Baukunst https://www.tiefgang.net Sat, 31 Oct 2020 11:40:45 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.2 Neues Bauen vor 100 Jahren https://www.tiefgang.net/neues-bauen-vor-100-jahren/ Fri, 18 Oct 2019 22:54:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=5922 [...]]]> In Harburg wird gebaut wie lange nicht. Das war ähnlich vor hundert Jahren. Doch die Art der Bauten war eine andere. Ein Vortrag erklärt nun warum.

Das Archäologische Museum Hamburg präsentiert am Donnerstag, dem 31. Oktober um 18 Uhr einen neuen Vortrag in der Reihe „Schaufenster der Geschichte“. Diesmal wird Dipl. Ing. Architekt Christoph Schwarzkopf vom Denkmalschutzamt über „Neues Bauen in Harburg in den 1920ern Jahren“ sprechen. Der Vortrag führt zurück in eine Zeit, in der Harburg sein Gesicht veränderte. Moderne Architektur prägte die neu entstehenden Stadtgebiete und präsentierte sich in der Formensprache des „Neuen Bauens“. Die junge Großstadt Harburg erhielt in dieser Zeit einige große und bedeutende Gebäude, mit deren Bau die verantwortlichen Politiker und Architekten eine Zeitwende markieren wollten.

Harburg war bis 1937 eine selbstständige Stadt, die in den 1920er Jahren, wie viele andere Städte in Preußen, von sozialdemokratisch orientierten Kommunalpolitikern geprägt wurde. Gerade während der Weimarer Republik sollte fortschrittliche Stadtpolitik durch eine moderne architektonische Gestaltung zum Ausdruck gebracht werden, deren Architektursprache der „Neuen Sachlichkeit“ – einer Stilrichtung des „Neuen Bauens“  – später als Bauhausarchitektur bekannt und berühmt wurde. Baulichen Ausdruck fanden diese Bestrebungen in Harburg in Gebäuden, wie dem Friedrich-Ebert-Gymnasium, dem Stadtbad an der Bremer Straße oder dem Parkeingang am Marmstorfer Weg. Die Siedlungen des „Neuen Bauens“ sollten nicht länger um dunkle, enge Höfe gebaut werden, sondern in grüner Umgebung Licht, Luft und Sonne bekommen. Die Architektur sollte nicht durch Verzierungen leben, sondern durch ihre einfachen Formen wirken. Das „Neue Bauen“ war damals mit seinem gestalterischen und sozialen Anspruch etwas radikal Neues. In der Fachwelt werden die Bauten dieser Richtung durchgängig bis in die heutige Zeit hoch geschätzt. In der kurzen Blütezeit der Weimarer Republik war das „Neue Bauen“ in Harburg die einflussreichste und prägendste Strömung der Architektur.

Die Vortragsreihe geht weiter: Am Donnerstag, dem 28. November um 18 Uhr präsentiert das Museum einen Vortrag zur Harburger Stadtgeschichte: Diesmal wird Dr. Rüdiger Articus über die Anfangstage der Fotografie in Norddeutschland sprechen.

Termin: Donnerstag, 31. Oktober 2019 um 18.00 Uhr

Referent: Dipl. Ing. Architekt Christoph Schwarzkopf vom Denkmalschutzamt Hamburg

Ort: Archaeologicum des Archäologischen Museums Hamburg, Harburger Rathausstraße 5, 21073 Hamburg, Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 3 Euro, www.amh.de

 

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Geld, Herz & Verstand https://www.tiefgang.net/geld-herz-verstand/ Fri, 21 Sep 2018 22:46:12 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4056 [...]]]> Denkmalschutz – da bekommen es viele Investoren erstmal mit der Angst. Dabei gibt es neben den ideellen Werten auch so gute Argumente …

Bei der Sanierung denkmalgeschützter Gebäude arbeiten in Deutschland Staat und private Investoren Hand in Hand: Eigennutzer und Kapitalanleger schaffen hochwertigen Wohnraum mit Charme. Weil sie mit ihrer Investition wertvolle Kulturgüter vor dem Verfall retten, bedankt sich der Staat mit einem großzügigen Steuergeschenk.

Das Jahresmagazin „Denkmalsanierung“ beleuchtet einmal im Jahr als unabhängiges Medium den Markt der Denkmalimmobilien und gibt Eigennutzern, Kapitalanlegern, aber auch Fachleuten viele Informationen rund um die Themenkreise

  • planen & entwickeln
  • finanzieren & fördern
  • sanieren & restaurieren
  • informieren & wissen

Ein großes Verzeichnis führender Architekten, Restauratoren, Denkmalentwickler, Sanierungs- und Bauträger sowie Bauunternehmen und Bausstoffhersteller ergänzt die „Denkmalsanierung“.

Die wichtigsten Adressen der Denkmalsanierung finden Sie dort und einen Blick ins Heft kann man auch werfen: Hier geht’s zu den Leseproben.

Inhalt der aktuellen Ausgabe:

+++ Die Weißenhofsiedlung

+++ Energieberater im Baudenkmal

+++ Emissionsfreie Denkmale?

+++ Historische Kelleranlagen

+++ Denkmalwert erkennen – Gebäudemorphologie

+++ Denkmalsanierung und Artenschutz – Sanierungsfolgen für Wildbienen

+++ Die Begeisterung einer Architektin

+++ Denkmale der Motorisierung – Tankstellenarchitektur

+++ Traditionelle Putztechniken – Das 1 × 1 der Fassadenoberflächen

+++ Historisches Gewand im alten Glanz – Fassadensanierung

+++ Häuser statt Rüstung – Das MAN-Stahlhaus

+++ Wenn Träume fliegen lernen – Translozierung

+++ Hochwassersanierung in Passau

+++ Erhaltenswert ohne Denkmalschutz – Energetische Ertüchtigung

+++ Sommerlicher Wärmeschutz

+++ Betonbauten von Gewicht – Betonbrutalismus

+++ Ehrlich, direkt, berührend – Sanierung von Bauten des Betonbrutalismus

+++ Segen oder Fluch? – Betoninstandsetzung im Denkmalschutz

+++ Fäulnis am Bauholz

+++ Vorbeugen ist besser als heilen – Holzschutz nach DIN 68800-1

+++ Fachwerksanierung in der Praxis – Wärme- und Feuchteschutz

+++ Neue Leichtigkeit im Denkmal – Trockenbau mit Lehmplatten

+++ Naturstein oder Kunststein? Ersatzmaterial bei Mauerwerksschäden

+++ Aus neu mach alt – Historische Beschläge und Replikate

+++ Was macht eigentlich …? Der Gürtler

+++ Finanzieren mit Hebelwirkung – Der Leverage-Effekt

+++ Wie viel brauchen Sie? Kalkulation der Miethöhe

+++ Steuern sparen leicht gemacht – Steuervorteile bei der Sanierung von Baudenkmalen

+++ Planer, Spezialisten und Denkmalexperten im Überblick

Quelle: magazin-denkmalsanierung.html

Denkmalsanierung 2018/2019: Das Jahresmagazin für Investitionen in Baudenkmale – Prallvoll mit Tipps, Lösungen, Ideen und Adressen von Experten. 128 Seiten, Preis: 8,90 € inkl. MwSt.

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Kunst oder kann das weg? https://www.tiefgang.net/kunst-oder-kann-das-weg/ Fri, 20 Jul 2018 22:52:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3927 [...]]]> Während die einen Raum für Kunst und Kultur einfordern, stehen anderswo Kirchen leer. Eine Chance, die in NRW bereits erkannt wurde.

SuedKultur ist dabei, die ehemalige Dreifaltigkeitskirche in Harburgs Neuer Straße 44 auf eine kulturelle Neunutzung hin auszuloten. Und bei Recherchen entdeckt man immer wieder Neues und Überraschendes. Denn Kirchen sind überwiegend architektonisch wertvolle Bauwerke. Regelrechte Baukunst zuweilen. Die meisten stehen an zentralen Orten, denn oft kam erst die Kirche und dann entwickelte sich die „Gemeinde“ um die Turmspitze.

Nun stehen viele Gotteshäuser leer und vor der „Abwicklung“, wie es betriebswirtschaftlich so nüchtern genannt wird. Damit können oft auch Räume verloren gehen, die sozialen Zwecken dienten und im Grunde weiterhin dienen können. Nach Umfragen sagen viele Menschen – ganz gleich ob religiös oder nicht -, dass eine Kirche etwa ein Ort der Ruhe ist. In der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung gilt das Kirchenschwinden oft noch als Randproblem einzelner Pfarreien. Dabei ist das Thema oft schon direkt in der Nachbarschaft angekommen. Wirkliche Aufschreie über die Gemeinden hinaus gibt es in der Regel aber erst, wenn die Abrissbirne droht. Dann ist es oft zu spät, das wissen auch Architekten und Stadtplaner.

„Kirchen sind teils architektonisch überdurchschnittlich wertvolle Bauwerke, und mit abgewickelten Gotteshäusern gehen auch Räume verloren, die sozialen Zwecken dienen. In manchen Großstadt-Quartieren sind dies die einzigen Räume, die eine soziale Funktion haben“, sagt etwa Tim Rieniets, Geschäftsführer von StadtBauKultur NRW, warum der Erhalt von Kirchen wichtig ist. Dort wurde vor einigen Jahren eine Studie und Bestandsaufnahme leerstehender Kirchen vorgenommen, um sich dem Thema mit Struktur und System anzunähern. Denn es werden immer mehr Kirchen, die nicht nur leer stehen sondern den Gemeinden zur finanziellen Last werden. Auf der anderen Seite ist in vielen urbanen Räumen Bauen teuer geworden, Platz rar. Wie kann man dies also miteinander verbinden?

StadtBauKultur NRW erstellt derzeit in enger Abstimmung mit der Architektenkammer, der Ingenieurkammer-Bau sowie den Bistümern und Landeskirchen eine Informations- und Beratungsplattform. Denn: „Wir haben festgestellt, dass in vielen Fällen in den Gemeinden Leute mit solchen Entscheidungen konfrontiert sind, die nicht die entsprechenden Kompetenzen haben. Da kommt es vor, dass im frühen Stadium falsche Entscheidungen getroffen werden“, so Tim Rieniets. Und weiter stellt er fest, dass bei der Nachnutzung Deutschland noch am Anfang steht: „Ich glaube, dass wir andere Konzepte brauchen. Dass irgendjemand viel Geld investiert, um diese Bauwerke zu erhalten, ist derzeit nicht zu erwarten. Darum besteht die große Kunst darin, intelligente und innovative Nachnutzungskonzepte zu finden. Aber das reicht leider nicht. Darum muss sich die Gesellschaft fragen, was ihr die Kirchen eigentlich wert sind. Ich würde mir wünschen, dass die öffentliche Hand zumindest Hilfestellung gibt.“

Ein gutes Beispiel aus diesem Gesamt-Prozess in NRW ist etwa das heutige Musikforum Bochum. Es gehört für die Ruhrgebietsstadt zu den spannendsten städtebaulichen Maßnahmen, die in den letzten Jahren realisiert wurden. Aus dem lang gehegten Wunsch, den Bochumer Symphonikern eine eigene Spielstätte, eine Heimat in unserer Stadt zu schaffen, entwickelte sich die Idee einer außergewöhnlichen Kooperation: ein Musikforum im aufstrebenden ViktoriaQuartier, gemeinsam genutzt vom virtuosen Spitzenorchester und der breit aufgestellten Musikschule der Stadt. In der kreativen Einheit von Musikpräsentation und Musikvermittlung werden völlig neue, spannende Wege möglich, Kultur und Musik zu erfahren, zu gestalten und zu genießen.
Das Musikforum ist nun Probe- und Spielstätte der Bochumer Symphoniker, des Jugendsinfonieorchesters und der 80 Ensembles der Musikschule – und noch viel mehr: Es ist ein Ort der Begegnung, ein Ort des kulturellen Austausches für alle Bochumer Bürger geworden. Von der Lesung bis zum Kammerkonzert, von der Ausstellung bis zum Poetry Slam, vom großen Symphoniekonzert bis zum offenen Singen – das Musikforum ist kultureller Treffpunkt im Herzen der Stadt, unweit des bekannten „Bermuda-Dreiecks“.

So ähnlich stellt sich die Situation bei der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche dar. Einst war sie die Haupt-Kirche von Harburg-Wilhelmsburg, nach dem sich Harburg im 17. Jahrhundert aus dem Hafen herausentwickelte und sein neues Zentrum eben in der „Neuen“ Straße und dem noch heute als Marktplatz aktiven Sand besiedelte. Nach ihrer Zerstörung 1944 wurde sie dann in den 60er Jahren neu aufgebaut. Und das vom Architekten-Ehepaar Ingeborg und Friedrich Spengelin. Und das ist durchaus Baukunst, wenngleich viele Menschen die Sachlichkeit und den sparsamen Einsatz jener Zeit wenig würdigen. Neben dem Harburger Kirchenbau und einigen weiteren Wohngebäuden etwa im Schüssler Weg baute er auch das Gebäude des NDRs oder auch des einstigen Bonner Bahnhofs-Vorplatzes. Erst vor wenigen Jahren, im April 2016, verstarb er.

Entscheidend aber ist: sie liegt zentral, kann Hafen und Harburger Innenstadt durch Inhalte verbinden, Ort der Identität durch Kultur, Kunst und Kreativität werden. Eine seltene Chance.

 

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Baukunst sucht neue Aufgabe https://www.tiefgang.net/baukunst-sucht-neue-aufgabe/ Fri, 13 Jul 2018 22:14:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3905 [...]]]> In Metropolen wie Hamburg, Berlin oder Frankfurt herrscht Raumnot – auch für die Kultur. Andererseits stehen viele Kirchenbauten leer und laden geradezu zu einer neuen kulturellen Gemeindearbeit ein. Eine Dokumentation zeigt eindrucksvoll, was alles Neues daraus entstehen kann.

„Wüstenrot“ ist den meisten Deutschen als Bausparkasse ein Begriff. Nur wenige aber wissen, dass sie auch eine Stiftung hat. Die führt unter anderem Wettbewerbe durch, um zum Thema Bau neue  Impulse sichtbar zu machen. So auch zum Bereich der neuen Gestaltung von Kirchenräumen. Denn die meisten Kirchen Deutschlands stehen zentral im Gemeindeleben, selbst wenn dies religiös immer seltener Zulauf findet. So wie in Harburg die Dreifaltigkeitskirche an der Neuen Straße, die nun von der Initiative SuedKultur kulturell erkundet und erprobt wird. Bei der Suche nach ähnlichen Konzepten stießen wir unweigerlich auf diese Dokumentation, über die es eben auch zu berichten lohnt.

Denn eben viele Kirchenbauten bleiben ungenutzt, liegen der religiös geprägten Gemeindearbeit als Kostenfalle auf der Tasche und werden oftmals zum Verkauf feilgeboten. Aber eine Kirche als Supermarkt? Oder gar als Moschee wie in Hamburg-Horn? So einfach ist es nicht. Denn es geht um mehr als um ein alltägliches Gebäude.

Die Kirchen in Deutschland stehen vor gewaltigen Aufgaben. In vielen Gemeinden gehört dazu auch die Entwicklung von Strategien, wie der eigene Gebäudebestand angesichts von sinkenden Gemeindemitgliederzahlen, veränderten Nutzungsanforderungen und hohen Kosten für Instandhaltung und Betrieb an die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen des Gemeindelebens angepasst werden kann.

Oftmals erscheinen die Zusammenlegung von Gemeinden und die Schließung von Kirchengebäuden als einzig mögliche Reaktion. Häufig ist damit auch ein Verlust an Möglichkeiten der sozialen Gemeinwesensarbeit verbunden.

Der Wettbewerb der Wüstenrot Stiftung half, Beispiele aufzuspüren und machte sie so sichtbar. Sie zeigen, wie Kirchengebäude und Gemeindezentren als öffentliches Bekenntnis und sichtbarer Teil eigener kultureller Identität erhalten werden können. Einerseits, um den Kirchen und Kirchengemeinden mögliche Strategien für den Umgang mit ihren Gebäuden aufzuzeigen und andererseits, um auf die gesellschaftliche Verantwortung für die architektonische, konzeptionelle und ökonomische Aufgabe hinzuweisen, das mit den Kirchengebäuden verbundene, oft denkmalgeschützte baukulturelle Erbe zu erhalten.

Besondere Orte

Kirchen sind besondere Orte. Sie sind baulicher Ausdruck individueller und gemeinsamer Spiritualität und geben Raum für Besinnung und innere Zwiesprache. Zugleich sind Kirchen auch Orte, an denen Wandel und Transformation erkennbar werden. Aktuelle Veränderungen in gesellschaftlichen Werten und Orientierungen, in persönlichen und kollektiven Verhaltensweisen und in demografischen wie finanziellen Rahmenbedingungen werden in Form und Nutzung von Kirchen manifest.

Die Wüstenrot Stiftung hat in einem bundesweiten Wettbewerb beispielhafte Konzepte und Strategien gesucht, mit denen die Zukunft von Kirchen als besondere Orte gesichert werden kann. Die Inhalte und Ergebnisse des Wettbewerbs wurden in diesem Buch zusammengefasst; es zeigt 33 Beispiele dafür, wie Kirchen und Gemeindezentren als öffentliches Bekenntnis und sichtbarer Teil kultureller Identität erhalten werden können.

Beim Wettbewerb fand sich aber einiges mehr:

Die Preisträger

Die Jury des Wettbewerbs unter Vorsitz von Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert hat unter den Einsendungen zwei besonders herausragende Lösungen gefunden. Sie bewältigen die für viele Gemeinden zentrale Herausforderung, konfessionelle Sakralräume neu zu gestalten und neu zu interpretieren, um sie zukunftsfähig zu machen. Die beiden unterschiedlichen Strategien können als komplementäre Ansätze betrachtet werden. Die Jury hat deshalb nach mehreren Sitzungen, zwischen denen alle Gebäude in der engeren Wahl vor Ort besichtigt wurden, einstimmig beschlossen, diese beiden Beispiele mit zwei gleichwertigen, jeweils mit 10.000 Euro dotierten Preisen zu prämieren.

Die katholische Heilig-Geist-Kirche der St. Martinus-Gemeinde in Olpe hat im kirchlichen Kontext ein neues Profil erhalten. Gemeinsam mit Schilling Architekten (Köln) erhielt das Programm einer „offenen Kirche“ im Inneren und im Äußeren einen in jeder Hinsicht überzeugenden Ausdruck. Vergleichbar der Neuorientierung im Selbstverständnis und in den Aktivitäten der Gemeinde öffnet sich nun auch das Kirchengebäude zum Stadtraum und eine neu geschaffene, kommunikative Raumstruktur setzt diesen offenen Charakter gezielt bis in den zentralen Bereich der kirchlichen Liturgie nach innen fort. Anstelle des möglichen Abrisses und Identitätsverlustes ist es mit dem gewählten neuen Profil gelungen, das vorhandene Gebäude sowohl in pastoraler wie liturgischer Hinsicht als auch unter architektonischen Aspekten auf vorbildliche Weise zu perfektionieren.

Die katholische Heilig-Geist-Kirche der St. Martinus-Gemeinde in Olpe (Stiftg. Wüstenrot)

Für den Erhalt der evangelischen Kirche im Stadtteil Bochum-Stahlhausen wurde gemeinsam mit Soan Architekten (Bochum) ein anderes neues Profil gewählt. Es setzt sich aus verschiedenen Grundlagen zusammen, die auch außerhalb der Kirchengemeinde gefunden wurden. Gemeinsam mit IFAK e.V. (Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit) ist ein partnerschaftliches Pilotprojekt für ein attraktives Stadtteilzentrum entstanden, dessen sozialer Charakter in hohem Maße mit der konkreten städtischen Situation korrespondiert. Der im Jahr 2000 bereits einmal verkleinerte Kirchenraum konnte als regulärer Gottesdienstraum nicht mehr erhalten werden. Stattdessen erfolgte nun eine spirituelle Profilierung durch die Schaffung eines multireligiös offenen Andachtsraums, der als „Raum der Stille“ bezeichnet wird. Er überzeugt aufgrund seiner zentralen Lage im erweiterten Gebäudekomplex und seiner sensiblen Schwellengestaltung. Die christliche Motivation bleibt präsent, ohne sich aufzudrängen; dadurch kann dieser Raum Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägung spirituelle Erfahrungen vermitteln.

evangel. Kirche im Stadtteil Bochum-Stahlhausen (Foto: Stftg. Wüstenrot)

Beide Lösungen – die Profilierung des konfessionellen Sakralraums im kirchlichen Kontext sowie die Entwicklung eines neuen Sakralraums mit veränderter religiöser Profilierung und in partnerschaftlicher Trägerschaft – sind aus Sicht der Jury gleichermaßen überzeugend beschritten worden, weshalb beide Projekte mit dem ersten Preis honoriert werden.

Weitere Prämierungen

Im Rahmen der Gesamtpreissumme von 50.000 Euro wurden sieben weitere Projekte prämiert.

Zwei Auszeichnungen mit je 7.500 Euro

Die zweite Kategorie bilden zwei Auszeichnungen mit je 7.500 Euro:

Die Kolumbariumskirche Heilige Familie in Osnabrück, umgestaltet von Klodwig & Partner Architekten (Münster). Die Umwidmung als Kolumbarium ist eine Strategie zur Erhaltung von Kirchengebäuden, die bundesweit an Bedeutung gewinnt. Sie ermöglicht es einerseits, Kirchengebäude in ihrer Gestalt weitgehend zu erhalten, und reagiert andererseits auf das in vielen Gemeinden gewachsene Bedürfnis nach (neuen) Orten für eine Urnenbestattung. Die Kolumbariumskirche Heilige Familie in Osnabrück ist nach Auffassung der Jury in Gestaltung und Nutzung ein besonders gelungenes Beispiel für die mit dieser Strategie verbundenen Möglichkeiten, in dem sich die vorgegebene Verkleinerung des Gottesdienstraumes wie selbstverständlich mit der zusätzlichen neuen Nutzung als Kolumbarium verbindet.

Die evangelische Philippuskirche in Mannheim. Die aus den 1960er Jahren stammende Kirche erhielt schon in ihrer ursprünglichen Form eine mehrfache Nutzung. Der gestalterisch überzeugende Umbau durch das Architekturbüro Veit Ruser + Partner (Karlsruhe) erlaubt nun ein noch einmal erweitertes und differenzierteres Nutzungskonzept. In hervorragender Weise ist es gelungen, den identitätsstiftenden Charakter des Kirchengebäudes zu erhalten und zugleich der Kirchengemeinde die für den weiteren Erhalt des Gebäudes dringend erforderlichen räumlichen Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Fünf Anerkennungen zu je 3.000 Euro:

Den Umbau der evangelischen Immanuelkirche in Kassel durch Atelier 30 Architekten GmbH (Kassel). Es ist gelungen, die besonderen, gestalterischen Qualitäten des Kirchengebäudes zu bewahren und im Inneren durch zwei neutrale und flexible Gruppenräume das räumliche Angebot zu ergänzen. Die in enger Abstimmung mit der Kirchengemeinde gefundene, in ihrer Klarheit überzeugende Lösung respektiert die vorhandenen Raumqualitäten und entwickelt sie in überzeugender Weise weiter.

Die Neugestaltung der katholischen Kirche Maria – Hilfe der Christen in Kehl durch das erzbischöfliche Bauamt Freiburg, unter Mitwirkung des Künstlers Stefan Strumbel. Eine mutige, sehr stark künstlerisch geprägte Erneuerung in Verbindung mit einer geänderten liturgischen Ausrichtung führt im Inneren der Kirche zu einer veränderten, offenen Atmosphäre, die einen erweiterten Kreis an Kirchenbesuchern anspricht.

Den Umbau der evangelischen Dornbuschkirche in Frankfurt durch Meixner Schlüter Wendt Architekten (Frankfurt). Neu entstandene räumliche und funktionale Qualitäten ermöglichen es, aus einem Rückbau einen Gewinn für die Kirchengemeinde zu realisieren. Das Ensemble aus Turm und Gemeindezentrum bleibt intakt und wird außen durch einen neuen öffentlichen Platz erweitert, der die Verbindung zwischen der Kirche und der Stadt stärkt.

Den Umbau der evangelischen Christuskirche Bruchhof-Sanddorf durch die ARGE Bayer Uhrig + Modersohn & Freiesleben (Kaiserslautern). In eine kleine Kirche konnten durch eine ästhetisch prägnante, räumliche Neuorientierung wichtige Funktionen der Gemeindearbeit integriert werden. Entstanden ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie kluge Architektur auch mit bescheidenen Mitteln ein passgenaues Nutzungskonzept in überzeugender Qualität verwirklichen kann.

Die Instandsetzung und Erhaltung der ehemaligen Rittergutskirche Kleinliebenau bei Schkeuditz durch Ursula Quester (Leipzig) und den Kultur- und Pilgerverein Kleinliebenau e. V. (Schkeuditz). Nach jahrelangem Leerstand des Kirchengebäudes ist es einer privaten Initiative mit großem Engagement gelungen, das baugeschichtliche Kleinod mit einem innovativen Konzept zu seiner Nutzung als Station eines Pilgerweges zu retten und seine zukünftige Erhaltung zu sichern.

Als bemerkenswerte Beispiele im Sinne der Wettbewerbsauslobung hat die Jury außerdem folgende Angebote in die „Engere Wahl“ aufgenommen:

  • Die Johanneskirche in Altenbach (netzwerkarchitekten GmbH, Darmstadt)
  • Die Grabeskirche St. Joseph in Aachen (Hahn Helten + Assoziierte GmbH, Aachen)
  • Die Melanchthonkirche in Hannover (Dreibund Architekten BDA, Bochum)
  • Die Christus-König-Kirche in Düsseldorf (Pinkarchitektur, Düsseldorf)
  • Das Kloster St. Anton in München (hirner & riehl Architekten, München)
  • Das Pfarrzentrum St. Maria in Neersen (Elmar Paul Sommer, Monschau)
  • Die Kirche St. Hedwig in Frankfurt (PGS Projektmanagement GmbH)
  • Die Kirche Winz-Baak (Soan Architekten, Bochum)
  • Die St. Bernaduskirche in Oberhausen (zwo+ Architekten, Bochum)
  • Die Schlosskirche Colditz (Architekturbüro Fischer, Dresden)
  • Die Simeonskirche in München (Robert Rechenauer Architekt BDA, München)

Unter den Einsendungen zu diesem Wettbewerb befinden sich zahlreiche weitere Beispiele, die als Impulse für den Umgang mit bestehenden Kirchengebäuden dienen können. Die Wüstenrot Stiftung dankt gemeinsam mit den Mitgliedern des Preisgerichtes allen Architekten, Kirchengemeinden und anderen Beteiligten für ihr Engagement und für ihre Teilnahme am Wettbewerb.

Kriterien

Bewertet wurden in diesem Wettbewerb in erster Linie:

  • Die Ertüchtigung von Gebäuden im Sinne sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit, entweder in der ursprünglichen oder in veränderter Nutzung
  • Die Qualität der architektonischen Gestaltung und des Städtebaus
  • Die Signifikanz des Beispiels als Beitrag zur Bewahrung baukulturellen Erbes
  • Die mit der Veränderung verbundenen Impulse für eine Weiterentwicklung des Gemeindelebens
  • Der vorbildhafte Umgang mit historischer Bausubstanz.

Die Publikation zum Wettbewerb der Wüstenrot-Stiftung:

Kirchengebäude und ihre Zukunft. Sanierung – Umbau – Umnutzung

263 Seiten mit zahlreichen Abbildungen; Wüstenrot Stiftung [Hg.], Ludwigsburg 2017, ISBN: 978-3-933249-37-1, kostenlos bestellbar unter wuestenrot-stiftung.de/publikationen

Quelle: wuestenrot-stiftung.de

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