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Eine Hommage an Heidi Meyer

Die Buxtehuder Künstlerin Heidi Meyer verabschiedet sich mit einer beeindruckenden Werkschau vom Kunstbetrieb.

Wenn sich am Die., 28. April 2026 die Türen des Buxtehuder Marschtorzwingers für die Ausstellung Geschriebene Farben öffnen, schließt sich ein beeindruckender Lebenskreis. Für die in Hamburg geborene und heute in Buxtehude lebende Künstlerin Heidi Meyer ist diese Schau die letzte ihrer öffentlichen Karriere. Es ist ein Abschied voller Dankbarkeit, ein bewusster Rückzug aus dem Ausstellungsbetrieb, der jedoch keineswegs ein Verstummen bedeutet. Vielmehr ist es die Krönung eines Werkes, das die Grenzen zwischen Kontinenten, Techniken und philosophischen Ansätzen über Jahrzehnte hinweg aufgelöst hat.

Wer die großformatigen Arbeiten Heidi Meyers betrachtet, stößt auf eine faszinierende Verbindung aus fernöstlicher Zurückhaltung und westlicher Abstraktion. Die Technik, mit der sie Papier eigenhändig auf Holzrahmen aufzieht und bearbeitet, hütet sie wie ein kostbares Geheimnis. Dahinter steckt kein bloßer Schutz vor Nachahmung, sondern eine tiefgehende Überzeugung: Jede*r Künstler*in muss den eigenen Weg, die eigene Haptik und den eigenen Widerstand des Materials selbst erproben und finden. Es geht um die Freiheit des Experiments.

Diese Freiheit prägte auch ihre Zeit als Hochschuldozentin an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Das gemeinsame Erkunden, wie Wasser auf verschiedenen Papiersorten reagiert oder wie eine Linie im Raum atmet, war ihr wichtiger als starre Vorgaben. Ihr Werk fordert ein Nachspüren der Natur und das In-Verbindung-Setzen mit der Farbe, was ihr selbst, wie sie sagt, ein Gefühl des Seins gibt.

Zwischen Osaka, Paris und der Geest

Meyers Biografie liest sich wie eine Landkarte der Weltkunst. Lange Jahre lebte und arbeitete sie in Japan, einem Land, zu dem sie eine tiefe spirituelle und künstlerische Verbundenheit entwickelte. Ihr Stil der geschriebenen Malerei ist ohne die Einflüsse der japanischen Kalligrafie und Formensprache kaum denkbar. Dass der japanische Kaiser gleich dreimal die Schirmherrschaft für ihre Ausstellungen unter dem Titel Japan in Deutschland übernahm, unterstreicht die außergewöhnliche Relevanz ihres Schaffens im interkulturellen Dialog.

Ihre Werke hängen heute an Orten von globaler Strahlkraft: vom Rathaus in Osaka über das Goethe-Institut in Hanoi bis hin zu bedeutenden Sammlungen in Paris, Singapur und den USA. Auch nationale Institutionen wie die Staatsgalerie Stuttgart oder das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg führen ihre Arbeiten. Doch trotz dieser Weltläufigkeit blieb der Bezug zur norddeutschen Heimat stets lebendig. Nach Jahren im Ausland kehrte sie nach Buxtehude zurück, betrieb dort ihre Galerie Am Geesttor und bereicherte die regionale Kunstlandschaft nachhaltig.

Ein besonderes Juwel dieser letzten Ausstellung wird die Vorführung ihres 16-mm-Kurzfilms Es könnte Frühling werden, oder es wird sowieso Frühling oder nicht aus dem Jahr 1976 sein. Aufgenommen mit einer Bolex-Kamera, ungeschnitten und im radikalen Selbstversuch, zeigt der Film eine Künstlerin, die schon früh keine Angst vor dem Unvollkommenen und dem Prozesshaften hatte. Es ist ein Dokument des Mutes zum Sehen – ein Appell, den sie bis heute an ihre Betrachter*innen richtet: Statt Kunst vorschnell zu bewerten, solle man ihr offen begegnen und eigene Eindrücke wachsen lassen.

Die Laudatio zur Eröffnung wird Dr. Manfred Osten halten – ein Weggefährte, der sie bereits in Tokio und Paris begleitete und somit den Bogen von der Welt zurück in den Marschtorzwinger schlagen wird. Auch wenn sich Heidi Meyer nun zurückzieht, bleiben ihre Farben geschrieben – in den Sammlungen der Welt und in den Herzen derer, die ihren Ruf zum Mut zum Sehen gehört haben.

Heidi Meyer – Geschriebene Farben | 28. April bis 7. Juni 2026

Filmvorführung: Sonntag, 31. Mai 2026, 14:00 Uhr (16-mm-Kurzfilm von 1976)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 15 –18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr

Marschtorzwinger, Liebfrauenkirchhof, 21614 Buxtehude | Eintritt: Frei

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