Autorin Ute Holst https://www.tiefgang.net Mon, 12 Dec 2022 11:03:20 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Der Weihnachtsbaum https://www.tiefgang.net/der-weihnachtsbaum/ Fri, 09 Dec 2022 23:58:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9572 [...]]]> Unsere Harburger Autorin hat wieder zum Federkeil gegriffen und beschert uns aus gutem Anlass eine schöne Weihnachtsgeschichte …

Von Ute Holst

„Aua“, ein schreckliches Geräusch ertönt in meiner unmittelbaren Nähe und sofort spüre ich diesen fürchterlichen Schmerz. „Hilfe, warum hilft mir denn keiner?“, mit einem verzweifelten Schrei stürze ich zu Boden.

„Da haben sie sich aber einen besonders schönen Baum ausgesucht“, höre ich eine mir bekannte Männerstimme sagen. „Ja, wir haben auch lange gesucht“, antwortet eine Frau.

Schon packen mich zwei kräftige Hände und zerren mich grob an meiner Spitze in die Höhe. Dann stößt der Mann mich mit meinem abgesägten Stamm auf den Boden, dass meine Zweige nur so zittern. Dabei entfernt er auch noch einige trockene Grashalme und ein verlassenes Vogelnest.

Nachdem er mich eine Weile getragen hat, zieht er mich durch eine Art großen Trichter, wodurch meine Zweige eng an meinen Stamm gedrückt werden. Das geht alles blitzschnell und als ich wieder aus dieser Röhre herauskomme, stecke ich in einem Netz wie in einem Korsett. Die Menschen wechseln noch ein paar Worte und verabschieden sich, indem sie sich „Frohe Weihnachten“ wünschen.

In diesem Jahr hat es also mich erwischt. Jahrelang ist es mir gelungen, mich klein und unscheinbar zu machen. Aber vor einigen Wochen kam ein Mann und hat ein rotes Band an meiner Spitze befestigt. Auch einige meiner Nachbarn hat er gekennzeichnet. Stolz erzählte mir der Baum neben mir, dass er sich freue, nun endlich auch auserwählt zu sein. Er könne es gar nicht abwarten in ein von Menschen bewohntes Haus zu kommen. Dort würde er mit bunten Kugeln und mit Kerzen geschmückt werden und in leuchtende Kinderaugen sehen.

Ich frage mich, woher er das alles wissen will. Für mich war es immer eine Freude, wenn die Sonne mich mit ihren Strahlen wärmte oder der Regen mich erfrischte. Mir gefiel es auch, wenn der Wind durch meine Zweige streifte und die Vögel, die in mir Schutz gesucht hatten, ihre Federn aufplusterten, um sich vor der Kälte zu schützen. Im Sommer tanzten Schmetterlinge um mich herum, als wollten sie Fangen spielen. Wenn Ameisen oder Käfer an meinem Stamm nach oben in die Spitze krabbelten, kitzelten ihre Beinchen an meiner Rinde. Wenn ein Hase mich mit seinem weichen Fell berührte, lief mir ein wohliger Schauer durch meine Jahresringe.

Im Winter, wenn sich Schneeflocken auf meinen Zweigen türmten und die Sonnenstrahlen sie wie kleine Diamanten glitzern ließen, hatte ich das Gefühl besonders schön zu sein. Konnte da eine menschliche Behausung überhaupt mithalten?

All diese Gedanken änderten nichts mehr, nun war mein Schicksal besiegelt, mein Leben würde als Weihnachtsbaum enden.

Schließlich war es so weit, mein Stamm wurde in einen Ständer gezwängt und ich wurde mit Kerzen und bunten Anhängern geschmückt. Nicht nur Glaskugeln in unterschiedlichen Farben, sondern auch eine Gurke und sogar eine Klo-Rolle aus farbigem Glas wurden an meinen Zweigen befestigt.

„Warum denn ausgerechnet eine Klo-Rolle?“, hörte ich eine verärgerte Männerstimme. „Na ja, schließlich grassiert immer noch Corona! Hast du denn gar keinen Humor?“, erwidert seine Frau. „Hast du vergessen, dass es wochenlang kein Toilettenpapier zu kaufen gab?“ „Du hast doch einen Knall, deswegen hängt man sich doch nicht so ein Ding in den Weihnachtsbaum“, empört sich der Ehemann.

„Und ich sage das Ding bleibt dran“, antwortet die Frau mit energischer Stimme. Gleich darauf wird die Zimmertür mit einem lauten Knall ins Schloss geworfen. Die Hausherrin geht ein paar Schritte zurück und betrachtet mich mit Wohlwollen. Dann holt sie einen großen Korb voller Geschenke und legt sie rund um meinen Stamm. „Da werden die Kinder Augen machen“, flüstert sie voller Begeisterung, während sie die letzten Päckchen dekoriert und ablegt.

Als auch sie das Zimmer verlässt, bin ich allein und denke zurück an mein schönes Leben in der Natur. Aufgeregte Stimmen reißen mich aus meinen Gedanken. Vier Erwachsene und zwei Kinder sind im Raum und betrachten mich voller Bewunderung. „Oma, wieso kommt der Weihnachtsmann immer gerade dann, wenn wir nicht zuhause sind?“, fragt das kleine Mädchen. „Der Weihnachtsmann muss so viele Kinder besuchen, dass er es gar nicht schafft alle persönlich zu treffen“, mischt sich der Großvater ein. „Ist doch egal“, ruft der Junge, „Hauptsache es gibt viele Geschenke.“

Mit diesen Worten stürzt er sich auf die Gaben und reißt mich dabei fast um. „Nicht so wild“, schreit der Vater, „du siehst doch, dass wir echte Kerzen haben und nicht diesen Elektroschrott!“

„Du hast mal wieder den Eimer mit Wasser vergessen“, ereifert sich seine Frau und verlässt wütend das Zimmer. „Nun beruhigt euch doch, es ist doch nichts passiert“, besänftigt die Großmutter. „Außerdem müssen erst die Gedichte aufgesagt werden, bevor die Bescherung beginnen kann.“

Mit beleidigtem Gesicht zieht sich der Junge zurück: „Ich kann kein Gedicht“, knurrt er mürrisch. „Dann gibt es eben auch keine Geschenke“, meldet sich energisch der Vater zu Wort.

Inzwischen ist die Mutter mit dem gefüllten Wassereimer zurück und blickt von einem zu anderen: „Was ist denn jetzt los?“, fragt sie beunruhigt. „Dein Sohn weigert sich ein Gedicht aufzusagen“, reagiert der Ehemann gereizt.

„Ach, jetzt ist es also mal wieder mein Sohn“, die Mutter stemmt die Hände in die Hüften und schaut ihren Mann zornig an. „Das ist ja mal wieder typisch!“

„Nun beruhigt euch doch“, mischt sich der Opa ein, „Weihnachten soll doch das Fest der Liebe sein.“

„Du immer mit deinen frommen Sprüchen“, zischt ihn sein Schwiegersohn an. „Dann feiert Weihnachten doch allein. Ich gehe jetzt in die Kneipe und werde mich besaufen“, mit diesen Worten verlässt er den Raum und knallt die Tür hinter sich zu.

Erschrocken sehen die Kinder sich an und ihre Mutter bricht in Tränen aus.

Keiner hat mehr Augen für mich, den Schmuck und die Kerzen.

Und das sollen fröhliche Weihnachten sein?

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Re: Zweite Aufgabe: Corona, ein brandheißes Thema https://www.tiefgang.net/re-zweite-aufgabe-corona-ein-brandheisses-thema/ Fri, 19 Jun 2020 22:53:44 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7024 [...]]]> Erinnern Sie sich an die Diashow letzter Woche der Schreibwerkstatt? Darin waren kleine, aber feine Texte zu lesen, die im Rahmen des coronabedingten Fernunterrichts entstanden sind. Einige waren so spannend, dass sie geradezu nach einer Fortsetzung schrien.

 Das dachte sich auch die Autorin Ute Holst. Frei nach dem Motto „Wir machen weiter!“ hat sie ihren Anfang zu einer tollen Kurzgeschichte ausgebaut. Was man in Krisenzeiten so alles im Supermarkt erleben kann und wie sich die Werte im Leben verändern, können Sie hier lesen.

Corona, ein brandheißes Thema

von Ute Holst

„Was ist das denn jetzt? Plötzlich steht ja meine Welt auf dem Kopf.“ Verzweifelt schaut Regina in den Spiegel: „Wer hat das veranlasst, was mache ich denn jetzt bloß?“ Fragend schaut sie sich im Zimmer um, aber sie ist allein. „Wo sind die anderen, die Familie, die Freunde“, mit zitternder Stimme ruft sie laut aus: „Hallo, wo seid ihr denn alle?“ Aber es bleibt still, niemand antwortet ihr.

Ihr suchender Blick fällt auf das Radio und sie schaltet es ein. Der Nachrichtensprecher räuspert sich bevor er mit getragener Stimme von der bedrohlichen Pandemie mit dem Namen Corona berichtet, die nun auch Deutschland erreicht hat. Von bevorstehenden Ausgangsbeschränkungen ist die Rede und von „Hamsterkäufen“ in den Geschäften. Besonders begehrt soll Toilettenpapier sein. Sie zieht die Stirn kraus: „Wozu braucht man denn Massen von Klopapier wenn man eine Lungenerkrankung hat?“ Hastig begibt sie sich in die Küche um ihren Vorrat an Nudeln. Wasser und Haferflocken zu überprüfen. „So ein Ärger, gestern haben wir die letzten Spaghetti gegessen und der Reis ist auch fast alle. Dann muss ich ja wohl doch noch schnell in den Supermarkt gehen.“ 

Sie sieht aus dem Fenster und betrachtet nachdenklich die lange Menschenschlange, die sich langsam in Richtung Einkaufszentrum schiebt. „Das kann ja heiter werden“, murmelt sie gedankenverloren vor sich hin.

Regina kann sich nicht entschließen ihre schützenden vier Wände zu verlassen. Seit einigen Monaten wohnt sie zusammen mit einer anderen jungen Frau in einer Wohngemeinschaft für Berufstätige. Ihre Mitbewohnerin ist am Vortag spontan zu ihren Eltern gefahren, sie kann von dort aus Homeoffice machen. „Birte hat es gut“, überlegt Regina laut, „ihre Eltern versorgen sie sicher mit allem was sie braucht, die muss sich um nichts kümmern.“ Missmutig öffnet sie den Kühlschrank und entdeckt eine angenommene Packung H-Milch und einen Joghurt, dessen Haltbarkeitsdatum schon seit einigen Tagen überschritten ist. Wegen ihrer plötzlichen Abreise hat Birte diese Produkte wohl übersehen. Als Regina die Milchtüte öffnet, um den Inhalt in die Toilettenschüssel zu gießen, überkommt sie starker Brechreiz. Sie mag keine Milch und der Geruch der sauer gewordenen Flüssigkeit ekelt sie. Den Joghurt wirft sie in den Mülleimer. „Was brauche ich denn für die nächsten Tage?“, überlegt Regina laut. Auch sie soll in den kommenden Wochen von zuhause aus arbeiten und muss sich entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten selbst versorgen. Die Kantine und sämtliche Restaurants haben geschlossen. „Ich hätte auf meine Mutter hören und kochen lernen sollen“, stöhnt sie vor sich hin, „ich weiß ja nicht einmal wie man ein Spiegelei brät.“ Regina rauft sich die Haare: „Mein Gott, ist das schrecklich. Damit konnte doch wirklich niemand rechnen!“

Genervt zieht sie Schuhe und Jacke an, schaut in ihre Geldbörse, nimmt ihre Tasche und macht sich auf den Weg zum Discounter. Vor dem Laden warten nur noch wenige Kunden darauf, einen der begehrten Einkaufswagen zu ergattern. Vor der Tür weist ein Schild darauf hin, dass ab der kommenden Woche jeder Kunde verpflichtet ist einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. „Auch das noch, es wird ja immer schlimmer“, murmelt Regina verärgert vor sich hin. Endlich bekommt auch sie einen Einkaufswagen und betritt den Laden. Aus dem Lautsprecher ertönt eine energische männliche Stimme und ermahnt die Menschen: „Liebe Kunden, zu unser aller Sicherheit ist es dringend erforderlich, dass sie den Abstand von 1,5 Metern einhalten.“ Nach einer kurzen Pause meldet sich der Mann erneut: „Unsere Kassiererinnen sind aus Gründen der Hygiene angewiesen möglichst kein Bargeld anzunehmen. Bitte zahlen sie mit ihrer Kreditkarte.“ Kopfschüttelnd über diese ungewohnten Maßnahmen und bemüht den geforderten Mindestabstand zu den anderen Kunden einzuhalten, schiebt Regina sich mit ihrem Wagen durch die engen Gänge. Am Nudelregal entdeckt sie den Hinweis, dass nur eine Abgabe von drei Paketen pro Einkauf erlaubt ist. Darüber beschwert sich die Frau vor ihr, weil sie angeblich fünf Kinder zu versorgen hat. Regina zuckt nur gleichgültig mit den Schultern und geht weiter, sie hat mit ihren eigenen Problemen genug zu tun. Außerdem ist es schwierig den anderen Menschen nicht zu nahe zu kommen, das erfordert ihre volle Konzentration. Dann entdeckt sie, dass das Fach, wo sonst der Reis steht vollkommen leer ist: „Das kann doch gar nicht sein, in welchem Land leben wir denn?“, denkt Regina gereizt. Schließlich legt sie einige Dosen mit Eintopf und eine Tiefkühlpizza in ihren Einkaufswagen und stellt sich in der Schlange an der Kasse an. Lautes Gelächter reißt sie aus ihren Gedanken. Eine alte Frau steht, auf ihre Gehhilfe gestützt und verstaut langsam ihre Einkäufe in ihrem am Rollator befestigten Korb. Mit blitzenden Augen und lauter Stimme ruft sie der Kassiererin hinter der schützenden Plexiglaswand zu: „Ich fasse es nicht, diese „Hamsterkäufe“ an Klopapier.“ Immer noch lachend fährt sie fort: „Einer hustet und alle anderen machen sich in die Hose!“ Vergnügt sieht sie sich im Laden um, wünscht allen Anwesenden noch einen schönen Tag und verlässt langsam das Geschäft. Nachdem Regina ihre Einkäufe bezahlt hat, kehrt sie zurück in ihre Wohnung. Ihr Smartphone zeigt den Eingang einer Nachricht an. Erfreut öffnet sie den Posteingang, ihre Mitbewohnerin schickt ihr einen Gruß mit aufmunternden Worten. Dankbar erwidert Regina den Gruß und schreibt, wie sehr sie ihre Freunde und ihre Familie vermisst. Danach kehren ihre Gedanken zurück zu der Zeit, als es mit den E-Mails begann. Damals war sie überzeugt davon, so etwas nicht zu benötigen. „Ich brauche sowas nicht!“, hatte sie jedem gesagt, der sie darauf angesprochen hatte. „Ich habe ein Telefon, einen Briefkasten und eine Klingel an der Tür. Wer etwas von mir will, der kann mich auch erreichen.“ Sie schämt sich für ihre arroganten Worte damals, aber wer hätte geglaubt, dass es in Deutschland jemals ein Kontaktverbot geben könnte? Zwar sind persönliche Begegnungen durch nichts zu ersetzen, aber lieber Grüße über die sozialen Netzwerke, als gar keine.

„Wie lange Corona uns wohl noch in Schach halten wird“, überlegt Regina während sie die Pizza in den Backofen schiebt und anschließend ihren häuslichen Arbeitsplatz einrichtet.

(Teil 1.: Getrennt und doch gemeinsam)

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