Das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg lden zu den dreitägigen „Heino Jaeger Festspielen“

„Man glaubt es nicht“

Heino Jaeger (Foto: PR)

Zusätzlich zu den „Heino Jaeger Festspielen“ feiert das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg den 1938 in Harburg geborenen Künstler mit der Ausstellung „Man glaubt es nicht“ gleich noch einmal.

Das Museum ehrt den Maler, Grafiker, Sprachkünstler und Auftrittsaktivisten aus Anlass seines 25. Todestages vom 7. Juli bis 21. August mit einer Ausstellung, die zeigt, dass Heino Jaegers Lebenswerk weit größer ist als gemeinhin bekannt. Der Künstler wurde in den 70er-Jahren mit skurrilen Sketchen und Monologen in Rundfunk und Fernsehen zwar als Dr. Jaeger zur Kultfigur – die wahre Vielfalt seines Werks blieb der breiten Öffentlichkeit jedoch verborgen. Die Schau zeigt nun eine Auswahl seiner Bilder, Zeichnungen und teilweise noch nie veröffentlichten Manuskripte aus der Sammlung des Museums sowie ausgewählte Leihgaben.

Heino Jaeger im Archäologischen Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg

Bis heute hat er eine eingeschworene Fangemeinde, und jüngst wurde ein von seinem Leben inspirierter Roman von Rocko Schamoni veröffentlicht: Heino Jaeger. Unter Kolleginnen und Kollegen wird er verehrt, zu seinen Bewunderern zählen Loriot und Olli Dittrich. Die Leistungen des Künstlers, der 1997 im Alter von nur 59 Jahren verstarb, gelten aber als unbestritten und verdienen es, nicht vergessen zu werden. Heino Jaeger wurde u.a. durch satirische Sendungen im Radio bekannt, in denen er brillant Klischeetypen parodierte und imitierte. Als Maler und Grafiker ist er jedoch nur Kennern ein Begriff. Viele seiner Bilder und Zeichnungen galten als verschollen oder gar vernichtet. Aktuell ist sein Gesamtwerk wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt: Die Museen Stade haben Heino Jaeger jüngst eine umfassende Retrospektive gewidmet und große Teile seines Werkes wieder ausfindig gemacht. Das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg fügt neben den „Heino Jaeger Festspielen“ diesem Künstlerportrait nun mit der Ausstellung „Man glaubt es nicht“ eine weitere wichtige Facette hinzu.

Heino Jaeger – ein Künstler aus Harburg

Jaegers Lebenswerk ist weit größer als gemeinhin bekannt und wurde bisher meist von seiner Rolle des „Dr. Jaeger“ überprägt. Heino Jaeger verstand sich jedoch selbst in erster Linie als bildender Künstler. Sein malerisches und zeichnerisches Gesamtwerk ist die eigentliche künstlerische Konstante in seinem Leben. Seinen Anfang nahm dieses in Hamburg-Harburg:
„Ich bin vorschriftsmäßig […] mit Wirkung und Inkrafttreten des ersten Quartals 1938, und zwar am 1.1.1938 […] mit Photoblick und Röntgenaugen in dem Städtchen Harburg an der Elbe zur Welt gekommen“ schreibt Heino Jaeger Anfang der 1960er-Jahre über sich selbst. Die Familie erlebt u.a. die Bombardierung Harburgs, und die Kriegsereignisse prägen den jungen Heino Jaeger zutiefst. Hochsensibel nimmt er seine Umwelt wahr. Er spricht nicht über die überstandenen Schrecken, sondern er zeichnet – und dies sehr talentiert: Brennende Häuser und Kriegsruinen finden sich in seinen Jugendzeichnungen als Niederschlag der Kriegs- und Nachkriegszeit.


Bis 1953 besucht Heino Jaeger die Volksschule in Harburg und beginnt im selben Jahr nach einer abgebrochenen Malerlehre eine Ausbildung als Textilmusterzeichner an der Landeskunstschule Hamburg. An der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studiert Jaeger dann von 1956 bis 1960/61 Freie Grafik. In dieser Zeit unternimmt er mit gleichgesinnten Freunden viele Reisen durch ganz Europa. Bei diesen Reisen wird der Ausruf „Man glaubt es nicht!“ zum geflügelten Wort. Er ist Ausdruck der Begeisterung, wenn Jaeger Orte mit einer besonders authentischen „Stimmung“ aus der Jahrhundertwende und der Gründerzeit gefunden hat wie zum Beispiel alte Bahnhöfe, Hotels, Fabriken und Straßenzüge. Er wird aber auch zum Ausdruck der Ablehnung der „Abbruchwut des neuen Deutschlands“. Das Nachkriegsdeutschland und vor allem das Wirtschaftswunderland betrachtet Jaeger mit besonderer Abscheu und seziert in seinen Werken die Bonner Republik als kleinkariertes „KleineLeute-Land“.

Heino Jaeger, der „Museumsmann“

Nach seinem Studium arbeitet Jaeger ab 1960 im Hamburger Museum für Völkerkunde (heute MARKK) erstmals als wissenschaftlicher Zeichner. 1964 wechselt er an das Landesmuseum Schleswig-Holstein, wo er bis 1966 für den Archäologen Kurt Schietzel Funde aus Haithabu zeichnet. 1967 beginnt Jaeger, der inzwischen seit einem Jahr in seiner ersten eigenen Wohnung in Harvestehude wohnt, als Zeichner im Helms-Museum (heute Archäologisches Museum Hamburg). Sein Auftraggeber ist der ehemalige Museumsdirektor Willi Wegewitz (1898 – 1996), für den Jaeger tausende von Ausgrabungsfunden zeichnet. Sie werden in den Publikationen zu den vorgeschichtlichen Gräberfeldern von Putensen (Lkr. Harburg) veröffentlicht. Jaeger bleibt bis 1973 am Harburger Museum. Er fertigt museumspädagogische Illustrationen an und erhält 1970 den Auftrag, das „Panorama der Jahrtausende“ künstlerisch umzusetzen. Unterstützt durch den Grafiker und Freund Harold Müller entsteht bis 1973 ein 17-teiliges, 22 Meter langes Diorama, das die Veränderung der Umwelt durch den Menschen von der Steinzeit bis in die Gegenwart darstellt.
In den 1970er-Jahren dominieren dann zeitgenössische Bildwelten der Alltags-, Freizeit- und Konsumkultur in Jaegers Werk. Dies ist auch biografisch durch seine Verbindung nach St. Pauli zu verstehen, wo er zeitweise lebt. Hier ist er Teil eines halbweltartigen Freundeskreises aus Künstlern und Schriftstellern. In der Sammlung des Museums befindet sich eine Reihe von großformatigen Zeichnungen, die in dieser Zeit entstanden sind. Auf vielfältige Weise setzt sich Jaeger darin mit seinen Mitmenschen und dem Deutschland der Wiederaufbauzeit in den 1970er-Jahren auseinander. Detailreich und mit einer besonderen Freude an der „Unästhetik deutscher Ordnung“ beobachtet er den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel. Die sich etablierende Kosumkultur wird für ihn von Entfremdung und Isolationserscheinungen begleitet. Für Jaeger ist dieser Prozess gleichbedeutend mit einer fortschreitenden Zerstörung – und Quelle eines tief empfundenen persönlichen Unbehagens.

Heino Jaeger, der Sprachkünstler

Neben seiner außergewöhnlichen zeichnerischen Begabung verfügt Heino Jaeger über ein weiteres besonderes Talent, das er lange Zeit eher als Privatvergnügen kultiviert. Er ist in der Lage, aufgeschnappte Dialoge in einer Vielzahl von Dialekten und Rollen wiederzugeben oder die Gespräche collagenhaft zu neuen Geschichten zusammenzusetzen. Für ein großes Publikum wird der Sprachkünstler Heino Jaeger dann 1967 entdeckt und schließlich in seiner Rolle als „Dr. Jaeger“ im Radio zur Kultfigur. Drei Schallplatten nimmt er bis Mitte der 1970er-Jahre auf. Die Sendereihe „Dr. Jaeger antwortet“ wird von 1976 bis 1982 vom Süddeutschen Rundfunk produziert.
Mitte der 1970er-Jahre erlebt Heino Jaeger seine größten Erfolge. Seine Bilder werden in Deutschland und der Schweiz in bedeutenden Galerien ausgestellt. Die Reihe „Dr. Jaeger antwortet“ hat einen festen Sendeplatz im Süddeutschen Rundfunk. Doch das, was er als „Dr. Jaeger“ in den Gesprächen mit Ratsuchenden mitfühlend parodiert – Unwichtigkeiten oder die Flucht der Menschen in den „Alltagsstress“, wie er es nennt -, wird für ihn zunehmend unerträglich. Jaeger zieht sich mehr und mehr zurück und flüchtet in den Alkohol. Schließlich wird er in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung untergebracht, wo er am 7. Juli 1997 an einem Schlaganfall stirbt. Jaeger und seine Kunst sind zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Leistungen des Künstlers gelten in Fachkreisen als unbestritten und verdienen es, nicht vergessen zu werden.
Mit den „Heino Jaeger Festspielen“ (7. bis 9. Juli) und der Heino-Jaeger-Ausstellung „Man glaubt es nicht“ stellt das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg noch einmal alle Facetten seines Werks ins Rampenlicht und erinnert an diesen besonderen Künstler.
Informationen zur Ausstellung: Laufzeit: 7. Juli bis 21. August 2022
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag von 10:00 – 17:00 Uhr, Montag geschlossen
Ort: Archäologisches Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg, Museumsplatz 2, 21073 Hamburg
Eintritt Ausstellung: Erwachsene: 6 Euro; ermäßigt: 4 Euro

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