Wissen – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 30 Apr 2026 09:49:18 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 Träume aus und in Beton https://www.tiefgang.net/traeume-aus-und-in-beton/ Thu, 30 Apr 2026 09:49:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13751 [...]]]> Endlich geht es los! Am 4. Mai verwandelt sich unsere Stadt wieder in ein riesiges Labor für Ideen, Träume und Beton. Auf Kampnagel fällt der Startschuss für den 11. Hamburger Architektur Sommer, und eines ist jetzt schon klar: Langweilig wird es nicht.

In den nächsten drei Monaten erwarten uns rund 300 Veranstaltungen an etwa 200 Orten. Von der HafenCity bis nach Harburg, von Ausstellungen bis zu tanzenden Paraden – die ganze Stadt wird zur Bühne für Baukultur.

Was diesen Sommer so besonders macht? Er ist für alle da. Christoph Winkler vom Vorstand des Architektur Sommers betont, dass das Festival als bewusst nicht kuratierte Plattform eine demokratische Annäherung ermöglicht. Hier bestimmen die Akteur*innen selbst, was wichtig ist. Es ist ein offener Diskursraum, der die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt. Oder wie Senatorin Karen Pein es formuliert: Das Festival trägt dazu bei, Architektur und Stadtentwicklung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Heilen statt Abreißen

Ein zentraler Schwerpunkt des diesjährigen Programms liegt auf der „Transformation und dem Erhalt von Bestandsimmobilien“. Die beteiligten Planer*innen und Architekt*innen thematisieren dabei die Notwendigkeit, das Bauen im Bestand als ökologische und soziale Aufgabe zu begreifen. Die Ausstellung „Nichts Neues – Besser Bauen mit Bestand“ im Urbaneo illustriert diesen Ansatz durch die Präsentation von Methoden des zirkulären Bauens. Als konkrete Beispiele für eine gelungene Transformation führt das Programm Projekte wie das Gängeviertel oder den Gröninger Hof an. Ziel der Fachleute ist es aufzuzeigen, wie durch den Erhalt der baulichen Substanz auch die Identität städtischer Quartiere gesichert werden kann.

Die Stadt von morgen gehört den Jungen

Die Einbindung der nachfolgenden Generationen stellt einen weiteren Schwerpunkt dar. Unter dem Titel „Junger Hamburger Architektur Sommer“ werden etwa 30 Programmpunkte angeboten, die speziell auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind. Zentraler Anlaufpunkt für dieses Segment ist das Mitmach-Architekturzentrum Urbaneo am Strandkai. Das Ziel besteht darin, jungen Planer*innen baukulturelle Zusammenhänge spielerisch zu vermitteln und sie zur Entwicklung eigener städtebaulicher Visionen anzuregen. Damit soll die Grundlage für eine aktive Teilhabe an künftigen Gestaltungsprozessen der Stadt gelegt werden.

Leben am und auf dem Wasser

Die Auseinandersetzung mit den Wasserflächen als Bestandteil der Hamburger Stadtentwicklung bildet ein weiteres zentrales Motiv. Die Planer*innen richten ihren Blick dabei auf die Wechselwirkungen zwischen der bebauten Stadt und den angrenzenden Gewässern. Ein programmatischer Höhepunkt ist die für September angekündigte internationale Konferenz „WATER_CITY“. Im Rahmen dieser Fachveranstaltung setzen sich Expertinnen mit städtebaulichen Visionen sowie der künftigen Nutzung der Hamburger Wasserlagen auseinander.

Bereits im Vorfeld bietet das Programm Formate an, um die Stadt gezielt vom Wasser aus zu erfahren. Unter dem Titel „Rauf aufs Wasser!“ werden verschiedene Aktionen und Exkursionen zusammengefasst, die neue Perspektiven auf die urbanen Wasserflächen eröffnen sollen. Im Fokus stehen dabei neben ästhetischen Fragestellungen auch ökologische Aspekte und die soziale Zugänglichkeit der städtischen Uferzonen.

Rahmenbedingungen und Umfang des Festivals

Der 11. Hamburger Architektur Sommer beginnt am 4. Mai mit einer Eröffnungsveranstaltung auf Kampnagel. Über einen Zeitraum von drei Monaten finden im gesamten Stadtgebiet rund 300 Veranstaltungen an etwa 200 unterschiedlichen Orten statt. Die Geografie der Events erstreckt sich dabei von der HafenCity bis nach Harburg. Christoph Winkler, Vorstandsmitglied des Architektur Sommers, charakterisiert das Format als eine bewusst nicht kuratierte Plattform. Dieser Aufbau ermöglicht es den teilnehmenden Akteur*innen, ihre Themen eigenständig zu setzen und so die baukulturelle Vielfalt der Stadt abzubilden.

Senatorin Karen Pein unterstreicht die Funktion des Festivals als Brücke zwischen Fachwelt und Öffentlichkeit. Das Programm soll dazu dienen, komplexe Themen der Stadtentwicklung für eine breite Bevölkerungsschicht zugänglich und diskutierbar zu machen.

Service und Information:

Zentraler Anlaufpunkt für Besucher*innen ist der Info Pavillon am Strandkai, der vom Kollektiv Studio Frugal Bauen entworfen wurde. Es handelt sich um eine nachhaltige Holzkonstruktion, deren Fassade mit Birkenrinde verkleidet ist. Der Pavillon ist während der dreimonatigen Laufzeit täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Dort ist auch das vollständige Programmheft erhältlich, das zudem online über die offizielle Webseite des Architektur Sommers eingesehen werden kann: https://www.architektursommer.de/.



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Ein Date mit dem Nachtwächter https://www.tiefgang.net/ein-date-mit-dem-nachtwaechter/ Mon, 27 Apr 2026 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13717 [...]]]> Wenn die Sonne langsam hinter den Giebeln der historischen Altstadt versinkt und die Schatten in den Gassen von Buxtehude länger werden, beginnt eine ganz besondere Zeit.

Während die meisten Menschen den Feierabend einläuten, rüstet sich im Buxtehude Museum eine Gruppe von Expert*innen für ihren Einsatz. Es ist die Zeit der Stadtführer*innen, die uns zeigen, dass die Hansestadt weit mehr zu bieten hat als die berühmte Sage von Hase und Igel.

Eines der absoluten Highlights im aktuellen Programm sind die Nachtwächter-Führungen. Wer hat sich nicht schon einmal gefragt, wie es sich anfühlte, als die Stadtmauern noch Schutz und Gefängnis zugleich waren? Wenn der Nachtwächter in seiner traditionellen Tracht, mit Hellebarde und Laterne bewaffnet, durch die Flethe zieht, erwacht das Mittelalter zum Leben.

Es sind diese Momente, in denen die Geschichte greifbar wird – weg von staubigen Jahreszahlen, hin zu echten Schicksalen, dunklen Legenden und den kleinen Anekdoten, die man in keinem Schulbuch findet. Die Teilnehmer*innen werden Teil einer Inszenierung, die Buxtehude in ein völlig neues Licht rückt.

Doch auch für die Tageslicht-Begeisterten gibt es reichlich Futter. Die klassischen Stadtführungen nehmen uns mit auf eine Reise durch die glanzvolle Hansezeit. Man flaniert entlang des Viver, entdeckt versteckte Hinterhöfe und erfährt, warum die Architektur der Stadt so eng mit dem Wasser verwoben ist. Das Schöne daran: Die Führung richtet sich nicht nur an Tourist*innen. Auch eingefleischte Buxtehuder*innen werden überrascht sein, welche Geheimnisse sich hinter Fassaden verbergen, an denen man täglich achtlos vorbeiläuft.

Damit man seinen Ausflug in die Geschichte planen kann, kommen hier die harten Fakten. Das Team des Buxtehude Museums hat die Organisation gewohnt professionell im Griff:

  • Termine & Start: Die Führungen finden regelmäßig statt (meist an den Wochenenden). Der zentrale Treffpunkt ist in der Regel direkt vor dem Buxtehude Museum (St.-Petri-Platz 9). Alle Themen und Temrine hier: www.buxtehude.de/stadtfuehrung
  • Kosten:
    • Klassische Stadtführung: 7,00 Euro pro Person.
    • Nachtwächter-Führung: 9,00 Euro pro Person.
    • Kinder bis 14 Jahre zahlen oft einen ermäßigten Preis oder sind in Begleitung sogar kostenfrei dabei (kurze Rückfrage lohnt sich!).
  • Anmeldung: Ganz wichtig – eine vorherige Anmeldung ist aufgrund der begrenzten Teilnehmer*innenzahl erforderlich. Das geht ganz unkompliziert per E-Mail an buchung@buxtehudemuseum.de oder telefonisch unter 04161 50797-0.

Wer also Lust auf einen Perspektivwechsel hat und Buxtehude einmal mit den Augen derer sehen will, die die Stadt seit Jahrhunderten „bewachen“, sollte sich diesen Frühling einen Platz sichern. Es lohnt sich!

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Hamburgs steinernes Gedächtnis https://www.tiefgang.net/hamburgs-steinernes-gedaechtnis/ Sun, 05 Apr 2026 22:05:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13579 [...]]]> Wer durch Hamburg spaziert, sieht oft nur Fassaden, Fenster und Dächer. Doch für den Denkmalverein Hamburg sind diese Mauern lebendige Erzählungen.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur Steine zu bewahren, sondern die Geschichten und die Identität unserer Stadt zu schützen. In einer Zeit, in der Abrissbirnen oft schneller schwingen als der Denkmalschutz greifen kann, fungiert der Verein als wachsame Stimme und leidenschaftlicher Fürsprecher für das baukulturelle Erbe. Das Ziel ist klar: Hamburg soll seine Geschichte nicht unter Glasvitrinen verstecken, sondern sie als aktiven Teil der modernen Stadtentwicklung begreifen.

Denkmalschutz als Mitmach-Projekt

Das aktuelle Programm des Vereins zeigt eindrucksvoll, dass Denkmalschutz alles andere als staubig ist. Er ist eine Einladung zum Entdecken, Mitdiskutieren und sogar zum Mitradeln. Besonders im Rahmen des 11. Hamburger Architektur Sommers entfaltet der Verein ein Programm, das die Vielfalt der Hamburger Baukultur feiert – von der düsteren Geschichte ehemaliger Gefängnisse bis hin zum greifbaren Stolz auf unsere wissenschaftlichen Kathedralen.

Ein Highlight im Kalender ist die Auseinandersetzung mit der Hamburger Sternwarte in Bergedorf. Hier stellt sich die spannende Frage: Ist dieses Observatorium von 1912 eigentlich reif für das Weltkulturerbe? Es geht dabei nicht nur um Teleskope, sondern um die Frage, wie wir mit Orten umgehen, die seit über einem Jahrhundert unseren Blick in die Unendlichkeit prägen.

Zwischen Mahnung und Moderne

Dass Denkmalschutz auch harte gesellschaftliche Arbeit bedeutet, zeigt die Vorstellung des Bauhefts 50 über das Hüttengefängnis. Hier wird Architektur zum Mahnmal für die Brüche der NS-Zeit. Der Verein scheut sich nicht davor, auch die unbequemen Orte der Stadt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Gleichzeitig blickt er mutig nach vorn: Das Projekt Photovoltaik für die ehemalige Viktoria-Kaserne beweist, dass historische Bausubstanz und modernster Klimaschutz kein Widerspruch sein müssen. Es ist genau diese Neugier und Begeisterungsfähigkeit, die den Verein auszeichnet: Er bewahrt das Alte, um das Neue besser zu machen.

Für alle, die Denkmalschutz lieber in Bewegung erleben, bietet die DenkMalNacht-RadTour die perfekte Gelegenheit. Auf dem Sattel geht es zu kreativen Freiräumen wie dem Gängeviertel – Orte, die ohne den Einsatz engagierter Bürger*innen längst verschwunden wären. Und wenn es brenzlig wird, wie beim geplanten Abriss der Wohnhäuser an der Alster 65-67, wird der Verein politisch und unterstützt Petitionen, um bezahlbaren Wohnraum und historische Substanz gleichermaßen zu retten.

Der Denkmalverein Hamburg ist somit weit mehr als ein Zusammenschluss von Expert*innen. Er ist ein Netzwerk für alle, die Hamburg lieben und die Stadt als ein gewachsenes Kunstwerk verstehen, das wir für die kommenden Generationen behutsam weiterbauen müssen.

Termine und Hintergründe

  • Buchvorstellung & Vortrag: Bauheft 50 „Hüttengefängnis“; Donnerstag, 23. April 2026, 18 Uhr | Teehaus Große Wallanlagen: Herbert Diercks spricht über Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte des ehemaligen Polizeigefängnisses.Anmeldung: Über die Website des Vereins erforderlich.
  • Führung: Hamburger Sternwarte – Weltkulturerbe?; Donnerstag, 23. April 2026, 18.30 Uhr | Sternwarte Bergedorf: Astrophysiker Prof. Dr. Liske führt über das Gelände und diskutiert das Potenzial zum Weltkulturerbe.Anmeldung: Per E-Mail an peter.keller@kiwanis-hh.de.
  • DenkMalNacht-RadTour; Samstag, 2. Mai 2026, 18 bis 21.30 Uhr: Radtour zu Räumen für Kreative (u.a. Gängeviertel) mit Infos per Telefonkonferenz (Smartphone & Kopfhörer nötig).Anmeldung: Bis 25. April unter denkmalnacht@baukunstbildung.de.
  • Tempelruine Poolstraße: Ausstellung & Führungen | Mai bis Juli 2026 (Vernissage am 27. April um 18.30 Uhr)Inhalt: Freilichtausstellung jeden Mittwoch (17-19 Uhr); geführte Begehungen am 18. Mai, 15. Juni und 20. Juli. Anmeldung: Für Begehungen unter tempel-poolstrasse@steg-hamburg.de.
  • Vernissage: Hamburger Flachbauten | Donnerstag, 7. Mai 2026, 19 Uhr |FREELENS Galerie, Alter Steinweg 15: Künstlerische Fotografien von Peter Bruns und Claas Möller über die oft unterschätzten eingeschossigen Bauten der Stadt.
  • Engagement & Info :Petition gegen Alster-Abriss: Infos unter nein-zum-alster-abriss.de. Audio-Vortrag „Retro“: Der spannende Vortrag von Valentin Groebner steht als Mitschnitt auf der Website des Vereins bereit.
  • Weitere Infos und Mitgliedschaft: denkmalverein.de

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Die ‚Weltmeisterschaft der Computermusik‘ https://www.tiefgang.net/die-weltmeisterschaft-der-computermusik/ Sat, 04 Apr 2026 22:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13565 [...]]]> Im Mai kann man erleben, wie Algorithmen tanzen lernen und der Hamburger Süden zum globalen Epizentrum einer Kunstform wird, die Mensch und Maschine auf faszinierende Weise vereint.

Wenn im kommenden Monat internationale Koryphäen der Computermusik von Boston und Shanghai nach Harburg pilgern, verwandelt sich der Binnenhafen in ein digitales Labor. Denn die ICMC (International Computer Music Conference) ist die weltweit bedeutendste Konferenz für Computermusik, findet seit über 50 Jahren statt und kommt dieses Jahr in den Süden Hamburgs.

Wer in diesen Tagen über die Brücken des Harburger Binnenhafens spaziert, spürt schon eine eigentümliche Elektrizität in der Luft. Dort, wo normalerweise rauer Industrie-Charme auf hanseatische Gelassenheit trifft, landet im Mai 2026 ein internationales Schwergewicht. Die ICMC, das weltweit bedeutendste Treffen für die Schnittstelle von Klang und Code, schlägt ihre Zelte südlich der Elbe auf.

Man muss sich das Ausmaß kurz vor Augen führen: In den vergangenen Jahrzehnten residierte diese Konferenz – die man getrost als „Weltmeisterschaft der Computermusik“ bezeichnen kann – in Metropolen wie Boston, Shanghai, Berlin oder Daegu. Dass sie nun in Harburg Station macht, gleicht der Landung eines hochmodernen UFOs inmitten historischer Backsteinspeicher. Plötzlich mischen sich unter die Pendler*innen am Bahnhof internationale Gäste aus aller Welt: Koryphäen der algorithmischen Komposition und Wissenschaftler*innen, die über die Zukunft der künstlichen Intelligenz in der Kunst debattieren.

„Harburg wird im kommenden Mai zu einem internationalen Hub für Musiker*innen, Wissenschaftler*innen und Interessierte“, heißt es in der Mitteilung der Organisator*innen – und wer dann erste Klanginstallationen schon zwischen den Gleisen des Harburger Bahnhofs hört, wird ahnen, dass dies keine Übertreibung ist.

Was ist eigentlich Computermusik?

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem sperrigen Begriff? Wer bei Computermusik nur an stumpfe Techno-Beats oder piepsende Gameboys denkt, greift zu kurz. Die ICMC 2026 widmet sich der hohen Kunst der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Es geht um Musik, die ohne den digitalen Rechenprozess nicht denkbar wäre – aber dennoch tief emotionale und physische Erfahrungen ermöglicht.

Unter dem Motto „Innovation, Translation, Participation“ wird die Grenze zwischen Bühne und Publikum aufgelöst. Es geht um Instrumente, die allein durch Handbewegungen in der Luft klingen (wie das legendäre Theremin), um VR-Brillen, die uns in begehbare Klangwelten entführen, und um Algorithmen, die in Echtzeit auf die Impulse von Musiker*innen reagieren. Der künstlerische Leiter, Prof. Dr. Georg Hajdu, betont das Ziel dieser Reise: „Die ICMC soll nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sondern die große Öffentlichkeit in die neuesten Entwicklungen in der Computermusik einbeziehen.“ Es ist also auch ein Einladungsschreiben an alle Neugierigen, die wissen wollen, wie die Welt von morgen klingt, wenn wir den Computer als Partner im kreativen Prozess begreifen.

Das Labor am Kai: Das Ligeti Zentrum

Dass die Weltelite der Computermusik nun hier zusammenkommt, ist kein Zufall – und doch fühlt es sich wie ein glücklicher Geniestreich der Stadtplanung an. Der Dreh- und Angelpunkt ist das Ligeti Zentrum, ein interdisziplinäres Laboratorium, das erst vor wenigen Jahren im Veritasspeicher des Harburger Binnenhafens seine Zelte aufgeschlagen hat. In den obersten Etagen, mit bestem Blick über den Hafen bis hin zur Elbphilharmonie, wird hier seitdem an neuen Ideen gefeilt.

Der Namensgeber György Ligeti, einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und langjähriger Professor an der Hamburger Musikhochschule, war ein Visionär. Seine Musik – weltbekannt durch Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum – suchte stets nach dem technisch Machbaren. Dieser Geist lebt nun in Harburg weiter. Die Ansiedlung des Zentrums war ein strategischer Glücksfall: Es fungiert als Brücke zwischen der Technischen Universität Hamburg (TUHH) und der Hochschule für Musik und Theater (HfMT). Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Eppendorf  (UKE ) und der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) ist hier ein Kraftzentrum entstanden, das Technik nicht ohne Kunst denkt.

„Das Ligeti Zentrum ist ein Ort, an dem die Grenzen zwischen den Disziplinen schmelzen“, beschreibt das Team die Mission auf der Webseite.

Das Programm der Kontraste:

Den feierlichen Auftakt macht am So., 10. Mai 2026 um 19.30 Uhr die Elbphilharmonie (Platz der Deutschen Einheit 4). Im Kleinen Saal zeigt das renommierte Ensemble Resonanz, wie digitale Präzision auf die Wärme von Streichinstrumenten trifft. Das Programm reicht von Alexander Schuberts choreographierter Komposition Scanners bis hin zu Clarence Barlows Klassiker Im Januar am Nil.

Doch nach dem glitzernden Start wendet das digitale UFO über der Elbe und nimmt Kurs auf Harburg. Während die Fachwelt in der Friedrich-Ebert-Halle (Alter Postweg 34) und der TUHH tagt, wird die Hölertwiete (Fußgängerzone, 21073 Hamburg) zum lebendigen Festivalzentrum der Off-ICMC. Hier sickert die Musik förmlich in die Straßen ein.

Highlights zum Miterleben

Das Begleitprogramm macht die digitale Kunst nahbar. Hier eine Auswahl für den Terminkalender:

  • So., 10. bis 27. Mai, Kunstverein Harburger Bahnhof (Hannoversche Str. 85): Die Ausstellung Transition | Tension | Potential verwandelt den Übergang zwischen Gleis 3 und 4 in einen Kunstraum.
  • Di., 12. Mai, 19.30 Uhr, Kultur Palast Harburg (Rieckhoffstraße 12): Beim Science-Slam Strg+Alt+Musik präsentieren Forscher*innen ihre Arbeit kurzweilig und mit Tempo.
  • Mi., 13. Mai, 12 bis 14 Uhr: Ein spezieller Proben- und Konzertbesuch für Familien erlaubt exklusive Einblicke hinter die Kulissen.
  • Mi., 13. Mai, 19.30 Uhr, Stellwerk Hamburg (Hannoversche Straße 85): Der Kontrabassist Florentin Ginot zeigt seine audiovisuelle Performance Disturbance.
  • Do., 14. Mai, 16 Uhr, TUHH (Am Irrgarten 3-9): Robert Cole Rizzi lädt zum Klangspaziergang Die Kunst des Zuhörens ein.
  • Do., 14. Mai, 18 Uhr, Hölertwiete: Das Körperfunkkollektiv verwandelt die Fußgängerzone mit dem Radioballett Fragment in eine interaktive Tanzzone.
  • Do., 14. Mai, 19 Uhr, ehemaliges Karstadt-Gebäude (Herbert-und-Greta-Wehner-Platz): Internationale Kreative Film- & Medien-Highlights beleuchten die Leinwandkunst.
  • Fr., 15. Mai, 19.30 Uhr, Ligeti Zentrum (Veritakskai 1): Die experimentelle Lesung Harburg. Das Buch verwebt Texte von Bärbel Wegner mit Klängen von Clara Nebel.
  • Fr., 15. Mai, ab 18.30 Uhr, Soundbar (Hölertwiete): Drinks und Jam-Sessions unter dem Motto Sono, ergo sum.
  • Sa., 16. Mai, 22 Uhr, Stellwerk (im BHf. HH-Harburg, Hannoversche Str. 85): Die ICMC Closing Night lässt die internationale Woche mit elektronischen Live-Sets ausklingen.

Harburg wird im Mai mal wieder beweisen, dass es weit mehr ist als ein Industriestandort. Es ist der Ort, an dem die Zukunft der Musik programmiert wird. Wer neugierig ist, wie die Welt von morgen klingt, sollte den Sprung über die Elbe nun auch ins Digitale wagen.

Alle Informationen und das vollständige Programm finden Sie unter: icmc2026.ligeti-zentrum.de

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Baukultur als sanfte Medizin https://www.tiefgang.net/baukultur-als-sanfte-medizin/ Wed, 01 Apr 2026 22:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13573 [...]]]> Wenn Stadtplaner*innen heute von Baukultur sprechen, dann schwingt oft eine fast therapeutische Hoffnung mit. Lange Zeit wurde Architektur als eine Disziplin der Fassaden und der Effizienz begriffen – ein Wettrüsten der Glasfronten und eine Optimierung der Quadratmeterpreise. Doch in den Feuilletons des Jahres 2026 hat sich der Diskurs verschoben.

Healing Architecture: Die Vermessung des Wohlbefindens

Ein spannender Aspekt, der derzeit die Fachwelt elektrisiert, ist die Neuroarchitektur. Hier wird nicht länger geraten, ob ein Raum bedrückend wirkt; man misst es. Studien zur Healing Architecture, die aktuell durch Preise wie den Healing Architecture Award 2026 neue Aufmerksamkeit erhalten, zeigen deutlich: Die Art der Lichtführung, die Raumhöhe und sogar die Haptik von Materialien wie Holz oder Lehm können den Cortisolspiegel senken.

Wenn wir über Healing Architecture sprechen, verlassen wir das Feld der bloßen Dekoration und betreten das Labor der Psychologie. Es geht um die Erkenntnis, dass Gebäude nicht nur Schutzhüllen sind, sondern Wirkstoffe, die wie eine Medizin auf unser Nervensystem einwirken. Wer verstehen will, wie Räume den Blutdruck senken oder die Wundheilung beschleunigen können, findet heute eine fundierte wissenschaftliche Basis vor, die weit über subjektives Empfinden hinausgeht.

Der Urknall dieser Bewegung war die legendäre Studie von Roger Ulrich aus dem Jahr 1984. Er bewies statistisch, dass Patient*innen nach einer Gallenblasenoperation schneller gesundeten und weniger Schmerzmittel benötigten, wenn ihr Zimmer einen Ausblick auf Bäume statt auf eine triste Backsteinwand bot. Diese Erkenntnis legte den Grundstein für das Evidence-Based Design (EBD).

Wer heute tiefer graben möchte, sollte sich mit der Arbeit von Forscher*innen wie Prof. Dr. Tanja C. Vollmer und Prof. Dr. Christine Nickl-Weller an der TU Berlin beschäftigen. Ihre Konzepte zur Architekturpsychologie untersuchen, wie Stress im Krankenhaus durch räumliche Orientierung und atmosphärische Qualität minimiert werden kann.

Lektüre für Wissensdurstige

Für den Einstieg in die wissenschaftliche Begründung der Architekturpsychologie sind folgende Werke unverzichtbar. Sie verbinden architektonische Gestaltung mit medizinischer Evidenz.

  • Healing Architecture: Architektur | Herausgeber*innen: Christine Nickl-Weller und Hans Nickl Verlag: Braun Publishing ISBN: 978-3-03768-140-4

Dieses Buch gilt als eines der Standardwerke. Es analysiert, wie Krankenhäuser und Gesundheitsbauten durch Licht, Raum und Materialität den Heilungsprozess unterstützen können. Link zum Verlag: braun-publishing.ch

  • Architekturpsychologie: Eine Einführung | Autor*innen: Tanja C. Vollmer und Gemma Koppen Das Werk dieser Pionierinnen der Neuroarchitektur beschäftigt sich mit den „heilenden Sieben“ – also sieben Variablen wie Orientierung, Geruch oder Privatheit, die unsere Gesundheit im Raum beeinflussen. Tanja C. Vollmer publiziert regelmäßig über das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und die TU Berlin.
  • Publikationen der Initiative Zukunft Bau: Hier finden sich oft aktuelle Forschungsberichte zu innovativen Materialien und deren Wirkung auf das Raumklima.
  • Baukulturbericht der Bundesstiftung: Dieser liefert regelmäßig Analysen dazu, wie die Qualität unserer gebauten Umwelt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Gesundheit beeinflusst.

Termine 2026

Für das Jahr 2026 gibt es einige markante Fixpunkte, an denen Expert*innen und Interessierte zusammenkommen, um die Zukunft des gesundheitsfördernden Bauens zu diskutieren:

  • The Healing Arts – Forging Alliances of Arts & Medicine |18. bis 20. Juni 2026, Berlin (martas Gästehäuser am Hauptbahnhof)

Ein internationaler Kongress, der die Schnittstelle zwischen Architektur, Kunst und Medizin beleuchtet. Besonders spannend ist hier der Austausch zwischen Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen. Tickets: Healing Arts Congress Berlin

  • Biennale Arte 2026 (Venedig) | 9. Mai bis 22. November 2026, Venedig (Giardini und Arsenale)

Auch wenn 2026 ein Kunst-Jahr ist, verschwimmen die Grenzen zur Architektur zusehends. Viele Pavillons widmen sich dem Thema des menschlichen Wohlbefindens in einer krisengebeutelten Welt. Ein Besuch lohnt sich, um die atmosphärische Wirkung von Räumen in extremen Installationen zu studieren. Tickets: La Biennale di Venezia

  • Ausstellung zum DAM Preis 2026; Aktuell laufend (Frühjahr 2026) | Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main

Hier werden die besten Bauten des Jahres in Deutschland präsentiert. Ein Schwerpunkt liegt 2026 auf dem „pragmatischen Weiterbauen“ und Projekten mit sozialem Mehrwert, wie etwa dem prämierten Umbau des ehemaligen Güterbahnhofs in Berlin-Moabit. Das DAM bietet oft Wechselausstellungen an, die die soziale Verantwortung der Architektur beleuchten. Ein Blick in das aktuelle Programm lohnt sich immer, um die theoretische Debatte visuell aufbereitet zu sehen. Infos: dam-online.de

Video

Gute Baukultur ist also demnach kein Luxus für Ästhet*innen, sondern eine Form der präventiven Gesundheitsfürsorge. Wenn Architektur uns die Luft abschnürt, dann oft deshalb, weil sie die menschliche Evolution ignoriert. Monotone Betonwüsten ohne visuelle Reize lösen in unserem Gehirn Stresssignale aus. Im Gegensatz dazu fördern organische Formen und die Integration von Natur – oft unter dem Schlagwort Biophilic Design zusammengefasst – die Konzentration und die mentale Erholung.

Wenn Architektur atmen soll, dann ist Biophilic Design wie die Lunge des Gebäudes. Lange Zeit hielten wir es für ausreichend, eine Topfpflanze in die Ecke eines fensterlosen Konferenzraums zu stellen und das Ganze als naturnah zu deklarieren. Doch echtes biophiles Design geht tiefer. Es basiert auf der Hypothese des Biologen E.O. Wilson, dass der Mensch eine angeborene Sehnsucht nach der Verbindung mit der Natur hat. In einer Welt, in der wir 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen verbringen, wird die Architektur zum entscheidenden Faktor für unser biologisches Gleichgewicht.

Die drei Säulen der Naturverbundenheit

Es geht beim biophilen Gestalten nicht nur um das Sichtbare. Es ist eine multisensorische Strategie, die Planer*innen in drei Kategorien unterteilen:

  1. Natur im Raum: Hierbei geht es um den direkten Kontakt. Das sind das Tageslicht, die Brise am offenen Fenster, das Rauschen von Wasser oder die Präsenz von echten Pflanzen. Es geht um die Unvorhersehbarkeit der Natur – das Spiel von Schatten, die sich mit dem Sonnenstand bewegen.
  2. Natur-Analogien: Wenn echte Natur nicht möglich ist, helfen Stellvertreter. Wir sprechen von organischen Formen, Fraktalen (sich wiederholende Muster, wie man sie bei Farnen oder Eiskristallen findet) und natürlichen Materialien wie Holz, Stein oder Leder. Unser Gehirn erkennt diese Muster und reagiert mit Entspannung.
  3. Natur des Raumes: Das beschreibt die psychologische Dimension. Wir brauchen Orte des Rückzugs (die Höhle), aber auch Orte mit Weitblick (die Savanne). Ein gut gestaltetes Atrium gibt uns das Gefühl von Freiheit, während eine gemütliche Nische Sicherheit vermittelt.

Neue Aspekte: Fraktale und die Jagd nach dem Cortisol

Ein besonders spannender Forschungszweig untersucht derzeit die Wirkung von Fraktalen. Studien zeigen, dass das Betrachten von Mustern mit einer bestimmten mathematischen Komplexität (wie sie etwa in Baumkronen vorkommen) die Stressreaktion des Gehirns innerhalb von Sekunden um bis zu 60 Prozent senken kann. Architekt*innen nutzen dieses Wissen heute, um Fassaden oder Teppichmuster zu entwerfen, die das Auge nicht ermüden, sondern regenerieren.

Ein weiterer Trend ist das Circadiane Licht. Hierbei wird die künstliche Beleuchtung im Gebäude exakt an den Rhythmus der Sonne angepasst – von kühlem Blau am Morgen bis zu warmem Rot am Abend. Das stabilisiert unseren Hormonhaushalt und verhindert das typische Nachmittagstief in gläsernen Bürotürmen.

Lektüre rund ums Biophilic Design

Wer wissenschaftliche Hintergründe schwarz auf weiß nachlesen möchte, dem empfehle ich diese Standardwerke:

  • Biophilic Design: The Theory, Science and Practice of Bringing Buildings to Life | Autoren: Stephen R. Kellert, Judith Heerwagen, Martin Mador Verlag: Wiley ISBN: 978-0-470-16374-0

Dieses Buch ist die Bibel der Bewegung. Es verbindet theoretische Grundlagen mit Fallstudien und zeigt, wie Nachhaltigkeit und Wohlbefinden zusammenhängen. Link: wiley.com

  • Nature by Design: The Practice of Biophilic Design | Autor: Stephen R. Kellert Verlag: Yale University Press ISBN: 978-0-300-21453-6

Kellert beschreibt hier sehr anschaulich, wie die Prinzipien in der Praxis umgesetzt werden können, ohne dass ein Gebäude wie ein Dschungel aussehen muss. Link: yalebooks.yale.edu

Termine und Messen 2026

Wer biophiles Design und moderne Baukultur live erleben möchte, sollte sich diese Termine im Kalender markieren:

  • Light + Building 2026 | 8. bis 13. März 2026 | Messe Frankfurt

Hier liegt ein starker Fokus auf dem circadianen Licht und der intelligenten Vernetzung von Gebäudetechnik mit menschlichen Bedürfnissen. Ein Muss für alle, die Licht als Baustoff verstehen wollen. Tickets & Info: light-building.messefrankfurt.com

  • GreenTech Amsterdam 2026 | 9. bis 11. Juni 2026 | RAI Amsterdam

Eigentlich eine Messe für Gartenbautechnologie, wird sie für Architekt*innen immer relevanter, da hier die neuesten Systeme für vertikale Gärten und Urban Farming präsentiert werden – die Hardware für das biophile Bauen. Info: greentech.nl

  • IFLA World Congress 2026 (International Federation of Landscape Architects) |28. bis 30. Oktober 2026 | Hongkong

Der weltweit wichtigste Kongress für Landschaftsarchitekt*innen. Hier werden die Konzepte der „Schwammstadt“ und der Integration von großflächiger Natur in urbane Ensembles diskutiert. Info: iflaworld.com

Biophiles Design ist kein Trend für ein paar Jahre, sondern eine Rückbesinnung auf das, was uns als biologische Wesen ausmacht. Es ist der Versuch, die Stadt nicht gegen die Natur, sondern als Teil von ihr zu begreifen.

Umbaukultur: Reparieren statt Abreißen

Ein weiterer zentraler Punkt im aktuellen Diskurs ist die sogenannte Umbaukultur. Die Bundesstiftung Baukultur, die 2026 ihr 20-jähriges Bestehen feiert, betont immer wieder: Das nachhaltigste Gebäude ist das, das bereits steht. Der Fokus verschiebt sich weg von der gläsernen Luxus-Fassade in Berlin-Mitte hin zum respektvollen Umgang mit dem Bestand.

Dabei geht es um mehr als nur Ökologie. Es geht um Identität. Ein Viertel, das radikal entkernt und durch gesichtslose Neubauten ersetzt wird, verliert seine Geschichte – und die Bewohner*innen verlieren ihre Verankerung. Umbaukultur bedeutet, den Charme des Alten zu bewahren und ihn funktional in die Zukunft zu führen. Das schenkt den Menschen ein Gefühl von Kontinuität und Sicherheit, was in einer immer volatileren Welt ein wichtiges Gegengift zur kollektiven Erschöpfung darstellt.

Bestand ist das neue Gold

Umbaukultur ist also weit mehr als das Sanieren alter Mauern. Es ist die radikale Erkenntnis, dass die Zukunft unserer Städte bereits gebaut ist. Die Bundesstiftung Baukultur hat diesen Begriff geprägt, um den Fokus von der glitzernden Grundsteinlegung hin zur wertschätzenden Weiterentwicklung des Vorhandenen zu lenken.

Hinter dem Begriff der Umbaukultur steht die Forderung nach einem neuen Denken. Wir können es uns ökologisch und sozial nicht mehr leisten, Gebäude nach 40 Jahren abzureißen, nur weil sie funktional nicht mehr perfekt scheinen. Die Bundesstiftung Baukultur betont, dass in jedem Bestandsbau „graue Energie“ steckt – also die Energie, die bereits für Herstellung, Transport und Bau aufgewendet wurde. Wer umbaut, schützt das Klima und bewahrt gleichzeitig das Gesicht unserer Städte.

Für die Bundesstiftung Baukultur ist Umbaukultur ein politisches und kulturelles Projekt. Es geht darum, eine neue „Umbauästhetik“ zu entwickeln. Ein Gebäude muss nicht mehr nagelneu aussehen, um wertvoll zu sein. Brüche, Ergänzungen und das Sichtbarmachen verschiedener Zeitschichten werden zum Qualitätsmerkmal.

„Die Zukunft des Bauens liegt in einer neuen Umbaukultur. Wir müssen den Kreislauf von fortwährendem Abriss und Neubau unterbrechen.“ Diese Haltung bringt die Stiftung in die gläsernen Büros der Ministerien und auf die Marktplätze der Städte, um Prozesse zu vereinfachen – etwa durch die Forderung nach einer „Umbau-Odnung“, die das Bauen im Bestand rechtlich und finanziell attraktiver macht als den Neubau auf der grünen Wiese.

Lektüre zur Umbaukultur

Wenn Sie verstehen wollen, wie die Fachwelt den Umbau als neues Leitbild verankert, ist dieser Bericht die wichtigste Quelle:

  • Baukulturbericht 2022/23: „Neue Umbaukultur“ Herausgeber: Bundesstiftung Baukultur Umfang: Ca. 180 Seiten mit Analysen, Projekten und Handlungsempfehlungen. Link zum Download: bundesstiftung-baukultur.de/baukulturbericht-22-23 Dieser Bericht ist das Standardwerk, das den Begriff der Umbaukultur für Deutschland definiert hat.
  • hintergrund // februar 2026: Umbaukultur Herausgeber: Umweltbundesamt (UBA) Inhalt: Ein aktuelles Papier, das die ökologischen Argumente (Ressourcenschutz, Fläche) mit baukulturellen Aspekten verknüpft. Link: umweltbundesamt.de/publikationen/2026-02/UBA_Umbaukultur

Termine 2026: Baukultur vor Ort erleben

Das Jahr 2026 ist ein Schlüsseljahr für die Stiftung, da sie ihr 20-jähriges Bestehen feiert und den neuen Bericht vorstellt.

  • Konvent der Baukultur 2026 | 10. und 11. Juni 2026 |Kunst- und Kulturquartier Schiffbauergasse, Potsdam

Das zentrale Forum der Meinungsbildung in Deutschland. Hier wird der neue Baukulturbericht 2026/27 „Gestalten – Prozesse, Bauen, Gemeinwohl“ erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Es ist die beste Gelegenheit, mit 1.000 Bauschaffenden und Expert*innen zu diskutieren. Info & Anmeldung: bundesstiftung-baukultur.de/konvent-2026

  • Lange Tafeln der Baukultur 2026 |19. Juni 2026 | Bundesweit in vielen Städten (z. B. Hamburg am Schnelsener Deckel, Berlin am Spreeufer, Wiesbaden)

Ein partizipatives Format, bei dem Bürger*innen und Planer*innen an langen Tafeln im öffentlichen Raum zusammenkommen, um über ihre Stadt zu sprechen. Weitere Informationen: bundesstiftung-baukultur.de/lange-tafeln

  • Tag der Baukultur Brandenburg |30. Mai 2026 | Ganz Brandenburg

Ein dezentraler Aktionstag mit Führungen durch Umbauprojekte und offene Denkmale. Info: baukultur-brandenburg.de

Die Umbaukultur ist keine nostalgische Rückschau, sondern eine Einladung, unsere gebaute Umwelt als wertvolle Ressource für die Zukunft zu begreifen.

Soziale Teilhabe im Neuen Europäischen Bauhaus

Architektur darf aber auch nicht länger als exklusives Produkt für eine zahlungskräftige Elite verstanden werden. Initiativen wie das Neue Europäische Bauhaus (NEB) setzen 2026 daher verstärkt auf Partizipation. Das bedeutet: Die Menschen, die in den Quartieren leben, werden zu Mitgestalter*innen ihrer Umwelt.

  • Inklusion: Barrierefreie Räume sind nicht nur für Menschen mit körperlichen Einschränkungen wichtig, sondern schaffen eine offene Atmosphäre für alle Generationen.
  • Dritte Orte: Es braucht Räume zwischen Wohnung und Arbeit – Cafés, Bibliotheken oder begrünte Innenhöfe –, die keinen Konsumzwang haben und echte Begegnung ermöglichen.
  • Atmosphärische Dichte: Statt steriler Sauberkeit wird wieder mehr Wert auf eine lebendige, grüne Durchmischung gelegt, die das Mikroklima und die Stimmung verbessert.

Gute Baukultur ist letztlich das Versprechen, dass der Raum, den wir gemeinsam bewohnen, uns nicht klein macht, sondern uns Raum zur Entfaltung gibt. Es ist die Abkehr von der Architektur als reiner Investitionsmasse hin zur Architektur als Lebenselixier.

Termine und Fakten zur Baukultur 2026

  • 20 Jahre Bundesstiftung Baukultur: Im Laufe des Jahres 2026 finden bundesweit Jubiläumsveranstaltungen und Diskussionen zum neuen Baukulturbericht statt. Weitere Informationen:  www.bundesstiftung-baukultur.de/lange-tafeln
  • New European Bauhaus Festival: Vom 9. bis 13. Juni 2026 in Brüssel; Fokus auf demokratische Teilhabe und bezahlbaren, nachhaltigen Wohnraum.
  • Healing Architecture Award 2026: Auszeichnung für Projekte, die Gesundheit und Architektur wegweisend verknüpfen.
  • Mehr Infos: Aktuelle Debatten und Projekte finden sich auf den Portalen der Bundesstiftung Baukultur und bei Initiativen wie Baukultur NRW. www.bundestiftung-baukultur.de  

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Museale Inspiration und praktisches Tun https://www.tiefgang.net/museale-inspiration-und-praktisches-tun/ Wed, 25 Feb 2026 23:30:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13371 [...]]]> Manchmal braucht die Muse keinen Kuss, sondern einfach nur den richtigen Ort und ein wenig Handwerkszeug. Wer schon einmal durch die verwunschenen Gartenanlagen der Kunststätte Bossard in Jesteburg gewandelt ist, weiß: Dieser Ort ist ein Kunstwerk an sich.

Ab diesem Jahr wird dieser Atem kanalisiert. In einer neuen, engen Kooperation bündeln das Museum Kunststätte Bossard und die Kreisvolkshochschule Landkreis Harburg (KVHS) ihre Kompetenzen, um das lebenslange Lernen in der Region künstlerisch aufzuladen.

Es ist eine klassische Win-Win-Situation. Die KVHS bringt ihre Erfahrung in der Erwachsenenbildung und ein modernes, digitales Buchungssystem mit, während die Kunststätte Bossard die wohl inspirierendste Kulisse bietet, die man sich für einen Workshop vorstellen kann. „Zusammen mit dem Museum können wir unser Bildungsangebot regional und vielfältig gestalten,“ freut sich Gabriele Dilger, Fachbereichsleiterin bei der KVHS.

Das Besondere: Die Teilnehmenden sitzen nicht in sterilen Kursräumen. Sie haben freien Zugang zum Gesamtkunstwerk des Künstlerehepaares Bossard. Ob Malerei oder die filigrane Kunst des Buchbindens – die historischen Anknüpfungspunkte sind überall zu finden. Sophie Wellner, Referentin für Bildung und Vermittlung bei Bossard, betont den Mehrwert: Die Verbindung von musealer Inspiration und praktischem Tun erreicht ganz neue Zielgruppen.

Ein schöner Nebeneffekt der Zusammenarbeit ist die soziale Komponente. Durch die Bündelung der Ressourcen können die Kurse deutlich preiswerter angeboten werden als bisher. Kunst wird damit zugänglicher, die Schwellenangst sinkt. Die Anmeldung erfolgt unkompliziert über die Website der KVHS – ein Klick, und der Weg zum eigenen kreativen Projekt ist frei.

Ob für Anfänger*innen, die zum ersten Mal den Pinsel schwingen, oder Fortgeschrittene, die ihre Technik im Schatten expressionistischer Architektur verfeinern wollen: Die Kooperation macht deutlich, dass Bildung und Kultur in Harburg keine getrennten Silos sind, sondern ein lebendiger Organismus.

Wer selbst kreativ werden möchte, findet alle Termine und Details auf den Portalen der Partner. Es ist Zeit, die eigenen Talente aus dem Winterschlaf zu wecken.

Service-Informationen: Die Anmeldung für die Kreativ-Workshops ist ab sofort möglich. Detaillierte Kursbeschreibungen und Termine finden Interessierte auf den Websites www.bossard.de und www.kvhs-harburg.de.

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Geschichte, koloniales Erbe und Debatten https://www.tiefgang.net/geschichte-koloniales-erbe-und-debatten/ Mon, 23 Feb 2026 23:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13385 [...]]]> Freie Kulturvermittler*innen werden ab 1. März am Bismarck-Denkmal Rundgänge zur Kolonialgeschichte und Geschichte des Denkmals durchführen. Sie erweitern das Angebot zur Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialem Erbe.

Dort oben steht er, unübersehbar und tonnenschwer, und blickt über den Hafen, als gehörte ihm die Welt noch immer. Der eiserne Kanzler im Alten Elbpark ist weit mehr als nur ein monumentales Relikt aus Stein und Eisen; er ist ein steingewordenes Spannungsfeld, an dem sich die Geister der Stadt seit Jahrzehnten reiben. Lange Zeit wirkte der Riese wie im Tiefschlaf versunken, ein architektonischer Anachronismus, den man im Vorbeigehen kaum noch wahrnahm. Doch nun regt sich etwas rund um den Sockel. Hamburg beginnt, die Schatten seiner eigenen Geschichte nicht mehr nur zu ignorieren, sondern sie aktiv auszuleuchten.

Ab dem 1. März 2026 wird das Bismarck-Denkmal zum Schauplatz einer neuen Form der Auseinandersetzung. Neun freie Kulturvermittler*innen treten an, um das Schweigen des Monuments zu brechen. Es ist ein Projekt, das tief in das stadtweite Konzept „Hamburg dekolonisieren!“ eingebettet ist. Wer sich bisher fragte, ob wir die koloniale Dimension unserer Stadtgeschichte schlicht verschlafen haben, findet hier die Antwort in Form eines Erwachens. Kultursenator Carsten Brosda bringt es auf den Punkt: „Die Diskussionen sind nicht abgeschlossen, und das ist auch gut so. Es geht um den Dialog, nicht um das Schlusswort.“

Zwei neue Rundgänge, buchbar über den Museumsdienst Hamburg, bieten unterschiedliche Einstiege in dieses komplexe Erbe. Der Rundgang „Geschichte und Perspektiven“ widmet sich in 90 Minuten der Genese des Denkmals seit seiner Einweihung im Jahr 1906. Hier fließen kunsthistorische Expertise, gedenkstättenpädagogische Erfahrung zur NS-Zeit und restauratorisches Fachwissen zusammen. Es ist eine Einladung an alle Hamburger*innen und Besucher*innen, gemeinsam zu diskutieren, welche Rolle eine solche Statue in einer modernen, diversen Demokratie überhaupt noch spielen kann.

Wer tiefer in die dunklen Kapitel eintauchen möchte, sollte sich dem Rundgang „Koloniale Schatten – Das Bismarck-Denkmal im postkolonialen Blick“ anschließen. Hier wird Bismarck nicht nur als Reichsgründer, sondern als zentraler Akteur der deutschen Kolonialpolitik beleuchtet. Hamburgs Rolle als Kolonialmetropole, die Verflechtungen von Handel, Mission und nackter Gewalt werden hier ebenso thematisiert wie der antikoloniale Widerstand. Es ist ein Blick, der wehtut, weil er die Privilegien und Grausamkeiten der Vergangenheit direkt mit den Rassismusdebatten der Gegenwart verknüpft.

Interessanterweise bleibt das Innere des Denkmals – der im Zweiten Weltkrieg zum Luftschutzbunker umgebaute Sockel – vorerst verschlossen. Sicherheitsprüfungen und die Suche nach einem verantwortungsvollen Umgang mit der dort sichtbaren nationalsozialistischen Symbolik verhindern den Zutritt. Doch gerade dieses Vorenthalten unterstreicht die Schwere der Aufgabe: Geschichte lässt sich nicht einfach konsumieren; sie verlangt nach einem tragfähigen Konzept, bevor man ihre tiefsten Kammern öffnet.

Schon jetzt geben mehrsprachige Informationstafeln am Denkmal erste Hinweise auf die verschiedenen Deutungsschichten. Doch erst das Gespräch, der geführte Diskurs im Alten Elbpark, macht aus dem toten Stein einen lebendigen Lernort. Es ist eine Chance für uns alle, die Augen aufzumachen und sich auf die Socken zu machen – hin zu einem bewussteren Umgang mit dem, was uns geprägt hat. Wer teilnehmen möchte, kann sich ab sofort unter den Links des Museumsdienstes für die 90- oder 120-minütigen Touren anmelden: museumsdienst-hamburg.de.

Es wird Zeit, dass wir uns nicht mehr im Schatten des Riesen verstecken, sondern lernen, sein Erbe kritisch zu lesen.

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Kultur unter Kontrolle https://www.tiefgang.net/kultur-unter-kontrolle/ Tue, 03 Feb 2026 23:21:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13214 [...]]]> Hamburg im Januar 1933: Die Stadt bebt vor kultureller Energie. In den Kinos flimmern die neuesten Streifen, das Museum für Kunst und Gewerbe feiert die Moderne, und in den Tanzlokalen wird der Geist der Freiheit gelebt. Doch nur wenige Monate später senkt sich ein bleierner Vorhang über die Hansestadt. Wo eben noch Diskurs herrschte, regiert plötzlich das „Führerprinzip“.

Mit der neuen Wanderausstellung „Kultur unter Kontrolle“ in der Diele des Hamburger Rathauses stellt sich die Stadt ab dem 5. Februar einer schmerzhaften Frage: Wie konnte das bunte Kulturleben der Weimarer Republik so rasant und systematisch gleichgeschaltet werden?

Was diese Schau so besonders macht, ist ihr Ursprung. Zwei Jahre lang haben zehn Hamburger Kultureinrichtungen – darunter Schwergewichte wie die Staatsoper und die Hochschule für Bildende Künste – ihre Archive nicht nur geöffnet, sondern regelrecht seziert. Es ging nicht um eine abstrakte Geschichtsstunde, sondern um die eigene Institutionen-DNA.

Kultursenator Dr. Carsten Brosda findet deutliche Worte: Dass wir uns erst jetzt in dieser Tiefe mit der Verflechtung von Kultur, Politik und Verwaltung auseinandersetzen, zeigt, wie schwer der Weg der Aufarbeitung war. Die Ausstellung macht schmerzhaft sichtbar, dass Museen, Theater und Bücherhallen keine neutralen Inseln waren. Sie wurden zu Rädchen in der Propagandamaschinerie, wirkten bei Verfolgungsmaßnahmen mit und ersetzten künstlerische Freiheit durch plumpe Ideologie.

Biografien zwischen Anpassung und Auflehnung

Im Zentrum der Ausstellung stehen die Menschen. Kuratorin Gisela Ewe rückt die Biografien derer in den Fokus, die das System gnadenlos aussortierte. Künstler*innen, die gestern noch gefeiert wurden, fanden sich plötzlich in der Isolation, im Exil oder in den Konzentrationslagern wieder.

Doch die Schau blickt auch auf die Grautöne: Wer passte sich an, um zu überleben? Wer wurde zum Täter am Schreibtisch der Kulturverwaltung? Und wo gab es ihn doch, den verdeckten Widerstand, das stille Dagegenhalten in einer Zeit, in der „Freiheit“ ein lebensgefährliches Wort war?

Die Wahl des Ortes ist im Grunde gut gewählt. In der Diele des Rathauses, dem demokratischen Zentrum der Stadt, wird die Pervertierung der Verwaltung durch die Nationalsozialisten dokumentiert. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit betont zu Recht: Wer die Freiheit der Kunst infrage stellt, richtet sich immer gegen das Volk.

Die Ausstellung ist Teil des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus rund um den 27. Januar. Sie ist ein Weckruf in einer Zeit, in der demokratische Werte wieder weltweit unter Druck geraten. Sie zeigt uns: Vielfalt und Freiheit in der Kunst sind kein Naturgesetz – sie müssen jeden Tag aufs Neue verteidigt werden.

Der Besuch im Rathaus

Die Wanderausstellung „Kultur unter Kontrolle“ ist vom 5. Februar bis zum 10. März 2026 in der Rathausdiele am Rathausmarkt 1 zu sehen. Die feierliche Eröffnung findet am 5. Februar um 19 Uhr im Festsaal statt, wofür eine Anmeldung erbeten wird. Wer die Schau auf eigene Faust erkunden möchte, hat dazu wochentags von 7 bis 19 Uhr sowie an den Wochenenden (Samstag 10–18 Uhr, Sonntag 10–17 Uhr) bei freiem Eintritt Gelegenheit. Tiefergehende Informationen zum Begleitprogramm und zur Forschung finden sich online unter www.gedenkstaetten-hamburg.de.

Ein Besuch lohnt sich. Es ist eine Begegnung mit Hamburgs dunkelster Stunde, die uns viel über unser Heute zu sagen hat.

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Das war´s! Oder? https://www.tiefgang.net/das-wars-oder/ Sun, 01 Feb 2026 23:56:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13197 [...]]]> Das Bulletin of the Atomic Scientists mahnt in seiner aktuellen Pressemitteilung : „Es sind 85 Sekunden bis Mitternacht“. Das war`s also, oder geht doch noch was …?

Es ist diese fast schon gespenstische Beständigkeit, mit der das Bulletin of the Atomic Scientists seit 1947 den Takt unserer möglichen Vernichtung vorgibt. Gegründet von jenen Köpfen, die im Manhattan-Projekt das atomare Feuer entfachten und danach über ihr eigenes Werk erschraken – darunter Kaliber wie Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer –, ist das Bulletin weit mehr als ein bloßer Thinktank. Es ist das institutionalisierte schlechte Gewissen der Moderne. Die Wissenschaftler*innen rund um die heutige Präsidentin Alexandra Bell haben nun das getan, was sie seit Jahrzehnten als ihre Pflicht begreifen: Sie haben die Welt vermessen und festgestellt, dass wir so kurz vor dem Abgrund stehen wie nie zuvor. 85 Sekunden bis Mitternacht – eine Zeitspanne, in der man kaum einen Espresso trinkt, die aber nun über das Fortbestehen unserer Zivilisation entscheiden soll.

In ihrer aktuellen Pressemitteilung vom 27. Januar 2026 sprechen sie unumwunden von einem Führungsunfall. Es ist eine scharfe, fast schon verzweifelte Anklage gegen die globale politische Trägheit. Die Geschichte des Bulletins war immer eine der Mahnung, doch die aktuellen Bezüge, die in der Mitteilung angeführt werden, lesen sich wie ein Protokoll des multiplen Versagens. Da ist zum einen das nukleare Säbelrasseln, das an die dunkelsten Stunden des Kalten Krieges erinnert. Wenn am 5. Februar 2026 der New-START-Vertrag ausläuft, stehen die Großmächte ohne die letzten verbliebenen Leitplanken der Rüstungskontrolle da. Die Pressemitteilung zitiert hierzu besorgniserregende Entwicklungen: Die Arsenale in den USA, Russland und China werden modernisiert, statt abgebaut. Man befindet sich in einem rüstungspolitischen Blindflug, während Nordkorea und der Iran die Spannungen weiter verschärfen.

Doch das Bulletin blickt über die Raketensilos hinaus. Die Klimakrise wird als zweiter apokalyptischer Reiter benannt, dessen Hufeisen die Erde bereits tief zerfurchen. 38,1 Milliarden Tonnen CO2 – ein Rekordwert der Schande, der auch als Beleg für die mangelnde Umsetzung internationaler Abkommen dient. Dass die aktuelle US-Regierung der globalen Klimapolitik faktisch den Rücken gekehrt hat, markiert für die Forscher*innen einen fatalen Rückschritt, der die ohnehin knappe Zeit weiter verkürzt.

Besonders hellhörig macht eine neue Dimension der Bedrohung, die das Bulletin unter dem Begriff Informations-Armageddon zusammenfasst. Die Nobelpreisträgerin Maria Ressa wird in der Mitteilung eindringlich zitiert: Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz zersetze unsere gemeinsame Faktenbasis. Wenn Desinformation zur universellen Währung wird, verlieren wir die Fähigkeit, globale Probleme überhaupt noch gemeinsam zu adressieren. In einer Welt, in der die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge durch Algorithmen aufgelöst wird, erlahmt der Widerstand gegen existenzielle Gefahren. Sogar vor den Risiken der synthetischen Biologie wird gewarnt – die Rede ist von der Erschaffung von Spiegelleben, einer Technologie, die unsere biologische Sicherheit vor völlig neue, ungelöste Herausforderungen stellt.

Wozu also dieser martialische Akt des Zeigerrückens? Die Pressemitteilung ist kein Abgesang, sondern ein dringlicher Handlungsaufruf, der klare Adressaten hat: Die Staatschefs der drei großen Atommächte – die USA, China und Russland – werden direkt in die Pflicht genommen. Sie müssen an den Verhandlungstisch zurückkehren, um neue Rüstungsabkommen zu schmieden, bevor die letzte Sicherung durchbrennt. Die Handlungsempfehlungen sind so konkret wie radikal: Eine Renaissance der Diplomatie, eine Rückkehr zu wissenschaftsbasierten Entscheidungen in der Klimapolitik und die Schaffung globaler Leitplanken für die KI.

Die 85 Sekunden sind ein gellender Weckruf an uns alle, die Schläfrigkeit abzulegen. Die Wissenschaftler*innen des Bulletins erinnern uns daran, dass wir die Schöpfer*innen dieser Krisen sind und somit auch die Einzigen, die sie bändigen können. Es ist Zeit, die Bequemlichkeit der Ignoranz gegen eine neue Wachheit einzutauschen.

Wir haben vielleicht viel Zeit vertan, aber die letzte Minute gehört uns! Wenn wir uns endlich auf die Socken machen, statt im Angesicht der Katastrophe einfach weiterzuschlummern …

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„Die Gärten sind zu ordentlich“ https://www.tiefgang.net/die-gaerten-sind-zu-ordentlich/ Thu, 29 Jan 2026 23:34:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13179 [...]]]> Der Igel ist der Gewinner – zumindest, wenn man dem alten Märchen vom Wettlauf auf der Buxtehuder Heide glaubt.

Doch in der Realität sieht die Bilanz des sympathischen Stachelritters düster aus. Während er in der Fabel den Hasen mit List besiegt, verliert er im 21. Jahrhundert den Kampf gegen Mähroboter, Asphalt und den schwindenden Lebensraum.

Am 5. Februar bittet das Buxtehude Museum zu einem Abend, der aufrüttelt: Merwel Otto-Link von der Igelpflege Rotenburg/Wümme e.V. berichtet über das bedrohte Nachtleben der charmanten Insektenfresser.

Der europäische Braunbrustigel ist ein Überlebenskünstler. Er gehört zu den ältesten Säugetierfamilien überhaupt und hat schon die Dinosaurier kommen und gehen sehen. In der Antike schätzte man ihn als nützlichen Mitbewohner, der Haus und Hof von Mäusen befreite. Im Mittelalter hingegen war sein Ruf zwiespältig: Mal galt er als Unglücksbote, mal landete er gar als Delikatesse im Topf.

Heute ist der Igel zwar ein absoluter Sympathieträger, doch seine runden Knopfaugen und die Stupsnase täuschen nicht darüber hinweg, dass es ihm dreckig geht. Er steht kurz vor dem Einzug in die Rote Liste. Warum? Weil unsere Gärten zu „ordentlich“ geworden sind. Wo früher Totholzstapel und Laubhaufen Schutz boten, herrscht heute oft sterile Leere oder die tödliche Gefahr von Mährobotern und Freischneidern.

Mit Merwel Otto-Link kommt eine echte Expertin nach Buxtehude. Die gelernte Krankenschwester und Heimtierpflegerin hat sich seit 2013 der Rettung der Tiere verschrieben. Als Vorsitzende der Igelpflege Rotenburg und Vorstandsmitglied von „Pro Igel e.V.“ kennt sie die Blessuren, die der moderne Alltag den Tieren zufügt.

Ihr Vortrag ist kein trockener Biologieunterricht, sondern ein Blick in den „Maschinenraum“ der Igelrettung. Mit ihrem 30-köpfigen Team versorgt sie verletzte Tiere, pflegt sie gesund und wildert sie wieder aus. Doch sie betont: „Die Rettung einzelner Tiere fruchtet nur, wenn sich die Lebensbedingungen insgesamt verbessern.“

Der Vortrag findet im perfekten Rahmen statt: Das Buxtehude Museum zeigt aktuell die Sonderausstellung „Läuft…! Hase und Igel im Wandel der Zeit“. Wer den Vortrag besucht, kann bereits ab 18 Uhr exklusiv die Ausstellung erkunden und in die Kulturgeschichte des wohl berühmtesten Wettlaufs der Welt eintauchen.

Es ist die Chance, den Igel nicht nur als Märchenfigur, sondern als schützenswertes Juwel unserer Natur neu zu entdecken. Buxtehude macht den Februar zum „Igel-Monat“ – und das ist auch bitter nötig.

Do., 5. Feb., 19 Uhr (Ausstellung ab 18 Uhr offen) „Der Igel – gestern, heute …und auch noch morgen?“

Buxtehude Museum, St.-Petri-Platz 11, 21614 Buxtehude; 7,- Euro (inkl. Ausstellungsbesuch)

Anmeldung: buchung@buxtehudemuseum.de oder 04161 507 970

Extra-Tipp: Fokus-Führungen am 1.2. und 15.2. jeweils um 14 Uhr!

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