Initiative SuedKultur – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Fri, 17 Apr 2026 09:15:58 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Abflug verpasst auf dem „Planet Harburg“? https://www.tiefgang.net/abflug-verpasst-auf-dem-planet-harburg/ Fri, 17 Apr 2026 22:08:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13637 [...]]]> Meine Lieben, schnallt euch an!

Eure Clara Klatsch hat sich diese Woche mal wieder die Hacken abgelaufen, und zwar direkt am Harburger Ring. Ich sag es euch, wie es ist: Wer beim Friseur mal kurz wegdöst, verpasst weniger als im ehemaligen Karstadt-Haus in zwei Jahren passiert ist!

Habt ihr das mit der NASA letzte Woche mitbekommen? Einmal ruckzuck um den Mond geflogen, Daten gesammelt, zack, fertig. Wahnsinn, oder? Und bei uns? Wir haben hier auch so einen Himmelskörper, den „Planet Harburg“. Aber während die im All mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind, scheint unser Planet eher in einem schwarzen Loch aus Aktenordnern festzustecken.

Man nennt es jetzt „Planet“, aber die einzige Bewegung, die ich dort sehe, ist der Staub, der sich sanft auf die Rolltreppen legt. Da passt der Name ja eigentlich: Im Weltraum hört dich niemand schreien – und im alten Karstadt hört man höchstens das Echo der großen Versprechen von 2024.

Und dann erst dieses „Kino“ im Erdgeschoss. Meine Lieben, ich war ja da. Wer ein rotes Samtgestühl und Popcorn-Maschinen erwartet, sollte lieber direkt weiter nach Buxtehude oder in die City düsen. Das Ganze ist ja eher ein gemütlicher Vortragsabend mit bewegten Bildern. Aber wisst ihr, was der Gipfel ist? Selbst dieses kleine ambitionierte Projekt wurde hinterfragt!

Da sitzen schlaue Köpfe zusammen und grübeln, ob das baurechtlich überhaupt ein Kino sein darf oder ob die „baurechtliche Nutzung“ als Vortragsraum durch die Filme gefährdet ist. Ich sag euch: Wenn wir in Harburg so lange über die Definition von „bewegten Bildern“ diskutieren, sind die Bilder im Film schon längst verblasst, bevor der Projektor warm gelaufen ist!

Was mich aber wirklich vom Hocker gehauen hat: Sogar unser Hamburger Stadt-Wolf war schneller! Der wurde letzte Woche eingefangen, bekam einen schicken Sender verpasst und ist schon wieder ausgewildert. Der Wolf hat jetzt eine Perspektive und die Behörden wissen, wo er ist.

Hätten wir dem Karstadt-Gebäude mal einen Sender verpasst, dann wüssten wir vielleicht auch, wo die Reise hingeht. Stattdessen warten wir immer noch darauf, dass die ersten Bücherhallen-Regale einziehen oder die VHS-Kurse starten. In der Zeit, in der die Stadt über Brandschutz und Toilettenreinigung im ersten Stock philosophiert, hätte der Wolf wahrscheinlich schon dreimal das gesamte Erdgeschoss markiert.

Meine Lieben, wir brauchen keine weiteren „Forschungswerkstätten“, in denen wir unsere Träume auf Pappe kleben. Wir brauchen jemanden, der einfach mal den Schlüssel umdreht! Sonst bleibt unser Planet Harburg am Ende nur das, was er gerade ist: Ein grauer Riese im Tiefschlaf, während der Rest der Welt (und der Wolf) an uns vorbeizieht.

Bussi, eure Clara!

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Vögel auf dem Drahtseil https://www.tiefgang.net/voegel-auf-dem-drahtseil/ Tue, 14 Apr 2026 22:38:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13630 [...]]]> Es gibt Traditionen, die eine Stadt nicht nur schmücken, sondern sie im Kern definieren. In Buxtehude ist das die Kunstinsel.

Seit 2009 verwandelt sich der kleine Ponton auf der Este alljährlich in eine Bühne für die regionale Kunstszene. Initiiert wurde das Ganze einst von Jürgen K.F. Rohde, und seitdem hat sich die schwimmende Plattform zu einem echten Leuchtturm im öffentlichen Raum entwickelt. In diesem Jahr, zur 18. Ausgabe, kehrt ein alter Bekannter zurück: Folkert Bockentien bespielt die Insel zum dritten Mal und bringt eine Installation mit, die so leichtfüßig daherkommt, wie ihr Titel es verspricht, und doch eine enorme Tiefe in den Wellen verbirgt.

Der Titel der Installation, balance 3, birds in balance, weckt sofort Assoziationen. Wer denkt bei Vögeln auf einer Stange nicht unweigerlich an Leonard Cohens unsterbliche Zeile like a bird on a wire? Bockentien fängt genau dieses Gefühl ein: den Moment zwischen Innehalten und Abflug, zwischen absoluter Ruhe und plötzlicher Bewegung.

Das Spannende an seiner Arbeit ist ihre Reaktivität. Diese drei stilisierten Vögel aus gelbem und blauem Sperrholz sind keine statischen Monumente. Sie reagieren auf den Wind, der durch das Estetal zieht, und auf die Wellen, die gegen den Ponton schlagen. Es ist ein lebendiger Dialog mit der Natur. Was auf den ersten Blick wie eine spielerische Skulptur wirkt, ist eine technisch präzise ausbalancierte Konstruktion, bei der im Inneren Bleigewichte dafür sorgen, dass das fragile Gleichgewicht gewahrt bleibt – ein schönes Sinnbild für unsere eigene Suche nach Stabilität in bewegten Zeiten.

Die Farbwahl in Gelb und Blau ist ein kluger, vielschichtiger Schachzug. Natürlich sind es die Farben der Hansestadt Buxtehude, eine klare Liebeserklärung an die Heimat. Doch im Jahr 2026 schwingt in dieser Kombination unvermeidlich auch die Solidarität mit der Ukraine mit. Es ist bezeichnend für Bockentiens Prozess, dass er sich von der ursprünglichen Idee – dem Schwarz-Weiß-Blau der Elstern in seinem Garten – weg zum Leuchtenden, Signalhaften bewegt hat. Er möchte ein buntes Stückchen Buxtehude schaffen, das die Sinne anregt und den Blick weitet.

Doch hinter der ästhetischen Freude verbirgt sich eine ernste ökologische Reflexion. Der Titel spielt auf eine Balance an, die in der Realität längst verloren gegangen ist. Während die hölzernen Vögel auf der Este sanft im Wind schaukeln, schlägt der NABU Deutschland Alarm: Die Bestände der Feldvögel sind seit 1980 um bis zu 88 Prozent eingebrochen.

Bockentiens Werk wird so zu einem Mahnmal der Abwesenheit. Es macht auf das aufmerksam, was wir immer seltener hören und sehen. Die Kunstinsel wird zum Resonanzraum für ein Thema, das uns alle angeht. Es ist diese Mischung aus lokaler Verbundenheit, handwerklicher Präzision und globaler Relevanz, die die Kunstinsel Jahr für Jahr so unverzichtbar macht.

Bevor die Vögel ihre Balance auf dem Wasser finden, ist Muskelkraft gefragt. Wie in jedem Jahr wird die Insel mit tatkräftiger Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr zu Wasser gelassen – ein wunderbares Beispiel für das Ineinandergreifen von Kultur und bürgerschaftlichem Engagement in der Stadt. Wenn am 25. April die offizielle Eröffnung gefeiert wird, wird Buxtehude einmal mehr beweisen, dass Kunst nicht in geschlossene Räume gehört, sondern mitten ins Leben, dorthin, wo das Wasser fließt und der Wind weht.

Installation: Folkert Bockentien – balance 3, birds in balance

Eröffnung: Samstag, 25. April 2026, 13 Uhr

Auf der Este, Höhe Stadtpark / Zwischen den Brücken 8, 21614 Buxtehude

Die Installation wird für ein Jahr auf der Este und bei freiem Eintritt zu sehen sein.

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Eine Hommage an Heidi Meyer https://www.tiefgang.net/eine-hommage-an-heidi-meyer/ Mon, 13 Apr 2026 22:33:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13593 [...]]]> Die Buxtehuder Künstlerin Heidi Meyer verabschiedet sich mit einer beeindruckenden Werkschau vom Kunstbetrieb.

Wenn sich am Die., 28. April 2026 die Türen des Buxtehuder Marschtorzwingers für die Ausstellung Geschriebene Farben öffnen, schließt sich ein beeindruckender Lebenskreis. Für die in Hamburg geborene und heute in Buxtehude lebende Künstlerin Heidi Meyer ist diese Schau die letzte ihrer öffentlichen Karriere. Es ist ein Abschied voller Dankbarkeit, ein bewusster Rückzug aus dem Ausstellungsbetrieb, der jedoch keineswegs ein Verstummen bedeutet. Vielmehr ist es die Krönung eines Werkes, das die Grenzen zwischen Kontinenten, Techniken und philosophischen Ansätzen über Jahrzehnte hinweg aufgelöst hat.

Wer die großformatigen Arbeiten Heidi Meyers betrachtet, stößt auf eine faszinierende Verbindung aus fernöstlicher Zurückhaltung und westlicher Abstraktion. Die Technik, mit der sie Papier eigenhändig auf Holzrahmen aufzieht und bearbeitet, hütet sie wie ein kostbares Geheimnis. Dahinter steckt kein bloßer Schutz vor Nachahmung, sondern eine tiefgehende Überzeugung: Jede*r Künstler*in muss den eigenen Weg, die eigene Haptik und den eigenen Widerstand des Materials selbst erproben und finden. Es geht um die Freiheit des Experiments.

Diese Freiheit prägte auch ihre Zeit als Hochschuldozentin an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Das gemeinsame Erkunden, wie Wasser auf verschiedenen Papiersorten reagiert oder wie eine Linie im Raum atmet, war ihr wichtiger als starre Vorgaben. Ihr Werk fordert ein Nachspüren der Natur und das In-Verbindung-Setzen mit der Farbe, was ihr selbst, wie sie sagt, ein Gefühl des Seins gibt.

Zwischen Osaka, Paris und der Geest

Meyers Biografie liest sich wie eine Landkarte der Weltkunst. Lange Jahre lebte und arbeitete sie in Japan, einem Land, zu dem sie eine tiefe spirituelle und künstlerische Verbundenheit entwickelte. Ihr Stil der geschriebenen Malerei ist ohne die Einflüsse der japanischen Kalligrafie und Formensprache kaum denkbar. Dass der japanische Kaiser gleich dreimal die Schirmherrschaft für ihre Ausstellungen unter dem Titel Japan in Deutschland übernahm, unterstreicht die außergewöhnliche Relevanz ihres Schaffens im interkulturellen Dialog.

Ihre Werke hängen heute an Orten von globaler Strahlkraft: vom Rathaus in Osaka über das Goethe-Institut in Hanoi bis hin zu bedeutenden Sammlungen in Paris, Singapur und den USA. Auch nationale Institutionen wie die Staatsgalerie Stuttgart oder das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg führen ihre Arbeiten. Doch trotz dieser Weltläufigkeit blieb der Bezug zur norddeutschen Heimat stets lebendig. Nach Jahren im Ausland kehrte sie nach Buxtehude zurück, betrieb dort ihre Galerie Am Geesttor und bereicherte die regionale Kunstlandschaft nachhaltig.

Ein besonderes Juwel dieser letzten Ausstellung wird die Vorführung ihres 16-mm-Kurzfilms Es könnte Frühling werden, oder es wird sowieso Frühling oder nicht aus dem Jahr 1976 sein. Aufgenommen mit einer Bolex-Kamera, ungeschnitten und im radikalen Selbstversuch, zeigt der Film eine Künstlerin, die schon früh keine Angst vor dem Unvollkommenen und dem Prozesshaften hatte. Es ist ein Dokument des Mutes zum Sehen – ein Appell, den sie bis heute an ihre Betrachter*innen richtet: Statt Kunst vorschnell zu bewerten, solle man ihr offen begegnen und eigene Eindrücke wachsen lassen.

Die Laudatio zur Eröffnung wird Dr. Manfred Osten halten – ein Weggefährte, der sie bereits in Tokio und Paris begleitete und somit den Bogen von der Welt zurück in den Marschtorzwinger schlagen wird. Auch wenn sich Heidi Meyer nun zurückzieht, bleiben ihre Farben geschrieben – in den Sammlungen der Welt und in den Herzen derer, die ihren Ruf zum Mut zum Sehen gehört haben.

Heidi Meyer – Geschriebene Farben | 28. April bis 7. Juni 2026

Filmvorführung: Sonntag, 31. Mai 2026, 14:00 Uhr (16-mm-Kurzfilm von 1976)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15 –18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr

Marschtorzwinger, Liebfrauenkirchhof, 21614 Buxtehude | Eintritt: Frei

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Ein Künstlerdorf zum Hafenfest https://www.tiefgang.net/ein-kuenstlerdorf-zum-hafenfest/ Sun, 12 Apr 2026 22:45:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13610 [...]]]> Wenn im Juni das 24. Harburger Binnenhafenfest die Segel setzt, geht es längst nicht mehr nur um Schiffe und Schanty-Chöre. Inmitten von Fischbrötchenduft und Takelagengeschnack entsteht 2026 etwas völlig Neues: Ein begehbares Künstlerdorf.

Hinter der Vision des „PORT ART FESTIVAL“ stecken zwei Köpfe, die man im Hamburger Süden kennt wie bunte Hunde: Resi und Bernd Muss.

Resi, die mit ihrer „Resis Art“ normalerweise den Kulturkiosk an der Blohmstraße beim „Art Cornern“ in eine Freiluftgalerie verwandelt, und Bernd Muss, der Meister des maritimen Treibguts und der Street-Art, bündeln ihre Kräfte. Ihr Plan: Eine 100 Quadratmeter große Fläche direkt am Wasser wird zum Epizentrum der lokalen Kreativszene.

„Wir wollen Kunst sichtbar machen – und zwar dort, wo das Leben tobt“, so der Tenor der Initiator*innen. Statt weißer Galeriewände gibt es weiß gestaltete Bauzaunwände, statt steriler Stille herrscht Hafenatmosphäre. Bis zu 15 Kunstschaffende aus Harburg und dem Umland sollen hier ihr Zuhause auf Zeit finden.

Das Besondere an diesem „Künstlerdorf“ ist die Unmittelbarkeit. Wer hier ausstellt, muss auch da sein. Keine anonymen Schilder, sondern echte Gespräche zwischen Pavillons und Kuchengabeln. Besucher*innen werden mit einer Postkarte begrüßt, die wie ein kleiner Kompass durch die Vielfalt der Stile führt – und ein Kuchengutschein sorgt dafür, dass die Verweildauer (und die Gesprächsbereitschaft) steigt.

Es ist dieser typische Harburger Spirit: Man macht es einfach. Man vernetzt sich. Unterstützt durch den Sponsor Schüthe Druck & Verlag, verwandelt sich eine kahle Fläche in einen Ort der Begegnung. Port Art ist dabei mehr als eine einmalige Show; es ist der Versuch, die Erfahrungen des „Art Cornerns“ in den großen, öffentlichen Raum des Hafens zu tragen.

Aufruf an die Szene: „Wir suchen dich!

Noch ist das Dorf nicht voll besetzt. Bernd Muss und Resi rufen die lokale Kunstszene dazu auf, Teil dieser Premiere zu werden. Ob Malerei, Skulptur oder Street-Art – gesucht werden Künstler*innen, die Lust haben, ihren Elfenbeinturm gegen eine Meeresbrise einzutauschen.

Wer dabei sein will, sollte nicht lange fackeln: Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 30. April 2026. Es ist die Chance, Teil eines Formats zu werden, das Kunst nicht nur zeigt, sondern sie mitten in das Herz des Harburger Sommers pflanzt.

Der Ruf des Hafens – So seid ihr dabei:

  • PORT ART FESTIVAL im Rahmen des 24. Harburger Binnenhafenfests
  • 5. bis 7. Juni 2026
  • Bewerbung mit Foto der Arbeiten und kurzer Info an info@resis-art.de oder info@berndmuss.de
  • Deadline: 30. April 2026

Gehen wir cornern – diesmal im großen Stil am Kai!

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Crazy Creatures in City Galerie https://www.tiefgang.net/crazy-creatures-in-city-galerie/ Fri, 10 Apr 2026 22:14:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13621 [...]]]> Die KunstPassage im Durchgang der Harburger City Galerie hat seit Ostern einen Neuen Hingucker: Yvonne Lautenschläger stellt als nunmehr dirtte Künstlerin dort aus.

Wer sagt eigentlich, dass der Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen grau sein muss? In der Harburger City Galerie wird dieser Mythos gerade Stein für Stein – oder besser: Leinwand für Leinwand – abgebaut. Seit Ostern weht ein neuer, ziemlich verrückter Wind durch die KunstPassage. Yvonne Lautenschläger hat die Glasvitrinen im Durchgang zwischen Lüneburger Straße und Harburger Ring übernommen, und sie hat Gesellschaft mitgebracht: ihre „Crazy Creatures“.

Nach den abstrakten Köpfen von Frank Vaders und der tropischen Farbgewalt von Thomas Behrens schlägt die Kunstleihe Harburg nun das dritte Kapitel ihres einjährigen Projekts auf. Yvonne Lautenschlägers Ausstellung „Crazy Creatures & Patterns“ ist genau das, was der Name verspricht: eine Explosion aus Humor, leuchtenden Pigmenten und Formen, die sich nicht so recht entscheiden wollen, ob sie nun Abstraktion oder Fabelwesen sind.

Lautenschläger, die unter ihrem Künstlernamen „medea“ firmiert, kombiniert großformatige Acrylwerke mit einer fast schon plakativen Hintergrundgestaltung. Ihre Kreaturen blinzeln Passant*innen mit einem Augenzwinkern entgegen – mal verspielt, mal nachdenklich, aber immer mit einer Prise Ironie, die den Alltagstrott für einen Moment unterbricht.

Von der Wissenschaft zur wilden Leinwand

Besonders faszinierend ist die Frau hinter den Pinseln. Geboren 1964 in Bielefeld, führte ihr Weg erst über ein naturwissenschaftliches Studium und Jahre im Beruf, bevor sie sich traute, ihrem lebenslangen Traum Raum zu geben. Heute ist ihre Kunst international gefragt – von der Artfair Beijing bis hin zur Hamburger Bunkerhill Galerie.

Dass sie nun ausgerechnet in der Harburger Innenstadt ausstellt, ist ein Glücksfall für das Quartier. Unterstützt durch den Verfügungsfonds „Mitten in Harburg“, zeigt dieses Projekt einmal mehr, wie man ungenutzte Flächen im öffentlichen Raum mit Leben füllen kann. Die Kunst kommt hier nicht nur zu den Menschen, sie bleibt auch: Wer sich unsterblich in eines der Wesen verliebt, kann die Originalwerke sogar direkt über die Kunstleihe Harburg für das eigene Wohnzimmer entleihen.

Ein Farbtupfer bis zum Sommer

Die „Crazy Creatures“ bleiben uns bis Ende Juni 2026 erhalten. Es ist eine Einladung, den Blick vom Smartphone zu heben und sich von der Freude am Unerwarteten verzaubern zu lassen. Ein kleiner Urlaub für die Augen – mitten im Harburger Ring.

Ausstellung „Crazy Creatures & Patterns“: bis Ende Juni 2026 während der Öffnungszeiten der City Galerie frei zugänglich. Weitere Einblicke in das Schaffen der Künstlerin gibt es auf ihrer Website www.medeas.space. Informationen zum Ausleih-Service finden sich bei der Kunstleihe Harburg unter www.kunstleihe-harburg.de.

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Wolf auf Bewährung https://www.tiefgang.net/wolf-auf-bewaehrung/ Fri, 10 Apr 2026 22:01:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13607 [...]]]> Meine Lieben, schnallt euch an! Wer diese Woche in Harburg keine Meinung zum Wolf hat, der war vermutlich nicht vor der Tür!

Dass ein junges Männchen erst durch eine Altonaer Einkaufspassage spaziert , dort eine Frau verletzt und schließlich in der Binnenalster baden geht, war ja mittlerweile Stadtgespräch von Neugraben bis Kirchdorf. Aber während die City noch über Mahnwachen am Jungfernstieg diskutiert, wird es bei uns im Süden jetzt richtig konkret – und auch ein bisschen ungemütlich.

Die Umweltbehörde hat das Tier am Ostersonntag wieder ausgewildert. Und auch wenn offiziell geschwiegen wird, wo genau der Transporter hielt, pfeifen es die Spatzen in der Fischbeker Heide von den Dächern: Der Wolf ist zurück in unserer Nachbarschaft. Diesmal allerdings mit einem schicken neuen Accessoire: einem Sender-Halsband. Umweltsenatorin Katharina Fegebank nennt das eine „Auswilderung auf Bewährung“. Ich nenne es: ein Experiment am lebenden Objekt, direkt vor unserer Haustür.

Ich kann die Wut unserer Schafzüchter*innen mehr als verstehen. Da verletzt ein Wildtier mitten in der Stadt einen Menschen, und die Antwort ist ein High-Tech-Halsband und ein „Viel Glück“ in Richtung Süden. Das fühlt sich für viele hier wieder einmal so an, als würde Harburg als Vorgarten für Probleme genutzt, die man an der Alster lieber per GPS-Tracker aus der Ferne beobachtet.

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Diejenigen, die sich freuen, dass Isegrim eine zweite Chance bekommt und nicht zur Trophäe wurde. Es ist dieses typische Harburger Spannungsfeld: Wir lieben unsere wilde Natur, unsere Heide und das Ungezähmte. Aber wir sind auch Realist*innen genug um zu wissen, dass ein Wolf, der schon einmal gläserne Automatiktüren von innen gesehen hat, kein gewöhnlicher Waldläufer mehr ist.

Was machen wir also daraus? Wir bleiben so, wie wir sind: neugierig, aber wachsam. Wir wissen jetzt, dass die Jäger im Zweifel eingreifen können, wenn der Sender meldet, dass der Wolf unseren Siedlungen zu nahe kommt. Ob das reicht, um das Vertrauen der Tierhalter*innen zurückzugewinnen, wage ich zu bezweifeln. Aber eines ist sicher: Der Spaziergang durch die Heide hat diesen Frühling einen ganz neuen Nervenkitzel.

Mein Tipp für das kommende Wochenende: Genießt die Sonne, aber haltet die Augen offen. Wir teilen uns den Bezirk jetzt mit einem prominenten Rückkehrer. Hoffen wir, dass er die Lektion in der City gelernt hat und sich hier im Süden von seiner besten, also seiner unsichtbaren Seite zeigt.

Wir sehen uns draußen – mit gesundem Abstand und geschärften Sinnen!

Eure Clara

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Ein Fest der vollen Häuser https://www.tiefgang.net/ein-fest-der-vollen-haeuser/ Thu, 09 Apr 2026 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13602 [...]]]> Vier Wochen lang war der Hamburger Süden nicht wiederzuerkennen. Wo sonst der Alltag zwischen Pendelzügen und Hafenbecken taktet, regierten im März die Worte. Die 11. SuedLese ist Geschichte, aber der Nachhall dieses literarischen Marathons ist in Harburg, Wilhelmsburg und bis weit nach Buxtehude hinein noch deutlich zu spüren.

Unter dem passenden Motto Orte der Worte verwandelte sich die gesamte Region in eine einzige, pulsierende Bühne für alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt – und oft weit darüber hinausging.

Es war ein Fest der vollen Häuser. Dass die SuedLese längst eine feste Institution ist, zeigte der enorme Andrang. Ob bei den großen Namen wie Michel Abdollahi, der trotz terminlicher Verschiebung für ungebrochene Begeisterung sorgte, oder in der intimen Atmosphäre von Claus-Peter Rathjens plattdeutscher Wohnzimmerlesung: Die Neugier des Publikums war grenzenlos. Wer zu spät kam, stand oft vor verschlossenen Türen – ein schönes Luxusproblem für die lokale Kulturszene.

Besonders hängen geblieben ist die Energie der Debüts. In Buxtehude feierte die Ladies Crime Night Premiere und bewies, dass Krimis im Zehn-Minuten-Takt mit echtem Adrenalin funktionieren. Wenn der Schuss vom Band die Lesezeit gnadenlos beendete, blieb das Publikum mit Cliffhangern zurück, die förmlich nach dem Gang zum Büchertisch schrien. Es ist genau dieser Mix aus Unterhaltung und Anspruch, den die Organisator*innen um Heiko Langanke so meisterhaft kuratieren.

Doch die SuedLese scheute auch die harten, schmerzhaften Themen nicht. Dominik Bloh berichtete in einer fast greifbaren Intensität von seinen Jahren auf der Straße und seinem Weg zurück in die Sichtbarkeit. Rina Schmeller brach im Speicher am Kaufhauskanal mit ihrem Debüt Co das Schweigen über Co-Abhängigkeit, während Mia Raben am Moorburger Elbdeich die unsichtbaren Geschichten polnischer Pendel-Migrant*innen beleuchtete. Diese Stimmen gaben dem Festival eine politische Relevanz, die weit über rein literarische Zirkel hinausreicht.

In den Gesprächen mit den Künstler*innen wurde deutlich, wie sehr die Orte die Texte prägen. Jan Simowitsch entführte seine Zuhörer*innen im Amtshaus Moisburg bis auf die Färöer-Inseln und ließ sie an seinem radikalen Ausbruch teilhaben. Kea von Garnier nutzte die raue Atmosphäre des Stellwerks im Harburger Bahnhof, um über die Verletzlichkeit junger Männer und das Patriarchat zu sprechen. Es sind genau diese Begegnungen auf Augenhöhe, die das Festival so nahbar machen.

Zum Abschluss setzte die belarussische Philosophin Olga Shparaga im Kulturhaus Süderelbe einen wichtigen Akzent. Ihr Bericht über den Mut der Frauen in Belarus und die Kraft der zivilen Solidarität erinnerte daran, dass Kultur und Freiheit untrennbar miteinander verwoben sind.

Organisator Heiko Langanke blickt auf einen rasanten Lauf zurück, der trotz mancher Debatten im Vorfeld die demokratische Grundhaltung des Festivals unterstrich. Sein Beharren auf der Eigenverantwortung der Orte und dem Respekt vor der künstlerischen Freiheit ist das Rückgrat der SuedLese. Wenn am Ende die Wangen der Besucher*innen noch vibrieren, wie es Jan Simowitsch hoffte, dann hat dieses Festival alles richtig gemacht. Der Hamburger Süden hat bewiesen, dass er nicht nur arbeiten, sondern auch leidenschaftlich zuhören und streiten kann. Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Kapitel.

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Die ‚Weltmeisterschaft der Computermusik‘ https://www.tiefgang.net/die-weltmeisterschaft-der-computermusik/ Sat, 04 Apr 2026 22:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13565 [...]]]> Im Mai kann man erleben, wie Algorithmen tanzen lernen und der Hamburger Süden zum globalen Epizentrum einer Kunstform wird, die Mensch und Maschine auf faszinierende Weise vereint.

Wenn im kommenden Monat internationale Koryphäen der Computermusik von Boston und Shanghai nach Harburg pilgern, verwandelt sich der Binnenhafen in ein digitales Labor. Denn die ICMC (International Computer Music Conference) ist die weltweit bedeutendste Konferenz für Computermusik, findet seit über 50 Jahren statt und kommt dieses Jahr in den Süden Hamburgs.

Wer in diesen Tagen über die Brücken des Harburger Binnenhafens spaziert, spürt schon eine eigentümliche Elektrizität in der Luft. Dort, wo normalerweise rauer Industrie-Charme auf hanseatische Gelassenheit trifft, landet im Mai 2026 ein internationales Schwergewicht. Die ICMC, das weltweit bedeutendste Treffen für die Schnittstelle von Klang und Code, schlägt ihre Zelte südlich der Elbe auf.

Man muss sich das Ausmaß kurz vor Augen führen: In den vergangenen Jahrzehnten residierte diese Konferenz – die man getrost als „Weltmeisterschaft der Computermusik“ bezeichnen kann – in Metropolen wie Boston, Shanghai, Berlin oder Daegu. Dass sie nun in Harburg Station macht, gleicht der Landung eines hochmodernen UFOs inmitten historischer Backsteinspeicher. Plötzlich mischen sich unter die Pendler*innen am Bahnhof internationale Gäste aus aller Welt: Koryphäen der algorithmischen Komposition und Wissenschaftler*innen, die über die Zukunft der künstlichen Intelligenz in der Kunst debattieren.

„Harburg wird im kommenden Mai zu einem internationalen Hub für Musiker*innen, Wissenschaftler*innen und Interessierte“, heißt es in der Mitteilung der Organisator*innen – und wer dann erste Klanginstallationen schon zwischen den Gleisen des Harburger Bahnhofs hört, wird ahnen, dass dies keine Übertreibung ist.

Was ist eigentlich Computermusik?

Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem sperrigen Begriff? Wer bei Computermusik nur an stumpfe Techno-Beats oder piepsende Gameboys denkt, greift zu kurz. Die ICMC 2026 widmet sich der hohen Kunst der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Es geht um Musik, die ohne den digitalen Rechenprozess nicht denkbar wäre – aber dennoch tief emotionale und physische Erfahrungen ermöglicht.

Unter dem Motto „Innovation, Translation, Participation“ wird die Grenze zwischen Bühne und Publikum aufgelöst. Es geht um Instrumente, die allein durch Handbewegungen in der Luft klingen (wie das legendäre Theremin), um VR-Brillen, die uns in begehbare Klangwelten entführen, und um Algorithmen, die in Echtzeit auf die Impulse von Musiker*innen reagieren. Der künstlerische Leiter, Prof. Dr. Georg Hajdu, betont das Ziel dieser Reise: „Die ICMC soll nicht im Elfenbeinturm stattfinden, sondern die große Öffentlichkeit in die neuesten Entwicklungen in der Computermusik einbeziehen.“ Es ist also auch ein Einladungsschreiben an alle Neugierigen, die wissen wollen, wie die Welt von morgen klingt, wenn wir den Computer als Partner im kreativen Prozess begreifen.

Das Labor am Kai: Das Ligeti Zentrum

Dass die Weltelite der Computermusik nun hier zusammenkommt, ist kein Zufall – und doch fühlt es sich wie ein glücklicher Geniestreich der Stadtplanung an. Der Dreh- und Angelpunkt ist das Ligeti Zentrum, ein interdisziplinäres Laboratorium, das erst vor wenigen Jahren im Veritasspeicher des Harburger Binnenhafens seine Zelte aufgeschlagen hat. In den obersten Etagen, mit bestem Blick über den Hafen bis hin zur Elbphilharmonie, wird hier seitdem an neuen Ideen gefeilt.

Der Namensgeber György Ligeti, einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und langjähriger Professor an der Hamburger Musikhochschule, war ein Visionär. Seine Musik – weltbekannt durch Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum – suchte stets nach dem technisch Machbaren. Dieser Geist lebt nun in Harburg weiter. Die Ansiedlung des Zentrums war ein strategischer Glücksfall: Es fungiert als Brücke zwischen der Technischen Universität Hamburg (TUHH) und der Hochschule für Musik und Theater (HfMT). Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Eppendorf  (UKE ) und der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) ist hier ein Kraftzentrum entstanden, das Technik nicht ohne Kunst denkt.

„Das Ligeti Zentrum ist ein Ort, an dem die Grenzen zwischen den Disziplinen schmelzen“, beschreibt das Team die Mission auf der Webseite.

Das Programm der Kontraste:

Den feierlichen Auftakt macht am So., 10. Mai 2026 um 19.30 Uhr die Elbphilharmonie (Platz der Deutschen Einheit 4). Im Kleinen Saal zeigt das renommierte Ensemble Resonanz, wie digitale Präzision auf die Wärme von Streichinstrumenten trifft. Das Programm reicht von Alexander Schuberts choreographierter Komposition Scanners bis hin zu Clarence Barlows Klassiker Im Januar am Nil.

Doch nach dem glitzernden Start wendet das digitale UFO über der Elbe und nimmt Kurs auf Harburg. Während die Fachwelt in der Friedrich-Ebert-Halle (Alter Postweg 34) und der TUHH tagt, wird die Hölertwiete (Fußgängerzone, 21073 Hamburg) zum lebendigen Festivalzentrum der Off-ICMC. Hier sickert die Musik förmlich in die Straßen ein.

Highlights zum Miterleben

Das Begleitprogramm macht die digitale Kunst nahbar. Hier eine Auswahl für den Terminkalender:

  • So., 10. bis 27. Mai, Kunstverein Harburger Bahnhof (Hannoversche Str. 85): Die Ausstellung Transition | Tension | Potential verwandelt den Übergang zwischen Gleis 3 und 4 in einen Kunstraum.
  • Di., 12. Mai, 19.30 Uhr, Kultur Palast Harburg (Rieckhoffstraße 12): Beim Science-Slam Strg+Alt+Musik präsentieren Forscher*innen ihre Arbeit kurzweilig und mit Tempo.
  • Mi., 13. Mai, 12 bis 14 Uhr: Ein spezieller Proben- und Konzertbesuch für Familien erlaubt exklusive Einblicke hinter die Kulissen.
  • Mi., 13. Mai, 19.30 Uhr, Stellwerk Hamburg (Hannoversche Straße 85): Der Kontrabassist Florentin Ginot zeigt seine audiovisuelle Performance Disturbance.
  • Do., 14. Mai, 16 Uhr, TUHH (Am Irrgarten 3-9): Robert Cole Rizzi lädt zum Klangspaziergang Die Kunst des Zuhörens ein.
  • Do., 14. Mai, 18 Uhr, Hölertwiete: Das Körperfunkkollektiv verwandelt die Fußgängerzone mit dem Radioballett Fragment in eine interaktive Tanzzone.
  • Do., 14. Mai, 19 Uhr, ehemaliges Karstadt-Gebäude (Herbert-und-Greta-Wehner-Platz): Internationale Kreative Film- & Medien-Highlights beleuchten die Leinwandkunst.
  • Fr., 15. Mai, 19.30 Uhr, Ligeti Zentrum (Veritakskai 1): Die experimentelle Lesung Harburg. Das Buch verwebt Texte von Bärbel Wegner mit Klängen von Clara Nebel.
  • Fr., 15. Mai, ab 18.30 Uhr, Soundbar (Hölertwiete): Drinks und Jam-Sessions unter dem Motto Sono, ergo sum.
  • Sa., 16. Mai, 22 Uhr, Stellwerk (im BHf. HH-Harburg, Hannoversche Str. 85): Die ICMC Closing Night lässt die internationale Woche mit elektronischen Live-Sets ausklingen.

Harburg wird im Mai mal wieder beweisen, dass es weit mehr ist als ein Industriestandort. Es ist der Ort, an dem die Zukunft der Musik programmiert wird. Wer neugierig ist, wie die Welt von morgen klingt, sollte den Sprung über die Elbe nun auch ins Digitale wagen.

Alle Informationen und das vollständige Programm finden Sie unter: icmc2026.ligeti-zentrum.de

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Feuer, Flamme, frische Luft https://www.tiefgang.net/feuer-flamme-frische-luft/ Thu, 02 Apr 2026 22:19:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13561 [...]]]> Meine Lieben, schnallt euch an! Habt ihr die Wettervorhersage gesehen? Die Sonne hat für dieses Osterwochenende offenbar eine Extra-Schicht gebucht.

Auch wenn es morgens noch diesen frischen, klaren Biss in der Luft hat, der uns daran erinnert, dass wir im Norden wohnen, steht der Frühling jetzt mit beiden Beinen im Bezirk. Und während in der City vielleicht noch über die richtige Etikette beim Osterbrunch diskutiert wird, machen wir uns hier im Süden bereit für das, was zählt: echte Gemeinschaft und ein bisschen Rauch in den Haaren.

Der Karfreitag beginnt ja traditionell eher leise, und ich finde, das steht unserem Binnenhafen erstaunlich gut. Es ist der perfekte Tag, um mal ganz ohne Termindruck am Kai entlangzuschlendern. Habt ihr mal darauf geachtet, wie das Licht der Märzsonne auf den alten Kränen bricht? Das hat eine fast meditative Qualität. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, bevor am Samstagabend die großen Feuer entfacht werden.

Denn mal ehrlich: Was wäre Ostern in Harburg ohne den Geruch von brennendem Holz und den Klönschnack am Feuer? Ob in den Harburger Bergen, am Deich oder in den kleinen Quartieren – die Osterfeuer sind unser sozialer Kleber. Da treffen sich die Mitarbeiter*innen aus den Büros mit den Künstler*innen aus den Speichern und den Nachbar*innen aus dem Phoenix-Viertel. Da wird nicht über den neuesten Trenchcoat-Trend aus Eppendorf philosophiert, da wird einfach zusammen in die Glut gestarrt und das Leben gefeiert. Das ist soziale Nachhaltigkeit, die man nicht im Rathaus planen kann, sondern die wir uns selbst erschaffen.

Und apropos Outfits: Ich bin sehr gespannt, was ihr dieses Wochenende aus dem Schrank holt. Ich wette meinen letzten Schokohasen darauf, dass wir hier in Harburg wieder einen bunten Mix aus praktischer Outdoor-Kleidung, mutigen Second-Hand-Stücken und individuellem Stil sehen werden. Wer braucht schon ein beiges Einheits-Cap, wenn er die Freiheit hat, einfach er selbst zu sein? Unsere Gastronom*innen in der Lämmertwiete haben ihre Außenterrassen jedenfalls schon klargemacht. Mein Tipp: Sichert euch ein Plätzchen in der Sonne, bevor der große Ansturm kommt.

Was ich euch für dieses Wochenende ans Herz lege? Seid neugierig! Schaut mal in die Schaufenster der kleinen Galerien, die vielleicht auch über die Feiertage ein Fenster zur Kunst offen halten. Nutzt die frische Luft für einen Ausflug in die Heide oder den Stadtpark. Harburg ist gerade ein riesiges, sonnendurchflutetes Laboratorium für gute Laune.

Wir haben die Geschichten, wir haben die Orte und wir haben jetzt auch das passende Wetter. Lasst uns dieses lange Wochenende nutzen, um mal wieder richtig durchzuatmen und unseren Bezirk von seiner besten Seite zu erleben – bodenständig, herzlich und ein kleines bisschen wilder als der Rest der Stadt.

Ich wünsche euch erholsame Feiertage, die genau die richtige Mischung aus Ruhe und Feuer haben. Wir sehen uns spätestens am Samstagabend am glühenden Haufen!

Eure Clara

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Der Eppendorf-Style https://www.tiefgang.net/der-eppendorf-style/ Fri, 27 Mar 2026 23:29:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13549 [...]]]> Meine Lieben, schnallt euch an! Habt ihr diese Woche auch die Geschichte von Patrice Bouédibéla verfolgt? Unser aller liebster Ex-MTV-Moderator ist auf romantischer Mission und sucht eine Frau, der er im Hamburger Norden begegnet ist.

Klingt erst mal nach großem Kino und Schmetterlingen im Bauch. Aber wenn man sich die Suchmeldung genauer ansieht, wird es eigentlich erst richtig amüsant.

Patrice beschreibt nämlich den absoluten Eppendorfer Standard-Look: Trenchcoat, Leggings, Cap. Die Haare? Blond und offen. Eben „Schnepfendorf“? Ganz ehrlich? Wenn ich am Isemarkt oder in der Eppendorfer Landstraße unterwegs bin, sehe ich gefühlt tausend Frauen, die exakt so aussehen. Das ist keine Personenbeschreibung, das ist eine Inventarliste der örtlichen Boutiquen! Wie will der gute Mann da jemals die Richtige finden? Das ist ja wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen – nur dass der Heuhaufen aus beigem Stoff besteht und Markenkappen trägt.

Man fragt sich ja schon: Ist das noch Mode oder ist das schon eine Uniformierungspflicht? Ob Sylvie Meis oder die Influencer*innen von nebenan – in Eppendorf scheint Individualität unter dem Schirm der Cap feinsäuberlich weggeatmet zu werden. Da glänzt der Ansatz, da sitzt der Mantel, und bloß kein Haar tanzt aus der Reihe. Es ist fast schon tragisch: Eppendorferinnen wollen besonders schick und exklusiv sein, und am Ende sind sie eine Kopie von der Kopie der Kopie.

Hier bei uns in Harburg würde so eine Suchaktion ganz anders ablaufen. Wenn hier jemand jemanden sucht, dann ist das die Frau mit der bunten Strickmütze am Kanal, der Typ mit der abgewetzten Lederjacke in der Lämmertwiete oder die Architektinnen mit den Farbflecken an den Händen am Binnenhafen. Wir Harburgerinnen brauchen keine Tarnkappe aus Luxus-Labels, um uns wohlzufühlen. Wir tragen unsere Ecken und Kanten mit Stolz spazieren, und das sieht man uns auch an.

Vielleicht sollten wir Patrice mal zu uns in den Süden einladen. Hier erkennt man die Menschen noch an ihrem Charakter und nicht an der Farbe ihres Trenchcoats. Hier ist der Frühling viel zu bunt für ein Einheits-Beige. Wenn eine Harburgerin Cap trägt, dann wahrscheinlich, weil sie gerade keine Lust auf Kämmen hatte oder weil der Wind an der Elbe mal wieder alles gibt – und nicht, weil es im Lookbook der Woche steht.

Mein Tipp für das kommende sonnige Wochenende: Traut euch ruhig mal, aus der Reihe zu tanzen! Seid bunt, seid laut, seid ihr selbst. Der rote Klinker, über den wir neulich sprachen, sieht nämlich viel besser aus, wenn darauf Menschen wandeln, die man auch ohne Lupe und Stilberater*innen voneinander unterscheiden kann.

Ich drücke Patrice trotzdem die Daumen. Vielleicht trägt seine Auserwählte ja wenigstens Socken in einer anderen Farbe – das wäre in Eppendorf ja schon fast eine Revolution.

Wir sehen uns dort, wo das Leben noch echt ist!

Eure Clara

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