburg, auf die Lesung und nun auch auf die erste Artothek in der Stadt.

TG: Wir wünschen den Zuhörern spannende Unterhaltung! Vielen Dank für das Interview.

(das Interview für ´Tiefgang führte Sonja Alphonso)

Weitere Infos zur Autorin: www.gabrieleborgmann.com15

Termin: Am Do., 05. Mrz, Gabriele Borgmann – Venus AD, um 19 Uhr im „Komm du“, Buxtehuder Str. 13, 21073 Hamburg

 

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