Kabarett https://www.tiefgang.net Fri, 21 May 2021 06:16:40 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Mehr Worte auch ohne Orte https://www.tiefgang.net/mehr-worte-auch-ohne-orte/ Fri, 14 May 2021 22:59:50 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7902 [...]]]> Ein Slogan der fast schon traditionell gewordenen Literaturtage „SuedLese“ sind die „Orte der Worte“. Auch wenn man die wohl kaum besuchen kann, scheint es die Worte kaum zu kümmern. Ein Literaturfest der Superlative kündigt sich an.    Das kulturelle Leben liegt weitestgehend brach und immer wieder angekündigte Veranstaltungen werden meist ebenso wieder abgesagt. Nicht so in Hamburgs Süden. Die fast schon tot geglaubten Literaturtage SuedLese machen dank Bundesförderung gar einen Sprung nach vorne.

„Es ist unglaublich, was sich an Ideen, Kreativität und Engagement aufgestaut hat“, so Projektleiterin Anne Lamsbach zu den laufenden Planungen. „Gut 100 Lesungen, Workshops und Diskussionen erwarten Literaturfreunde den ganzen Juni über. Das zeigt den Hunger nach Kultur bei den Kulturschaffenden und wir hoffen, mit unserem vielfältigen Angebot auch bei den Kulturinteressierten zumindest in Teilen die literarisch-kulturellen Entbehrungen des letzten Jahres ausgleichen zu können!“ 

Projektleiterin 2021: Anne Lamsbach

Und wie es die Zeiten erfordern, wird vieles anders und neu:

  • Erstmals und unter dem Motto „Stadt – Land – Harburg“ sprengt die SuedLese die kulturellen Grenzen des Landkreises Harburg in Nordniedersachsen und dem Bezirk Harburg der Hansestadt Hamburg. Bisher waren aus politisch-administrativen Abgrenzungen keine gemeinsamen Kulturaktivitäten möglich
  • Dadurch sind „Orte der Worte“ wie der Kulturpunkt Moisburg, der Marstall in Winsen, die Empore in Buchholz oder auch das Freilichtmuseum Kiekeberg ebenso dabei wie die Wilhelmsburger Deichdiele oder der Speicher am Kaufhauskanal und viele, viele andere
  • Erstmals findet eine offizielle Kooperation mit der Hamburger Autor* innenvereinigung statt, die in einem Sonderformat einen großen Querschnitt des literarischen Schaffens in und um Hamburg bietet
  • Es gibt bald eigens eine Website für die Literaturtage, die aber auch ganzjährig Lesehungrigen ein Wegweiser für Lesetermine oder Neuerscheinungen sein wird: suedlese.de.
  • Es wurde eine eigene Literaturwerkstatt <<LitLab>> gegründet als Kooperation der Initiative SuedKultur und dem Fachbereich Poesie der Medical School Hamburg. Hier sollen dauerhaft neue Wege und Formen der Darstellung von Literatur erforscht und befördert werden. Dazu werden in einem Blog auf der Seite suedlese.de regelmäßig Ergebnisse veröffentlicht, die Autor*innen aber auch Lesefans gutes Handwerkszeug geben werden.
  • Die gut 100 (!) Termine für Lesungen, Schreib- und Kreativworkshops, Diskussionen und Besprechungen im Rahmen der 6. SuedLese geben einen direkten Verweis auf die Online-Adressen per Link, die meist über das Videokonferenz ZOOM abgewickelt werden. Das reduziert ständig wechselnde Formate und soll auch weniger internetaffinen Literaturfreunden die Teilhabe und Teilnahme vereinfachen
  • Es werden brauchbare und leicht verständliche Hinweise gegeben, wie man den Genuss der online-Lesungen per Flachbildschirm-Fernseher oder Kopfhörer erhöhen kann
  • Die haptisch hochwertigen Programmhefte der 6. SuedLese aber auch persönlich signierte Bücher der Lesungen können in Bälde direkt über das Portal suedlese.de bestellt und auch der Online-Zahlungsverkehr dort abgewickelt werden. Die Gelder werden dann zentral an Autor*innen oder den lokalen Buchhandel weitergegeben und der postalische Versand organsiert. Ein Rund-um-Lese-Paket der besonderen Art!
  • Da Lesungen für die Leseorte als auch Literat*innen stets auch eine Einnahmequelle sind, wird dem Publikum nahegelegt, auch einen Eintritt zu zahlen, wenngleich er nicht Bedingung ist, um sich zu den Lesungen zuzuschalten. Die üblichen Eintritte bzw. Spenden zwischen 5,- und 15,- € können ebenso direkt über das SuedLese-Portal abgewickelt werden

Das Literaturangebot im Rahmen der SuedLese reicht von Kinderlesungen über Poesie, Prosa, Sachbuch, Kabarett, Krimi bis zu szenischer Lesung. Mit dabei sind lokale Matadoren wie Ute Holst oder Sonja Alphonso der Harburger Schreibwerkstatt von „Alles wird schön e.V.“ und der wiederbelebte „Club der lebenden Dichter“ aus Wilhelmsburg. Auch literarische Größen wie die vielfach ausgezeichnete Kinderbuchautorin Kirsten Boie, der Preisträger des Blauen Löwen, Jens Böttcher, der Hamburger Literaturpreisträger aus Harburg, Benjamin Maack, sind bei der diesjährigen SuedLese vertreten und nicht zuletzt bereichern die Kabarettisten Kerim Pamuk, Lutz von Rosenberg-Lipinsky und Johannes Kirchberg mit ihren szenischen Lesungen den Literatursommer im Hamburger Süden und dem Landkreis Harburg in Niedersachsen.

Das Programm wird zurzeit unter Hochdruck fertig gestellt und ist bis zur SuedLese dann vollumfänglich auf dem Portal www.suedlese.de zu finden. Das gedruckte Programmheft kann ab sofort und für 2,50€ Schutzgebühr und Versandkosten unter post@seudlese.de  vorbestellt werden und wird zugestellt sobald es aus dem Druck ist.

Über die einzelnen Programmpunkte und Inhalte, Orte der Worte und Diskussionen rund um das Buch und Hamburgs literarischen Süden informiert das SuedLese-Team zeitnah.

Die 6. Suedlese – Literaturtage im Süden Hamburgs werden gefördert durch NEUSTART Kultur sowie die Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

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3 Tage Freilicht-Kultur https://www.tiefgang.net/3-tage-freilicht-kultur/ Fri, 27 Jul 2018 22:46:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3957 [...]]]> Bis 2012 war „Fete ohne Knete“ an der leicht versteckten Freilichtbühne im Harburger Stadtpark am Außenmühlenteich eine stadtbekannte Hausnummer. Dann gab es Ärger und lange nichts. Jetzt startet der Bezirk selbst als Kulturveranstalter zu einem „Sommer im Park“.

Die Geschichte um Veranstaltungen auf der Feilichtbühne im Stadtpark ist lang und eher kein Sommermärchen. (´Tiefgang` berichtete: „Kultur an der frischen Luft“ 6. Mai 2017„Mehr Trubel hinter als auf der Bühne“, 14. April 2018)

Da sie letztlich so gut wie gar nicht mehr genutzt wurde, stand der Bezirk Harburg unter Druck, denn viel Sanierungsgeld war seit 2013 geflossen und bedurfte der Rechtfertigung. Und so nahm sich der Bezirk letztlich selbst in die Pflicht und agiert nun als Veranstalter. Federführend wurde das Citymanagement Harburg ins Boot geholt und mit der Lawaetz Stiftung und der Initiative SuedKultur ein neues Veranstaltungsformat entwickelt: Das Kulturfestival „Sommer im Park“.

Das Open-Air-Kulturfestival „Sommer im Park“ findet nun erstmalig vom Fr., 24. bis zum So., 26. August 2018 im Harburger Stadtpark statt. Mit Pop-, Rock- und Jazzmusik sowie Auftritten von Orchestern und Big Bands über Poetry Slam, Geschichtenerzählern, Tanz und Theater wird ein breit gefächertes und abwechslungsreiches Angebot bei freiem Eintritt zu sehen sein.

Mit dem als Gartendenkmal geschützten Harburger Stadtpark, in dem sich die 2014 grundsanierte barocke, über 1.000 Quadratmeter große Freilichtbühne befindet, will Harburg so wieder auf den ganz besonderen Ort für kulturelle Veranstaltungen aller Art aufmerksam machen.

Das neue Festivalformat zeige zudem, wie lebendig die kulturelle Szene, die von einem beeindruckenden ehrenamtlichen Engagement getragen wird, in Harburg ist und dass es stimmungsvolle Locations gibt, die dem vielfältigen Kulturgeschehen einen passenden Rahmen bieten, heißt es in de Pressemitteilung. Und in der Tat: viele Kreative aus dem Süden Hamburgs haben sich einen Bühnenauftritt ebendort schon lange gewünscht. Denn inmitten des Parks mit Blick auf den Teich – ein einzigartiges Idyll.

Das neue Veranstaltungskonzept wurde letztlich möglich mit Mitteln von rund 30.000,- € der Harburger Bezirksversammlung, der SAGA Stiftung Nachbarschaft, Lotto Hamburg und dem Eisenbahnbauverein. Für Gagen so berichtet auch das Portal harburg-aktuell.de aber fließe kein Geld.

Das dreitägige Programm ist für die Besucher kostenlos und umfasst insgesamt 28 Programmpunkte. Mit dabei sind Julia Vej, Franz Josef & Band oder die Celtic Cowboys. Rock, Pop, Swing, Tanz, Comedy, Kabarett, A-Capella und gar Kettensägen-Kunst ist zu erleben. Moderiert wird an den drei Tagen von insgesamt vier NDR-Moderatoren, darunter der Harburger Werner Pfeifer, der auch mit seiner Hafen-Bande selbst Musik zum Besten geben wird. Rund 80 Künstler und Künstlergruppen hatten sich um einen Auftritt beworben und kamen vorwiegend direkt aus dem Bezirk oder nahen Umland.
„Sommer im Park soll zeigen, wie lebendig die kulturelle Szene in Harburg ist und dass es stilvolle Locations gibt, die dem kulturellen Angebot einen passenden Rahmen bietet“, so Citymanagerin Gitte Lansmann. Und Bezirksamtsleiter Dierk Trispel: „Es ist ein Format, das neu gegründet worden ist. Ich verbinde es mit der Hoffnung, dass es eine ganz tolle Veranstaltung wird und es auch in den kommenden Jahren stattfinden wird.“

Gerrald Boekhoff, Leiter des Fachamts ´Management des öffentlichen Raums`, hofft, dass die Bühne durch die Veranstaltung einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt und künftig von Kulturschaffenden mehr nachgefragt wird. Die Initiative SuedKultur begrüßt grundsätzlich jedes Plus von kultureller Nutzung. Aber klar ist auch: derartige Gelder stehen sonst der Kultur nicht zur Verfügung. Vielmehr muß noch Geld für WCs, Wasser, Elektrik etc. aufgebracht und in der Regel über Getränkeverkauf refinanziert werden. Denn Eintritt zu nehmen, was in Harburg ohnehin viele Veranstalter meiden, ist dort so gut wie unmöglich. Bleibt also abzuwarten, welche Nachhaltigkeit das „Sommer im Park“-Festival auf künftige Anfragen haben wird. Viele Kulturschaffende haben sich mittlerweile mit privaten Open-Air-Flächen Ausweichmöglichkeiten geschaffen.

Die Programmzeiten und -details finden sich an den angegebenen Tagen unter  www.sued-kultur.de.

 

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Kultur nach Moorburger Art https://www.tiefgang.net/kultur-nach-moorburger-art/ Fri, 27 Apr 2018 22:36:31 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3587 [...]]]> Sonntags ist Ruhetag? In Moorburg nicht. Und das hat weniger mit dem Kohlekraftwerk als mit Kultur zu tun.

Die Moorburger Gründungsmitglieder des neuen Vereins Moorburger Art haben allerlei vor. „Hofart“ startete am 26. April mit der Vernissage einer Ausstellung der anerkannten und preisgekrönten Fotografin Andrea Künzig. Am kommenden Sonntag (29. April) folgt die Premiere des Formats „Sonntags um Fünf“ im Wasserturm am Elbdeich 161. Dieses Programm erweitert die bereits bewährten Veranstaltungen „Kunst und Kirschen“ und „Kunst und Punsch“ um Kleinkunst, die sich sehen, hören und erleben lassen kann.

Bei der Eröffnungsveranstaltung werden Gesa Dreckmann, Felix Oliver Schepp, Johannes Kirchberg, Victoria Car und Markus Bruker zu Gast sein. Von untypisch norddeutsch über charmant ironisch bis hin zu klassisch musikalisch erstreckt sich die Bandbreite der Interpreten.

Mit Gesa Dreckmann entprang einst eine exotische Mischung einer haitianischen Eizelle (Mutter), wobei ein norddeutscher Holzkopf (Vater) das seine beitrug: „La Dorffe Vita“ war geboren. Ihr Publikum weiht sie in ihre Dorfjugend ein und berichtet von eigenwilligen Charakteren auf dem Land.

Mit besonderem Charme wird uns Felix Oliver Schepp das Leben schmackhaft machen und Johannes Kirchberg ist ganz der Alte, der darum weiß, wie man innere und äußere Gebrauchsspuren up-to-date hält. Abgerundet wird das Programm mit einer musikalischen Reise durch zwei Jahrhunderte Wien. Die Sopranistin Viktoria Car wird von Markus Bruker am Flügel begleitet.

Dies wird der Auftakt zu einem monatlichen Highligt in Moorburg. Bis auf eine Sommerpause soll jeweils am letzten Sonntag im Monat die Reihe fortgeführt werden. Um eine angemessene Gage für die hochkarätigen Künstler zahlen zu können, kostet der Eintritt 12 Euro. Die Gäste erwartet im Gegenzug anspruchsvolle Unterhaltung in Form von Comedy, Satire und Lesungen.

Das Jahresprogramm der Kleinkunst á la Moorburg steht bereits fest. Vor besagter Sommerpause dürfen wir uns noch auf das Kabarettprogramm von Sebstian Schnoy freuen: „Vom Krösus lernen, wie man den Goldesel melkt“. Zu sehen im Wasserturm am 27. Mai.

Doch zunächst steht die Eröffnungsveranstaltung vor der Tür und diese all jenen offen, die sich für Kunst und Kultur in Moorburg interessieren.

weiterführender Link: moorburger-art.de

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„Den Schmerz des anderen respektieren!“ https://www.tiefgang.net/den-schmerz-des-anderen-respektieren/ Sat, 25 Mar 2017 06:00:04 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=830 [...]]]> Viele kennen den Schauspieler Fatih Çevikkollu aus der TV-Comedy-Serie „Alles Atze“, in der Rolle des Murat. Aber er kann mehr. Er hat 20 Jahre Bühnenerfahrung, ist ein ernstzunehmender Kabarettist und hat gleich für sein erstes eigenes Programm „Fatihland“ 2006 den Prix Pantheon Jurypreis bekommen.Am 1. April ist der Promi zu Gast in Harburg! Eine gute Gelegenheit ist, mit ihm ins Gespräch zu kommen…

Nomen est omen: Emfatih. Der Name ist Programm. Fatih Çevikkollu beleuchtet unter anderem das Dasein zwischen gefühltem In- und Ausländer. Als Sohn türkischer Eltern wurde er wegen seines Namens und Aussehens im eigenen (Deutsch-)Land oft genug vorschnell abgestempelt. Diese ´Desintegrationserfahrungen` haben Einfluss auf die Identitätsbildung, sagt er und sieht in der Ausgrenzung von Menschen eine stärkere Waffe als in roher Gewalt. Und doch: diese Erfahrungen bringt er mit Humor und Spielfreude ans Publikum.

Er knöpft sich gekonnt die Klammer in deutschen Köpfen vor und knackt die Impulsunterdrückung dieses unseres Volkes der korrekten Nachdenker, das sich mit Tabubrüchen schwer tut und nicht weiß, ob und wann es lachen darf. Er spielt mit den Vorstellungen in unseren Köpfen und zeigt auf, dass wir alle zu Tätern und Opfern von Vorurteilen neigen. Mit viel vorgeführter „Emfatih“ fällt es schwer, da noch ernst und distanziert zu bleiben.

Ort seiner Lesung ist die TUHH, immerhin. Oder auch: ausgerechnet da? Ahnungslos, dass dort einst die Brutstätte des Bösen war und trotz der Tatsache, dass er selbst aus Köln kommt, plant er vermutlich keine Anspielungen. Er ist einfach auf Achse und hat sich nichts dabei gedacht. Und wir freuen uns, ihn hier  begrüßen zu dürfen, zumal wir selber einen schlechten Ruf zu überwinden haben und also allen Grund haben, uns zu solidarisieren.

Möge er bei uns eine geistige Heimat finden – frei nach dem Motto: Kulturelle aller Länder, Städte und Flüsse vereinigt euch und fördert das Verständnis und den feinen Humor!

Tiefgang (TG): Du bist seit vielen Jahren erfolgreich. Hast du schon als Kind gerne Rollen gespielt und andere mit deinem Talent unterhalten bzw. wann bekamst du konkret Interesse an der Schauspielkunst?

Fatih Çevikkollu: Ich hatte immer viel Energie und habe auch viel geredet, was in meinem Umfeld nicht alle so toll fanden. Frag mal meine Eltern. Das Spielen von Rollen war mir nie ein Bedürfnis, aber ich habe immer und ständig alles kommentiert und meistens war es auch lustig – die Leute haben öfter gelacht. An das Theater bin ich eher zufällig gekommen. Ich bekam im Jahr 1993 einen Anruf von einem Freund, der mir anbot, in einem Theaterstück mitzuspielen. Ich hatte zu der Zeit keine Ahnung vom Theater und Schauspiel. Das alles gab es in meiner Welt als Sohn eines Arbeiters nicht.

Seine Sandalen sind eines seiner Markenzeichen. (Foto: Nicolay Georgiew) 

´93 habe ich mich bei diesem Jugend Tournee Theater gemeldet, vorgesprochen und die haben sich für mich entschieden. Seitdem stehe ich auf der Bühne und verdiene mein Geld damit. 1997 habe ich mich dann an verschiedenen staatlichen Schauspielschulen beworben und bestand an zweien: in Hannover und Berlin Ernst Busch, die Prüfung. Ich entschied mich für die Ernst Busch in Berlin. Nach der Ausbildung ging ich zum Schauspiel Düsseldorf, habe dort mehrere Jahre als Schauspieler gearbeitet und parallel dazu diese Serie Alles Atze gedreht. Irgendwann habe ich da gekündigt, weil mich dieses fremdbestimmte Arbeiten eingeschränkt hat. Du konntest halt nur spielen, wenn du besetzt wurdest und wenn nicht, durfest du zu schauen. Das fand ich auf Dauer unbefriedigend. Ich habe gekündigt und beschlossen, alleine auf die Bühne zu gehen und gemerkt, dass es funktioniert. Dass die Menschen lachen, wenn ich was erzähle. Nun mache ich seit 2005 Kabarett und bin im ganzen Land unterwegs.

TG: Hast Du Vorbilder?

Çevikkollu: Vorbilder auf der Bühne habe ich ganz viele. Beispielsweise höre ich gerne Hagen Rether zu. Beeindruckend finde ich auch Josef Harder. Im Englischsprachigen mag ich Ricky Gervais oder David Chapelle.

TG: Was inspiriert dich für deine Kabarettprogramme?

Çevikkollu: Die Inspiration zu den Programmen kommt aus dem, was mich anspricht. Themen, die mich interessieren, sind Themen, die in unserer Gesellschaft relevant sind, über die Digitalisierung bis zur Bildung unserer Kinder oder auch der Rassismus, der in der Gesellschaft partiell herrscht. Jedes Thema, das mich anspricht, behandele ich auf der Bühne.

„Wir können alle Opfer und Täter von Vorurteilen werden“

TG: Wie lange sitzt du an der Ausarbeitung eines neuen Programms, bevor es auf die Bühne kommt?

Çevikkollu: Der Ausbau eines cleveren Grundgedanken hängt etwas vom Thema ab, das kann ich nicht pauschal beantworten. Die Entstehung eines Programms hat mehrere Stufen. Es beginnt mit dem Sammeln von Themen, die mich interessieren. Dann folgt die Recherche. Es gibt viel zu lesen und zu entscheiden. Es ist ein ständiges Sieben. Wenn das Programm theoretisch fertig ist, muss noch praktisch auf der Bühne ausprobiert werden, um zu sehen, welcher von diesen Gedanken dort bestehen kann. Das ist der schwierigste und schmerzhafteste Teil. Bis das alles funktioniert, muss ich auf der einen Seite sehr wach und auf der anderen Seite sehr kritisch sein. Am Ende wollen die Zuschauer ja lachen. Bis das erreicht ist, dauert es seine Zeit. Die muss ich mir selbst zugestehen und hoffen, dass diese Phase so kurz wie möglich ist. Es ist spannend und anstrengend, aber zugleich macht das auch den Reiz aus. Es gibt keine Sicherheit. Am Ende gibt es nur das gesprochene Wort und die Frage, ob es reicht. Und was nicht reicht, wird angereichert. Im besten Fall ist das alles nach drei Monaten durch.

TG: Hast du schon erlebt, dass Menschen deinen Humor in den falschen Hals bekommen haben? Wenn ja, wie äußerte sich das und wie bist du damit umgegangen?

Çevikkollu: Wenn ein Zuschauer was in den falschen Hals bekommt, ich mir aber an dem Punkt klar bin, was ich sagen will, ist das völlig Ordnung. Das halte ich schon aus und wünsche es mir auch von meinem Publikum. Ich lege es aber nicht darauf an, dass die Leute einen Hals bekommen, wenn sie mir zuhören. In erster Linie muss ich unterhalten, und wenn es dann hier und da mal knirscht, gehört das dazu.

TG: Ist deine Arbeit durch die aktuellen politischen Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland und anderen EU-Staaten schwieriger geworden? Oder besteht unter Umständen eine größere Gesprächsbereitschaft, weil viele sich derzeit mit dem Thema beschäftigen?

Çevikkollu: Ich versuche mit meiner Arbeit das Publikum dafür zu sensibilisieren, dass wir alle Täter und Opfer von Vorurteilen werden können. Die derzeitigen Spannungen treten durch die aktuellen Abhängigkeiten auf politischer Ebene deutlicher zutage, aber es gab sie schon immer. Ausgrenzungserfahrungen begleiten Einwanderer und deren Kinder in der Regel ein Leben lang. Zu einer gelungenen Integration gehört allerdings mehr als die Forderung nach Anpassung. Hier gab es große Versäumnisse, denn Deutschtürken und auch andere stoßen oft auf Ignoranz, viele Vorbehalte oder gar Ablehnung. Und gleichzeitig wird ihnen vorgeworfen, sie selbst verweigerten die Integration. Gegenseitige Schuldzuweisungen bringen uns jedoch einer Lösung nicht näher, sondern sie polarisieren und vertiefen die Gräben – zwischen der Türkei und Deutschland, aber auch innerdeutsch zwischen den Konfliktparteien. Die Stimmung ist sehr aufgeheizt, aber es gibt auch gute Ansätze, sich differenziert mit den Problemen auseinanderzusetzen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Der armenische Journalist Hrant Dink, der 2007 in Istanbul erschossen wurde, hat es eigentlich auf den Punkt gebracht: „Wir müssen lernen, den Schmerz des anderen zu respektieren.“

TG: Gibt es Tabuthemen für dich – oder sind gerade die besonders reizvoll?

Çevikkollu: Nein, es gibt keine Tabuthemen. Es gilt der Satz: Je größer das Tabu, desto stärker der Gag. Wenn es an dieser Stelle ein Ungleichgewicht gibt, ist es peinlich.

TG: Bist du mit der Entwicklung deiner Karriere zufrieden?

Çevikkollu: Ja, ich bin mit der Entwicklung zufrieden. Solange ich auf der Bühne stehen und die Sachen erzählen kann, die ich wichtig und witzig finde, bin ich sehr zufrieden. Klar, es müssen auch Zuschauer kommen, aber das tun sie ja, Gott sein Dank.

TG: Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Hast du einen bestimmten Traum, den du verwirklichen möchtest?

Çevikkollu: Meine Zukunftspläne sind: gesund zu bleiben und ich möchte gerne viel reisen.

TG: Hast du noch eine Botschaft für unsere Leser, dein Publikum, alle Völker, die ganze Welt?

Çevikkollu: Meine Botschaft an die Zuschauer? Kommt ins Programm, live ist es immer etwas anderes, lebendiger viel lebendiger, als hier etwa diesen Text zu lesen. Aber vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Wir sehen uns in der TUHH am 1. April, kein Scherz.

TG: Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview und wünschen dir und uns viel Spaß, gute Unterhaltung und gelungenen kulturellen Austausch!

Fatih Çevikkollu im Netz fatihland.de und auf Facebook

Fatih Çevikkollu tritt mit seinem aktuellen Programm ´Emfatih` am Sa., 1. April 2017 um 20h im Audimax 2 der TU Hamburg-Harburg, Denickestr. 22, 21073 Hamburg auf. Kartenreservierung empfohlen über E-Mail post(at)contrazt.de.

(Das Gespräch für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

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