Heiko Langanke https://www.tiefgang.net Tue, 21 Jul 2026 14:53:03 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Palmkerne und Paläste https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/ https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/#respond Fri, 17 Jul 2026 15:52:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14199 [...]]]> Vor kurzem legte ein Historiker*innen-Paar den „Abschlussbericht koloniales Harburg“ vor. Eine Forschungsarbeit, die ebenso lesens- und nachdenkenswert ist wie Auftakt weiterer Wissensgrabungen sein sollte.

Wer heute vor dem Harburger Rathaus steht, reibt sich unweigerlich die Augen. Da ragt dieser prachtvolle, herrschaftliche Palast im Stile der Neorenaissance empor, ein steinernes Monument puren bürgerlichen Selbstbewusstseins. Doch dreht man sich um, fällt der Blick auf die ernüchternde Realität des heutigen Bezirks: Nachkriegsbauten, funktionale Verkehrsschneisen, eine stellenweise recht unglücklich verbaute Innenstadt. Angesichts dieses Kontrasts drängt sich eine Frage geradezu auf: Welche enormen, glanzvollen Zeiten müssen das gewesen sein, die ein solches Rathaus hervorgebracht haben?

Die Antwort liegt in einer Epoche, in der Harburg nicht das Anhängsel Hamburgs war, sondern ein scharfer Konkurrent. Wir müssen den Blick zurückwerfen in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als an der Süderelbe mit radikaler Energie die Zukunft geschmiedet wurde. Harburg war damals wie ein gallisches Dorf der Industrialisierung, das seine Unabhängigkeit vom großen Nachbarn im Norden mit jeder Faser lebte und genau daraus seine enorme Dynamik zog. Während in Hamburg noch lange über Handelsprivilegien debattiert wurde, rauchten in Harburg längst die Schlote.

Der Funke, der diese Dynamik entzündete, sprang zuerst im Binnenhafen über. Mit dem Bau des ersten Bahnhofs (wo heute das Neubaugebiet der Theodor-Yorck-Straße liegt) direkt an den Kaianlagen wurde das Fundament für einen beispiellosen Boom gelegt. Harburg besaß plötzlich das, wovon andere Städte nur träumen konnten: den direkten Umschlag vom Schiff auf die Schiene.

Die Stunde der Pioniere

Es war die Stunde der Pioniere der Fettindustrie. Als die ersten modernen Ölpressen im Hafenbereich in Betrieb gingen, veränderte das die hiesige Wirtschaft grundlegend. Heimische Saatfrüchte wie Raps oder Lein stießen schnell an ihre kapazitären Grenzen, doch man erkannte das enorme Potenzial von Palmkernen aus Übersee – sie waren ungleich ergiebiger. Es entstand eine fulminante Erfolgsgeschichte, geprägt durch Namen wie Gaiser, Noblée & Thörl und später Hobum, die Harburg in ein Zentrum der Fett- und Margarineindustrie verwandelten. Hand in Hand damit ging das Übersee-Handelshaus von Gottlieb Leopold Gaiser, das ab den 1880er Jahren eigene Faktoreien in Westafrika betrieb und die Rohstoffströme direkt an die Elbe lenkte.

Parallel dazu revolutionierte ein ganz anderer Rohstoff den Alltag: Kautschuk. In den Werkstätten von H. C. Meyer jr., dem legendären „Stockmeyer“, gelang ein industrieller Coup. Das bisher für edle Spazierstöcke verwendete, aber extrem knappe und teure Elfenbein konnte durch das neuartige Hartgummi ersetzt werden. Fast zeitgleich schrieben die Harburger Gummi-Werke (die Urzelle der späteren Phoenix-Werke) ab 1856 Industriegeschichte. Mithilfe des hochentwickelten Goodyear-Verfahrens zur Vulkanisation konnten aus Kautschuk elastisches Gummi in Massen hergestellt werden – für robuste Schuhe, bald für Reifen, Kämme oder Billardkugeln.

Ein weltweiter Rohstoffhunger brach aus, der an der Süderelbe ein mächtiges Zentrum fand. Es gehört zu den zentralen neuen Erkenntnissen des Berichts, die hiesige Wirtschaftsgeschichte um eine bisher übersehene Säule zu erweitern: die Jute-Spinnerei, die um 1913 zur größten Arbeitgeberin Harburgs aufstieg. Ihr Erfolg basierte fundamental auf den existenziellen Krisen und dem Elend der kleinbäuerlichen Bevölkerung im fernen Bengalen.

Geld – Macht – Einfluss

Wie aber finanzierte und organisierte Harburg dieses atemberaubende Wachstum? Die Antwort liegt in einem eng geknüpften, hocheffizienten Netzwerk, das sich radikal vom Hamburger Weg unterschied. Während man nördlich der Elbe auf die etablierte Macht der hanseatischen Kaufleute setzte, pumpte im Süden die Hannoversche Bank das nötige Kapital in die rasant wachsenden Betriebe.

Und dort, wo das Geld lag, saßen auch die politischen Entscheider. Harburgs Aufstieg ist untrennbar mit den weitsichtigen Stadtobersten jener Epoche verbunden. Maßgebliche Bürgermeister wie Julius Ludowieg und später Heinrich Denicke tummelten sich just in jenen finanziellen Zirkeln und Gremien der Hannoverschen Bank, die den Boom erst ermöglichten. Hier verschmolzen knallharte Kommunalpolitik und weitreichende industrielle Interessen zu einem unaufhaltsamen Motor. Man verstand sich eben als Macher.

Dieser Motor veränderte das Gesicht der Stadt in Rekordzeit. Um den gewaltigen, globalen Rohstoffhunger logistisch bewältigen zu können, wurde die Infrastruktur auf Effizienz getrimmt. Ein topmoderner Kaihafen entstand, begleitet von einem neuen, imposanten Bahnhof und einem rasterartig ausgebauten Straßennetz. Doch Fabriken brauchen Hände. Aus dem ländlichen Umland strömten Tausende Tagelöhner*innen an die Süderelbe, angelockt von der Aussicht auf Arbeit.

Für diese neue, massiv anwachsende Klasse von Arbeiter*innen wurden in Windeseile ganze Viertel (z.B. Phoenix-Viertel) mit dicht gedrängten Mietshäusern aus dem Boden gestampft. Die Stadt explodierte förmlich. Um dieses neue, mitunter prekäre soziale Gefüge im Schatten der rauchenden Schlote stabil zu halten, entstanden parallel die ersten Armenkassen.

Ungleicher Schweiß des Erfolgs

Es war eine vollkommene Transformation: Harburg hatte sich eine komplett neue, vibrierende und raue industrielle Identität erschaffen. Während die bürgerliche Elite kolonialbegeistert war, blieb der Arbeiterschaft in den engen Straßen des Phoenix-Viertels kaum Raum für imperiale Träume. Da die Arbeiter*innen primär mit dem nackten Überleben und dem harten Fabrikalltag eines 12-Stunden-Tages beschäftigt waren, macht gerade diese tief ausgeprägte Klassenperspektive die Harburger Geschichte im Vergleich zum Handels- und Kaufmannszentrum Hamburg so speziell.

Doch diese glänzende Medaille des industriellen Erfolgs hatte eine weitere tiefdunkle Kehrseite. Der unaufhaltsame Harburger Boom basierte fundamental auf der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Süden, angetrieben von einer zielgerichteten imperialen Politik. Als das junge deutsche Kaiserreich ab den 1880er Jahren vehement auf eigene Kolonien drängte, saßen die Harburger Fabrikanten längst an den Hebeln der globalen Warenströme. Ob Kautschuk aus Kamerun oder Palmkerne aus Togo – der koloniale Raubbau war der Treibstoff für den heimischen Aufstieg.

Wie viele dieser Verflechtungen in den Alltag einsickerten, konnten die Historiker*innen Annika Bärwald und Yves Schmitz in den Archiven der Lokalzeitung nachlesen. Denn die Harburger Anzeigen und Nachrichten begleiteten den weltweiten Aufstieg der Stadt Schritt für Schritt. In ihren Spalten mischten sich nüchterne Marktberichte mit unverhohlener kolonialer Propaganda. Man feierte den wirtschaftlichen Imperialismus und versuchte gezielt, auch die heimische Arbeiterschaft für das koloniale Projekt zu begeistern.

Aus den fernen Kolonien floss jedoch nicht nur Rohmaterial in die Fabriken, sondern auch Beute in die Salons. Die lokale bürgerliche Elite, berauscht vom eigenen globalen Einfluss, demonstrierte ihren Status durch eine ganz besondere Form des bürgerlichen Stolzes: Man sammelte eifrig ethnografische Objekte aus den besetzten Gebieten und schenkte sie dem Helms-Museum. Diese mitgebrachten Trophäen sollten den kolonialen Geist mitten in Harburg fassbar machen – eine Zurschaustellung von Macht, die heute, sicher verwahrt in den Depots, als stummes Zeugnis einer tiefen moralischen Schuld überdauert hat. Der Bericht macht die koloniale Gewalt schmerzhaft konkret: Unter den Schenkungen an das Helms-Museum befinden sich nicht nur koloniale Alltagsobjekte wie eine Nilpferdpeitsche, sondern auch sensible, von Gewalt zeugende Funde wie ein menschlicher Schädel. Hier wird einstiger bürgerlicher Sammlerstolz zur dringlichen zeitgenössischen Verpflichtung. Wie Bärwald und Schmitz attestieren, wartet dieser Fundus im heutigen Stadtmuseum Harburg auf seine kritische historische Einordnung und schlussendliche Restitution.

Ein Abschluss als Beginn

Dass diese lange Zeit unsichtbaren Linien zwischen Harburger Prachtbauten und kolonialer Ausbeutung nun so klar gezeichnet werden, ist das Ergebnis einer kulturpolitischen Initiative aus dem November 2021. Angestoßen durch einen Vortrag des Historikers Kim Todzi von der Forschungsstelle Kolonialgeschichte, beschloss die Bezirksversammlung, die Verflechtungen der eigenen Stadtgeschichte systematisch auszuleuchten.

Der nun vorgelegte Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz löst dieses Versprechen in Teilen ein. Die Forschenden haben eine akribische Aufarbeitung geleistet, die genau jene Verbindungen freilegt, die im kolonialen Rausch des Kaiserreichs geknüpft wurden. Durch die erstmalige systematische Durchsiebung lokaler Quellen, wie des Digital-Archivs der Harburger Anzeigen und Nachrichten, wird nachvollziehbar, wie Globalgeschichte und Lokalgeschichte an den einzelnen Fabrikbänken aufeinandertreffen. Der Bericht schließt damit nicht nur historische Leerstellen, sondern gibt präzise Hinweise zur Vertiefung.

Dieser Abschlussbericht ist deshalb so absolut lesenswert, weil er nicht dem staubigen Klischee klassischer Heimatforschung entspricht. Er holt die Weltpolitik direkt vor unsere Haustür. Das macht das Werk zu einem packenden Stück Zeitgeschichte, das fesselt und stellenweise tief bewegt. Vor allem aber macht der Bericht eines unmissverständlich klar: Harburgs Geschichte zu erforschen lohnt sich – und sie liegt uns im doppelten Sinne nah. Sie ist räumlich zum Greifen nah in den Hafenbecken und Straßennamen unseres Stadtraums, und sie ist uns strukturell in ihren globalen Auswirkungen viel näher, als wir es im Alltag oft wahrhaben wollen. Denn Gummi und Palmöl sind alltägliche Begleiter unseres Lebens.

Genau aus diesem Grund darf und wird diese Arbeit kein Schlusspunkt sein, der in den Schubladen der Bezirksverwaltung verschwindet. Sie ist vielmehr ein gelungener Auftakt. Bärwald und Schmitz haben ein stabiles Fundament gegossen, doch die reichhaltigen Quellenfunde – von den tiefen Archiven des Helms-Museums bis zu den ungesichteten Firmennachlässen – schreien förmlich nach einer Fortsetzung. Dieser Bericht muss als lauter Ansporn verstanden werden: für Schulen, für zivilgesellschaftliche Initiativen und für weitere historische Forschungen. Die Spurensuche an der Süderelbe hat gerade erst begonnen.

Der „Abschlussbericht koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Yves Schmitz steht hier kostenfrei zum Download.


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Vom Hof zum Palast? https://www.tiefgang.net/vom-hof-zum-palast/ Sat, 13 Jun 2026 22:52:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13995 [...]]]> Der Kulturpalast Harburg öffnet bald (wieder) und viele trauern um den alten Rieckhof. Doch wer die heutige Stiftung Kultur Palast verstehen will, darf nicht nur auf die lichtdurchfluteten Tanzstudios des Hamburger Ostens schauen.

Die Ursprünge des heutigen Kultur Palast Hamburg (KPH) im Stadtteil Hamburg-Billstedt liegen in einer Bürgerinitiative im Jahr 1980 und der anschließenden Besetzung einer ehemaligen Polizeiwache 93 im Jahr 1982. Dann mietete der Verein im Jahr 1986 einen kleinen, heizungslosen Laden im Schiffbeker Weg. Dort kam der Wille vieler Billstedter zum Ausdruck, selbst an der Gestaltung ihres Umfeldes mitzuwirken. Nachdem in Billstedt dann das Wasserwerk stillgelegt worden war, erstritt später die Initiative die Umnutzung auch dieses markanten Gebäudes. Es war eine klassische Aneignung von Raum von unten. Das „Alte Wasserwerk“ wurde so erst zum heute bekannten pulsierenden Zentrum für Stadtteilkultur, selbstverwaltete Jugendprojekte, Konzerte und Diskussionen im Hamburger Osten. Dörte Inselmann, die spätere Intendantin und das langjährige Gesicht des Hauses, stieß in dieser prägenden Phase zur Initiative und begleitete den Aufstieg des Zentrums von der improvisierten Fabriketage hin zur festen Institution. Sie erinnerte sich in Rückblicken oft an diesen Pioniergeist: „Wir wollten damals im alten Wasserwerk schlicht einen Ort schaffen, an dem gesellschaftliche Teilhabe im Alltag spürbar wird. Es ging uns um Kultur von allen für alle, ganz ohne administrative Hürden.“

Eine ähnliche Dynamik zeigte sich im Grunde zeitgleich am anderen Ende der Elbe, im Harburger Süden. Bevor das markante Allzweckgebäude des Rieckhofs 1984 offiziell eröffnet werden konnte, schlug das Herz der dortigen Szene in der Nöldekestraße. Dort richtete sich eine Initiative ab den späten 1970er-Jahren ein improvisiertes Freizeitzentrum ein. Auch die „Toten Hosen“ machten hier erste Schritte hin zu großen Bühnen. Auch in Harburg brannte das Licht damals aber eben nur, weil Menschen vor Ort Räume besetzten, sie in Eigenregie gestalteten und für ihre Gemeinschaft reklamierten.

Obwohl Billstedt und Harburg geografisch und atmosphärisch getrennte Welten waren, teilten diese beiden frühen Kulturzentren dieselbe unverkennbare DNA. Sowohl das Alte Wasserwerk im Osten als auch die Keimzelle in der Nöldekestraße im Süden entstanden aus dem echten, dringenden Bedürfnis nach Selbstverwaltung, politischer Einmischung und der soziokulturellen Ur-Idee. Es ging um die ungestörte Eigenzeit der Bürger*innen – ohne Blick auf Rentabilität oder behördliche Vorgaben.

Stadtteilkultur im Wandel

Von also fast baugleichen Graswurzel-Wurzeln bogen die beiden Häuser in den folgenden Jahrzehnten in völlig unterschiedliche Richtungen ab. Sie entwickelten zwei fundamentale, geradezu gegensätzliche Philosophien darüber, was Stadtteilkultur leisten kann, wie sie sich finanzieren muss und wer sie steuert.

In Billstedt vollzog das Projekt unter der Führung von Dörte Inselmann eine bewusste Metamorphose weg vom klassischen, chronisch unterfinanzierten Stadtteilverein. Der strategische Hebel hierzu war die Transformation in ein hochprofessionelles Stiftungsmodell. Eine Stiftung bot die rechtliche Struktur, um staatliche Institutionelle Förderung mit beträchtlichem privatem Kapital zu bündeln. Als entscheidender Katalysator erwies sich hierbei der Hamburger Medienunternehmer Frank Otto, der als langjähriger Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung nicht nur eigenes Geld einbrachte, sondern auch die Türen zu Hamburgs finanzstarken Philanthropen und Großstiftungen öffnete.

Mit dieser wirtschaftlichen Schlagkraft im Rücken etablierte der Kultur Palast eine ganze Reihe von eigenständigen, hochkarätigen Marken, die weit über Billstedt hinausstrahlten. Neben den bekannten Bildungsprojekten wie der frühkindlichen Musikförderung „Klangstrolche“ oder der bundesweit renommierten „HipHop Academy“ gelang dem Haus eine bemerkenswerte Gratwanderung zwischen Hochkultur, Massenattraktion und Subkultur in den Nischen. Und es ging nicht nur um Beschäftigung Jugendlicher, sondern um konkrete Förderung von Perspektiven.

So schuf die Stiftung im Keller des Hauses mit dem „Bambi Galore“ einen mittlerweile preisgekrönten Club, der sich über die Jahrzehnte zu einer der renommiertesten und treuesten Underground-Adressen für die norddeutsche Heavy-Metal- und Hardrock-Szene entwickelte. Gleichzeitig bewies das Haus mit Großprojekten wie „Billvue“ (dem bunten Billstedter Lichterfest und Kultur-Netzwerk), wie moderne Stadtteilkultur als identitätsstiftendes Stadtteilmarketing funktionieren kann, das Zehntausende Menschen auf die Straßen lockt. Der im Jahr 2017 für rund 10 Millionen Euro aus städtischen RISE-Mitteln errichtete Neubau am Öjendorfer Weg besiegelte diesen Weg: Er ersetzte die improvisierte Gemütlichkeit der Gründertage durch funktionale Profi-Studios, Konzertsäle und eine maßgeschneiderte Club-Infrastruktur.

Harburg hingegen wählte mit dem Umzug des Zentrums in die Rieckhofstraße im Jahr 1984 den exakten Gegenentwurf. Der Verein „Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V.“ unter Jörn Hansen blieb dem Modell des bedingungslosen Bürgerhauses treu. Der Rieckhof verstand sich primär als Dienstleister und Bereitsteller von Infrastruktur für die Menschen vor Ort. Er diktierte kein Programm von oben, sondern überließ den Raum dem Bezirk. Dazu gehörte ganz explizit auch die Vermietung des großen Saals für private Zwecke: Der Rieckhof war über Jahrzehnte das logistische Rückgrat für große Familienfeste, Vereinsjubiläen und insbesondere für die großen, oft interkulturellen Hochzeitsfeiern der Harburger Nachbarschaft, die sich teure kommerzielle Säle nicht leisten konnten. Diese Vermietungen waren für das Haus gelebte soziokulturelle Teilhabe – und gleichzeitig eine überlebenswichtige eigene Einnahmequelle abseits staatlicher Zuschüsse.

Zudem bewies das Team um Jörn Hansen entgegen späteren Vorwürfen ein hohes Maß an sozialer Innovationskraft, indem es seinerzeit eine wegweisende Kooperation mit den Elbe-Werkstätten vereinbarte. Menschen mit Behinderungen übernahmen im Rieckhof nicht nur maßgeblich den Betrieb der hauseigenen Gastronomie, sondern zeichneten auch für Catering und die gesamte Gebäudereinigung verantwortlich. Dieses Modell war seinerzeit neu und brachte echte, gelebte Inklusion mitten in den Harburger Alltag und verzahnte die Kulturarbeit organisch mit dem ersten Arbeitsmarkt. Hansen betonte den Wert dieser gewachsenen Struktur immer wieder vehement gegenüber Kritikern: „Der Rieckhof ist das unzensierte, niedrigschwellige Wohnzimmer Harburgs. Wer uns vorwirft, wir ersticken im Gestern, übersieht, dass Inklusion und interkulturelle Feste bei uns längst Alltag waren, bevor sie zu politischen Modeworten wurden.“

Doch genau dieses Beharren auf dem soziokulturellen Gesamtkonzept der 1980er-Jahre stieß in der modernen, von Effizienz und Kennzahlen geprägten Stadtverwaltung zunehmend auf harten Widerstand. Aus dem Harburger Bezirksamt und von Teilen der Politik (SPD und Grüne) wurde dem Rieckhof ein massiver Modernisierungsstau attestiert. Der Vorwurf wog schwer: Das Programm sei in den Strukturen vergangener Jahrzehnte erstarrt. Es erreiche die stark wachsende, postmigrantische Stadtteilgesellschaft zu wenig, schotte sich gegen zeitgemäße Kooperationen mit Schulen ab und überlasse wertvollen Kulturraum zu oft privaten Feiergesellschaften, statt selbst gestaltete, integrative Kultur anzubieten. Heinke Ehlers (Grüne) fasste die politische Ungeduld damals in die Worte: „Wir brauchen in einem diversen Bezirk wie Harburg eine zeitgemäße, interkulturelle Öffnung der Stadtteilkultur, die Kooperationen mit Schulen sucht und alle Menschen erreicht – starre Strukturen vergangener Jahrzehnte werden dem nicht mehr gerecht.“

Dass das Haus über die Elbe-Werkstätten bereits ein tief verwurzeltes, inklusives Beschäftigungsmodell lebte, geriet in der harten Argumentation der administrativen Planer*innen zunehmend in den Hintergrund. Das unperfekte Kiez-Wohnzimmer wurde aus ihrer Sicht als unzeitgemäßer Anachronismus wahrgenommen, den man von oben neu ordnen musste.

Soziales Dienstleistungszentrum oder Freiraum der Bürger*innen?

An diesem Wendepunkt berührt die Hamburger Entwicklung den eigentlichen, demokratietheoretischen Kern moderner Soziokultur. Es geht um die fundamentale Frage, wie Wandel in diesen sensiblen Räumen überhaupt vollzogen werden darf: Muss er organisch von innen herauswachsen, oder darf er von oben durch die Verwaltung diktiert werden?

In der Theorie lebt die Stadtteilkultur von ihrer Autonomie. Kultur lässt sich nicht im klassischen Sinne verordnen oder wie ein Franchise-Konzept auf dem Reißbrett entwerfen. Wenn eine Verwaltung – wie im Fall des Rieckhofs über das Interessenbekundungsverfahren im Jahr 2021 geschehen – den harten, administrativen Weg des Trägerwechsels wählt, geht das in der Soziokultur selten reibungslos aus. Es entsteht ein tiefes Misstrauen, weil die gewachsene Vertrauensbasis und die lokale Verankerung im Stadtteil per Dekret erschüttert werden.

Um diesen Hebel der Verwaltung zu verstehen, lohnt sich wiederum ein Blick in das formelle Regelwerk der Hansestadt: die sogenannte Globalrichtlinie Stadtteilkultur. Sie bildet das administrative Fundament, über das der Senat und die Bezirke die Verteilung der millionenschweren Rahmenzuweisungen für Stadtteilkulturzentren steuern. Eigentlich betont diese Richtlinie in ihrer Anlage explizit die Eigenverantwortung der freien Träger sowie die Berücksichtigung der spezifischen Bedarfe vor Ort. Doch sie enthält auch ein zweites Gesicht: Sie knüpft das öffentliche Geld an messbare Zielvorgaben wie die interkulturelle Öffnung, demografische Anpassung, Antidiskriminierung und Barrierefreiheit.

Genau hier bricht das moderne Dilemma auf. Das Harburger Bezirksamt nutzte die Kriterien dieser Globalrichtlinie im Grunde als ordnungspolitisches Steuerungsinstrument, um das Haus neu auszurichten. Aus Sicht der Verwaltung mag das legitim klingen: Wer Millionen an Steuergeldern für Sanierung und Betrieb bereitstellt, muss die Einhaltung moderner, gesellschaftlicher Standards einfordern dürfen. Doch für die Soziokultur birgt dieses Vorgehen eine immense Gefahr. Wenn Richtlinien und Kennzahlenabfragen zu eng gefasst werden, mutieren Kulturorte im schlimmsten Fall zu sozialen Dienstleistungszentren. Sie werden dann zu reinen Erfüllungsgehilfen staatlicher Sozialarbeit degradiert, die von oben definierte Aufgaben wie Sprachförderung oder Integration abzuarbeiten haben.

Der ursprüngliche Freiraum – die Idee, dass ein Raum unperfekt, unvorhersehbar und sperrig von den Bürger*innen selbst mit Leben gefüllt wird – geht dabei schleichend verloren. So Verwaltung und Politik den Wandel von oben zu erzwingen versuchen, anstatt einen kritisierten Träger bei der internen Modernisierung partnerschaftlich zu begleiten, verliert so ein Haus oft das Wichtigste, was es hat: seine Seele und die Akzeptanz der Menschen, für die es eigentlich gebaut wurde.

Das sieht man schon an der eigenen Darstellung beider Häuser: Die archivierte digitale Welt des alten Rieckhofs spiegelte bis zuletzt das klassische, gewachsene Bürgerhaus-Prinzip wider. Die Internetseite funktionierte im Grunde als ein offener, digitaler Marktplatz und als virtuelles schwarzes Brett für die Harburger Gemeinschaft. Wer die Seite aufrief, stieß nicht auf ein durchgestyltes Kulturprogramm, sondern primär auf logistische Angebote und Kooperationen: Es ging um die unkomplizierte Vermietung der Säle für private Anlässe und große Familienfeste oder um direkte Verlinkungen zu externen Selbsthilfegruppen, Mieterberatungen und Stadtteilinitiativen. Im Musikbereich lag der Fokus im Netz auf der Bereitstellung der Bühne für lokale Newcomer-Festivals und Nachwuchsbands, denen hier eine der wenigen großen Auftrittsmöglichkeiten im Bezirk geboten wurde. Der Trägerverein verstand sich somit im Netz nicht als dominierender, kreativer Absender, sondern ganz bewusst als neutraler Ermöglicher und Verwalter einer Infrastruktur, die von der Nachbarschaft eigenständig bespielt und genutzt werden sollte.

Ein Klick auf die aktuelle Webpräsenz der Stiftung Kultur Palast führt die User*innen in eine völlig andere Welt. Hier präsentiert sich kein lokales Bürgerhaus, sondern eine hochprofessionelle, zentral gesteuerte Markenplattform von gesamtstädtischer Strahlkraft. Der Fokus liegt hier dezidiert nicht auf der bloßen Verwaltung von freiem Raum für lokale Initiativen, sondern auf der wirksamen Inszenierung eigener, exzellent kuratierte Kultur- und Bildungsmarken. Großprojekte wie die „HipHop Academy“, die „Klangstrolche“ oder das urbane Musiknetzwerk „Billstedt United“ prägen das visuelle Geschehen.

Auch die organisatorische Struktur bildet sich im Netz unterschiedlich ab: Statt flacher Vereinsstrukturen findet man ein professionelles Management, klare administrative Ansprechpartner*innen für die unterschiedlichen Sparten, ein institutionalisiertes Fundraising sowie einen prominent besetzten Stiftungsrat – in dem neben Frank Otto auch Elbphilharmonie-Generalintendant Christoph Lieben-Seutter aktiv ist –, der strategische Allianzen in die Hamburger Wirtschaft und Hochkultur abbildet. Der Stadtteil und seine Bewohner*innen tauchen auf dieser Plattform primär in der Rolle der Zielgruppe auf – eher als partizipierende Konsument*innen und Nutznießer*innen eines perfekt durchdachten und qualitativ hochwertigen Angebots, seltener als autonome Gestalter*innen des Programms. Der Systemwechsel ist also im Grunde auf den ersten Blick greifbar.

Hinter den glänzenden Fassaden der neuen Kulturgebäude und den philosophischen Debatten über die wahre Natur der Soziokultur liegt aber noch ein ganz anderes, oft verdrängtes Terrain: die unbarmherzige Ökonomie des Kulturbetriebs. Beide Modelle – sowohl das gewachsene Bürgerhaus als auch der moderne Kultur-Konzern – kämpfen mit über die Jahre im Wandel befindlichen finanziellen Realitäten, die im schlimmsten Fall existenzbedrohend sind.

Wie hart dieser wirtschaftliche Wendepunkt sein kann, zeigte sich am Ende des alten Harburger Trägervereins. Nach dem abrupten Entzug der staatlichen Gelder per Juni 2022 und dem erteilten Betretungsverbot geriet das Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V. in eine klassische finanzielle Sackgasse. Im Dezember 2022 musste der traditionsreiche Alt-Verein Insolvenz anmelden. Der Genickbruch waren dabei nicht nur die fehlenden Einnahmen aus dem laufenden Betrieb, sondern historische Altlasten: Durch die jahrzehntelange Beschäftigung von Personal nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes drückten immense Pensionsverpflichtungen (VBL) für ehemalige Mitarbeitende das Budget. Ohne die verlässlichen, staatlichen Zuwendungen konnten diese langfristigen Verpflichtungen nicht mehr bedient werden – ein strukturelles Verhängnis, das viele alte Vereine der ersten Soziokultur-Generation im Zuge eines harten Trägerwechsels ereilt.

Doch glaubt man, dass das hochprofessionalisierte Stiftungsmodell der Stiftung Kultur Palast automatisch finanzielle Sorgenfreiheit bedeutet, erweist sich bei einem Blick hinter die Kulissen ebenso als Illusion. Die Expansion nach Harburg vergrößert den administrativen und operativen Apparat massiv. Stiftungen im Kulturbereich agieren per se gemeinnützig und dürfen keine nennenswerten freien Rücklagen bilden. Sie leben in einer permanenten, volatilen Balance aus kurzfristig bewilligten Projektgeldern, privaten Spenden und staatlichen Zuschüssen.

Wie hoch der wirtschaftliche Druck im System des Billstedter Riesen tatsächlich ist, verrät ein Blick in die offiziellen Transparenzberichte der Stiftung, abrufbar auf der Webseite. Um einer drohenden Schieflage entgegenzusteuern, musste die Stiftung Kultur Palast ihre Belegschaft zuletzt spürbar reduzieren – von 89 Mitarbeitenden im Jahr 2023 auf 75 im Jahr 2024. Die Führung spricht selbst offen von einer notwendigen „Konsolidierung aufgrund einer angespannten Lage in allen Bereichen“.

Zwar besteht aktuell keine Insolvenz, schon da die Stadt Hamburg die Stiftung im Zuge der millionenschweren Harburg-Sanierung institutionell und über Sonderbeschlüsse stützt, doch die Bilanzanalyse zeigt: Die Stiftung reitet immer wieder wirtschaftlich auf einer Rasierklinge. Jede Verzögerung bei städtischen Zuschüssen oder ein Einbruch bei den privaten Sponsoren bringt das fragile System ins Wanken. Die Expansion nach Harburg hat die finanzielle Schlagkraft der Stiftung erhöht, aber die wirtschaftlichen Risiken für das Gesamtsystem gleichzeitig auch massiv potenziert.

Der Neustart

Die symbolische Schlüsselübergabe im Mai 2026 beendet nun erstmal eine quälend lange Phase der Starre für den Kulturstandort in Harburg. Jahrelang war das Gebäude an der Rieckhofstraße eine leblose Baustelle, komplett von der Bildfläche verschwunden und für die Menschen im Bezirk schlicht nicht nutzbar. Die langwierige Sanierung, verzögert durch die Insolvenz des alten Trägervereins und die bürokratischen Mühlen einer millionenschweren RISE-Großbaustelle, hinterließ ein tiefes kulturelles Vakuum im Harburger Zentrum. Nach Jahren des Stillstands und der verrammelten Türen stellt sich nun die existenzielle Frage, wie dieses runderneuerte, rund 9 Millionen Euro teure Haus wieder mit Leben gefüllt wird oder werden kann. Jüngere Menschen kennen das Gebäude schlicht nur als verschlossene Baustelle.

Das erste angekündigte Programm der Stiftung Kultur Palast fungiert nun also als die eigentliche Reifeprüfung für das neue Konzept und zeigt bereits eine ganz klare Handschrift: Der Fokus liegt massiv auf einer jüngeren Generation, auf Familien und auf urbaner Eventkultur.

Kinder- und Jugendtheater als Fundament: Das Haus meldet sich im Sommer mit guten Angeboten für junges Publikum zurück. Unter dem Dach des 1. Harburger Theatertreffens gastieren ab Ende Juni zahlreiche preisgekrönte Produktionen. Darunter finden sich Stücke wie Prinz Eile, die bilinguale, deutsch-kurdische Inszenierung Nachteulen, das musikalische Objekttheater Wasser – ein philosophisches Geplätscher sowie die Tanzperformance Um die Ecke.

Musik für Familien und die Kleinsten: Auch die aus Billstedt bekannte Strategie wird sofort ausgerollt. Im September bespielt die bekannte Kinderrockband Radau! den großen Familientag zur Eröffnung, gefolgt von der Dino-Metal-Band Heavysaurus Ende September. Zudem feiert die Kinderphilharmonie im November ihre Harburg-Premiere mit interaktiven Klassik-, Jazz- und Weltmusikkonzerten für Kinder bis 7 Jahren.

Die urbane Jugendkultur: Im Juni gastierte gerade das DNA Festival im Haus, ein großes Breaking- und HipHop-Battle für Kids und Jugendliche bis 16 Jahre, das direkt an das professionelle Netzwerk der HipHop Academy andockt. Passend dazu gibt es in den Sommerferien ein einwöchiges Youngsters HipHop Camp für lokale Nachwuchstalente.

Die musikalische Brücke zum alten Rieckhof: Auch für das erwachsene Publikum kehrt die Livemusik zurück. Im September steht mit Boerney & die Tri Tops eine absolute Institution der Hamburger Cover- und Rock-Show-Partyszene auf der Bühne – ein Format, das laut und feierfreudig an die Tradition des alten Bürgerhauses erinnert.

Was bei dieser ersten Event-Welle allerdings auffällt: Ein klassisches, wöchentliches Kursprogramm für Erwachsene – wie Töpfern, Sprachen oder Handwerk – oder ein dezidiertes, fortlaufendes Kabarett- und Kleinkunstprogramm sucht man noch vergeblich.

Hier bricht genau das Spannungsfeld auf, das die Debatte bestimmt. Auf der einen Seite bringen Formate wie die HipHop Academy oder die Kinderphilharmonie unbestreitbar eine neue, exzellente pädagogische Qualität und eine starke Nachwuchsförderung in den Bezirk. Das sind Leuchttürme mit überregionaler Strahlkraft, die Jugendliche ansprechen, die vom alten Rieckhof-Programm zuletzt kaum noch erreicht wurden.

Auf der anderen Seite steht die alles entscheidende Frage der lokalen Aneignung. Ein Kulturhaus wird vermutlich nach jahrelanger Schließung nicht allein durch durchgetaktete Markenprogramme von oben wiederbelebt werden können. Die Nagelprobe für die Stiftung wird sein, wie viel bedingungsloser Freiraum den Harburgerinnen abseits dieser kuratierten Groß-Events überlassen wird. Finden die unkommerziellen Kiez-Initiativen, die lokalen Selbsthilfegruppen und die im Bezirk verwurzelten Bands den Weg zurück in das sanierte Gebäude? Akzeptiert die Nachbarschaft das neue Haus wieder als ihren Ort, oder bleibt das Gefühl zurück, nur noch Konsument*innen in einem sterilen Kultur-Dienstleistungszentrum zu sein? Die früh gestartete und aktive Vernetzung des Kulturpalast-Team mit dem örtlichen Netzwerk SuedKultur spricht zunächst mal für eine tiefergehende Arbeit an den Wurzeln des Bezirks.  Nach Jahren der Dunkelheit brennt nun an der Rieckhofstraße immerhin erstmal wieder Licht – doch die emotionale Rückeroberung des Hauses durch die Menschen vor Ort hat aber gerade erst begonnen.

Der tiefgreifende Strukturwandel am Rieckhof zeigt aber eben auch exemplarisch, dass das reine, improvisierte Kiez-Wohnzimmer alter Prägung es in der heutigen, von Effizienz und Kennzahlen geprägten Verwaltungs- und Förderwelt extrem schwer hat. Die Anforderungen an Barrierefreiheit, interkulturelle Öffnung und professionelles Management sind real und berechtigt. Doch ein rein funktionales, von oben verordnetes Dienstleistungszentrum läuft Gefahr, seine wichtigste Ressource zu verlieren: die organische Akzeptanz und die Seele des Stadtteils.

Die echte Reifeprüfung für die Stiftung Kultur Palast in Harburg beginnt genau jetzt, nach der langen Phase der Stille. Das runderneuerte Haus wird sich in den kommenden Jahren daran messen lassen müssen, ob es gelingt, die unbestreitbare Professionalität, das finanzielle Geschick und die hohe pädagogische Qualität aus Billstedt mit der nahbaren, eigenwilligen und unperfekten Seele der alten Harburger Tradition zu versöhnen. Nur wenn aus der sterilen neuen Infrastruktur wieder ein echter Freiraum für die Menschen vor Ort wird, kann dieses Experiment gelingen. Dafür aber muss man sie auch einfach mal machen lassen.

Das kommende Programm hier: www.kulturpalast-harburg.com


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Kulturgut oder Kreissäge? https://www.tiefgang.net/kulturgut-oder-kreissaege/ Mon, 08 Jun 2026 22:45:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13984 [...]]]> Wer an einem milden Wochenende durch das Hamburger Schanzenviertel oder über die Reeperbahn spaziert, der hört sie: die dumpfen, rhythmischen Bässe, die aus den Kellern und Hinterhöfen dringen.

Vor den Türen stehen junge Menschen in Zweierreihen, rauchen, lachen, warten auf den Einlass. Für die einen ist das der Herzschlag einer lebendigen Metropole, die Wiege von Newcomer*innen und der Ausdruck urbanen Lebensgefühls. Für die Stadt ist es ein unschätzbarer Kultur- und Wirtschaftsfaktor.

Doch der Schnitt folgt oft so prompt wie ernüchternd. Nur wenige Meter weiter ragt die Fassade eines frisch sanierten Wohnhauses in den Nachthimmel – gebaut, um den dringend benötigten Wohnraum in der verdichteten Innenstadt zu schaffen. Hinter den modernen Fenstern wohnen Menschen, die am Montag fit im Büro sein wollen oder müssen und ein berechtigtes Interesse an ungestörtem Schlaf haben. Es dauert meist nicht lange, bis die erste Beschwerde beim Bezirksamt eingeht oder der Brief einer Anwaltskanzlei wegen Ruhestörung im Kasten des Clubbetreibenden liegt.

Genau hier bricht ein klassischer, fast unlösbar scheinender Konflikt auf: das Phänomen der herannahenden Wohnbebauung. Wenn die Wohnungen immer dichter an die über Jahrzehnte gewachsenen Kulturorte herangerückt werden, geraten die Clubs rechtlich fast immer ins Hintertreffen. Es ist das Aufeinandertreffen zweier Welten, das uns mitten in die Frage führt: Ab wann wird die Kunst des einen zur unzumutbaren Belästigung des anderen?

Die juristische Nüchternheit

Wenn es dann hart auf hart kommt und der Streit vor den Behörden oder Gerichten landet, offenbart das deutsche Recht eine erstaunliche Nüchternheit. In der juristischen Praxis wird die Poesie eines Live-Konzerts nämlich schlicht in Dezibel gemessen. Das entscheidende Werkzeug der Ämter ist hierbei die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm, kurz TA Lärm.

Und genau hier liegt für die Clubszene die Wurzel des Problems. Die TA Lärm unterscheidet in ihrer Systematik im Grunde nicht, aus welcher Quelle ein Geräusch stammt. Für die Messgeräte der Immissionsschutzbehörden macht es keinen Unterschied, ob der dumpfe Bass einer Bassdrum das Mauerwerk zum Schwingen bringt, oder ob nebenan eine industrielle Kreissäge kreischt, ein Presslufthammer den Asphalt aufreißt oder der Lieferverkehr eines Logistikzentrums vorbeirollt. Musik wird rechtlich wie Gewerbelärm behandelt.

Diese Gleichsetzung hat fatale Folgen für Kulturorte. Denn während eine Fabrik ihre Betriebszeiten in die Früh- oder Mittagsschicht verlegen oder die Maschinen nachts herunterfahren kann, beginnt das wirtschaftliche und kulturelle Leben eines Musikclubs naturgemäß erst in den späten Abendstunden. Sobald die Uhr auf 22 Uhr springt, gelten im Wohnumfeld drastisch abgesenkte Richtwerte für die Nachtzeit.

Erschwert wird die Lage durch eine Koppelung an veraltete Baustandards. Das Baurecht verweist bei der Definition schutzbedürftiger Räume meist routinemäßig auf die DIN 4109. Das führt in der Praxis zu dem absurden Ergebnis, dass Räume, die tagsüber als Büro oder Wohnzimmer genutzt werden, schallschutztechnisch nachts genauso streng geschützt werden müssen wie das eigentliche Schlaf- oder Kinderzimmer. Weil die Messungen zudem meist an der Außenwand des betroffenen Wohnhauses stattfinden, nützt es dem Club oft überhaupt nichts, wenn das Nachbarhaus über modernste, dicke Schallschutzfenster verfügt. Sobald der Wert an der Fassade überschritten wird, drohen Bußgelder, Sperrzeiten oder im schlimmsten Fall die Schließung. Kultur steht hier rechtlich auf einer Stufe mit störender Industrie.

Wem gehört die Nacht?

Um aus dieser rechtlichen Sackgasse herauszukommen, hat die Diskussion nun eine neue Ebene erreicht. Der Hebel, den Verbände und Jurist*innen ansetzen wollen, findet sich im Bundes-Immissionsschutzgesetz, konkret in § 23 Abs. 1. Diese Vorschrift ermächtigt die Bundesregierung, per Rechtsverordnung konkrete Schutzpflichten für Anlagen festzulegen, die keiner großen, formellen Genehmigung bedürfen – und darunter fallen eben auch Musikclubs.

Der nun vorliegende Entwurf 3.0 – entstanden durch verschiedene Stellungnahmen einer Allianz aus Deutscher Musikrat, Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) und LiveKomm – benannte relevante Handlungsbedarfe, die vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) im Gesetzesentwurf in Teilen aufgegriffen wurden. Diese „Kulturschall-Verordnung“ zielt nun auf einen echten Paradigmenwechsel ab. Weg vom starren Gewerbelärm-Diktat, hin zu einer differenzierten Betrachtung. (Genau genommen sind es zwei verschiedene wenn auch parallele Baustellen: Die Verbände fordern Änderungen im Baurecht, damit Clubs überhaupt in den Gebieten zulässig sind. Die Kulturschall-Verordnung hingegen ist eine eigenständige Initiative auf Basis des Immissionsschutzrechts (§ 23 Abs. 1 BImSchG), um die TA Lärm zu ersetzen. Praktisch hieße das, dass  das Ministerium für Bauwesen (BMWSB) das Baurecht ändert; für die Immissionsschutz-Verordnung hingegen wäre das Umweltministerium zuständig.)

Die zentralen Säulen dieser geplanten Reform:

  • der Begriff „Kulturschall“: Geräusche von Live-Bühnen, Clubs, aber ausdrücklich auch die Stimmen der wartenden Gäste vor der Tür sowie der Auf- und Abbau von Equipment sollen rechtlich als eigene Kategorie geschützt werden. Sie werden damit als Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt anerkannt und nicht mehr mit dem Lärm einer Kreissäge gleichgesetzt.
  • Fokus auf den Innenschutz: Das ist der wohl pragmatischste juristische Kniff des Entwurfs. Überschreitungen der Richtwerte an der Außenfassade sollen künftig schlicht unbeachtlich sein, solange der Schallschutz im Inneren der betroffenen Wohnungen ausreicht. Wenn durch moderne Schallschutzfenster oder gedämmte Außenwände in den Schlafräumen nachts der Grenzwert von 25 dB(A) eingehalten wird, darf draußen die Musik weiterspielen.
  • Schutz seltener Veranstaltungen: Der Entwurf sieht zudem eine Flexibilisierung für besondere Events vor. An bis zu 18 Tagen oder Nächten im Jahr soll von den strengen Richtwerten abgewichen werden dürfen, um der Kultur den nötigen temporären Freiraum zu geben.

Mit diesem rechtlichen Werkzeugkasten soll der Verordnungsentwurf die starren Fronten aufbrechen. Doch wie bei jeder Medaille gibt es auch hier zwei Seiten, die sorgfältig abgewogen werden müssen.

Hier zeigt sich die klassische Gratwanderung des Rechtsstaats. Denn wo die einen die Rettung der Kultur feiern, sehen die anderen eine potenzielle Aufweichung ihrer mühsam erkämpften Rechte. Bei genauer Betrachtung stehen sich hier zwei Positionen gegenüber, die für sich genommen beide ein hohes Maß an Legitimität beanspruchen können.

Auf der einen Seite argumentieren die Clubbetreiber*innen und Musikverbände: Musikclubs sind keine bloßen Vergnügungsstätten oder reine Wirtschaftsbetriebe, sie sind soziale Infrastruktur und anerkannte Kulturorte. Sie bieten dem künstlerischen Nachwuchs eine unentbehrliche Bühne und prägen das Gesicht und die Attraktivität moderner Städte. Ohne einen wirksamen rechtlichen Schutz vor Verdrängung durch heranrückende Wohnbebauung droht ein irreparabler Kahlschlag in der Kulturlandschaft. Wenn Kultur immer hinter den Interessen von Investor*innen und dem Wohnungsbau zurücktreten muss, veröden unsere Innenstädte.

Auf der anderen Seite steht das ebenso gewichtige Schutzbedürfnis der Anwohnenden. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die eigene Gesundheit ist ein hohes Gut, das auch im Grundgesetz verankert ist. Dauerhafter Schlafmangel, ausgelöst durch nächtliche Bassfrequenzen oder johlende Partygäste vor dem Fenster, kann nachweislich krank machen. Daher verlangt der Entwurf der Kulturschall-Verordnung zu Recht, dass bei der Beurteilung nicht auf eine überempfindliche Einzelperson, sondern auf den Maßstab eines verständigen, durchschnittlich empfindlichen Menschen abgestellt werden muss. Auch die Frage des Innenschutzes birgt Konfliktpotenzial: Wer trägt am Ende die Kosten für die teuren Schallschutzfenster, und wer kontrolliert im Alltag, ob die Fenster in warmen Sommernächten auch wirklich geschlossen bleiben?

Kann Musik einen?

Der Gesetzgeber steht also vor der Herkulesaufgabe, diese beiden Pole miteinander zu versöhnen. Weder darf der Schutz der Gesundheit zu einer lautlosen, klinisch reinen Stadt führen, in der Kultur keinen Platz mehr hat, noch darf die Kulturfreiheit das Recht der Bürger*innen auf ein gesundes Wohnumfeld völlig aushebeln.

Damit sind das Parlament und das Bauministerium nun am Zug. Der im Koalitionsvertrag formulierte Wille, „Kulturschutzgebiete“ zu schaffen und Clubs endlich den Opern- und Theaterhäusern baurechtlich gleichzustellen, liegt schwarz auf weiß vor. Doch die zähe Praxis der Bauleitplanung hinkt meist den politischen Versprechen hinterher. Der Deutsche Musikrat moniert nun zu Recht, dass im aktuellen Referentenentwurf zur Modernisierung des Städtebaurechts dieser Wille kaum spürbar ist – Clubs drohen baurechtlich wieder zu Kulturorten zweiter Klasse degradiert zu werden.

Die Lösung dieses urbanen Dauerkonflikts kann daher nicht auf den Schultern von DIN-Arbeitsausschüssen abgeladen werden. Es ist eine ureigene Aufgabe des Gesetzgebers, hier klare, zeitgemäße Spielregeln zu definieren. Ein vielversprechender Weg wäre das vorgeschlagene Bundes-Kulturkataster, das Kulturräume in Bebauungsplänen von vornherein sichtbar macht, bevor der erste Bagger für ein neues Wohnhaus anrollt. Hamburg hat da seine Erfahrungen in der HafenCity sowohl mit dem einstigen Moloch (Oberhafenquartier) als auch mit der MS Stubnitz (noch am Kirchenpauerkai) machen können. Gepaart mit einem staatlich geförderten Schallschutzprogramm könnten nun aber Nutzungskonflikte nachhaltig entschärft werden, anstatt sie in jahrelangen, teuren Gerichtsprozessen auszufechten.

Kultur braucht lebendige Freiräume, unsere Städte brauchen bezahlbaren Wohnraum. Die geplante Kulturschall-Verordnung ist der mutige Versuch, diesen juristischen Spagat zu wagen. Es wird sich in den kommenden Monaten auf ein Neues zeigen, ob der Rechtsstaat flexibel genug ist, das Wummern der Bässe in unseren Vierteln nicht länger als störenden Lärm, sondern als schützenswertes Lebensgefühl und echte Lebensqualität zu begreifen.

Und Sie? Glauben Sie, bei geschlossenem Fenster moderat mehr „Kulturschall“ vor der Haustür dulden zu können, oder befürchten Sie, dass damit der Schutz der Nachtruhe in den Städten schleichend aufgeweicht wird?

Der Autor dieses Beitrags, Heiko Langanke, ist auch im Vorstand der Hamburger Clubstiftung.


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Verstaubte Schätze oder kollektives Vergessen? https://www.tiefgang.net/verstaubte-schaetze-oder-kollektives-vergessen/ Thu, 04 Jun 2026 22:06:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13908 [...]]]> Was bleibt eigentlich von einem Leben, das in Bildern gelebt wurde? In Zeiten, in denen tagtäglich Millionen Schnappschüsse ungefiltert in digitalen Clouds verschwinden, verliert das einzelne Bild oft an Wert.

Dabei erzäühlt die echte, dokumentarische Fotografie Geschichten, die unsere Gesellschaft prägen und verbinden. Sie transportiert Nuancen und bringt Tiefe in unser Verständnis für die Komplexität der Welt. Doch genau dieses visuelle Gedächtnis steht vor einem stillen Kollaps. Wenn Fotograf*innen sterben oder ihre Arbeit beenden, droht ihrem Lebenswerk nicht selten das Vergessen.

Fotografische Vor- und Nachlässe lagern oft unsachgemäß, sind weder systematisch geordnet noch mit ausreichenden Metadaten versehen. Das Problem betrifft nicht nur die Kunstwelt, sondern uns alle: Es betrifft historische Dokumente, soziale Reportagen und das visuelle Erbe ganzer Generationen. Erb*innen und Nachlassverwalter*innen stehen meist vor überbordenden Archiven – ohne das nötige Fachwissen, ohne finanzielle Mittel oder eine klare Orientierung. Aus dem Keller direkt in den Container? Das darf nicht passieren.

Wie lässt sich dieses kulturelle Desaster verhindern? Eine Antwort darauf sucht ein hochkarätig besetztes Symposium, das die drängenden Fragen rund um das fotografische Erbe ins Rampenlicht rückt. Unter dem Titel „Damit Bilder bleiben! Das fotografische Archiv als visuelles Gedächtnis“ diskutieren Fachleute praxisnah, wie nachhaltige Archivstrukturen entstehen können.

Es geht um einen interdisziplinären Austausch zwischen Fotograf*innen, Archivar*innen und Kurator*innen. Die Kernfragen sind so simpel wie monumental: Wie können Kunstschaffende schon zu Lebzeiten eine Struktur aufbauen, die ihr Werk überdauert? Welche Verantwortung tragen öffentliche Institutionen, und wie lässt sich die familiäre Nachlasspflege sinnvoll unterstützen?

Das Programm verspricht tiefbrennende Einblicke. Dr. Jens Bove und Dr. Agnes Matthias von der Deutschen Fotothek berichten plastisch vom Weg „Aus dem Umzugskarton auf die Website“. Wie emotional und herausfordernd die Arbeit im privaten Raum ist, zeigen Frieda und Lily von Wild anhand ihrer Erfahrungen mit dem Nachlass der legendären Sibylle Bergemann. Zudem stellen Reinhard Krause und Reimar Ott ihre konkrete Arbeit mit dem Archiv von Wolfgang Prüssner vor – ein echtes Best-Practice-Beispiel für das Sichten, Sichern und Sichtbarmachen.

Auch wenn die Veranstaltung in Dresden stattfindet, schlägt das Herz dieser Initiative im Norden, genauer gesagt in Hamburg. FREELENS, der heute größte Berufsverband professioneller Fotograf*innen und Fotojournalist*innen in Deutschland mit rund 2.100 Mitgliedern, hat seinen Sitz in der Elbmetropole. Seit drei Jahrzehnten kämpft der Verband für die Rechte, kreativen Freiräume und die Wertschätzung des Mediums Fotografie.

Gerade für die lebendige Kulturszene in Hamburg ist das Thema von brennender Relevanz. Auch im Hamburger Süden schlummert in Kellern, Ateliers und privaten Sammlungen ein immenser Schatz an dokumentarischer und künstlerischer Fotografie, der die Stadtgeschichte und den Strukturwandel der Region spiegelt. Das Symposium liefert die theoretischen und praktischen Werkzeuge, die auch für lokale Initiativen, Stadtteilarchive und Hamburger Künstler*innen überlebenswichtig sind, um das eigene Schaffen langfristig sichtbar zu halten.

Symposium: »Damit Bilder bleiben! Das fotografische Archiv als visuelles Gedächtnis«

Fr., , 19. Juni, 14 Uhr | Deutsche Fotothek – SLUB Dresden | Zellescher Weg 18 | 01069 Dresden

Der Eintritt ist frei. Veranstalter: FREELENS e.V. in Kooperation mit der Deutschen Fotothek

Weitere Informationen: www.freelens.com und www.deutschefotothek.de


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Momente des Stillhaltens https://www.tiefgang.net/momente-des-stillhaltens/ Fri, 22 May 2026 10:10:13 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13896 [...]]]> Journalismus hat es in diesen Tagen schwer. Auch der Fotojournalismus, da doch jeder mit seinem Smartphone die Beliebigkeit der Bilder lediglich durch seinen Datenspeicher begrenzt sieht. Um so besser, wenn es jährlich eine Ausstellung der World Press Stiftung im Altonaer Museum gibt und die Aussage des Fotojournalismus und der Fotodokumentation zu würdigen weiß.

Seit dem 22. Mai und bis zum 15. Juni 2026 ist so auch dieses Jahr im Altonaer Museum eine große Auswahl von Fotos zu sehen, die Geschichten, die die Welt durch Fotografie vom 69. jährlichen World Press Photo Contest prägen und verbinden. Die jährliche Ausstellung präsentiert die Arbeiten der 42 ausgezeichneten Fotograf*innen und bringt Tiefe und Nuancen in unser Verständnis der Komplexität der Welt und hebt den überzeugendsten Fotojournalismus und die dokumentarischste Fotografie des vergangenen Jahres hervor. Die Gewinner*innen des World Press Photo Contest 2026 wurden von einer unabhängigen Jury aus 31 Fachleuten aus der ganzen Welt ausgewählt, die mehr als 57.376 Fotografien von 3.747 Fotograf*innen aus 141 Ländern überprüften. Die preisgekrönten Fotografien aus allen Regionen der Welt gehen dann jedes Jahr in einer Ausstellung auf Wanderschaft und werden in mittlerweile mehr als 100 Städten in fast 50 Ländern Station und auf der ganzen Welt von über einer Million Besucher*innen gesehen. In Hamburg präsentieren die Magazine GEO und stern die Ausstellung seit über 25 Jahren in Hamburg. Und eben im Museum Altona.

Die Themen des größten und renommiertesten Wettbewerbs dieser Art reichen von der Dokumentation politischer Auseinandersetzungen und kriegerischer Konflikte über die fotografische Schilderung der fortschreitenden Klimakrise bis zu Reportagen aus dem Alltagsleben unterschiedlicher Gesellschaften.

So das Foto von Tyrone Siu, Mitarbeiter und Fotojournalist bei der Agentur Reuters in Hongkong. Als in Tai Po ein Feuer auf einer Wohnanlage 168 Menschenleben forderte und Hongkong seinen tödlichsten Brand seit 1948 erlebte, wurden wir weltweit Zuschauer dieser Katastrophe. Der Fotograf Tyrone Siu traf einen Herrn Wong auf einer nahegelegenen Fußgängerbrücke etwa eine Stunde nach Beginn des Feuers. Herr Wong beobachtete, wie sein Haus in Flammen aufging, und fragte ängstlich, wo denn die Wasserwerfer und Löschfahrzeuge blieben und äußerte seine eh lange Angst vor den Renovierungsmaterialien. Obwohl keine offizielle Ursache gemeldet wurde, stellten Untersuchungen der Hongkonger Behörden später fest, dass starke Winde in Kombination mit dichtem Bambusgerüst, Baunetz und brennbaren Styroporplatten, die für die Fensterisolierung verwendet werden, als tödliche Beschleuniger fungierten, Bewohner im Inneren einsperrten, Notausgangswege blockierten und die anfängliche Reaktion behinderten. Das Feuer, das während der laufenden Renovierungsarbeiten ausbrach, unterstrich langjährige Bedenken hinsichtlich der Brandschutzvorschriften in alternden Hochhäusern.
Mehr als 2.000 Feuerwehrleute aus dem ganzen Gebiet waren an den massiven Rettungsmaßnahmen beteiligt, die durch die Höhe der Wohnanlage und die intensive Hitze erschwert wurden. Die Operation führte zum Tod eines Feuerwehrmanns und zu Verletzungen von 12 anderen. Nach der Katastrophe überprüft die Feuerwehr von Hongkong ihre Sicherheitsprotokolle für Hochhäuser, die sich externen Renovierungen unterzogen haben.

Foto: Tyrone Siu / Reuters

Was wir sehen: ein einziges Bild, das die Geschichte in einen einzigen Moment komprimiert. Ein Bild, das eben alles sagt über Katastrophen, Ängste, Menschen. „Zu keinem Zeitpunkt ist die Notwendigkeit genauer Informationen unerlässlicher, aber gleichzeitig schwieriger zu produzieren. Deshalb müssen wir alle eine freie Presse unterstützen.“ Ein Statement der World Press Stiftung, das alles sagt.

Oder Das Bild „Drone Wars“ von David Guttenfelder.  Guttenfelder ist Fotojournalist für die New York Times mit Sitz in Minneapolis und behandelt thematisch vor allem geopolitische Konflikte, humanitäre Krisen, Umweltfragen oder soziale Ungerechtigkeit. Über eine 30-jährige Karriere hat er über große Weltereignisse von Aufträgen auf der ganzen Welt berichtet.

Drone Wars von David Guttenfelder, The New York Times

So auch über den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Als Russland Anfang 2022 seine umfassende Invasion in der Ukraine startete, dominierten Artillerie, Raketen, Panzer und Grabenkriege das Schlachtfeld. Die ukrainischen Streitkräfte sahen sich einem weitaus größeren und mechanisierteren Militär gegenüber. Ihr Überleben hing und hängt bis heute von der Improvisation ab und prägte eine der bedeutendsten Veränderungen in der modernen Kriegsführung: den Aufstieg des Drohnenkampfes. Hobby-Drohnen werden in ferngesteuerte Waffen umfunktioniert, und massenproduzierte First-Person-View (FPV)-Drohnen werden von Kilometern entfernt mit tödlicher Präzision gesteuert. Das Ergebnis ist ein unerbittliches Drohnen-Wettrüsten mit Russland und der Ukraine, die jetzt Millionen von Drohnen pro Jahr produzieren. Die Technologie wird bereits in Konflikten weltweit repliziert. Weite Gebiete der Ukraine wurden in „Tötungszonen“ verwandelt, in denen Zivilisten angegriffen, vertrieben und oft gefangen sind. Soldaten verbringen die meiste Zeit in unterirdischen Bunkern oder Kellern, die nicht versorgt werden können. Die rasante Weiterentwicklung der Drohnentechnologie übertrifft die internationalen rechtlichen Rahmenbedingungen und wirft tiefgreifende Fragen über Rechenschaftspflicht, Aufsicht und den Schutz des zivilen Lebens auf. Das Foto dokumentiert quasi die gesamte Geschichte der Bemühungen der Ukraine, ihre Drohnenfähigkeiten und die Auswirkungen russischer Drohnenangriffe auf Zivilisten und Soldaten zu verbessern. Die mörderische Kriegsindustrie.

Eine Ausstellung, dessen Besuch sich also jährlich stets aufs Neue lohnt. Die die Kraft aber auch Kunst der Fotografie eben durch ihr Zeigen selbst unterstreicht und neben der visuellen Faszination nachdenklich stimmt.

Bis 15. Juni: Ausstellung World Press Photo Exhibition 2026

Altonaer Museum |Museumstraße 23 |22765 Hamburg | Tel. 040 – 428 135 801

Besuchszeiten: Mo – Mi: 10 – 17 Uhr, Die geschlossen, Do – Fr: 10 – 20 Uhr, Sa – So: 10 – 18 Uhr

Tickets: 8,50 € für Erwachsene, 6 € für Gruppen von mehr als 10, ermäßigt 5 €

Weitere Informationen: www.worldpressphoto.org und www.shmh.de


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Tipps, die wirklich helfen https://www.tiefgang.net/13583-2/ Thu, 09 Apr 2026 09:10:46 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13583 [...]]]> Ein neu erschienener Ratgeber „Wissenswertes für (gemeinnützige) Vereine“ des Verlags markt intern ist eine lohnenswerte Investition für alle, die in der Verantwortung eines Vereins stehen. Er dient als Frühwarnsystem für kostspielige Fehler.

Manchmal liegt das Glück einer ganzen Gemeinschaft in den Händen weniger Personen, die nach Feierabend noch die Welt ein Stück besser machen wollen. Ob es die Leitung eines kleinen Heimatmuseums ist oder das Management eines Sportclubs – das Herzblut ist groß, doch der bürokratische Dschungel, der im Hintergrund wartet, ist oft noch größer. Als ich den neuen Ratgeber „Wissenswertes für (gemeinnützige) Vereine“ vom Mittelstandsverlag markt intern durchgeblättert habe, wurde mir schnell klar: Hier geht es um weit mehr als nur trockene Paragrafen. Es geht um die Existenzsicherung dessen, was unser Vereinsleben ausmacht.

Schon beim ersten Aufschlagen springt einem ein Satz entgegen, der die Realität vieler Ehrenamtlichen perfekt trifft: „In Vereinen lastet die Arbeit häufig auf wenigen Schultern.“ Doch genau hier beginnt die Gefahr. Wer sich leidenschaftlich um den Museumsbetrieb oder das nächste Konzert kümmert, verliert leicht den Blick für das Kleingedruckte der Finanzverwaltung.

Besonders spannend fand ich die Ausführungen zur Haftung der Vorständ*innen. Es ist fast schon erschreckend, wie schnell aus einem gut gemeinten Engagement eine persönliche Haftungsfalle werden kann. Wenn beispielsweise Vergütungen gezahlt werden, ohne dass die Lohnsteuer korrekt abgeführt wird, steht man plötzlich als Arbeitgeber*in in der Pflicht. Der Ratgeber warnt hier zu Recht: „In diesem Bereich lauern nämlich die größten finanziellen Gefahren.“ Man denke nur an den Klassiker: Ein Mitglied hilft regelmäßig bei der IT oder der Gartenpflege aus und erhält dafür eine kleine Entschädigung. Handelt es sich hier noch um eine Aufwandsentschädigung oder schon um eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung?

Ein echtes Aha-Erlebnis bietet das Kapitel zur Scheinselbständigkeit. Stellen Sie sich vor, Ihr Chor engagiert über Jahre hinweg dieselbe freiberufliche Begleitung am Klavier. Wenn das Finanzamt oder die Rentenversicherung hier eine abhängige Beschäftigung wittert, können Nachzahlungen den Verein binnen kürzester Zeit in den Ruin treiben. Der Ratgeber liefert hier nicht nur die Theorie, sondern konkrete Checklisten und Beispiele, wie man solche Situationen rechtssicher gestaltet.

Auch das Thema Spendenrecht wird lebendig aufbereitet. Wer weiß schon genau, wann eine Spendenbescheinigung zur „Gefälligkeit“ wird und welche Haftung daraus resultiert? „Schon kleine Unterschiede in Sachverhalten können zu einer völlig anderen steuerlichen Beurteilung führen“, mahnt der Autor, selbst ehemaliger Finanzbeamter und später Steuerberater. Es ist diese Mischung aus mahnendem Zeigefinger und helfender Hand, die das Heft so wertvoll macht.

Für wen lohnt sich die Lektüre also? Ganz klar für alle, die im Vorstand Verantwortung tragen, für Schatzmeister*innen, die nachts ruhig schlafen wollen, und für alle Rechnungsprüfer*innen, die ihren Job ernst nehmen. Es ist ein Kompass für alle, die das Ehrenamt lieben, aber die Bürokratie fürchten. Der Ratgeber ist eine Investition in die Sicherheit des eigenen Vereins und damit letztlich in die Freiheit, sich wieder ganz auf die eigentliche Sache konzentrieren zu können – sei es die Kunst, der Sport oder das Soziale.

Erhältlich ist dieses gebündelte Wissen direkt beim Verlag und für gerade mal 11 Euro. Wer seinen Verein und sich selbst schützen möchte, findet den Ratgeber unter folgendem Link: shop.markt-intern.de

Es ist die passende Lektüre und ein Nachschlagewerk für alle, die verstehen, dass gute Vereinsarbeit eine solide Basis braucht, damit am Ende nicht die Bürokratie den Takt vorgibt, sondern die Begeisterung der Mitglieder.

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„Fühlen und Wollen kann Rebellion sein“ https://www.tiefgang.net/fuehlen-und-wollen-kann-rebellion-sein/ Tue, 10 Mar 2026 23:44:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13406 [...]]]> Kea von Ganier arbeitete in einem Job, den sie nicht liebte, versuchte sich als Grafikerin und spürte dann, das Worte ihr Ding sind. Sie begann in Hildesheim Literarisches Schreiben zu studieren und publizierte 2020 ihr erstes (Sach-)Buch „Die Vögel singen auch bei Regen“.

Jetzt bietet sie Schreibwerkstätten und -coachings an und debütiert bei den SuedLese Literaturtagen sie mit ihrem ersten Roman „Restsommer“. Wir haben mit ihr gesprochen.

Tiefgang (TG): Kea, nach deinem Sachbuch „Die Vögel singen auch bei Regen“ ist „Restsommer“ nun dein Romandebüt. War der Wechsel von der Sachbuchebene zur Fiktion ein lang gehegter Wunsch, oder hat Dominiks Geschichte diese Form einfach eingefordert?

Kea von Garnier: Fiktion war immer das Ziel. Das Sachbuch war quasi mein Vehikel, um mich dem literarischen Schreiben zuwenden zu können – der Vorschuss für mein erstes Buch hat das erste Semester meines Studiums am Literaturinstitut Hildesheim finanziert.

Fiktionale Prosa ist und bleibt mein Fokus, deshalb arbeite ich auch schon am nächsten Romanprojekt. Für mich hat Fiktion eine ganz eigene Magie: Der Moment, in dem die Figuren ein Eigenleben entwickeln, in dem sie sich meinen Ideen widersetzen und anfangen, mir ihre Version der Dinge zu erzählen. Das ist für mich, auch wenn es vielleicht etwas pathetisch klingt, einer der erfüllendsten Erfahrungen, die das Leben bietet.

TG: Dein Protagonist Dominik steht kurz vor dem Ende seiner Schulzeit und soll das Bestattungsinstitut seines Vaters übernehmen. Dieser Kontrast zwischen der Welt des Abschieds und dem Aufbruch der ersten großen Liebe ist der Rote Faden. Wie kam die Idee zustande, eine Geschichte ausgerechnet in diesem Umfeld anzusiedeln?

Kea von Garnier: Ich bin grundsätzlich davon fasziniert, dass wir Menschen uns unserer eigenen Vergänglichkeit so bewusst sind. Weil das allem, was wir tun, eine gewisse Dringlichkeit gibt. Und für mich lag genau da ein interessantes Spannungsfeld: Eine Figur wie Domi, mitten in dieser Sturm-und-Drang-Phase, in der emotional alles mit dreifacher Intensität auf einen einprasselt, der so eine große Lust aufs Leben hat – und in diesem Streben, in dieser Wachstumsphase, ist er mit etwas konfrontiert, das ihn massiv hemmt und ihm den glatten Weg in die Welt verwehrt.

Dieses „Ich will, aber ich kann nicht“ – das ist ein Gefühl, das in meiner eigenen Biografie aufgrund meiner chronischen Erkrankungen eine große Rolle gespielt hat und der Punkt, in dem ich Domi von Anfang an sehr nahe war.

Außerdem bin ich starke Hypochonderin – mich mit dem Bestattungswesen zu beschäftigen, war also auch eine persönliche Konfrontationstherapie. (lacht)

TG: Das Buch handelt ja aber auch vom Mut, den vertrauten Boden zu verlassen und für die eigenen Träume zu springen. Als Schreibmentorin hilfst du anderen dabei, ihre eigene Stimme zu finden. Wie viel von diesem Mentor*innen-Geist steckt in der Geschichte?

Kea von Garnier: Es steckt ganz sicher etwas von diesem Geist in Restsommer – ich mag es, Figuren zu schaffen, die viel fühlen, die wirklich etwas wollen. In der Gegenwartsliteratur haben wir es ja oft auch mit Figuren zu tun, die in einer depressiv angestrichenen Passivität auf die Welt reagieren und wenn man sich den Zustand der Welt anschaut, dann kann ich das komplett verstehen. Mein Schreiben ist aber immer der Versuch, dieser nachvollziehbaren Resignation oder Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. Ich will nicht aufhören, zu träumen, zu wünschen, zu drängen. Außerdem glaube ich, dass in der Emotionalität, in der Verletzlichkeit, die immer mit in den Ring steigt, wenn wir etwas wagen (ob im realen Leben oder in der Fiktion) ein Gegengewicht liegt. Dass das Fühlen und Wollen eine Rebellion sein kann gegen die von Kapitalismus und Patriarchat geprägte Gesellschaft, in der wir geräuschlos funktionieren sollen. Ich will von Figuren lesen und schreiben, die etwas wollen – egal, ob sie damit scheitern oder nicht.

TG: Du studierst Literarisches Schreiben in Hildesheim. Inwiefern hat die akademische Auseinandersetzung mit Texten deine eigene Art des Erzählens geprägt? Wird man durch das Studium strenger oder gar kritischer mit den eigenen „Erstlingen“?

Kea von Garnier: Definitiv wird man kritischer! Aber gleichzeitig habe ich das Schreiben noch mal auf einem viel tieferen Level lieben gelernt. Und die Auseinandersetzung damit. In Werkstätten über Texte zu sprechen, sich intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen, hat mir viele Werkzeuge an die Hand gegeben, mit denen ich bewusstere Entscheidungen beim Schreiben treffen kann. Ich wehre mich auch entschieden gegen diesen „Genie“-Gedanken, der oft auch eine klassistische Komponente hat. Dieses „Wunderkind“-Narrativ verursacht in mir ein Störgefühl – Schreiben kann man lernen. Man muss es auch nicht gleich studieren, aber es ist eben auch ein Handwerk und wenn wir Zugang zu diesem Wissen schaffen, können uns mehr Menschen ihre Ideen und Lebensrealitäten erzählen. Das kann uns als Gesellschaft nur voranbringen, unsere Empathiefähigkeit schulen und gesellschaftliche Missstände ins Licht der Aufmerksamkeit rücken.

TG: Deine Lesung findet im Stellwerk statt – ein Club und Ort direkt im Harburger Bahnhof über den Fernzuggleisen, an dem buchstäblich Weichen aller Art gestellt werden. Das passt metaphorisch perfekt zu Dominiks Situation, oder? Passt dieser Ort des Transits für Ihre Geschichte?

Kea von Garnier: Ja, das ist wirklich ein perfect match! Und es gibt ja diese Transitzonen immer wieder im Leben, die Pubertät ist oft nur die erste. Wir werden im Leben immer wieder an Punkte kommen, in denen wir uns fragen: Weiter wie bisher oder ganz anders? Sowohl auf individueller Ebene als auch als Gesellschaft.

TG: Auf den Social Medias bist du sehr aktiv zu Themen wie Feminismus und mentaler Gesundheit. Schwingen diese Perspektiven auch zwischen den Zeilen von „Restsommer“ mit, etwa wenn es um männliche Rollenbilder oder den gesellschaftlichen Erwartungsdruck geht?

Kea von Garnier: Unbedingt. Das ist für mich eine große Motivation gewesen, diese Geschichte zu schreiben – zu zeigen, was passiert eigentlich, wenn zwei junge Männer in einem Umfeld aufwachsen, in dem die vom Patriarchat erwartete emotionale Fürsorge durch die Mütter ausbleibt? Domis Mutter ist physisch abwesend, Biffs Mutter ist durch ihre psychische Versehrtheit nicht in der Lage, Care-Arbeit zu übernehmen.

Auf ihre Väter angewiesen, wird klar, dass Männer dieser Generation wenig gute Strategien zur Emotionsregulation zur Verfügung hatten: Domis Vater, der in seiner Trauer nach Innen immigriert, statt sich Hilfe zu holen und Biffs Vater, der in destruktive Gewalt- und Suchtmuster abrutscht.

TG: Wenn die Besucher*innen nach der Lesung aus dem Stellwerk wieder auf den Bahnsteig treten: Welches Gefühl von diesem „Restsommer“ sollen sie unbedingt mit in ihren Alltag nehmen? 

Kea von Garnier: Dass es in Ordnung ist, die eigenen Gefühle zu fühlen und zum Ausdruck zu bringen. Dass es das ist, was uns am Ende lebendig fühlen lässt. Natürlich wird deshalb nicht „alles gut“ und die Welt in ihrer Komplexität darf und wird uns weiterhin beschäftigen. Aber wenn ich versucht habe, wahrzunehmen, was in mir ist und das mit mir wichtigen Menschen geteilt habe, ist schon viel gewonnen.

Termin:

Mi., 25. Mrz., 19 Uhr: Kea von Garnier – Restsommer | Eintritt frei / Spende erwünscht

Stellwerk (im Harburger Bahnhof, über Fernzuggleis 3) | Hannoversche Str. 85 | 21079 Hamburg www.stellwerk-hamburg.de

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„Wir sind alle emotional berührbar!“ https://www.tiefgang.net/wir-sind-alle-emotional-beruehrbar/ Sat, 07 Mar 2026 23:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13412 [...]]]> Jan Simowitsch hat sich in seinem Leben mehrfach neu erfunden. Nun legt er sein Debüt „Und der Wal spuckt mich aus“ vor und liest in Moisburg.

Wir haben mal hinter den Klappentext geschaut und nachgefragt …

Tiefgang (TG): Hallo Jan, Du hast Deinen Job gekündigt und bist auf die Färöer-Inseln gereist – als erster Tourist des Jahres. War dieser radikale Bruch ein bewusster Sturz in den Walfischbauch oder eher eine Flucht nach vorn?

Jan Simowitsch: Es war eine Flucht nach vorn und doch konnte ich nicht ahnen, dass mir ein Wal Asyl anbieten würde, mich für eine Weile bei sich aufnimmt und mich so vor dem Ärger und den Aufregungen der Welt beschützt.

TG: Dein Buch und Programm tragen den Titel „Und der Wal spuckt mich aus“. Die biblische Jona-Erzählung ist ein Klassiker über das Davonlaufen und das Unausweichliche. Was fasziniert Dich an dieser uralten Geschichte für unsere heutige, oft so durchgetaktete Zeit?

Jan Simowitsch: Ich glaube, wir alle haben immer wieder den Fluchtimpuls. Stehen wir zum Beispiel an einem Fernzug nach Basel oder Stockholm kostet es schon Energie, nicht einzusteigen. Und dieser Fluchtgedanke trägt immer ein Bild von einem „noch einmal neu“ in sich. Das Schwere hinter sich lassen und endlich der werden, der man schon immer sein wollte. Und wenn man dann die Flucht wagt, und sei es nur für zwei Wochen, wird man staunen, was sich alles verändert hat. Nicht in der Welt, sondern in einem selbst.

TG: Du wirst gerne als „Doppel-Dude“ bezeichnet, weil Du Texte und Musik verschmelzen lässt. Wie entscheidest Du, wann ein Gefühl eine Note braucht und wann ein klares Wort? Ergänzen sich Klavier und Vorlesen oder stehen sie manchmal auch im kühnen Widerspruch?

Jan Simowitsch: Musik ist für mich eher wie ein subjektives Foto, also alles, was mich umgibt, fließt ohne Wertung, ohne schön sein zu müssen, ein in die Musik. Musik hat somit keine Intension, entsteht im Augenblick und entfaltet beim öffentlichen Spielen trotzdem immer unmittelbar eine Wirkung und Emotion. Worte sind dagegen für mich auch immer mit Wünschen verbunden, mit Ironie und der Hoffnung, etwas Gutes zu bewirken. Und beides ergänzt sich perfekt.

TG: In Moisburg liest Du im historischen Amtshaus, einem Ort mit viel Tradition. Wie passt das eher raue, nordatlantische Flair Deiner Färöer-Reise in die Atmosphäre des Kulturpunkts?

Jan Simowitsch: Ich denke, wenn die Musik die klassischen Kronleuchter zum Schwingen bewegt, dann sind auch die Färöer nicht mehr weit. Und wenn es um Traditionen geht, ist diese zu Dänemark gehörende Inselgruppe mitten im Atlantik eh ganz vorne mit dabei.

TG: Ein schachspielender Steinbutt spielt in Deiner Geschichte eine Rolle. Das klingt herrlich absurd. Welche Art Humor braucht man eigentlich, um die großen, tiefgründigen Fragen des Lebens – wie den Verlust von Sicherheiten – zu ertragen?

Jan Simowitsch: Wenn die Sprache hinter ihren eigenen Bildern hinterher rennt, sie am Rockzipfel erwischt, umdreht und erkennt, das bin ich ja selbst. Wenn so Dinge, die ja für gewöhnlich nie reden, sich einmischen und die Wirklichkeit auf den Arm nehmen, dann wird plötzlich auch im Lesen und Zuhören die Welt fantastisch und Unmögliches denkbar.

TG: Auf Deinen Kanälen mischst Du Dich oft in politische Debatten ein und setzt Dich für Menschenrechte ein. Inwieweit ist Deine literarische Arbeit auch und gerade jetzt ein Statement für einen offeneren gesellschaftlichen Diskurs?

Jan Simowitsch: Eine Bühne zu bekommen ist ein Privileg und die Zeiten sind gerade angespannt, die Menschen mitunter hochsensibel. Da tut gemeinsames Lachen ebenso gut wie vor Rührung zu weinen. Und wenn dann das Publikum sieht, dass wir alle emotional berührbar sind und ähnliche Erfahrungen teilen, können wir auch über unsere Träume und Hoffnungen, über das, was uns Mut macht reden. 

TG: Wenn das Publikum am Sonntagabend das Amtshaus verlässt – welche Saite hoffst Du bei den Zuhörer*innen zum Schwingen gebracht zu haben?

Jan Simowitsch: Die tiefen Basssaiten, die so lange resonieren, dass die Wangen zu Hause noch vibrieren und die hohen Diskantsaiten, in denen sich manches Lachen wiedergefunden haben wird.

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Heiko Langanke)

Termin: So., 22. Mrz., 17 Uhr: Jan Simowitsch – Und der Wal spuckt mich aus | Vvk + Eintritt 10,- € 

Kulturpunkt Moisburg c/o Amtshaus Moisburg, Auf dem Damm 5, 21647 Moisburg, www.kulturpunkt-moisburg.de

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Die Überlebensstrategie von Gewaltopfern https://www.tiefgang.net/die-ueberlebensstrategie-von-gewaltopfern/ Fri, 06 Mar 2026 23:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13400 [...]]]> Trotz aller politischer Bekundungen, ist das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen nicht so nachbarschaftlich wie man glauben mag. Besonders deutlich wird dies meist in Dingen, die eben nicht so offensichtlich sind. Mia Raben hat es literarisch aufgearbeitet und wir mal nachgehakt …

Tiefgang (TG): Frau Raben, Sie sind selbst ein Kind polnisch-deutscher Eltern und haben als Korrespondentin in Warschau gearbeitet. War „Unter Dojczen“ ein Buch, das schon lange in Ihnen gereift ist, um den oft „unsichtbaren“ Pendel-Migrant*innen in der Pflege eine Stimme und ein Gesicht zu geben?

Mia Raben: Der Roman, an den ich lange gedacht habe, hat mit den Jahren seine Form immer wieder verändert, bis am Ende dieser Text stand. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu wissen, welche von den vielen möglichen Geschichten ich als Roman aufschreiben will. Als Korrespondentin in Polen hatte ich das Gefühl, dass die Themen auf der Straße lagen. Ich fand einfach alles spannend. Natürlich auch aus dem Grund, weil ich meine Herkunft erforscht habe. Für den Roman musste ich mich aber für eine Figur und ihre Geschichte entscheiden, und da meine Mutter viele Freundinnen hatte, die so gearbeitet haben wie Jola, habe ich mich irgendwann für sie entschieden.

TG: Zu Beginn des Romans wird Jola fast wie ein Paket in Deutschland „abgeliefert“. Das ist ein hartes Bild für die Entmenschlichung im Pflegesystem. Wie wichtig war es Ihnen, diesen Kampf um Würde und Geld zu beschreiben, ohne dabei den Humor und den spöttischen Blick auf die „Dojczen“ zu verlieren?

Mia Raben: Der Humor und der spöttische Blick, wie Sie es nennen, war mir immer sehr wichtig. Er ist schon immer eine Überlebensstrategie von Gewaltopfern gewesen. Ich habe diesen Humor und diesen Spott gegenüber den Deutschen in meiner polnischen Familie von klein auf erlebt. Mein Problem war damals: Ich war ja auch ein deutsches Kind. Also galt dieser Spott gewissermaßen auch mir. Das tat weh. Ich brauchte viel Zeit und viele Erfahrungen in beiden Ländern, um zu begreifen, dass das alles von außen kommt. Ich muss weder deutsch noch polnisch sein. Beide Länder haben mich geprägt. Es ist ja so, dass die Deutschen historisch betrachtet die Polen einfach sehr mies behandelt haben. Und heute sind die älteren Menschen in Deutschland von den Polinnen abhängig. Was für ein Spannungsfeld sich da auftut, habe ich erst durch Jola und Uschi erfahren. Die haben sich da verselbstständigt und für humorvolle Begegnungen gesorgt, aber eben auch für schmerzhafte. Denn zwischen Deutschen und Polen kann man dem Schmerz nur mit aufrichtigem Interesse und am besten mit Humor begegnen. Wenn man das nicht kann, herrscht Eiseskälte. Es ist einfach zu viel passiert.

TG: Das Herzstück Ihres Buches ist die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Jola und der Matriarchin Uschi. Ist diese Beziehung auf Augenhöhe ein bewusst gesetzter optimistischer Gegenentwurf zur meist einseitigen Abhängigkeit in der häuslichen Pflege?

Mia Raben: Dass Jola sich emanzipiert, hat sie sich ja hart erarbeitet. Sie kämpft sich heraus aus der Abhängigkeit und das gelingt heute immer mehr Polinnen, weil sie verstehen, dass auch sie in einer Machtposition sind, nicht nur die wohlhabenden Alten. Ich wollte, dass die oft schreckliche Situation der Pendlerinnen deutlich wird, dass die Ausbeutung gezeigt wird, aber ich wollte nicht, dass man den Roman zu Ende liest und denkt: Oh Gott, wie schrecklich das alles ist, das wird nie besser! Ich vertrage das Grauen besser, wenn ich weiß, es blitzt auch noch etwas Hoffnung auf. Und Jola verkörpert diese Hoffnung doch ganz gut.

TG: Sie haben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) studiert. Wie hat diese Ausbildung Ihren Blick auf das Handwerk verändert? Gab es Momente, in denen die journalistische Präzision mit der literarischen Freiheit Ihres Debüts in Konflikt geraten ist?

Mia Raben: Was ich am DLL vor allem gelernt habe, ist, wie viele Sichtweisen es auf einen Text gibt. Natürlich gibt es handwerkliche Mittel, die man einsetzen kann. Es war auch gut, das zu lernen und zu begreifen, sehr wichtig für mich. Aber am Ende ist ein handwerklich guter Text eben auch Geschmackssache. Grässlich fand ich einen Text und jemand anderes fand ihn großartig. So ist das. Auch bei der eigenen Master-Arbeit. Was die eine Bewerterin toll fand, hat die andere gerade gestört. Leider ist das alles top secret. Aber das Learning ist: Mach einfach dein Ding. Es werden nicht alle gut finden. Niemals. Die Beobachtungsgabe und das Notizenmachen in der Livesituation sind Sachen, die ich aus der Reportage ins Literarische übertrage. Wenn ich losziehe, mache ich ständig Notizen, besonders wenn ich an Orten recherchiere, die für meine literarische Arbeit wichtig sind. Notizen sind sehr wichtig. Sich dann aber bewusst auch von den Notizen zu lösen, war sehr befreiend. Die Phantasie ist ja im Journalismus nur begrenzt willkommen. Eine gute Überschrift, eine spezielle Frage an die Interviewpartnerin …

„Weibliche Geschichten der Selbstbehauptung passen an jeden Ort“

TG: Die SuedLese Literaturtage bringen Sie nach Moorburg in den Elbdeich e.V. – ein „pulsierender Kraftort“ zwischen A7-Rauschen und Dorfgarten. Passt diese Atmosphäre des Widerstands und der Eigenwilligkeit in Moorburg gut zu Jolas Geschichte der Selbstbehauptung?

Mia Raben: Weibliche Geschichten der Selbstbehauptung passen an jeden Ort – aber vielleicht spiegelt diese, wie Sie sagen, „Atmosphäre des Widerstands“ diesen Kampf besonders gut wider. Denn natürlich bedeutet Selbstbehauptung auch: Stress, Anstrengung, an die eigenen Grenzen gehen. Um in Ihrem Bild zu bleiben, kann man sagen, wenn der Kampf um die Selbstbehauptung gelingt, ist die Belohnung dafür vielleicht ein Gefühl, das dem Verweilen in einem idyllischen Dorfgarten nahekommt.

TG: Kristine Bilkau nennt Ihr Buch eine Geschichte über Fürsorge und Ausbeutung. Wenn die Besucher*innen am 21. März nach der Lesung den Moorburger Elbdeich entlanggehen: Welchen Gedanken über das Miteinander unserer Kulturen möchten Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Mia Raben: Ich finde es wichtig, die interkulturelle Begegnung, etwa zwischen Deutschen und Pol*innen, zu hinterfragen. Es besteht immer die Gefahr, einerseits zu idealisieren, zu bagatellisieren, und andererseits wiegt das historische Erbe schwer. Für viele Menschen, gerade aus Deutschland, ist es nicht leicht, auf diesem schmalen Grat zu gehen. Polinnen und Polen arbeiten in Deutschland, oft gut bezahlt, aber zu oft eben in ausbeuterischen Verhältnissen. Das ist vor dem Hintergrund der Geschichte, in der Polinnen und Polen von der deutschen Propaganda als „Sklavenvolk“ gebrandmarkt und benutzt wurden, schwer erträglich. Ich denke, für Polinnen und Polen in Deutschland ist es besonders wichtig, dass die schmerzhafte gemeinsame Geschichte anerkannt wird. Es gibt noch zu viele Themen, die nicht im allgemeinen Bewusstsein der deutschen Bevölkerung angekommen sind: Etwa was deutsche Soldaten während der Okkupation der polnischen Zivilbevölkerung angetan haben.

Begegnen wir uns mit Offenheit und aufrichtigem Interesse, können wir als nachfolgende Generationen vieles überwinden. Ein übertriebener Schuldkomplex hilft da ebenso wenig wie Kitsch und Zuckerguss im Versöhnungstheater. Man darf nicht vergessen, dass es immer noch viel zu viele Familien in Deutschland gibt, wo es scheinheilig heißt: Opa war kein Nazi. Ich habe den Eindruck, dass sich das gerade verändert und dass immer mehr Menschen wirklich wissen wollen, was genau Opa oder Oma während des Krieges für eine Rolle gespielt haben. Nur durch diese tatsächliche individuelle Aufarbeitung wird es möglich, die Opfer gemeinsam zu betrauern und so die deutsch-polnische Freundschaft in tieferen Ebenen auszubauen.

TG: Es ist und bleibt ein komplexes aber zum Reflektieren lohnenswertes Thema. Und gut, dass Sie diesem Thema auf ihre besondere literarische Art und Weise angenommen haben. Und so wünsche ich auch viel Resonanz zur Lesung!

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

Termin:

Sa., 21. Mrz., 20 Uhr: Mia Raben – Unter Dojczen | Eintritt frei – Spende erwünscht

elbdeich e.V., Moorburger Elbdeich 249, 21079 Hamburg, www.elbdeich.org

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„Jedes Mal erschütternd“ https://www.tiefgang.net/jedes-mal-erschuetternd/ Mon, 02 Mar 2026 23:13:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13389 [...]]]> Der Kampf um gleiche Rechte für Frauen ist alt und nie gewonnen. Für manche ist es nur ein nice-to-have, obschon der Epstein-Fall zeigt, wie groß die Abgründe sein können. Rukiye Cankiran widmet sich schon lange dem Thema und ist am 17. März zu Gast bei der SuedLese. Wir haben vorab mal nachgehakt …

Tiefgang (TG): Rukiye, willkommen zurück! Du warst ja schon 2025 bei der SuedLese dabei. Was hat dich dazu bewegt, 2026 wieder den Weg in den Hamburger Süden anzutreten? Hat dich die Energie des Festivals im letzten Jahr so gepackt?

Rukiye Cankiran: Ich fand die Lesung im Rahmen der Suedlese großartig und bin sehr gern wieder dabei. In diesem gefällt mir auch der Rahmen MADAME COURAGE – Diversität und Demokratie weiblicher Stimmen sehr. 

TG: Dein aktuelles Thema ist „Das Recht auf gleiche Rechte“. Auf dem Papier sieht in Sachen Gleichstellung vieles gut aus, aber du sagst selbst, die Realität hinkt gewaltig hinterher. Wo klafft die Lücke zwischen Gesetz und echtem Leben für dich momentan am schmerzhaftesten?

Rukiye Cankiran: Mein Schwerpunkt ist das Thema Gewalt gegen Frauen. Gewalt verfestigt Ungleichheit und durch Ungleichheit ist Gewalt möglich, die wiederum Ungerechtigkeit durchsetzen kann. Mit Gewalt meine ich nicht nur körperliche, sondern auch finanzielle und psychische Gewalt. Das BKA (Bundeskriminalamt, Anm. d. Red.) veröffentlicht jedes Jahr die Gewalt-Statistik. Das Ausmaß an Gewalt ist jedes Mal erschütternd. Vor einigen Tagen wurde eine Dunkelfeldstudie des Familien- und Innenministeriums und des BKA veröffentlicht. Diese bestätigt, dass das Dunkelfeld, also die nicht angezeigten Fälle noch wesentlich höher sind als vermutet. Das heißt, die statistischen Zahlen zum Thema Partnerschaftsgewalt bilden weniger als fünf Prozent der Realität ab. Das Wissen, dass der größte Teil der Partnerschaftsgewalt im Dunkeln, hinter verschlossenen Türen stattfindet, ist schwer zu ertragen.

TG: Die Veranstaltung läuft, wie Du ja sagst, in der Kulturhaus-Reihe „Madame Courage“. Wer sind für dich heute die wahren Mutmacher*innen im Alltag, und wie viel „Courage“ braucht eine Frau eigentlich 2026 noch, um sich Gehör zu verschaffen?

Rukiye Cankiran: Trotz aller Kritik bin ich auch dankbar für all die rechtlichen und gesellschaftlichen Errungenschaften, die mutige Frauen und Männer hierzulande in der Vergangenheit – häufig gegen massige Ablehnung – erkämpft haben. Frauen, die kritisch und öffentlich sichtbar sind, werden weiterhin angegriffen. Ich denke dabei an Politikerinnen und Journalistinnen, die von Cybermobbing betroffen sind. In Zeiten von Social Media werden diese zum Beispiel mit Hate Speech und Shitstorm mundtot gemacht. Es braucht viel Mut, um nicht zu schweigen und nicht von unbequemen politischen Ämtern zurückzutreten.

TG: Du arbeitest als Gleichstellungsbeauftragte und als Autorin. Ist das Schreiben für dich eine Art Ventil, um die strukturellen Hürden, gegen die du beruflich ankämpfst, literarisch sichtbar zu machen?

Rukiye Cankiran: Das Schreiben war schon immer meine Leidenschaft, da ich aus dem Journalismus komme. Oft habe ich meine Wut über Ungerechtigkeit in Form von Texten verarbeitet oder witzige Erlebnisse als Kurzgeschichten formuliert. Vieles habe ich auch wieder verworfen. Aber es war dann schon mal „von der Seele aufs Papier“ gebracht. Als Gleichstellungsbeauftragte habe ich Benachteiligungen von Frauen und Mädchen öffentlichkeitswirksam präsentiert, ob es die ungleiche Verteilung von Kindererziehung oder Care-Arbeit ist. Sowohl innerhalb der Verwaltung als auch auf politischer Ebene ging es darum, zu sensibilisieren, dass historisch gewachsene Ungleichheit bis heute nachwirkt. Mein Fachwissen zu Themen rund um Gleichstellung und Gleichberechtigung halte ich in Sachbüchern fest. In Geschichten verarbeite ich tatsächlich viele Erfahrungen und Erzählungen von Betroffenen und zeige damit, dass diese universell sind. Damit werden sie dann literarisch sichtbar. Genau so ist es. 

TG: Das Kulturhaus Süderelbe ist ein Ort, an dem viele verschiedene Kulturen und Lebensentwürfe aufeinandertreffen. Wie wichtig ist es, die Debatte über Frauenrechte genau dorthin zu bringen, mitten in die Stadtteile, statt sie nur in akademischen Zirkeln zu führen?

Rukiye Cankiran: Das ist mir sehr wichtig. Ich war bereits mit meinem ersten Buch zum Thema Zwangsheirat bundesweit in Bildungs- und Hilfeeinrichtungen, lokalen Treffpunkten, sogenannten „Brennpunktvierteln“, in Flüchtlingsunterkünften aber auch an Universitäten und bei engagierten Gruppen. Wenn wir aufklären und sensibilisieren wollen, müssen wir dorthin gehen, wo die Menschen sind, und zwar überall hin. Es reicht nicht, dass wir unter uns kultivierte Debatten führen und einander applaudieren. Ich bin immer wieder erschüttert, wie sehr das Gendersternchen bzw. die geschlechtergerechte Sprache die Debatte um Gleichberechtigung und Gleichstellung dominiert, und zwar völlig aus dem Zusammenhang. Begegnung und Diskussion auf Augenhöhe, Zuhören und kritische Argumente zulassen, und zwar vor Ort in den Stadtteilen. Das ist sehr wichtig – wenn auch mühsam – wenn wir ehrlich und aufrichtig eine gesellschaftliche Veränderung und Entwicklung wollen.

TG: In deiner Ankündigung versprichst du praxisnahe Tipps. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Was ist die wichtigste Strategie, die wir alle – egal welchen Geschlechts – sofort anwenden können, um Vorurteile im eigenen Kopf zu knacken?

Rukiye Cankiran: Ich nenne an dieser Stelle nur das Stichwort Solidarität. Mehr dazu vor Ort. In meinem Buch gibt es ein Kapitel Strategien zur Gleichstellung von Frauen und Mädchen. Hier berichte ich über Initiativen, Projekte und auch die Strategie des Familienministeriums. Über besondere Herausforderungen und auch die Verantwortung eines jeden einzelnen Menschen werden wir dann vor Ort reden. Es soll sich ja lohnen, vorbeizukommen! 

TG: Wenn du an den Abend am 17. März denkst: Was ist das wichtigste Gefühl oder der wichtigste Gedanke, den die Besucher*innen mit in ihren Kiez nehmen sollen, wenn sie das Kulturhaus verlassen?

Rukiye Cankiran: Für mich ist ein Kulturhaus ein Ort der Begegnung und des Austausches. Einerseits bietet eine Lesung Informationen und damit einen Mehrwert. Gleichzeitig ist hier auch Raum für Fragen und eine kurzweilige Diskussion. Nach meinen Lesungen bekomme ich oft das Feedback, das einige Themen völlig neu oder bestimmte Perspektiven unsichtbar waren. Mir persönlich ist wichtig, dass ich Menschen auch motivieren kann, sich für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie einzusetzen. Denn nur so ist ein friedliches und wertschätzendes Zusammenleben möglich. Hierfür brauchen wir gute Argumente, die die Menschen stärker überzeugen als diskriminierende, rassistische, antifeministische oder autoritäre Narrative. 

TG: Besten Dank für das Gespräch und Dir und allen Besuchenden einen regen Austausch! 

(Das Interview für „Tiefgang“ führte Heiko Langanke)

Termin:

Di., 17. Mrz., 18.30 Uhr: Rukiye Cankiran – Das Recht auf gleiche Rechte | Eintritt frei

Kulturhaus Süderelbe, Am Johannisland 2, 21147 Hamburg-Neugraben, www.kulturhaus-suederelbe.de

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