Markk https://www.tiefgang.net Fri, 19 Sep 2025 11:49:09 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 China und die Moderne https://www.tiefgang.net/china-und-die-moderne/ Fri, 19 Sep 2025 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12504 [...]]]> Als China Anfang des letzten Jahrhunderts für die Moderne stand, war es nicht nur eine neue Weltoffenheit sondern auch klares Marketing. Eine Ausstellung im Museum am Rothenbaum gibt nun neue Einblicke. 

Was, wenn ein unscheinbares Werbeplakat mehr verrät als eine Geschichtsstunde? Wenn es nicht nur für ein Produkt wirbt, sondern den Aufbruch einer ganzen Epoche im Bild festhält? Das Museum am Rothenbaum (MARKK) lädt uns ein, in genau diese Momente einzutauchen: Eine Zeit, in der das Kaiserreich fiel und revolutionäre Drucktechnologien das Bild Chinas für immer veränderten. Die Ausstellung „Druckfrisch aus den Zwanzigern“ öffnet ein faszinierendes Fenster in eine Welt, die von glitzernden Werbebildern, politischer Propaganda und der Entstehung einer neuen Identität geprägt war.

Chinas neue Frau: Glamour und Emanzipation im Druck

Wir sehen sie auf dem Ausstellungsplakat: Zwei junge Frauen in eleganten Qipao-Kleidern, die sich lächelnd in einem ehemaligen kaiserlichen Park unterhalten. Sie sind das visuelle Symbol für den Wandel, der sich in den Metropolen wie Shanghai vollzog. Die „neue Frau“ betrat die Öffentlichkeit, sie trat in Bildung und Beruf ein und wurde zur Projektionsfläche politischer Debatten über Emanzipation und Nation. Aber dieses Bild hatte einen doppelten Boden. Ursprünglich war es ein Werbeplakat des deutschen Chemiekonzerns I.G. Farben, produziert von einem chinesischen Studio. Die Ausstellung entblättert diese komplexen Zusammenhänge und zeigt, wie Bilder, Mode und Konsumkultur die Gesellschaft prägten und wie sogar Theaterstars zu den Influencer*innen ihrer Zeit avancierten. Die Schau verdeutlicht, dass die moderne Druckkultur nicht nur eine Flut an Nachrichten, sondern auch eine neue Art von Massenmedien schuf, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation veränderte.

Konsum als patriotische Pflicht

Ausstellungsansicht „Druckfrisch aus den Zwanzigern. Einblicke in Chinas Moderne“

Ein besonders spannender Aspekt ist die Verknüpfung von Konsum und Patriotismus. Die „Nationale Produktbewegung“ rief die Bevölkerung auf, heimische Produkte zu kaufen, um eine starke Nation aufzubauen und den Import ausländischer Waren zu begrenzen. Diese Ausstellung macht sichtbar, wie die neu entstandene Werbeindustrie diese patriotische Botschaft geschickt verbreitete. Die Sammlung des MARKK, die den Großteil der Exponate stellt, ist dabei selbst ein historisches Zeugnis: Sie entstand in einer einzigartigen deutsch-chinesischen Forschungskooperation zwischen 1927 und 1932. Die Kuratorin Ricarda Brosch bezeichnet die Ausstellung als ein „faszinierendes Kapitel transkontinentaler Museumsgeschichte.“

Begleitprogramm und Praktisches:

Wer tiefer in die Materie eintauchen möchte, hat dazu bei verschiedenen Veranstaltungen die Möglichkeit. Das Begleitprogramm lädt ein, die Ausstellung zu erleben und mehr über die Hintergründe zu erfahren.

  • Werkstattgespräch: Am Donnerstag, den 25. September um 19 Uhr, findet ein Werkstattgespräch mit den Kurator*innen Ricarda Brosch und Bernd Spyra und dem Ausstellungsdesigner Weng Xinyu statt. Sie geben Einblicke in den Entstehungsprozess der Ausstellung und die besonderen Herausforderungen.
  • Stick-Workshop: Ein offener Workshop mit Anke Sievers am Donnerstag, 13. November um 18 Uhr, lädt dazu ein, mit Nadel und Faden Motive des MARKK auf Textilien zu verewigen.
  • Vortrag: Am Mittwoch, 10. Dezember um 18 Uhr, hält die Kunsthistorikerin Clarissa von Spee einen Vortrag über die Darstellung von Frauen in der chinesischen Malerei und Druckgrafik.

Führungen:

  • Kurator*innenführungen: Am Samstag, 20. September um 12 Uhr, Sonntag, 21. September um 14 Uhr, und Donnerstag, 23. Oktober um 18 Uhr.
  • Englische Führungen: „HOT OFF THE PRESS“ am Samstag, 20. September um 14 Uhr, und Samstag, 4. Oktober um 14 Uhr.
  • Elternzeit-Führung: Eine kulturelle Auszeit für Eltern und ihre Babys gibt es am Mittwoch, 1. Oktober von 10 bis 11 Uhr.

Ausstellung „Druckfrisch aus den Zwanzigern

Museum am Rothenbaum (MARKK), Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg; 19. September 2025 bis 12. Juli 2026

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr, Donnerstag: 10 bis 21 Uhr. Montags ist das Museum geschlossen. Eintritt: Regulär 9,50 €, ermäßigt 5,00 €

]]>
Blitzsymbol & Schlangentanz https://www.tiefgang.net/blitzsymbol-schlangentanz/ Fri, 04 Mar 2022 23:14:05 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8826 [...]]]> Aby Warburg ist in jüngster Vergangenheit zu großer Popularität gekommen. Und auch seine Frau und Künstlerin Mary ist derwekil im Gespräch. Nun nimmt sich auch das MARKK des Kunsthistorikers an.

Die Symbole des Blitzes und der Schlange, auf die er durch seine Auseinandersetzung mit der Pueblo-Kunst stieß, inspirierten Aby Warburgs Denken und führten zu seinen bahnbrechenden Ansätzen einer kulturübergreifenden Kunstgeschichte. Die gesamte Sammlung, die der Kunst- und Kulturwissenschaftler unter anderem zum Beleg seiner Studien anlegte, wird nun erstmals in einer Ausstellung gezeigt: Mit Blitzsymbol & Schlangentanz nimmt das Hamburger Museum am Rothenbaum (MARKK) Warburgs Reise 1895/96 durch den Südwesten der USA in den Fokus und seine Begegnung mit den dortigen Pueblo-Gesellschaften, die er 30 Jahre später in seinem berühmten Vortrag zum „Schlangenritual“ verarbeitete. Die symbolkräftigen Gegenstände, die er dort sammelte sind lange in Vergessenheit geraten. Sie umfassen kunstvolle Keramiken, zeremonielle Tanzausstattung bis hin zu beeindruckenden Katsina-Figuren. Die Ausstellung untersucht ihre kulturelle Bedeutung, wirft ein kritisches Licht auf ihre Erwerbsgeschichte und bezieht heutige künstlerische Positionen der Pueblo-Gesellschaften ein. Dabei geht es auch um die Frage nicht-zeigbarer Objekte und Bilder, und wie mit kulturell sensiblen Inhalten respektvoll umgegangen werden kann.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Die Bedeutung von Aby Warburg über den Horizont der Kunstgeschichte hinaus ist ungebrochen. Warburg wollte Zusammenhänge sehen und Neues entdecken. Und um diesen Esprit geht es auch hier. Warburg wird insofern weitergedacht. Die Ausstellung gibt uns zu Denken auf. Sie zeigt, dass wenngleich alles gezeigt werden kann, nicht auch alles gezeigt werden sollte. Gerade in unserem Zeitalter der Medien, in dem die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem zunehmend verschwindet, ist diese Botschaft wichtig. Die Ausstellung zeichnet diese Grenze und zeigt, dass es gelingen kann, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Sie lehrt uns, was lernen bedeutet.“

Katsina-Figur Si’osa’lako (Si’osa’lako tihu), Künstler unbekannt, Hopi, Arizona, um 1890-1895
Bemaltes Pappelholz, Federn, Erworben von Aby Warburg bei Thomas V. Keam
MARKK, Sammlung Aby Warburg (1902), Inv.-Nr. B 6150
© MARKK Foto: Paul Schimweg

Prof. Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK: „Warburgs kulturübergreifende Befassung mit Schlangen als Symbol, zu der ihn das Schlangenritual der Hopi anregte, ist bis heute wegweisend. Gerade für das MARKK, das wichtige Kunstbestände aus vielen Weltregionen beherbergt, und mit dem Aby Warburg eng verbunden war, ist die Verschränkung unterschiedlicher fachlicher und kultureller Perspektiven grundlegend. Warburgs besondere Sammlung von Kunst-, Zeremonial- und Alltagsgegenständen, die er auf seiner Reise im amerikanischen Südwesten anlegte ist lange in Vergessenheit geraten. Sie ist ein frühes Zeugnis von einem Kunstverständnis, das andere Wissenstraditionen anerkennt und respektiert, auch wenn aus heutiger Sicht manche Verhaltensweisen des Kunstwissenschaftlers vor Ort ethisch bedenklich sind. Beides greift unsere Ausstellung auf und rückt gerade die Pueblo-Kritik an einem oft übergriffigen europäischen Wissensdrang in den Fokus.“

 Warburg als Forscher und Tourist

Bereits vor Warburgs Reise waren die religiösen Tänze der Pueblo und insbesondere die als „Schlangentanz“ oder „Schlangenritual“ bekannt gewordene Zeremonie der Hopi zu einem touristischen Highlight für ein weißes Publikum geworden. Warburg hat die Zeremonie, bei der lebende Giftschlangen rituell geweiht werden, nie selbst gesehen. Dennoch diente sie ihm 1923 als Ausgangspunkt für einen wissenschaftlichen Vortrag, der die Schlange bezugnehmend auf Werke der europäischen Kunstgeschichte als universelles Symbol menschlicher Furchtbewältigung deutete. Warburgs innovativer Kulturvergleich, seine Überschreitung der Fachgrenzen und transkulturelle Herangehensweise sind bis heute wegweisend. Anderseits blieb Warburg den Evolutionstheorien des 19. Jahrhunderts und dem damit verbundenen Gedankengut von europäischer Überlegenheit verhaftet. Sein Verhalten als teilweise aufdringlicher Reisender und Wissenschaftler in den Pueblos, der kulturelle Sensibilitäten nicht berücksichtigte und soziopolitische Umbrüche, die während seines Besuchs innerhalb der Pueblo-Gemeinschaften stattfanden, kaum wahrnahm, machen ihn aus heutiger Sicht auch zu einer problematischen Figur.

Aufarbeitung der Sammlung

„Die umfängliche Präsentation und kritische Würdigung von Aby Warburgs Pueblo-Sammlung ist eine Premiere. Besonders wichtig für dieses Projekt war der Austausch mit Repräsentant:innen und Expert:innen aus den Pueblo-Gemeinschaften, die zum ersten Mal in die Rezeption von Warburgs amerikanischer Reise einbezogen wurden. Obwohl die Covid-Pandemie eine große Herausforderung für diese Zusammenarbeit darstellte, gelang uns dennoch ein Austausch, der wichtige Impulse für die Ausstellung und den Katalog gab.“, sagte Christine Chávez, Ausstellungskuratorin des MARKK. Im Laufe dieser Gespräche mit Stewart B. Koyiyumptewa (Direktor des Hopi Cultural Preservation Office), Joseph H. Suina (Oberster War Chief von Cochiti Pueblo), Joseph R. Aguilar (Stellv. Beauftragter des Tribal Historic Preservation Office von San Ildefonso Pueblo) und anderen wurden innerhalb der Sammlung des MARKK und unter den Leihgaben aus dem Warburg Institute religiös und kulturell sensible Gegenstände, Fotografien und Dokumente identifiziert. Die dazu ausgesprochenen Empfehlungen werden sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog berücksichtigt und führen dazu, dass einige Werke, Bilder und Inhalte, auch solche, die bereits mehrfach reproduziert wurden, nur als „visuelle Leerstellen“ gezeigt werden. Damit soll dem Anliegen vieler Pueblo und Native American Nations entsprochen werden, die Deutungshoheit über die eigene Kultur nach jahrhundertelanger kolonialer Erfahrung zurückzuerlangen. “Ich denke, die große Herausforderung für unsere Gemeinschaften und für Institutionen, die diese Sammlungen besitzen, besteht darin, diesem schwierigen Erbe gerecht zu werden. Wie können wir diese Materialien angemessen nutzen oder wie können wir mit den Nachkommen der Urheber in Kontakt treten? Wir müssen diese vergangenen Praktiken der Anthropologie, Archäologie und Kunstwissenschaft in einen Ausgleich bringen.“, so Joseph R. Aguilar. Hiermit verbundene Fragen von geistigem und kulturellem Eigentum werden in der Ausstellung unter Einbezug der betroffenen Gesellschaften thematisiert. Werke zeitgenössischer Künstler:innen zeugen von der Aktualität symbolischer Kunst aus den Pueblos und thematisieren stereotype Vorstellungen.

 Die Ausstellung

Die Ausstellung vereint alle noch erhaltenen Bestände der Warburg-Sammlung des MARKK, die neben Beispielen der Pueblo-Kunst auch einige Objekte der Diné (Navajo) und Apache umfasst. Nicht mehr vorhandene Objekte sind durch Zeichnungen oder Fotografien der historischen Inventarkarten repräsentiert, um einen Überblick der durch Kriegsverluste reduzierten Gesamtsammlung zu gewährleisten. Leihgaben aus dem Ethnologischen Museum in Berlin sowie Fotografien, Briefe, Handskizzen, Tagebucheinträge und Reisenotizen Warburgs aus dem Warburg Institute in London ergänzen den Museumsbestand. „Aby Warburgs »amerikanische« Sammlung ist eines der wenigen materiellen Zeugnisse, die in seiner Heimatstadt Hamburg heute noch vom wissenschaftlichen Wirken des jüdischen Kunst- und Kulturhistorikers zeugen. In ihr sind die Anfänge des jungen Warburg dokumentiert, der seine innovativen Forschungen zum Nachleben der Antike in der europäischen Kunst mit den Jahren immer mehr globalisierte und auch dadurch zeigen konnte, dass in den Bildern der Menschheit politische und psychologische Konflikte ausgetragen werden können. Auch deshalb wird Warburg heute weltweit als wichtiger intellektueller Anreger wahrgenommen.“, so Uwe Fleckner, Ausstellungskurator und Mitglied im Direktorium des Warburg-Hauses Hamburg.

Ethnologie & Kunstforschung

Die Ausstellung verweist auf ein vergessenes Zusammenspiel von Ethnologie und Kunstforschung in den Ursprüngen des Museums. Diese Transdisziplinarität, die das MARKK und manche anderen ethnografischen Museen in ihrer Geschichte prägte, spielt in der heutigen Museumsarbeit wieder eine zentrale Rolle. Sammlungsbestände werden nicht mehr eindimensional als kulturbeschreibend, sondern in ihrer Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit betrachtet. Die Ausstellung und der Katalog versammeln dementsprechend Perspektiven von Pueblo-Expert:innen und europäischen sowie US-amerikanischen Stimmen der Puebloforschung mit kunsthistorischem, wie auch sozialanthropologischem und archäologischem Fachhintergrund.

Laufzeit: 4. März 2022 bis 8. Januar 2023

MUSEUM AM ROTHENBAUM
Kulturen und Künste der Welt, Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg, markk-hamburg.de

Die Ausstellung und der Katalog wurden in enger und fachübergreifender Zusammenarbeit zwischen Christine Chávez, Kuratorin der Amerikas-Abteilung im MARKK, und Uwe Fleckner, Professor am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg und Mitglied im Direktorium des Warburg-Hauses, erarbeitet und kuratiert. Sie findet in Kooperation mit dem Warburg Institute London statt und mit finanzieller Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, der Warburg-Melchior-Olearius-Stiftung, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Hermann Reemtsma-Stiftung, des Generalkonsulats der Vereinigten Staaten von Amerika und der Freunde des Museums am Rothenbaum e.V.

]]>
Benin. Geraubte Geschichte https://www.tiefgang.net/benin-geraubte-geschichte/ Fri, 17 Dec 2021 23:26:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8649 [...]]]> In der Ausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“ würdigt das Museum am Rothenbaum (MARKK) seit dem 17. Dezember 2021 seine Benin-Sammlung bevor es ihre Rückgabe vorbereitet.

Damit macht es sie der Öffentlichkeit nochmal vollständig zugänglich. Die Präsentation lässt Besucher*innen an dem laufenden Prozess der Rückgabe der Artefakte nach Nigeria teilhaben und beleuchtet sowohl die Herkunftsgeschichte als auch die herausragende künstlerische Qualität der Werke und ihren Stellenwert in der afrikanischen Kunst- und Kulturgeschichte. Insbesondere wird die Verbindung der Sammlung mit den Hamburger Handelsnetzwerken nachvollzogen.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Die Benin-Bronzen in Hamburg erzählen nicht nur von kolonialer Unterwerfung, Raub und jahrzehntelanger Ignoranz. Sie verkörpern auch den Stolz einer ganzen Kultur. Daher wollen wir endlich unserer Verantwortung gerecht werden und mit dieser Ausstellung das klare Versprechen verbinden, dass sich alle in Hamburg befindenden Benin-Objekte restituiert werden. Unser Ziel ist es, dies vollständig und bedingungslos im Jahr 2022 abzuschließen. Ich wünsche mir, dass diese Ausstellung aber nicht nur die Rückgabe dieser einzigartigen Kunstschätze markiert, sondern zugleich ein neues Kapitel im kulturellen Austausch zwischen Europa und Afrika aufschlägt.“

Die gewaltsame koloniale Unterwerfung des Königreichs Benin (heute Edo State, Nigeria) durch britische Truppen im Februar 1897 markierte das Ende eines der mächtigsten westafrikanischen Königreiche. Eine der Folgen war die weltweite Distribution von 3.000 bis 5.000 Objekten, die aus dem königlichen Palast geraubt wurden. Rund 170 von ihnen befinden sich heute im MARKK. Die Kunstwerke aus Bronze, Elfenbein und Holz, die häufig unter dem Begriff „Benin-Bronzen“ zusammengefasst werden, sollen im kommenden Jahr zusammen mit Beständen anderer deutscher Museen nach Benin City restituiert werden. Die Rückgabe wird seit April dieses Jahres gemeinsam mit den nigerianischen Partner:innen und Vertreter:innen von Bund und Ländern vorbereitet. Parallel dazu schafft die von der Ernst von Siemens Kunststiftung geförderte digitale Wissensplattform Digital Benin des MARKK bis Ende 2022 einen weltweiten Überblick über die geraubten Kunstwerke.

Prof. Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK: „Es ist großartig, dass wir diese Ausstellung so kurzfristig umsetzen konnten, bevor die Werke dorthin zurückkehren wo sie hingehören. Schon lange war es mir ein Anliegen, die Benin-Sammlung des MARKK vollständig zu zeigen, was seit Beginn des 20. Jahrhunderts nie mehr geschehen ist. Ich finde sie persönlich wegen ihrer Vielfältigkeit und einiger historisch einzigartiger Objekte besonders faszinierend. Ich möchte, dass wir uns von diesen Werken verabschieden, indem wir ihre Qualität und Bedeutung für eine globale Kunstgeschichte noch einmal würdigen und gleichzeitig ihrer Provenienz als koloniales Raubgut gerecht werden. Durch unser Digital Benin Projekt und die Zusammenarbeit mit den nigerianischen Partner:innen fließen dazu unterschiedlichste Perspektiven ein.“

Ikonische Kunst

Die Benin-Bronzen gehören zu den Höhepunkten der afrikanischen Kunst. Zugleich stehen die Kunstwerke in europäischen Sammlungen für die koloniale Ausbeutung des afrikanischen Kontinents durch die Europäer. Benin City ist heute ein lebhaftes Kunstzentrum in Nigeria und viele zeitgenössische Künstler:innen befassen sich in ihren Werken mit dem Verlust ihres wichtigen kulturellen Erbes. Die (kunst-)historische und identitätsstiftende Bedeutung der Werke wird in der Ausstellung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Die Ausstellung soll die Notwendigkeit der Rückgabe nach Nigeria als Akt der Gerechtigkeit betonen und ein Bewusstsein dafür schaffen, wie bedeutend afrikanische Kunst für ein Verständnis der Menschheitsgeschichte ist. Sie ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der höfischen Kunst Benins und widerlegt zugleich die rassistische Vorstellung von der Höherwertigkeit und Einzigartigkeit der europäischen Kunst.

Osaisonor Godfrey Ekhator-Obogie, Mitglied des kuratorischen Teams: „Als Benin-Historiker bietet mir diese Ausstellung die Möglichkeit, die kaum gewürdigte Geschichte des Volkes von Benin zu erzählen. In dieser Ausstellung des MARKK ist daher auch ein Bewusstsein für die Kulturgeschichte Benins enthalten. Nichts ist spannender, als die Geschichte zu erzählen, die ein Objekt aus Benin enthält, erzählt, vermittelt und hinterlässt. Es ist die Geschichte des Volkes von Benin und nicht die der Könige und Reiche. Eine Geschichte, die herausragt und lebendig ist, wann immer sie erzählt wird, eine Geschichte, die uns in die Jahre und an die Schauplätze der Ereignisse zurückführt.“

Hamburg

Der Hamburger Hafen war ein zentrales Eingangstor für den Transfer von Benin-Werken nach Deutschland sowie ihren Weitervertrieb in Kontinentaleuropa. Nach der Plünderung durch die britischen Kolonialtruppen 1897 wirkten Agenten Hamburger Handelshäuser und deutsche Schiffsleute maßgeblich an der Distribution der Artefakte mit. Das Interesse Hamburger Museen an den zuvor unbekannten Werken wiederum schürte den Sammelwahn in Deutschland. Diese Verflechtungen werden in der Ausstellung erläutert und veranschaulicht.

Prof. Abba Isa Tijani, Generaldirektor der National Commission for Museums and Monuments: „Ich fühle mich sehr geehrt, an der Bedeutung dieses Tages teilzuhaben. Für uns markieren diese Ereignisse den Beginn der Rückkehr der Benin-Bronzen nach Nigeria. Die Bedeutung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Veranstaltung zur Vorbereitung der Rückgabe findet in Hamburg statt, der Stadt, von der aus sie ursprünglich nach Deutschland gelangten. Es ist lobenswert, dass Hamburg diese Altertümer auf so bedeutsame Weise ausstellt und sich gleichzeitig von ihnen verabschiedet.“

Die Ausstellung

Die Sammlung wird erstmals seit über 100 Jahren vollständig präsentiert, inklusive Fragmenten und Kleinobjekten sowie dreier bedeutender Werke, die in diesem Jahr aus dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in die Sammlung des MARKK überführt wurden. Darüber hinaus bringt sie historische Fotografien, zeitgenössische Werke und heutige Stimmen aus Benin-City zusammen. Die vollständige Präsentation der Sammlung möchte national und international für Transparenz sorgen, einen Einblick in den laufenden Restitutionsprozess geben und zusammen mit der im nächsten Jahr erscheinenden Begleitpublikation zur wissenschaftlichen Erschließung und abschließenden Würdigung der Bestände in Hamburg beitragen.

Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär Ernst von Siemens Kunststiftung: ‚„Benin. Geraubte Geschichte‘ eine Ausstellung und das Thema für zwei wichtige Förderprojekte der Ernst von Siemens Kunststiftung: Die Datenbank DIGITAL BENIN macht die weltweit verstreuten Kunstwerke des Königreichs Benin wieder in ihrer Gesamtheit sichtbar und zugänglich. Die aktuelle Ausstellung zeigt den herausragenden Hamburger Bestand der Kunst aus Benin. Beide Projekte dokumentieren die künstlerische Qualität der Werke, sichern deren zukünftige Zugänglichkeit und Bewahrung, begleiten den wissenschaftlichen Austausch mit Nigeria sowie die laufenden Restitutionsprozesse.“

 

]]>
Von Itter beim MARKK https://www.tiefgang.net/von-itter-beim-markk/ Fri, 14 Jun 2019 22:40:10 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5361 [...]]]> Marc von Itter war lange Verwaltungsdirektor der SHMH, ist ausgewiesener Museumsmanager und Ethnologe und wechselt nun ans Museum am Rothenbaum.

In der Mitteilung der Behörde für Kultur und Meiden heißt es:  

„Der Stiftungsrat der Stiftung Museum am Rothenbaum hat beschlossen, Marc von Itter die kaufmännische Geschäftsführung des Museums zu übertragen. Der Stiftungsrat folgt damit der Empfehlung einer Findungskommission unter dem Vorsitz von Senator Dr. Carsten Brosda. Marc von Itter war zuvor unter anderem Verwaltungsdirektor der Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) und kaufmännischer Geschäftsführer der Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Mit Marc von Itter kehrt ein erfahrener Geschäftsführer und Verwaltungsdirektor Hamburger Museen nach 16 Jahren an ein Haus zurück, an dem er seine ersten Erfahrungen im Museumsbereich gesammelt hat. Als Ethnologe und Betriebswirt verfügt er über eine seltene Fächerkombination, die es ihm ermöglichen wird, den von Barbara Plankensteiner überzeugend eingeleiteten Prozess der inhaltlichen Modernisierung des Museums am Rothenbaum auch mit Blick auf betriebswirtschaftliche und organisatorische Fragen zu gestalten.“

Prof. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum: „Ich freue mich sehr, dass mit Marc von Itter ein erfahrener Museumsmann, der sowohl über kaufmännische Kompetenzen als auch inhaltliche Fachkenntnis verfügt, für die kaufmännische Geschäftsführung des MARKK gewonnen werden konnte. Er bringt damit ein Verständnis für die sensiblen Fragen mit, die unsere Museumsarbeit heute prägen und wird das Haus bei den anstehenden großen Aufgaben im Rahmen unserer Neupositionierung optimal unterstützen.“

Marc von Itter, zukünftiger Kaufmännischer Geschäftsführer des Museums am Rothenbaum: „Die Neuausrichtung des Museums am Rothenbaum ist die größte Herausforderung für dieses altehrwürdige Haus seit Jahrzehnten. Und es ist die große Chance, sich als ethnologisches Museum für Hamburg neu zu erfinden. Ich brenne darauf, meine Qualifikation als Museumsmanager und Ethnologe in meiner Tätigkeit als kaufmännischer Geschäftsführer und Vorstand des MARKK verbinden zu können. Die Erfahrungen im Umgang mit großen Projekten, die ich in den letzten Jahren in der SHMH gemacht habe, werden mir dabei eine große Hilfe sein.“

Der 46-jährige Betriebswirt und Ethnologe ist als Verwaltungsdirektor der Stiftung Historische Museen Hamburg, zu der neben dem Museum für Hamburgische Geschichte das Altonaer Museum, das Museum der Arbeit und weitere Standorte wie das Hafenmuseum Hamburg, das Speicherstadtmuseum und das Jenisch Haus gehören, für die Leitung der Bereiche Controlling, Finanzen, Personalverwaltung, IT und Besucherservice verantwortlich. Für die SHMH standen in den vergangenen Jahren die Weiterentwicklung einer einheitlichen Verwaltungsstruktur sowie die Vorbereitung umfangreicher Bau- und Sanierungsprojekte im Mittelpunkt, an denen Marc von Itter maßgeblich mitgewirkt hat.

Bereits am Kiekeberg war von Itter neben der leitenden Betreuung der Bereiche Personal und Finanzen maßgeblich an der Fortentwicklung des Qualitäts- und Museumsmanagements beteiligt und konnte die wirtschaftliche Situation des Freilichtmuseums durch die Einwerbung von mehr als fünf Millionen Euro an Projektförderungen wesentlich verbessern. Vor seiner Position als Kaufmännischer Geschäftsführer bei der Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg war Marc von Itter bis 2012 Account Director bei der Gesellschaft für visuelle Kommunikation in Lüneburg und bis zum Jahr 2008 bereits am Kiekeberg als Leiter der Abteilung Wirtschaftsbetriebe für die strategische Entwicklung des Vermietungsgeschäfts und für die Organisation verschiedener Aktionstage verantwortlich.

Marc von Itter übernimmt die Position des Kaufmännischen Geschäftsführers des MARKK ab 1. Oktober.“

Quelle: www.hamburg.de/bkm

]]>
Kulturhistorisch ins Markk https://www.tiefgang.net/kulturhistorisch-ins-markk/ Fri, 14 Sep 2018 22:31:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4197 [...]]]> Die Geschichte des Hamburger Völkerkundemuseums fiel ihm mit einigen kolonialen Erbstücken letztlich selbst auf die Füße.Nun kommt ein neuer Name, neues Design und neue Leitung. Ist damit alles gut?

In den letzten Tagen stellten Kultursenator Dr. Carsten Brosda und Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums, das neue Design des ehemals Völkerkundemuseum Hamburg genannten und künftig „Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt“ lautenden Instituts vor. Ob der Wandel aber auch inhaltlich gelingt, wird die Zukunft erst zeigen.

 

In der Pressemitteilung heißt es:

„Mit der Umbenennung in Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt, kurz: MARKK, erhält das ehemalige Museum für Völkerkunde Hamburg auch ein neues Erscheinungsbild. Entwickelt wurde das Corporate Design von der Hamburger Designagentur ROCKET & WINK. Es beinhaltet die Neugestaltung des Logos, der Website sowie der Werbemittel und prägt künftig den öffentlichen Auftritt des Museums. Namensänderung und visuelle Identität sind Teile des Erneuerungsprozesses, den das Museum 2017 mit neuer Direktion  eingeleitet hat.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Das Museum am Rothenbaum erfindet sich neu. Die Umbenennung war bereits ein wichtiger, konsequenter Schritt in diesem grundlegenden Prozess der Neupositionierung, das neue Design ist jetzt ein weiterer. Er zeigt, dass. Barbara Plankensteiner und ihr Team die Neuausrichtung des Hauses mit Mut, Offenheit und Kreativität angehen. Das MARKK ist ein wichtiger kulturgeschichtlicher Ort für Hamburg und seine Stadtgesellschaft. Das Haus bringt gesellschaftlich relevante Themen in den Diskurs ein, die vor dem Hintergrund aktueller politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen an Bedeutung gewinnen. Wir brauchen offene Orte wie das MARKK, an denen sich Kulturen begegnen und über- und voneinander lernen können, aber an denen auch die eigene Vergangenheit reflektiert wird.“

Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK: „Die neue visuelle Identität verschafft uns einen starken Auftritt und transportiert ausgezeichnet den frischen Wind, den wir ins Haus bringen wollen. Sie ist jung und klassisch zugleich, betont unsere Stärken, die wertvollen und interessanten Sammlungen und unser großartiges historisches Gebäude im Zentrum der Stadt. Sie zeichnet sich durch einen hohen Wiedererkennungswert und Eigenständigkeit aus und wir hoffen, sie macht viele Menschen neugierig auf uns. Wir freuen uns über ein neues Corporate Design, das den Charakter unserer Arbeit trifft und viel Spielraum für Neues und Veränderung lässt.“

Gerald Rocketson, ROCKET & WINK: „Bei unserem Design ist es wie beim neuen Namen: Entweder man markks, oder man markks nicht.“

Seit seiner Gründung als Culturhistorisches Museum 1871 ist das Museum ein wichtiger Teil dieser Stadt. Das MARKK fördert die Wertschätzung der Vielfalt der Kulturen und Künste der Welt. Ausgangspunkt sind seine globalen Kunst- und Kulturbestände, deren Bedeutung für die Freie und Hansestadt Hamburg und Stellenwert in den jeweiligen Herkunftsgesellschaften im Kontext aktueller Fragestellungen erschlossen werden. Das Museum wird sich hierfür stärker mit seiner eigenen Vergangenheit und kolonialen Verflechtungen befassen, sich an internationalen Netzwerken und Forschungsprojekten beteiligen und sein Programm an die heutige plurale Stadtgesellschaft adressieren.

Das MARKK zeigt sich MARKKant

Die Objekte der Sammlung sind zentraler Baustein des neuen Designs. Aus einer prägnanten Schrift, einem raumgreifenden Auftritt der Objekte auf schlichtem Grund und einer auffallenden Farbwelt setzt sich eine unverwechselbare Bildsprache zusammen. Farbliche Markierungen heben die Botschaften des Absenders leuchtend hervor und erlauben eine leichte Rezeption. Der klassische und gleichzeitig schwungvolle Logo-Schriftzug greift die Linienform des Textmarkers auf. Mithilfe dieser Wortmarke wird der neue Name des Hauses in der breiten Öffentlichkeit etabliert. Zu sehen ist die neue visuelle Identität ab sofort auf der neuen Website www.markk-hamburg.de und den aktuellen Druck- und Werbemitteln.

Geht ins MARKK

Das Museum verbindet die Eröffnung der Ausstellung „Erste Dinge – Rückblick für Ausblick“ mit dem Launch seiner neuen visuellen Identität. Die Ausstellung wirft im Zuge der Entwicklung neuer Perspektiven einen Blick zurück zu den Anfängen des Museums und zeigt eine Auswahl jener Dinge, die 1867 zum ersten Mal in einem Verzeichnis der ethnographischen Sammlung erfasst wurden und das materielle Fundament für die Gründung des Museums gebildet haben. Erstmalig werden Objekte aus der Frühgeschichte des Museums gezeigt und damit ein wichtiges, aber noch weithin unbekanntes Kapitel der Hamburger Stadtgeschichte beleuchtet. Die zunehmende Bedeutung Hamburgs im kolonialen Welthandel spielte bei den Anfängen des ethnographischen Sammelns eine wichtige Rolle. Die Ausstellung spürt den Sammlungsgegenständen und ihren Geschichten nach. Sie hinterfragt damalige Weltbilder und museale Praktiken und setzt sich kritisch mit diesem Erbe auseinander. Die Ausstellung ist ab dem 12. September 2018 zu sehen.“

Quelle: www.hamburg.de/bkm

 

]]>