Nedue Ausstellung am Rothenbaum-Museum widmet sich der Pueblo-Kunst

Blitzsymbol & Schlangentanz

Aby Warburg ist in jüngster Vergangenheit zu großer Popularität gekommen. Und auch seine Frau und Künstlerin Mary ist derwekil im Gespräch. Nun nimmt sich auch das MARKK des Kunsthistorikers an.

Die Symbole des Blitzes und der Schlange, auf die er durch seine Auseinandersetzung mit der Pueblo-Kunst stieß, inspirierten Aby Warburgs Denken und führten zu seinen bahnbrechenden Ansätzen einer kulturübergreifenden Kunstgeschichte. Die gesamte Sammlung, die der Kunst- und Kulturwissenschaftler unter anderem zum Beleg seiner Studien anlegte, wird nun erstmals in einer Ausstellung gezeigt: Mit Blitzsymbol & Schlangentanz nimmt das Hamburger Museum am Rothenbaum (MARKK) Warburgs Reise 1895/96 durch den Südwesten der USA in den Fokus und seine Begegnung mit den dortigen Pueblo-Gesellschaften, die er 30 Jahre später in seinem berühmten Vortrag zum „Schlangenritual“ verarbeitete. Die symbolkräftigen Gegenstände, die er dort sammelte sind lange in Vergessenheit geraten. Sie umfassen kunstvolle Keramiken, zeremonielle Tanzausstattung bis hin zu beeindruckenden Katsina-Figuren. Die Ausstellung untersucht ihre kulturelle Bedeutung, wirft ein kritisches Licht auf ihre Erwerbsgeschichte und bezieht heutige künstlerische Positionen der Pueblo-Gesellschaften ein. Dabei geht es auch um die Frage nicht-zeigbarer Objekte und Bilder, und wie mit kulturell sensiblen Inhalten respektvoll umgegangen werden kann.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Die Bedeutung von Aby Warburg über den Horizont der Kunstgeschichte hinaus ist ungebrochen. Warburg wollte Zusammenhänge sehen und Neues entdecken. Und um diesen Esprit geht es auch hier. Warburg wird insofern weitergedacht. Die Ausstellung gibt uns zu Denken auf. Sie zeigt, dass wenngleich alles gezeigt werden kann, nicht auch alles gezeigt werden sollte. Gerade in unserem Zeitalter der Medien, in dem die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem zunehmend verschwindet, ist diese Botschaft wichtig. Die Ausstellung zeichnet diese Grenze und zeigt, dass es gelingen kann, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Sie lehrt uns, was lernen bedeutet.“

Katsina-Figur Si’osa’lako (Si’osa’lako tihu), Künstler unbekannt, Hopi, Arizona, um 1890-1895
Bemaltes Pappelholz, Federn, Erworben von Aby Warburg bei Thomas V. Keam
MARKK, Sammlung Aby Warburg (1902), Inv.-Nr. B 6150
© MARKK Foto: Paul Schimweg

Prof. Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK: „Warburgs kulturübergreifende Befassung mit Schlangen als Symbol, zu der ihn das Schlangenritual der Hopi anregte, ist bis heute wegweisend. Gerade für das MARKK, das wichtige Kunstbestände aus vielen Weltregionen beherbergt, und mit dem Aby Warburg eng verbunden war, ist die Verschränkung unterschiedlicher fachlicher und kultureller Perspektiven grundlegend. Warburgs besondere Sammlung von Kunst-, Zeremonial- und Alltagsgegenständen, die er auf seiner Reise im amerikanischen Südwesten anlegte ist lange in Vergessenheit geraten. Sie ist ein frühes Zeugnis von einem Kunstverständnis, das andere Wissenstraditionen anerkennt und respektiert, auch wenn aus heutiger Sicht manche Verhaltensweisen des Kunstwissenschaftlers vor Ort ethisch bedenklich sind. Beides greift unsere Ausstellung auf und rückt gerade die Pueblo-Kritik an einem oft übergriffigen europäischen Wissensdrang in den Fokus.“

 Warburg als Forscher und Tourist

Bereits vor Warburgs Reise waren die religiösen Tänze der Pueblo und insbesondere die als „Schlangentanz“ oder „Schlangenritual“ bekannt gewordene Zeremonie der Hopi zu einem touristischen Highlight für ein weißes Publikum geworden. Warburg hat die Zeremonie, bei der lebende Giftschlangen rituell geweiht werden, nie selbst gesehen. Dennoch diente sie ihm 1923 als Ausgangspunkt für einen wissenschaftlichen Vortrag, der die Schlange bezugnehmend auf Werke der europäischen Kunstgeschichte als universelles Symbol menschlicher Furchtbewältigung deutete. Warburgs innovativer Kulturvergleich, seine Überschreitung der Fachgrenzen und transkulturelle Herangehensweise sind bis heute wegweisend. Anderseits blieb Warburg den Evolutionstheorien des 19. Jahrhunderts und dem damit verbundenen Gedankengut von europäischer Überlegenheit verhaftet. Sein Verhalten als teilweise aufdringlicher Reisender und Wissenschaftler in den Pueblos, der kulturelle Sensibilitäten nicht berücksichtigte und soziopolitische Umbrüche, die während seines Besuchs innerhalb der Pueblo-Gemeinschaften stattfanden, kaum wahrnahm, machen ihn aus heutiger Sicht auch zu einer problematischen Figur.

Aufarbeitung der Sammlung

„Die umfängliche Präsentation und kritische Würdigung von Aby Warburgs Pueblo-Sammlung ist eine Premiere. Besonders wichtig für dieses Projekt war der Austausch mit Repräsentant:innen und Expert:innen aus den Pueblo-Gemeinschaften, die zum ersten Mal in die Rezeption von Warburgs amerikanischer Reise einbezogen wurden. Obwohl die Covid-Pandemie eine große Herausforderung für diese Zusammenarbeit darstellte, gelang uns dennoch ein Austausch, der wichtige Impulse für die Ausstellung und den Katalog gab.“, sagte Christine Chávez, Ausstellungskuratorin des MARKK. Im Laufe dieser Gespräche mit Stewart B. Koyiyumptewa (Direktor des Hopi Cultural Preservation Office), Joseph H. Suina (Oberster War Chief von Cochiti Pueblo), Joseph R. Aguilar (Stellv. Beauftragter des Tribal Historic Preservation Office von San Ildefonso Pueblo) und anderen wurden innerhalb der Sammlung des MARKK und unter den Leihgaben aus dem Warburg Institute religiös und kulturell sensible Gegenstände, Fotografien und Dokumente identifiziert. Die dazu ausgesprochenen Empfehlungen werden sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog berücksichtigt und führen dazu, dass einige Werke, Bilder und Inhalte, auch solche, die bereits mehrfach reproduziert wurden, nur als „visuelle Leerstellen“ gezeigt werden. Damit soll dem Anliegen vieler Pueblo und Native American Nations entsprochen werden, die Deutungshoheit über die eigene Kultur nach jahrhundertelanger kolonialer Erfahrung zurückzuerlangen. “Ich denke, die große Herausforderung für unsere Gemeinschaften und für Institutionen, die diese Sammlungen besitzen, besteht darin, diesem schwierigen Erbe gerecht zu werden. Wie können wir diese Materialien angemessen nutzen oder wie können wir mit den Nachkommen der Urheber in Kontakt treten? Wir müssen diese vergangenen Praktiken der Anthropologie, Archäologie und Kunstwissenschaft in einen Ausgleich bringen.“, so Joseph R. Aguilar. Hiermit verbundene Fragen von geistigem und kulturellem Eigentum werden in der Ausstellung unter Einbezug der betroffenen Gesellschaften thematisiert. Werke zeitgenössischer Künstler:innen zeugen von der Aktualität symbolischer Kunst aus den Pueblos und thematisieren stereotype Vorstellungen.

 Die Ausstellung

Die Ausstellung vereint alle noch erhaltenen Bestände der Warburg-Sammlung des MARKK, die neben Beispielen der Pueblo-Kunst auch einige Objekte der Diné (Navajo) und Apache umfasst. Nicht mehr vorhandene Objekte sind durch Zeichnungen oder Fotografien der historischen Inventarkarten repräsentiert, um einen Überblick der durch Kriegsverluste reduzierten Gesamtsammlung zu gewährleisten. Leihgaben aus dem Ethnologischen Museum in Berlin sowie Fotografien, Briefe, Handskizzen, Tagebucheinträge und Reisenotizen Warburgs aus dem Warburg Institute in London ergänzen den Museumsbestand. „Aby Warburgs »amerikanische« Sammlung ist eines der wenigen materiellen Zeugnisse, die in seiner Heimatstadt Hamburg heute noch vom wissenschaftlichen Wirken des jüdischen Kunst- und Kulturhistorikers zeugen. In ihr sind die Anfänge des jungen Warburg dokumentiert, der seine innovativen Forschungen zum Nachleben der Antike in der europäischen Kunst mit den Jahren immer mehr globalisierte und auch dadurch zeigen konnte, dass in den Bildern der Menschheit politische und psychologische Konflikte ausgetragen werden können. Auch deshalb wird Warburg heute weltweit als wichtiger intellektueller Anreger wahrgenommen.“, so Uwe Fleckner, Ausstellungskurator und Mitglied im Direktorium des Warburg-Hauses Hamburg.

Ethnologie & Kunstforschung

Die Ausstellung verweist auf ein vergessenes Zusammenspiel von Ethnologie und Kunstforschung in den Ursprüngen des Museums. Diese Transdisziplinarität, die das MARKK und manche anderen ethnografischen Museen in ihrer Geschichte prägte, spielt in der heutigen Museumsarbeit wieder eine zentrale Rolle. Sammlungsbestände werden nicht mehr eindimensional als kulturbeschreibend, sondern in ihrer Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit betrachtet. Die Ausstellung und der Katalog versammeln dementsprechend Perspektiven von Pueblo-Expert:innen und europäischen sowie US-amerikanischen Stimmen der Puebloforschung mit kunsthistorischem, wie auch sozialanthropologischem und archäologischem Fachhintergrund.

Laufzeit: 4. März 2022 bis 8. Januar 2023

MUSEUM AM ROTHENBAUM
Kulturen und Künste der Welt, Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg, markk-hamburg.de

Die Ausstellung und der Katalog wurden in enger und fachübergreifender Zusammenarbeit zwischen Christine Chávez, Kuratorin der Amerikas-Abteilung im MARKK, und Uwe Fleckner, Professor am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg und Mitglied im Direktorium des Warburg-Hauses, erarbeitet und kuratiert. Sie findet in Kooperation mit dem Warburg Institute London statt und mit finanzieller Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, der Warburg-Melchior-Olearius-Stiftung, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Hermann Reemtsma-Stiftung, des Generalkonsulats der Vereinigten Staaten von Amerika und der Freunde des Museums am Rothenbaum e.V.

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