Claus Ewitz https://www.tiefgang.net Mon, 18 May 2026 13:51:49 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 „Tiefgang“ bewahren! https://www.tiefgang.net/tiefgang-bewahren/ Sun, 17 May 2026 22:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13758 [...]]]> Es gibt Momente, da muss man die Lupe beiseitelegen und das ganze Bild betrachten. Im Dezember 2026 feiert das Online-Feuilleton tiefgang.net sein zehnjähriges Bestehen.

Was damals als ambitioniertes Projekt startete, um dem Hamburger Süden eine intellektuelle und künstlerische Stimme zu geben, ist heute eine Institution. Doch während wir die vergangenen 120 Monate Revue passieren lassen, steht eine existenzielle Frage im Raum: Wird es dieses Fenster zur Welt auch 2027 noch geben?

Ein Blick in das Archiv von tiefgang.net zeigt, dass hier weit mehr passiert ist als bloße Berichterstattung. Das Portal hat sich als unverzichtbarer Kompass für die Kulturschaffenden etabliert. In einer Zeit, in der die bürokratischen Hürden für Vereine immer höher werden, bot tiefgang.net handfeste Expertise im Vereinsrecht. Wir haben nicht nur über Kunst geschrieben, wir haben den Künstler*innen geholfen, ihre rechtliche Basis zu sichern. Wenn Ausschreibungen für Fördergelder veröffentlicht wurden, war tiefgang.net oft der erste Ort, an dem die Szene davon erfuhr.

In den Rubriken Musik, Kunst, Film und Literatur wurde der Finger immer wieder in die Wunde gelegt. Wir haben die Darstellenden Künste nicht nur als Unterhaltung begriffen, sondern als Spiegel der Gesellschaft. Dabei war der Service für die Nutzenden stets kostenfrei – eine bewusste Entscheidung für die Zugänglichkeit von Kultur.

Doch diese Freiheit hat einen Preis, der hinter den Kulissen oft unsichtbar bleibt. Ein Online-Feuilleton zu betreiben, bedeutet mehr als nur Texte zu schreiben. Es bedeutet, Server- und Providerkosten zu stemmen, die mit steigenden Zugriffszahlen nicht kleiner werden. Es bedeutet aber auch, sich in einem juristischen Minenfeld zu bewegen. In den letzten Jahren mussten wir immer wieder Abmahnungen wegen vermeintlicher Urheberrechtsverletzungen, etwa bei Bildrechten, abwehren oder schmerzhafte Zahlungen leisten. Solche Vorfälle zehren nicht nur an den finanziellen Reserven, sondern auch an der moralischen Substanz eines ehrenamtlich geprägten Projekts.

Die aktuelle Situation in Harburg verschärft diesen Druck. Wenn die Politik, wie im Schreiben des Vorsitzenden der Bezirksversammlung Holger Böhm deutlich wurde, künftig eine dauerhafte Förderung für viele Projekte infrage stellt, dann trifft das auch die indirekte Infrastruktur der Kultur. Wenn Einrichtungen wie die Kiezläufer*innen oder die SuedLese (siehe „Ein politischer Offenbarungseid“) um ihre Existenz bangen müssen, braucht es erst recht ein Medium, das diese Missstände benennt und die Akteur*innen vernetzt.

tiefgang.net steht an einer Wegscheide. Wir möchten auch 2027 über die Vielfalt im Hamburger Süden berichten, Tipps geben und kritische Fragen stellen. Aber wir können das nicht mehr allein aus eigener Kraft stemmen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, und genau diese Gemeinschaft rufen wir nun an.

Unter www.paypal.com haben wir eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Es geht dabei um mehr als nur um Technik und Anwält*innen. Es geht um das Versprechen, dass der Hamburger Süden auch künftig einen Ort hat, an dem Kultur mit der Tiefe behandelt wird, die sie verdient.

Es liegt an Dir, ob wir auch im elften Jahr gemeinsam abtauchen können. Damit aus dem Schweigen der Brückenbauer*innen keine dauerhafte Funkstille für das Feuilleton des Südens wird.


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Die Mauer aus Paragrafen https://www.tiefgang.net/die-mauer-aus-paragrafen/ Sat, 09 May 2026 22:11:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13800 [...]]]> Die Debatte um die Harburger Kulturförderung erreicht mit der Stellungnahme der Behörde für Kultur und Medien (BKM) vom 5. Mai 2026 eine neue, ernüchternde Stufe der bürokratischen Logik.

Wer glaubte, dass die seltene Einigkeit der Harburger Parteienlandschaft in der Kulturbehörde für ein Umdenken sorgen würde, sieht sich nun eines Besseren belehrt. Es ist ein politisches Schauspiel der besonderen Art: Alle Harburger Fraktionen – von der Linken bis zur FDP – stehen Seite an Seite und fordern eine jährliche Erhöhung der Mittel um 457.000 Euro. Sie wollen endlich die Früchte des Kulturentwicklungsplans ernten und Institutionen wie SuedKultur oder das Kulturhaus Süderelbe auf ein solides Fundament stellen. Doch die Antwort aus der City liest sich wie ein Lehrstück in Sachen Zuständigkeitsvermeidung.

Die Kulturbehörde vollführt in ihrer Stellungnahme einen bemerkenswerten rhetorischen Spagat. Einerseits gibt sie den Harburger*innen recht: Ja, der Bezirk ist unterfinanziert. Ja, das kulturelle Potenzial wird nicht ausgeschöpft und kann es auch nicht. Andererseits zuckt sie mit den Achseln und verweist auf eine Steigerung von mickrigen 1,39 %, die gerade einmal die Tarifsteigerungen auffängt. Mehr sei nicht drin, und eine einseitige Bevorzugung Harburgs verbiete das System.

Das ist das Harburger Paradoxon: Man bescheinigt dem Bezirk schwarz auf weiß eine strukturelle Benachteiligung, weigert sich aber, diese zu beheben, weil man damit andere Bezirke benachteiligen könnte, die historisch gesehen ohnehin mehr Geld bekommen. Die Forderung der Behörde, dass alle sieben Bezirke gemeinsam einen neuen Verteilungsschlüssel aushandeln müssen, gleicht einer diplomatischen Sackgasse. Es ist, als würde man sieben hungrigen Menschen einen zu kleinen Kuchen hinstellen und verlangen, dass sie sich einstimmig auf eine neue Verteilung einigen, während einige bereits seit Jahren die größeren Stücke auf dem Teller haben.

Besonders bitter stößt auf, dass die Behörde die bezirkliche Entscheidungshoheit als hohes Gut preist. Doch was nützt die Hoheit über die Mittel, wenn diese Mittel hinten und vorne nicht reichen, um die selbst gesteckten Ziele der Kulturentwicklung zu erreichen? Das Bezirksamt hat einen Mehrbedarf von fast einer Million Euro angemeldet. Die Antwort der Behörde darauf ist eine Nullrunde mit Ansage.

Die Harburger Abgeordneten in der Bürgerschaft sind nun mehr denn je gefordert. Wenn die Behörde sich hinter dem Verteilungsschlüssel verschanzt, muss der politische Druck direkt in den Haushaltsverhandlungen der Stadt erhöht werden. Es geht nicht darum, anderen Bezirken etwas wegzunehmen. Es geht darum, dass eine wachsende Stadt wie Hamburg ihre Stadtteilkultur nicht nach historischen Zufälligkeiten, sondern nach aktuellen sozialen Realitäten finanzieren muss.

Wenn die Mauer aus Paragrafen nicht fällt, wird der viel gelobte Kulturentwicklungsplan als Papiertiger in den Archiven verstauben. Harburg hat geliefert, was Konzepte und Engagement angeht. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Hansestadt zeigt, ob ihr die kulturelle Teilhabe südlich der Elbe wirklich mehr wert ist als eine freundliche Stellungnahme. Alles andere wäre eine Fortsetzung jener Böhmschen Briefkultur, die zwar korrekt im Ton, aber verheerend in der Wirkung ist.


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Ein politischer Offenbarungseid https://www.tiefgang.net/ein-politischer-offenbarungseid/ Mon, 02 Mar 2026 09:59:44 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13459 [...]]]> Man muss sich die Szenerie einmal bildlich vorstellen: Am Freitagabend (20.2.) herrscht im Großen Saal des Harburger Rathauses noch feierliche Eintracht. Die Bezirksversammlung ehrt zum 13. Mal das Engagement für eine lebenswerte Zukunft.

Der erste Preis des Harburger Nachhaltigkeitspreises geht unter großem Applaus an die Kiezläufer*innen von IN VIA. Es sind Menschen, die seit Jahren das soziale Rückgrat in den Quartieren bilden, die deeskalieren, zuhören und vermitteln. Doch während die Urkunden noch in den Händen der Preisträger*innen zittern, liegt in deren Postfächern wohl bereits ein Schreiben, das all diese Bemühungen mit einem Federstrich entwertet. Die Ereignisse rund um die Harburger Kulturförderung haben sich in den letzten Tagen regelrecht überschlagen und tun es weiter.

Kurz zur Chronologie der Ereignisse: Noch im Januar – das Jahr 2026 hatte kaum begonnen – berichtete die NDR Hamburg-Welle 90,3: „Harburg will die Kultur im Bezirk stärken. Verschiedene Akteure aus Kultur, Politik und Verwaltung haben dafür einen Plan entwickelt. Das gab es in der Form noch in keinem der anderen Hamburger Bezirke.“ Am 20. Februar 2026 – gerade sechs Wochen später – platzte eine ganz andere Nachricht in die lokalen Gazetten und Magazine. Ein Brief der Bezirksversammlung Harburg war an zahlreiche Kultur- und wohl auch andere Institutionen wie IN VIA ergangen, der unmissverständlich darauf hinwies, dass künftigen Anträge auf Fördergelder eher nicht zugestimmt wird – erst recht nicht, wenn sie bereits mehr als drei Mal gestellt worden seien. Das Hamburger Abendblatt griff den Kultur-Sparkurs im Bezirk auf und thematisierte die Verunsicherung der Kulturschaffenden durch den Brief der Bezirksversammlung. Fast zeitgleich verbreitete die MOPO das Schlagwort der „Einschüchterung“, das Jan Schröder für das Netzwerk SuedKultur geprägt hatte. Auch das Online-Magazin „Besser-im-Blick.de“ stellte die rhetorische Frage nach einem beginnenden Kulturkampf südlich der Elbe. Und auch wir wiesen darauf hin (siehe Tiefgang „Böhmsche Briefe“, 20.02.2026). Die mediale Front war einhellig: Hier wurde ein mühsam aufgebautes Vertrauensverhältnis zwischen Politik und Szene ohne Not torpediert.

Nur drei Tage später, am 24. Februar 2026, folgte der physische Protest. Wie das Abendblatt berichtete, empfingen Kulturschaffende die Abgeordneten vor der Bezirksversammlung mit bunten Plakaten und lautstarkem Unmut. Es war die unmittelbare Vorbotin für das, was Jan Schröder dann zwei Tage (26.2.) später im Harburger Kulturausschuss vortragen sollte. Seine Rede im Ausschuss war weniger eine bloße Stellungnahme als vielmehr ein eindringliches wie leidenschaftliches Plädoyer für die Vernunft. Schröder fragte: Warum gab es kaum Ansprechpartner zu dem Schreiben? Und: Ist das Schreiben ein gesamt-politischer Wille oder nur die Meinung eines kleinen Kreises? Besonders mit seinem Hinweis auf die pro-Kopf-Förderung, bei der Harburg ohnehin das Schlusslicht Hamburgs bildet, markierte er den logischen Tiefpunkt der politischen Entscheidung.

Denn man muss sich die Szenerie einmal bildlich vorstellen: Über Jahre hinweg saßen sie alle an einem Tisch, die Visionär*innen der Harburger Kultur und die Verwalter*innen der politischen Macht. Sie haben Pläne geschmiedet, den Kulturentwicklungsplan (KEP) wie eine Monstranz vor sich hergetragen und die Soziokultur als sozialen Kleber eines komplizierten Bezirks gefeiert. Und dann? Ein Brief. Unterzeichnet im Namen derer, die eigentlich die Ermöglicher*innen sein sollten.

Es ist eine bemerkenswerte Form der politischen Amnesie, die sich derzeit im Harburger Rathaus breitmacht. Die Bezirksabgeordneten scheinen sich nicht im Geringsten bewusst zu sein, dass sie mit dem Brief – namentlich des Vorsitzenden der Bezirksversammlung Holger Böhm und so ja aber auch stellvertretend für alle (!) dort vertretenen Fraktionen – nicht nur über Paragraphen einer (offenbar zudem veralteten, also gar nicht mehr aktuellen) Förderrichtlinie informiert haben. Sie haben das Fundament des Runden Tisches Kultur kurzer Hand zertrümmert. Wer jahrelange Aufbauarbeit von Institutionen wie den „SuedLese Literaturtagen“, dem „Sommer im Park“- oder dem „Hafenfest“ kurzerhand zur Anschubfinanzierung umdeutet, zeigt ein erschreckendes Unverständnis für kulturelle Ökosysteme. Man pflanzt doch keinen Baum, nur um ihm nach dem ersten Austrieb das Wasser abzugraben, weil er nun ja gefälligst selbst für Regen sorgen solle.

Die Ironie der Geschichte liegt auch im Timing. Für das laufende Jahr 2026 stehen nämlich gar keine Kürzungen an. Es ist ein Gespenst namens 2027 und später, das hier an die Wand gemalt wird – ohne konkrete Zahlen, ohne Notwendigkeit zur jetzigen Panikmache. Doch der Schaden an der Seele der Kulturschaffenden ist bereits real. Jan Schröder, Sprecher des Netzwerkes SuedKultur, sollte recht behalten: Diese Politik der Vorab-Absage lähmt jede Ambition.

Dabei liegt – eine weitere Ironie der Harburger Chaostage – die eigentliche Entscheidungsebene ganz woanders. Während in Harburg Briefe nämlich verschickt werden, die wie Kündigungen wirken, beginnt die Hamburger Bürgerschaft just über den Gesamthaushalt der Stadt für 2027/28 zu „verhandeln“. Acht Abgeordnete aus dem Bezirk Harburg sitzen dort an den Hebeln der Macht. Es ist ihre vornehmste Aufgabe, im Hamburger Zentrum dafür zu sorgen, dass der außenliegende Süden nicht nur als Problembezirk mit dem kleinsten Budget wahrgenommen wird.

Wenn die Harburger Bezirks- und Bürgerschaftsabgeordneten sich jetzt nicht gemeinsam auf die Socken machen, um die Gelder für ihren Bezirk zu sichern, dann war der Kulturentwicklungsplan tatsächlich nur eine teure Beruhigungspille für die Basis. Schlimmer aber noch: bei allen Beteuerungen einer wehrhaften Demokratie, würden sie genau diese – und vermutlich aus Eitelkeiten – nachhaltig und wiederholt beschädigen.

Man kann Kultur nicht entwickeln, wenn man gleichzeitig das Grab für die Akteur*innen schaufelt. Die Brücken nach Harburg müssen gehalten werden – finanziell und menschlich. Alles andere wäre ein kultureller Offenbarungseid, den sich dieser Bezirk schlicht nicht leisten kann.

Es ist Zeit, die Grabesschaufeln beiseitezulegen. Kultur und soziales Engagement sind keine Projekte, die man anstößt und dann ihrem Schicksal überlässt. Sie sind der Atem einer Stadtgesellschaft. Wenn die Politik diesen Atem drosselt, darf sie sich nicht wundern, wenn es im Bezirk bald sehr still wird. Die acht Bürgerschaftsabgeordneten haben es nun in der Hand, in den Haushaltsverhandlungen die Weichen so zu stellen, dass Harburg nicht nur Preise verleiht, sondern auch die Mittel bereitstellt, damit die Preisträger*innen morgen noch existieren. Alles andere wäre ein politischer Offenbarungseid.

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Geschichte, koloniales Erbe und Debatten https://www.tiefgang.net/geschichte-koloniales-erbe-und-debatten/ Mon, 23 Feb 2026 23:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13385 [...]]]> Freie Kulturvermittler*innen werden ab 1. März am Bismarck-Denkmal Rundgänge zur Kolonialgeschichte und Geschichte des Denkmals durchführen. Sie erweitern das Angebot zur Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialem Erbe.

Dort oben steht er, unübersehbar und tonnenschwer, und blickt über den Hafen, als gehörte ihm die Welt noch immer. Der eiserne Kanzler im Alten Elbpark ist weit mehr als nur ein monumentales Relikt aus Stein und Eisen; er ist ein steingewordenes Spannungsfeld, an dem sich die Geister der Stadt seit Jahrzehnten reiben. Lange Zeit wirkte der Riese wie im Tiefschlaf versunken, ein architektonischer Anachronismus, den man im Vorbeigehen kaum noch wahrnahm. Doch nun regt sich etwas rund um den Sockel. Hamburg beginnt, die Schatten seiner eigenen Geschichte nicht mehr nur zu ignorieren, sondern sie aktiv auszuleuchten.

Ab dem 1. März 2026 wird das Bismarck-Denkmal zum Schauplatz einer neuen Form der Auseinandersetzung. Neun freie Kulturvermittler*innen treten an, um das Schweigen des Monuments zu brechen. Es ist ein Projekt, das tief in das stadtweite Konzept „Hamburg dekolonisieren!“ eingebettet ist. Wer sich bisher fragte, ob wir die koloniale Dimension unserer Stadtgeschichte schlicht verschlafen haben, findet hier die Antwort in Form eines Erwachens. Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: „Die Diskussionen sind nicht abgeschlossen, und das ist auch gut so. Es geht um den Dialog, nicht um das Schlusswort.“

Zwei neue Rundgänge, buchbar über den Museumsdienst Hamburg, bieten unterschiedliche Einstiege in dieses komplexe Erbe. Der Rundgang „Geschichte und Perspektiven“ widmet sich in 90 Minuten der Genese des Denkmals seit seiner Einweihung im Jahr 1906. Hier fließen kunsthistorische Expertise, gedenkstättenpädagogische Erfahrung zur NS-Zeit und restauratorisches Fachwissen zusammen. Es ist eine Einladung an alle Hamburger*innen und Besucher*innen, gemeinsam zu diskutieren, welche Rolle eine solche Statue in einer modernen, diversen Demokratie überhaupt noch spielen kann.

Wer tiefer in die dunklen Kapitel eintauchen möchte, sollte sich dem Rundgang „Koloniale Schatten – Das Bismarck-Denkmal im postkolonialen Blick“ anschließen. Hier wird Bismarck nicht nur als Reichsgründer, sondern als zentraler Akteur der deutschen Kolonialpolitik beleuchtet. Hamburgs Rolle als Kolonialmetropole, die Verflechtungen von Handel, Mission und nackter Gewalt werden hier ebenso thematisiert wie der antikoloniale Widerstand. Es ist ein Blick, der wehtut, weil er die Privilegien und Grausamkeiten der Vergangenheit direkt mit den Rassismusdebatten der Gegenwart verknüpft.

Interessanterweise bleibt das Innere des Denkmals – der im Zweiten Weltkrieg zum Luftschutzbunker umgebaute Sockel – vorerst verschlossen. Sicherheitsprüfungen und die Suche nach einem verantwortungsvollen Umgang mit der dort sichtbaren nationalsozialistischen Symbolik verhindern den Zutritt. Doch gerade dieses Vorenthalten unterstreicht die Schwere der Aufgabe: Geschichte lässt sich nicht einfach konsumieren; sie verlangt nach einem tragfähigen Konzept, bevor man ihre tiefsten Kammern öffnet.

Schon jetzt geben mehrsprachige Informationstafeln am Denkmal erste Hinweise auf die verschiedenen Deutungsschichten. Doch erst das Gespräch, der geführte Diskurs im Alten Elbpark, macht aus dem toten Stein einen lebendigen Lernort. Es ist eine Chance für uns alle, die Augen aufzumachen und sich auf die Socken zu machen – hin zu einem bewussteren Umgang mit dem, was uns geprägt hat. Wer teilnehmen möchte, kann sich ab sofort unter den Links des Museumsdienstes für die 90- oder 120-minütigen Touren anmelden: museumsdienst-hamburg.de.

Es wird Zeit, dass wir uns nicht mehr im Schatten des Riesen verstecken, sondern lernen, sein Erbe kritisch zu lesen.

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Böhmsche Briefe https://www.tiefgang.net/boehmsche-briefe/ Fri, 20 Feb 2026 15:05:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13376 [...]]]> Viele Institutionen erreichten die Tage Briefe der Bezirksversammlung, die im Grunde nur eines sagen: gefördert wird weniger und eher Neues. Die Wirkung ist fatal und völlig überflüssig!

Wer in diesen Tagen über die Elbe blickt, sieht nicht nur den Nebel über den Harburger Schloßbezirk ziehen, sondern auch das herannahende Ende einer mühsam kultivierten Hoffnung. Es geht um mehr als nur ein paar Euro für Stadtteilfeste; es geht um die Seele eines Bezirks, der sich gerade erst anschickte, sein kulturelles Selbstbewusstsein in einem Kulturentwicklungsplan (KEP) zu manifestieren. Doch während die Tinte unter den lobenden Worten zum Runden Tisch Kultur kaum getrocknet ist, erreicht die Kulturschaffenden und andere ein Schreiben, das wie ein Grabstein für bürgerschaftliches Engagement wirkt.

Die Szenerie ist paradox: Über Jahre hinweg saßen Politiker*innen, Verwalter*innen und Kulturschaffende an jenem Runden Tisch zusammen. Man entwarf Visionen, priorisierte Handlungsfelder und feierte die Kooperation als neues Zeitalter der Ermöglichung. Doch nun, im Februar 2026, scheint das politische Gedächtnis eine fatale Lücke aufzuweisen. Holger Böhm, der Vorsitzende der Bezirksversammlung, verschickt Briefe, die die bisherige Förderung kurzerhand zur bloßen Anschubfinanzierung umdeuten. Eine dauerhafte Unterstützung? Nicht vorgesehen.

Für das Netzwerk SuedKultur, das seit 2007 die zerstreuten kreativen Energien südlich der Elbe bündelt, ist dies ein Schlag ins Gesicht. Jan Schröder und seine Mitstreiter*innen sehen die Kulturentwicklung beerdigt, bevor sie überhaupt richtig laufen lernte. Projekte wie die SuedLese, Sommer im Park oder das Hafenfest sind keine Eintagsfliegen, die nach einem Schubs von alleine fliegen. Sie sind gewachsene Institutionen, die auf Verlässlichkeit angewiesen sind. Wer Kultur nur als Startup-Modell begreift, das sich nach zwei Jahren selbst tragen muss, verkennt die ökonomische Realität soziokultureller Arbeit fundamental.

Der Verweis auf die Förderrichtlinie für Gestaltungsmittel wirkt dabei wie eine bürokratische Nebelkerze. Zwar wird dort von innovativen Ansätzen gesprochen, doch der Geist des Kulturentwicklungsplans zielte gerade auf die Stärkung vorhandener Strukturen ab. Wie sollen eine Kulturkoordination oder ein Raummanagement Früchte tragen, wenn der Boden, auf dem sie wachsen sollen, systematisch ausgetrocknet wird? Es entsteht der Eindruck einer Einschüchterungstaktik, die jene bestraft, die über Jahre hinweg ehrenamtlich das Rückgrat der Harburger Identität gebildet haben.

Harburg droht nun, das zu verlieren, was es sich mühsam erkämpft hat: eine Sichtbarkeit, die über die Grenzen des Bezirks hinausstrahlt. Wenn die Bezirksversammlung sich auf den Standpunkt zurückzieht, dass Bewährtes kein Geld mehr wert ist, wird Innovation zum Selbstzweck degradiert. Ein Hafenfest ohne Tradition ist nur eine leere Kaimauer, eine Lesereihe ohne Kontinuität nur ein flüchtiges Wort im Wind.

Die Frage, die über dem Rathausplatz schwebt, ist existenziell: Besteht wirklich ein Interesse an einer nachhaltigen Kulturentwicklung, oder war der Runde Tisch nur eine folkloristische Inszenierung, um die Akteur*innen ruhigzustellen? Wenn die Politik jetzt nicht einlenkt und die nötige Planungssicherheit garantiert, wird der Kulturentwicklungsplan als das teuerste Märchenbuch in die Harburger Geschichte eingehen. Es ist Zeit, die Schaufeln beiseitezulegen und stattdessen das Fundament zu stärken, auf dem die Vielfalt dieses Bezirks ruht. Kultur ist kein Projekt, das man anstößt und dann vergisst – sie ist ein Prozess, der Atem und Ausdauer verlangt. Alles andere wäre in der Tat ein Begräbnis erster Klasse.

Harburgs Politik wäre gut beraten, künftig eine andere Kommunikation an den Tag zu legen. Viel, bedeutender aber wäre wohl, ernsthaft darlegen zu können, dass man in der Hamburger Bürgerschaft und im Senat die Interessen Harburgs vertritt und sich für eine bessere Finanzierung einsetzt. Davon war bisher wenig zu lesen und zu hören. Und einfach nur zu Jammern, das Geld sei zu knapp, ist ja der Vorwurf, den eigentlich sonst Kulturschaffende zu hören bekommen.

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Das war´s! Oder? https://www.tiefgang.net/das-wars-oder/ Sun, 01 Feb 2026 23:56:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13197 [...]]]> Das Bulletin of the Atomic Scientists mahnt in seiner aktuellen Pressemitteilung : „Es sind 85 Sekunden bis Mitternacht“. Das war`s also, oder geht doch noch was …?

Es ist diese fast schon gespenstische Beständigkeit, mit der das Bulletin of the Atomic Scientists seit 1947 den Takt unserer möglichen Vernichtung vorgibt. Gegründet von jenen Köpfen, die im Manhattan-Projekt das atomare Feuer entfachten und danach über ihr eigenes Werk erschraken – darunter Kaliber wie Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer –, ist das Bulletin weit mehr als ein bloßer Thinktank. Es ist das institutionalisierte schlechte Gewissen der Moderne. Die Wissenschaftler*innen rund um die heutige Präsidentin Alexandra Bell haben nun das getan, was sie seit Jahrzehnten als ihre Pflicht begreifen: Sie haben die Welt vermessen und festgestellt, dass wir so kurz vor dem Abgrund stehen wie nie zuvor. 85 Sekunden bis Mitternacht – eine Zeitspanne, in der man kaum einen Espresso trinkt, die aber nun über das Fortbestehen unserer Zivilisation entscheiden soll.

In ihrer aktuellen Pressemitteilung vom 27. Januar 2026 sprechen sie unumwunden von einem Führungsunfall. Es ist eine scharfe, fast schon verzweifelte Anklage gegen die globale politische Trägheit. Die Geschichte des Bulletins war immer eine der Mahnung, doch die aktuellen Bezüge, die in der Mitteilung angeführt werden, lesen sich wie ein Protokoll des multiplen Versagens. Da ist zum einen das nukleare Säbelrasseln, das an die dunkelsten Stunden des Kalten Krieges erinnert. Wenn am 5. Februar 2026 der New-START-Vertrag ausläuft, stehen die Großmächte ohne die letzten verbliebenen Leitplanken der Rüstungskontrolle da. Die Pressemitteilung zitiert hierzu besorgniserregende Entwicklungen: Die Arsenale in den USA, Russland und China werden modernisiert, statt abgebaut. Man befindet sich in einem rüstungspolitischen Blindflug, während Nordkorea und der Iran die Spannungen weiter verschärfen.

Doch das Bulletin blickt über die Raketensilos hinaus. Die Klimakrise wird als zweiter apokalyptischer Reiter benannt, dessen Hufeisen die Erde bereits tief zerfurchen. 38,1 Milliarden Tonnen CO2 – ein Rekordwert der Schande, der auch als Beleg für die mangelnde Umsetzung internationaler Abkommen dient. Dass die aktuelle US-Regierung der globalen Klimapolitik faktisch den Rücken gekehrt hat, markiert für die Forscher*innen einen fatalen Rückschritt, der die ohnehin knappe Zeit weiter verkürzt.

Besonders hellhörig macht eine neue Dimension der Bedrohung, die das Bulletin unter dem Begriff Informations-Armageddon zusammenfasst. Die Nobelpreisträgerin Maria Ressa wird in der Mitteilung eindringlich zitiert: Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz zersetze unsere gemeinsame Faktenbasis. Wenn Desinformation zur universellen Währung wird, verlieren wir die Fähigkeit, globale Probleme überhaupt noch gemeinsam zu adressieren. In einer Welt, in der die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge durch Algorithmen aufgelöst wird, erlahmt der Widerstand gegen existenzielle Gefahren. Sogar vor den Risiken der synthetischen Biologie wird gewarnt – die Rede ist von der Erschaffung von Spiegelleben, einer Technologie, die unsere biologische Sicherheit vor völlig neue, ungelöste Herausforderungen stellt.

Wozu also dieser martialische Akt des Zeigerrückens? Die Pressemitteilung ist kein Abgesang, sondern ein dringlicher Handlungsaufruf, der klare Adressaten hat: Die Staatschefs der drei großen Atommächte – die USA, China und Russland – werden direkt in die Pflicht genommen. Sie müssen an den Verhandlungstisch zurückkehren, um neue Rüstungsabkommen zu schmieden, bevor die letzte Sicherung durchbrennt. Die Handlungsempfehlungen sind so konkret wie radikal: Eine Renaissance der Diplomatie, eine Rückkehr zu wissenschaftsbasierten Entscheidungen in der Klimapolitik und die Schaffung globaler Leitplanken für die KI.

Die 85 Sekunden sind ein gellender Weckruf an uns alle, die Schläfrigkeit abzulegen. Die Wissenschaftler*innen des Bulletins erinnern uns daran, dass wir die Schöpfer*innen dieser Krisen sind und somit auch die Einzigen, die sie bändigen können. Es ist Zeit, die Bequemlichkeit der Ignoranz gegen eine neue Wachheit einzutauschen.

Wir haben vielleicht viel Zeit vertan, aber die letzte Minute gehört uns! Wenn wir uns endlich auf die Socken machen, statt im Angesicht der Katastrophe einfach weiterzuschlummern …

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Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl https://www.tiefgang.net/ein-club-ist-mehr-als-seine-dezibelzahl/ Fri, 16 Jan 2026 15:18:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13122 [...]]]> Die Stadt ist ein empfindliches Ökosystem, ein Geflecht aus Sehnsüchten, die oft diametral entgegengesetzt verlaufen. Und so wird oft gefragt: Lärm oder laut?

Während die einen das pulsierende Leben, den Bass in der Magengrube und die ekstatische Gemeinschaft der Clubkultur suchen, fordern die anderen das Recht auf nächtliche Ruhe in ihren immer teurer werdenden Eigentumswohnungen. In diesem Spannungsfeld zwischen Kulturgenuss und Ruhebedürfnis setzt nun ein neues Förderprogramm des Bundesbauministeriums an, das die Koexistenz von Clubkultur und Wohnen technisch untermauern soll.

Das Bundesprogramm Schallschutz, kurz BSSP, zielt darauf ab, die bauliche Resilienz der Livemusikspielstätten zu stärken. Es ist ein spätes Eingeständnis der Politik, dass Clubs nicht bloße Vergnügungsstätten, sondern schützenswerte Kulturorte sind. Über die Initiative Musik werden Mittel bereitgestellt, um Clubbetreiber*innen bei kostspieligen Schallschutzmaßnahmen zu unterstützen. Das Spektrum reicht von baulichen Veränderungen an Fassaden und Dächern bis hin zur Installation hochmoderner, limitergesteuerter Soundsysteme. Es geht darum, den Schall dort zu halten, wo er hingehört: im Inneren des Clubs, weg von den Ohren der Nachbar*innen.

Hamburg ist für diese Problematik ein historisch gewachsenes Laboratorium. Die Hansestadt hat in der Vergangenheit schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn die Verdrängung durch Lärmbeschwerden und Gentrifizierung ungebremst voranschreitet. Man denke an das Molotow, das bereits mehrfach seinen Standort wechseln musste, oder an die langwierigen Debatten rund um die Sternbrücke. Hier kollidieren die Interessen der Stadtentwicklung massiv mit der gewachsenen Subkultur. Oft reichte die Beschwerde einer einzelnen Person aus der neu zugezogenen Nachbarschaft, um traditionsreiche Orte an den Rand des Abgrunds zu treiben. Die Schließung des Golem am Fischmarkt oder die Konflikte um die Clubnutzung auf der Elbinsel Wilhelmsburg sind weitere Mahnmale einer Stadtplanung, die den Schallschutz zu lange als Privatvergnügen der Veranstalter*innen begriffen hat.

Mit dem neuen Förderprogramm wird die technische Aufrüstung nun zur kulturpolitischen Strategie. Es ist ein Versuch, den Gordischen Knoten aus Lärmschutzverordnung und Kulturerhalt zu durchschlagen. Dass dies notwendig ist, zeigt der Blick in die Praxis: Bauliche Maßnahmen zur Schalldämmung sind für die meisten Betreiber*innen kleinerer Läden ohne staatliche Hilfe schlicht nicht finanzierbar. Die Initiative Musik übernimmt hier eine zentrale Rolle bei der Verteilung der Gelder, um sicherzustellen, dass nicht nur die großen Player, sondern auch die für das Stadtklima so wichtigen Nischenorte profitieren.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob die bauliche Trennung von Innen und Außen ausreicht, um den sozialen Frieden im Quartier zu sichern. Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl; er ist ein Ort der Begegnung, der auch vor der Tür stattfindet. Schallschutzfenster helfen gegen den Bass, aber kaum gegen die angeregten Gespräche der Besucher*innen auf dem Gehweg. Das Förderprogramm ist daher ein wichtiger Schritt, doch die eigentliche Aufgabe für die Stadtplaner*innen und Kulturschaffenden bleibt die Moderation zwischen den verschiedenen Lebensentwürfen in einer immer enger werdenden Stadt.

Aber auch für Hamburgs Clublandschaft könnte dieses Programm eine Atempause bedeuten. Es gibt den Betreiber*innen die Möglichkeit, proaktiv zu handeln, bevor das erste Ordnungsgeld fällig wird. In einer Zeit, in der jeder Quadratmeter umkämpft ist, ist die Investition in Stein, Wolle und Glas letztlich eine Investition in die Freiheit der Kunst. Denn nur wenn der Lärm draußen bleibt, darf es drinnen weiterhin laut und lebendig zugehen.

Alle Infos zum Förderprogramm hier: www.initiative-musik.de

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Die Steuergeld-Festspiele https://www.tiefgang.net/die-steuergeld-festspiele/ Fri, 10 Oct 2025 22:51:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12616 [...]]]> Der Bund der Steuerzahler (BdSt) hat sein neues Schwarzbuch rausgehauen. Man wünschte sich, Politik würde auch mal hineinschauen …

Ja, es ist ein bisschen wie das jährliche Bashing-Ritual. Man weiß, dass der BdSt seine Klientel bedienen will – ein bisschen populistischer Zorn auf die Obrigkeit schadet nie. Aber ganz ehrlich: Wer die Fälle liest, merkt schnell, es ist nicht nur ein Buch der Wut, sondern ein trauriger Beweis dafür, dass der Staat uns zum Sparen anhält, wenn es um soziale Wohltaten geht, aber selbst mit der vollen Schaufel in den Wind schanzt.

Das eigentliche Problem hat einen Namen: „Folgekostenfalle“. Die Politik sieht nur die prächtigen Einweihungen von Neubauten. Was der Betrieb, das Personal und die Wartung über Jahrzehnte kosten, wird systematisch ignoriert. Das ist keine Verwaltungsmacke, das ist eine Hypothek für die nächste Generation.

Die Summe des Irrsinns: Über 1,3 Milliarden Euro im Nu verpulvert

Wenn wir mal grob die größten Posten zusammenzählen, die im Schwarzbuch mit einer konkreten Zahl genannt werden, kriegt man Kopfschmerzen:

  • Bundeskosten-Wahnsinn: Das Kanzleramt lässt sich für über 800 Millionen Euro um 400 Büros erweitern. Der Bundespräsident zieht sich einen 180-Büro-Interimssitz für stolze 205 Millionen Euro daneben. Macht allein beim Bund über 1 Milliarde Euro für zusätzliche Beamtenzimmer.
  • Hamburgs Beitrag zur Pracht: Die Hansestadt steht mit Fällen im Gesamtwert von über 311,5 Millionen Euro in den Büchern. Das ist der Löwenanteil der Stadtbeteiligung an der jahrelangen Hängepartie um die Oper.

Gesamtbilanz der quantifizierten Fälle: Wir sprechen hier von einem Volumen von über 1,3 Milliarden Euro, die der Bund der Steuerzahler exemplarisch als Steuergeldverschwendung anprangert.

Gerade Hamburg liefert einen schmerzhaft klaren Beweis dafür, dass der hanseatische Kaufmannsgeist an der Elbe anscheinend keinen Beamtenjob bekommen hat. In der „schönsten Stadt der Welt“, die so frei und hanseatisch ist, sitzt das Geld offenbar so locker wie die Hosen in den Sommerferien. Neben der sündhaft teuren Opern-Debatte stechen drei Fälle heraus, die den Appetit auf das kostenlos beziehbare Buch steigern sollen:

  1. Das Geister-Museum: Das geplante Hafenmuseum. Da will man ein Prestigeprojekt, aber es gibt weder einen Entwurf noch einen Zeitplan. Trotzdem frisst das Projekt schon jetzt erhebliche Personalmittel. Der BdSt nennt es bereits jetzt eine der teuersten Fehlplanungen Hamburgs. Das ist die reinste Subventionierung von Planungschaos. Da kann man sich nur bei Johannes Kahrs – kennt den noch wer? – bedanken und ihm mit dem Museum – so es denn kommt – ein Mahnmal setzen.
  2. Der 35.000-Euro-Hüpfer: Ein kleiner, aber feiner Beweis für die Sorgfalt im Detail. Ein zeitlich befristeter Mini-Spielplatz an der Mönckebergstraße inmitten  der Innenstadt für 35.000 Euro. Da weiß man wenigstens, dass die Kleinstprojekte genauso verschwendet werden wie die Milliarden-Projekte.
  3. Die Elbvertiefung für Frösche: Ein weiterer Fall, der zeigt, wie es in Deutschland zugeht, ist die Kostenexplosion beim „Krötentunnel“ – obwohl dies nicht nur Hamburg betrifft, steht es symbolisch für die unaufhaltsame Baupreissteigerung und Mehrkosten bei Kleinstprojekten.

Man könnte ja auch mal etwas Sinnvolles tun

Das Beste am Schwarzbuch ist ja, dass es nicht nur meckert, sondern auch sagt, wo das Geld besser aufgehoben wäre. Die Alternativen, die der BdSt auflistet, sind der eigentliche Witz an der Sache, weil sie so offensichtlich sind:

  • Besser als Hafenmuseum: Anstatt das Hafenmuseum zu bauen, könnte man die 311,5 Millionen Euro (die städtische Beteiligung an der Oper) besser in den Erhalt und die Sanierung der alten Oper stecken. Oder, noch besser: Mit den 500 Millionen Euro, die im Kontext des Hafenmuseums genannt werden, ließen sich alle bestehenden Hamburger Museen grundsanieren. Aber wer will schon funktionierende Museen, wenn er ein neues Denkmal des Chaos haben kann?
  • Besser als Namenswechsel: Im Norden wollte man den Namen eines Landesbetriebs ändern. Kostenpunkt: 210.000 Euro für Schilder und Briefbögen. Die Alternative? Für die 210.000 Euro könnten vier Straßenwärter ein Jahr lang Radwege und Straßen pflegen.
  • Besser als sinnfreie Bürokratie: Hätte man die 1,43 Millionen Euro aus einem anderen Fall genommen, hätte man die Stadt Borken mit für jeden Schüler einem Tablet ausstatten können.

Das ist das Muster: Auf der einen Seite die Millionen für Luxus-Büros und Luftschlösser (wie die Erweiterung des Bundestages auf 500 Mandate würde Milliarden sparen), auf der anderen Seite das Management von Mangel, wo das Geld dringend gebraucht wird.

Die Lektion ist klar: Die Regierung mahnt zum Sparen und streicht dafür die kleinen, sozialen Posten zusammen. Gleichzeitig zimmern sich Bundes- und Landesregierungen gigantische, langfristige Schuldenfallen, die wir alle über Jahrzehnte bezahlen werden. Und das ist leider kein Witz mehr. Wenn Sie jetzt einen Kloß im Hals haben – der BdSt bietet das Schwarzbuch kostenlos an. Lesen Sie selbst. Und dann weinen Sie. Download hier.

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Ende der Illusionen! https://www.tiefgang.net/ende-der-illusionen/ Fri, 12 Sep 2025 22:09:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12439 [...]]]> Es gab eine Zeit, da lag ein Zauber in der Luft. Ein Traum, der so groß und so kühn war wie der Koloss, den er zu beleben suchte. Es war die Vision eines „Third Place“ für Harburg.

So beschwor ihn die Kollegin der Kolumne, Clara Klatsch, einst – ein Ort der Begegnung, der Kreativität, der Kultur, direkt im Herzen des Bezirks. Nun ist dieser Traum zerplatzt. Mit einer knappen, aber unmissverständlichen Pressemitteilung hat das Netzwerk SuedKultur den Stecker gezogen. Nach mehr als 300 unentgeltlich ehrenamtlich geleisteten Stunden ist das Kapitel Karstadt für sie beendet. Es ist das traurige Ende eines Prozesses, der nie so richtig begonnen hat.

Die Erzählung begann im April 2024 mit einer hoffnungsvollen Nachricht: Die Stadt Hamburg hatte das ehemalige Karstadt-Kaufhaus am Harburger Ring gekauft. Der Senat versprach, die Schlüsselimmobilie im Herzen des Bezirks zu einem neuen, lebendigen Viertel zu entwickeln. Kurze Zeit später, im Juni 2024, wurden die Kulturschaffenden von SuedKultur angefragt. Ihre Aufgabe: Ideen liefern, die das damals völlig leere Gebäude kulturell beleben könnten. Die Motivation war enorm. Mehr als 20 Vorschläge wurden erarbeitet, gut 7.000 Quadratmeter wären planbar gewesen. Dabei Musikproberäume, eine aktives Spielemuseum, eine interaktives Kino, die Modelleisenbahn des Museums für Hamburgische Geschichte, die Staatliche Jugendmusikschule, die Volkshochschule, Kunst, Literatur, Treffpunkte … Und es schien, als würde das Projekt mit dem Arbeitstitel „SuedStadt“ eine neue Ära für Harburgs Kultur einläuten.

Doch die Hoffnung verflüchtigte sich schnell. Im Herbst 2024 wurde aus dem Traum ein Schatten. Erste Berichte sprachen von den „Karstadt-Geistern“: fehlende Transparenz, unklare Kosten und eine scheinbar undurchsichtige Verwaltung. Während in Hamburgs Innenstadt der temporäre Gebrauch des ehemaligen Karstadt Sport-Gebäudes als vorbildliches Modell mit klarem Mandat und einem Millionenbudget gefeiert wurde, herrschte in Harburg der „Blindflug“. Die Harburger Linken-Fraktion kritisierte das Fehlen von Haushaltsgeldern für die soziokulturelle Zwischennutzung.

Zwischendurch gab es kleine Lichtblicke. Das „Schau-Fenster der Stadtentwicklung“ erhellte die leeren Ladenfronten, und im Dezember 2024 wurde bekannt, dass das Archäologische Museum tatsächlich in das Erdgeschoss ziehen würde. Dies war eine willkommene Belebung, doch es blieb ein Projekt für eine einzige Etage, keine große, transformative Vision.

Der wahre Einschnitt kam im September 2025: die erfahrene Hamburg Kreativ Gesellschaft zog sich zurück. Der Boden, der unter den Füßen der Kulturschaffenden ohnehin schon wackelig war, gab nach. Plötzlich sollte SuedKultur die „konzeptionelle Lücke“ schließen – aber ohne klare Rollendefinition und ohne einen Finanzierungsvorschlag für die enormen Aufwände.

Die Pressemitteilung von SuedKultur ist nun die logische, wenn auch traurige Konsequenz dieser Entwicklung. Man hat sich nach einem Jahr des Wartens und der Frustration einstimmig entschieden, nicht mehr als „bündelnder Partner“ zur Verfügung zu stehen. Das war keine spontane Entscheidung, sondern das Ende eines Prozesses, der von unklaren Rahmenbedingungen und fehlender finanzieller Unterstützung geprägt war. Der Wunsch, einen Ort für alle zu schaffen, ist gescheitert an den nüchternen Realitäten von mangelndem Mandat und fehlendem Geld.

Die Vision von einem Harburger „Third Place“ bleibt somit eine verpasste Chance. Eine von vielen in Harburgs Stadtentwicklung! SuedKultur will sich nun wieder verstärkt dem Konkreten widmen: Ergebnisse des Runden Tisches Kultur vom letzten Jahr aufarbeiten und in die Umsetzung bringen. Es wäre zu wünschen, dass Politik und Verwaltung hier mehr zu Ergebnissen beizutragen haben.

Die Pressemitteilung im Wortlaut:

SuedKultur zieht sich aus dem Prozess der soziokulturellen Zwischennutzung für das ehemalige Karstadt-Gebäude zurück

Nach mehr als 300 ehrenamtlich geleisteten Stunden, über 20 Ideen, sehr vielen Gesprächen und einem ganzen Jahr Wartezeit, hat sich das Netzwerk der Kulturschaffenden im Bezirk Harburg am vergangenen Mittwochabend einstimmig dafür entschieden, nicht mehr für weitere konzeptionelle Arbeiten im ehemaligen Karstadt Gebäude zur Verfügung zu stehen.

Im Juni 2024 wurde SuedKultur vom Bezirksamt angefragt, ob es Ideen aus dem Netzwerk gibt, wie man die große Fläche des damals völlig leerstehenden Gebäudes kulturell beleben könnte. Sehr kurzfristig hat SuedKultur über 20 Ideen formuliert und an die Verantwortlichen bei der Sprinkenhof GmbH gesendet. Das Angebot seitens SuedKultur diese Vorschläge gemeinsam konzeptionell zu entwickeln, wurde leider in den folgenden 12 Monaten nicht angenommen.

Der Wunsch von SuedKultur, die erfahrene Hamburg Kreativ Gesellschaft einzubinden, wurde geprüft – am Ende scheiterte es aber an einem mangelnden Mandat, einer klaren Rolle und nicht zuletzt an der Finanzierung. Im Laufe des über 12 monatigen Prozesses wurden zwar Flächen an verschiedene Einzelhändler vergeben, die Ideen von SuedKultur aber leider nie berücksichtigt.

Nach dem Rückzug der Hamburger Kreativ Gesellschaft sollte nun SuedKultur die entstandene konzeptionelle Lücke schließen – leider ohne klare Rollendefinition und ohne einen Finanzierungsvorschlag der dadurch entstehenden enormen Aufwände.

Ein Teil der damaligen Interessenten zur kulturellen Nutzung, sind zu dem heute entweder bereits woanders untergekommen oder möchten in dem aktuell entstandenen, teils noch unklaren Gemisch aus Einzelhandelsflächen und Soziokultur, ihr Angebot nicht aufrechterhalten.

SuedKultur bedauert die Entwicklung sehr, gab es doch im Frühjahr kurzzeitig noch sehr positive Signale. Ideen waren vor 12 Monaten da und auch ein enorm hohes Maß an Motivation. Die lange Zeit, die unklaren, sich verändernden Rahmenbedingungen und fehlende finanzielle Unterstützungen führen aber nun zu dieser traurigen Entscheidung.

Ungeachtet des Rückzugs von SuedKultur steht es jedem einzelnen Kulturschaffenden natürlich frei, sich eigenständig um Flächen zu bewerben. Als bündelnder Partner aber ist SuedKultur nicht mehr verfügbar. Es gibt aktuell Bestrebungen die verbliebenen Interessenten in einer Arbeitsgemeinschaft außerhalb von SuedKultur zu sammeln. SuedKultur begrüßt das Vorgehen und hofft, so zumindest ein wenig beitragen zu können, Kultur in Harburgs zentralste Immobilie zu bringen.

SuedKultur wird sich weiterhin um die kulturelle Entwicklung im Bezirk und Landkreis Harburg bemühen und sich nun verstärkt um eine praktische Umsetzung der erarbeiteten Ziele des Runden Tisches Kultur kümmern.

SuedKultur ist ein seit 2007 agierendes Netzwerk aus Kulturschaffenden in der gesamten Süderelberegion und Wilhelmsburg. Mehr zu SuedKultur unter www.sued-kultur.de.

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Gelobt sei, was hilft? https://www.tiefgang.net/gelobt-sei-was-hilft/ Fri, 06 Jun 2025 22:02:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11914 [...]]]>

Die Corona-Pandemie stellte Deutschland vor eine Zerreißprobe, deren Ausmaß in der Nachkriegsgeschichte beispiellos war. Nun veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium eine erste Evaluation. 

Die seinerzeitige Bundesregierung reagierte zur Pandemie mit einem Bündel an Wirtschaftshilfen, um die ökonomischen Schäden zu begrenzen. Eine erste Evaluation des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) kommt nun zu einem überwiegend positiven Schluss. Doch ein genauerer Blick offenbart ein differenzierteres Bild.

Laut dem BMWE haben die Hilfen grundsätzlich funktioniert. Die Evaluation kommt zu dem Ergebnis, dass die Programme dazu beitrugen, die Existenz von Unternehmen zu sichern, die deutsche Wirtschaft zu stabilisieren und eine rasche Erholung nach dem Lockdown zu ermöglichen. „Die Ziele der Hilfen wurden erreicht“, heißt es im Bericht. Das Ministerium betont, dass mit den Hilfen rund 136.000 Unternehmen sowie die Arbeitsplätze von etwa 283.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gerettet werden konnten.

Kleinstbetriebe im Fokus, Soloselbstständige im Zwielicht

Unbestritten ist, dass ein Großteil der Hilfen bei Kleinst- und Kleinunternehmen ankam. Gerade Soloselbstständige, oft das Rückgrat der Kultur- und Kreativwirtschaft oder der Dienstleistungsbranche, profitierten von den Neustarthilfen. Doch hier liegt auch ein kritischer Punkt: Die Evaluation lässt die spezifische Situation dieser Gruppe teilweise im Unklaren.

Während das BMWE die rasche Auszahlung der Hilfen als Erfolg feiert, bleibt die Frage der Rückzahlungen ein Damoklesschwert. Die Schlussabrechnung der Überbrückungs- und außerordentlichen Wirtschaftshilfen ist noch nicht abgeschlossen. Das bedeutet, dass viele Empfänger*innen noch nicht wissen, ob und in welcher Höhe sie Gelder zurückzahlen müssen. Gerade für Soloselbstständige, die oft mit geringen Margen arbeiten, kann dies existenzbedrohend sein.

Prüfende Dritte – Segen oder Fluch?

Die Einbindung von Steuerberater*innen, Wirtschaftsprüfer*innen und Rechtsanwält*innen als „prüfende Dritte“ sollte die Antragsverfahren absichern. Laut Evaluation trugen sie zur Verbesserung der Datenqualität bei. Kritiker*innen halten jedoch dagegen, dass dies die Verfahren unnötig verkomplizierte und Soloselbstständige zusätzlich belastete, die ohnehin schon mit den bürokratischen Hürden zu kämpfen hatten.

Das BMWE betont, dass Deutschland im internationalen Vergleich angemessen auf die Krise reagiert habe. Zuschussprogramme seien ein probates Mittel gewesen, um Umsatzverluste zu kompensieren. Doch auch andere Länder hatten ihre eigenen Strategien, und ein tiefergehender Vergleich könnte wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Krisen liefern.

Ein Erfolg mit Fragezeichen

Die Corona-Wirtschaftshilfen waren zweifellos ein wichtiges Instrument zur Krisenbewältigung. Die Evaluation des BMWE zeichnet ein überwiegend positives Bild. Doch es bleiben Fragen offen. Insbesondere die Situation der Soloselbstständigen und die Unsicherheit bezüglich der Rückzahlungen erfordern eine differenzierte Betrachtung. Ob die Hilfen wirklich nachhaltig gewirkt haben, wird sich erst in der Langzeitperspektive zeigen.

Die Evaluation findet sich hier.

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