Das wahre Kunstabenteuer beginnt dort, wo der Rahmen nicht an der Museumswand endet, sondern im eigenen Flur seinen Platz findet. Yasmin Delaneuve macht sich in einer vierteiligen Serie auf den Weg, die Kunst des (Ver-)Leihens zu ergründen …
Wer den Schritt wagt und sich das erste Mal ein Original aus der Harburger Kunstleihe [1] unter den Arm klemmt, betritt ein ästhetisches und sehr persönliches Experimentierfeld. Denn das Erlebnis der Leihenden unterscheidet sich grundlegend von dem Flüchtigen in einem Museum und erst recht dem Kauf eines standardisierten Posterdrucks im Möbelhaus. Hier zieht kein totes Dekorationsobjekt ins eigene Zuhause ein, sondern ein Gegenstand mit Ecken, Kanten und einer eigenen Persönlichkeit.
Wie die Ehrenamtlichen der Kunstleihe im Gespräch erzählen, beginnt die Reise oft ganz pragmatisch und fast harmlos: Da ist eine kahle Stelle an der Wand, vielleicht genau über dem roten Sofa. Man sucht etwas Dekoratives, das farblich passt – Rottöne im Bild sollen die Töne des Sofas aufgreifen. Doch schon bei den ersten Schritten der Auswahl passiert etwas Unerwartetes: Viele Leihende stellen rasch fest, dass sich die Raumwirkung durch ein echtes Werk fundamental verändert. Plötzlich bekommt Kunst einen ganz anderen Stellenwert: Sie ist nun prägend, beeinflussend und charakterbildend.
„Nach dieser anfänglichen „Deko-Phase“ werden die Menschen meist mutiger“, erklärt Heiko Langanke von der Kunstleihe Harburg. Das Experimentieren mit ungewohnten Techniken, kräftigen Farben, fremden Motiven oder neuen Formaten beginnt. Schließlich weiß man: Wenn das Experiment im eigenen Wohnzimmer misslingt oder nach ein paar Monaten ausdiskutiert ist, kann man das Werk unkompliziert wieder tauschen und das ästhetische Abenteuer in eine neue Richtung lenken.
Wie tiefgreifend dieser Prozess sein kann, zeigt sich in Rückmeldungen der Leihenden, die die Kunstleihe für ihren Blog der Webseite nutzt. So ist die Aktion „kunst@home“, bei der Leihende Fotos ihrer heimischen Wände mit den entliehenen Werken einreichen und auf dem Blog der Kunstleihe teilen, ein besonders lebendiger Beleg dafür. Diese Aufnahmen zeigen eindrücklich, wie sehr Kunstobjekte Räume transformieren – und umgekehrt: Der private Raum bricht die strenge, sterile Neutralität eines Ausstellungsraums auf und bettet das Werk in den echten, ungekünstelten Alltag ein.
Nachbarn, Diskurse und die Frage nach dem Wer
Die Anwesenheit eines Originals im privaten Raum wirkt aber über die eigenen vier Wände hinaus. Wenn Nachbar*innen oder Freund*innen zu Besuch kommen, fällt der Blick unweigerlich auf das neue Bild an der Wand. Sätze wie „Hast du das neu?“ sind oft der Startschuss für lange, überraschende Gespräche über Ästhetik, persönliche Anschauungen und Weltbilder. Manchmal laden Leihende ihren Bekanntenkreis sogar bewusst zu einer kleinen, privaten „Vernissage“ ein, wenn ein neues Werk eingezogen ist. Mundpropaganda in reinster Form!
Bemerkenswert ist dabei ein psychologischer Effekt, den die Kunstleihe-Macher*innen immer wieder beobachten: Wenn die Leihfrist sich dem Ende neigt und die Frage im Raum steht, ob man das Werk noch einmal verlängern kann, folgt fast immer sofort die Frage: „Von wem ist das eigentlich?“ Hinter dieser scheinbar schlichten Neugier – oder vorherigen Ignoranz ?! – verbirgt sich im Grunde aber eine tiefe Wertschätzung für das Werk an sich. Im Gegensatz zum Namedropping großer Galerien und Kunstauktionen zählt hier nämlich offenbar und zuerst die unmittelbare Faszination des Ergebnisses. Erst danach entsteht das echte Interesse an der Person hinter der Staffelei.
Fakten und Zahlen zu Artotheken und Kunstverleihen
Schaut man auf die Geschäftsberichte von Städten wie Köln, Kiel, Bremen oder Buxtehude bewegen sich die Kosten eines Kunstverleihs je nach Einbindung in die jeweilige kommunale oder städtische Verwaltung in einem ähnlichen Bereich. Die Kunstleihe Harburg – bisher vorwiegend auf eigene Kappe arbeitend – schätzt die Raumkosten (Miete und Nebenkosten) je nach Standort auf etwa 28.000 Euro. Die Personalkosten für den laufenden Betrieb betragen etwa 30.000 Euro. Ein jährlicher Ankaufsetat zur Erweiterung des Bestands könnte bei etwa 5.000 Euro schon kleine Wunder vollbringen. Die Ausgaben für Materialien wie Verpackungen und konservatorischen Bedarf betragen etwa 1.500 Euro pro Jahr. Die Leihentgelte für die Nutzenden variieren je nach Laufzeit, wie beispielsweise in Buxtehude mit 6,00 Euro für drei Monate oder 12,00 Euro für sechs Monate. Tritt die Einrichtung bei einem Verkauf von Kunstwerken als Kommissionär auf, wird bei einigen Artotheken eine Provision von etwa 10 Prozent des Bildwertes einkalkuliert. Die Kunstleihe Harburg tut dies nicht, schon um mit den lokalen Galerien nicht in Wettbewerb zu treten.
Generationenübergreifendes Entdecken
Die Erfahrung des Leihens schert sich beim Blick auf die Schar der Leihenden nicht um Altersgrenzen. Junge Menschen, die oft durch Studium oder Beruf neu in die Stadt gezogen sind, nutzen die Kunstleihe ebenso selbstverständlich, wie sie es vielleicht aus ihren Heimatorten kannten. Getreu dem modernen Gedanken der Share Economy – wenn man Autos, Räder und Werkzeuge problemlos teilt, warum dann nicht auch Kunst? –, passt dieses Modell perfekt zu einer Generation, deren Etats oft anders gewichtet sind und die den authentischen Wert eines Originals dem seelenlosen Massenprodukt vorzieht.
Besonders charmant ist die Beteiligung der Jüngsten: Junge Eltern nehmen ihre Kinder oft einfach mit auszuwählen. Die Sprösslinge erleben das Kunstwerk fortan rund um die Uhr, äußern ganz unbefangen ihr Gefallen oder ihr Unbehagen und stoßen damit in der Familie plötzlich Dialoge an, die man in keinem Schulbuch findet. Über die Jahre reift so der eigene Geschmack – und ganz nebenbei wächst eine neue Generation heran, für die Kunst kein abgehobenes Elitenphänomen oder unnahbar ist, sondern eine selbstverständliche Begleiterin des Lebens.
Konfrontiert man die Macher*innen der Kunstleihe mit der bangen Frage: „Ist das denn versichert?“, fällt die Antwort überraschend unkonventionell aus. Im Gespräch wird deutlich, dass man dort mittlerweile bewusst auf klassische Versicherungen verzichtet. Die Argumentation ist pragmatisch: Statt jährliche Versicherungssummen zu zahlen, investiert man das Geld lieber direkt in den Ankauf neuer Werke, wodurch im seltenen Schadensfall weder die Kunstleihe noch die Kunstschaffenden in ein unlösbares Dilemma geraten. Kleinere Schäden am Rahmen oder Glas wurden bisher unkompliziert von den Leihenden aus eigener Tasche oder über deren Haftpflichtversicherung geregelt. Bei einem Totalschaden durch Feuer oder Wassereinbruch stünde ohnehin die schmerzhafte Tatsache im Vordergrund, dass das unwiederbringliche Werk aus der Welt ist, während der Aufwand für teure Wertgutachten bei Werken bis zu 2.000 Euro in keinem Verhältnis stünde. Zudem hat eine süddeutsche Artothek ihren Blick auf einen weit pragmatischeren Weg gelenkt: Gemeinsam mit der städtischen Kämmerei wurde die Kunst dort als Gebrauchskunst und Inventar – ähnlich wie PCs oder Büromöbel – festgeschrieben, bei der durch die häufige Leihe eine buchhalterische Wertminderung (ähnlich der AfA-Abschreibung) angesetzt wird. So entfällt der gigantische juristische Streit- und Versicherungsapparat, und an seine Stelle tritt ein unaufgeregter, realitätsnaher Umgang mit den kleinen und großen Risiken des Kulturalltags. „Am besten wäre, die Kunst gehört uns. Dann gibt es ideellen Schmerz – aber die Kunstschaffenden wären auf der sicheren Seite“, so Heiko Langanke, vom Hamburger Leihbetrieb.
Nächste Woche Teil 4: Der Weg zu Hamburgs größter Ausstellung
Teil 1: Sharing-Geist ohne Kunst? [2]
Teil 2: Die Ästhethik des Teilens [3]
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