Diskurs https://www.tiefgang.net Mon, 06 Feb 2017 13:52:41 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 ART AT WORK https://www.tiefgang.net/art-at-work/ Sat, 11 Feb 2017 08:00:36 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=545 [...]]]> Zum mehrtägigen Workshop auf Kampnagel heißt es in der Pressemitteilung:

„Was macht ein*e zeitgenössische*r Künstler*in den ganzen Tag? Gibt es Kunst ohne Arbeit? Wie kann Kunst Wert generieren? Und wie steht es um die Produktionsbedingungen für Künstler*innen in Hamburg? Die Surrealisten forderten, dass die Kunst sich im Leben auflösen soll. Heute zählt der künstlerische Lifestyle zum Standort-Marketing für urbane Zentren. So ist auch das öffentliche Bild von künstlerischer Arbeit im Umbruch: von einer romantischen Existenz, in der es vor allem um eigene Selbstverwirklichung gehen soll, zur flexiblen Projekt-Avantgarde des Neoliberalismus. Der Themenschwerpunkt ART AT WORK präsentiert Performances, eine Installation und ein Diskursprogramm mit Perspektiven zu Kunst und Arbeit.

»Never Art/work!« (Stevphen Shukaitis)
»Some call it Laziness. I call it deep thought.« (Garfield)

Gefördert im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und im Rahmen von Imagine 2020 | Art and Climate Change, gefördert von der Europäischen Union / Creative Europe. In Kooperation mit Körber Stiftung und Hamburg Kreativ Gesellschaft.

Grafik: Ausschnitt aus dem Film „The Dancing Plague“ von Diego Agulló and Jorge Ruiz Abánades
thedancingplague.wordpress.com


Das Programm

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Kunst nur gegen cash? https://www.tiefgang.net/kunst-nur-gegen-cash/ Sat, 07 Jan 2017 08:00:15 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=380 [...]]]> Seit das Essener Folkwang-Museum seine Pforten für die dauerhafte Ausstellung im Sommer 2015 gänzlich eintrittsfrei öffnete, entbrach nicht nur ein Publikumsansturm. Das hatten viele Museen im unterhaltungsgeschwängerten Multimediazeitalter gar nicht mehr für möglich gehalten: Ein Museum für zeitgenössische Kunst als Hotspot und Frequenzbringer? Quasi Mainstream? Geht das überhaupt? Oder besser noch: darf es das überhaupt?

Es entfachte aufs Neue eine Diskussion, der Kulturinteressierte sich durchaus stellen sollten. Vielleicht sogar müssen. Denn es geht um nichts anderes als eben genau die Wertbestimmung der Museumsinhalte – also um den „Wert der Kultur“ selbst.

Doch eins nach dem anderen. Nach dem Ansturm auf das Essener Museum wurde alsbald und eher rhetorisch gefragt, ob das Essener Folkwang Museum denn überhaupt ein Maßstab in der Museumslandschaft sei oder nicht doch ein spezieller Fall. Und wenn, welcher und für was? Und – klar woraus es letztlich hinauslief – wer solle das alles überhaupt bezahlen? Im Fall des Folkwang-Museum sei es ja die das Museum betreibende Krupp-Stiftung. Und die könne es sich eben leisten.

Ein detaillierter Blick zeigt: so einfach ist es nicht.

Doch bleiben wir zunächst beim Folkwang-Museum. Die Besucherzahlen des Folkwang-Museums hatten sich nach Wegfall des Eintrittspreises binnen einem Jahr verdoppelt. 200%! In Zahlen übrigens ging es offenbar um ziemlich genau 100.000 Menschen. Auch das muss man benennen, denn es ist in etwa die Zahl, die jährlich das Archäologische Museum Hamburg besuchen. Die Kunsthalle Hamburg zählte jährlich drei Mal so viele Menschen – und kostete (fast) immer Eintritt.

Das Wunder von Hamburg

Kostete. Denn dann wurde sie auf Kosten der privaten Geldgeberin Familie Otto von Grund auf saniert. Und es geschah etwas Außergewöhnliches, was aber ebenso zählenswert ist. Denn als Clou zur Wiedereröffnung hatte man sich 2016 entschlossen, einen Monat lang die Türen kostenfrei zu öffnen. Als „Appetizer“ quasi. Und siehe da: vom 30. April bis 31. Mai des Jahres 2016 kamen sage und schreibe 206.588 gezählte Personen. Offiziell eine Steigerung um 600%. (siehe Drucksache 21/6263 Hamburger Bürgerschaft)

Daraufhin fragte die Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Dora Heynn in einer „kleinen Anfrage“ an den Senat, ob dieser sich zwischenzeitlich mal mit der Frage beschäftigt habe, wie der Verzicht auf Eintrittsgelder zu bewerten sei. Und es folgte ein klares „nein“. Plus: „Dazu bestand bisher keine Veranlassung“.

Sollte aber. Denn das Phänomen ist nicht ohne.

In London, Paris und auch anderen europäischen Metropolen und Ländern gibt es das Phänomen schon lange: sowohl des freien Eintritts für Dauerausstellungen als auch des vermehrten Zustroms von Besuchenden.

Derweil werden ähnliche Tests in Frankfurt durchgeführt und der Effekt ist stets dergleiche: die Besucherzahlen schnellen nach oben. Presseberichten zufolge sind es vor allem Schulen und Familien mit Kindern, die sich freuen und davon profitieren. Kein Wunder, denn in vielen Hamburger Museen müssten erst Besuchende ab 18 Jahren Eintritt zahlen. Aber zum einen sind die Preisstrukturen je Museum ein intensiveres Studium wert und Kaffee, Kuchen und Eis sind gewohnheitsgemäß auch immer einzurechnen. Kein Eintritt wäre eine klare Botschaft. Und offenbar ein Schlüssel zur Senkung der Hemmschwelle.

Und die Museumsmacher aus Essen bringen ihre Erfahrungen im Grunde gut auf den Punkt: „Der freie Eintritt wirkt“, freut sich Direktor Tobia Bezzola. „Die kostenfreie Öffnung unserer Sammlung ist ein entscheidender Faktor, um Schwellen abzubauen und immer mehr Menschen für Kunst und Kultur zu begeistern.“

Ein Besucher sagte wohl treffend: „Die Kunst ist so großartig, dafür würden wir auch bezahlen“. (Der Westen, 16.06.2016). Andere nutzen das ruhige Flair offenbar, um mal abseits der Smartphone-Chats und Multimedia-Berieselung zur Ruhe zu kommen. Wieder andere kommen erst so recht auf den Geschmack und nutzen dann auch die kostenpflichtigen Sonderausstellungen. Wäre das dann also das Ende der vermeintlich bildungsfernen Schichten? Denn worum geht es eigentlich bei einem Museum?

Der Begriff Museum ist dem Lateinischen entlehnt und bedeutet im Grunde „Musensitz“ oder „Ort für Kunst und Gelehrsamkeit“. Das ist die wahre Bestimmung eines jeden Museums – eben ganz gleich, ob es das Archäologische, das Hamburgische, Altonaer, Maritime, Schul-, Polizei-, Medizinische, Kinder-Museum oder auch der Arbeit ist. Der Name bestimmt im Grunde den eigentlichen Wert. Eben die Auseinandersetzung mit unserem archäologischen, hamburgischen etc. Erbe, Brauchtum und so fort. Nur gemessen wird dieser Wert daran nicht.

Bemessen wird vielmehr, woher die Besucher stammen (sie kennen das mit der Frage nach der Postleitzahl, die ja immerhin der Musiker „Der Weiherer“ zu einem Song verführte mit der Postleitzahl von Brunsbüttel … ? Seither sind Brunsbütteler vermeintlich allerorts vertreten.) Und wer hätte es gedacht? Ein  Großteil all unserer Museumsbesucher in Hamburg stammt aus Hamburg. Aber gut, dass man das besser nochmal prüft.

Mehr Besucher – weniger Zuschuss

Und es wird ebenso genau gelistet und inventarisiert, wieviele Zuschüsse geflossen sind (2015 z.B. 15 Mio Euro für die Hamburger Kunsthalle, kein Euro aber für das Schul-, Polizei- oder medizinische Museum). Und weil es vermutlich so schön ist, öffentliche Zuschüsse (für öffentliche Aufgaben – siehe Begriffsbestimmung „Ort für Kunst und Gelehrsamkeit“) als milde Gabe regierender Politik feiern zu lassen, wird natürlich auch nachgehalten, wieviel Zuschuss dann je Besucher geflossen ist: im Jahr 2015 für die Kunsthalle Hamburg 34,49 € je Besucher, Museum für Kunst und Gewerbe 31,79€, Völkerkun-demuseum 45,74€. Klingt viel, nicht wahr?

Aber drehen wir es mal um: je mehr Besucher, je geringer der Zuschuss. Gingen also letztlich 600% mehr Besucher in dem Monat freien Eintritts in die Kunsthalle, wäre der Zuschuss durchschnittlich auf ein Sechstel reduziert – als etwa bei 5,75 €. Das wäre doch ein Jubel wert. Mehr Bildung für mehr Leute bei geringeren Pro-Kopf-Kosten.

Und noch viel wichtiger: die Kosten reduzieren sich um ein Vielschichtiges: Mehrwertsteuer entgeht dem Fiskus eh nicht, denn – auch mal wissenswert! – sie wird für Museen eben wegen ihres Bildungsauftrages explizit gar nicht erst erhoben – auch nicht vermindert. Hier also ein Nullsummenspiel. Der Gesetzgeber für Steuern scheint hier also weiter zu sein und weiß um den Bildungsauftrag.

Es müssten aber auch keine Eintrittskarten gedruckt, verteilt und gezählt werden. Keine Kasse, keine Buchhaltung für Bargeld (außer im Accessoireshop, der übrigens auch schon von der Mehrwertsteuer befreit ist), keine komplizierte und teils entwürdigende Differenzierung nach Erwachsen, Kind, Behindert, Sozialleistungen empfangend etc. Kein Bildungsgutschein, Schulklassenanmeldung. Eintritt eben einfach frei.

Nun gut, bliebe noch manche Befürchtung, das ein oder andere Museum sei dem Ansturm räumlich nicht gewachsen. Dem könnte man nachgehen. Aber auch ein Parkhaus – ohne Personal geführt – soll das ja bereits meistern können.

Aber auch all das beschreibt den „Wert“ dieser Kultur nicht wirklich umfänglich. Es wäre wieder nur ein Abheben auf Besucherzahlen. Fast wie eine Rechtfertigung für die Existenz eines Museums.

Aber WAS ist denn dort in den Museen zu erleben? Und siehe da! Natürlich gibt es auch hier Zahlen: nämlich über das Vermögen an „Sammlungsgegenständen“ im jeweiligen Museum – in Euro bemessen. Ganz wie man es in einem bilanzierenden Unternehmen zu erwarten hätte. Und siehe da, was wir an Werten haben! Und diese werden nur wenigen Eintrittszahlenden vorhalten. Die Kunsthalle Hamburg alleine zählt ein Sammlungsvermögen in Höhe von über 2o Mio. Euro! Das Museum für Kunst und Gewerbe sogar über 21.Mio. Euro!

Und nun mal zusammengerechnet: im Jahr 2015 waren in der Kunsthalle, im Museum für Kunst und Gewerbe, im Völkerkundemuseum, dem Hamburger und Altoaner wie dem Museum der Arbeit insgesamt und exakt 1.031.846 Besucher, die sich gegen Eintritt ein Sammlungsvermögen im Wert von insgesamt und exakt 46.406.631 Euro ansahen. 1 Mio Besucher sehen sich also 46 Mio Wert an Kunst und Kultur an. Lassen wir da nicht vielen vieles entgehen? Oder anders herum gefragt: können und wollen wir uns leisten, solche Schätze dem breiten Volk vorzuenthalten? Man sollte zumindest auch darüber reden.

 

(06. Jan 2017, HL)

 

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Was ist eigentlich der „Wert der Kultur“? https://www.tiefgang.net/was-ist-eigentlich-der-wert-der-kultur/ Fri, 06 Jan 2017 19:46:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=384 [...]]]> „Kultur rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus!“ Schön wär´s, denken Sie? Lassen Sie uns mal schauen, wie es denn so ist mit Museen, Theatern, Konzertsälen und Clubs …

Diesen alten Leitspruch von der 1999 verstorbenen Kultur-Ikone August Everding, gerne auch „Cleverding“ genannt, mag man oberflächlich betrachtet als lustig-provokant wahrnehmen. Aber es lohnt sich, den Gedanken mal im Detail zu verfolgen und zu prüfen. Denn selten wurde Kultur derart an Zahlen gemessen wie heute. Doch halten diese Zahlen wirklich Stand? Was sollen sie uns sagen und was sagen sie uns wirklich?

Ich werde es in einer lockeren Folge prüfen und dabei auch manch Erstaunliches zutage fördern. Denn so einfach wie manch selbsternannter oder wirklicher Finanzexperte und Wirtschaftsberater es darstellt, ist es nicht. Nicht nur, dass ein Theater ganz andere Erfordernisse und Ausgaben hat als ein Museum, eine Oper etwas anderes ist als ein Musical, ein Musikclub mit Gastronomie und am Eintritt bemessenen Gagen anders zu rechnen ist als ein Sinfonieorchester mit fest angestellten Musikern. Nein, es geht und muss auch immer um den gesellschaftlichen Wert von Kultur gehen. Aber kann man den eigentlich rechnen? Und wenn wie? Und worin liegt er denn genau?

Vielleicht ist es kein Zufall sondern sogar begründbar, dass eben dieser August Everding den Ausspruch wagte, Kultur sei „kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit!“ und damit ins gleiche Kulturhorn stieß wie der einstige und 2015 gestorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überle-bensfähigkeit sichert.“

Und es steht vorab auch fest: dies ist ein Diskurs ohne klares Ende. Aber warum ihn dann aber überhaupt führen? Weil der Diskurs, der Austausch der Argumente, unser Denken, Bewusstsein und letztlich Handeln bestimmt, nicht das Ergebnis! Und daher ist es logischerweise ein immer wieder neu zu führender Diskurs. Ein Ringen um den zeitgemäßen Umgang mit dem „Wert“ der Kultur. Und es ist ein immer neu zu bestimmende Erfordernis, diesen Wert der Kultur in unserem gesellschaftlichen Miteinander zu bestimmen. Wer macht Kultur, wer bewertet sie und für wen ist Kultur?

So wie die Regelsätze der sozialen Grundsicherung, die Renten, die steuerlichen Freibeträge oder auch die politische Mandatsbezüge von Abgeordneten alle Jahre wieder mit neuen Argumenten und neuen Mindeststandards begründet werden, so ist auch Kultur immer wieder aufs Neue einer Wertbe-stimmung ausgesetzt. Sie muss nur aufpassen, dass nicht andere allein über sie entscheiden. Sie darf ihre ureigenen Argumente nicht aufgeben, sie nicht vergessen oder sich im Munde verdrehen zu lassen. Denn sie sind ihre wichtigsten: die kulturellen Inhalte!

Und daher ist dieser Diskurs an Sie als Lesenden gerne auch als Einladung zum Mitstreiten zu verstehen. Diskutieren Sie im angebundenen Facebook-Chat mit! Er- und begründen Sie weitere Argumente im Diskurs über den Wert der Kultur und werden Sie selbst wieder zu einem Teil der dringend notwendigen Streit-Kultur!

(06. Jan. 2017, hl)

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