Autor Tobias Friedrich liest bei der 7. SuedLese aus seinen Debütroman

„Ich musste neu beginnen“

Tobias Friedrich (Foto: Peter Rigaud)

Ein Mann, 10 Reichsmark, ein Boot und eine Idee – die Geschichte über Oskar Speck ist schon so absurd, dass das Schreiben über die Geschichte kaum anders sein kann. Ein Interview mit dem Autoren Tobias Friedrich …

Tobias Friedrich wurde 1969 in Göttingen geboren und schreibt seit den 90er-Jahren Musik für seine Bands Viktoriapark und ´Husten` (u.a. mit Gisbert zu Knyphausen) sowie für andere Künstler. Er war Herausgeber eines Berliner Mu­sikmagazins, arbeitet als Autor von Sachbüchern und ist Co-Veranstalter der Berliner Musik-und- Lese-Show »Ein Hit ist ein Hit«. »Der Flussregen­pfeifer« ist sein literarisches Debüt, über das er sagt: „Es war klar, dass ich, der ich noch nie einen Roman geschrieben hatte, mit dem Schreiben eines Romans über Oskar Speck rest­los überfordert sein würde. Also fing ich unver­züglich mit der Arbeit an.“

In der Bücherhalle wird er im Rahmen der SuedLese-Literaturtage nun daraus lesen aber auch im nachfolgenden Gespräch über die Überforderung sprechen. Wir wollten es natürlich schon vorher wissen …

Tiefgang (TG): Sie sagten selbst „Es war mir ein Rätsel, wieso es noch kein Buch über Oskar Speck gab“. Wie sind Sie auf ihn bzw. die Story gestoßen?

Tobias Friedrich: Ich habe Oskar Speck und seine Reise eher zufällig entdeckt, bei der Recherche zu einem Sachbuch, einer Auftragsarbeit, an der ich vor einigen Jahren saß. Zunächst habe ich nur online ein paar Bruchstücke und Zusammenfassungen gefunden, aber war sofort fasziniert. Später uferten meine Recherchen dann u.a. mit einer Reise nach Australien aus.

TG: Wie haben Sie recherchiert und was tat sich da auf?

Tobias Friedrich: Zunächst ausschließlich online. Mit dem, was ich fand, habe ich im ersten Jahr die erste Version des Romans geschrieben, war aber noch nicht zufrieden. Nach Australien musste ich nochmal komplett von vorne beginnen, da ich Specks Nachlass durchstöbern durfte, mit Zeitzeugen und Freunden gesprochen, seinen Gärtner getroffen und in seinem Haus übernachtet habe. Auch ein 30er-Jahre Faltboot habe ich mit einem Experten zusammengebaut und bin darin im Sydney Harbour gepaddelt. Zu den Funden über Speck kamen noch etliche Zeitungsberichte aus jener Zeit und den Orten, die im Buch vorkommen, Recherchen über die Donau oder auch die Mitford-Schwestern. Und so einiges mehr…

TG: Was hat Sie am meisten fasziniert an der Geschichte? Emotional, zeitlich, geschichtlich …

Tobias Friedrich: Ich wollte damals ohnehin einen Roman schreiben und war vor allem von dem Bild des mittellosen Speck fasziniert, der mit 10 Reichsmark in der Tasche sein Boot am Ufer der Donau aufbaut, um nach Zypern zu paddeln. Und natürlich, was sich daraus für eine irre Geschichte entsponnen hat. Ein Zeitzeuge meinte im Gespräch mit mir einmal, dass sich schon ein paar Autoren an der Story versucht hätten, aber sie hätten am Ende aufgegeben, weil die Geschichte immer größer und unübersichtlicher wird, je tiefer man einsteigt. Das kann ich bestätigen. Aber das macht sie auch interessant. 

Erzählerisch bzw. literarisch hatte ich zwar eigentlich freie Hand, habe aber gemerkt, dass nicht jeder Stil und nicht jede Perspektive (Ich-Erzähler zB) funktioniert. Wichtig war mir eine gewisse literarische Qualität, die ich nicht unterschreiten wollte und an der ich länger gefeilt habe.

TG: Wieso erst jetzt ein Debüt als Buchautor?

Tobias Friedrich: Das liegt zum einen daran, dass ich an diesem Buch (mit Pausen) sehr lange gearbeitet habe, zum anderen, dass ich vorher nicht in der Lage gewesen wäre, einen Roman zu schreiben. Zumindest nicht mit den Ansprüchen, die ich an einen Roman habe.

TG: Sie sind auch Mitakteur der Berliner Musik-und-Lese-Show »Ein Hit ist ein Hit«. Was hat es damit auf sich?

Tobias Friedrich: Die Show ist ebenfalls aus einem Buch-Projekt entstanden, jedoch aus einer Auftragsarbeit, dem Sachbuch „1000 ultimative Charthits“. Da der Verlag dafür wenig Werbung machte, haben mein Mitautor Lothar Berndorff und ich die Sache mit zwei Freunden (Adrian Kennedy und Nikko Weidemann) selber in die Hand genommen und zunächst eine Veröffentlichung-Show daraus gemacht, später eine regelmäßig stattfindende Reihe.

Jeder EHIEH-Abend hat ein dezidiertes Thema, es treten verschiedene Gast-Musiker*innen auf, wir haben eine Hausband, es gibt Lesungen zu bestimmten Songs, Videos, Interviews, und wir rufen Menschen von der Bühne aus an, die in fernen Ländern leben, aber zu einem Thema etwas sagen können. Das geht dann immer zwei bis drei Stunden, das Publikum und die handelnden Personen sind alle beseelt, das macht großen Spaß. Wir hatten schon eine 104-jährige Jazz-Musikerin aus LA zugeschaltet, haben mit Robbie Williams’ Band und seinem Vater gespielt, aber auch eine 14-jährige auf der Bühne, die Billie Eilish gesungen hat oder den Klassik-Pianisten Lars Vogt, der „Life on Mars“ in einer wahnsinnig schönen Version gespielt hat. Derzeit planen wir eine Benefiz-Show von EHIEH für die Ukraine. Es wäre auch die erste Show nach der Pandemie. Das Ganze findet im altehrwürdigen Ballhaus Berlin statt.

TG: Was erwartet uns am 30.6.?

Tobias Friedrich: Ich werde den Roman vorstellen, umreißen, was und wie ich recherchiert habe und ein paar Kapitel zu verschiedenen Charakteren vorlesen. Gerne beantworte ich auch Fragen, was mir fast am meisten Spaß macht.

TG: Was erwartet uns künftig vom Buchautoren Friedrich?

Tobias Friedrich: Kurzfristig Lesungen zum Flussregenpfeifer bis in den Winter 22 hinein, dazwischen werde ich mit meiner Band „Husten“ sehr viel auf der Bühne stehen. Derzeit sind über 30 Auftritte in Clubs und auf Festivals zu unserer neuen Platte „Aus allen Nähten“ geplant, die gerade am 13.5. erschien. Und hoffentlich finde ich in der zweiten Jahreshälfte Zeit, mit dem nächsten Roman anzufangen. Der auf jeden Fall weniger umfangreich werden soll.

TG: Vielen Dank und viel Erfolg bei der SuedLese aber auch zur neuen Platte!

Termin: Do., 30. Juni 2022, 19.30 Uhr, Eintritt 12 €

Tobias Friedrich – Der Flussregenpfeifer

Bücherhalle Harburg, Eddelbüttelstraße 47a, 21073 Hamburg-Harburg; www.buecherhallen.de/harburg

Eine Kooperation der Bücherhalle Harburg, Buchhandlung am Sand und Volkshochschule Harburg

suedlese.de

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