Harburger Autorin Ute Holst https://www.tiefgang.net Fri, 02 Oct 2020 08:36:09 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Waldbaden https://www.tiefgang.net/waldbaden/ Fri, 02 Oct 2020 22:28:46 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7292 [...]]]> Nach dem Artikel in der Wochenendausgabe ihrer Tageszeitung war Erika neugierig geworden.

Von Ute Holst

Waldbaden, das musste sie unbedingt mal ausprobieren. Mit dem Auto fuhr sie in einen nahegelegenen Wald und lief solange, bis sie auf eine schöne Lichtung kam.

Mit dem Rücken lehnte sie sich an eine mächtige Buche und schloss die Augen. Sie spürte die wärmende Sonne auf ihrem Gesicht und wie der angenehm frische Wind mit ihren Haaren spielte. Erika atmete tief ein und aus und genoss den Geruch des feuchten Waldbodens. Etwas raschelte neben ihr im trockenen Laub, aber sie ließ die Augen geschlossen. „Wahrscheinlich ist das nur ein kleines Mäuslein“, dachte sie sich und fühlte wie sie innerlich zur Ruhe kam. Außer dem leisen Rauschen der Blätter, die sich im leichten Wind bewegten, hörte sie in der Ferne einen Hirsch röhren. Wenig später ertönte der Ruf eines Kuckucks und Erika erinnerte sich, dass ihre Großmutter immer gesagt hatte: „Wenn der Kuckuck ruft musst du deine Geldbörse schütteln, dann geht dir nie das Geld aus.“ Bei dieser Erinnerung musste Erika lächeln, sie hatte ihre Oma sehr gern gehabt.

Plötzlich knackten in der Nähe Zweige und trockenes Laub raschelte, Erika hatte den Eindruck als würden sich menschliche Schritte nähern. Gespannt lauschte sie diesem Geräusch und überlegte, ob sie ihre Augen öffnen sollte. Dann vernahm sie das Hecheln eines Hundes und die freundliche Stimme eines Mannes.

Erika schlug die Augen auf und sah einen jungen Förster mit seinem Hund vor sich stehen. Der Mann lächelte sie freundlich an und fragte: „Ist alles in Ordnung?“ Verwundert zwinkerte Erika mit den Augen, war sie eingeschlafen und träumte sie noch? Der Mitarbeiter des Forstamts beugte sich zu ihr hinunter und sah sie fragend an. „Brauchen sie Hilfe, junge Frau?“ Erika räusperte sich verlegen und hielt sich zum Schutz vor der Sonne die rechte Hand über die Augen: „Vielen Dank“, stotterte sie verlegen, „es ist alles okay.“ Als sie aufstehen wollte reichte der Mann ihr die Hand und zog sie behutsam in die Höhe. „Was für ein Händedruck“, schoss es Erika durch den Kopf, „kraftvoll und trotzdem sanft.“

Verwirrt sah sie ihrem Gegenüber ins Gesicht, graublaue Augen sahen sie interessiert an und der Mund wurde durch einen graumelierten Vollbart nahezu verdeckt. Soweit sie erkennen konnte war das Gesicht sonnengebräunt und der Hut saß ein bisschen schief auf dem Kopf, was dem Mann ein keckes Aussehen verlieh. „Was für ein toller Mann“, dachte Erika und senkte verlegen den Blick. „Ich wollte sie auf keinen Fall stören“, hörte sie den Revierförster sagen, „mein Hund und ich sind jeden Tag hier im Wald unterwegs. Wir müssen nach dem rechten sehen und genießen die Ruhe und die gute Luft.“ Bei diesen Worten schaute er liebevoll auf den Hund, der sich entspannt neben seinem Herrchen niedergelassen hatte. „Das kann ich gut verstehen“, gab Erika zur Antwort: „ich habe in der Zeitung vom Waldbaden gelesen und da wollte ich es auch einfach mal ausprobieren.“ Fragend sah sie den Förster an: „Das ist doch erlaubt, oder“. „Das dürfen sie sehr gerne“, der Mann lächelte sie aufmunternd an: „hat es ihnen denn gefallen?“ Erika holte tief Luft und schaute in die schönen Augen ihres Gegenübers: „Ja, es war ein wunderbares Erlebnis und ich könnte mir vorstellen es öfter zu machen“, schwärmte sie. „Nur zu“, ermunterte sie der junge Mann, „Gäste wie sie sind immer willkommen. Was wir nicht mögen ist, wenn Sportler mit ihren Mountainbikes oder ihren Geländemaschinen durch den Wald rasen und viel Schaden anrichten. Auch Reiter, die sich nicht an die für sie markierten Wege halten, sind uns ein Ärgernis.“ Forschend sah er Erika an: „Wenn es sie interessiert würde ich ihnen mit Vergnügen unseren wunderschönen Wald zeigen.“ „Ja, gerne, aber“, stotterte Erika verlegen, „ich weiß gar nicht ob ich ihre Einladung annehmen kann. Sie müssen doch arbeiten.“ „Machen Sie sich darum keine Sorgen, es gehört auch zu meinen Aufgaben interessierten Menschen den Wald und unsere Arbeit näher zu bringen.“ Er sah sich um und zeigte mit der rechten Hand auf die umstehenden Bäume: „Nur was die Menschen kennen und lieben sind sie auch bereit zu schützen.“ Erika spürte wie ihre Wangen sich röteten und nach einer kurzen Pause flüsterte sie: „das ist wirklich sehr nett von ihnen.“ Nach einem kurzen Blick auf ihre Armbanduhr sagte sie entschuldigend: „Aber jetzt muss ich dringend los, ich habe mich hier schon zu lange aufgehalten.“ Der Förster nickte verständnisvoll: „Ist das ihr roter Kleinwagen mit Hamburger Kennzeichen auf dem Parkplatz?“ Als Erika bejahte wandte er sich seinem Hund zu: „Na, Edgar, was meinst du, wollen wir die junge Dame zu ihrem Auto begleiten?“ Der Dackel erhob sich und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.

Langsam und fröhlich plaudernd gingen Erika und der Förster Richtung Parkplatz, der Hund lief entspannt nebenher. Am Auto angekommen verabschiedeten sie sich voneinander, wobei sie die Telefonnummern austauschten und sich verabredeten bald gemeinsam einen langen Spaziergang zu machen. Entspannt und glücklich trat Erika ihren Rückweg an, das Waldbaden hatte sich wirklich gelohnt.

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„Finger weg!“ https://www.tiefgang.net/finger-weg/ Fri, 21 Aug 2020 22:39:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7166 [...]]]> Aus einem Zitat eine ganze Geschichte zu entwickeln war eine Aufgabe in der Harburger Schreibwerkstatt. Hier lesen Sie eines der Ergebnisse …

Die Harburger Autorin Ute Holst ist seit Jahren Mitglied in der Schreibwerkstatt bei „Alles wird schön“ unter der Leitung von Kerstin Brockmann. Kürzlich gab die Leiterin ein Zitat vor (in diesem Falle von „Die Küchenuhr“, von Wolfgang Borchert), aus der nachfolgend die Schreibwerkstatt-Teilnehmenden eine eigene Geschichte entwickeln sollten.  Hier die Geschichte von Ute Holst …

Finger weg

von Ute Holst 

Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, dass er erst zwanzig war. Er setzte sich mit seinem alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen, war er in der Hand trug. 

Lisa drückte sich eng an ihren großen Bruder heran. Sie hatten sich in der Skateranlage ausgetobt und wollten sich nur einen Moment ausruhen bevor sie sich auf den Heimweg machten. Lisa war heilfroh, dass Ben zwischen ihr und dem Fremden saß. Der Mann war ihr unheimlich, sein Aussehen und seine Bewegungen passten nicht zueinander. Außerdem sprach der Unbekannte kein Wort. Er sah abwechselnd auf die Geschwister und auf seine geöffnete rechte Hand. Die linke verbarg er in der Tasche seiner von Flecken übersäten Hose. Sein Hemd war weit geöffnet und gab den Blick auf rote Flecken auf seinem Oberkörper frei, seine Schuhe waren verschlissen und verstaubt.

Verstohlen zupfte Lisa an Bens Pullover, sie wollte ihn zum Gehen auffordern, aber Ben starrte gebannt auf die Handfläche seines Sitznachbarn. „Was ist das?“, hörte sie ihren Bruder verwundert fragen. „Was könnte das denn sein?“, bekam er zur Antwort. Ben zuckte mit den Schultern: „Ich habe keine Ahnung was das sein könnte“, fragend sah er abwechselnd der Person neben sich ins Gesicht und auf das kleine Päckchen in der Hand des Fremden. Der Mann rückte bis auf die Kante der Bank vor und wandte sich an Lisa: „Was glaubst du, worum es sich handelt?“ Als Lisa keine Antwort gab und ängstlich den Blick abwandte, fragte er erneut: „Hast du denn gar keine Idee?“ Lisa räusperte sich verlegen und sprach mit leiser Stimme: „Sieht aus wie Liebesperlen, diese kleinen Bonbons aus Zucker.“

Der Unbekannte hob die Augenbrauen und sah die Geschwister mit großen Augen an: „Liebesperlen, so, so! Wie alt seid ihr?“ Lisa fühlte sich veralbert, was bezweckte dieser Mensch mit seiner komischen Fragerei, wollte er sich auf ihre Kosten lustig machen? „Ich bin vierzehn und meine Schwester ist zwölf“, flüsterte Ben zögerlich. Unbeeindruckt schaute der Fremdling von einem zum anderen und eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Lisa wurde immer unruhiger und rutschte neben ihrem Bruder hin und her. Sie zwickte Ben unauffällig in den Arm und als sie aufstehen wollten, um sich aus dieser merkwürdigen Situation zu befreien, sah der Mann sie bekümmert an und beschwor sie mit fester Stimme: „Bitte bleibt noch einen Moment. Ich kann verstehen, dass ihr Angst vor mir habt, aber ich werde euch nichts tun.“

Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und stieß einen lauten Seufzer aus. „Als ich so alt war wie ihr, habe ich auch geglaubt, dass es sich bei diesen Kugeln um Süßigkeiten aus gefärbtem Traubenzucker handelt.“ Mit verzerrtem Gesicht schloss er seine Hand und ballte sie zur Faust. „Sie wurden mir geschenkt als ich noch ein unerfahrener Jugendlicher war.“ Verstohlen wischte er sich die Tränen vom Gesicht. „Ich war damals ziemlich auf mich allein gestellt, meine Eltern hatten keine Zeit für mich und Freunde hatte ich nicht.“ Er schluchzte leise und rieb sich die Stirn bevor er fortfuhr: „Immer, wenn ich diese Dinger genommen hatte, glaubte ich mich besser zu fühlen und stärker zu sein. Schließlich geriet ich sogar in Panik, wenn ich keine dieser Pillen mehr hatte. Doch der Typ, der sie mir anfangs geschenkt hatte, wollte plötzlich Geld dafür haben.“

Er machte eine Pause und schlug sich mit der Faust auf sein rechtes Knie: „Schon bald reichte mein Taschengeld nicht und auch meine Ersparnisse waren schnell ausgegeben.“ Nervös rieb er sich das Kinn: „Schließlich habe ich das Geld genommen, von dem ich eigentlich Lebensmittel einkaufen sollte.“ Heftig schüttelte der Unbekannte den Kopf und seine zerzausten Haare fielen ihm ins Gesicht. „Es dauerte nicht lange, bis meine Alten es bemerkt haben und es gab riesigen Ärger.“ Verlegen scharrte er mit den Füßen im Sand und schaute in die verängstigten Gesichter von Lisa und Ben. Lisa hielt den Arm ihres Bruders fest umklammert und ihren Blick gesenkt, sie wollte nur weg von hier. Bens Gesicht war kreidebleich, er brachte keinen Ton heraus, nickte nur ab und zu mit dem Kopf.

„Meine Eltern haben mich solange bearbeitet, bis ich mit der Sprache herausgerückt bin, wofür ich das Geld genommen habe“, erklärte der Mann stockend. Sein Gesicht in der rechten Hand verbergend sprach er weiter: „Sie haben sich wahnsinnig aufgeregt und mich sofort ins Krankenhaus gebracht.“ Wieder liefen ihm Tränen übers Gesicht, „Was dann kam war eine schreckliche Tortur. Ich musste einen Entzug machen.“ Ben riss die Augen auf und stotterte: „Dann waren es Drogen, und keine harmlosen Süßigkeiten?“

Ben musste sich anstrengen, um die Antwort zu verstehen; denn sie kam nur sehr leise und war kaum zu vernehmen: „Du hast es erfasst, mein Junge, ich bin das Opfer von Rauschgift geworden, mein Leben ist verpfuscht!“ Mit traurigen Augen sah er die Geschwister an: „Bis heute wissen die Ärzte nicht um welche Wirkstoffe es sich gehandelt hat. Fest steht aber, dass mein Körper durch das Gift zerstört worden ist.“ Er stöhnte laut auf und fuhr kurze Zeit später mit zitternder Stimme fort: „Ständig leide ich unter starken Schmerzen, aber niemand kann mir helfen und keiner weiß wie lange ich noch zu leben habe.“ „Aber was ist mit dem Kerl, der dir die Drogen gegeben hat?“, erkundigte sich Lisa erschrocken. „Der ist spurlos verschwunden, vielleicht ist er sogar selbst an einer Überdosis gestorben, keiner weiß es.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht erhob sich der Fremde von der Bank und sah Lisa und Ben lange traurig an: „Nehmt euch ein Beispiel an meiner Geschichte, lasst die Finger von Sachen, die ihr nicht kennt und, die fremde Menschen euch schenken wollen.“ Mit einer energischen Handbewegung und den warnenden Worten: „Dies sind in der Tat Liebesperlen, aber sie sehen den echten Drogen verblüffend ähnlich!“, warf er die bunten Perlen in den Abfalleimer und ging mit gesenktem Kopf davon.

Schweigend nahm Ben seine jüngere Schwester an die Hand und beide gingen in Gedanken versunken zurück nach Hause.

 

Weiterführend siehe auch ´Tiefgang`: Ute Holst – Schatten der Vergangenheit

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