Gerd Bernecke https://www.tiefgang.net Fri, 10 Jul 2026 16:11:49 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Die verlorene Lesewelt https://www.tiefgang.net/die-verlorene-lesewelt/ Sun, 12 Jul 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14165 [...]]]> Wer die sozialen Medien scrollt, stößt oft auf den Ratschlag, seine Zeit lieber effizient zu nutzen statt in einem dicken Buch zu versinken. Der Verzicht auf Literatur als moderner Lifestyle. Doch die neuesten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollte man schon noch gelesen haben …

Denn sie zeichnen ein düsteres Bild dieser digitalen Selbstoptimierung: In der Altersgruppe der Zehn- bis Fünfzehnjährigen ist die Zahl der Buchkäufer*innen binnen eines Jahres um alarmierende 30,6 Prozent eingebrochen. Was also als digitale Freiheit getarnt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eher besorgniserregender Rückzug aus der analogen Welt der Reflexion. Wir erleben derzeit, wie ein Stück unserer immateriellen Infrastruktur wegbricht – und damit eine der zentralen Säulen unserer demokratischen Urteilsfähigkeit.

Wenn wir von einer „Lesekrise“ sprechen, meinte man früher oft das Feuilleton-Geplänkel über die Sinnhaftigkeit postmoderner Literatur. Heute meinen wir vielmehr das nackte Überleben eines Kulturmediums in den Händen der nächsten Generation. Die Zahlen des Börsenvereins – ein Einbruch von 30,6 Prozent bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen – sind kein statistisches Rauschen mehr. Sie sind der Ausdruck einer Entfremdung, die sich bereits schleichend vollzogen hat.

Fragt man nach den Gründen, blickt man oft auf eine digitale Wand. Jugendliche verbringen heute Stunden in einer Welt, die keine Pausen für den langen Atem eines Buches lässt, sondern auf die sofortige Belohnung durch den Algorithmus setzt. Doch greift die Kritik an den sozialen Medien als alleinige Sündenböcke zu kurz. Uwe Ebbinghaus bringt in seinem Kommentar „Challenge Buchkauf“ (FAZ vom 10.07.2026) eine interessante Facette in die Debatte: Er konstatiert, dass wir den „analogen Muskel“ des Lesens im Alltag verkümmern lassen. Das Buch ist für den Heranwachsenden, der sich in der Unendlichkeit des Feeds verliert, zu einer „Challenge“ geworden – einem Hindernislauf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, schlägt einen schärferen Ton an und verweist auf die bildungspolitischen Trümmerhaufen. Wenn ein Viertel der Grundschulabgänger*innen nicht mehr sinnerfassend lesen kann, dann haben wir nicht nur ein Problem mit der Lesekompetenz, sondern ein massives Problem mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Hier bricht etwas weg, das Guggolz treffend als „immaterielle Infrastruktur“ bezeichnet – ein Begriff, der das Buch nicht als Ware, sondern als geistiges Leitungsnetz unserer Demokratie begreift.

Ist das Buch für die heutigen Zehn- bis Fünfzehnjährigen also nur noch ein „fremdes Objekt“ in einer Welt, die sich längst in Pixeln organisiert hat, oder unterschätzen wir die Sehnsucht nach echter, analoger Tiefe, die unter der Oberfläche der digitalen Betriebsamkeit vielleicht doch noch existiert?

Zwischen New-Adult-Hype und komplettem Rückzug

Es ist ein Paradoxon, das uns dieser Tage vor Augen geführt wird: Während der Buchmarkt insgesamt einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent hinnehmen muss, gleicht die Belletristik einer kleinen, trotzigen Insel der Seligen. Hier wachsen die Genres Young Adult und New Adult – wir sprechen von jenen pastellfarbenen, emotional aufgeladenen Welten, die auf Plattformen wie TikTok unter dem Hashtag #BookTok einen regelrechten Kultstatus genießen.

Doch darf man sich von diesem glitzernden Fassadenanstrich täuschen lassen? Tillmann Neuscheler zeigt in seiner Analyse („Der Buchmarkt verliert seine jüngsten Käufer“, FAZ vom 09.07.2026), dass der Erfolg dieser spezifischen Segmente zwar ein Leuchtfeuer ist, aber eben nicht den gesamten Markt wärmt. Wir sehen hier eine gefährliche Konzentration: Verlage setzen immer stärker auf die Backlist – also jene Bücher, die sich bereits bewährt haben –, weil das Risiko bei neuen Titeln angesichts der allgemeinen Verbraucherunsicherheit kaum noch kalkulierbar scheint. Die Zahl der Novitäten ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent eingebrochen.

Das ist ein Kulturverlust in Zeitlupe. Wenn wir uns nur noch an das halten, was wir kennen, stirbt das Wagnis der literarischen Neuentdeckung. Die Belletristik floriert zwar, doch das Sachbuch verliert fünf, Ratgeber sogar acht Prozent an Umsatz. Wir kaufen mehr vom Gleichen, statt uns im Fremden zu verlieren. Der Boom der New-Adult-Literatur könnte wie ein Beweis dafür herkommen, dass die Jugend das Lesen gar nicht aufgegeben hat – doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Es ist eine Nischenblüte, kein Markttrend. Wenn wir das Lesen nicht mehr als Werkzeug der Teilhabe begreifen, verliert unsere Demokratie ihren Nährboden.

Der Wert des Vorlesens

Wenn wir über den Schwund der Lesekompetenz klagen, blicken wir oft nur auf die Ziffern. Doch das eigentliche Drama spielt sich dort ab, wo keine Kamera dabei ist: im Kinderzimmer. Was geschieht, wenn die ersten Impulse fehlen? Ebbinghaus kritisiert zurecht in der FAZ die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das Programm „Lesestart 1-2-3“ auslaufen zu lassen. Dieses Programm sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt, und stärkte so die frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse. Der „Vorlesemonitor“ liefert dazu die bittere Bestätigung: Über 30 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren bekommen nie oder selten vorgelesen.

Man muss sich das einmal plastisch ausmalen: Das Vorlesen ist kein bloßes Ritual der Entspannung; es ist die erste Begegnung mit der menschlichen Fähigkeit, Welten zu erschaffen, ohne ein einziges Pixel zu bemühen. Es ist die Einübung in das geduldige Zuhören. Das Lesen ist nicht nur ein privates Vergnügen; es ist ein bürgerschaftliches Training. Wer sich als Kind in der Unendlichkeit eines Buches verlieren durfte, der weiß, dass es mehr als eine Wahrheit gibt – eine Erkenntnis, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung so wertvoll ist wie nie zuvor.

Literatur wird mobil

Während wir also um das gedruckte Wort bangen, vollzieht sich eine ästhetische Verschiebung, die wir als Feuilletonist*innen schon länger aufmerksam beobachten: Das Hörbuch hat sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem veritablen Wachstumsgaranten geworden. Mit einem Zuwachs von fast vier Prozent bei den Hörbuchkäufer*innen zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Erzählungen keineswegs erloschen ist – es hat nur das Medium gewechselt.

Doch ist das Hören nur ein Ersatz für das Lesen? Oder erleben wir hier eine neue Form der literarischen Aneignung? Die Stimme einer Sprecher*in verleiht einem Text eine körperliche Präsenz, die das reine Schriftbild manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Doch wir müssen kritisch fragen: Entzieht uns das bloße Konsumieren per Streaming die Konzentrationsfähigkeit, die das gedruckte Buch – die vertiefte Lektüre – fordert? Das Buch verlangt eine Entscheidung, einen Rückzug, eine Stille, die wir aktiv herstellen müssen. Die Branche setzt auf bewährte Klassiker, auf die sogenannte Backlist, während neue Stimmen es schwerer haben, den Weg in die Ohren des Publikums zu finden.

Debattenräume unter Druck

Wir haben den Blick auf die Umsätze und die jungen Käufer*innen gerichtet, doch wir müssen das Bild weiten. Buchhandlungen sind in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Echokammern und digitale Filterblasen zurückzieht, zu den letzten echten Debattenräumen geworden. Wenn aber die Konjunktur schwächelt und die Verbraucher*innen verunsichert sind, wie Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, zu bedenken gibt, dann trifft es ausgerechnet diese Orte vor Ort am härtesten.

Warum lassen wir zu, dass die Orte des freien Geistes unter dem ökonomischen Druck erodieren? Wenn Buchhändler*innen ihre Läden schließen müssen, verschwindet nicht nur ein Geschäft – es verschwindet eine Begegnungsstätte, die uns lehrt, mit Ambivalenzen und komplexen Narrativen zu leben. Wir sollten den „langsamen Genuss“ des gedruckten Wortes wieder in den Mittelpunkt stellen, nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Werkzeug für die Zukunft. Bücher sind unsere Schutzschilde gegen die Polarisierung.

Greifen Sie zum Buch, diskutieren Sie es, lassen Sie sich darauf ein! Es ist ein Akt, der sich beliebig oft wiederholen lässt und dessen Wirkung auf unsere gesellschaftliche Urteilsfähigkeit unbezahlbar ist.

Weitere Informationen des Deutschen Börsenvereins: www.boersenverein.de


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Durch Kultur die Welt neu erfunden https://www.tiefgang.net/durch-kultur-die-welt-neu-erfunden/ Fri, 17 Apr 2026 10:15:38 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13642 [...]]]> Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 1951. Deutschland liegt moralisch und physisch in Trümmern, das Vertrauen der Welt ist verspielt. In dieser frostigen Atmosphäre der Nachkriegszeit entsteht eine Institution, die heute, 75 Jahre später, als der wohl wichtigste Seismograph deutscher Identität im Ausland gilt. Das Goethe-Institut.

Jetzt feiert es Jubiläum, und wer genau hinschaut, erkennt: Hier wurde nicht nur Sprache vermittelt, sondern ein ganzes Land Stück für Stück neu erfunden. Vom steifen Kulturexport der Anfangstage bis zum mutigen Netzwerk für Freiheit und Nachhaltigkeit heute ist es eine Reise, die uns viel über unsere eigene Wandlungsfähigkeit verrät.

In den frühen Jahren ging es vor allem darum, ein anderes Deutschland zu zeigen. Man schickte Musiker*innen und Dichter*innen in die Welt, um den tiefen Schatten der Vergangenheit mit Hochkultur zu vertreiben. Doch das Institut blieb nicht in der musealen Pflege stecken. Mit den 1970er Jahren und den weltweiten Studierendenbewegungen wurde es politischer, kritischer und vor allem dialogorientierter. Es ging nicht mehr nur darum, was wir der Welt zu sagen hatten, sondern was wir von ihr lernen konnten. Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 öffnete Türen im Osten, die heute, in Zeiten neuer geopolitischer Spannungen, wichtiger sind denn je. In 75 Jahren hat sich das Goethe-Institut vom reinen Sprachlehrer zum globalen Moderator entwickelt, der dort Räume öffnet, wo sie anderswo oft geschlossen werden.

Ein besonders faszinierendes Beispiel für diese Neuerfindung ist der aktuelle Neubau in Dakar. Wer die Entwürfe des Pritzker-Preisträgers Francis Kéré sieht, spürt sofort eine neue Energie. Diese Architektur aus nachhaltigen Lehmziegeln ist ein klares Statement: Hier wird nicht einfach ein deutsches Gebäude in den Senegal gesetzt. Hier verschmelzen lokale Bautraditionen mit internationalem Anspruch. Es ist ein Ort der Begegnung, der Öffentlichkeit und Partizipation zusammendenkt.

Doch man darf dabei ruhig einen zweiten, neugierigen Blick riskieren. Es ist kein Geheimnis, dass ein solcher Standort in Westafrika auch als politisches Rahmenprogramm neuer Wirtschaftsbeziehungen fungiert. In den aktuellen Verlautbarungen fällt ganz offen der Begriff der Fachkräftemigration. Das Goethe-Institut agiert hier als Scharnier: Es bereitet Menschen sprachlich und kulturell auf einen Weg nach Deutschland vor, während es gleichzeitig die lokale Kulturszene stärkt. Das wirft spannende Fragen auf: Ist das noch reine Kulturarbeit oder bereits eine moderne Form der Soft Power, die wirtschaftliche Interessen mit kultureller Augenhöhe verknüpft? Es ist ein mutiger Spagat zwischen Idealismus und den Realitäten einer globalisierten Arbeitswelt.

Ein Jubiläum als Seismograph der Freiheit

Das Motto Wir in der Welt zieht sich wie ein roter Faden durch das Jubiläumsjahr 2026. Es geht dabei nicht um Selbstbeweihräucherung, sondern um das Sichtbarmachen von Verbindungen. Das Programm ist so vielfältig wie das Netzwerk selbst: In Berlin wird die Internationale Bibliothek der Dinge eröffnet, die 75 Gegenstände aus 62 Ländern zeigt – ein globales Schaufenster gelebter Nachhaltigkeit. Es gibt Literaturgespräche unter dem Titel Goethes Diwan und einen exklusiven Abend mit der Choreografin Sasha Waltz.

Was all diese Veranstaltungen eint, ist der Fokus auf die Freiheit. Die Präsidentin Gesche Joost betont es immer wieder: In Zeiten, in denen demokratische Institutionen weltweit unter Druck geraten, ist das Institut ein unverzichtbarer Rückzugsort für den freien Diskurs. Ob es um die Internationale Deutscholympiade in Mannheim geht oder um Projekte zur Dekolonisierung – das Goethe-Institut nutzt sein Jubiläum, um seine Rolle als Verteidiger offener Gesellschaften zu untermauern.

Wenn wir also fragen, wie sich Deutschland durch das Goethe-Institut neu erfunden hat, lautet die Antwort: Wir sind neugieriger und vielleicht auch ein Stück demütiger geworden. Das Institut hat uns beigebracht, dass Kultur kein Einbahnstraßensystem ist. Es hat uns geholfen, von der Last der Geschichte zu einer Verantwortung für die globale Zukunft zu finden. Ob in Dakar, Tokyo oder direkt vor unserer Haustür in Berlin – die nächsten 75 Jahre werden zeigen, wie stabil diese Brücken wirklich sind. Eines ist sicher: Die Begeisterung für den Austausch ist der Motor, der uns weiterhin mit der Welt verbindet.

Das Jubliäumsprogramm: Ein Roadtrip durch die globale Seele des Goethe-Jubiläums

Keine angestaubten Festschriften und steifen Empfänge: Wenn das Goethe-Institut seinen 75. Geburtstag feiert, dann fühlt sich das eher nach einem elektrisierenden Roadtrip durch die Kulturen an als nach einem klassischen Staatsakt. Das Programm für 2026 ist ein echtes Feuerwerk für alle, die wissen wollen, wie die Welt heute eigentlich tickt. Es ist laut, es ist bunt und es stellt genau die Fragen, die wir uns viel öfter stellen sollten. Hier sind die Highlights, die man diesen Sommer auf dem Schirm haben muss.

Die Internationale Bibliothek der Dinge

Los geht es am 29. April in der Berliner Heinrich-Böll-Bibliothek. Aber erwartet keine staubigen Regale. Die Internationale Bibliothek der Dinge präsentiert 75 einzigartige Gegenstände aus 62 Ländern. Jedes dieser Objekte erzählt eine ganz eigene Geschichte über Nachhaltigkeit und das tägliche Leben zwischen Rio und Rangun. Es ist faszinierend zu sehen, wie ein einfacher Gebrauchsgegenstand zum Botschafter einer ganzen Kultur werden kann. Ein globales Schaufenster, das uns zeigt: Wir teilen auf diesem Planeten oft dieselben Probleme, aber wir finden herrlich unterschiedliche Lösungen dafür.

Wenn Worte wandern: Goethes Diwan

Im Mai und Juni wird es intellektuell, aber ohne den erhobenen Zeigefinger. Die Reihe Goethes Diwan bringt literarische Schwergewichte wie Nino Haratischwili und Judith Schalansky mit ihren internationalen Übersetzer*innen zusammen. In Städten wie Leipzig, Hamburg und Berlin geht es um mehr als nur um korrekte Vokabeln. Es geht um das Wandern von Gedanken über Sprachgrenzen hinweg. Wer schon einmal versucht hat, ein Gefühl in eine andere Sprache zu retten, weiß, welche Magie in diesem Prozess steckt. Diese Abende sind eine Liebeserklärung an die Zwischentöne und die Kunst des Verstehens.

In den hiesigen Literaturhäusern wird dann nicht nur gelesen, sondern leidenschaftlich über die Kraft der Übersetzung debattiert.

Es ist eine faszinierende Konstellation: Mit Nino Haratischwili und Judith Schalansky kommen zwei der prägendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur nach Hamburg. Doch der Clou ist ein anderer: Sie bringen ihre Übersetzer*innen mit auf das Podium. Das ist so mutig wie notwendig, denn wer versteht die Seele eines Textes besser als diejenigen, die jedes Wort, jede Nuance in eine andere Sprache retten müssen?

In einer Zeit, in der die Welt oft in schwarz-weiß-Mustern denkt, setzt dieser Dialog ein wichtiges Zeichen. Es geht um die Wanderung von Gedanken über Grenzen hinweg. Die Kooperation zwischen dem Goethe-Institut und unseren lokalen Literaturhäusern zeigt dabei einmal mehr, wie eng Hamburg mit dem globalen Kulturnetz verflochten ist. Das ist Kulturpolitik auf Augenhöhe – nahbar, lebendig und ohne Berührungsängste.

Die Perspektive ist dabei konsequent neugierig. Wir fragen nicht nur, was ein Text bedeutet, sondern wie er in einer völlig anderen Kultur ankommt. Was bleibt von Schalanskys Naturbeobachtungen oder Haratischwilis monumentalen Familiengeschichten übrig, wenn sie in fremden Ohren klingen? Es ist ein Fest für alle Sprachakrobat*innen und Literaturbegeisterten, die wissen, dass ein gutes Buch immer erst der Anfang eines Gesprächs ist.

Rhythmus und Rebellion: Von AMAN, AMAN! bis Sasha Waltz

Mitte Juni verwandelt sich das Berliner SİNEMA TRANSTOPIA in einen Schmelztiegel für den östlichen Mittelmeerraum. Das Festival AMAN, AMAN! serviert drei Tage lang eine wilde Mischung aus Konzerten, Listening Sessions und kulinarischen Interventionen. Es ist genau diese Art von Nahbarkeit, die das Goethe-Institut heute ausmacht: Kultur geht durch den Magen, durch die Ohren und direkt in die Beine.

Apropos Beine: Der 26. Juni markiert einen echten Gänsehaut-Moment. Die weltberühmte Choreografin Sasha Waltz konzipiert mit ihrer Compagnie einen speziellen Dialoge-Abend im Haus der Berliner Festspiele. Eine tänzerische Hommage an 75 Jahre kulturelle Zusammenarbeit. Wer die Kraft und Präzision von Sasha Waltz & Guests kennt, weiß, dass dies kein gewöhnlicher Auftritt wird, sondern eine visuelle Eruption, die zeigt, wie Körper Geschichten ohne ein einziges Wort erzählen können.

Sprache als Sport: Die Internationale Deutscholympiade

Dass Deutschlernen alles andere als trocken sein kann, beweist im Juli die Internationale Deutscholympiade (IDO) in Mannheim. Junge Menschen aus rund 60 Ländern treten hier an. Aber hier geht es nicht um Grammatik-Pauken bis zum Umfallen, sondern um Begegnung. Wenn Jugendliche aus der ganzen Welt in Mannheim zusammenkommen, um gemeinsam an ihrer Zukunft zu basteln, dann spürt man die verbindende Kraft von Sprache am deutlichsten. Es ist ein lebendiges Labor für Vielfalt und ein Beweis dafür, dass Neugier die beste Motivationssprache ist.

Ob beim Tanz in Berlin, bei den Geschichten in der Bibliothek oder beim Mitfiebern in Mannheim – das Goethe-Institut beweist, dass es mit 75 Jahren mitten im Hier und Jetzt steht. Eine Feier der Perspektiven, die uns daran erinnert, dass der Dialog das wichtigste Fundament unserer Gesellschaft bleibt.

Weitere Informationen unter www.goethe.de

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Jetzt seid ihr dran! https://www.tiefgang.net/jetzt-seid-ihr-dran/ Mon, 23 Mar 2026 09:54:15 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13542 [...]]]> Ein spitzer Stift im alten Gemäuer: Die Karikatur findet einmal im Jahr im Schloß Agathenburg, nahe Stade, ihr perfektes Zuhause. Dieses Jahr: „Jetzt seid ihr dran!“

Wenn der historische Glanz eines Barockschlosses auf den unbändigen Spott der Gegenwart trifft, dann ist wieder Zeit für den Deutschen Karikaturenpreis auf Schloss Agathenburg. Unweit von Harburg, mit eigener S-Bahn-Station, findet alljährlich ein Ereignis statt, das beweist, dass Satire nicht nur in verrauchten Kabaretts oder auf glänzenden Smartphone-Displays funktioniert, sondern gerade in der Ruhe eines Kulturdenkmals seine volle Wucht entfaltet. Die aktuelle Ausstellung unter dem Motto „Jetzt seid ihr dran!“ ist mehr als nur eine Werkschau – es ist ein seismographisches Protokoll unserer Gesellschaft, das uns mal zum Lachen bringt und uns im nächsten Moment das Grinsen im Halse stecken lässt.

Der Deutsche Karikaturenpreis, der bereits seit dem Jahr 2000 verliehen wird und heute zu den bedeutendsten Auszeichnungen für Grafiker*innen und Satiriker*innen im deutschsprachigen Raum gehört, hat in Agathenburg eine feste norddeutsche Heimat gefunden. Was einst als Initiative der Sächsischen Zeitung und der Rheinischen Post begann, strahlt heute weit über die Grenzen der Zeitungsredaktionen hinaus. Der begehrte „Geflügelte Bleistift“ in Gold, Silber und Bronze ist der Ritterschlag für jene Künstler*innen, die es schaffen, die Komplexität der Welt in einem einzigen Bild, einer einzigen Sprechblase zu bündeln.

Das diesjährige Thema „Jetzt seid ihr dran!“ könnte aktueller kaum sein. Es ist ein Ausruf, der in viele Richtungen hallt. Ist es der Aufruf der Alten an die Jungen? Der Vorwurf der jungen Generation an die Politik? Ist es der verzweifelte Ruf der Natur im Zeichen der Klimakatastrophe? Oder ist es die direkte Aufforderung an uns Besucher*innen, endlich aus der passiven Rolle des Beobachtens auszubrechen?

Die Karikaturist*innen der diesjährigen Auswahl nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie bearbeiten den Klimawandel, die Digitalisierung und die absurden Auswüchse der Identitätspolitik mit einer Präzision, die manchmal wehtut, aber immer notwendig ist.

In den vergangenen Jahren hat die Ausstellung in Agathenburg bereits bewiesen, wie wandlungsfähig dieses Genre ist. Ob unter dem Motto „Lass mich in Frieden“, das die Sehnsucht nach Eskapismus in einer krisengeschüttelten Welt thematisierte, oder „Spass beiseite“, das den Ernst der Lage betonte – immer schaffte es die Kuratierung, den Zeitgeist einzufangen. Die Karikatur ist dabei weit mehr als nur ein „Witzbild“. Sie ist eine hochkonzentrierte Form der Kulturkritik. In Zeiten von Fake News und algorithmisch gefütterten Filterblasen wirkt die handgezeichnete, scharfsinnige Pointe wie ein reinigendes Gewitter. In Zeiten, in denen die Meinungsfreiheit weltweit unter Druck gerät, ist die Karikatur ein Bollwerk der Demokratie. Sie erinnert uns daran, dass wir über die Dinge lachen dürfen – und müssen –, um sie zu verarbeiten.

Besonders reizvoll an der Schau in Agathenburg ist die Atmosphäre. Während man durch die herrschaftlichen Räume wandelt, begegnen einem die Werke von Größen wie Til Mette, Kittihawk oder Greser & Lenz. Dieser Kontrast zwischen der Beständigkeit des Schlosses und der Flüchtigkeit der Tagespolitik erzeugt eine ganz eigene Spannung. Man ertappt sich dabei, wie man vor einer Zeichnung verweilt, schmunzelt und dann ins Grübeln gerät. Die Qualität der Arbeiten liegt oft im Detail – in einem versteckten Gesichtsausdruck oder einer winzigen Referenz am Bildrand, die erst beim zweiten Hinsehen ihre volle Ironie entfaltet.

Damit die Ausstellung kein stilles Museumserlebnis bleibt, haben die Macher*innen ein Rahmenprogramm gestrickt, das zum Diskurs einlädt. Neben den regulären Öffnungszeiten (Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr, Eintritt 6 Euro) gibt es Sonderveranstaltungen, die den Blick hinter die Kulissen erlauben. Ein Highlight sind die Kurator*innenführungen, bei denen man erfährt, nach welchen Kriterien die Jury aus den hunderten Einsendungen die Preisträger*innen ausgewählt hat. Wer selbst aktiv werden möchte, sollte nach den Workshop-Angeboten Ausschau halten, die oft parallel zu solchen Ausstellungen stattfinden und zeigen, wie man mit wenigen Strichen eine ganze Weltanschauung erschüttert.

Die Ausstellung „Jetzt seid ihr dran!“ läuft noch bis zum 3. Mai 2026. Wer also Lust auf eine ordentliche Portion Kopfkino und ein Pointengewitter hat, sollte den Weg nach Agathenburg antreten. Es ist eine Einladung, den Stachel der Satire zu spüren und gleichzeitig die Begeisterungsfähigkeit für die Kunst der Reduktion neu zu entdecken. Am Ende verlässt man das Schloss nicht nur mit einem Lächeln, sondern auch mit geschärften Sinnen für die Absurditäten unseres Alltags. Und genau das ist es, was gute Kulturarbeit leisten muss: Sie muss uns bewegen, auch wenn wir dabei nur vor einem Bild stehen.

Sondertermine und Begleitprogramm zur Ausstellung Jetzt seid ihr dran!

Freitag, 27. März 2026, 20 Uhr: Cartoon-Live-Show mit Hauck & Bauer
Die Sieger des Deutschen Karikaturenpreises in Gold präsentieren ihr Programm „Dafür haben sie Geld!“. Eine Mischung aus Lesung, Bildershow und Anekdoten.
Ort: Pferdestall / Einlass: 19.15 Uhr; Eintritt: 22,50 € (ermäßigt 5,50 €) – der Preis beinhaltet bereits den Eintritt zur Ausstellung. Tipp: Das Schloss und das Café haben an diesem Abend zur Feier des Tages bis 20 Uhr geöffnet.

Samstag, 2. Mai 2026, 16 Uhr: Finissage und Last Call für den Publikumsfavoriten Die feierliche Verabschiedung der Ausstellung mit der Bekanntgabe des Agathenburger Publikumspreises. Hier wird aufgelöst, welche Karikatur die Herzen der Besucher*innen im Norden am stärksten bewegt hat.

Öffnungszeiten (Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr, Eintritt 6 Euro) Die Ausstellung läuft bis zum 3. Mai 2026.

Stiftung Schloss Agathenburg | Hauptstraße 45 | 21684 Agathenburg | Telefon: 04141 64011 | E-Mail: info@schlossagathenburg.de | Webseite: www.schlossagathenburg.de

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Dance everybody! https://www.tiefgang.net/dance-everybody/ Sun, 08 Mar 2026 23:30:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13447 [...]]]> Im Juni 2026 wird die erste Tanztriennale die Hansestadt starten. Dann wird es um weit mehr als um ästhetische Pirouetten oder akrobatische Sprünge gehen sondern auch um eine soziale Kraft, die unsere Stadt transformieren kann.

Unter dem elektrisierenden Motto „Brave Moves. Courageous Joy“ wird Hamburg vom 14. bis 21. Juni zum Epizentrum einer Kunstform, die in den Hamburger Alltag drängt: mitten ins Leben, mitten auf die Straße und tief in die Herzen.

Es ist ein kulturpolitisches Highlight, dass Hamburg den Zuschlag für dieses neue Leuchtturmprojekt erhalten hat. Gefördert mit stolzen 950.000 Euro durch die Kulturstiftung des Bundes und weiteren 600.000 Euro durch die Stadt, entsteht hier ein Bündnis, das es so noch nicht gegeben hat. Das Hamburg Ballett, die Kampnagel Internationale Kulturfabrik und das K3 – Zentrum für Choreographie rücken zusammen. Für Amelie Deuflhard, die Intendantin von Kampnagel, setzt diese intensive Zusammenarbeit Maßstäbe und sendet ein wichtiges Signal für die verbindende Kraft des Tanzes über alle kulturellen, sozialen und generationellen Grenzen hinweg.

Das Programm, das nun vorgestellt wurde, verspricht eine wilde Mischung. Hier trifft klassisches Ballett auf Urban Dance, zeitgenössische Ästhetik auf Krump. Es ist diese bewusste Öffnung der Genres, die den Reiz ausmacht. Wenn eine Hip-Hop-Tänzerin selbstverständlich neben dem Balletttänzer auf der Bühne steht, entstehen daraus neue künstlerische Qualitäten und Zugänge für das Publikum, wie Katarzyna Wielga-Skolimowska von der Kulturstiftung des Bundes es visionär beschreibt.

Besonders spannend für alle Klassik-Fans: Das Hamburg Ballett steuert mit Alexei Ratmanskys „Wunderland“ eine Weltpremiere bei. Doch die Tanztriennale will mehr als nur glanzvolle Abende im Opernhaus. Sie will in den öffentlichen Raum, will den Diskurs und vor allem: sie will uns alle zum Mitmachen bewegen. Tanz gehört allen – jedem Körper, jedem Lebenshintergrund und jeder Geschichte, erklären die künstlerischen Co-Leiterinnen Gwen Hsin-Yi Chang und Monica Gillette. Für sie ist klar: Mut ist eine Praxis und Freude eine treibende Kraft. Beides wächst, wenn Menschen gemeinsam tanzen.

Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: „Die Tanztriennale macht den Tanz in seinen ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen für alle erlebbar – für Profis, für Laien, für Zuschauer und Zuschauerinnen, für Tänzer und Tänzerinnen. Vom Urban Dance über zeitgenössische Ästhetiken bis zum klassischen Ballett öffnet die Tanztriennale die universelle Sprache des Tanzes weit in die Gesellschaft hinein und verbindet Menschen und Tanzstile.“ Denn die Tanztriennale soll eine Einladung an alle Hamburger*innen sein, die Welt durch Bewegung neu zu entdecken.

Man spürt die Begeisterung bei allen Beteiligten, von den Profis bis zu den Institutionen. Nicolas Hartmann vom Hamburg Ballett sieht in der gegenseitigen Öffnung der Genres die wesentliche Zukunft des Tanzes. Und diese Zukunft beginnt im Sommer 2026 in Hamburg.

Der Vorverkauf startet am 20. März – ein Datum, das sich alle Tanzbegeisterten und Neugierigen rot im Kalender markieren sollten. Denn man kann davon ausgehen, dass manche Veranstaltungen schnell ausverkauft sein werden. Wer nämlich wissen will, wie sich mutige Schritte und mutige Freude aktuell anfühlen, wird im Juni an Hamburg nicht vorbeikommen. Das Programm unter: www.tanztriennale.de

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Das perfekte Gegenüber https://www.tiefgang.net/das-perfekte-gegenueber/ Tue, 03 Mar 2026 23:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13472 [...]]]> Hand aufs Herz: Wann hast du das letzte Mal mit einer KI geplaudert? Nicht über Excel-Formeln oder die schnellste Route zum Bahnhof, sondern darüber, ob du heute wirklich zu dieser Party gehen sollst oder wie du deinen miesen Tag sortiert kriegst?

Was vor wenigen Jahren noch wie ein abgefahrener Plot aus Hollywood klang, ist längst in unseren Hosentaschen gelandet. Wir teilen Intimes mit Algorithmen, lassen uns von ChatGPT trösten oder beraten. Die KI ist als menschliche Begleiter*in in unserem Alltag angekommen, oft ohne dass wir uns bewusst fragen: Wollen wir das eigentlich? Und was macht das mit uns?

Genau in diese emotionale Gemengelage stößt das Harburger Theater mit seinem neuen Stück „Ich bin dein Mensch“. Am 20. März feiert diese melancholische Komödie Premiere und stellt uns eine Frage, die unter die Haut geht: Kann ein Algorithmus uns wirklich glücklich machen?

Die Ausgangslage ist so absurd wie faszinierend: Die Altertumsforscherin Alma – herrlich unsentimental und so gar nicht der Typ für Rosenblätter-Romantik – nimmt an einer Studie teil. Ihr wird Tom „frei Haus“ geliefert. Tom ist kein Staubsaugerroboter, sondern ein humanoider Prototyp der Firma Terranaut. Sein einziger Daseinszweck? Alma glücklich zu machen.

Doch Tom startet mit einem Handicap: Er ist auf die Wünsche der deutschen Durchschnittsfrau programmiert. Und zu der gehört Alma beim besten Willen nicht. Seine ersten Versuche, sie mit Champagner und sanfter Musik zu erobern, prallen an ihrer wissenschaftlichen Nüchternheit ab wie Regen an einer Glasfassade.

Doch Tom lernt. Er passt seinen Algorithmus an, wird humorvoller, lockerer und vor allem: weniger offensichtlich in seiner Strategie. Er wird zu jemandem, der Alma gefällt. Und plötzlich stellt sich die Wissenschaftlerin die gefährlichste aller Fragen: Was kann daran falsch sein, glücklich zu sein?

Spiegelbild oder Seelenverwandtschaft?

Das Stück, das auf dem brillanten Drehbuch von Maria Schrader und Jan Schomburg basiert, ist weit mehr als eine Technikspielerei. Es ist eine Einladung, darüber nachzudenken, was Liebe eigentlich ist. Ist sie die Begegnung mit einem fremden Wesen, an dem wir uns reiben können? Oder ist die Liebe zu einem perfekt programmierten Roboter am Ende nur ein trostloses Selbstgespräch? Ein verzweifelter Versuch, der Einsamkeit zu entkommen, indem wir uns ein Gegenüber erschaffen, das uns nie widerspricht?

Die Inszenierung in der Bearbeitung von Esther Hattenbach verspricht, diese feinen Nuancen zwischen Sehnsucht und Melancholie herauszuarbeiten. Es geht um die Fragen, die uns alle umtreiben: Was macht den Menschen zum Menschen? Und reicht uns ein simuliertes Glück aus, wenn es sich echt anfühlt?

Wer nicht nur zuschauen, sondern verstehen will, wie man so eine komplexe Mensch-Maschine-Beziehung auf die Bühne bringt, sollte sich den 22. März rot im Kalender markieren. Um 13 Uhr lädt das Theater zur Matinee ein. Dort bekommt man spannende Einblicke in die Inszenierung und kann mit Oberspielleiter Georg Münzel ins Gespräch kommen. Der Eintritt ist frei und eine Voranmeldung ist nicht nötig. Ein perfekter Sonntagsausflug für alle Neugierigen und Begeisterungsfähigen unter euch.

auf einen Blick

„Ich bin Dein Mensch“ | Premiere: Freitag, 20. März 2026

Vorstellungen: täglich bis zum 27. März 2026 | Matinee: Sonntag, 22. März 2026, 13 Uhr

Harburger Theater, Museumsplatz 2, 21073 Hamburg; www.harburger-theater.de

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Zwischen Watt und Wolkenkratzern https://www.tiefgang.net/zwischen-watt-und-wolkenkratzern/ Mon, 16 Feb 2026 23:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13338 [...]]]> Es gibt Autor*innen, die schreiben über den Norden, und es gibt Janne Mommsen. Der kommt nun nach Buxtehude …

Es gibt Autor*innen, die schreiben über den Norden, und es gibt Janne Mommsen. Wenn der Mann, der eigentlich Volkmar Nebe heißt, zur Feder greift, dann riecht das Papier nach Salzwasser und die Sätze fühlen sich an wie eine frische Brise am Deich. Am Sa., 28. Feb., 19 Uhr, kehrt der Bestseller-Autor zurück in die Stadtbibliothek Buxtehude – ein Heimspiel für einen, der die Elbe und die Küsten im Blut hat.

Wer Janne Mommsen verstehen will, darf nicht nur auf die Verkaufszahlen schauen. Man muss sich seinen Lebenslauf ansehen, der so bunt und kantig ist wie ein Kieselstrand in Nordfriesland. Bevor er zum literarischen Chronisten der Insel Föhr wurde, hat er als Stahlarbeiter zugepackt, als Psychiatriehelfer zugehört und als Barpianist die Nächte begleitet. Diese Schule des Lebens spürt man in jeder Zeile: Er schreibt nicht über Menschen, er schreibt für sie. Wenn er nicht gerade an neuen Manuskripten arbeitet, trifft man ihn oft ehrenamtlich in der Seemannsmission Duckdalben im Hamburger Hafen – ein Ort, an dem Geschichten aus der ganzen Welt stranden.

Mit seinem neuen Roman Das Salz in der Luft setzt er nun seine große Familiensaga fort, die uns bereits in Das Licht in den Wellen den Atem geraubt hat. Wir begegnen wieder der fast hundertjährigen Inge Martensen. Eine Frau, die das 20. Jahrhundert nicht nur überlebt, sondern durchtanzt hat – zwischen der Beschaulichkeit Föhrs und dem flirrenden Chaos von Manhattan. Gemeinsam mit ihrer Urenkelin Swantje bricht sie erneut nach New York auf. Doch dieses Mal geht die Reise tiefer: Es führt sie zurück in die 70er-Jahre und sogar bis nach Sizilien.

Es ist genau diese Mischung, die Mommsens Stil so besonders macht: Er verbindet die norddeutsche Bodenständigkeit mit einer unbändigen Sehnsucht nach der weiten Welt. In einer Zeit, die oft laut und unübersichtlich ist, schenkt er seinen Leser*innen eine literarische Auszeit, ohne dabei in kitschige Klischees abzudriften. Es geht um die großen Fragen: Wo gehöre ich hin? Wie lerne ich, loszulassen? Und wie finden verschiedene Generationen eigentlich eine gemeinsame Sprache?

Die Lesung in Buxtehude verspricht mehr als nur ein Vorlesen zu werden. Wer Mommsen kennt, weiß, dass er die Gabe hat, sein Publikum mitzunehmen – mit Humor, Empathie und dieser ganz speziellen Leichtigkeit, die einen den Alltag für ein paar Stunden vergessen lässt. Es ist ein Abend für alle, die das Meer lieben und die wissen wollen, warum das Herz manchmal auf zwei Inseln gleichzeitig zu Hause sein kann. Das Salz in der Luft ist nicht nur ein Buchtitel – es ist ein Versprechen auf einen Abend voller Aufbruchsstimmung und norddeutscher Herzlichkeit.

Janne Mommsen – Das Salz in der Luft, Sa., 28. Feb., 19 Uhr in der Stadtbibliothek Buxtehude, Fischerstr. 2, 21614 Buxtehude. Eintritt: 12 Euro. Vorverkauf online hier.

Autor Volkmar Nebe im Gespräch über sein Pseudonym Janne Mommsen und seine tiefe persönliche Verbindung zu Nordfriesland und der Insel Föhr, die seine Romane so authentisch macht.

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Zwischen Normalität und Avataren https://www.tiefgang.net/zwischen-normalitaet-und-avataren/ Sun, 18 Jan 2026 15:48:39 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13131 [...]]]> Das Hamburger Kindertheater Treffen 2026 steht vor der Tür und bringt vom 20. bis 26. Februar eine Energie in die Stadt, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Unter dem Motto »Auf die Plätze!« zeigen die freien Kindertheater*innen, dass Bühne weit mehr sein kann als nur Märchenstunde. Es ist eine Werkschau des vergangenen Jahres, die so ziemlich alles abdeckt: von abenteuerlichen Geschichten bis hin zu utopischen Tanzperformances mit VR-Brillen.

Den Startschuss gibt das Theater Fata Morgana am 20. Februar im FUNDUS THEATER mit der Performance „Wie normal bist du denn?“. Ab 10 Jahren wird hier die Macht des Normalen hinterfragt – ein Thema, das in unserer heutigen Gesellschaft aktueller denn je ist. Wer es moderner mag, sollte sich „DANCE MACHINES“ von Regina Rossi am 24. Februar vormerken. Hier verschmelzen Gegenwart und Zukunft, wenn Menschen ab 11 Jahren mit speziellen VR-Brillen und Avataren in einen analog-virtuellen Raum eintauchen.

Das Festival ist ein Gemeinschaftsprojekt von ahap e.V. und kitsz e.V. und bespielt drei ganz unterschiedliche Orte: das FUNDUS THEATER, das HoheLuftschiff und das Flachsland – Hamburger Puppentheater. Jede Bühne hat ihren eigenen Charme, vom festen Haus bis zum Theaterschiff auf dem Wasser.

Theater für alle: Inklusion im Fokus

Besonders beeindruckend ist der diesjährige Fokus auf Barrierefreiheit. Dank zusätzlicher Förderung gibt es Angebote wie Audiodeskriptionen für Sehbeeinträchtigte, etwa bei „Nö. Ich. Zuerst.“ vom Theater am Strom am 21. Februar oder bei der Geschichte um den „Rollschuhdieb“ am 26. Februar. Auch für Menschen mit auditiven Einschränkungen wird mit „Die geheimnisvolle Kiste“ am 22. Februar gesorgt.

Die Bandbreite reicht dabei von den Allerkleinsten ab 2 Jahren bei „Wenn das Schaf nicht schläft“ bis hin zu Teenager*innen. Kultursenator Dr. Carsten Brosda betont in seinem Grußwort treffend, dass diese Stücke die Facetten unserer Gesellschaft spiegeln und Themen behandeln, die Groß und Klein gleichermaßen beschäftigen. Es geht um Gerechtigkeit mit Robin Hood, um die Kraft der Kreativität bei „Prinz Eile“ oder einfach um den Mut, jemanden zu trösten.

Das Programm im Überblick

Die Vorstellungen finden über die ganze Woche verteilt statt, wobei das Wochenende perfekt für Familienausflüge ist:

Am Freitag, den 20. Februar, startet das Festival um 18 Uhr im FUNDUS THEATER mit der Performance über Normalität. Der Samstag, 21. Februar, bietet im FUNDUS THEATER ein volles Programm: Los geht es um 11 Uhr mit „Pokko und die Trommel“, gefolgt von „Nö. Ich. Zuerst.“ um 14 Uhr und der musikalischen „Klabauter-Kapelle“ um 16 Uhr.

Der Sonntag, 22. Februar, beginnt um 11 Uhr mit „Triff Robin Hood!“ im FUNDUS THEATER, während um 14 Uhr „Prinz Eile“ übernimmt. Um 16 Uhr lädt das HoheLuftschiff zur „geheimnisvollen Kiste“ ein.

In der Woche geht es am Montag, 23. Februar, um 10 Uhr auf dem HoheLuftschiff mit dem „Super-Kräfte-Chaos“ weiter. Am Dienstag folgt zur gleichen Zeit die multimediale Bewegungserfahrung „DANCE MACHINES“ im FUNDUS THEATER. Der Mittwoch, 25. Februar, widmet sich um 10 Uhr auf dem HoheLuftschiff dem kleinen Schaf, das nicht schlafen kann. Den Abschluss macht der „Rollschuhdieb“ am Donnerstag, 26. Februar, um 10 Uhr im Flachsland.

Tickets und Kontakt: Die Preise variieren je nach Spielort zwischen 8,00 € und 9,00 € für Kinder sowie 10,00 € bis 12,00 € für Erwachsene. Gruppenpreise liegen meist bei 6,00 € bis 8,00 €.

Reservierungen sind direkt bei den Spielstätten möglich:

Alle weiteren Infos finden Interessierte unter www.hamburger-kindertheater.de.

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Die Pianistin, der Flügel und die Hölle https://www.tiefgang.net/die-pianistin-der-fluegel-und-die-hoelle/ Fri, 12 Dec 2025 23:16:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13002 [...]]]> Manchmal ist ein Theaterabend kein Genuss, sondern eine Notwendigkeit. Im Januar 2026 bringt das Harburger Theater ein Stück auf die Bühne, das nicht nur unterhält, sondern regelrecht in die Seele zwingt: „Alice – Spiel um dein Leben“.

Es ist die Geschichte von Alice Herz-Sommer (1903 – 2014), der ältesten Holocaust-Überlebenden der Welt, und es ist ein Abend, der die ungeheure Frage stellt: Wie bewahrt man die Liebe zur Schönheit, wenn man vom Schrecken umzingelt ist?

Die Antwort findet sich in den 80 Tasten eines Klaviers. Das musikalische Ein-Personen-Stück von Autorin Kim Langner ist ein wahres Feuerwerk an Emotion und Recherche. Es ist der Versuch, das Unfassbare greifbar zu machen: Alice Herz-Sommers Zeit im Ghetto Theresienstadt. Dort, wo Tausende auf engstem Raum starben, gab die jüdische Pianistin Konzerte – über 100 sollen es gewesen sein. Mit ihrem sechsjährigen Sohn an der Seite, kämpfte sie mit jeder gespielten Note gegen die Verzweiflung, gegen die Verbitterung.

Genau diese Diskrepanz ist das elektrisierende Zentrum des Stücks: die himmlische Schönheit von Bach oder Chopin im Angesicht der Hölle. Kann Musik tatsächlich vor dem seelischen Zusammenbruch schützen?

Die Darstellerin, Natalie O’Hara (Produktion zusammen mit Michael Hildebrandt), die von François Camus inszeniert wird und von Matthias Stötzel musikalisch geleitet wird, hat sich tief in diesen Stoff gegraben. Zwei Jahre Recherche, Reisen nach Prag, Theresienstadt und Tel Aviv, Gespräche mit Alices Familie und Schüler*innen – das ist keine oberflächliche Nacherzählung, sondern ein zutiefst persönliches Unterfangen.

Ein-Personen-Stück mit Sogwirkung

Das Format des Ein-Personen-Stücks ist dabei genial gewählt. Es bündelt die ganze Kraft der Biografie, des Klavierkonzerts und des Schauspiels in einer einzigen Darstellerin. Natalie O’Hara muss die ganze Bandbreite von Alices unerschütterlichem Optimismus bis hin zu den Grauen des Ghettos tragen. Eine schauspielerische Herausforderung, die die Wucht des Erlebten direkt ins Publikum transportiert.

Wie gut ihr das gelingt, zeigt eine hochkarätige Anerkennung: Natalie O’Hara war für ihre Leistung bereits für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2023 in der Kategorie Darsteller*in Schauspiel nominiert. Wer ausgezeichnet wird, weiß, wie man aus einer wahren Geschichte ein emotionales Theatererlebnis formt, das nachhaltig bewegt.

Das Stück feiert seine Premiere in Harburg im Januar und wird insgesamt fünfmal aufgeführt: Am Freitag, den 9. Januar, und Samstag, den 10. Januar, jeweils um 19.30 Uhr, sowie am darauffolgenden Wochenende am Donnerstag, den 15. Januar, und Freitag, den 16. Januar, ebenfalls um 19.30 Uhr. Ein besonderer Termin ist der Sonntag, 11. Januar, um 15.00 Uhr, dem um 13.00 Uhr eine kostenlose Matinee vorausgeht.

Wer also im Januar in Harburg ins Theater geht, bekommt nicht nur ein Stück Zeitgeschichte präsentiert. Man begegnet der tief bewegenden Frage, was Menschlichkeit, Liebe und vor allem Musik in den dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts zu leisten vermögen. Ein intensiver und wichtiger Abend, der nicht nur die Ohren öffnet, sondern auch das Herz.

Harburger Theater | Museumsplatz 2 | 21073 Hamburg | www.harburger-theater.de

Kartenreservierung: 040 376 394 65

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Die Wahrheit ist kein Algorithmus https://www.tiefgang.net/die-wahrheit-ist-kein-algorithmus/ Fri, 31 Oct 2025 23:25:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12767 [...]]]> Hamburg ist nicht nur Tor zur Welt, es ist auch eine der großen Medienstädte Europas. Doch in den digitalen Gassen dieser Metropole wird die Währung, die uns alle am Leben hält, täglich entwertet: die Wahrheit. Fakt und Fake verschmelzen, Desinformation wird zur Waffe.

Daher ist die Hamburger Woche der Pressefreiheit vom 2. bis 8. November 2025 keine Kultur-Agenda, sondern eine notwendige, energische Intervention. Initiert von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und der Körber-Stiftung und getragen von über 40 Partner*innen, geht es in dieser Woche um eine glasklare Botschaft: Nachrichtenkompetenz ist die neue Schlüsselkompetenz, das Fundament unserer wehrhaften Demokratie.

Der offizielle Auftakt setzt ein bewusst aufsehenerregendes Zeichen. Am Montag, den 3. November, lädt der Senat unter dem Titel „Raise your Voice! Senatsempfang für junge Stimmen“ medieninteressierte Schüler*innen und Jugendliche ins ehrwürdige Rathaus.

Das ist klug gedacht, denn wer sonst kämpft täglich so sehr mit dem digitalen Chaos wie die junge Generation? Der Hamburger Kultur- und Mediensenator Dr. Carsten Brosda macht klar: Die Freiheit lebt davon, unabhängige Entscheidungen treffen zu können. Und dafür braucht es ein „Gespür für guten Journalismus“. Deshalb stehen beim Empfang keine grauen Eminenzen, sondern Persönlichkeiten wie Influencer Fabian Grischkat oder Minusch Afonso (News-WG-Host) im Zentrum. Es geht darum, nahbar zu zeigen, wie ein kritischer und kreativer Umgang mit Informationen aussieht, wenn man tagtäglich von Content überflutet wird.

Wie Prof. Manuel Hartung von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS es prägnant formuliert: Es braucht Menschen, die Quellen hinterfragen und Bilder kritisch einordnen. Die Woche der Pressefreiheit ist ein „starkes Zeichen“, weil sie Medienkompetenz mit mehr als 60 niedrigschwelligen Angeboten in die Fläche trägt – von der Schule bis in die Haspa-Filiale in Harburg oder Ahrensburg.

Das Besondere an dieser Aktionswoche ist ihre enorme Bandbreite, die von lokalen Workshops bis zur globalen Kulturpolitik reicht. Die Woche der Pressefreiheit blickt entschlossen über Hamburg hinaus und wird zum Gastgeber des Kampfes gegen die Autokratien.

Ein zentraler Block widmet sich dem Exiljournalismus. Eva Nemela von der Körber-Stiftung betont, dass Pressefreiheit ein Fundament der Demokratie ist und warnt vor der „beunruhigenden Zunahme von Repressionen“ weltweit. Die Stiftung veranstaltet mit dem Exile Media Forum (4. November) und dem Exile Media Lab (5. November) Deutschlands größte Fachkonferenz für diesen unerlässlichen Bereich. Highlights wie die Keynote der sudanesischen Exiljournalistin Amal Habani machen hier sichtbar, welche wichtige Rolle Journalist*innen spielen, die aus der Diktatur heraus über Desinformation aufklären.

Als Krönung dieser Solidarität werden am 6. November bei den „Free Media Awards 2025“ im Rathaus herausragende Journalist*innen aus Osteuropa ausgezeichnet – teils Menschen, die aktuell wegen ihrer Arbeit im Gefängnis sitzen.

Blicke hinter die Kulissen

Die Woche der Pressefreiheit lockt zudem mit einer Fülle an Programmformaten, die Lust auf guten Journalismus machen:

  • Der Medien-Marathon: Los geht es am Sonntag, 2. November, mit einer Live-Sendung beim NDR (unter anderem mit Ingo Zamperoni, Fabian Grischkat und der US-Digital-Expertin Nina Jankowicz).
  • Nah am Newsroom: Zahlreiche Medienhäuser – darunter NDR Info, RTL Nord, das ZDF und DER SPIEGEL – laden zu Redaktionsbesuchen und spannenden Blicken hinter die Kulissen ein.
  • Hochkarätiger Austausch: Ob mit dem deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel, Fernsehmoderatorin Caren Miosga oder Schriftstellerin Thea Dorn – hochkarätige Panels, Keynotes und Fishbowl-Veranstaltungen laden zum kritischen Denken ein.
  • Zukunftswerkstatt: Die ARD veranstaltet in der Bucerius Law School eine zweitägige Konferenz mit 130 jungen Medienschaffenden zur Zukunft des Journalismus.

In einer Welt, in der die Wahrheit ständig zur Verhandlung steht, ist die Hamburger Woche der Pressefreiheit ein klares Statement: Die Zukunft der Demokratie hängt davon ab, dass wir alle lernen, Fakt von Fake zu unterscheiden. Ein intensives und wichtiges Programm für alle Altersgruppen.

Das gesamte Programm mit über 60 Veranstaltungen findet sich online unter: www.pressefreiheit.hamburg

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Harburg wird zum Gerichtssaal der Erinnerung https://www.tiefgang.net/harburg-wird-zum-gerichtssaal-der-erinnerung/ Fri, 17 Oct 2025 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12694 [...]]]> In Zeiten, in denen rechtsextreme Netzwerke erneut mit erschreckender Energie um sich greifen, ist die Kultur gefordert, sich zu positionieren. Sie muss mehr sein als nur schöne Fassade. Sie muss laut sein, fordernd, und die Leerstellen der Geschichte mit Wahrhaftigkeit füllen.

Am 6. November wird das im Herzen Hamburgs – genauer gesagt in Harburg – geschehen. Im Rahmen der Harburger Gedenkwochen im November 2025 holt der Harburger Integrationsrat zusammen mit weiteren Partnern wie der Interreligiöse Dialog in Harburg, Harburger Muslime, Omas gegen Rechts Hamburg-Süd das erfolgreiche Theaterstück „NSU-Monologe“ nach Harburg. Die Aufführung der „NSU-Monologe“ der Bühne für Menschenrechte ist nicht einfach nur Theater. Es ist eine hochpolitische Notwendigkeit. Das Stück zieht die Zuschauer*innen direkt hinein in einen der dunkelsten Komplexe der deutschen Nachkriegsgeschichte: den Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und das erschütternde, langjährige Versagen staatlicher Institutionen.

Das Trauma, das nicht enden darf

Zur Erinnerung: Zwischen 2000 und 2007 ermordete die rechtsextreme Terrorzelle, bestehend aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, zehn Menschen – neun Gewerbetreibende mit türkischem, kurdischem oder griechischem Migrationshintergrund sowie die Polizistin Michèle Kiesewetter.

Das eigentliche, zutiefst verstörende Trauma liegt jedoch im „zweiten Schock“: Über Jahre hinweg ermittelten die Behörden in die völlig falsche Richtung. Statt rechtsextreme Täter*innen ins Visier zu nehmen, wurde das Umfeld der Opfer kriminalisiert. Familien sahen sich plötzlich im Zentrum verdächtiger Nachfragen, ihre Trauer wurde mit Misstrauen beantwortet. Sie mussten das rassistisch motivierte Morden ihrer Angehörigen und die behördliche Demütigung gleichzeitig ertragen.

Der 2018 abgeschlossene, jahrelange NSU-Prozess in München führte zwar zur Verurteilung von Beate Zschäpe und Helfer*innen, ließ aber viele drängende Fragen unbeantwortet: Wer wusste Bescheid? Wie tief reichen die Verstrickungen in die Sicherheitsbehörden? Und warum konnte dieser Terror so lange unentdeckt – und scheinbar unwidersprochen – stattfinden?

Die Bühne als Archiv der Wut und Würde

Genau hier setzt das Konzept der „NSU-Monologe“ an, das so energisch wie notwendig ist. Das Stück basiert auf wortgetreuen Dokumenten und Zeugenaussagen, die in enger Zusammenarbeit mit den Angehörigen der Opfer entstanden sind. Die Bühne für Menschenrechte verzichtet auf fiktive Elemente; sie ist ein neutraler Raum, ein Archiv der Wahrhaftigkeit.

Im Mittelpunkt stehen die Geschichten von Elif Kubaşık, Adile Şimşek und İsmail Yozgat. Es sind die Stimmen der Überlebenden, die nach Jahren des Schweigens und der Anschuldigungen endlich Gehör finden. Sie erzählen von ihrem Kampf um die Rehabilitierung ihrer ermordeten Söhne und Väter, von ihrer unerschütterlichen Willensstärke, die Umbenennung von Straßen zu fordern, und von ihrem Mut, sich öffentlich gegen die von Behörden verbreitete „Döner-Mord“-Lüge zu stellen.

Das Format des Monologs ist dabei so schlicht wie genial: Es gibt den Opfern ihre Individualität und ihre Würde zurück, die ihnen durch rassistische Vorurteile und institutionelles Versagen genommen wurde. Es reißt die Perspektive vom rechten Terror-Trio weg und lenkt den neugierigen und kritischen Blick der Zuschauer*innen auf diejenigen, die zurückblieben und gegen das Vergessen kämpfen mussten. Die monologische Dichte erzeugt einen Sog von Empathie und Wut zugleich, der unter die Haut kriecht.

Dieses Theaterstück ist eine Einladung an uns alle, die Lektion des NSU-Terrors endlich anzunehmen: Es gibt keine Entschuldigung für das Wegsehen, und der Kampf um eine antirassistische und demokratische Gesellschaft ist noch lange nicht gewonnen. Die „NSU-Monologe“ sind somit kein Stück über die Vergangenheit, sondern eine hochaktuelle, drängende Intervention für die Gegenwart.

Die Aufführung der „NSU-Monologe“ in Harburg wird von einer Podiumsdiskussion oder einem Publikumsgespräch begleitet, um die sozialen und politischen Konsequenzen des NSU-Komplexes tiefgehend zu erörtern.

Do., 6. Nov., 18.30 Uhr: NSU-Monologe

Feuervogel – Bürgerzentrum Phönix | Maretstraße 50 | 21073 Hamburg | Eintritt frei!

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