Themen der SuedKultur-Initiative https://www.tiefgang.net Fri, 24 Jul 2026 16:19:35 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Die Natur zieht in die City https://www.tiefgang.net/die-natur-zieht-in-die-city/ https://www.tiefgang.net/die-natur-zieht-in-die-city/#respond Fri, 24 Jul 2026 16:09:34 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14260 [...]]]> Es ist ein wunderbarer Kontrast, der den Alltag im Herzen Harburgs für einen Moment zum Stillstehen bringt. Wo sonst das geschäftige Treiben zwischen Lüneburger Straße und Harburger Ring den Takt vorgibt, zieht plötzlich eine tiefe, organische Ruhe ein.

Die Kunstleihe Harburg schickt ihr gefeiertes und erfolgreiches einjähriges Ausstellungsformat der „Kunstpassage“ in der City Galerie in die finale Runde. Nach den großen Erfolgen von Frank Vaders, Thomas Behrens und Yvonne Lautenschläger übernimmt nun keine Geringere als die in Moorburg verwurzelte Künstlerin Antje Gerdts die prominenten Glasvitrinen. Bis Ende September 2026 verwandelt sich der urbane Durchgang in eine grüne Oase, die Passanten dazu einlädt, innezuhalten und die Natur aus einer völlig neuen, künstlerischen Perspektive zu betrachten.

Wer Antje Gerdts begegnet, spürt sofort, dass diese Kunst keine bloße Atelierarbeit ist, sondern aus einer lebenslangen Verbundenheit wächst. Schon als Kind streifte sie durch Wiesen und Wälder, entdeckte jedes vierblättrige Kleeblatt und nahm die feinsten Details am Wegesrand wahr. Was vor fast vierzig Jahren mit Malerei auf historischen Kaffeesäcken aus dem Hamburger Freihafen begann – getragen von der Faszination für den pflanzlichen Malgrund und dessen ganz eigener Geschichte –, hat sich über die Jahrzehnte zu einer tiefgreifenden, eigenständigen Ausdrucksform entwickelt.

Seit mittlerweile zehn Jahren arbeitet die Künstlerin auf Leinwänden direkt mit echten Pflanzen. Dabei geht es ihr nie um eine simple, botanische Abbildung. Es ist ein schöpferischer Austausch, eine echte Begegnung im Malprozess. Die Technik entwickelt sich dabei organisch mit der jeweiligen Pflanze, um deren ureigene Kraft und Ausstrahlung für den Betrachter spürbar zu machen. Die aktuellen Vitrinen-Ansichten in der City Galerie zeugen von dieser intensiven Zwiesprache: Sie zeigen eine beeindruckende Bandbreite von filigranen Strukturen und skulpturalen Elementen bis hin zu großflächigen, naturinspirierten Farbkompositionen.

Die Ausstellung von Antje Gerdts markiert den vierten und vorerst letzten Teil der diesjährigen Kunstpassage. Die von der Eigentümergemeinschaft unterstützte Aktion hat sich im Viertel als echter Publikumsmagnet erwiesen und eindrucksvoll bewiesen, wie ungenutzter Leerstand im öffentlichen Raum mit Leben, Sinn und Ästhetik gefüllt werden kann.

Wie bei allen Stationen schlägt auch dieses Finale eine Brücke zum Kernanliegen des Vereins: Die Kunstleihe Hamburg e. V. setzt sich seit 2019 unermüdlich dafür ein, zeitgenössische lokale Kunst durch den echten Verleih, kuratierte Führungen wie „Kunst vor Ort“ oder Großprojekte wie die SuedArt für alle zugänglich zu machen und den Hamburger Süden nachhaltig zu bereichern.

Wer sich verzaubern lassen möchte, kann die „Pflanzenkunst“ von Antje Gerdts noch bis Ende September 2026 kostenfrei und rund um die Uhr im Durchgang der City Galerie besichtigen. Weitere Einblicke in das Schaffen der Künstlerin bietet ihre Website antje-gerdts.de.

Und wer die ehrenamtliche Arbeit der Kunstleihe unterstützen möchte, findet alle Informationen sowie die Möglichkeit zur Beteiligung direkt unter kunstleihe-harburg.de. Offenbar wird bislang nicht an eine Fortführung des Projektes gedacht …


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Zwischen Blüten und Bildhauerei https://www.tiefgang.net/zwischen-blueten-und-bildhauerei/ https://www.tiefgang.net/zwischen-blueten-und-bildhauerei/#respond Sat, 18 Jul 2026 22:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14203 [...]]]> Wenn sich am So., 9. August, die Tore zu einem Garten in Kirchdorf öffnen, feiert ein besonderes Format ein stolzes Jubiläum: „Kunst im Garten“ begeht sein zehnjähriges Bestehen.

Was einst als kleine Initiative begann, hat sich zu einem festen kulturellen Fixpunkt entwickelt, der Natur und Kunst auf einer 700 Quadratmeter großen Gartenfläche zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen lässt.

Von 11 bis 17 Uhr verwandelt sich das private Areal am Siedenfelder Weg 93 in Hamburg-Kirchdorf von Gastgeber Jürgen Weber in eine weitläufige Open-Air-Galerie. Die Gemeinschaftsausstellung bietet den Besucher*innen die Möglichkeit, zeitgenössische Kunst fernab von sterilen Museumsräumen zu erleben. Das Spektrum der gezeigten Werke ist beeindruckend breit gefächert und umfasst Fotografie in verschiedenen Ausprägungen, Malerei, Grafik, Bildhauerei, Skulptur sowie Design und einzigartige 3D-Collagen.

Persönlicher Austausch und musikalische Begleitung

Ein besonderes Merkmal dieser Ausstellung ist die Nähe zwischen Publikum und Kunstschaffenden. Die folgenden Künstler*innen werden anwesend sein, um ihre Arbeiten vorzustellen und in den Dialog zu treten: Jürgen Drygas, Viola Feldmann, Stefanie Franke-Fischer, Christopher Ponce Morales, Claus-Peter Rathjen, Ronald Sawatzki, Tatjana Jule Schenk, Jürgen Weber sowie Bernd Wucherpfennig. Musikalisch wird das Jubiläum von Renee de la Prade begleitet, die mit Akkordeon-Klängen für Blues- und Rock-Grooves in der Gartenkulisse sorgt.

Die Gemeinschaftsausstellung „10 Jahre Kunst im Garten“ findet am So., den 9. August von 11 bis 17 Uhr statt. Veranstaltungsort ist der Siedenfelder Weg 93, 21109 Hamburg-Kirchdorf. Der Eintritt ist frei!


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Liebeserklärungen an den Harburger Stadtpark https://www.tiefgang.net/liebeserklaerungen-an-den-harburger-stadtpark/ Sun, 21 Jun 2026 22:47:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14031 [...]]]> Man sagt, der Harburger Stadtpark sei nördlich der Elbe ein Geheimtipp – ein fast schon exklusives Stück Natur, das in seiner landschaftlichen Vielfalt weit über die Grenzen des Südens hinaus strahlt. Doch für alle, die hier aufgewachsen sind, die ihre Ferien im Freibad am Außenmühlenteich verbracht haben, die auf der Freilichtbühne erste Konzerte erlebten oder einfach nur die Ruhe am Wasser suchten, ist er weit mehr als ein Geheimtipp: Er ist ein Zuhause.

In diesem Jahr feiert der Stadtpark seinen 100. Geburtstag, und pünktlich zum Jubiläum wird ihm eine doppelte literarische Ehre zuteil. Gleich zwei Neuerscheinungen beleuchten nun die Geschichte dieses „Volksparks“, der als grüne Lunge Harburgs eine ganze Stadtgesellschaft geprägt hat.

Dass ein Park so lebendig bleibt, liegt an den Visionären, die ihn einst erdachten. Der Gartenarchitekt Ferdinand Georg Hölscher, unterstützt von seinem Sohn Ferdinand, schuf in den 1920er Jahren einen Ort, der Erholung, Sport und Naturerlebnis für alle Schichten zugänglich machen wollte. Dieser Geist der Volksparkbewegung ist in beiden neuen Werken spürbar, wenngleich sie unterschiedliche Pfade durch die Historie einschlagen.

Das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg legt mit dem Buch 100 Jahre – Der Harburger Stadtpark eine wissenschaftlich fundierte und reich bebilderte Publikation vor. Unter der Federführung des Geologen und Schriftstellers Jürgen Ehlers taucht das Werk tief in die planerischen Ursprünge ein. Ehlers, selbst in Hausbruch aufgewachsen, nutzt seine fachliche Expertise, um die landschaftlichen Voraussetzungen dieses Refugiums fachkundig einzuordnen. Es ist ein Buch, das mit historischen Fotografien, Plänen und Zeichnungen arbeitet und den Park als bedeutendes Denkmal der Reformgartenbewegung würdigt. Wer das Werk in Aktion erleben möchte, hat am 28.06. eine besondere Gelegenheit: Um 11 Uhr lädt Jürgen Ehlers persönlich zu einer kostenfreien Führung ab dem Bootshaus an der Außenmühle (Gotthelfweg 2A) ein, um die verborgenen Blickachsen und die Geschichte der Anlage neu zu entdecken.

Wer es etwas persönlicher, fast schon nostalgisch mag, findet in der Publikation der Geschichtswerkstatt Harburg genau den richtigen Begleiter. Günter Wincierz, der in Wilstorf aufwuchs, hat mit seinem Buch 100 Jahre Stadtpark Harburg ein Werk geschaffen, das den Park als sozialen Raum spürbar macht. Hier geht es nicht nur um Architektur, sondern um die Menschen: Interviews mit dem letzten Fischer, Erinnerungen an das „Weiße Dinner“ oder die legendären Techno-Partys auf der Freilichtbühne machen den Band zu einem lebendigen Mosaik der letzten Jahrzehnte. Mit über 135 Fotos, von denen viele erstmals veröffentlicht werden, gelingt Wincierz der Spagat zwischen historischem Archiv und persönlichem Fotoalbum.

Dass der Harburger Stadtpark heute – nach Jahren der Sanierung und des kulturellen Stillstands – mit dem Festival „Sommer im Park“ (21.-26.07.) wieder als pulsierendes Zentrum für Begegnungen fungiert, ist nur die logische Fortsetzung dessen, was die Familie Hölscher vor einem Jahrhundert begann. Diese beiden Bücher sind daher weit mehr als nur Jubiläumsgeschenke; sie sind eine Einladung, sich bei einem Spaziergang zwischen den alten Bäumen und am Wasser des Außenmühlenteichs der eigenen Geschichte bewusst zu werden.

  • 100 Jahre – Der Harburger Stadtpark (Archäologisches Museum Hamburg/Stadtmuseum, 19,90 Euro) ist im Museumsshop und online unter amh.de/shop erhältlich.
  • 100 Jahre Stadtpark Harburg von Günter Wincierz (Geschichtswerkstatt Harburg, 18,00 Euro) ist im Buchhandel und direkt in der Geschichtswerkstatt verfügbar.

Ob Sie nun den akribischen Blick der Museums-Publikation oder die warmherzigen Erinnerungen der Geschichtswerkstatt bevorzugen: Beide Bücher zeigen, dass die „grüne Lunge“ Harburgs nach einem Jahrhundert lebendiger ist denn je.


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Vom Hof zum Palast? https://www.tiefgang.net/vom-hof-zum-palast/ Sat, 13 Jun 2026 22:52:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13995 [...]]]> Der Kulturpalast Harburg öffnet bald (wieder) und viele trauern um den alten Rieckhof. Doch wer die heutige Stiftung Kultur Palast verstehen will, darf nicht nur auf die lichtdurchfluteten Tanzstudios des Hamburger Ostens schauen.

Die Ursprünge des heutigen Kultur Palast Hamburg (KPH) im Stadtteil Hamburg-Billstedt liegen in einer Bürgerinitiative im Jahr 1980 und der anschließenden Besetzung einer ehemaligen Polizeiwache 93 im Jahr 1982. Dann mietete der Verein im Jahr 1986 einen kleinen, heizungslosen Laden im Schiffbeker Weg. Dort kam der Wille vieler Billstedter zum Ausdruck, selbst an der Gestaltung ihres Umfeldes mitzuwirken. Nachdem in Billstedt dann das Wasserwerk stillgelegt worden war, erstritt später die Initiative die Umnutzung auch dieses markanten Gebäudes. Es war eine klassische Aneignung von Raum von unten. Das „Alte Wasserwerk“ wurde so erst zum heute bekannten pulsierenden Zentrum für Stadtteilkultur, selbstverwaltete Jugendprojekte, Konzerte und Diskussionen im Hamburger Osten. Dörte Inselmann, die spätere Intendantin und das langjährige Gesicht des Hauses, stieß in dieser prägenden Phase zur Initiative und begleitete den Aufstieg des Zentrums von der improvisierten Fabriketage hin zur festen Institution. Sie erinnerte sich in Rückblicken oft an diesen Pioniergeist: „Wir wollten damals im alten Wasserwerk schlicht einen Ort schaffen, an dem gesellschaftliche Teilhabe im Alltag spürbar wird. Es ging uns um Kultur von allen für alle, ganz ohne administrative Hürden.“

Eine ähnliche Dynamik zeigte sich im Grunde zeitgleich am anderen Ende der Elbe, im Harburger Süden. Bevor das markante Allzweckgebäude des Rieckhofs 1984 offiziell eröffnet werden konnte, schlug das Herz der dortigen Szene in der Nöldekestraße. Dort richtete sich eine Initiative ab den späten 1970er-Jahren ein improvisiertes Freizeitzentrum ein. Auch die „Toten Hosen“ machten hier erste Schritte hin zu großen Bühnen. Auch in Harburg brannte das Licht damals aber eben nur, weil Menschen vor Ort Räume besetzten, sie in Eigenregie gestalteten und für ihre Gemeinschaft reklamierten.

Obwohl Billstedt und Harburg geografisch und atmosphärisch getrennte Welten waren, teilten diese beiden frühen Kulturzentren dieselbe unverkennbare DNA. Sowohl das Alte Wasserwerk im Osten als auch die Keimzelle in der Nöldekestraße im Süden entstanden aus dem echten, dringenden Bedürfnis nach Selbstverwaltung, politischer Einmischung und der soziokulturellen Ur-Idee. Es ging um die ungestörte Eigenzeit der Bürger*innen – ohne Blick auf Rentabilität oder behördliche Vorgaben.

Stadtteilkultur im Wandel

Von also fast baugleichen Graswurzel-Wurzeln bogen die beiden Häuser in den folgenden Jahrzehnten in völlig unterschiedliche Richtungen ab. Sie entwickelten zwei fundamentale, geradezu gegensätzliche Philosophien darüber, was Stadtteilkultur leisten kann, wie sie sich finanzieren muss und wer sie steuert.

In Billstedt vollzog das Projekt unter der Führung von Dörte Inselmann eine bewusste Metamorphose weg vom klassischen, chronisch unterfinanzierten Stadtteilverein. Der strategische Hebel hierzu war die Transformation in ein hochprofessionelles Stiftungsmodell. Eine Stiftung bot die rechtliche Struktur, um staatliche Institutionelle Förderung mit beträchtlichem privatem Kapital zu bündeln. Als entscheidender Katalysator erwies sich hierbei der Hamburger Medienunternehmer Frank Otto, der als langjähriger Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung nicht nur eigenes Geld einbrachte, sondern auch die Türen zu Hamburgs finanzstarken Philanthropen und Großstiftungen öffnete.

Mit dieser wirtschaftlichen Schlagkraft im Rücken etablierte der Kultur Palast eine ganze Reihe von eigenständigen, hochkarätigen Marken, die weit über Billstedt hinausstrahlten. Neben den bekannten Bildungsprojekten wie der frühkindlichen Musikförderung „Klangstrolche“ oder der bundesweit renommierten „HipHop Academy“ gelang dem Haus eine bemerkenswerte Gratwanderung zwischen Hochkultur, Massenattraktion und Subkultur in den Nischen. Und es ging nicht nur um Beschäftigung Jugendlicher, sondern um konkrete Förderung von Perspektiven.

So schuf die Stiftung im Keller des Hauses mit dem „Bambi Galore“ einen mittlerweile preisgekrönten Club, der sich über die Jahrzehnte zu einer der renommiertesten und treuesten Underground-Adressen für die norddeutsche Heavy-Metal- und Hardrock-Szene entwickelte. Gleichzeitig bewies das Haus mit Großprojekten wie „Billvue“ (dem bunten Billstedter Lichterfest und Kultur-Netzwerk), wie moderne Stadtteilkultur als identitätsstiftendes Stadtteilmarketing funktionieren kann, das Zehntausende Menschen auf die Straßen lockt. Der im Jahr 2017 für rund 10 Millionen Euro aus städtischen RISE-Mitteln errichtete Neubau am Öjendorfer Weg besiegelte diesen Weg: Er ersetzte die improvisierte Gemütlichkeit der Gründertage durch funktionale Profi-Studios, Konzertsäle und eine maßgeschneiderte Club-Infrastruktur.

Harburg hingegen wählte mit dem Umzug des Zentrums in die Rieckhofstraße im Jahr 1984 den exakten Gegenentwurf. Der Verein „Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V.“ unter Jörn Hansen blieb dem Modell des bedingungslosen Bürgerhauses treu. Der Rieckhof verstand sich primär als Dienstleister und Bereitsteller von Infrastruktur für die Menschen vor Ort. Er diktierte kein Programm von oben, sondern überließ den Raum dem Bezirk. Dazu gehörte ganz explizit auch die Vermietung des großen Saals für private Zwecke: Der Rieckhof war über Jahrzehnte das logistische Rückgrat für große Familienfeste, Vereinsjubiläen und insbesondere für die großen, oft interkulturellen Hochzeitsfeiern der Harburger Nachbarschaft, die sich teure kommerzielle Säle nicht leisten konnten. Diese Vermietungen waren für das Haus gelebte soziokulturelle Teilhabe – und gleichzeitig eine überlebenswichtige eigene Einnahmequelle abseits staatlicher Zuschüsse.

Zudem bewies das Team um Jörn Hansen entgegen späteren Vorwürfen ein hohes Maß an sozialer Innovationskraft, indem es seinerzeit eine wegweisende Kooperation mit den Elbe-Werkstätten vereinbarte. Menschen mit Behinderungen übernahmen im Rieckhof nicht nur maßgeblich den Betrieb der hauseigenen Gastronomie, sondern zeichneten auch für Catering und die gesamte Gebäudereinigung verantwortlich. Dieses Modell war seinerzeit neu und brachte echte, gelebte Inklusion mitten in den Harburger Alltag und verzahnte die Kulturarbeit organisch mit dem ersten Arbeitsmarkt. Hansen betonte den Wert dieser gewachsenen Struktur immer wieder vehement gegenüber Kritikern: „Der Rieckhof ist das unzensierte, niedrigschwellige Wohnzimmer Harburgs. Wer uns vorwirft, wir ersticken im Gestern, übersieht, dass Inklusion und interkulturelle Feste bei uns längst Alltag waren, bevor sie zu politischen Modeworten wurden.“

Doch genau dieses Beharren auf dem soziokulturellen Gesamtkonzept der 1980er-Jahre stieß in der modernen, von Effizienz und Kennzahlen geprägten Stadtverwaltung zunehmend auf harten Widerstand. Aus dem Harburger Bezirksamt und von Teilen der Politik (SPD und Grüne) wurde dem Rieckhof ein massiver Modernisierungsstau attestiert. Der Vorwurf wog schwer: Das Programm sei in den Strukturen vergangener Jahrzehnte erstarrt. Es erreiche die stark wachsende, postmigrantische Stadtteilgesellschaft zu wenig, schotte sich gegen zeitgemäße Kooperationen mit Schulen ab und überlasse wertvollen Kulturraum zu oft privaten Feiergesellschaften, statt selbst gestaltete, integrative Kultur anzubieten. Heinke Ehlers (Grüne) fasste die politische Ungeduld damals in die Worte: „Wir brauchen in einem diversen Bezirk wie Harburg eine zeitgemäße, interkulturelle Öffnung der Stadtteilkultur, die Kooperationen mit Schulen sucht und alle Menschen erreicht – starre Strukturen vergangener Jahrzehnte werden dem nicht mehr gerecht.“

Dass das Haus über die Elbe-Werkstätten bereits ein tief verwurzeltes, inklusives Beschäftigungsmodell lebte, geriet in der harten Argumentation der administrativen Planer*innen zunehmend in den Hintergrund. Das unperfekte Kiez-Wohnzimmer wurde aus ihrer Sicht als unzeitgemäßer Anachronismus wahrgenommen, den man von oben neu ordnen musste.

Soziales Dienstleistungszentrum oder Freiraum der Bürger*innen?

An diesem Wendepunkt berührt die Hamburger Entwicklung den eigentlichen, demokratietheoretischen Kern moderner Soziokultur. Es geht um die fundamentale Frage, wie Wandel in diesen sensiblen Räumen überhaupt vollzogen werden darf: Muss er organisch von innen herauswachsen, oder darf er von oben durch die Verwaltung diktiert werden?

In der Theorie lebt die Stadtteilkultur von ihrer Autonomie. Kultur lässt sich nicht im klassischen Sinne verordnen oder wie ein Franchise-Konzept auf dem Reißbrett entwerfen. Wenn eine Verwaltung – wie im Fall des Rieckhofs über das Interessenbekundungsverfahren im Jahr 2021 geschehen – den harten, administrativen Weg des Trägerwechsels wählt, geht das in der Soziokultur selten reibungslos aus. Es entsteht ein tiefes Misstrauen, weil die gewachsene Vertrauensbasis und die lokale Verankerung im Stadtteil per Dekret erschüttert werden.

Um diesen Hebel der Verwaltung zu verstehen, lohnt sich wiederum ein Blick in das formelle Regelwerk der Hansestadt: die sogenannte Globalrichtlinie Stadtteilkultur. Sie bildet das administrative Fundament, über das der Senat und die Bezirke die Verteilung der millionenschweren Rahmenzuweisungen für Stadtteilkulturzentren steuern. Eigentlich betont diese Richtlinie in ihrer Anlage explizit die Eigenverantwortung der freien Träger sowie die Berücksichtigung der spezifischen Bedarfe vor Ort. Doch sie enthält auch ein zweites Gesicht: Sie knüpft das öffentliche Geld an messbare Zielvorgaben wie die interkulturelle Öffnung, demografische Anpassung, Antidiskriminierung und Barrierefreiheit.

Genau hier bricht das moderne Dilemma auf. Das Harburger Bezirksamt nutzte die Kriterien dieser Globalrichtlinie im Grunde als ordnungspolitisches Steuerungsinstrument, um das Haus neu auszurichten. Aus Sicht der Verwaltung mag das legitim klingen: Wer Millionen an Steuergeldern für Sanierung und Betrieb bereitstellt, muss die Einhaltung moderner, gesellschaftlicher Standards einfordern dürfen. Doch für die Soziokultur birgt dieses Vorgehen eine immense Gefahr. Wenn Richtlinien und Kennzahlenabfragen zu eng gefasst werden, mutieren Kulturorte im schlimmsten Fall zu sozialen Dienstleistungszentren. Sie werden dann zu reinen Erfüllungsgehilfen staatlicher Sozialarbeit degradiert, die von oben definierte Aufgaben wie Sprachförderung oder Integration abzuarbeiten haben.

Der ursprüngliche Freiraum – die Idee, dass ein Raum unperfekt, unvorhersehbar und sperrig von den Bürger*innen selbst mit Leben gefüllt wird – geht dabei schleichend verloren. So Verwaltung und Politik den Wandel von oben zu erzwingen versuchen, anstatt einen kritisierten Träger bei der internen Modernisierung partnerschaftlich zu begleiten, verliert so ein Haus oft das Wichtigste, was es hat: seine Seele und die Akzeptanz der Menschen, für die es eigentlich gebaut wurde.

Das sieht man schon an der eigenen Darstellung beider Häuser: Die archivierte digitale Welt des alten Rieckhofs spiegelte bis zuletzt das klassische, gewachsene Bürgerhaus-Prinzip wider. Die Internetseite funktionierte im Grunde als ein offener, digitaler Marktplatz und als virtuelles schwarzes Brett für die Harburger Gemeinschaft. Wer die Seite aufrief, stieß nicht auf ein durchgestyltes Kulturprogramm, sondern primär auf logistische Angebote und Kooperationen: Es ging um die unkomplizierte Vermietung der Säle für private Anlässe und große Familienfeste oder um direkte Verlinkungen zu externen Selbsthilfegruppen, Mieterberatungen und Stadtteilinitiativen. Im Musikbereich lag der Fokus im Netz auf der Bereitstellung der Bühne für lokale Newcomer-Festivals und Nachwuchsbands, denen hier eine der wenigen großen Auftrittsmöglichkeiten im Bezirk geboten wurde. Der Trägerverein verstand sich somit im Netz nicht als dominierender, kreativer Absender, sondern ganz bewusst als neutraler Ermöglicher und Verwalter einer Infrastruktur, die von der Nachbarschaft eigenständig bespielt und genutzt werden sollte.

Ein Klick auf die aktuelle Webpräsenz der Stiftung Kultur Palast führt die User*innen in eine völlig andere Welt. Hier präsentiert sich kein lokales Bürgerhaus, sondern eine hochprofessionelle, zentral gesteuerte Markenplattform von gesamtstädtischer Strahlkraft. Der Fokus liegt hier dezidiert nicht auf der bloßen Verwaltung von freiem Raum für lokale Initiativen, sondern auf der wirksamen Inszenierung eigener, exzellent kuratierte Kultur- und Bildungsmarken. Großprojekte wie die „HipHop Academy“, die „Klangstrolche“ oder das urbane Musiknetzwerk „Billstedt United“ prägen das visuelle Geschehen.

Auch die organisatorische Struktur bildet sich im Netz unterschiedlich ab: Statt flacher Vereinsstrukturen findet man ein professionelles Management, klare administrative Ansprechpartner*innen für die unterschiedlichen Sparten, ein institutionalisiertes Fundraising sowie einen prominent besetzten Stiftungsrat – in dem neben Frank Otto auch Elbphilharmonie-Generalintendant Christoph Lieben-Seutter aktiv ist –, der strategische Allianzen in die Hamburger Wirtschaft und Hochkultur abbildet. Der Stadtteil und seine Bewohner*innen tauchen auf dieser Plattform primär in der Rolle der Zielgruppe auf – eher als partizipierende Konsument*innen und Nutznießer*innen eines perfekt durchdachten und qualitativ hochwertigen Angebots, seltener als autonome Gestalter*innen des Programms. Der Systemwechsel ist also im Grunde auf den ersten Blick greifbar.

Hinter den glänzenden Fassaden der neuen Kulturgebäude und den philosophischen Debatten über die wahre Natur der Soziokultur liegt aber noch ein ganz anderes, oft verdrängtes Terrain: die unbarmherzige Ökonomie des Kulturbetriebs. Beide Modelle – sowohl das gewachsene Bürgerhaus als auch der moderne Kultur-Konzern – kämpfen mit über die Jahre im Wandel befindlichen finanziellen Realitäten, die im schlimmsten Fall existenzbedrohend sind.

Wie hart dieser wirtschaftliche Wendepunkt sein kann, zeigte sich am Ende des alten Harburger Trägervereins. Nach dem abrupten Entzug der staatlichen Gelder per Juni 2022 und dem erteilten Betretungsverbot geriet das Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V. in eine klassische finanzielle Sackgasse. Im Dezember 2022 musste der traditionsreiche Alt-Verein Insolvenz anmelden. Der Genickbruch waren dabei nicht nur die fehlenden Einnahmen aus dem laufenden Betrieb, sondern historische Altlasten: Durch die jahrzehntelange Beschäftigung von Personal nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes drückten immense Pensionsverpflichtungen (VBL) für ehemalige Mitarbeitende das Budget. Ohne die verlässlichen, staatlichen Zuwendungen konnten diese langfristigen Verpflichtungen nicht mehr bedient werden – ein strukturelles Verhängnis, das viele alte Vereine der ersten Soziokultur-Generation im Zuge eines harten Trägerwechsels ereilt.

Doch glaubt man, dass das hochprofessionalisierte Stiftungsmodell der Stiftung Kultur Palast automatisch finanzielle Sorgenfreiheit bedeutet, erweist sich bei einem Blick hinter die Kulissen ebenso als Illusion. Die Expansion nach Harburg vergrößert den administrativen und operativen Apparat massiv. Stiftungen im Kulturbereich agieren per se gemeinnützig und dürfen keine nennenswerten freien Rücklagen bilden. Sie leben in einer permanenten, volatilen Balance aus kurzfristig bewilligten Projektgeldern, privaten Spenden und staatlichen Zuschüssen.

Wie hoch der wirtschaftliche Druck im System des Billstedter Riesen tatsächlich ist, verrät ein Blick in die offiziellen Transparenzberichte der Stiftung, abrufbar auf der Webseite. Um einer drohenden Schieflage entgegenzusteuern, musste die Stiftung Kultur Palast ihre Belegschaft zuletzt spürbar reduzieren – von 89 Mitarbeitenden im Jahr 2023 auf 75 im Jahr 2024. Die Führung spricht selbst offen von einer notwendigen „Konsolidierung aufgrund einer angespannten Lage in allen Bereichen“.

Zwar besteht aktuell keine Insolvenz, schon da die Stadt Hamburg die Stiftung im Zuge der millionenschweren Harburg-Sanierung institutionell und über Sonderbeschlüsse stützt, doch die Bilanzanalyse zeigt: Die Stiftung reitet immer wieder wirtschaftlich auf einer Rasierklinge. Jede Verzögerung bei städtischen Zuschüssen oder ein Einbruch bei den privaten Sponsoren bringt das fragile System ins Wanken. Die Expansion nach Harburg hat die finanzielle Schlagkraft der Stiftung erhöht, aber die wirtschaftlichen Risiken für das Gesamtsystem gleichzeitig auch massiv potenziert.

Der Neustart

Die symbolische Schlüsselübergabe im Mai 2026 beendet nun erstmal eine quälend lange Phase der Starre für den Kulturstandort in Harburg. Jahrelang war das Gebäude an der Rieckhofstraße eine leblose Baustelle, komplett von der Bildfläche verschwunden und für die Menschen im Bezirk schlicht nicht nutzbar. Die langwierige Sanierung, verzögert durch die Insolvenz des alten Trägervereins und die bürokratischen Mühlen einer millionenschweren RISE-Großbaustelle, hinterließ ein tiefes kulturelles Vakuum im Harburger Zentrum. Nach Jahren des Stillstands und der verrammelten Türen stellt sich nun die existenzielle Frage, wie dieses runderneuerte, rund 9 Millionen Euro teure Haus wieder mit Leben gefüllt wird oder werden kann. Jüngere Menschen kennen das Gebäude schlicht nur als verschlossene Baustelle.

Das erste angekündigte Programm der Stiftung Kultur Palast fungiert nun also als die eigentliche Reifeprüfung für das neue Konzept und zeigt bereits eine ganz klare Handschrift: Der Fokus liegt massiv auf einer jüngeren Generation, auf Familien und auf urbaner Eventkultur.

Kinder- und Jugendtheater als Fundament: Das Haus meldet sich im Sommer mit guten Angeboten für junges Publikum zurück. Unter dem Dach des 1. Harburger Theatertreffens gastieren ab Ende Juni zahlreiche preisgekrönte Produktionen. Darunter finden sich Stücke wie Prinz Eile, die bilinguale, deutsch-kurdische Inszenierung Nachteulen, das musikalische Objekttheater Wasser – ein philosophisches Geplätscher sowie die Tanzperformance Um die Ecke.

Musik für Familien und die Kleinsten: Auch die aus Billstedt bekannte Strategie wird sofort ausgerollt. Im September bespielt die bekannte Kinderrockband Radau! den großen Familientag zur Eröffnung, gefolgt von der Dino-Metal-Band Heavysaurus Ende September. Zudem feiert die Kinderphilharmonie im November ihre Harburg-Premiere mit interaktiven Klassik-, Jazz- und Weltmusikkonzerten für Kinder bis 7 Jahren.

Die urbane Jugendkultur: Im Juni gastierte gerade das DNA Festival im Haus, ein großes Breaking- und HipHop-Battle für Kids und Jugendliche bis 16 Jahre, das direkt an das professionelle Netzwerk der HipHop Academy andockt. Passend dazu gibt es in den Sommerferien ein einwöchiges Youngsters HipHop Camp für lokale Nachwuchstalente.

Die musikalische Brücke zum alten Rieckhof: Auch für das erwachsene Publikum kehrt die Livemusik zurück. Im September steht mit Boerney & die Tri Tops eine absolute Institution der Hamburger Cover- und Rock-Show-Partyszene auf der Bühne – ein Format, das laut und feierfreudig an die Tradition des alten Bürgerhauses erinnert.

Was bei dieser ersten Event-Welle allerdings auffällt: Ein klassisches, wöchentliches Kursprogramm für Erwachsene – wie Töpfern, Sprachen oder Handwerk – oder ein dezidiertes, fortlaufendes Kabarett- und Kleinkunstprogramm sucht man noch vergeblich.

Hier bricht genau das Spannungsfeld auf, das die Debatte bestimmt. Auf der einen Seite bringen Formate wie die HipHop Academy oder die Kinderphilharmonie unbestreitbar eine neue, exzellente pädagogische Qualität und eine starke Nachwuchsförderung in den Bezirk. Das sind Leuchttürme mit überregionaler Strahlkraft, die Jugendliche ansprechen, die vom alten Rieckhof-Programm zuletzt kaum noch erreicht wurden.

Auf der anderen Seite steht die alles entscheidende Frage der lokalen Aneignung. Ein Kulturhaus wird vermutlich nach jahrelanger Schließung nicht allein durch durchgetaktete Markenprogramme von oben wiederbelebt werden können. Die Nagelprobe für die Stiftung wird sein, wie viel bedingungsloser Freiraum den Harburgerinnen abseits dieser kuratierten Groß-Events überlassen wird. Finden die unkommerziellen Kiez-Initiativen, die lokalen Selbsthilfegruppen und die im Bezirk verwurzelten Bands den Weg zurück in das sanierte Gebäude? Akzeptiert die Nachbarschaft das neue Haus wieder als ihren Ort, oder bleibt das Gefühl zurück, nur noch Konsument*innen in einem sterilen Kultur-Dienstleistungszentrum zu sein? Die früh gestartete und aktive Vernetzung des Kulturpalast-Team mit dem örtlichen Netzwerk SuedKultur spricht zunächst mal für eine tiefergehende Arbeit an den Wurzeln des Bezirks.  Nach Jahren der Dunkelheit brennt nun an der Rieckhofstraße immerhin erstmal wieder Licht – doch die emotionale Rückeroberung des Hauses durch die Menschen vor Ort hat aber gerade erst begonnen.

Der tiefgreifende Strukturwandel am Rieckhof zeigt aber eben auch exemplarisch, dass das reine, improvisierte Kiez-Wohnzimmer alter Prägung es in der heutigen, von Effizienz und Kennzahlen geprägten Verwaltungs- und Förderwelt extrem schwer hat. Die Anforderungen an Barrierefreiheit, interkulturelle Öffnung und professionelles Management sind real und berechtigt. Doch ein rein funktionales, von oben verordnetes Dienstleistungszentrum läuft Gefahr, seine wichtigste Ressource zu verlieren: die organische Akzeptanz und die Seele des Stadtteils.

Die echte Reifeprüfung für die Stiftung Kultur Palast in Harburg beginnt genau jetzt, nach der langen Phase der Stille. Das runderneuerte Haus wird sich in den kommenden Jahren daran messen lassen müssen, ob es gelingt, die unbestreitbare Professionalität, das finanzielle Geschick und die hohe pädagogische Qualität aus Billstedt mit der nahbaren, eigenwilligen und unperfekten Seele der alten Harburger Tradition zu versöhnen. Nur wenn aus der sterilen neuen Infrastruktur wieder ein echter Freiraum für die Menschen vor Ort wird, kann dieses Experiment gelingen. Dafür aber muss man sie auch einfach mal machen lassen.

Das kommende Programm hier: www.kulturpalast-harburg.com


Tiefgang statt Bezahlschranke!

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Leinen los im Süden https://www.tiefgang.net/leinen-los-im-sueden/ Fri, 29 May 2026 09:27:27 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13925 [...]]]> Wenn Anfang Juni der Duft von Fischbrötchen über den Kanalplatz weht und die ersten Takte Live-Musik die Hafenluft zum Vibrieren bringen, dann wissen wir: Das Harburger Binnenhafenfest läuft!

Es ist wieder soweit. Das Harburger Binnenhafenfest geht in die schon 24. Runde – und wer die vergangenen Jahre kennt, weiß, dass uns hier nicht nur ein Stadtteilfest erwartet, sondern ein maritimes Lebensgefühl, das Harburg so besonders macht.

Drei Tage, drei Bühnen, ein Hafen

Vom 5. bis zum 7. Juni 2026 wird das Gelände rund um den Kanalplatz, das „Wilde Wäldchen“ und den Lotsekai zur großen Bühne für die lokale und überregionale Kreativszene. Über 20 Acts, Bands und DJs sorgen auf drei Bühnen für einen Mix, der vom Blues Brothers Show-Feeling bis hin zu elektronischen Beats am Waggon reicht.

Das erwartet euch auf dem Wasser und an Land:

Das Herzstück des Harburger Binnenhafenfests bleibt natürlich das Element, dem der Stadtteil seinen Charakter verdankt: das Wasser. Wenn am ersten Juni-Wochenende die Leinen losgemacht werden, verwandelt sich das Hafenbecken in eine schwimmende Bühne der maritimen Geschichte.

Das diesjährige Wasserprogramm ist eine Einladung, den Hafen nicht nur als Kulisse, sondern als lebendiges Museum zu begreifen. Im Mittelpunkt steht die traditionelle Einlaufparade, bei der die historischen Schiffe ihre ganze Pracht entfalten und in den Binnenhafen einlaufen – ein Spektakel, das die maritime Tradition Harburgs eindrucksvoll unterstreicht.

  • Open Ships & Zeitreise: Wer wollte nicht schon immer einmal an Bord eines historischen Seglers gehen? Die „Open Ships“ ermöglichen es Besucher*innen, die Decks zu entern, mit den erfahrenen Crews ins Gespräch zu kommen und die Atmosphäre eines echten Fracht- oder Traditionsschiffs zu spüren. Es ist eine seltene Gelegenheit, Technikgeschichte aus nächster Nähe zu erleben.
  • Hafenrundfahrten: Für alle, die den Hafen einmal aus der Froschperspektive betrachten möchten, stehen kostenlose Hafenrundfahrten auf dem Programm. Vom Wasser aus erschließen sich völlig neue Blickwinkel auf die Architektur des Binnenhafens und den Wandel des Quartiers.
  • Maritime Dynamik: Neben den historischen Schätzchen sorgen auch Vorführungen auf dem Wasser für Bewegung im Becken. Ob es sich um kunstvolle Wendemanöver oder maritime Demonstrationen handelt – das Wasser ist an diesen Tagen der Ort, an dem die Hamburger Seemannstradition auf den modernen Harburger Spirit trifft.

„Das Wasser ist unser Markenzeichen“, betonen die Veranstalter immer wieder, und genau diese Verbindung macht den Besuch im Binnenhafen so authentisch. Ob man nun am Kai steht, den Blick über die Masten schweifen lässt oder direkt mit an Bord geht: Das Wasserprogramm ist die Seele des Festes.

Tipp: Besonders am Samstagvormittag, wenn die Parade ihren Höhepunkt erreicht, sollte man sich einen Platz direkt am Lotsekai sichern. Dort hat man die beste Sicht auf das Einlaufen der Schiffe und spürt das maritime Flair am intensivsten.

Programm für Entdecker: Auf Spurensuche im Binnenhafen

Das Harburger Binnenhafenfest ist aber auch für kleine Entdecker*innen ein riesiger Abenteuerspielplatz. Das „Programm für Entdecker“ ist in diesem Jahr besonders vielfältig gestaltet, um Neugier zu wecken und die kleinen Besucher*innen aktiv in das Geschehen einzubinden.

Wer die Welt mit wachen Augen erkundet, kommt am Kanalplatz und Umgebung voll auf seine Kosten. Das diesjährige Fest setzt stark auf das Konzept der aktiven Mitgestaltung:

  • Stempelregatta: Das absolute Highlight für junge Hafenentdecker*innen. Bei der Stempelregatta geht es nicht nur darum, von Station zu Station zu eilen, sondern den Hafen mit ganz neuen Augen zu sehen. An verschiedenen Anlaufpunkten rund um den Binnenhafen können Kinder Aufgaben lösen und sich ihre Stempelkarte füllen. Wer am Ende alle Stationen besucht hat, wird mit einer kleinen Überraschung belohnt.
  • Kreative Mitmach-Angebote: In den verschiedenen Aktionsbereichen können Kinder ihre eigene maritime Kreativität ausleben. Von Bastelstationen, an denen kleine Schiffe aus Naturmaterialien entstehen, bis hin zu spielerischen Elementen, die das Leben im Hafen verständlich machen – hier ist Anfassen und Ausprobieren ausdrücklich erwünscht.
  • Lebendiges Hafenwissen: Warum schwimmen Schiffe eigentlich? Und was machen die großen Kräne da eigentlich den ganzen Tag? Die Kinderprogramm-Partner vor Ort sind darauf eingestellt, solche Fragen nicht trocken zu beantworten, sondern spielerisch zu vermitteln. Das „Wilde Wäldchen“ bietet zudem Raum, um abseits der Bühnen laut zu sein, zu toben und die Natur im Stadtteil zu genießen.
  • Sicherheit und Entspannung: Da das Festgelände bewusst als Familienraum gestaltet ist, gibt es ausreichend Rückzugsmöglichkeiten. Eltern finden hier die nötige Gelassenheit, während die Kinder in betreuten oder gesicherten Bereichen auf Entdeckungstour gehen können.

Das Ziel des Programms ist klar: Das Binnenhafenfest soll nicht nur konsumiert werden, sondern als erlebbarer Raum für die nächste Generation dienen. Wenn die Kinder am Ende des Tages mit einer vollen Stempelkarte und einer Menge neuer Eindrücke nach Hause gehen, dann hat das Fest sein Ziel erreicht – die Stadt als lebendigen Lern- und Erlebnisort zu begreifen.

Tipp für Eltern: Die Stempelkarten sind an den zentralen Info-Points sowie an den gekennzeichneten Mitmach-Stationen erhältlich. Ein kurzer Blick auf die Übersichtskarte am Eingang lohnt sich, um die besten Routen für die „Entdecker-Tour“ zu planen!

Das Fest ist Begegnung pur: Das Fest lebt von den zahlreichen Harburger Vereinen und Institutionen, die hier zeigen, was unseren Stadtteil ausmacht – von interreligiösem Dialog bis hin zu handgemachter Kunst.

Mein Tipp: Nehmt das Fahrrad oder kommt entspannt mit den Öffentlichen (S-Bahn Harburg Rathaus ist nur zehn Minuten entfernt). Wer das Auto wählt, findet am Veritaskai Parkplätze, aber das Hafenflair genießt sich sowieso am besten zu Fuß mit einem Getränk in der Hand, während man den Blick über die Kaimauern schweifen lässt.

Musikalischer Hafen-Mix: Von Rock bis Groove

Das Herz des Binnenhafenfests schlägt natürlich nicht nur im Takt der Gezeiten, sondern vor allem im Rhythmus der Live-Musik. Mit insgesamt 29 Konzerten an drei Tagen wird der Hafen zu einer der größten Open-Air-Bühnen Hamburgs. Das Musikprogramm spiegelt dabei genau das wider, was Harburg ausmacht: Vielfalt, Leidenschaft und ein ordentliches Maß an Energie.

Ob man nun ein Fan von mitreißenden Tribute-Shows ist, sich von Singer-Songwriter-Klängen verzaubern lassen möchte oder den Abend lieber mit einem kühlen Getränk und treibenden Beats am Waggon ausklingen lässt – das Programm auf den diversen Bühnen hält für jeden Geschmack den passenden Soundtrack bereit:

  • Bühnenvielfalt: Über das Festgelände verteilt finden sich verschiedene Spielorte, die jeweils ihren ganz eigenen Charakter haben. Während die Hauptbühne am Kanalplatz für große Momente und die großen Ensembles reserviert ist, bieten die kleineren Bühnen im Lotsekai-Bereich oder im „Wilden Wäldchen“ intime Atmosphäre und Raum für musikalische Experimente.
  • Von Harburg für Harburg: Ein besonderes Augenmerk der Veranstalter liegt darauf, der lokalen Szene eine Plattform zu bieten. Viele der auftretenden Bands und Acts haben einen direkten Bezug zum Hamburger Süden, was den Konzerten eine sehr persönliche, nahbare Note verleiht. Es ist diese Mischung aus lokalen Talenten und erfahrenen Live-Acts, die das Binnenhafenfest so lebendig macht.
  • Elektronik trifft Live-Instrumente: Neben dem klassischen Band-Sound wird auch der elektronische Bereich stark bedient. Besonders am Waggon darf man sich auf Beats freuen, die den Hafen bei Sonnenuntergang in eine stimmungsvolle Tanzfläche verwandeln.

„29 Konzerte – das ist für ein Stadtteilfest eine Ansage“, unterstreicht die Veranstalter-Team, und das Line-up unterstreicht diesen Anspruch. Die Bühnen sind so platziert, dass man beim Schlendern zwischen den Ständen und Schiffen quasi „beim Vorbeigehen“ immer wieder in neue Klangwelten eintauchen kann.

Tipp: Wer kein Konzert verpassen möchte, sollte sich frühzeitig den aktuellen Spielplan an den Info-Points oder auf der offiziellen Fest-Website ansehen. Gerade die Auftritte in den Abendstunden, wenn die Hafenbeleuchtung die Szenerie in warmes Licht taucht, entwickeln eine ganz besondere Magie, die man als Harburg-Besucher*in nicht verpassen sollte.

24. Harburger Binnenhafenfest: 5. bis 7. Juni 2026

Rund um den Kanalplatz, Lotsekai & „Wildes Wäldchen“ | Eintritt: Frei

Mehr Infos: harburger-hafenfest.de


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„Tiefgang“ bewahren! https://www.tiefgang.net/tiefgang-bewahren/ Sun, 17 May 2026 22:50:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13758 [...]]]> Es gibt Momente, da muss man die Lupe beiseitelegen und das ganze Bild betrachten. Im Dezember 2026 feiert das Online-Feuilleton tiefgang.net sein zehnjähriges Bestehen.

Was damals als ambitioniertes Projekt startete, um dem Hamburger Süden eine intellektuelle und künstlerische Stimme zu geben, ist heute eine Institution. Doch während wir die vergangenen 120 Monate Revue passieren lassen, steht eine existenzielle Frage im Raum: Wird es dieses Fenster zur Welt auch 2027 noch geben?

Ein Blick in das Archiv von tiefgang.net zeigt, dass hier weit mehr passiert ist als bloße Berichterstattung. Das Portal hat sich als unverzichtbarer Kompass für die Kulturschaffenden etabliert. In einer Zeit, in der die bürokratischen Hürden für Vereine immer höher werden, bot tiefgang.net handfeste Expertise im Vereinsrecht. Wir haben nicht nur über Kunst geschrieben, wir haben den Künstler*innen geholfen, ihre rechtliche Basis zu sichern. Wenn Ausschreibungen für Fördergelder veröffentlicht wurden, war tiefgang.net oft der erste Ort, an dem die Szene davon erfuhr.

In den Rubriken Musik, Kunst, Film und Literatur wurde der Finger immer wieder in die Wunde gelegt. Wir haben die Darstellenden Künste nicht nur als Unterhaltung begriffen, sondern als Spiegel der Gesellschaft. Dabei war der Service für die Nutzenden stets kostenfrei – eine bewusste Entscheidung für die Zugänglichkeit von Kultur.

Doch diese Freiheit hat einen Preis, der hinter den Kulissen oft unsichtbar bleibt. Ein Online-Feuilleton zu betreiben, bedeutet mehr als nur Texte zu schreiben. Es bedeutet, Server- und Providerkosten zu stemmen, die mit steigenden Zugriffszahlen nicht kleiner werden. Es bedeutet aber auch, sich in einem juristischen Minenfeld zu bewegen. In den letzten Jahren mussten wir immer wieder Abmahnungen wegen vermeintlicher Urheberrechtsverletzungen, etwa bei Bildrechten, abwehren oder schmerzhafte Zahlungen leisten. Solche Vorfälle zehren nicht nur an den finanziellen Reserven, sondern auch an der moralischen Substanz eines ehrenamtlich geprägten Projekts.

Die aktuelle Situation in Harburg verschärft diesen Druck. Wenn die Politik, wie im Schreiben des Vorsitzenden der Bezirksversammlung Holger Böhm deutlich wurde, künftig eine dauerhafte Förderung für viele Projekte infrage stellt, dann trifft das auch die indirekte Infrastruktur der Kultur. Wenn Einrichtungen wie die Kiezläufer*innen oder die SuedLese (siehe „Ein politischer Offenbarungseid“) um ihre Existenz bangen müssen, braucht es erst recht ein Medium, das diese Missstände benennt und die Akteur*innen vernetzt.

tiefgang.net steht an einer Wegscheide. Wir möchten auch 2027 über die Vielfalt im Hamburger Süden berichten, Tipps geben und kritische Fragen stellen. Aber wir können das nicht mehr allein aus eigener Kraft stemmen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, und genau diese Gemeinschaft rufen wir nun an.

Unter www.paypal.com haben wir eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Es geht dabei um mehr als nur um Technik und Anwält*innen. Es geht um das Versprechen, dass der Hamburger Süden auch künftig einen Ort hat, an dem Kultur mit der Tiefe behandelt wird, die sie verdient.

Es liegt an Dir, ob wir auch im elften Jahr gemeinsam abtauchen können. Damit aus dem Schweigen der Brückenbauer*innen keine dauerhafte Funkstille für das Feuilleton des Südens wird.


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Die Mauer aus Paragrafen https://www.tiefgang.net/die-mauer-aus-paragrafen/ Sat, 09 May 2026 22:11:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13800 [...]]]> Die Debatte um die Harburger Kulturförderung erreicht mit der Stellungnahme der Behörde für Kultur und Medien (BKM) vom 5. Mai 2026 eine neue, ernüchternde Stufe der bürokratischen Logik.

Wer glaubte, dass die seltene Einigkeit der Harburger Parteienlandschaft in der Kulturbehörde für ein Umdenken sorgen würde, sieht sich nun eines Besseren belehrt. Es ist ein politisches Schauspiel der besonderen Art: Alle Harburger Fraktionen – von der Linken bis zur FDP – stehen Seite an Seite und fordern eine jährliche Erhöhung der Mittel um 457.000 Euro. Sie wollen endlich die Früchte des Kulturentwicklungsplans ernten und Institutionen wie SuedKultur oder das Kulturhaus Süderelbe auf ein solides Fundament stellen. Doch die Antwort aus der City liest sich wie ein Lehrstück in Sachen Zuständigkeitsvermeidung.

Die Kulturbehörde vollführt in ihrer Stellungnahme einen bemerkenswerten rhetorischen Spagat. Einerseits gibt sie den Harburger*innen recht: Ja, der Bezirk ist unterfinanziert. Ja, das kulturelle Potenzial wird nicht ausgeschöpft und kann es auch nicht. Andererseits zuckt sie mit den Achseln und verweist auf eine Steigerung von mickrigen 1,39 %, die gerade einmal die Tarifsteigerungen auffängt. Mehr sei nicht drin, und eine einseitige Bevorzugung Harburgs verbiete das System.

Das ist das Harburger Paradoxon: Man bescheinigt dem Bezirk schwarz auf weiß eine strukturelle Benachteiligung, weigert sich aber, diese zu beheben, weil man damit andere Bezirke benachteiligen könnte, die historisch gesehen ohnehin mehr Geld bekommen. Die Forderung der Behörde, dass alle sieben Bezirke gemeinsam einen neuen Verteilungsschlüssel aushandeln müssen, gleicht einer diplomatischen Sackgasse. Es ist, als würde man sieben hungrigen Menschen einen zu kleinen Kuchen hinstellen und verlangen, dass sie sich einstimmig auf eine neue Verteilung einigen, während einige bereits seit Jahren die größeren Stücke auf dem Teller haben.

Besonders bitter stößt auf, dass die Behörde die bezirkliche Entscheidungshoheit als hohes Gut preist. Doch was nützt die Hoheit über die Mittel, wenn diese Mittel hinten und vorne nicht reichen, um die selbst gesteckten Ziele der Kulturentwicklung zu erreichen? Das Bezirksamt hat einen Mehrbedarf von fast einer Million Euro angemeldet. Die Antwort der Behörde darauf ist eine Nullrunde mit Ansage.

Die Harburger Abgeordneten in der Bürgerschaft sind nun mehr denn je gefordert. Wenn die Behörde sich hinter dem Verteilungsschlüssel verschanzt, muss der politische Druck direkt in den Haushaltsverhandlungen der Stadt erhöht werden. Es geht nicht darum, anderen Bezirken etwas wegzunehmen. Es geht darum, dass eine wachsende Stadt wie Hamburg ihre Stadtteilkultur nicht nach historischen Zufälligkeiten, sondern nach aktuellen sozialen Realitäten finanzieren muss.

Wenn die Mauer aus Paragrafen nicht fällt, wird der viel gelobte Kulturentwicklungsplan als Papiertiger in den Archiven verstauben. Harburg hat geliefert, was Konzepte und Engagement angeht. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Hansestadt zeigt, ob ihr die kulturelle Teilhabe südlich der Elbe wirklich mehr wert ist als eine freundliche Stellungnahme. Alles andere wäre eine Fortsetzung jener Böhmschen Briefkultur, die zwar korrekt im Ton, aber verheerend in der Wirkung ist.


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Stimmen der Gegenwart https://www.tiefgang.net/stimmen-der-gegenwart/ Sat, 25 Apr 2026 22:39:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13690 [...]]]> Wenn in Buxtehude jährlich die Shortlist für den Buxtehuder Bullen präsentiert wird, ist es immer auch ein lokales Bekenntnis zur Leseförderung und zum Dialog zwischen den Generationen. Am 23. April wurde nun die Liste für den 55. Bullen offiziell vorgestellt.

Aus rund 80 Titeln hat die Jury fünf Favoriten ausgewählt, die nun um die renommierte Stahltrophäe und das Preisgeld von 5.000 Euro konkurrieren.

Das Herzstück dieses Jugendliteraturpreises ist seit seiner Gründung durch Winfried Ziemann im Jahr 1971 die absolute Augenhöhe. Elf Jugendliche und elf Erwachsene bilden eine paritätische Jury. Diese Struktur sorgt dafür, dass die Auswahl nicht über die Köpfe der Zielgruppe hinweg getroffen wird, sondern mitten aus ihrer Lebensrealität heraus entsteht. Dass der Preis heute durch die Stadtbibliothek und Förderer wie die Else und Heinrich Klindworth-Stiftung getragen wird, unterstreicht die tiefe Verwurzelung in der Stadtgesellschaft.

Die diesjährige Shortlist ist ein Spiegelbild globaler und persönlicher Krisen, verpackt in mitreißende Narrative. Jedes der fünf Bücher fordert seine Leser*innen heraus, die Perspektive zu wechseln.

Basma Hallak greift in Please Unfollow (Arctis, 416 Seiten, 19 Euro) das Thema Sharenting auf. Die Geschichte der 17-jährigen Sherry, deren Leben ungefragt auf Social Media vermarktet wurde, ist ein hochaktuelles Plädoyer für das Recht auf die eigene Identität in einer digitalisierten Welt.

Mit Hilde Myklebusts Auch am Tag leuchten die Sterne (CARLSEN, 256 Seiten, 15 Euro; übersetzt von Meike Blatzheim) weht ein norwegischer Wind durch die Auswahl. Die Erzählung über Mia, die zwischen Musical-Träumen und einer schweren Krankheitsdiagnose im Freundeskreis ihren Weg finden muss, besticht durch eine feine Balance zwischen Melancholie und Hoffnung.

Nina Scheweling führt uns mit Academy of Lies – Anatomie einer Verschwörung (LOEWE, 400 Seiten, 16,95 Euro) in die Welt der Elite-Internate. Hier verbindet sich das Thema Organtransplantation mit einem packenden Thriller-Plot, der die moralischen Grenzen wissenschaftlichen Ehrgeizes auslotet.

Einen harten Blick in die Geschichte wirft Moritz Seibert in seinem Debüt Das letzte Aufgebot (Karibu, 320 Seiten, 16,99 Euro). Er erzählt vom Schicksal eines 15-Jährigen in der Hitler-Jugend am Ende des Zweiten Weltkriegs – eine mahnende Erinnerung daran, wie zerbrechlich Frieden und Unschuld sind.

Schließlich lenkt Tara Sullivan mit The Bitter Side of Sweet (Peter Hammer Verlag, 320 Seiten, 14 Euro; übersetzt von Sandra Knuffinke und Jessica Komina) den Fokus auf die moderne Sklaverei auf Kakaoplantagen. Es ist eine Geschichte über Mut und Widerstand, die uns schmerzhaft bewusst macht, welchen Preis unser täglicher Konsum anderswo fordert.

„Es sind (Jugend-) Romane, die bewegen und Denkanstöße geben. Toll, wenn Bücher oder Geschichten das schaffen. Mit der Shortlist laden wir Jung und Alt dazu ein, mit den Protagonist*innen mitzudenken und mitzufühlen und vielleicht dabei auch die eigene Perspektive zu reflektieren“, so Melanie Hainke, Verantwortliche des Bullen-Projektteams. Für die Buxtehuder*innen und ihre Gäste wird die Literatur so in den kommenden Wochen im gesamten Stadtbild präsent sein. Von Mai bis Juli laden verschiedene Leseplätze in der Altstadt dazu ein, in die nominierten Werke hineinzuschnuppern. Ob in der Altstadtbuchhandlung, im Galerie Café Baham oder direkt am BULLEvard – die Stadt wird zur Leselounge.

Den krönenden Abschluss bildet der Preisentscheid am Dienstag, den 23. Juni 2026, um 19 Uhr im Stieglitzhaus. Dort wird sich zeigen, welches Werk die Jury am stärksten überzeugt hat. Ein Tag im 55. Jahr, in dem Buxtehude einmal mehr beweist, dass gute Geschichten keine Altersgrenzen kennen, sondern Menschen verbinden können. Wer neugierig auf die Stimmen von morgen ist, sollte sich diesen Termin rot im Kalender markieren.

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Crazy Creatures in City Galerie https://www.tiefgang.net/crazy-creatures-in-city-galerie/ Fri, 10 Apr 2026 22:14:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13621 [...]]]> Die KunstPassage im Durchgang der Harburger City Galerie hat seit Ostern einen Neuen Hingucker: Yvonne Lautenschläger stellt als nunmehr dirtte Künstlerin dort aus.

Wer sagt eigentlich, dass der Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen grau sein muss? In der Harburger City Galerie wird dieser Mythos gerade Stein für Stein – oder besser: Leinwand für Leinwand – abgebaut. Seit Ostern weht ein neuer, ziemlich verrückter Wind durch die KunstPassage. Yvonne Lautenschläger hat die Glasvitrinen im Durchgang zwischen Lüneburger Straße und Harburger Ring übernommen, und sie hat Gesellschaft mitgebracht: ihre „Crazy Creatures“.

Nach den abstrakten Köpfen von Frank Vaders und der tropischen Farbgewalt von Thomas Behrens schlägt die Kunstleihe Harburg nun das dritte Kapitel ihres einjährigen Projekts auf. Yvonne Lautenschlägers Ausstellung „Crazy Creatures & Patterns“ ist genau das, was der Name verspricht: eine Explosion aus Humor, leuchtenden Pigmenten und Formen, die sich nicht so recht entscheiden wollen, ob sie nun Abstraktion oder Fabelwesen sind.

Lautenschläger, die unter ihrem Künstlernamen „medea“ firmiert, kombiniert großformatige Acrylwerke mit einer fast schon plakativen Hintergrundgestaltung. Ihre Kreaturen blinzeln Passant*innen mit einem Augenzwinkern entgegen – mal verspielt, mal nachdenklich, aber immer mit einer Prise Ironie, die den Alltagstrott für einen Moment unterbricht.

Von der Wissenschaft zur wilden Leinwand

Besonders faszinierend ist die Frau hinter den Pinseln. Geboren 1964 in Bielefeld, führte ihr Weg erst über ein naturwissenschaftliches Studium und Jahre im Beruf, bevor sie sich traute, ihrem lebenslangen Traum Raum zu geben. Heute ist ihre Kunst international gefragt – von der Artfair Beijing bis hin zur Hamburger Bunkerhill Galerie.

Dass sie nun ausgerechnet in der Harburger Innenstadt ausstellt, ist ein Glücksfall für das Quartier. Unterstützt durch den Verfügungsfonds „Mitten in Harburg“, zeigt dieses Projekt einmal mehr, wie man ungenutzte Flächen im öffentlichen Raum mit Leben füllen kann. Die Kunst kommt hier nicht nur zu den Menschen, sie bleibt auch: Wer sich unsterblich in eines der Wesen verliebt, kann die Originalwerke sogar direkt über die Kunstleihe Harburg für das eigene Wohnzimmer entleihen.

Ein Farbtupfer bis zum Sommer

Die „Crazy Creatures“ bleiben uns bis Ende Juni 2026 erhalten. Es ist eine Einladung, den Blick vom Smartphone zu heben und sich von der Freude am Unerwarteten verzaubern zu lassen. Ein kleiner Urlaub für die Augen – mitten im Harburger Ring.

Ausstellung „Crazy Creatures & Patterns“: bis Ende Juni 2026 während der Öffnungszeiten der City Galerie frei zugänglich. Weitere Einblicke in das Schaffen der Künstlerin gibt es auf ihrer Website www.medeas.space. Informationen zum Ausleih-Service finden sich bei der Kunstleihe Harburg unter www.kunstleihe-harburg.de.

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Ein Fest der vollen Häuser https://www.tiefgang.net/ein-fest-der-vollen-haeuser/ Thu, 09 Apr 2026 22:58:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13602 [...]]]> Vier Wochen lang war der Hamburger Süden nicht wiederzuerkennen. Wo sonst der Alltag zwischen Pendelzügen und Hafenbecken taktet, regierten im März die Worte. Die 11. SuedLese ist Geschichte, aber der Nachhall dieses literarischen Marathons ist in Harburg, Wilhelmsburg und bis weit nach Buxtehude hinein noch deutlich zu spüren.

Unter dem passenden Motto Orte der Worte verwandelte sich die gesamte Region in eine einzige, pulsierende Bühne für alles, was zwischen zwei Buchdeckel passt – und oft weit darüber hinausging.

Es war ein Fest der vollen Häuser. Dass die SuedLese längst eine feste Institution ist, zeigte der enorme Andrang. Ob bei den großen Namen wie Michel Abdollahi, der trotz terminlicher Verschiebung für ungebrochene Begeisterung sorgte, oder in der intimen Atmosphäre von Claus-Peter Rathjens plattdeutscher Wohnzimmerlesung: Die Neugier des Publikums war grenzenlos. Wer zu spät kam, stand oft vor verschlossenen Türen – ein schönes Luxusproblem für die lokale Kulturszene.

Besonders hängen geblieben ist die Energie der Debüts. In Buxtehude feierte die Ladies Crime Night Premiere und bewies, dass Krimis im Zehn-Minuten-Takt mit echtem Adrenalin funktionieren. Wenn der Schuss vom Band die Lesezeit gnadenlos beendete, blieb das Publikum mit Cliffhangern zurück, die förmlich nach dem Gang zum Büchertisch schrien. Es ist genau dieser Mix aus Unterhaltung und Anspruch, den die Organisator*innen um Heiko Langanke so meisterhaft kuratieren.

Doch die SuedLese scheute auch die harten, schmerzhaften Themen nicht. Dominik Bloh berichtete in einer fast greifbaren Intensität von seinen Jahren auf der Straße und seinem Weg zurück in die Sichtbarkeit. Rina Schmeller brach im Speicher am Kaufhauskanal mit ihrem Debüt Co das Schweigen über Co-Abhängigkeit, während Mia Raben am Moorburger Elbdeich die unsichtbaren Geschichten polnischer Pendel-Migrant*innen beleuchtete. Diese Stimmen gaben dem Festival eine politische Relevanz, die weit über rein literarische Zirkel hinausreicht.

In den Gesprächen mit den Künstler*innen wurde deutlich, wie sehr die Orte die Texte prägen. Jan Simowitsch entführte seine Zuhörer*innen im Amtshaus Moisburg bis auf die Färöer-Inseln und ließ sie an seinem radikalen Ausbruch teilhaben. Kea von Garnier nutzte die raue Atmosphäre des Stellwerks im Harburger Bahnhof, um über die Verletzlichkeit junger Männer und das Patriarchat zu sprechen. Es sind genau diese Begegnungen auf Augenhöhe, die das Festival so nahbar machen.

Zum Abschluss setzte die belarussische Philosophin Olga Shparaga im Kulturhaus Süderelbe einen wichtigen Akzent. Ihr Bericht über den Mut der Frauen in Belarus und die Kraft der zivilen Solidarität erinnerte daran, dass Kultur und Freiheit untrennbar miteinander verwoben sind.

Organisator Heiko Langanke blickt auf einen rasanten Lauf zurück, der trotz mancher Debatten im Vorfeld die demokratische Grundhaltung des Festivals unterstrich. Sein Beharren auf der Eigenverantwortung der Orte und dem Respekt vor der künstlerischen Freiheit ist das Rückgrat der SuedLese. Wenn am Ende die Wangen der Besucher*innen noch vibrieren, wie es Jan Simowitsch hoffte, dann hat dieses Festival alles richtig gemacht. Der Hamburger Süden hat bewiesen, dass er nicht nur arbeiten, sondern auch leidenschaftlich zuhören und streiten kann. Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Kapitel.

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