Serie „Der Wert der Kultur“ - Teil I Museen:

Kunst nur gegen cash?

Wer hätte ihn nicht gerne? Den Kuss der Muse. (Grafik: Fotolia)

Seit das Essener Folkwang-Museum seine Pforten für die dauerhafte Ausstellung im Sommer 2015 gänzlich eintrittsfrei öffnete, entbrach nicht nur ein Publikumsansturm. Das hatten viele Museen im unterhaltungsgeschwängerten Multimediazeitalter gar nicht mehr für möglich gehalten: Ein Museum für zeitgenössische Kunst als Hotspot und Frequenzbringer? Quasi Mainstream? Geht das überhaupt? Oder besser noch: darf es das überhaupt?

Es entfachte aufs Neue eine Diskussion, der Kulturinteressierte sich durchaus stellen sollten. Vielleicht sogar müssen. Denn es geht um nichts anderes als eben genau die Wertbestimmung der Museumsinhalte – also um den „Wert der Kultur“ selbst.

Doch eins nach dem anderen. Nach dem Ansturm auf das Essener Museum wurde alsbald und eher rhetorisch gefragt, ob das Essener Folkwang Museum denn überhaupt ein Maßstab in der Museumslandschaft sei oder nicht doch ein spezieller Fall. Und wenn, welcher und für was? Und – klar woraus es letztlich hinauslief – wer solle das alles überhaupt bezahlen? Im Fall des Folkwang-Museum sei es ja die das Museum betreibende Krupp-Stiftung. Und die könne es sich eben leisten.

Ein detaillierter Blick zeigt: so einfach ist es nicht.

Doch bleiben wir zunächst beim Folkwang-Museum. Die Besucherzahlen des Folkwang-Museums hatten sich nach Wegfall des Eintrittspreises binnen einem Jahr verdoppelt. 200%! In Zahlen übrigens ging es offenbar um ziemlich genau 100.000 Menschen. Auch das muss man benennen, denn es ist in etwa die Zahl, die jährlich das Archäologische Museum Hamburg besuchen. Die Kunsthalle Hamburg zählte jährlich drei Mal so viele Menschen – und kostete (fast) immer Eintritt.

Das Wunder von Hamburg

Kostete. Denn dann wurde sie auf Kosten der privaten Geldgeberin Familie Otto von Grund auf saniert. Und es geschah etwas Außergewöhnliches, was aber ebenso zählenswert ist. Denn als Clou zur Wiedereröffnung hatte man sich 2016 entschlossen, einen Monat lang die Türen kostenfrei zu öffnen. Als „Appetizer“ quasi. Und siehe da: vom 30. April bis 31. Mai des Jahres 2016 kamen sage und schreibe 206.588 gezählte Personen. Offiziell eine Steigerung um 600%. (siehe Drucksache 21/6263 Hamburger Bürgerschaft)

Daraufhin fragte die Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Dora Heynn in einer „kleinen Anfrage“ an den Senat, ob dieser sich zwischenzeitlich mal mit der Frage beschäftigt habe, wie der Verzicht auf Eintrittsgelder zu bewerten sei. Und es folgte ein klares „nein“. Plus: „Dazu bestand bisher keine Veranlassung“.

Sollte aber. Denn das Phänomen ist nicht ohne.

In London, Paris und auch anderen europäischen Metropolen und Ländern gibt es das Phänomen schon lange: sowohl des freien Eintritts für Dauerausstellungen als auch des vermehrten Zustroms von Besuchenden.

Derweil werden ähnliche Tests in Frankfurt durchgeführt und der Effekt ist stets dergleiche: die Besucherzahlen schnellen nach oben. Presseberichten zufolge sind es vor allem Schulen und Familien mit Kindern, die sich freuen und davon profitieren. Kein Wunder, denn in vielen Hamburger Museen müssten erst Besuchende ab 18 Jahren Eintritt zahlen. Aber zum einen sind die Preisstrukturen je Museum ein intensiveres Studium wert und Kaffee, Kuchen und Eis sind gewohnheitsgemäß auch immer einzurechnen. Kein Eintritt wäre eine klare Botschaft. Und offenbar ein Schlüssel zur Senkung der Hemmschwelle.

Und die Museumsmacher aus Essen bringen ihre Erfahrungen im Grunde gut auf den Punkt: „Der freie Eintritt wirkt“, freut sich Direktor Tobia Bezzola. „Die kostenfreie Öffnung unserer Sammlung ist ein entscheidender Faktor, um Schwellen abzubauen und immer mehr Menschen für Kunst und Kultur zu begeistern.“

Ein Besucher sagte wohl treffend: „Die Kunst ist so großartig, dafür würden wir auch bezahlen“. (Der Westen, 16.06.2016). Andere nutzen das ruhige Flair offenbar, um mal abseits der Smartphone-Chats und Multimedia-Berieselung zur Ruhe zu kommen. Wieder andere kommen erst so recht auf den Geschmack und nutzen dann auch die kostenpflichtigen Sonderausstellungen. Wäre das dann also das Ende der vermeintlich bildungsfernen Schichten? Denn worum geht es eigentlich bei einem Museum?

Der Begriff Museum ist dem Lateinischen entlehnt und bedeutet im Grunde „Musensitz“ oder „Ort für Kunst und Gelehrsamkeit“. Das ist die wahre Bestimmung eines jeden Museums – eben ganz gleich, ob es das Archäologische, das Hamburgische, Altonaer, Maritime, Schul-, Polizei-, Medizinische, Kinder-Museum oder auch der Arbeit ist. Der Name bestimmt im Grunde den eigentlichen Wert. Eben die Auseinandersetzung mit unserem archäologischen, hamburgischen etc. Erbe, Brauchtum und so fort. Nur gemessen wird dieser Wert daran nicht.

Bemessen wird vielmehr, woher die Besucher stammen (sie kennen das mit der Frage nach der Postleitzahl, die ja immerhin der Musiker „Der Weiherer“ zu einem Song verführte mit der Postleitzahl von Brunsbüttel … ? Seither sind Brunsbütteler vermeintlich allerorts vertreten.) Und wer hätte es gedacht? Ein  Großteil all unserer Museumsbesucher in Hamburg stammt aus Hamburg. Aber gut, dass man das besser nochmal prüft.

Mehr Besucher – weniger Zuschuss

Und es wird ebenso genau gelistet und inventarisiert, wieviele Zuschüsse geflossen sind (2015 z.B. 15 Mio Euro für die Hamburger Kunsthalle, kein Euro aber für das Schul-, Polizei- oder medizinische Museum). Und weil es vermutlich so schön ist, öffentliche Zuschüsse (für öffentliche Aufgaben – siehe Begriffsbestimmung „Ort für Kunst und Gelehrsamkeit“) als milde Gabe regierender Politik feiern zu lassen, wird natürlich auch nachgehalten, wieviel Zuschuss dann je Besucher geflossen ist: im Jahr 2015 für die Kunsthalle Hamburg 34,49 € je Besucher, Museum für Kunst und Gewerbe 31,79€, Völkerkun-demuseum 45,74€. Klingt viel, nicht wahr?

Aber drehen wir es mal um: je mehr Besucher, je geringer der Zuschuss. Gingen also letztlich 600% mehr Besucher in dem Monat freien Eintritts in die Kunsthalle, wäre der Zuschuss durchschnittlich auf ein Sechstel reduziert – als etwa bei 5,75 €. Das wäre doch ein Jubel wert. Mehr Bildung für mehr Leute bei geringeren Pro-Kopf-Kosten.

Und noch viel wichtiger: die Kosten reduzieren sich um ein Vielschichtiges: Mehrwertsteuer entgeht dem Fiskus eh nicht, denn – auch mal wissenswert! – sie wird für Museen eben wegen ihres Bildungsauftrages explizit gar nicht erst erhoben – auch nicht vermindert. Hier also ein Nullsummenspiel. Der Gesetzgeber für Steuern scheint hier also weiter zu sein und weiß um den Bildungsauftrag.

Es müssten aber auch keine Eintrittskarten gedruckt, verteilt und gezählt werden. Keine Kasse, keine Buchhaltung für Bargeld (außer im Accessoireshop, der übrigens auch schon von der Mehrwertsteuer befreit ist), keine komplizierte und teils entwürdigende Differenzierung nach Erwachsen, Kind, Behindert, Sozialleistungen empfangend etc. Kein Bildungsgutschein, Schulklassenanmeldung. Eintritt eben einfach frei.

Nun gut, bliebe noch manche Befürchtung, das ein oder andere Museum sei dem Ansturm räumlich nicht gewachsen. Dem könnte man nachgehen. Aber auch ein Parkhaus – ohne Personal geführt – soll das ja bereits meistern können.

Aber auch all das beschreibt den „Wert“ dieser Kultur nicht wirklich umfänglich. Es wäre wieder nur ein Abheben auf Besucherzahlen. Fast wie eine Rechtfertigung für die Existenz eines Museums.

Aber WAS ist denn dort in den Museen zu erleben? Und siehe da! Natürlich gibt es auch hier Zahlen: nämlich über das Vermögen an „Sammlungsgegenständen“ im jeweiligen Museum – in Euro bemessen. Ganz wie man es in einem bilanzierenden Unternehmen zu erwarten hätte. Und siehe da, was wir an Werten haben! Und diese werden nur wenigen Eintrittszahlenden vorhalten. Die Kunsthalle Hamburg alleine zählt ein Sammlungsvermögen in Höhe von über 2o Mio. Euro! Das Museum für Kunst und Gewerbe sogar über 21.Mio. Euro!

Und nun mal zusammengerechnet: im Jahr 2015 waren in der Kunsthalle, im Museum für Kunst und Gewerbe, im Völkerkundemuseum, dem Hamburger und Altoaner wie dem Museum der Arbeit insgesamt und exakt 1.031.846 Besucher, die sich gegen Eintritt ein Sammlungsvermögen im Wert von insgesamt und exakt 46.406.631 Euro ansahen. 1 Mio Besucher sehen sich also 46 Mio Wert an Kunst und Kultur an. Lassen wir da nicht vielen vieles entgehen? Oder anders herum gefragt: können und wollen wir uns leisten, solche Schätze dem breiten Volk vorzuenthalten? Man sollte zumindest auch darüber reden.

 

(06. Jan 2017, HL)

 

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