Arion Klangfeldt – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 14 Jan 2026 15:35:09 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Eine Hommage an den Mut https://www.tiefgang.net/eine-hommage-an-den-mut/ Sat, 17 Jan 2026 15:24:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13126 [...]]]> Es gibt Momente in der Geschichte einer Stadt, in denen ein Funke überspringt, der weit über die Jahrzehnte hinaus leuchtet. Für Hamburg war ein solcher Moment das Jahr 1926, als Ida Dehmel die GEDOK ins Leben rief.

Heute, 100 Jahre später, blicken wir auf ein Jahrhundert geballter weiblicher Kreativität und politischer Durchsetzungskraft zurück. Die „Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“, kurz Gedok, ist nicht weniger als das europaweit älteste und größte Netzwerk für Künstlerinnen aller Sparten. Und wo ließe sich dieses Jubiläum besser feiern als an seinem Geburtsort?

Ida Dehmel war eine Visionärin mit einem untrüglichen Gespür für Synergien. In einer Zeit, in der Frauen in der Kunstwelt oft noch als schmückendes Beiwerk oder bestenfalls als talentierte Dilettantinnen belächelt wurden, schuf sie eine Struktur, die Professionalität und Solidarität verband. Ihr Hamburger Wohnhaus wurde zum Epizentrum eines interdisziplinären Austauschs, der Musik, Literatur und Bildende Kunst zusammenführte. Es ging nie nur um Ästhetik, es ging um Existenzsicherung und Sichtbarkeit.

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) widmet diesem Jahrhundertprojekt nun die große Schau Künste, Frauen, Netzwerk. 100 Jahre GEDOK. Wer durch die Räume geht, spürt sofort die Energie, die von diesem Aufbruch ausging. Die Ausstellung ist weit mehr als eine historische Rückschau; sie ist eine Analyse von Machtstrukturen und der Kraft der Gemeinschaft. Besonders faszinierend ist, wie hier die Gründungsjahre in Hamburg lebendig werden. Namen wie Anita Rée oder die Textilkünstlerin Maria Brinckmann tauchen auf – Frauen, die das Gesicht der Hamburger Moderne prägten und in der GEDOK eine Heimat fanden.

Was man sich bei diesem Jubiläumsprogramm unbedingt merken sollte, ist die Vielschichtigkeit der Exponate. Es sind nicht nur Gemälde oder Skulpturen zu sehen, sondern auch Dokumente, die den zähen Kampf um Anerkennung belegen. Ein absolutes Highlight im MKG ist die Aufarbeitung der spartenübergreifenden Zusammenarbeit. Die GEDOK verstand sich von Anfang an als Brücke: Komponistinnen trafen auf Schriftstellerinnen, Fotografinnen auf Kunstgewerblerinnen. Diese Offenheit ist bis heute der Kern der Organisation.

Ein weiterer Programmpunkt, der aus der Masse heraussticht, ist die Veröffentlichung des Jubiläumsbuchs. Es ist kein klassischer Wälzer, der nur im Regal verstaubt, sondern ein lebendiges Zeugnis einer Bewegung, die sich auch durch die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte nicht gänzlich unterkriegen ließ. Die Texte beleuchten kritisch die Rolle der GEDOK während der NS-Zeit, die Vertreibung jüdischer Mitglieder – darunter auch die Gründerin Ida Dehmel selbst – und den mühsamen Wiederaufbau nach 1945. Diese Ehrlichkeit in der Aufarbeitung macht das Jubiläum erst wirklich würdig.

Hamburg feiert in diesem Jahr also nicht nur einen Verein, sondern eine Idee, die heute so aktuell ist wie eh und je. In Zeiten, in denen über Gender-Pay-Gap in der Kultur und die Repräsentanz von Frauen in großen Museen gestritten wird, wirkt das Vermächtnis von Ida Dehmel wie ein Kompass. Die GEDOK ist kein museales Relikt, sondern ein pulsierendes Netzwerk, das heute über 20 Regionalgruppen umfasst.

Wer sich für die Kulturpolitik der Hansestadt und die Rolle der Frau in der Kunst interessiert, kommt an dieser Jubiläumsschau nicht vorbei. Sie fordert uns heraus, neugierig zu bleiben und den Blick für jene Strukturen zu schärfen, die Kunst erst möglich machen. Die Ausstellung im MKG läuft als zentraler Ankerpunkt und bietet neben den visuellen Genüssen auch Raum für Diskussionen und Konzerte, die den Geist der Gründerzeit in die Gegenwart holen.

Es ist eine Hommage an den Mut, sich zusammenzuschließen, und eine Einladung, die künstlerische Qualität zu entdecken, die oft erst durch ein starkes Netzwerk im Rücken zur vollen Entfaltung kommen kann. 100 Jahre GEDOK – das ist ein verdammt guter Grund, in die Hamburger Kunstgeschichte einzutauchen und gleichzeitig die Weichen für die nächsten 100 Jahre zu stellen.

Künste, Frauen, Netzwerk. 100 Jahre GEDOK bis zum 30. August 2026 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) Steintorplatz, 20099 Hamburg Telefon: 040 428134880 www.mkg-hamburg.de

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Aufbruch aus dem Schatten https://www.tiefgang.net/aufbruch-aus-dem-schatten/ Thu, 15 Jan 2026 10:55:35 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13111 [...]]]> Lange Zeit blieb dieses Kapitel der Kunstgeschichte im Halbdunkel der Archive, doch nun rückt das Kunsthaus Stade es mit einer energischen Geste ins Rampenlicht. Die Ausstellung Frauen machen Schule.

Wegbereiterinnen der Moderne widmet sich der Pionierarbeit Hamburger Künstlerinnen, die sich um die Jahrhundertwende den Weg in die Professionalität erkämpften. Im Zentrum der Schau steht die private Malschule von Valesca Röver, eine Institution, die 1891 in Hamburg gegründet wurde, als staatliche Akademien Frauen noch konsequent die Türen versperrten. Es ist eine Erzählung über Netzwerke, Selbstbestimmung und den Mut, eine eigene ästhetische Sprache zu finden.

Harriet Wolf, Blick aus der Kunstschule Gerda Koppel auf Glockengießerwall und Ferdinandstor, 1919, Öl auf Pappe, Kunstsammlung Hamburger Sparkasse, Foto Museen Stade, Carsten Dammann

Die Ausstellung präsentiert Werke von über zwanzig Künstlerinnen, darunter namhafte Positionen wie Alma del Banco, Gretchen Wohlwill und Lore Feldberg-Eber. Es geht dabei um weit mehr als eine reine Werkschau; beleuchtet wird das komplexe Geflecht aus Lehrkräften und Schülerinnen, das es diesen Frauen ermöglichte, sich im männlich dominierten Kulturbetrieb zu behaupten. Besonders spannend ist die visuelle Brücke in die Gegenwart: Zeitgenössische Tape Art verbindet die historischen Exponate und schafft einen Dialog zwischen der Pionierarbeit von 1900 und heutigen künstlerischen Ausdrucksformen. Es entfaltet sich ein Panorama gesellschaftlicher und ästhetischer Umbrüche, das die Modernisierung der Kunst als einen aktiven Kampf um Sichtbarkeit begreifbar macht.

Ein umfangreiches Begleitprogramm erweitert die museale Erfahrung um vielfältige Perspektiven. Neben den regelmäßigen Sonntagsführungen um 15 Uhr und den After-Work-Rundgängen an Mittwochabenden bietet das Kunsthaus vertiefende Formate an. So beleuchtet beispielsweise eine Kuratorinnenführung am 14. Februar die Hintergründe der Schau, während Workshops wie das Malen und Sticken auf Leinwand am 15. Februar dazu einladen, handwerkliche Techniken der Moderne selbst zu erproben. Auch literarische Streifzüge und spezielle Angebote für Familien wie die Tour Keine Angst vor großer Kunst sorgen dafür, dass die Themen der Ausstellung auf unterschiedlichen Ebenen erfahrbar bleiben. Online-Seminare zu nordischen Künstlerinnen und fachspezifische Rundgänge für Lehrer*innen ergänzen das Spektrum und machen das Kunsthaus in dieser Zeit zu einem Ort des lebendigen Austausches über weibliche Kunstgeschichte.

Die Ausstellung Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne ist vom 24. Januar bis zum 25. Mai 2026 im Kunsthaus Stade zu sehen. Das Museum befindet sich am Wasser West 7, 21682 Stade und ist für Rückfragen oder Buchungen telefonisch unter 04141 797730 erreichbar. Weiterführende Details zum Programm sowie Informationen zu den Öffnungszeiten finden sich auf der offiziellen Webseite unter www.museen-stade.de.

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Kontinuität und Aufbruch https://www.tiefgang.net/kontinuitaet-und-aufbruch/ Sat, 10 Jan 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13095 [...]]]> Das Arbeitsstipendium für bildende Kunst der Freien und Hansestadt Hamburg gilt seit seiner Einführung im Jahr 1981 als eines der beständigsten Instrumente der lokalen Kulturpolitik.

Mit der Bekanntgabe der zehn Stipendiat*innen für das Jahr 2026 setzt die Behörde für Kultur und Medien ein deutliches Zeichen für die Förderung künstlerischer Exzellenz. Aus insgesamt 223 Bewerbungen wählte eine Fachjury Positionen aus, die das breite Spektrum und die Innovationskraft der Hamburger Kunstszene repräsentieren.

Die Förderung ist mit monatlich 1.500 Euro dotiert und auf eine Laufzeit von einem Jahr angelegt. In einer Zeit, in der prekäre Arbeitsbedingungen oft den künstlerischen Alltag bestimmen, schafft dieses Stipendium die notwendige Basis für eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Die Liste der geförderten Künstler*innen für 2026 liest sich wie ein Querschnitt durch die aktuelle künstlerische Produktion der Stadt: Eda Aslan, Asma Ben Slama, Vedad Divović, Catalina González González, Maik Gräf, Nizan Kasper, Simone Kessler, Kenneth Lin, Lulu MacDonald und Jagrut Raval werden durch die Stadt unterstützt.

Die Auswahl der Jury unterstreicht dabei die mediale Vielfalt, die von klassischer Malerei und Skulptur über Performance und Video bis hin zu komplexen multimedialen Arbeiten reicht. Die inhaltlichen Schwerpunkte bewegen sich zwischen rein ästhetischen Diskursen, gesellschaftlichen Fragestellungen und wissenschaftlichen Grenzgängen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda sieht in dieser Förderung eine wesentliche Investition in die Freiheit der Kunst, die als Grundlage einer offenen Gesellschaft fungiert.

Ein Blick auf die Gegenwart: Future Continuous im Kunsthaus

Welche Früchte diese Form der Unterstützung trägt, lässt sich derzeit im Kunsthaus Hamburg beobachten. Unter dem Titel Future Continuous präsentiert dort der aktuelle Stipendienjahrgang 2025 seine Ergebnisse. Die Ausstellung fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen der individuellen Atelierarbeit und der öffentlichen Sichtbarkeit. Sie macht deutlich, wie nachhaltig das Programm über die Jahrzehnte gewirkt hat – immerhin wurden seit dem Bestehen des Programms bereits über 450 Künstler*innen auf ihrem Weg begleitet.

Die gezeigten Arbeiten im Kunsthaus zeugen von einer hohen konzeptionellen Dichte. Die Verbindung von finanzieller Absicherung und der abschließenden musealen Präsentation inklusive Katalog bietet den Stipendiat*innen eine Plattform, die weit über die Grenzen Hamburgs hinausstrahlt. Die aktuelle Präsentation des Jahrgangs 2025 ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen und markiert den Übergang zu der nun neu ausgewählten Generation an Kunstschaffenden.

Profile der Stipendiat*innen 2026

Eda Aslan setzt sich in ihrer künstlerischen Praxis intensiv mit der Geschichte und dem Gedächtnis von Orten auseinander. Sie nutzt oft architektonische Spuren und Archivmaterialien, um Installationen zu schaffen, die verborgene Narrative und räumliche Erinnerungskultur thematisieren.

Asma Ben Slama nutzt die Medien Video und Fotografie, um soziale Gefüge und Identitätsfragen zu untersuchen. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise Beobachtung der Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Strukturen aus.

Vedad Divović arbeitet primär im Bereich der Skulptur und Installation. Er transformiert alltägliche Materialien und Objekte in neue formale Zusammenhänge, wobei er Fragen nach der Dauerhaftigkeit und der materiellen Beschaffenheit von Kunst stellt.

Catalina González González verfolgt einen multimedialen Ansatz, der Video, Fotografie und Installation verbindet. Ein zentrales Motiv ihrer Forschung sind politische Geografien sowie die ökologischen Veränderungen von Landschaften unter menschlichem Einfluss.

Maik Gräf bewegt sich im Spannungsfeld von Fotografie, Video und Performance. Durch Inszenierungen und den Einsatz des eigenen Körpers untersucht Gräf kritisch Konstruktionen von Identität, Männlichkeit und gesellschaftlichen Rollenbildern.

Nizan Kasper arbeitet an der Schnittstelle von Film, Video und Performance. Die künstlerische Arbeit konzentriert sich auf die Erforschung von Zeitlichkeit, Rhythmus und der physischen Präsenz von Körpern innerhalb medialer und technischer Räume.

Simone Kessler entwickelt raumgreifende und oft ortsspezifische Installationen. Ihre Werke nutzen häufig Licht, Luft oder vergängliche Materialien, um Naturphänomene zu abstrahieren und die sinnliche Wahrnehmung der Besucher*innen herauszufordern.

Kenneth Lin verfolgt konzeptuelle Ansätze, die er vorwiegend in der Malerei und Grafik realisiert. Dabei untersucht er die materiellen Grenzen der jeweiligen Medien sowie das Verhältnis zwischen abstrakter Form und symbolischer Bedeutung.

Lulu MacDonald schafft skulpturale Werke, die durch eine eigenwillige Materialästhetik und organische Formensprache bestechen. Sie experimentiert mit Wachstumsprozessen und Materialien aus der Natur, um Themen wie Transformation und Vergänglichkeit zu visualisieren.

Jagrut Raval ist ein interdisziplinär arbeitender Künstler, dessen Portfolio Fotografie, Video und großformatige Installationen umfasst. Seine Werke beschäftigen sich häufig mit der Relativität von Zeit, historischen Wahrheiten und der menschlichen Wahrnehmung.

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„Richtungsweisend für die bildende Kunst“ https://www.tiefgang.net/richtungsweisend-fuer-die-bildende-kunst/ Fri, 12 Dec 2025 23:48:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12980 [...]]]> Am 9. Dezember ehrte Hamburg mit dem Lichtwark-Preis zwei Künstlerinnen, deren Werk uns das Gestern radikal befragen und dem Heute neue, kraftvolle Bilder schenken lässt. Von feministischer Malereireflexion bis hin zu intimer, globaler Filmarbeit – dieses Ereignis in der Kunsthalle war ein energiereiches Signal für die Gegenwartskunst, die uns den Kopf verdreht.

Hamburg hat eine neue, kraftvolle kulturelle Wegmarke gesetzt. Am vergangenen Dienstag schlug das kulturelle Herz der Hansestadt höher, als Senator Dr. Carsten Brosda in der Hamburger Kunsthalle zur feierlichen Verleihung des Lichtwark-Preises lud. Die Atmosphäre im Werner-Otto-Saal war geprägt von der tiefen Wertschätzung für zwei Künstlerinnen, deren Werk die internationale Kunstszene prägt.

Mit Jutta Koether erhielt eine der einflussreichsten Stimmen der Gegenwartskunst die Hauptauszeichnung. Für ihr Lebenswerk, das die Szene seit den 1980ern in Aufruhr versetzt, ist der mit 10.000 Euro dotierte Preis eine längst überfällige nationale Anerkennung. Wie Anna Nowak, Künstlerische Leiterin des Kunsthauses Hamburg, in ihrer Laudatio betonte, hat Koether, die lange an der HFBK lehrte, das Verständnis von Malerei nicht nur erweitert, sondern quasi neu verhandelt.

Ihre Markenzeichen? Ein konzeptueller, oft symbolischer Einsatz der Farbe Rot, enorme Dynamik und eine schonungslose Befragung der Kunstgeschichte, um ihre „blinden Flecken“ aufzudecken. Wo Koether malt, wird Geschichte nicht nur erinnert, sondern im Lichte der Gegenwart neu interpretiert. Das ist radikal, das ist vielschichtig, und das war bei der Verleihung am Dienstagabend absolut spürbar und begeisternd!

Die Förderung der Zukunft ist dem Lichtwark-Preis, benannt nach dem visionären Gründungsdirektor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark, ebenso wichtig. Und hier glänzte Karimah Ashadu. Die Londoner Künstlerin, die zwischen Hamburg und Lagos arbeitet, nahm den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis entgegen – eine Wahl, die auf eine singuläre, international gefeierte Position verweist.

Wie Milan Ther, Direktor des Kunstvereins Hamburg, ausführte, ist Ashadu eine Entdeckerin neuer, erzählerischer und visueller Räume. Mit ihren multimedialen Arbeiten, oft basierend auf eigens entwickelten Kameratechniken, gelingt ihr das Kunststück, dokumentarische Präzision mit poetischer Bildsprache zu verschmelzen. Sie taucht ein in die sozialen Topografien von Orten – insbesondere in Nigeria – und kreiert aus intimen Porträts von Männern komplexe soziale Strukturen. Ob es um die Performativität von Männlichkeit, das post-koloniale Erbe oder den Begriff der Selbstbestimmung geht: Ashadus Blick ist analytisch, prägnant und stets poetisch.

Die Auszeichnung, nur kurz nach ihrem Silbernen Löwen auf der Venedig-Biennale, ist eine Bestätigung: Ashadu bereichert Hamburgs kulturelles Leben maßgeblich und positioniert sich als eine der prägnantesten Stimmen einer neuen Künstler*innengeneration.

Die Verleihung am vergangenen Dienstag war ein starkes Bekenntnis des Senats zu jener Kunst, deren Werke sich durch besondere Innovationskraft auszeichnen. Wie Senator Dr. Carsten Brosda treffend zusammenfasste, würdigte Hamburg mit Koether und Ashadu zwei Künstlerinnen, die im besten Sinne des Preises „richtungsweisend für die bildende Kunst sind“.

Ob es nun Koethers radikale feministische Reflexion ist oder Ashadus tiefgründige Verbindung von individueller Lebensrealität und globalen gesellschaftlichen Strukturen: An diesem Abend wurde in Hamburg einmal mehr bewiesen, dass Kunst keine Dekoration, sondern ein dringender, notwendiger Dialog ist. Ein Dialog, der uns alle reicher macht und der in den Werken dieser beiden Preisträgerinnen seinen kraftvollen Ausdruck findet.

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Pinsel, Stein und Stift https://www.tiefgang.net/pinsel-stein-und-stift/ Fri, 12 Dec 2025 23:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13006 [...]]]> Die Feiertage stehen vor der Tür, aber wer will schon nur zu Hause rumsitzen? Das Museum im Marstall in Winsen an der Luhe liefert den perfekten Tipp: eine Sonderausstellung, die Kunstgeschichte und lokale Identität zusammenbringt.

Ein energiegeladener Spaziergang durch 150 Jahre Winsener Kunst – inklusive Spurensuche durch die Stadt! Winsen an der Luhe ist mehr als eine malerische Fachwerkstadt am Wasser. Sie war und ist ein Magnet für Kreativität! Genau das beweist die aktuelle Sonderausstellung „Mit Pinsel, Stein und Stift – Künstler im Raum Winsen“ im historischen Museum im Marstall.

Ein Muss für alle, die in der Weihnachtszeit und danach mal den Kopf freibekommen wollen: Bis zum 8. März 2026 werden hier über 40 Künstler*innen präsentiert, die sich vom Winsener Schloss, der Luheinsel oder der umliegenden Landschaft inspirieren ließen.

Das Tolle an dieser Schau ist die unglaubliche Vielfalt – man sieht förmlich, wie kreativ die Luft in Winsen sein muss! Allein das Winsener Schloss, das beliebteste Motiv schlechthin, wird in unzähligen Blickwinkeln gezeigt.

Da ist der expressionistische Pinselstrich von Ernst Odefey, der dem Schloss eine neue Dynamik verleiht, während Malende wie Christian Probst oder P. Zühlke es in feinsten Details festhielten. Für alle Fans der modernen Kunst gibt es die abstrakte Interpretation von Brigitte Kranich. Es ist ein faszinierendes Spiel mit Perspektiven: Das Stadtbild, wie wir es kennen, wird durch impressionistische und expressive Darstellungsweisen komplett neu aufgerollt.

Ob Sie nun das nahezu leuchtende Ölgemälde „Brackeler Tonwerk“ von Margarete Schneefus entdecken oder die expressiven Abendhimmel von Richard von Vegesack – die vier Abteilungen (Winsen, Landschaft, Portrait, Architektur/Skulptur) bieten garantiert ein neues Lieblingsbild!

Die Ausstellung zieht einen eleganten Bogen über 150 Jahre Kunst in der Region. Aber das Museum im Marstall bleibt nicht in der Vergangenheit stehen: Der aktuelle Kunst-Leistungskurs des Gymnasiums Winsen ist mit einem eigenen Bereich vertreten. So sehen wir, wie die Kunsttradition der Stadt bis in die Gegenwart fortgeführt wird – da lacht das neugierige Herz!

Besonders charmant: Viele Skulpturen, die in der Pressemitteilung erwähnt werden, befinden sich gar nicht im Museum! Mit einem Plan können Besuchende selbst auf Entdeckungsreise durch die Stadt gehen und die Winsener Kunstwerke in situ bestaunen. Die St.-Marien-Kirche mit ihren Fensterbildern ist hierbei ein markanter Ankerpunkt. Das ist der perfekte Vorwand für einen winterlichen Spaziergang in der Weihnachtszeit!

Die Ausstellung „Mit Pinsel, Stein und Stift – Künstler im Raum Winsen“ läuft noch bis zum 8. März 2026 im Herzen der Stadt, dem Museum im Marstall. Es ist die ideale Flucht aus der Weihnachtshektik, denn das Museum hat zwischen den Jahren geöffnet. Die regulären Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr, wobei an Heiligabend (24.12.), den beiden Weihnachtsfeiertagen (25.12.), Silvester (31.12.) und Neujahr geschlossen bleibt.

Wer die Kunst vertiefen möchte, kann individuelle Führungen anfragen. Oder Sie nehmen an der öffentlichen Führung am Samstag, dem 27. Dezember, teil (Kosten: 6 €). Ein Vortrag über den Maler und Grafiker Arthur Illies ergänzt das Programm am Sonntag, dem 1. März (Kosten: 5 €). Der normale Eintritt für Erwachsene kostet 3 €, wobei Kinder bis 18 Jahre sowie Mitglieder des Heimat- und Museumsvereins freien Zugang zu allen Angeboten haben.

Alle weiteren Informationen zur Ausstellung und den genauen Standorten der Skulpturen finden Sie unter www.museum-im-marstall.de. Museum im Marstall | Schloßplatz 11 | 21423 Winsen (Luhe)

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Die Katze als radikalstes Tier der Kulturgeschichte https://www.tiefgang.net/die-katze-als-radikalstes-tier-der-kulturgeschichte/ Fri, 05 Dec 2025 23:20:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12984 [...]]]> Von der ägyptischen Göttin zur feministischen Waffe: Die Katze ist zurück! Und sie ist nicht nur cute. Das Museum am Rothenbaum (MARKK) seziert in seiner neuen Schau „KATZEN!“ das wohl widersprüchlichste Tier der Menschheit.

Ein Muss für alle, die dachten, Cat Content sei nur Realitätsflucht – hier wird er zur politischen Ästhetik erklärt! Wir können nicht ohne sie, und das wissen wir seit Jahrtausenden: Die Katze. Sie überflutet unsere Feeds, sie regiert das Internet und sie ist – Überraschung! – das Subjekt einer der aufregendsten Ausstellungen des Jahres in Hamburg. Das Museum am Rothenbaum (MARKK) taucht mit „KATZEN!“ tief ein in die jahrtausendealte, irrsinnig spannende Faszination für das Tier, das so viele Rollen spielt wie kein zweites.

Vergessen Sie das niedliche Kätzchen auf der Couch. Diese Ausstellung zeigt: Die Katze ist göttlich, dämonisch, und brandaktuell politisch!

Göttin, Hexe, Aktivist*in: Weiblichkeit und Macht

Die Schau beginnt mit einem Paukenschlag, der quer durch die Kulturgeschichte hallt: Das Beziehungsfeld zwischen Katze, Weiblichkeit und Macht. Im Alten Ägypten wurde die Göttin Bastet als Beschützerin verehrt, in Indien reitet die Fruchtbarkeitsgöttin Sashthi auf einer Schwarzen Katze. Doch derselbe mystische Zauber führte im frühneuzeitlichen Europa zur blutigen Kehrseite: Die Schwarze Katze wurde zum dämonischen Begleiter verfolgter Hexen stilisiert.

Und heute? Die ambivalenten Zuschreibungen wirken bis in den US-Wahlkampf 2024 nach! Die Abwertung der „childless cat lady“ wurde umgehend gekontert: Frauen eigneten sich die Katze kurzerhand als ihr feministisches Symbol an. Eine Selbstermächtigung, die beweist, wie flexibel und politisch aufgeladen dieses Tier ist. Die Katze, so sehen wir im MARKK, ist seit jeher der Spiegel für unser Verhältnis zu Unabhängigkeit und weiblicher Autorität.

Die Ausstellung zieht eine wirklich globale und energische Linie durch die Weltkulturen. In Afrika verkörpern Löwe und Tiger Macht und kriegerische Stärke. In Lateinamerika thront der Jaguar – ein heiliges, schamanisches Wesen, das zwischen den Welten wandelt. Es ist diese unheimliche, geheimnisvolle Fähigkeit, Grenzen zu überbrücken, die die Katze so faszinierend macht.

Doch die Katze war nicht nur spirituell, sie war auch medientechnologisch immer an vorderster Front: Vom ersten Katzen-Kurzfilm des 19. Jahrhunderts über Schrödingers berühmtes Gedankenexperiment bis hin zu KI-generierten Katzendarstellungen ist sie die ultimative Ikone der Moderne.

Apropos Moderne: Das MARKK stellt die wirklich brisante Frage: Warum überflutete ausgerechnet die Katze das Internet? Sind Katzenvideos einfach eine Form von Realitätsflucht, oder steckt dahinter eine neue, ästhetische Praxis mit politischem Potenzial?

Die Antwort: Letzteres! Die Ausstellung zeigt, wie Aktivist*innen Katzeninhalte strategisch nutzen, um in digitalen Räumen Präsenz zu zeigen. Niedlichkeit, die japanische kawaii-Ästhetik, wird hier zur Waffe für Aufmerksamkeit und zur Tarnung für ernste Botschaften. Senator Dr. Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: Die Schau erinnert uns daran, dass Kultur beides kann – uns unterhalten und uns herausfordern!

Mit Werken von Carolee Schneemann, Makineko-neko-Figuren und sogar eingesandtem Cat Content aus Hamburger Haushalten ist „KATZEN!“ eine facettenreiche Entdeckungsreise, die die globalen Sammlungen des MARKK mit zeitgenössischer Kunst verbindet.

Wer wissen will, wie ein scheinbar vertrautes Tier über Jahrtausende zu einem Symbol für Mut, Macht und Rebellion werden konnte, muss diese Ausstellung sehen.

KATZEN! Dezember 2025 – 29. November 2026

Museum am Rothenbaum | Kulturen und Künste der Welt
Rothenbaumchaussee 64 | 20148 Hamburg | fon +49 40 42 88 79 – 0
| Die – So: 10-18 Uhr

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Zwischen Chefetage und Atelier https://www.tiefgang.net/zwischen-chefetage-und-atelier/ Fri, 24 Oct 2025 22:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12755 [...]]]> Einmal im Jahr verwandelt sich Hamburgs Geschäftswelt in eine riesige, begehbare Galerie. Wenn „add art“ die Türen öffnet, bekommen Besucher*innen nicht nur Einblicke in hochkarätige Unternehmenssammlungen, sondern auch in die Ateliers der Zukunft.

Ein energiegeladener Blick hinter die Kulissen, der beweist: Kunst verändert nicht nur Wände, sondern auch Menschen. Die Frage, was eine Anwaltskanzlei, ein Logistikkonzern und ein Designhotel gemeinsam haben, wird in Hamburg jedes Jahr im November beantwortet: die Liebe zur Kunst. Die Initiative „add art“ ist mehr als eine Ausstellung – sie ist ein einzigartiger Dialog zwischen Wirtschaft und Kultur. Für ein Wochenende entführen insgesamt 19 Unternehmen – darunter sieben spannende Neuzugänge wie Ameron Hamburg Hotel Speicherstadt und Pembroke – das Publikum aus dem klassischen Museumsraum in die sonst verschlossenen Welten des Geschäftslebens.

Wer denkt, in Büros herrsche nur Nüchternheit, wird eines Besseren belehrt. „add art“ gewährt seltene Einblicke in die teils jahrelang gewachsenen Unternehmenssammlungen, die die Vielfalt und Sammelleidenschaft Hamburgs widerspiegeln.

Fans anspruchsvoller Fotografie kommen an gleich mehreren Orten auf ihre Kosten: Das neue Ameron Hotel Speicherstadt präsentiert seine tolle fotografische Sammlung und wird zum Hotspot für Architektur-Aficionados. Die Kanzlei Schalast wiederum zeigt konzeptuelle Fotokunst und lädt zum Diskurs ein.

Wer es farbenfroh, politisch und direkt mag, sollte die Gute Leude Fabrik ansteuern, deren Sammlung sich um Streetart und Pop-Art dreht – Kunst, die radikaler und schonungsloser kommuniziert, als es manch einer im Dialog wagt. Die Buss Gruppe hingegen öffnet ihre Türen für eine beeindruckende Sammlung zeitgenössischer Kunst.

Der spektakulärste Weg zur Kunst? Definitiv der, den Barkassen-Meyer anbietet: stilecht geht es mit einer Kunstbarkasse durch den Hafen, um dann die Sammlung des Geschäftsführers zu entdecken. Dieses Erlebnis ist sinnbildlich für „add art“: die Kunst wird zum Impulsgeber, der neue Perspektiven auf die Stadt und ihre Akteur*innen eröffnet.

23 Positionen, 1.000 Euro: Hier schlägt die Zukunft

Ein wesentliches Anliegen von „add art“ ist die aktive Förderung von Nachwuchskunst. In diesem Jahr stellen 23 Studierende und Alumni der HAW Hamburg in zehn verschiedenen Unternehmen aus. Die Palette reicht von Malerei über Zeichnungen bis hin zu Textilarbeiten. Es ist die Chance, das aktuelle Schaffen junger Künstler*innen hautnah zu erleben, ins Gespräch zu kommen und vielleicht sogar ein „Lieblingsbild für zuhause“ zu erwerben.

Noch bis zum 12. November haben Besucher*innen die Möglichkeit, sich aktiv einzubringen und über die add art Website für ihren Favoriten abzustimmen. Die meistgewählte Position erhält den mit 1.000 Euro dotierten Publikumspreis – eine direkte Förderung, die der jungen Kunst eine wichtige Bühne und finanzielle Unterstützung bietet.

Gekrönt wird das Event mit der Auftaktveranstaltung am 17. November in der eindrucksvollen Sammlung Kristen. Neben der Verleihung des mit insgesamt 3.000 Euro dotierten Jury- und Publikumspreises bietet ein Sammlergespräch mit den Brüdern Gerrit und Tilman Kristen tiefe Einblicke in die Faszination des Sammelns.

Machen Sie sich bereit, die Atmosphäre in Hamburger Unternehmen neu zu erleben und zu sehen, wie Kunst den Blick auf die Wirtschaft – und sich selbst – verändert.

Weitere Inforamtionem zu Orten, Uhrzeiten, Künstler*innen hier: https://www.addart.de/

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Wenn Fotografie zu riechen beginnt https://www.tiefgang.net/wenn-fotografie-zu-riechen-beginnt/ Fri, 10 Oct 2025 22:43:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12620 [...]]]> In einer Zeit, in der Bilder im Sekundentakt über unsere Screens flimmern, wirkt der Vorschlag fast revolutionär: Die Ausstellung „INTO THE UNSEEN“ der Walther Collection kehrt das gängige Paradigma um.

In der Halle für aktuelle Kunst geht es ab dem 24. Oktober nicht um die perfekte Belichtung und Sichtbarkeit, sondern um Dunkelheit, Schatten und das, was sich unseren Augen entzieht. Die Kuratorinnen Nadine Isabelle Henrich und Prof. Tina Marie Campt verstehen Fotografie als ein Medium des Widerstands und der Verbindung. Sie inszenieren die Schau als eine „multisensorische Auseinandersetzung mit der Welt“, die uns riechen, berühren und fühlen lässt.

Die Ausstellung vermeidet jede Vorstellung von Sehen als privilegiertem Sinnesregister. Die Besucher*innen betreten die Halle und finden sich nicht im erwarteten White Cube wieder, sondern in dunklen Räumen, in denen Bilder organisch schweben. Die Wände verströmen einen subtilen Duft, und kleine architektonische Strukturen aus lokalem Douglasienholz schaffen intime Räume für die Betrachtung. Das Holz wurde mit der traditionellen japanischen Yakisugi-Technik oberflächlich verbrannt, was ihm eine tiefschwarze, schimmernde Oberfläche verleiht. Diese kuratorische Intervention ist Programm: Sie intensiviert das Erlebnis der Auseinandersetzung mit Kunst, indem sie alle unsere Sinne aktiviert.

Die radikale Hinwendung zur sinnlichen Erfahrung ist im fünften Kapitel der Schau besonders eindrücklich verankert. Hier wird die unmittelbare körperliche Erfahrung zum Portal zur Welt und zum Ungesehenen.

Cang Xin, Communication Series No. 2, 1996–2006 (© Cang Xin. Courtesy the artist and The Walther Collection, New York/Neu-Ulm)

Die Werke chinesischer Künstler des legendären Beijing East Village Collective sind dafür exemplarisch: Cang Xin etwa wählt in seiner Communications Series No. 2 (1999) den Geschmackssinn als unmittelbare Verbindung mit dem Außen. Das Bild, in dem die Zunge des Künstlers eine rote, künstliche Tulpe berührt, ist eine provokante Geste der Einverleibung und Kommunikation, die den Blick in einen Tastsinn umwandelt. Es ist ein Akt der körperlichen Erkenntnis, der weit über das bloße Abbilden hinausgeht.

Die Arbeiten von Song Dong und RongRong testen ebenfalls die Grenzen sinnlicher Erkenntnis, indem sie das Ungesehene erforschen, das im menschlichen Körper wohnt. Das Schwarz-Weiß-Porträt eines jungen Mannes von RongRong, dessen Gesicht fast vollständig von Seifenschaum bedeckt ist – eine scheinbar alltägliche, aber verfremdete Szene – evoziert das Gefühl der verschwommenen Identität und der körperlichen Metamorphose.

Ein weiteres monumentales Werk von Cang Xin unterstreicht die körperliche Auseinandersetzung mit der Landschaft: ToAdd One Meter To An Anonymous Mountain (1995) zeigt eine Pyramide aus nackten Körpern, die auf einem Berg ruhen. Es stellt eine performative Verbindung zur Landschaft her, in die Geschichten und Spuren eingeschrieben sind.

Frequenzen der Dunkelheit und das Archiv der Verlorenen

Die Ausstellung beginnt bereits im ersten Raum mit einer Verschiebung des Fokus von Belichtung hin zu Dunkelheit und Schatten. Werke wie Santu Mofokengs Chasing Shadows betonen die „Andersweltlichkeit“ von Bildern, die die Grenze zwischen Dokumentation und Imagination verwischen. Auch im Kapitel „Dem Land Zuhören“ stellen Künstler wie Em’kal Eyongakpa und David Goldblatt durch Performance, Berührung und Klang eine enge Verbindung zur Landschaft her, in der koloniale Widerstände und gesellschaftliche Porträts eingeschrieben sind.

Besonders eindringlich-poetisch wird das Thema im vierten Kapitel: „Fotografische Sedimente“. Das Lost & Found Project von Munemasa Takahashi zeigt rund 1.600 durch den Tsunami 2011 beschädigte Familienfotos als schwebende Bildformation im Raum. Diese physisch zerstörten, aber digital geretteten Bilder sind das ultimative visuelle Archiv des Verlusts, der Rettung und des Nachlebens von Bildern.

„Into the Unseen“ ist die letzte große Präsentation der renommierten Walther Collection in Europa, bevor 6.500 Werke als Schenkung an das Metropolitan Museum of Art nach New York gehen. Diese Ausstellung ist kein Museumsgang, sondern eine tiefgreifende, multisensorische Reise in das Ungesehene. Sie konfrontiert uns mit der Frage, was Fotografie ist, wenn sie uns nicht nur zeigt, sondern uns berührt.


Die Ausstellung wird gemeinsam mit der Schau „Huguette Caland: A Life in a Few Lines“ eröffnet.

INTO THE UNSEEN | Halle für aktuelle Kunst, Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstr. 1-2, 20095 Hamburg

24. Oktober 2025 – 26. April 2026

Dienstag – Sonntag, 11–18 Uhr. Jeden 1. Donnerstag im Monat von 11–21 Uhr bei freiem Eintritt von 18–21 Uhr.

  • Panel Talk: Am Do., 23. Oktober 2025 um 17 Uhr in der Halle für aktuelle Kunst mit Tina Marie Campt, Nadine Isabelle Henrich und Artur Walther. Exklusiv nur bei Voranmeldung unter hdp@deichtorhallen.de.
  • Publikation: Eine umfangreiche Publikation zur Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit The Walther Collection und erscheint voraussichtlich im Dezember 2025.

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China und die Moderne https://www.tiefgang.net/china-und-die-moderne/ Fri, 19 Sep 2025 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12504 [...]]]> Als China Anfang des letzten Jahrhunderts für die Moderne stand, war es nicht nur eine neue Weltoffenheit sondern auch klares Marketing. Eine Ausstellung im Museum am Rothenbaum gibt nun neue Einblicke. 

Was, wenn ein unscheinbares Werbeplakat mehr verrät als eine Geschichtsstunde? Wenn es nicht nur für ein Produkt wirbt, sondern den Aufbruch einer ganzen Epoche im Bild festhält? Das Museum am Rothenbaum (MARKK) lädt uns ein, in genau diese Momente einzutauchen: Eine Zeit, in der das Kaiserreich fiel und revolutionäre Drucktechnologien das Bild Chinas für immer veränderten. Die Ausstellung „Druckfrisch aus den Zwanzigern“ öffnet ein faszinierendes Fenster in eine Welt, die von glitzernden Werbebildern, politischer Propaganda und der Entstehung einer neuen Identität geprägt war.

Chinas neue Frau: Glamour und Emanzipation im Druck

Wir sehen sie auf dem Ausstellungsplakat: Zwei junge Frauen in eleganten Qipao-Kleidern, die sich lächelnd in einem ehemaligen kaiserlichen Park unterhalten. Sie sind das visuelle Symbol für den Wandel, der sich in den Metropolen wie Shanghai vollzog. Die „neue Frau“ betrat die Öffentlichkeit, sie trat in Bildung und Beruf ein und wurde zur Projektionsfläche politischer Debatten über Emanzipation und Nation. Aber dieses Bild hatte einen doppelten Boden. Ursprünglich war es ein Werbeplakat des deutschen Chemiekonzerns I.G. Farben, produziert von einem chinesischen Studio. Die Ausstellung entblättert diese komplexen Zusammenhänge und zeigt, wie Bilder, Mode und Konsumkultur die Gesellschaft prägten und wie sogar Theaterstars zu den Influencer*innen ihrer Zeit avancierten. Die Schau verdeutlicht, dass die moderne Druckkultur nicht nur eine Flut an Nachrichten, sondern auch eine neue Art von Massenmedien schuf, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation veränderte.

Konsum als patriotische Pflicht

Ausstellungsansicht „Druckfrisch aus den Zwanzigern. Einblicke in Chinas Moderne“

Ein besonders spannender Aspekt ist die Verknüpfung von Konsum und Patriotismus. Die „Nationale Produktbewegung“ rief die Bevölkerung auf, heimische Produkte zu kaufen, um eine starke Nation aufzubauen und den Import ausländischer Waren zu begrenzen. Diese Ausstellung macht sichtbar, wie die neu entstandene Werbeindustrie diese patriotische Botschaft geschickt verbreitete. Die Sammlung des MARKK, die den Großteil der Exponate stellt, ist dabei selbst ein historisches Zeugnis: Sie entstand in einer einzigartigen deutsch-chinesischen Forschungskooperation zwischen 1927 und 1932. Die Kuratorin Ricarda Brosch bezeichnet die Ausstellung als ein „faszinierendes Kapitel transkontinentaler Museumsgeschichte.“

Begleitprogramm und Praktisches:

Wer tiefer in die Materie eintauchen möchte, hat dazu bei verschiedenen Veranstaltungen die Möglichkeit. Das Begleitprogramm lädt ein, die Ausstellung zu erleben und mehr über die Hintergründe zu erfahren.

  • Werkstattgespräch: Am Donnerstag, den 25. September um 19 Uhr, findet ein Werkstattgespräch mit den Kurator*innen Ricarda Brosch und Bernd Spyra und dem Ausstellungsdesigner Weng Xinyu statt. Sie geben Einblicke in den Entstehungsprozess der Ausstellung und die besonderen Herausforderungen.
  • Stick-Workshop: Ein offener Workshop mit Anke Sievers am Donnerstag, 13. November um 18 Uhr, lädt dazu ein, mit Nadel und Faden Motive des MARKK auf Textilien zu verewigen.
  • Vortrag: Am Mittwoch, 10. Dezember um 18 Uhr, hält die Kunsthistorikerin Clarissa von Spee einen Vortrag über die Darstellung von Frauen in der chinesischen Malerei und Druckgrafik.

Führungen:

  • Kurator*innenführungen: Am Samstag, 20. September um 12 Uhr, Sonntag, 21. September um 14 Uhr, und Donnerstag, 23. Oktober um 18 Uhr.
  • Englische Führungen: „HOT OFF THE PRESS“ am Samstag, 20. September um 14 Uhr, und Samstag, 4. Oktober um 14 Uhr.
  • Elternzeit-Führung: Eine kulturelle Auszeit für Eltern und ihre Babys gibt es am Mittwoch, 1. Oktober von 10 bis 11 Uhr.

Ausstellung „Druckfrisch aus den Zwanzigern

Museum am Rothenbaum (MARKK), Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg; 19. September 2025 bis 12. Juli 2026

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr, Donnerstag: 10 bis 21 Uhr. Montags ist das Museum geschlossen. Eintritt: Regulär 9,50 €, ermäßigt 5,00 €

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„Ich liebe Widersprüche“ https://www.tiefgang.net/ich-liebe-widersprueche/ Fri, 12 Sep 2025 22:24:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12260 [...]]]> Was, wenn Kunst und Leben verschmelzen? Die Deichtorhallen zeigen, wie es geht: mit Spoerri, Caland und Co.

Die Deichtorhallen Hamburg laden in den kommenden Herbst- und Wintermonaten zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem Wechselspiel zwischen Kunst und Leben ein. Mit gleich vier hochkarätigen Ausstellungen aus den Bereichen Malerei, Fotografie und Objektkunst wird das spannungsvolle Verhältnis zwischen diesen beiden Welten ausgelotet und neu beleuchtet.

Daniel Spoerri: „Ich liebe Widersprüche“

Den Auftakt macht die in Harburg ansässige Sammlung Falckenberg mit einer großen Übersichtsschau zum Werk des 2024 verstorbenen Künstlers Daniel Spoerri, der in diesem Jahr 95 geworden wäre. Unter dem Titel „Ich liebe Widersprüche“ stellt die Ausstellung das vielseitige Schaffen Spoerris in den Dialog mit ausgewählten Positionen der Sammlung, darunter Werke von Ray Johnson, Jonathan Meese und Mariella Moser. Die Schau beleuchtet Spoerris typisches Spiel mit Alltagsmaterialien und gefundenen Objekten und sein humorvoll-subversives Hinterfragen von Konventionen. Sie verdeutlicht die ungebrochene Relevanz seines künstlerischen Denkens und seinen großen Einfluss auf nachfolgende Künstler*innengenerationen.

Huguette Caland: „A Life in A Few Lines“ & Walther Collection: „Into the Unseen“

Gleich zwei Ausstellungen in der Halle für aktuelle Kunst widmen sich ab dem 24. Oktober der Kraft der Emanzipation und der Fotografie. Die Retrospektive „A Life in A Few Lines“ zu Huguette Caland ist ihre erste große Solopräsentation in Europa. Das Werk der libanesischen Künstlerin, die 1931 geboren wurde, ist zugleich sinnlich und intellektuell, filigran und plakativ. Die Ausstellung erzählt in zehn Kapiteln von Calands Reise zwischen Kulturen und Kontinenten und ihrem unbedingten Widerstand gegen gesellschaftliche und sexuelle Normen.

Parallel dazu eröffnet die Ausstellung „Into the Unseen“, die letztmalig in Europa Fotografien aus der renommierten Walther Collection zeigt. Die Sammlung geht danach als Schenkung an das Metropolitan Museum of Art in New York. Die Schau lädt dazu ein, über das rein Visuelle hinauszugehen und Bilder sprechen, riechen und fühlen zu lassen. Mit Positionen wie David Goldblatt und Santu Mofokeng erforscht sie Themen wie Spiritualität, Trauma und Transformation.

Philip Montgomery: „American Cycles“

Im PHOXXI, dem temporären Haus der Photographie, zeigt der New Yorker Fotograf Philip Montgomery in seiner ersten großen institutionellen Einzelausstellung weltweit seine ikonischen Portraits und dokumentarischen Arbeiten. Unter dem Titel „American Cycles“ taucht er in die Konflikte und Allianzen der amerikanischen Gesellschaft ein – von Donald Trumps populistischer Wahlkampagne über die Black-Lives-Matter-Bewegung bis hin zu ökologischen Krisen. Seine Fotografien sind eine bildstarke Chronik der Suche nach Gemeinschaft in Zeiten des Umbruchs.

Ausstellungen im Überblick:

DANIEL SPOERRI: ICH LIEBE WIDERSPRÜCHE

Sammlung Falckenberg |Wilstorfer Straße 71, Tor 2 | 21073 Hamburg

27. September 2025 – 26. April 2026

HUGUETTE CALAND: A LIFE IN A FEW LINES

Halle für aktuelle Kunst | Deichtorstr. 1–2 | 20095 Hamburg

24. Oktober 2025 – 26. April 2026

INTO THE UNSEEN: THE WALTHER COLLECTION

Halle für aktuelle Kunst | Deichtorstr. 1–2 | 20095 Hamburg

24. Oktober 2025 – 26. April 2026

PHILIP MONTGOMERY: AMERICAN CYCLES

PHOXXI. Haus der Photographie temporär | Deichtorstr. 1–2 | 20095 Hamburg

28. November 2025 – 10. Mai 2026

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