Reeseberg https://www.tiefgang.net Tue, 05 Sep 2017 16:17:28 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Die Erkenntnis der Freiheit https://www.tiefgang.net/die-erkenntnis-der-freiheit/ Fri, 01 Sep 2017 22:39:03 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1930 [...]]]> Sie lebt und arbeitet in Harburg, stellt dort auch gerade aus und nimmt am Harburger Kulturtag 2017 teil: Alexandra Seils. Grund genug, sich mal mit ihr zu treffen …

An einem verregneten Samstagvormittag im August bin ich mit der Malerin Alexandra Seils in der Technischen Universität Harburg verabredet. Im Treppenhaus ist eine Ausstellung ihrer großformatigen Bilder, die ganz im Gegensatz zum grauen Himmel draußen durch ihre intensive Farbgestaltung  ansprechen.

„Die Klarheit der Farben steht für meine persönliche Klarheit“, sagt Alexandra Seils, deren Themen Blumen und Landschaften sind. Aber es wäre sicher nicht richtig, sie als Landschafts- und Blumenmalerin zu bezeichnen, denn sie versteht es, Farbkompositionen voller Energie und Emotion zu schaffen, die über ein schlichtes Abbilden weit hinausgehen.

„Die Natur ist für mich das, was immer da ist und bleibt“, sagt die Künstlerin, „und ihr gegenüber empfinde ich eine besonders ausgeprägte Achtung.“

Fabenpracht von Alexandra Seils

Am Anfang ihrer Arbeiten steht oft nur die Idee eines Farbtones, keineswegs hat Alexandra Seils schon ein fertiges Bild im Kopf. Es kann durchaus sein, dass sie parallel an 5 bis 10 Bildern malt.

So bekommt sie immer wieder einen „guten Abstand“ zu den werdenden Werken. So kann sie leichter an den Bildern weiter arbeiten, oder das Begonnene verändern. Das kann in kleinen Details geschehen, kann aber auch die Komposition grundsätzlich verändern. Für Alexandra Seils ist es wichtig, zuzulassen, wenn sie etwas ganz anders machen möchte und damit etwas loszulassen, was sie nicht weiter machen möchte. Das traut man sich jedoch eher, wenn man die Werke mit Abstand betrachtet und nicht mehr „frisch verliebt“ in kleine Details ist.

Einmal hatte sie eine große Zahl von Bildern und Zeichnungen, die ihr nicht mehr zusagten,  zerrissen. Die Schnipsel aufeinandergelegt, ergaben neue, überraschend anregende Werke. Ein  Bekannter nannte diese Werke Shiva-Art. Shiva ist die Hindugottheit der Zerstörung, in der aber auch Schöpfung und Neubeginn begründet sind.

Das Kindliche Malvergnügen

Alexandra Seils gibt verschiedene Malkurse, wobei ich das „Action Painting“ für Erwachsene erwähnen möchte. Dabei handelt es sich um eine spontane und dynamische Malweise, bei der die Malenden nicht planen, sondern zunächst mit irgendetwas beginnen. Aus ein paar zufälligen Pinselstrichen, einer willkürlich gewählten Farbe, Tropfen und Klecksen kann dann bewusst Struktur und Komposition entwickelt werden. Gefühl und Verstand können so zueinander finden, der Sinn für etwas ästhetisch Stimmiges kann sich entwickeln.

Alexandra Seils betont, dass Erwachsene auf diesem Weg ihr kindliches Malvergnügen wieder finden können. Können. Denn sie hat immer wieder erlebt, wie schwer sich Erwachsene, gerade in Berufen mit hoher Verantwortung und Leitungsfunktion tun, etwas gänzlich frei und spontan zu Papier zu bringen. Die Frage: Habe ich das richtig gemacht? Oder: Wie finden das die anderen? steht sofort im Raum.

Doch gerade von dieser selbstkritischen und selbstzweiflerischen Haltung möchte Alexandra Seils die Kursteilnehmer sich freimalen lassen.

Malen aus innerem Antrieb

Natürlich ist Alexandra Seils der künstlerische Erfolg nicht gleichgültig, aber Konzessionen an eine Geschmacksrichtung will sie nicht machen. Oft ist sie gefragt worden, ob sie von ihrer Kunst leben könne. Sie fragt dann zurück, was das Leben lebenswert mache.

Materielle Sicherheit steht für die meisten Menschen im Vordergrund, auf der Basis eines gewissen Standards allerdings. Das ist freilich oft mit Konzessionen an die persönliche Freiheit, an die Freude an der Arbeit und die Ausgeglichenheit verbunden. Ein künstlerisches Leben hängt eben auch mit der Erkenntnis zusammen, wovon ich mich frei machen kann, um frei zu sein. Seils: „Ich male aus einem inneren Antrieb heraus“, sagt sie. „Ich habe nie etwas unterdrückt, was ich künstlerisch umsetzen wollte. Man soll sich nicht dem verweigern, was man glaubt, tun zu müssen.“

Wirkung und Wahrnehmung

Obwohl sich Alexandra Seils eher als unpolitisch betrachtet, lohnt es sich meines Erachtens ihre Bilder, die in der Zeit des großen Flüchtlingsstroms 2015 entstanden sind, auch unter dem Gesichtspunkt dieses Ereignisses zu betrachten.

Alexandra Seils: Hoffnung (Foto: Christoph Rommel)

Gerade hier wird deutlich, was einem Landschaftsbild an Bedeutungen innewohnen kann, was die Form ebenso wie die Farbenwahl betrifft.

Bei unserem Rundgang spreche ich auch immer wieder darüber, welche Wirkung die Bilder auf mich haben und welche Deutung ich ihnen gebe. Die Malerin sagt, dass ihr Bild ein Geschenk an den Betrachter sei, in dem Sinne, dass er frei sei, ihm eine persönliche Deutung zu geben. Entsprechend der Freiheit des Künstlers gibt es die Freiheit des Betrachters. Für den Künstler ist es eine Bereicherung, wenn der Betrachter etwas Anderes, Neues in dem Bild sieht. Gerade die Akzeptanz in einem nichtkünstlerischen Umfeld stellt eine große Motivation für das Malen dar. Aus diesem Grunde sollten die Bilder ursprünglich einmal keine Titel haben, um die Wahrnehmung nicht zu sehr zu steuern. Betrachter verlangten aber oft nach einem Titel.

Inzwischen versteht Alexandra Seils die – immer offenen – Titel als eine Anregung zur Auseinandersetzung mit den Werken. Für einige der in der TU ausgestellten Bilder wählte sie Verszeilen aus Gedichten der Romantik, deren Bedeutung sich der Betrachter sich erst wird erschließen müssen, bevor er sie mit dem Bild in Verbindung setzen kann.

Eine bemerkenswerte Idee und bemerkenswerte Bilder, die man sich unbedingt ansehen sollte.

 

Termine:

  • Noch bis zum 29. Sept. 2017 ist eine umfangreiche Werkschau von Alexandra Seils (zusammen mit Raimund Pallusseck) an der Technischen Universität Hamburg, Am Schwarzenberg-Campus 1, Hauptgebäude (A), 21073 Hamburg, zu sehen.
  • Finissage am 29. September 2017 um 19 Uhr.
  • Harburger Kulturtag am Sa., 4. November 2017 von 12-20 Uhr, Atelier Seils, Reeseberg 3, 21073 Hamburg, zusammen mit Ute Lübbe (siehe auch Tiefgang vom 6. Aug. 2017)

Weiterführende Links: www.uteluebbe.de, www.AlexandraSeils.de

(für TIEFGANG unterwegs war: Christoph Rommel)

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Seinen Widerstand brach nur er selbst https://www.tiefgang.net/seinen-widerstand-brach-nur-er-selbst/ Sat, 22 Jul 2017 06:03:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1398 [...]]]> 10 Jahre Schutz- und Untersuchungshaft, Verhöre und Repressalien. Irgendwann reichte wohl die Kraft nicht mehr.

Berthold Bormann wurde am 25. Nov. 1904 in Straßfurt geboren und trat 1931 der KPD bei, 1932 wurde er Hauptkassierer der Partei in Harburg. Er war wegen Landfriedensbruchs und Widerstandes gegen die Staatsgewalt vorbestraft. Seit 1932 wohnte er am Reeseberg 90.

Die Adresse davor lautete Friedrich-List-Straße 18. Laut Adressbuch von 1942 lebte er später noch in der Bonusstraße 24a. Vermutlich war seine Wohnung am Reeseberg ausgebombt. Verheiratet war er mit Anna Reuter, geb. am 02. Jun. 1905 in Harburg.

Hintergrund:
Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, bereitete sich alsbald die KPD auf die Illegalität vor. Aus den Wohnzellen wurden Dreier- und Fünfergruppen gebildet. Am 27. Februar brannte in Berlin der Reichstag. Als Brandstifter wurde Marinus van der Lubbe festgenommen. Ob er Hintermänner hatte, wird wohl nie mehr festgestellt werden können. Die Reichsregierung belastete die Kommunisten mit dem Brandanschlag. Am 28. Februar wurden mit der Verordnung des Reichspräsidenten zum „Schutz von Volk und Staat“ die meisten Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt. Massenverhaftungen gegen Kommu­nisten und auch Sozialdemokraten setzten ein. Selbst Abgeordnete blieben ungeachtet ihrer Immunität nicht verschont. Die sozialdemokratische und kommunistische Presse wurde verboten, die KPD faktisch zerschlagen, jedoch anders als die SPD nie offiziell verboten.

Kontakte im ganzen Süderelbe-Raum

Berthold Bormann beteiligte sich von Anfang an am kommunistischen Widerstand. Zum KPD-Unterbezirk Harburg-Wilhelmsburg gehörten damals auch Teile Nordniedersachsens von Buxtehude über Lüneburg und Uelzen bis Bleckede und Neuhaus. Bormann knüpfte Kontakte zur illegalen Organisation in Winsen, Lüneburg und dem rechtselbischen Neuhaus, brachte Zeitungen (die in Harburg hergestellte „Norddeutsche Zeitung“) und Schriften dorthin und nahm Geld für die Partei und die „Rote Hilfe“ in Empfang.

Auch per Post wurden Materialien über Deckadressen an bei der Polizei unbekannte Kommunisten verschickt, die diese dann weiterzugeben hatten. Für schriftliche Mitteilungen entwickelte Bormann einen eigenen Code, den er seinen Kontaktleuten in Winsen und Lüneburg erläuterte.

Gefängnis an der Buxtehuder Straße

Am 24. Juli 1933 wurde er festgenommen, vom 1. August bis 19. September befand er sich in „Schutzhaft“ im Gefängnis an der Buxtehuder Straße. Am 18. Oktober kam er nach einer erneuten Verhaftung ins gleiche Gefängnis, am 22. Januar 1934 ins Gerichtsgefängnis Lüneburg. Im so genannten Lüneburger Hochverratsprozess beim Kammergericht Berlin wurde er am 24. Januar 1934 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Am 24. Februar 1936 wurde er aus dem Emslandlager Börgermoor mit 28,80 RM „Arbeitslohn“ entlassen. Börgermoor war damals offiziell kein KZ mehr, sondern als Strafgefangenenlager der Justizverwaltung unterstellt. An der Behandlung der Gefangenen hatte sich aber dadurch nichts geändert.

Widerstand bei der Phoenix

Trotz seiner Erlebnisse in der Haft und im Lager beteiligte sich Berthold Bormann erneut am Widerstand. Während des Kriegs gehörte er zur Organisation um Bästlein, Jacob und Abshagen (siehe unter Karl Kock).

Sie hatte Zellen in mehreren Hamburger Betrieben gebildet, auch auf den Werften. Bormann war der Verbindungsmann der Leitung der Widerstandsgruppe (über Oskar Reincke) zu den Harburger Betriebszellen. Anfang Mai 1942 nahm er Kontakt zu Karl Kock mit dem Ziel auf, auf der Phoenix, wo dieser arbeitete, eine Zelle der Widerstandsgruppe aufzubauen. Er half zusammen mit der Leitung der Widerstandsgruppe mit, den mit dem Fallschirm über Ostpreußen abgesprungenen und von der Gestapo gesuchten Wilhelm Fellendorf zu verstecken und außer Landes zu bringen (siehe unter Herbert Bittcher).

In der Verhaftungswelle ab 15. Oktober 1942 wurden Fellendorf und viele Mitstreiter der Bästlein-Organisation aufgespürt und festgenommen, darunter auch Berthold Bormann. Karl Kock konnte sich der Verhaftung zunächst entziehen und tauchte bei verschiedenen Freun­den und Verwandten unter.

Berthold Bormann war in „Schutzhaft“ im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel vom 21. Oktober 1942 bis zum 14. März 1943. Er wurde von der Gestapo auf freien Fuß gesetzt mit der Auflage, Karl Kock ausfindig zu machen. Er ging wohl zum Schein darauf ein, besuchte Karl Kocks Ehefrau Elfriede in Wilstorf (Am Mühlenfeld 107) und zeigte ihr seine von der Folter zerquetschten Finger. Er verriet aber nichts, vermutlich kannte nicht einmal Elfriede Kock das Versteck ihres Mannes. Am 25. März 1943 kam er in Untersuchungshaft am Holstenglacis, wurde aber schon einen Tag später wieder entlassen, weil man ihm nichts nachweisen konnte und seine Mitstreiter den unmittelbaren Kontakt Bormanns zur Leitung der Widerstandsorganisation nicht preisgegeben hatten. Am 22. November 1943 erhielt er erneut eine Vorladung zur Gestapo. Am Tag darauf erhängte er sich in seiner Wohnung.

© Hans-Joachim Meyer

(Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

stolpersteine-hamburg.de

Quellen: Hochmuth/Meyer, Streiflichter; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Stumme Zeugen; Geschichtswerkstatt Lüneburg (Hrsg.): Heimat, S. 194ff.; StaH, 242-1-II, Gefängnisverwaltung II, Abl. 1998/1; StaH, 331-1-II, Polizeibehörde II; StaH, 332-8 Meldewesen, A46; StaH, 430-64 Amtsgericht Harburg II B 25; StaH,, Adressbücher Harburg-Wilhelmsburg und Hamburg; Mitteilung Männergefängnis Hamburg-Harburg vom 21.4.1949; Prozessakten Berthold Bormann und Karl Kock, Privatbesitz; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN.

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