Dank einer Schenkung der Fielmann Group AG ziehen jetzt ein Ölgemälde und drei Lithografien der Leipziger Künstlerin Yvette Kießling in die Sammlung der Museen Stade ein und schlagen eine Brücke von der Romantik direkt in die Gegenwart.
Das Moor ist in der norddeutschen Kunstgeschichte weit mehr als eine bloße Landschaft; es ist ein Mythos, eine Projektionsfläche und ein Ort der radikalen Subjektivität. Die Museen Stade, die bereits eine beeindruckende Sammlung an Worpsweder Klassikern beherbergen, dürfen sich nun über einen frischen, beinahe elektrisierenden Zuwachs freuen.
Wer an Moormalerei denkt, hat oft die schwermütigen, erdigen Töne der ersten Worpsweder Generation im Kopf – Namen wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn oder Heinrich Vogeler, die das Moor als Heimat und Rückzugsort inszenierten. Yvette Kießling bricht mit dieser stillen Andacht, ohne den Respekt vor der Natur zu verlieren. Ihre Arbeiten, die während eines Stipendiums im Hohen Moor bei Stade entstanden, atmen die Unmittelbarkeit des Augenblicks.
Kießling arbeitet en plein air, setzt sich also direkt dem Wind, dem wechselnden Licht und der physischen Herausforderung der Landschaft aus. Das Ergebnis ist keine topografische Bestandsaufnahme, sondern eine energetische Entsprechung erlebter Spannungen und Rhythmen. Ihre Bilder wie Königsmoor, Birken vibrieren vor Dynamik; sie sind das Resultat eines Prozesses aus Auftragen, Übermalen und mutigen, teils unerwarteten Farbsetzungen. Hier wird das Moor nicht konserviert, sondern als ein pulsierender, ökologisch kostbarer Raum neu erlebbar gemacht.
Yvette Kießling ist im Süden Hamburgs keine Unbekannte. 2017 verweilte sie in Harburg als Stipendiatin des Vereins „Künstler zu Gast in Harburg“ (siehe Tiefgang „Flüsse sind identitätsbestimmend“ [1]) und 2025 stellte sie in Stade nach einer Forschungsreise zum Thema Dekolonialisierung nach Tansania aus (siehe Tiefgang „Deutsche und tansanische Perspektiven auf eine koloniale Sammlung“ [2])
Die Schenkung durch die Fielmann-Museumsförderung ist dabei mehr als ein reiner Sammlungszuwachs. Wie Dr. Constanze Köster betont, verbindet dieses Engagement die Förderung norddeutscher Kultur direkt mit dem Bewusstsein für den Umweltschutz. Für den Museumsdirektor Dr. Sebastian Möllers ist dieser Neuzugang eine konsequente Fortführung der bisherigen Arbeit: Der Wandel des Moor-Sujets wird nun vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in unsere hochaktuelle, klimasensible Gegenwart anschaulich.
Dieser Neuzugang beweist einmal mehr, dass Museen keine statischen Schatzkammern sind, sondern Orte, an denen Geschichte ständig neu verhandelt wird. Kießlings markante zeitgenössische Position erinnert uns daran, dass das Moor auch heute noch ein Raum von höchster ästhetischer und kultureller Bedeutung ist.
- Museen Stade | Wasser West 39 | 21682 Stade | Telefon: 0 41 41 – 79 773 0 | Webseite: www.museen-stade.de
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