Wissen https://www.tiefgang.net Wed, 26 Aug 2026 16:06:53 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Lebendige Bauten https://www.tiefgang.net/lebendige-bauten/ https://www.tiefgang.net/lebendige-bauten/#respond Sat, 29 Aug 2026 22:59:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14457 [...]]]> Vom 11. bis 13. September 2026 lädt der Tag des offenen Denkmals wieder dazu ein, Hamburgs Denkmäler neu zu entdecken. Unter dem Motto „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“ öffnen rund 175 Denkmalorte ihre Türen. Auch in Harburg.

Der Beton vibriert. Nicht jenes ohrenbetäubende Beben der Großbaustellen, sondern ein leises, fast sakrales Summen, das tief aus dem Untergrund heraufkriecht. Wir leben in einer Epoche, die dem Augenblick huldigt. Alles muss glatt sein, frisch gewienert, schnurlos und ohne Patina. Doch unter dem Pflaster, hinter den verrußten Backsteinfassaden und in den rostenden Adern unserer Städte pulsiert eine andere Zeitrechnung: die der Netzwerke.

Wenn sich im Spätsommer wieder die Pforten des Tag des Denkmals öffnen, feiern wir keine museale Leichenschau verstaubter Steine. Das diesjährige Motto – NetzWERKE: Denkmale und Infrastruktur – führt uns an den Ort zurück, an dem Geschichte nicht ausgestellt, sondern gemacht wurde. Es geht um die physischen Leitungen, die Rohre, die Schienen und die unsichtbaren Bänder, die das Gemeinwesen einst zusammenkneteten und bis heute im Verborgenen halten.

Denkmäler sind keine Denkmäler, weil sie alt sind. Sie sind es, weil sie stumme Zeugen davon sind, wie wir miteinander ins Geschäft kamen, wie Wasser floss, wie Energie fließend wurde und wie Mobilität die Enge des Raumes sprengte. Sie sind die seismografischen Spuren unserer Herkunft. Ein Plädoyer für den Blick in die zweite Reihe – dorthin, wo die Metropole ihre rauen, ehrlichen Kanten zeigt, wo der Schweiß der Arbeiter in den Mörtel drang und wo das urbane Nervensystem freiliegt. Wer bereit ist, genauer hinzusehen, entdeckt in diesen funktionalen Kathedralen der Technik eine eigene, fast schmerzhafte Poesie.

Doch um diese Poesie zu finden, müssen wir den Blick weiten und den gewohnten Horizont hinter uns lassen. Wer in Hamburg vom urbanen Kosmos spricht, meint meist die feine Kante der Alster, die gläsernen Kuben der Speicherstadt oder die piekfeinen Villenviertel im Nordwesten. Doch jenseits der großen Ströme, dort, wo die Elbe ihre Arme weit ausbreitet, liegt ein Territorium, das im kollektiven Bewusstsein allzu oft als blinder Fleck gehandelt wird: der Süden. Ein Sprung über die Elbbrücken ist immer auch ein Sprung in eine andere Dimension der HafenCity.

Harburg. Allein der Klang des Namens ruft bei manchen Großstädtern ein vages Schulterzucken hervor – verbunden mit der psychologischen Schranke des Südens, der vermeintlich hinter dem Strom im Schatten liegt. Ein Irrtum, der kaum größer sein könnte. Denn während an der Binnenalster flaniert und parliert wurde, goss man hier draußen das fundamentale Rückgrat des industriellen Aufstiegs.

Hier regiert eine ganz eigene Souveränität. Der Süden Hamburgs hat sich seine zupackende, zähleibige Identität bewahrt. Hier riecht die Luft noch nach Arbeit, nach Geschichte und nach dem Stolz einer eigenständigen Stadt, die ihre Eingemeindung in das große Hamburg zwar schlucken musste, aber ihren kernigen Charakter nie verloren hat. Wer sich auf den Weg über das Wasser macht, verlässt das postmoderne Hochglanzpapier und betritt das Archiv der harten Arbeit, wo Ziegelstein noch Bedeutung hat und der Wind von den Werften und Kaianlagen weht.

Konkrete Begegnungen im Süden

Wer sich auf Spurensuche im Harburger Terrain begibt, stolpert unweigerlich über Orte, die im Vorübergehen leicht übersehen werden, bei genauerem Hinsehen aber ganze Epochen offenbaren.

Da ist etwa der alte Wartesaal im Harburger Hauptbahnhof. Wo heute der Kunstverein Harburger Bahnhof residiert, wehte einst der Wind des Aufbruchs. Reisen in der Ersten Klasse bedeutete Genießen im feinen Salon, während auf der anderen Seite (heute Club Stellwerk) man auf harten Holzbänken, eingehüllt in Ruß, Dampf und die nervöse Erwartung des Nächsten wartete. Heute schlägt in diesen Hallen der Puls der Gegenwartskunst. Künstler*innen bespielen genau jenes Dazwischen, jenen Zustand des Übergangs, der Bahnhöfen seit jeher innewohnt. Es ist eine faszinierende Symbiose: Die historische Hülle atmet den Geist des Schienennetzes, während drinnen Fragen an unsere heutige Existenz gestellt werden.

Nur ein paar Schritte weiter tut sich ein noch gewaltigerer Schnitt auf. Das Phoenix-Viertel mit seinen imposanten Werksanlagen erinnert an jene Jahrzehnte, als hier Kautschuk verarbeitet wurde, als die Räder nie stillstanden und der Geruch von Gummi über den Straßenzügen lag. Inmitten dieses Industrieareals befindet sich die Sammlung Falckenberg. Der Wandel von der schweißtreibenden Produktionsstätte zum lichten Ausstellungsraum wirkt wie ein urbanes Wunder. Die Hallen haben ihre Narben nicht weggeschminkt; die stählernen Stützen und rau verputzten Wände erzählen vom Lebensalltag Tausender Arbeiter*innen. Wo einst Maschinen dröhnten, fordert die Kunst nun zum Innehalten heraus. Transformation gelingt hier nicht durch Glattbügeln, sondern durch das sichtbare Weiterleben der Vergangenheit.

Doch Harburg erschöpft sich keineswegs im Industriezeitalter. Wer tiefer gräbt und den Weg in das historische Herz rings um die Schlossstraße einschlägt, trifft auf das Kanzlerhaus (Neue Straße 59). Ein Bauwerk, das an jene Ära erinnert, als Harburg noch herzogliche Residenz und politisches Zentrum war. Die roten Backsteine künden von Macht, Verwaltung und den frühen handelsbezogenen Verflechtungen der Region. Es bildet den historischen Ankerpunkt in einem Viertel, das sich über die Jahrhunderte hinweg ständig neu erfunden hat.

Diese Orte zeigen eindrücklich: Infrastruktur ist nicht bloß graue Logistik. Sie ist das kulturelle Gedächtnis, das im Hamburger Süden besonders vielschichtig verankert ist.

Der Tag des Denkmals ist mehr als ein bloßes Event für Nostalgiker. Er ist eine Einladung, den mentalen Autopilot des Alltags abzuschalten, die gewohnten Trampelpfade zu verlassen und den Blick für jene unsichtbaren Texturen zu schärfen, die unsere gebaute Umwelt durchziehen. Wer sich auf den Weg macht, begreift: Geschichte ist kein Museum, das hinter Glas verstaubt. Sie ist das Fundament, auf dem wir heute stehen, atmen und handeln. Der Süden Hamburgs zeigt uns, dass gerade dort, wo einst gearbeitet, geschwitzt und gerungen wurde, die packendsten Geschichten lauern – man muss sie nur lesen wollen.

Überblick

  • Das offizielle und vollständige Gesamtprogramm des Aktionstages mitsamt allen Detailzeiten und Anmeldemöglichkeiten für Führungen im Bezirk Harburg finden Sie direkt auf der Website der Hamburger Denkmalstiftung.
  • Spezifische geschichtliche Stadtteil-Rundgänge, thematische Führungen (wie zu Harburgs Industrie- und Kolonialgeschichte) sowie Anmeldungen organisiert die Geschichtswerkstatt Harburg.
  • Informationen zu Ausstellungen, Führungen und Öffnungszeiten der Sammlung Falckenberg sowie des Kunstverein Harburger Bahnhof sind über deren jeweilige institutionelle Webseiten abrufbar.

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Bau-Turbo gegen Bodenschätze https://www.tiefgang.net/bau-turbo-gegen-bodenschaetze/ https://www.tiefgang.net/bau-turbo-gegen-bodenschaetze/#respond Sun, 16 Aug 2026 22:18:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14391 [...]]]> In dem Offenen Brief der Studierendenschaft der Georg-August-Universität Göttingen schlagen Studierende der Archäologie, Ägyptologie und Geschichte aus Göttingen Alarm. Das dortige Denkmalschutzgesetz soll im Namen von Verwaltungsvereinfachungen radikal beschnitten werden.

Stell dir vor, du stehst auf dem Hamburger Rathausmarkt, und unter deinen Füßen liegt das Geheimnis, woher wir eigentlich kommen. Die Frage „Wer sind wir?“ treibt uns alle an – doch genau diese Spurensuche im Boden droht jetzt unter die Räder eines beispiellosen Bau-Turbos zu geraten.

Ein Weckruf liefert aktuell ein flammender Appell aus Niedersachsen. In dem Offenen Brief der Studierendenschaft der Georg-August-Universität Göttingen (hier zum Download Offener_Brief_NDSchG.pdf) schlagen Studierende der Archäologie, Ägyptologie und Geschichte aus Göttingen Alarm. Das dortige Denkmalschutzgesetz soll im Namen von Verwaltungsvereinfachungen radikal beschnitten werden, was unter anderem den Schutz bereits bekannter Bodendenkmale massiv gefährdet. Durch die Streichung wichtiger Paragrafen wird in Zukunft nicht mehr sichergestellt sein, ob in den Unteren Denkmalschutzbehörden überhaupt die nötige archäologische Fachkompetenz vorhanden ist. Für den akademischen Nachwuchs bedeutet das den unmittelbaren Verlust beruflicher Perspektiven und gefährdet langfristig sogar den Erhalt der traditionsreichen Göttinger Institute. Ein echter Kulturschock!

Warum uns das in Hamburg pulsieren lassen sollte? Denk nur an unsere eigene DNA! Ohne akribische archäologische Arbeit wüssten wir bis heute nicht, wo die legendäre Hammaburg eigentlich lag. Sie ist der Mythos, die Keimzelle unserer Stadt am Domplatz! Ohne die großartigen Stadtkerngrabungen des Archäologischen Museums Hamburg, das bekanntlich bei uns in Harburg beheimatet ist, wären die sensationellen Geheimnisse der Harburger Schloßstraße – einer der größten Ausgrabungen dieser Art in ganz Deutschland – für immer unter Asphalt verschwunden. Auch die Geschichte der alten Hamburger Höfe und die beeindruckenden Funde der Neuen Burg aus dem 11. Jahrhundert wären uns schlichtweg verborgen geblieben. Unsere Vergangenheit ist kein staubiges Beiwerk, sie ist das lebendige Fundament, auf dem wir heute unseren Kaffee trinken und unsere Zukunft planen.

Aber der Blick über den Tellerrand zeigt: Der Bagger rollt bundesweit. Die jungen Autor*innen des offenen Briefs beobachten völlig richtig einen deutschlandweiten Trend, bei dem Kulturschutz und Geisteswissenschaften zunehmend geschwächt werden. In Hessen tobt gerade ein erbitterter Streit. Die dortige Landesregierung will den Denkmalschutz massiv „entbürokratisieren“ – was die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (Denkmale in Hessen in Gefahr: Weniger Expertise, mehr politischer Durchgriff, Fehlanreize, 13.04.2026)

und aufmerksame Kritiker*innen in Leitmedien wie der FAZ (Experten sehen Denkmalschutz in Gefahr, von Günter Murr vom 15.04.2026) auf die Barrikaden treibt. Sie warnen vor fatalen Fehlanreizen und unwiederbringlichen Verlusten in der Bodendenkmalpflege. In Bayern wird das jüngst reformierte Gesetz in Fachkreisen bereits als zahnloser Tiger verspottet, weil im Behördenvollzug wirtschaftliche Bauinteressen von Investor*innen oft schwerer wiegen als der Erhalt von Geschichte. Der Druck auf den Wohnungsbau ist enorm, und das ist in Großstädten absolut nachvollziehbar. Wir brauchen Wohnraum, schnell und effizient. Aber müssen wir dafür wirklich unser kulturelles Gedächtnis opfern?

Genau hier liegt die Krux, und deshalb müssen wir auch in Hamburg höllisch achtsam bleiben. Bisher sichert unser Hamburgisches Denkmalschutzgesetz einen erfreulich hohen Standard. Doch politische Winde drehen sich bekanntlich extrem schnell, besonders wenn der Druck auf dem Wohnungsmarkt weiter steigt. Die Göttinger Fachschaften bringen es in ihrem Brief gnadenlos auf den Punkt: Was einmal zerstört ist, kann niemals wieder erforscht werden. Wenn wir aufhören, den Boden unter unseren Füßen zu erforschen, kappen wir unsere eigenen Wurzeln. Die Warnung aus Niedersachsen ist daher weit mehr als ein regionales Geplänkel. Sie ist ein Weckruf für uns alle. Lasst uns Wohnraum schaffen, ja! Aber lasst uns verdammt noch mal nicht vergessen, auf welchem großartigen, Jahrtausende alten Erbe wir das tun.


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Spurensuche in der grünen Oase https://www.tiefgang.net/spurensuche-in-der-gruenen-oase/ https://www.tiefgang.net/spurensuche-in-der-gruenen-oase/#respond Fri, 14 Aug 2026 22:12:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14396 [...]]]> 100 Jahre Stadtpark Harburg kann man beim Sommer-im-Park-Festival oder beim White Dinner feiern. Oder man geht einfach mal durch …

Flaniermeile, Sportstätte, grüne Oase: Der Harburger Stadtpark am Außenmühlenteich ist aus dem öffentlichen Leben im Süden Hamburgs nicht wegzudenken. Seit nunmehr einhundert Jahren prägt die Anlage das Gesicht des Stadtteils Harburgs und gilt als herausragendes Beispiel der historischen Volksparkbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Diese verstand öffentliche Grünanlagen als demokratisches Angebot für breite Bevölkerungsschichten, das Erholung, Bewegung und Naturerlebnis organisch miteinander verband.

Anlässlich des großen Jubiläums hat das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg gemeinsam mit dem Autor Jürgen Ehlers eine reich bebilderte Publikation herausgebracht. Das Buch „100 Jahre – Der Harburger Stadtpark“ lässt die facettenreiche Entwicklung der Anlage durch historische Fotografien, Pläne und Zeichnungen wieder lebendig werden. Als Geologe und bekannter Krimiautor, der in Hamburg-Hausbruch aufgewachsen ist, verbindet Ehlers fachkundigen Blick mit erzählerischem Gespür. Er schildert anschaulich, wie aus den visionären Planungen der Gartenarchitekten Ferdinand Georg Hölscher und seines Sohnes eine Parklandschaft von bleibender Anziehungskraft erwuchs.

Wer den Park und seine verborgenen Details hautnah erleben möchte, hat dazu am kommenden Sonntag, dem 23. August, eine exklusive Gelegenheit. Um 15 Uhr lädt Jürgen Ehlers zu einer kostenfreien Führung ein, zeigt ungeahnte Blickachsen und begibt sich gemeinsam mit den Teilnehmenden auf eine direkte Spurensuche zur Entstehungsgeschichte. Im Anschluss besteht vor Ort die Möglichkeit, das neue Buch zu erwerben.

Führung durch den Harburger Stadtpark mit Jürgen Ehlers, Treffpunkt: So., 23.08. um 15 Uhr, Harburger Stadtpark / Bootshaus Außenmühle, Gotthelfweg 2A, 21077 Hamburg, (Dauer: 1,5 Stunden), Buchbestellung über amh.de/shop


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Spuren der Geschichte https://www.tiefgang.net/spuren-der-geschichte/ https://www.tiefgang.net/spuren-der-geschichte/#respond Fri, 07 Aug 2026 13:13:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14352 [...]]]> Wenn Museen ihre eigenen Sammlungen durchleuchten, offenbaren sich oft nicht nur Schätze, sondern auch schmerzhafte Leerstellen. Das Museum am Rothenbaum (MARKK) widmet sich ab dem 28. August 2026 mit der Ausstellung „Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK“ einem ebenso sensiblen wie überfälligen Kapitel.

Bis zum 27. Juni 2027 richtet die Schau den Fokus auf jüdisches Kulturgut in den Beständen und folgt den oft verschlungenen und schmerzhaften Biografien dieser Objekte vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Im Zentrum der Ausstellung stehen zehn Objekte der ehemaligen Gesellschaft für jüdische Volkskunde, deren einstige Sammlung von über 400 Stücken ab 1913 das Fundament für eine jüdische Sammlung an der Rothenbaumchaussee bildete. Mit der nationalsozialistischen Verfolgung veränderte sich alles: 1935 unter Druck aus der Ausstellung entfernt, 1937 an die Gesellschaft zurückgegeben, deren Mitglieder im Anschluss ins Exil getrieben, deportiert oder ermordet wurden. Der Verbleib der meisten Stücke ist bis heute ungeklärt – umso bedeutender ist die Rückkehr jener zehn Objekte im Jahr 1991.

Die Schau macht deutlich, wie eng das Museum in der NS-Zeit verstrickt war. Bereits zwischen 1933 und 1945 nahm das Haus wissentlich konfiszierte Objekte auf, darunter Silberobjekte, die Jüdinnen und Juden ab 1938 zwangsweise abgeben mussten. Die seit 2021 am MARKK laufende Provenienzforschung arbeitet diese unrechtmäßigen Besitzwechsel akribisch auf.

Neben den dunklen Kapiteln der Entrechtung erzählen Stücke wie ein Tora-Wickelband von 1712 – gestiftet 1917 von dem Hofagenten Berend Lehmann aus Halberstadt – von familiären Geschichten, jüdischer Kultur und der Verbundenheit zu Hamburg und Niedersachsen. Unter der Leitung von Kuratorin Jana Caroline Reimer hinterfragt die Ausstellung kritisch die museale Klassifizierung dieser Stücke als „Judaica“ oder „ethnografische Objekte“.

Wer sich im kommenden Jahr in Hamburg auf diese historische Spurensuche begibt, findet ein bemerkenswertes, sich ergänzendes Netzwerk an Ausstellungen vor: Parallel zeigt das Bucerius Kunst Forum (11.9.2026 bis 29.3.2027) „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler*innen in Deutschland“, während das Altonaer Museum ab dem 12. November 2026 mit „Menschen & Orte. Hamburgs jüdische Geschichte“ das vielfältige jüdische Leben in den Blick nimmt.

Das MARKK lädt mit seiner Ausstellung dazu ein, die eigene Museumsgeschichte kritisch zu reflektieren und den Dingen ihre wahren Geschichten und Kontexte zurückzugeben. Begleitet wird die Schau von einem Katalog sowie einer gemeinsamen Online-Ausstellung mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden.

Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK

Museum am Rothenbaum (MARKK) | Rothenbaumchaussee 64 | 20144 Hamburg

reguläre Museumsöffnungszeiten: Di bis So 10–18 Uhr
Do bis 21 Uhr, reg. Eintritt: 10,- € |www.markk-hamburg.de


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Harburgs Historie hautnah https://www.tiefgang.net/harburgs-historie-hautnah/ https://www.tiefgang.net/harburgs-historie-hautnah/#respond Thu, 30 Jul 2026 22:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14317 [...]]]> Harburgs Geschichte zu Fuß erleben: Heiko Langanke lädt wieder zu Stadtteilrundgängen durch die koloniale und industrielle Vergangenheit des Hamburger Südens ein.

Man steht vor dem Harburger Rathaus und fragt sich unwillkürlich: Wann ist das denn bitte hier reingestellt worden? Denn es will so gar nicht recht passen in die heutige, bisweilen doch eher ernüchternde Stadtlandschaft Harburgs, wo Beton, verwaiste Fassaden und städtebauliche Brüche oft den Ton angeben.

Genau diese irritierte Verwunderung war es wohl auch, die Heiko Langanke einst umtrieb. Wer mit offenen Augen durch den Süden Hamburgs geht, stolpert permanent über solche historischen Fremdkörper, über Spuren einer verblassten Industriebonanza und globale Verflechtungen, die im heutigen Alltag meist unsichtbar bleiben. Langanke, Kopf hinter geschichtsbewussten Interventionen wie der historischen Schaufenster-Folierung des ehemaligen Karstadt-Leerstands über die Agentur reflexblue, gräbt diese Schichten seit Jahren wieder aus.

Nun lädt Langanke, auch Herausgeber unseres Feuilletons, zu einer neuen Reihe von Stadtteilrundgängen ein, die unter die Oberfläche des gegenwärtigen Straßenbelags blicken lassen. Und der Startpunkt könnte passender kaum sein: Am Donnerstag, den 13. August 2026, geht es um 18 Uhr direkt am Harburger Rathaus – genauer gesagt beim Tuba-Bläser – los.

Wer dort den Blick nach oben richtet, steht keineswegs vor dem urprünglichen Zentrum der Macht, sondern bereits vor dem dritten Rathaus in der wechselvollen Geschichte dieses Stadtbezirks. Es ist der Auftakt zu einer Tour, die uns von der industriellen Vergangenheit über die brandneuen Erkenntnisse der Studie „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz bis hin zum Wandel der Stadtentwicklung führt. Rund zweieinhalb Stunden lang führt Langanke die Teilnehmenden durch die Epochen – vorbei am zweiten Harburger Bahnhof am Freitag (14.08.) und dem finalen Blick am Kanalplatz im Binnenhafen am Sonntag (16.8.).

Der Einstieg an diesem Rathaus zeigt bereits, wie trügerisch der erste Blick auf Harburg ist. Wer verstehen will, warum unsere Stadt heute so tickt, wie sie tickt, sollte sich auf diese Spurensuche einlassen. Die Zeitreise führt uns unweigerlich weiter, denn wer am Freitag, den 14.08. um 17 Uhr den Eingang des Harburger Bahnhofs ansteuert, blickt auf den nächsten geschichtlichen Sprung. Auch dieser monumentale Bau ist keineswegs der erste seiner Art, sondern der zweite in der Bahnhofsgeschichte der einst eigenständigen Stadt – ein Zeuge jener Epoche, in der Harburg als eigenständige Industriestadt zu einem europäischen Kraftpaket heranwuchs.

Hier, wo heute Pendlerströme und urbane Betriebsamkeit herrschen, entfaltet sich bei Langankes Rundgang das volle Ausmaß der wirtschaftlichen Verflechtungen. Die Tour verknüpft die klassische Industriegeschichte direkt mit den neuen, aufschlussreichen Erkenntnissen aus dem aktuellen Abschlussbericht „Koloniales Harburg“. Denn der Aufstieg zur Industriestadt im 19. und frühen 20. Jahrhundert kam nicht aus dem Nichts. Er war untrennbar verbunden mit globalem Handel, guter verkehrlicher Infrastruktur und kolonialen Ausbeutungsketten und Rohstoffen wie Kautschuk oder Palmkernen, die hier an der Elbe verarbeitet wurden. Langanke blickt hinter die Fassaden des Ziegelbaus und zeigt, wie tief die Fäden der Globalisierung damals wie heute in den Boden des Südens eingewoben sind.

Auch der finale Teil der zeithistorischen Expeditionen führt uns dorthin, wo Harburgs industrielles Herz einst am stärksten schlug und heute der Wandel am greifbarsten ist: an den Kanalplatz im Harburger Binnenhafen. Am Sonntag, den 16.08. um 12 Uhr bildet dieser geschichtsträchtige Ort den Abschluss der kleinen Serie von Zeitreisen. Hier, wo Schiffe einst Güter aus aller Welt löschten und die enge Verzahnung von Hafenwirtschaft, globalem Handel und lokaler Arbeit das Gesicht des Viertels prägte, schließen sich die Fäden der Tour. Heiko Langanke führt die Teilnehmenden an jene Kaikanten, an denen die harten ökonomischen Realitäten der Industrialisierung und ihre Nachwirkungen bis in die heutige Stadtentwicklung greifbar werden. Es ist der perfekte Ort, um zu begreifen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart im Hamburger Süden verwoben sind.

Im Überblick:

Für die spannende Spurensuche durch zwei Jahrhunderte kann man an drei Terminen jeweils rund zweieinhalb Stunden lang mitgehen: Den Auftakt macht der Gang vom Harburger Rathaus (Treffpunkt beim Tuba-Bläser) am Do., den 13. Aug., um 18 Uhr. Am Fr., den 14. Aug. um 17 Uhr führt die Tour ab Eingang des Harburger Bahnhofs. Den abschließenden Blick in den Wandel des Binnenhafens bietet der Rundgang am So., 16. Aug. um  12 Uhr ab Treffpunkt Kanalplatz. Die Teilnahme an allen Terminen ist kostenfrei, über Spenden freut sich der Veranstalter, und wegen teils unwegsamer Wege wird um entsprechende Beachtung gebeten.


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Palmkerne und Paläste https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/ https://www.tiefgang.net/palmkerne-und-palaeste/#respond Fri, 17 Jul 2026 15:52:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14199 [...]]]> Vor kurzem legte ein Historiker*innen-Paar den „Abschlussbericht koloniales Harburg“ vor. Eine Forschungsarbeit, die ebenso lesens- und nachdenkenswert ist wie Auftakt weiterer Wissensgrabungen sein sollte.

Wer heute vor dem Harburger Rathaus steht, reibt sich unweigerlich die Augen. Da ragt dieser prachtvolle, herrschaftliche Palast im Stile der Neorenaissance empor, ein steinernes Monument puren bürgerlichen Selbstbewusstseins. Doch dreht man sich um, fällt der Blick auf die ernüchternde Realität des heutigen Bezirks: Nachkriegsbauten, funktionale Verkehrsschneisen, eine stellenweise recht unglücklich verbaute Innenstadt. Angesichts dieses Kontrasts drängt sich eine Frage geradezu auf: Welche enormen, glanzvollen Zeiten müssen das gewesen sein, die ein solches Rathaus hervorgebracht haben?

Die Antwort liegt in einer Epoche, in der Harburg nicht das Anhängsel Hamburgs war, sondern ein scharfer Konkurrent. Wir müssen den Blick zurückwerfen in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als an der Süderelbe mit radikaler Energie die Zukunft geschmiedet wurde. Harburg war damals wie ein gallisches Dorf der Industrialisierung, das seine Unabhängigkeit vom großen Nachbarn im Norden mit jeder Faser lebte und genau daraus seine enorme Dynamik zog. Während in Hamburg noch lange über Handelsprivilegien debattiert wurde, rauchten in Harburg längst die Schlote.

Der Funke, der diese Dynamik entzündete, sprang zuerst im Binnenhafen über. Mit dem Bau des ersten Bahnhofs (wo heute das Neubaugebiet der Theodor-Yorck-Straße liegt) direkt an den Kaianlagen wurde das Fundament für einen beispiellosen Boom gelegt. Harburg besaß plötzlich das, wovon andere Städte nur träumen konnten: den direkten Umschlag vom Schiff auf die Schiene.

Die Stunde der Pioniere

Es war die Stunde der Pioniere der Fettindustrie. Als die ersten modernen Ölpressen im Hafenbereich in Betrieb gingen, veränderte das die hiesige Wirtschaft grundlegend. Heimische Saatfrüchte wie Raps oder Lein stießen schnell an ihre kapazitären Grenzen, doch man erkannte das enorme Potenzial von Palmkernen aus Übersee – sie waren ungleich ergiebiger. Es entstand eine fulminante Erfolgsgeschichte, geprägt durch Namen wie Gaiser, Noblée & Thörl und später Hobum, die Harburg in ein Zentrum der Fett- und Margarineindustrie verwandelten. Hand in Hand damit ging das Übersee-Handelshaus von Gottlieb Leopold Gaiser, das ab den 1880er Jahren eigene Faktoreien in Westafrika betrieb und die Rohstoffströme direkt an die Elbe lenkte.

Parallel dazu revolutionierte ein ganz anderer Rohstoff den Alltag: Kautschuk. In den Werkstätten von H. C. Meyer jr., dem legendären „Stockmeyer“, gelang ein industrieller Coup. Das bisher für edle Spazierstöcke verwendete, aber extrem knappe und teure Elfenbein konnte durch das neuartige Hartgummi ersetzt werden. Fast zeitgleich schrieben die Harburger Gummi-Werke (die Urzelle der späteren Phoenix-Werke) ab 1856 Industriegeschichte. Mithilfe des hochentwickelten Goodyear-Verfahrens zur Vulkanisation konnten aus Kautschuk elastisches Gummi in Massen hergestellt werden – für robuste Schuhe, bald für Reifen, Kämme oder Billardkugeln.

Ein weltweiter Rohstoffhunger brach aus, der an der Süderelbe ein mächtiges Zentrum fand. Es gehört zu den zentralen neuen Erkenntnissen des Berichts, die hiesige Wirtschaftsgeschichte um eine bisher übersehene Säule zu erweitern: die Jute-Spinnerei, die um 1913 zur größten Arbeitgeberin Harburgs aufstieg. Ihr Erfolg basierte fundamental auf den existenziellen Krisen und dem Elend der kleinbäuerlichen Bevölkerung im fernen Bengalen.

Geld – Macht – Einfluss

Wie aber finanzierte und organisierte Harburg dieses atemberaubende Wachstum? Die Antwort liegt in einem eng geknüpften, hocheffizienten Netzwerk, das sich radikal vom Hamburger Weg unterschied. Während man nördlich der Elbe auf die etablierte Macht der hanseatischen Kaufleute setzte, pumpte im Süden die Hannoversche Bank das nötige Kapital in die rasant wachsenden Betriebe.

Und dort, wo das Geld lag, saßen auch die politischen Entscheider. Harburgs Aufstieg ist untrennbar mit den weitsichtigen Stadtobersten jener Epoche verbunden. Maßgebliche Bürgermeister wie Julius Ludowieg und später Heinrich Denicke tummelten sich just in jenen finanziellen Zirkeln und Gremien der Hannoverschen Bank, die den Boom erst ermöglichten. Hier verschmolzen knallharte Kommunalpolitik und weitreichende industrielle Interessen zu einem unaufhaltsamen Motor. Man verstand sich eben als Macher.

Dieser Motor veränderte das Gesicht der Stadt in Rekordzeit. Um den gewaltigen, globalen Rohstoffhunger logistisch bewältigen zu können, wurde die Infrastruktur auf Effizienz getrimmt. Ein topmoderner Kaihafen entstand, begleitet von einem neuen, imposanten Bahnhof und einem rasterartig ausgebauten Straßennetz. Doch Fabriken brauchen Hände. Aus dem ländlichen Umland strömten Tausende Tagelöhner*innen an die Süderelbe, angelockt von der Aussicht auf Arbeit.

Für diese neue, massiv anwachsende Klasse von Arbeiter*innen wurden in Windeseile ganze Viertel (z.B. Phoenix-Viertel) mit dicht gedrängten Mietshäusern aus dem Boden gestampft. Die Stadt explodierte förmlich. Um dieses neue, mitunter prekäre soziale Gefüge im Schatten der rauchenden Schlote stabil zu halten, entstanden parallel die ersten Armenkassen.

Ungleicher Schweiß des Erfolgs

Es war eine vollkommene Transformation: Harburg hatte sich eine komplett neue, vibrierende und raue industrielle Identität erschaffen. Während die bürgerliche Elite kolonialbegeistert war, blieb der Arbeiterschaft in den engen Straßen des Phoenix-Viertels kaum Raum für imperiale Träume. Da die Arbeiter*innen primär mit dem nackten Überleben und dem harten Fabrikalltag eines 12-Stunden-Tages beschäftigt waren, macht gerade diese tief ausgeprägte Klassenperspektive die Harburger Geschichte im Vergleich zum Handels- und Kaufmannszentrum Hamburg so speziell.

Doch diese glänzende Medaille des industriellen Erfolgs hatte eine weitere tiefdunkle Kehrseite. Der unaufhaltsame Harburger Boom basierte fundamental auf der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Süden, angetrieben von einer zielgerichteten imperialen Politik. Als das junge deutsche Kaiserreich ab den 1880er Jahren vehement auf eigene Kolonien drängte, saßen die Harburger Fabrikanten längst an den Hebeln der globalen Warenströme. Ob Kautschuk aus Kamerun oder Palmkerne aus Togo – der koloniale Raubbau war der Treibstoff für den heimischen Aufstieg.

Wie viele dieser Verflechtungen in den Alltag einsickerten, konnten die Historiker*innen Annika Bärwald und Yves Schmitz in den Archiven der Lokalzeitung nachlesen. Denn die Harburger Anzeigen und Nachrichten begleiteten den weltweiten Aufstieg der Stadt Schritt für Schritt. In ihren Spalten mischten sich nüchterne Marktberichte mit unverhohlener kolonialer Propaganda. Man feierte den wirtschaftlichen Imperialismus und versuchte gezielt, auch die heimische Arbeiterschaft für das koloniale Projekt zu begeistern.

Aus den fernen Kolonien floss jedoch nicht nur Rohmaterial in die Fabriken, sondern auch Beute in die Salons. Die lokale bürgerliche Elite, berauscht vom eigenen globalen Einfluss, demonstrierte ihren Status durch eine ganz besondere Form des bürgerlichen Stolzes: Man sammelte eifrig ethnografische Objekte aus den besetzten Gebieten und schenkte sie dem Helms-Museum. Diese mitgebrachten Trophäen sollten den kolonialen Geist mitten in Harburg fassbar machen – eine Zurschaustellung von Macht, die heute, sicher verwahrt in den Depots, als stummes Zeugnis einer tiefen moralischen Schuld überdauert hat. Der Bericht macht die koloniale Gewalt schmerzhaft konkret: Unter den Schenkungen an das Helms-Museum befinden sich nicht nur koloniale Alltagsobjekte wie eine Nilpferdpeitsche, sondern auch sensible, von Gewalt zeugende Funde wie ein menschlicher Schädel. Hier wird einstiger bürgerlicher Sammlerstolz zur dringlichen zeitgenössischen Verpflichtung. Wie Bärwald und Schmitz attestieren, wartet dieser Fundus im heutigen Stadtmuseum Harburg auf seine kritische historische Einordnung und schlussendliche Restitution.

Ein Abschluss als Beginn

Dass diese lange Zeit unsichtbaren Linien zwischen Harburger Prachtbauten und kolonialer Ausbeutung nun so klar gezeichnet werden, ist das Ergebnis einer kulturpolitischen Initiative aus dem November 2021. Angestoßen durch einen Vortrag des Historikers Kim Todzi von der Forschungsstelle Kolonialgeschichte, beschloss die Bezirksversammlung, die Verflechtungen der eigenen Stadtgeschichte systematisch auszuleuchten.

Der nun vorgelegte Abschlussbericht „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz löst dieses Versprechen in Teilen ein. Die Forschenden haben eine akribische Aufarbeitung geleistet, die genau jene Verbindungen freilegt, die im kolonialen Rausch des Kaiserreichs geknüpft wurden. Durch die erstmalige systematische Durchsiebung lokaler Quellen, wie des Digital-Archivs der Harburger Anzeigen und Nachrichten, wird nachvollziehbar, wie Globalgeschichte und Lokalgeschichte an den einzelnen Fabrikbänken aufeinandertreffen. Der Bericht schließt damit nicht nur historische Leerstellen, sondern gibt präzise Hinweise zur Vertiefung.

Dieser Abschlussbericht ist deshalb so absolut lesenswert, weil er nicht dem staubigen Klischee klassischer Heimatforschung entspricht. Er holt die Weltpolitik direkt vor unsere Haustür. Das macht das Werk zu einem packenden Stück Zeitgeschichte, das fesselt und stellenweise tief bewegt. Vor allem aber macht der Bericht eines unmissverständlich klar: Harburgs Geschichte zu erforschen lohnt sich – und sie liegt uns im doppelten Sinne nah. Sie ist räumlich zum Greifen nah in den Hafenbecken und Straßennamen unseres Stadtraums, und sie ist uns strukturell in ihren globalen Auswirkungen viel näher, als wir es im Alltag oft wahrhaben wollen. Denn Gummi und Palmöl sind alltägliche Begleiter unseres Lebens.

Genau aus diesem Grund darf und wird diese Arbeit kein Schlusspunkt sein, der in den Schubladen der Bezirksverwaltung verschwindet. Sie ist vielmehr ein gelungener Auftakt. Bärwald und Schmitz haben ein stabiles Fundament gegossen, doch die reichhaltigen Quellenfunde – von den tiefen Archiven des Helms-Museums bis zu den ungesichteten Firmennachlässen – schreien förmlich nach einer Fortsetzung. Dieser Bericht muss als lauter Ansporn verstanden werden: für Schulen, für zivilgesellschaftliche Initiativen und für weitere historische Forschungen. Die Spurensuche an der Süderelbe hat gerade erst begonnen.

Der „Abschlussbericht koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Yves Schmitz steht hier kostenfrei zum Download.


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Heimat als modernes Erlebnis https://www.tiefgang.net/heimat-als-modernes-erlebnis/ https://www.tiefgang.net/heimat-als-modernes-erlebnis/#respond Tue, 07 Jul 2026 08:24:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14137 [...]]]> Wer das Buxtehude Museum am St.-Petri-Platz heute besucht, betritt einen Ort, der in den vergangenen fünf Jahren eine beeindruckende Wandlung vollzogen hat.

Seit der feierlichen Eröffnung am 12. Juli 2021 – inmitten der Corona-Pandemie – ist das Haus weit mehr als ein klassisches Heimatmuseum; es ist ein lebendiger Treffpunkt, der Buxtehuder Stadtgeschichte mit europäischer Archäologie und handwerklicher Tradition verknüpft. Pünktlich zum fünften Geburtstag lädt das Museum vom 14. bis 19. Juli 2026 bei freiem Eintritt dazu ein, diesen Wandel selbst zu erleben.

Die Geschichte des Hauses ist eine Erzählung über stetige Entwicklung: Ausgehend von der Stiftung des Seifenfabrikanten Julius Cäsar Kähler im Jahr 1913, durchlief das Museum eine jahrzehntelange Platznot, bis die Sanierung ab 2015 den Durchbruch brachte. Durch den Erwerb des Nachbargebäudes konnte der Eingang repräsentativ zum St.-Petri-Platz geöffnet werden, was den Grundstein für die heutige Strahlkraft legte. Eine begleitende Fotoshow zur Jubiläumswoche macht deutlich, dass während der sechsjährigen Umbauzeit kein Stein auf dem anderen blieb.

Dass das Museum heute so tief in die Kulturgeschichte eintaucht, zeigt sich an seinen wechselnden Schwerpunkten. Zwei Beispiele verdeutlichen die Bandbreite der vergangenen Jahre. In der Ausstellung Luxusgut Papier wurde die Geschichte der Papierherstellung und -nutzung beleuchtet, die als ein faszinierendes Beispiel für den kulturellen und wirtschaftlichen Wandel in der Region diente. Und mit den Funden des Gräberfeldes von Immenbeck positionierte sich das Haus mit Europäischer Archäologie als wissenschaftlich ernstzunehmender Akteur, der die lokale Geschichte in einen größeren, europäischen Kontext stellt und regelmäßig archäologische Wochenenden anbietet.

Neben diesen tieferen Einblicken etablierte das Museum aber auch erfolgreich Formate für jede Generation: Ob bei der Spurensuche nach Eulen im Stadtgebiet, beim kreativen Basteln mit „Drachen im Museum“ oder bei Vorträgen zum Thema Handel und Wandel – das Haus ist ein aktiver Teil des städtischen Lebens geworden.

Jubiläumsprogramm: Ein Dank an das Publikum

Der Höhepunkt der Jubiläumswoche findet am Sonntag, den 19. Juli 2026, von 11.30 bis 17 Uhr statt. Besucher*innen erwartet dann ein bunter Tag mit Kurzführungen, bei denen Mitarbeiter*innen ihre persönlichen Lieblingsobjekte vorstellen. Das Rahmenprogramm bietet darüber hinaus kreative Aktionen wie ein Riesen-Memory oder ein Glücksrad. Wer den perfekten Ausklang sucht, kann den Tag im Museumsshop oder bei einem Besuch im Café Baham abrunden.

Es lohnt sich also auch nach 5 Jahren, das Buxtehude Museum neu zu entdecken. Denn auch wenn der Hase und der Igel stets ein beliebtes Buxtehuder Thema bleiben – wie die aktuelle Schau „Läuft…! Hase und Igel im Wandel der Zeit“ beweist –, so beweist das Museum insgesamt, dass Buxtehude eine Stadt mit einer ebenso vielfältigen wie bewegten kulturellen Identität ist.

Buxtehude Museum für Regionalgeschichte und Kunst

St.-Petri-Platz 11 | 21614 Buxtehude | 0 4161 507 97-0 | www.buxtehudemuseum.de

Öffnungszeiten: DiSo 1118 Uhr

aktuelle Ausstellungen:

Läuft…! Hase und Igel im Wandel der Zeit, Verlängert bis 31. Januar 2027!

Kurt Schmischke – Der unbekannte Illustrator, den alle kennen, noch bis 12. Juli 2026


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Liebeserklärungen an den Harburger Stadtpark https://www.tiefgang.net/liebeserklaerungen-an-den-harburger-stadtpark/ Sun, 21 Jun 2026 22:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14031 [...]]]> Man sagt, der Harburger Stadtpark sei nördlich der Elbe ein Geheimtipp – ein fast schon exklusives Stück Natur, das in seiner landschaftlichen Vielfalt weit über die Grenzen des Südens hinaus strahlt. Doch für alle, die hier aufgewachsen sind, die ihre Ferien im Freibad am Außenmühlenteich verbracht haben, die auf der Freilichtbühne erste Konzerte erlebten oder einfach nur die Ruhe am Wasser suchten, ist er weit mehr als ein Geheimtipp: Er ist ein Zuhause.

In diesem Jahr feiert der Stadtpark seinen 100. Geburtstag, und pünktlich zum Jubiläum wird ihm eine doppelte literarische Ehre zuteil. Gleich zwei Neuerscheinungen beleuchten nun die Geschichte dieses „Volksparks“, der als grüne Lunge Harburgs eine ganze Stadtgesellschaft geprägt hat.

Dass ein Park so lebendig bleibt, liegt an den Visionären, die ihn einst erdachten. Der Gartenarchitekt Ferdinand Georg Hölscher, unterstützt von seinem Sohn Ferdinand, schuf in den 1920er Jahren einen Ort, der Erholung, Sport und Naturerlebnis für alle Schichten zugänglich machen wollte. Dieser Geist der Volksparkbewegung ist in beiden neuen Werken spürbar, wenngleich sie unterschiedliche Pfade durch die Historie einschlagen.

Das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg legt mit dem Buch 100 Jahre – Der Harburger Stadtpark eine wissenschaftlich fundierte und reich bebilderte Publikation vor. Unter der Federführung des Geologen und Schriftstellers Jürgen Ehlers taucht das Werk tief in die planerischen Ursprünge ein. Ehlers, selbst in Hausbruch aufgewachsen, nutzt seine fachliche Expertise, um die landschaftlichen Voraussetzungen dieses Refugiums fachkundig einzuordnen. Es ist ein Buch, das mit historischen Fotografien, Plänen und Zeichnungen arbeitet und den Park als bedeutendes Denkmal der Reformgartenbewegung würdigt. Wer das Werk in Aktion erleben möchte, hat am 28.06. eine besondere Gelegenheit: Um 11 Uhr lädt Jürgen Ehlers persönlich zu einer kostenfreien Führung ab dem Bootshaus an der Außenmühle (Gotthelfweg 2A) ein, um die verborgenen Blickachsen und die Geschichte der Anlage neu zu entdecken.

Wer es etwas persönlicher, fast schon nostalgisch mag, findet in der Publikation der Geschichtswerkstatt Harburg genau den richtigen Begleiter. Günter Wincierz, der in Wilstorf aufwuchs, hat mit seinem Buch 100 Jahre Stadtpark Harburg ein Werk geschaffen, das den Park als sozialen Raum spürbar macht. Hier geht es nicht nur um Architektur, sondern um die Menschen: Interviews mit dem letzten Fischer, Erinnerungen an das „Weiße Dinner“ oder die legendären Techno-Partys auf der Freilichtbühne machen den Band zu einem lebendigen Mosaik der letzten Jahrzehnte. Mit über 135 Fotos, von denen viele erstmals veröffentlicht werden, gelingt Wincierz der Spagat zwischen historischem Archiv und persönlichem Fotoalbum.

Dass der Harburger Stadtpark heute – nach Jahren der Sanierung und des kulturellen Stillstands – mit dem Festival „Sommer im Park“ (21.-26.07.) wieder als pulsierendes Zentrum für Begegnungen fungiert, ist nur die logische Fortsetzung dessen, was die Familie Hölscher vor einem Jahrhundert begann. Diese beiden Bücher sind daher weit mehr als nur Jubiläumsgeschenke; sie sind eine Einladung, sich bei einem Spaziergang zwischen den alten Bäumen und am Wasser des Außenmühlenteichs der eigenen Geschichte bewusst zu werden.

  • 100 Jahre – Der Harburger Stadtpark (Archäologisches Museum Hamburg/Stadtmuseum, 19,90 Euro) ist im Museumsshop und online unter amh.de/shop erhältlich.
  • 100 Jahre Stadtpark Harburg von Günter Wincierz (Geschichtswerkstatt Harburg, 18,00 Euro) ist im Buchhandel und direkt in der Geschichtswerkstatt verfügbar.

Ob Sie nun den akribischen Blick der Museums-Publikation oder die warmherzigen Erinnerungen der Geschichtswerkstatt bevorzugen: Beide Bücher zeigen, dass die „grüne Lunge“ Harburgs nach einem Jahrhundert lebendiger ist denn je.


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Wegbereiter der Moderne https://www.tiefgang.net/wegbereiter-der-moderne/ Sat, 20 Jun 2026 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14028 [...]]]> Die Geschichte der deutschen Moderne ist ein strahlendes Panorama, doch in ihrem Glanz verblasst oft ein entscheidender Teil ihrer Entstehungsgeschichte. Es war eine Generation von jüdischen Sammler*innen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit visionärem Weitblick, intellektueller Offenheit und beachtlichem Mäzenatentum den Boden für den Siegeszug der modernen Kunst in Deutschland bereitet hat.

Viel zu lange sind diese Persönlichkeiten – wie die Familie Hirschland in Essen, Paul und Clothilde Schüler in Bochum oder die Hamburgerin Rosa Schapire – aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dass ihre Namen heute bestenfalls in fachinternen Kreisen genannt werden, ist ein Verlust, den das Bucerius Kunst Forum nun mit einer außergewöhnlichen Anstrengung korrigieren möchte.

Die kommende Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland ist weit mehr als eine bloße Präsentation von Werken. Sie ist ein Akt der Erinnerung und eine notwendige Korrektur unseres kunsthistorischen Gedächtnisses. Indem die Kurator*innen Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff über 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 rekonstruierten Sammlungen weltweit zusammenführen, schaffen sie physische und gedankliche Räume, in denen das Werk der Moderne wieder auf seine ursprünglichen Eigentümer*innen trifft. „Die langjährige und aufwändige Recherche zur Ausstellung hat gezeigt, dass viele Jüdinnen und Juden, deren Sammlungspraxis integraler Bestandteil der deutschen Moderne war, höchstens in Fachkreisen noch namentlich bekannt sind“, so das Kurator*innen-Team.

Diese Sammler*innen agierten oft gegen den erbitterten Widerstand eines konservativ geprägten Kunstbetriebs des Kaiserreichs. Während die offizielle Kulturpolitik an akademischen Konventionen festhielt, begegneten sie Stilen wie dem Impressionismus, dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit mit einer Neugier, die Grenzen sprengte. Doch diese kulturelle Blütezeit endete mit dem Jahr 1933 in einer Katastrophe. „Spätestens in der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre Lebensgeschichten von Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geprägt“.

Die Ausstellung scheut nicht davor zurück, auch die dunklen Kapitel dieser Zerstreuung zu beleuchten. Sie thematisiert, wie Netzwerke aus Museen, Kunsthändlern und internationalen Käufern unter politischem Druck von der Zerschlagung dieser privaten Sammlungen profitierten. Im Programm hießt es daher: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler*innen, Museen, staatlichen Akteur*innen und internationalen Käufer*innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren“.

Mit dieser Schau kehrt also auch ein Stück deutsche Identitätsgeschichte zurück und an die Wände des Bucerius Kunst Forums. Es ist eine Einladung, den Blick zu schärfen: für die Schönheit von Werken wie denen von Cézanne, Kirchner oder Picasso und für die Menschen, deren Mut und Leidenschaft sie erst zugänglich machten. „Diese Sammler*innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“, heißt es.

Die Sammler*innen – Zwischen Weltläufigkeit und Verfolgung

Wer aber waren diese Menschen, deren Spürsinn die deutsche Kunstlandschaft so nachhaltig prägte? Die Ausstellung nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch das damalige Deutsche Reich, von den Sammlungen in Mannheim über Frankfurt bis nach Berlin und Hamburg. Es wird deutlich, dass das Sammeln für diese Persönlichkeiten keine bloße Akkumulation von Objekten war, sondern ein tiefgreifender Ausdruck ihrer geistigen Welt.

Die Sammler*innen zeichneten sich durch eine bemerkenswerte ästhetische Wahl aus. Während das offizielle Kunst-Establishment des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik oft starr an traditionellen Werten festhielt, bewiesen gerade diese Mäzen*innen eine Vorreiterrolle. Ihre Offenheit für die Moderne war Ausdruck eines modernen Selbstverständnisses. Im Programm liest man:  „Sie trugen durch ihre individuellen Tätigkeiten zur gesellschaftlichen Etablierung moderner Kunst bei: Neben der intellektuellen Aneignung, Auswahl und Präsentation der Werke spielte die öffentliche Unterstützung dieser Kunstformen in Museen, Kunstvereinen und Publikationen, die Kooperation mit Galerist*innen und die direkte Förderung von Künstler*innen eine große Rolle.“

Die Schau stellt dabei den Menschen in den Mittelpunkt, nicht nur das Werk. Durch Zeitdokumente und Fotografien werden die Biografien von Familien wie den Blanks aus Köln oder Max Meirowsky greifbar. Man begegnet Menschen, die sich nicht nur durch ihren Kunstbesitz, sondern durch aktives gesellschaftliches Engagement auszeichneten – sei es in öffentlichen Institutionen oder durch privates Mäzenatentum. Diese Räume machen deutlich, dass moderne Kunst in Deutschland ohne die intellektuelle und finanzielle Unterstützung dieser jüdischen Familien kaum den Stellenwert erreicht hätte, den sie heute genießt.

Die systematische Zerstörung dieser bedeutenden Sammlungen unter dem Nationalsozialismus markiert eine der dunkelsten Zäsuren der deutschen Kulturgeschichte. Der politische Druck manifestierte sich dabei in einem perfiden Geflecht aus Zwangssteuern, Vermögenssperren, Ausreiseverboten und Devisenauflagen, die jüdische Sammler*innen gezielt in den wirtschaftlichen Ruin trieben. Wie das Bucerius Kunst Forum dazu erläutert: „Als ein Aspekt dieser Unrechtsgeschichte wird daran erinnert, wie politischer Druck, Zwangssteuern, Ausreiseverbote, Vermögenssperren und Devisenauflagen jüdische Sammler:innen häufig zur Aufgabe ihrer Sammlungen zwangen.“

Das Ausmaß dieses Raubzugs war jedoch nicht allein das Werk nationalsozialistischer Ideologen, sondern ein gesellschaftliches Versagen, an dem sich Akteur*innen aus der Mitte der Gesellschaft beteiligten. Die Ausstellung macht deutlich, wie eng das Netz aus Museen, Kunsthändler*innen und internationalen Käufer*innen gestrickt war. Hierzu heißt es: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler:innen, Museen, staatlichen Akteur:innen und internationalen Käufer:innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren.“

Nach 1945 setzte sich der Prozess der Verschleierung oft fort. Die Kunstwerke wurden weltweit zerstreut und in Institutionen oder private Sammlungen integriert, wobei ihre belastete Herkunft entweder in Vergessenheit geriet oder aktiv verborgen wurde. Es gelang nur wenigen Familien, ihren Besitz über die Jahre der Verfolgung und des Exils hinweg zu retten. Die Ausstellung arbeitet diese Mechanismen der Enteignung akribisch auf, um das Schicksal der Sammler*innen aus der Anonymität der bloßen Objektgeschichte zurückzuholen. Im Programm heißt es: „Nach 1945 verstreuten sich die Kunstwerke über alle Kontinente und gelangten in private oder institutionelle Bestände, wobei die Vorgeschichte manchmal nicht mehr bekannt war, häufig aber auch bewusst verschleiert wurde.“

Die Schau verbindet damit kunsthistorische Analyse mit einer tiefgreifenden erinnerungskulturellen Reflexion, die den Verlust als eine fortdauernde Mahnung begreift.

Rekonstruktion als Akt der Wiederbegegnung

Die kuratorische Arbeit von Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff geht in der Ausstellung weit über die bloße Zusammenstellung von Kunstwerken hinaus. Indem sie die weltweit verstreuten Stücke – von Gemälden und Skulpturen bis hin zu privaten Künstler*innenpostkarten – wieder an einem Ort vereinen, schaffen sie eine emotionale und historische Rekonstruktion, die den Sammler*innen ihr Gesicht zurückgibt. „Jeder Sammlung ist ein eigener Raum gewidmet, in dem die Begegnung mit den Kunstwerken, deren Weg bis in die Gegenwart, mit den Sammler:innenpersönlichkeiten und ihrer Geschichte möglich ist“.

Dieser Ansatz verwandelt das Bucerius Kunst Forum in einen Ort des aktiven Erinnerns. Die Schau fungiert dabei nicht als statisches Museum, sondern als ein komplexer Resonanzraum, in dem kunsthistorische Forschung und kunstsoziologische Analyse miteinander verschmelzen: „In der Gesamtkonzeption verbindet die Schau kunsthistorische und kunstsoziologische Forschung und Analyse, kulturpolitische Kontextualisierung und erinnerungskulturelle Reflexion“.

Für die Besucher*innen eröffnet sich dadurch eine seltene Gelegenheit, die Genese der Moderne aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Die Räume werden zu einer Bühne für die Lebenswege der Sammler*innen, deren Engagement für die Kunst oft einherging mit einem tieferen Wunsch nach einer offenen, progressiven Gesellschaft. Die Ausstellung leistet somit Pionierarbeit, indem sie diese „Physischen und gedanklichen Räume“ nutzt, um aufzuzeigen, „aus welchen Motivationen, auf welche Weise und mit welcher Unterstützung die einzelnen Sammlungen entstanden sind – und aus welchen Gründen die Sammler:innen sich häufig auch progressiver Kunst zuwandten“.

Letztlich aber ist diese Ausstellung auch ein dringender Aufruf an die Gegenwart. Sie fordert dazu auf, Provenienz nicht als abstraktes Feld der Geschichtswissenschaft zu sehen, sondern als integralen Bestandteil einer lebendigen Erinnerungskultur, die den Wert und die Geschichte des Kulturguts stets mit der Geschichte der Menschen verknüpft, die es einst so leidenschaftlich förderten.

Die kommende Ausstellung im Bucerius Kunst Forum ist also weit mehr als eine Rückschau. Wer durch die Räume wandelt, wird konfrontiert mit der Ambivalenz von ästhetischem Hochgenuss und menschlicher Tragödie. Die Kunstwerke von Meistern wie Cézanne, Modersohn-Becker oder Kirchner gewinnen durch ihre Geschichte eine neue, dringliche Präsenz. Sie sind nicht länger nur Zeugnisse einer Epoche, sondern Mahnmale für einen gesellschaftlichen Aufbruch, der gewaltsam unterbrochen wurde.

Es erfordert Mut, den Blick nicht abzuwenden – weder von der Schönheit der Bilder noch von der Härte des Unrechts, das ihre einstigen Besitzer*innen erfahren haben. „Diese Sammler:innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“ (Bucerius Kunst Forum). Die Schau bietet uns einen Resonanzraum, in dem wir lernen können, dass Kultur niemals im luftleeren Raum existiert, sondern immer tief in den Biografien und politischen Kämpfen derer verwurzelt ist, die sie fördern und bewahren.

Wer diese Ausstellung besucht, begibt sich auf eine Reise, die unser Verständnis von der deutschen Moderne für immer verändern wird. Sie macht sichtbar, was zu lange unsichtbar blieb, und erinnert daran, dass das Erbe dieser jüdischen Kunstsammler*innen ein unverzichtbarer Teil unserer Identität ist. Es ist ein würdiger, notwendiger und zutiefst menschlicher Beitrag, den das Bucerius Kunst Forum hier leistet, um das Unrecht der Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern den Sammler*innen die Anerkennung zurückzugeben, die sie verdienen. Ebenso sollte erwähnt werden, dass parallel zur Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland das MARKK vom 28. August 2026 bis 27. Juni 2027 die Schau Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK zeigt. Anhand der als verschollen geltenden Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde erzählt die Ausstellung Objektgeschichten und Biografien vom frühen 20. Jahrhundert bis heute und hinterfragt dabei die Klassifizierung ‚jüdischer Objekte’ sowie die Rolle des Museums im Nationalsozialismus. Auch hier lohnt ein Besuch.

Überblick

Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland

11.09.2026 bis 29.03.2027

Ort: Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg| Website: buceriuskunstforum.de


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Ein Sommer, ein Park https://www.tiefgang.net/ein-sommer-ein-park/ Thu, 18 Jun 2026 22:21:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14006 [...]]]> Wenn sich im Juli im Harburger Stadtpark plötzlich die ersten Takte eines Konzerts über die Außenmühle hallen, dann ist es wieder so weit: Der „Sommer im Park“ öffnet seine Tore. Vom 21. bis zum 26. Juli 2026 wird die historische Freilichtbühne zum kulturellen Epizentrum des Hamburger Südens.

Ob bei einem mitreißenden Konzert unter freiem Himmel, einer spannenden Natur-Rallye oder einfach beim Entspannen im Grünen – das Festival ist die Einladung an alle Generationen, die Stadt neu zu erleben. Mit einem bunten Mix aus lokalen Helden wie Lotto King Karl & die Barmbek Dreamboys (25.7., 20 Uhr) und innovativen Formaten setzt das Festival dieses Jahr neue Maßstäbe für ein lebendiges, solidarisches Miteinander.

Dass wir heute wieder so unbeschwert auf der Freilichtbühne feiern können, ist keineswegs selbstverständlich. Das Areal, das dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Nach den legendären „Ohne Knete keine Fete“-Zeiten, die Ende der 90er-Jahre die Massen anzogen, verfiel die Bühne in einen langen Dornröschenschlaf. Eine aufwendige Sanierung vor einigen Jahren löste das Problem zunächst nicht: Der Bühnenbau war zwar modern, doch sie blieb konzeptionell verwaist. Erst mit dem Neustart 2018 durch das Citymanagement, später Harburg Marketing e.V. – unterstützt von lokalen Kulturgrößen wie dem Stellwerk und Marias Ballroom – wurde die Bühne als „atmender Raum“ für die Stadtgesellschaft zurückerobert.

Das Programm: Mitmachen, Entdecken, Erleben

Das Festival 2026 setzt verstärkt auf Partizipation. Der Auftakt am Dienstag, den 21. Juli, steht ganz im Zeichen von „Theater & Comedy im Park“, moderiert von Jan Schröder. Bereits ab 15 Uhr sorgt die interaktive Show „Stiefel auf der Suche nach den Zirkusfarben“ für leuchtende Kinderaugen. Wer es etwas wilder mag, sollte sich die Punks von 3 Ananas und ne Mango (23.7., 17.30 Uhr) nicht entgehen lassen.

Die zweite Wochenhälfte wird musikalisch und aktiv: Am Freitag, den 24.07. um 16.15 Uhr, und Samstag, 25. Juli, 17.30 Uhr, bietet der Autor Günter Wincierz einen Geschichtsrundgang zu „100 Jahre Stadtpark“ an. Wer den Park lieber spielerisch erkundet, kann am Sonntag, 26. Juli zwischen 11 und 15 Uhr an der neuen Natur-Rallye des NABU teilnehmen. Für Freunde handgemachter Live-Musik ist der Freitag, der 24. Juli mit Lotto King Karl & die Barmbek Dreamboys um 20 Uhr ein Pflichttermin. Ebenso am Samstag, den 25. Juli, sind ab 19.30 Uhr The Volcanoes mit Soul-Musik sehr zu empfehlen. Den krönenden Abschluss bildet an dem Abend das „Glitter Gewitter“ (21.30 Uhr), das den Park in eine Tanzfläche verwandelt.

Um Kultur für alle zugänglich zu machen, setzt das Festival auch 2026 auf das bewährte „pay what you want“-Preismodell. Es basiert auf der Solidarität der Besucher*innen und ermöglicht so eine inklusive Teilhabe. Da das vollständige Angebot von Yoga-Kursen bis zu Malaktionen mit Stadtmaler Ralf Schwinge den Rahmen sprengt, lohnt sich ein Blick in den detaillierten Zeitplan: sommer-im-park-harburg.de

Ob man gezielt für ein Konzert kommt oder spontan bei den täglichen Angeboten wie Yoga (täglich ab 13 Uhr) vorbeischaut: Der Harburger Stadtpark ist in dieser Woche der Ort, an dem man sein muss.


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