Bucerius Kunst Forum – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 01 Oct 2025 15:11:33 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Kunst kann mehr! https://www.tiefgang.net/kunst-kann-mehr/ Fri, 03 Oct 2025 22:00:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12598 [...]]]> Die Institution, der die Deutschen am meisten vertrauen, ist nicht die Polizei oder die Regierung. Es sind ihre Museen.

Und: Ihr Kapital liegt noch weitgehend verborgen in Millionen von Nicht-Besucher*innen.

Gerade in Hamburg wird gerne leidenschaftlich und emotional darüber gestritten, welche Rolle die Kultur in Zeiten wachsender politischer Polarisierung und globaler Krisen einnehmen soll. Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg nimmt diesen Diskurs auf und lädt in seiner neuen, aufregenden Diskussionsreihe Kunst kann mehr! genau dazu ein. Der Anlass: eine bahnbrechende Studie, die den gesamten Kultursektor mit einem riesigen Geschenk – einem bisher ungeahnten Vertrauensvorschuss – beschenkt.

Das verborgene Kapital: Vertrauen als Fundament

Die vom Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin vorgelegte, bevölkerungsrepräsentative Studie „Das verborgene Kapital: Vertrauen in Museen in Deutschland“ beweist energisch und mit klaren Zahlen: Museen genießen im institutionellen Vergleich das höchste Vertrauen in der Bevölkerung. Sie schlagen damit Gerichte, die Wissenschaft und erst recht die klassischen Medien. Sie sind ein Ankerplatz in stürmischen Zeiten, ein Ort, der für Wahrheit und Verlässlichkeit steht.

Die Analyse der Studien-Autorinnen ist in Aufbau und Argumentation mustergültig klar: Dieses Vertrauen existiert zweigleisig und ist höchst komplex. Einerseits gibt es ein abstraktes Vertrauen als Vorschuss, welches die Menschen den Häusern als Institutionen schenken. Andererseits wächst das Vertrauen noch einmal deutlich mit jedem tatsächlichen Besuchskontakt.

Die Macht der „Nie-Besucher*innen“

Die wahre Sensation liegt jedoch in einem scheinbar unsichtbaren Publikum: den „Nie-Besucher*innen“. Die Studie enthüllt, dass Museen über ein enormes, bislang unaktiviertes Publikum verfügen, das den Häusern bereits mit Wohlwollen begegnet. Dieses Vertrauenskapital existiert selbst in Bevölkerungsgruppen mit niedrigem Einkommen oder geringerem Bildungsgrad, die traditionell im Museum nur selten anzutreffen sind. Das Museum besitzt also einen Vertrauensvorsprung, der über die tatsächliche Nutzung hinausgeht – ein „verborgenes Kapital“, das nur darauf wartet, endlich gehoben zu werden.

Die Kernbotschaft der Forschung ist deshalb ein überzeugender und energischer Appell an die Kulturlandschaft: Museen sind weit mehr als nur Hüter der Vergangenheit. Sie sind ein Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Gegenwart. Die Kulturinstitutionen müssen dieses Vertrauen nun durch „gute Performanz in Form von ansprechenden Ausstellungen und weiteren Angeboten“ nutzen. Es geht darum, das passive Vertrauen in aktives Besuchsverhalten zu überführen und so die gesellschaftliche Relevanz kraftvoll zu stärken.

Die Autorinnen der Studie:

Hinter dieser fundierten Analyse stehen zwei Museums- und Forschungsexpertinnen. Prof. Dr. Patricia Rahemipour ist seit 2019 Direktorin des Instituts für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die Museumsgeschichte, innovative Wissenskommunikation und die gesellschaftliche Rolle von Museen, insbesondere im Hinblick auf soziale Kohäsion und Diversität. Kathrin Grotz, M.A. ist stellvertretende Direktorin des Instituts und forscht intensiv zur gesellschaftlichen Wirksamkeit von Museen, Evaluierung und Besucher*innenforschung.

Diskussion im Bucerius Kunst Forum:

Das Bucerius Kunst Forum greift diesen Befund auf und eröffnet die Reihe „Kunst kann mehr!“ mit einer Debatte zur politischen Verantwortung der Kultur. Ein Muss für alle, die wissen wollen, wie dieses unschätzbare Kapital nun genutzt werden soll.

Donnerstag, 16. Oktober, 19 Uhr: Krisen überall – Hat Kunst noch Relevanz? (Diskussionsreihe Kunst kann mehr!)

Bucerius Kunst Forum | Alter Wall 12 | 20457 Hamburg

Im Gespräch: Prof. Monika Grütters (Kulturstaatsministerin a.D.) und Dr. Carsten Brosda (Hamburger Kultursenator)

Moderation: Stefan Koldehoff (Deutschlandfunk) und Mandy Frick (ahoy radio)

Die vollständige Studie „Das verborgene Kapital: Vertrauen in Museen in Deutschland“ kann übrigens kostenlos beim Institut für Museumsforschung heruntergeladen werden: Studie www.smb.museum

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#seeforfree 2024 https://www.tiefgang.net/see-for-free-2024/ Fri, 18 Oct 2024 22:45:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11263 [...]]]> Am diesjährigen Tag der Reformation öffnen 47 Museen und Ausstellungsorte ihre Türen bei freiem Eintritt – das sind mehr Häuser als in den Jahren zuvor.

Für den Aktionstag haben die Museen, Ausstellungshäuser, Lern- und Gedenkorte wieder ein umfangreiches Programm mit Führungen in verschiedenen Sprachen, Veranstaltungen für Kinder und Familien oder Mitmachaktionen zusammengestellt, um am Tag der Reformation alle Hamburgerinnen und Hamburger einzuladen und ihnen ein besonders vielfältiges Angebot zu machen. Die Bürgerschaft hatte den freien Zugang zu den Museen am Tag der Reformation beschlossen, um eine Brücke zwischen Religionen und Weltanschauungen zu schlagen und allen Menschen ein spannendes Kulturerlebnis zu ermöglichen. Das Achilles-Stiftung Glasmuseum, das FC St. Pauli Museum, das Film- und Fernsehmuseum Hamburg, das WasserForum in Rothenburgsort sowie das Woods Art Institute sind zum ersten Mal dabei.

Alle Informationen zu den teilnehmenden Häusern und dem Begleitprogramm gibt es unter www.seeforfree.de. Eine individuelle Museumstour für den Tag der Reformation kann man sich unter www.seeforfree.de/meine-tour zusammenstellen.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „seeforfree 2024 wird mit freiem Eintritt in 47 Museen, Ausstellungshäusern und Gedenkstätten der bisher umfangreichste Aktionstag seit seiner Einführung werden: Fast doppelt so viele Häuser wie zum Beginn im Jahr 2018 können in diesem Jahr am 31. Oktober bei freiem Eintritt besucht werden. Das zeigt, wie erfolgreich sich die Idee von seeforfree entwickelt hat. Die Hamburger Museen und Ausstellungsorte bieten am Tag der Reformation besonders vielfältige Anlässe zum Entdecken, zum Austausch und zur Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen. Ob auf der ‚Peking‘ zurück in die Vergangenheit reisen, mit Pippi Langstrumpf die Kolonialgeschichte verstehen oder queere Blickwinkel auf die Kunstgeschichte entdecken – seeforfree bietet Inspiration und neue Perspektiven bei freiem Eintritt für alle.“

Neben den ständigen Sammlungen der Museen können auch aktuelle Sonderausstellungen wie zum Beispiel „Flowers Forever“ im Bucerius Kunst Forum, „Isa Mona Lisa“ in der Kunsthalle, „Pippis Papa“ im MARKK oder „Deutschland um 1980“ im Altonaer Museum besucht werden.

Neu dabei sind diese Häuser:

  • das Achilles-Stiftung Glasmuseum, das in Barmbek seit 2022 zeitgenössische Glaskunst präsentiert,
  • das FC St. Pauli Museum im Millerntor-Stadion, das sich mit Dauer- und Sonderausstellungen ganz der Geschichte und Gegenwart des Hamburger Fußballvereins widmet,
  • das Film- und Fernsehmuseum Hamburg, in dem spannende Ausstellungsstücke zur Geschichte des Films und des Fernsehens in Hamburg und Umgebung ausgestellt werden,
  • das WasserForum, das im ehemaligen Pumpenhaus in Rothenburgsort aus dem Jahr 1848 Norddeutschlands größte Ausstellung zur heutigen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung zeigt, sowie
  • das Woods Art Institute, in dem Arbeiten aus der Sammlung Reinking zu entdecken sind, von klassischen Positionen der Gegenwartskunst bis hin zu Beiträgen der jüngsten Künstler- und Künstlerinnengeneration.

Einzigartig am Tag der Reformation ist das umfangreiche Sonderprogramm:

So bietet die Kunsthalle ein buntes Programm mit Führungen über queere Perspektiven in der Kunstgeschichte und mit verschiedenen Welcome-Führungen für Geflüchtete in verschiedenen Sprachen. In der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gibt es eine Führung für Menschen mit Lernschwierigkeiten in einfacher Sprache und das WasserForum hat ein vielfältiges Programm für Kinder und Familien. Auch das Deutsche Hafenmuseum spricht insbesondere Familien mit einem Programm unter dem Motto „Genuss im Hafen“ an. Im Museum der Arbeit gibt es viele Vorführungen, Mitmachaktionen und Führungen durch die Sonderausstellung „Dein Paket ist da. Shoppen auf Bestellung“, das Universitätsmuseum bietet Formate wie „Fakt oder Fiktion?“, „Campus Schnipseljagd“ und „Beats, Rhymes & History“. Im Woods Art Institute gibt es Führungen, kreative Mitmachformate und Blicke hinter die Kulissen.

Neben Führungen auf Deutsch werden Führungen auf Englisch, Spanisch, Arabisch, Farsi, Ukrainisch, Russisch, Plattdeutsch und in Deutscher Gebärdensprache angeboten.

Seit dem Bürgerschaftsbeschluss aus dem Jahre 2018 bieten die staatlichen Museen in Hamburg am Tag der Reformation grundsätzlich kostenfreien Eintritt an. Der Feiertag soll somit dazu dienen, gesellschaftlichen Debatten nachzuspüren und in den gemeinsamen Austausch zu treten. In den letzten Jahren haben sich immer mehr private Museen der Initiative angeschlossen.

Der Museumsdienst Hamburg koordiniert im Auftrag der Behörde für Kultur und Medien diesen Aktionstag.

Folgende Museen bieten am Tag der Reformation freien Eintritt:

  • Altonaer Museum
  • Archäologisches Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg
  • Bargheer Museum
  • Bergedorf Museum
  • Bucerius Kunst Forum
  • Computer-Museum der Universität Hamburg
  • Deichtorhallen Hamburg
  • denk.mal Hannoverscher Bahnhof
  • Deutsches Hafenmuseum (im Aufbau) – Standort Schuppen 50A
  • Deutsches Zollmuseum
  • Deutsches Zusatzstoffmuseum
  • FC St. Pauli Museum
  • Film- und Fernsehmuseum Hamburg
  • Freilichtmuseum Rieck Haus
  • Gedenkstätte Bullenhuser Damm
  • Gedenkstätte Fuhlsbüttel
  • Gedenkstätte Plattenhaus Poppenbüttel
  • Gefängnismuseum Hamburg
  • Geschichtsort Stadthaus
  • Gipsabgusssammlung der Universität Hamburg
  • Hamburger Genossenschafts-Museum
  • Hamburger Kunsthalle
  • Hamburger Schulmuseum
  • Helmut-Schmidt-Forum
  • HSV-Museum
  • Informationszentrum Energieberg Georgswerder
  • Jenisch Haus
  • KomponistenQuartier Hamburg
  • Kunsthaus Hamburg
  • Kunstverein Harburger Bahnhof
  • Kunstverein in Hamburg
  • KZ-Gedenkstätte Neuengamme
  • Medizinhistorisches Museum Hamburg
  • MONTBLANC HAUS
  • Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt (MARKK)
  • Museum der Arbeit
  • Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
  • Museum Mahnmal St. Nikolai
  • Retro Spiele Club
  • Sammlung Falckenberg
  • Stiftung Hamburg Maritim
  • Universitätsmuseum Hamburg
  • vor—gänge. museum für alternative stadt
  • WasserForum
  • Woods Art Institute
  • Zaubermuseum Bellachini

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Tanz im Dialog https://www.tiefgang.net/tanz-im-dialog/ Fri, 09 Aug 2024 22:56:15 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11087 [...]]]> Tanz im Dialog mit Bildender Kunst: ein ganztägiger Performance-Parcours lädt in alle sechs Häusern der Hamburger Kunstmeile.

Auf Einladung der Kunstmeile Hamburg kuratiert Saïdo Lehlouh, einer der aktuell spannendsten Choreografen und Performancekünstler Europas, am Samstag, 17. August 2024 einen ganztägigen Tanzparcours in allen sechs Ausstellungshäusern der Kunstmeile im Zusammenspiel mit dem Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel. Lehlou ist bekannt für seine virtuosen und ästhetisch intensiven Choreografien, die auf der Hip-Hop Kultur fußen und in die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes weisen.

Ausgehend von seiner kollektiven Arbeitspraxis lädt die Kunstmeile Lehlouh und weitere zwölf namhafte Künstler*innen und Choreograf*innen ein, individuelle Tanz- und Performance-Arbeiten zum Thema CORE zu erarbeiten und in den Institutionen der Kunstmeile in Ihren jeweiligen Sammlungen und aktuellen Ausstellungen zu präsentieren.

So zieht Lehlouh eine vielfältige choreografische Verbindungslinie zwischen den sechs Häusern mit ihren künstlerischen Präsentationen und dem die Kunstmeile umgebenden Stadtraum, die im Dialog mit anderen ästhetischen Formen neue Möglichkeiten der Begegnung schafft.
Dieser Kunstmeilen-Parcours mit zahlreichen zum Teil zeitgleich stattfinden Performances führt durch die gesamte Hamburger Innenstadt, beginnend um 11 Uhr in der Hamburger Kunsthalle, und wandert dann über das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, das Kunsthaus Hamburg, den Kunstverein in Hamburg, die Deichtorhallen Hamburg, das Bucerius Kunst Forum bis zum großen Abschluss auf dem Rathausmarkt. Das Programm erstreckt sich über einen ganzen Tag und endet in einer großen fulminanten Abschlusschoreografie um 19 Uhr mit über 100 Performer*innen auf dem Rathausmarkt.
Es gibt einen Einblick über eine vielfältige europäische Szene, die neue, häufig genresprengende Impulse für den zeitgenössischen Tanz liefert. Der Eintritt zu allen Perfomances in den Häusern der Kunstmeile ist frei. Ein zeitlicher Ein- und Ausstieg in die Performances ist jederzeit möglich (Programm siehe unten). In den
jeweiligen Häusern ist der Performance-Ort ausgeschildert.
Nähere Infos zu den einzelnen Performances, Orten und Uhrzeiten: kunstmeile-hamburg.de/saido-lehlouh

Ablauf
Hamburger Kunsthalle: Ndoho Ange & Sophye Soliveau, 11:00 & 17:00 Uhr
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg: Mackenzy Bergile – AUTOTHÉRAPIE, 13:00 / 14:00 / 15:00 / 16:00 / 17:00 / 18:00 Uhr
Kunsthaus Hamburg: Linda Hayford & Marina de Remeiros – PROCESSING, 14:00 & 16:00 Uhr
Kunstverein in Hamburg: Johanna Faye & Karim Khouader – DRINK THE SEA INSIDE OF ME, 13:00 & 15:00 Uhr
Kunstverein in Hamburg: Israel Galván & Mathias Rassin, 13:45 & 15:45 Uhr
Deichtorhallen Hamburg: Johanna Faye & Saïdo Lehlouh – EARTHBOUND, 14:30 Uhr
Bucerius Kunst Forum: Kaê Brown Carvalho & Jerson Diasonama – JOGO DE DENTRO 16:00 & 18:00 Uhr
Rathausmarkt: Saïdo Lehlouh – FACE TO FACE (Abschlusschoreografie mit über 100 Performer*innen), 19:00 Uhr

Saïdo Lehlouh aka Darwin

Mitte der 90er Jahre verblüffte der von der Pariser B-Boy-Szene entwickelte Stil die Welt mit einer neuen Vision des Breakdance. Als Saïdo Lehlouh Teil dieser Szene wird, zeichnet er sich vor allen durch seine flüssigen Bewegungen und seine besondere katzenhafte Raffinesse aus. Seine Erfahrung als Breaker in der Bad Trip Crew prägt die Aufrichtigkeit seiner Gesten. Indem er den Boden durch Berührungen zähmt, baut Saïdo Lehlouh kontinuierlich ein körperliches Vokabular auf, das auf die Bedürfnisse des Augenblicks reagiert. Er tanzte bei der berühmten Bad Trip Crew und gehört zum Leitungsteam des Centre choregraphique national de Rennes et de Bretagne, dem collectif FAIR-E. Zu den Olympischen Spielen in Paris 2024 kreiert der Choreograf Lehlouh im Rahmen der Kulturolympiade eine noch nie dagewesene Show auf der Bühne der prestigeträchtigen Opéra Garnier. Dem Hamburger Publikum ist er durch mehrere Auftritte auf Kampnagel bekannt. Nur wenige Tage vor dem Kunstmeilen-Auftritt ist sein Werk TÈMOIN dort im Rahmen des Sommerfestivals zu erleben.

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WATCH! WATCH! WATCH! https://www.tiefgang.net/watch-watch-watch/ Fri, 31 May 2024 22:11:12 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10729 [...]]]> Das Bucerius Kunst Forum widmet ab dem, 15. Juni dem französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson (1908 bis 2004) die erste große Retrospektive in Deutschland seit 20 Jahren.

In verschiedenen Kapiteln werden neben den frühen, surrealistisch geprägten Aufnahmen und Filmarbeiten sowie den Fotoreportagen auch Cartier-Bressons Porträts bekannter Künstler:innen und Schriftsteller:innen gezeigt, ebenso wie seine späteren Fotografien, in denen der Fokus auf dem menschlichen Alltagsverhalten liegt. In 230 Schwarzweißfotografien sowie Beiträgen in Magazinen und Büchern gibt die Ausstellung Zeugnis von Cartier-Bressons Lebenswerk, das nahezu das gesamte 20. Jahrhundert umfasst.

Der Mitbegründer der Fotoagentur Magnum gehörte zu den berühmtesten Fotograf:innen des 20. Jahrhunderts. Als Fotojournalist, Kunstfotograf und Porträtist schuf er zeitlose Kompositionen und prägte damit den Stil nachfolgender Generationen von Fotograf:innen. Sein künstlerischer Ausdruck beeinflusste insbesondere den Stil der Street Photography. Ein untrügliches Gespür für den „entscheidenden Augenblick“ in spontanen Begegnungen und Situationen charakterisiert sein Werk und machte viele seiner Arbeiten zu Ikonen der Fotografie.

Bereits 1932 erwarb Cartier-Bresson eine Leica-Kleinbildkamera, mit der er experimentierte. Sein daraus entstandenes surrealistisches Frühwerk sowie eine Auswahl seiner Filmarbeiten bilden den Auftakt der Retrospektive. Daran schließen seine bekannten Fotoreportagen, Porträts von Kunst- und Kulturschaffenden sowie seine ikonischen fotografische Beobachtungen spontaner zwischenmenschlicher Begegnungen an.

1908 geboren und 2004, im Alter von fast 96 Jahren gestorben, erlebte Cartier-Bresson als Zeitzeuge das gesamte 20. Jahrhundert und wurde zu dessen fotografischen Chronisten. Als Augenzeuge dokumentierte er zahlreiche historische und politische Großereignisse. In der Ausstellung werden stellvertretend die Krönung des britischen Königs George VI. in London 1937, die Befreiung von Paris 1944, Deutschland nach Kriegsende 1945, die Beisetzung von Gandhi 1948, das Ende der Kuomintang-Herrschaft in China 1948, Russland nach dem Tode Stalins 1954, Kuba nach der Raketen-Krise 1963 sowie seine Langzeitstudien aus Frankreich vorgestellt.

Cartier-Bresson pflegte jahrelange Freundschaften in die Kunst- und Kulturwelt, die ihn und sein künstlerisches Schaffen nachhaltig inspirierten. Seine intimen Porträts von Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Fotograf:innnen wie Coco Chanel, Simone de Beauvoir und Henri Matisse bilden einen wichtigen Teil seines Œuvres und werden in der Ausstellung präsentiert.

Darüber hinaus beinhaltet die Schau eine Auswahl an Street Photography, die das zwischenmenschliche Verhalten im Alltag, bei der Arbeit und Freizeit abbildet. Die Werke verdeutlichen das stilprägende Element in Cartier-Bressons Fotografien: das Beobachten und gleichzeitige Analysieren von menschlichem Handeln in spontanen Augenblicken. Cartier-Bresson zeigte mithilfe seiner Kamera Begegnungen, hielt dabei Verhaltensmuster fest und machte flüchtige Szenen sichtbar, die sonst im Getümmel der Straßen untergegangen wären.

Cartier-Bresson selbst war lange in der kommunistischen Bewegung aktiv, was sich nachhaltig auf sein politisches und künstlerisches Engagement auswirkte. So galt sein fotografisches Interesse insbesondere sozial ausgegrenzten Menschen. Schlüsselereignisse seines Lebens wie die deutsche Kriegsgefangenschaft während des Zweiten Weltkriegs, die Fluchtversuche aus dieser und das Engagement in der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus prägten sein dokumentarisches Interesse an der Fotografie. Mit der Gründung der Fotoagentur Magnum zusammen mit Robert Capa, Chim Seymour und George Rodger im Jahr 1947 wurden seine Fotoreportagen zunehmend professionalisiert. In den folgenden Jahrzehnten bereiste Cartier-Bresson im Auftrag von Magazinen und Zeitungen wie „Life“, „Paris Match“ oder „New York Times Magazine“ die verschiedenen Kontinente. Seine Fotoreportagen erschienen weltweit in millionenfacher Auflage. In der Ausstellung werden diese Originalfotografien durch gedruckte Abbildungen in Zeitschriften begleitet.

Zur Ausstellung entsteht ein Katalog im Hirmer-Verlag, der Aufsätze von Nadya Bair, Kathrin Baumstark, Clément Chéroux, Ulrich Pohlmann, Valérie Vignaux und Deborah Willis enthält.

Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit der Fondation Henri Cartier-Bresson. Als zweite Station wird sie in der Fundacion Mapfre in Barcelona zu sehen sein.

Die Ausstellung wird gefördert von M.M. Warburg & Co. Bank und der Hapag-Lloyd Stiftung.

15. JUNI 2024 BIS 22. SEPTEMBER 2024

WATCH! WATCH! WATCH!

HENRI CARTIER-BRESSON

Ort: BUCERIUS KUNST FORUM | ALTER WALL 12 | 20457 HAMBURG

 

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Mehr als eine Million Besucher*innen https://www.tiefgang.net/mehr-als-eine-million-besucherinnen/ Fri, 16 Feb 2024 23:25:58 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10590 [...]]]> Für die einen völlig überfüllt, für die anderen ein anständiger Erfolg: die Hamburger Kunstmeile hat 2023 übe reine Millionen Besuchende gehabt …

Mehr als eine Million Besucher*innen nutzten im Jahr 2023 die Gelegenheit, die Ausstellungen in den fünf beteiligten Häuser der Kunstmeile Hamburg zu erleben. Der Verbund aus Bucerius Kunst Forum, Deichtorhallen Hamburg Hamburger Kunsthalle, Kunstverein in Hamburg und Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg konnte damit im Vergleich zum Vorjahr sogar einen Besucher*innenzuwachs verzeichnen.
Die Ausstellungen 2024 versprechen wieder eine spannende Bandbreite von Kunstwerken, die von renommierten Künstler*innen bis zu aufstrebenden Talenten reichen, von klassischer Malerei über zeitgenössische Installationen bis hin zu fesselnden Fotografien bieten die Häuser der Kunstmeile ein breites Spektrum an künstlerischem Schaffen.

Bert Antonius Kaufmann, Kaufmännischer Direktor der Deichtorhallen Hamburg und derzeitiger Geschäftsführer der Kunstmeile, ist zufrieden mit diesem Ergebnis: „Das letzte Jahr war eines der besten Jahre für die Kunstmeile. Alle fünf Häuser haben viel Zuspruch erfahren, nicht zuletzt wegen der zahlreichen großen, wichtigen und qualitätvollen Ausstellungen im Jahr 2023/24. Die Zusammenarbeit der fünf Häuser ist in jeder Hinsicht eine Bereicherung nicht nur für die Besucher*innen, sondern hilft auch sehr, Hamburg weiterhin als Kunst- und Kulturstandort auf der internationalen Landkarte auszubauen.“
 
Auch Dr. Kathrin Baumstark, Direktorin des Bucerius Kunst Forums, zeigt sich erfreut: „Das erfolgreiche Ausstellungsjahr 2023 für die Häuser der Kunstmeile hat gezeigt, dass die Menschen Lust haben, Kunst zu erleben, sich mit neuen künstlerischen und damit verbunden gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Nach herausfordernden Jahren für die Kultur blicken wir sehr zufrieden auf die Vielseitigkeit der vergangenen Ausstellungen und freuen uns, auch nach wie vor das breite Kulturangebot Hamburgs mit der Kunstmeile feiern zu können.“

Im Jahr 2024 können sich die Besucher*innen auf historische und zeitgenössische Kunst sowie auf vielfältige und gesellschaftlich aktuelle Themen freuen – vom Europa des 19. Jahrhunderts über Bestandsaufnahmen des menschlichen Verhaltens im Hier und Jetzt bis hin zu Zukunftsfragen in Zeiten des Klimawandels und gesellschaftlicher Umbrüche.

Das Schaffen der niedersächsischen Künstlerin Silke Otto-Knapp (1970–2022) wird vom 27. Januar bis zum 14. April 2024 in der Schau „Bühnenbilder“ im Kunstverein in Hamburg gezeigt. Seit Mitte der 1990er befasste sich Otto-Knapp in ihrer Malerei mit Schauspiel und Tanz mit Fokus auf ritualisierte Formen des Zusammenkommens auf der Bühne. Im Zentrum der Ausstellung steht Otto-Knapps Werkzyklus Versammlung (2022), der zu Lebzeiten von der Künstlerin für den Kunstverein in Hamburg entstand.

Die Ausstellung „Water Pressure. Gestaltung für die Zukunft“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg vom 15. März bis zum 13. Oktober 2024 präsentiert Gestaltungsideen, die das Potenzial haben, unsere Zukunft radikal zu ändern. Die innovativen Arbeiten aus den Bereichen Design, Architektur, Kunst und Wissenschaft gehen vielfach auf Prinzipien der Natur zurück und eröffnen so neue Wege aus der aktuellen Lage.

Die Deichtorhallen Hamburg realisieren vom 18. Mai bis zum 3. November 2024 das visionäre Ausstellungsprojekt „Survival in the 21. Century”, das mit künstlerischen Mitteln danach fragt, wie der Mensch im 21. Jahrhundert leben wird. Die Grundfragen menschlicher Existenz und die radikalen Brüche, die uns bevorstehen, werden reflektiert: der Klimawandel, die digitale Revolution, die wachsende Ungerechtigkeit im nationalen und globalen Maßstab, die Krise der Demokratie, die Frage von Gemeinschaft.

Die Hamburger Kunsthalle präsentiert vom 14. Juni bis 8. September 2024 mit „William Blakes Universum“ das erstaunliche Œuvre des englischen Zeichners und Graphikers William Blake (1757–1827). Die Schau zeigt das um 1800 vor dem Hintergrund von Revolution und Krieg in Europa, von Sklaverei in den europäischen Kolonien und von der Unterdrückung im heimischen Großbritannien geschaffene Werk und setzt es in Bezug zu ausgewählten Arbeiten europäischer Zeitgenossen.

Im Bucerius Kunst Forum wird vom 15. Juni bis 22. September 2024 das Werk des berühmten Fotografen und Mitbegründer der Fotoagentur Magnum Henri Cartier-Bresson ausgestellt. In verschiedenen Kapiteln werden neben den frühen, surrealistisch geprägten Aufnahmen und Filmarbeiten sowie den Fotoreportagen auch Cartier-Bressons Porträts bekannter Künstler*innen und Schriftsteller*innen gezeigt, ebenso wie seine späteren Fotografien, in denen der Fokus auf dem menschlichen Alltagsverhalten liegt.

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Kunstreiche Freude auf 2024 https://www.tiefgang.net/kunstreiche-freude-auf-2024/ Fri, 08 Dec 2023 23:47:51 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10481 [...]]]> Das Bucerius Kunst Forum blickt zurück auf ein sehr erfolgreiches Ausstellungsjahr 2023 und wird auch im Jahr 2024 drei Ausstellungen eröffnen. Wir machen schon mal Appetit …

Noch bis zum 28. Januar 2024 läuft die aktuelle Schau „Geniale Frauen. Künstlerinnen und ihre Weggefährten“. Nach der großen Wiederentdeckung Zuloagas in „Mythos Spanien: Ignacio Zuloaga (1870 – 1945) ab Februar folgt im Sommer die Retrospektive „Watch! Watch! Watch! Henri Cartier-Bresson“. Den Jahresabschluss bildet die Ausstellung „Flowers Forever. Blumen in Kunst und Kultur“.

Geniale Frauen. Künstlerinnen und ihre Weggefährten

läuft noch bis zum 28. Jan. 2024

Das Bucerius Kunst Forum zeigt mit Geniale Frauen. Künstlerinnen und ihre Weggefährten den Werdegang herausragender Künstlerinnen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Erstmals wird der familiäre Kontext, in dem die Künstlerinnen ihre Karrieren verfolgten, thematisiert und durch die Gegenüberstellung mit Werken ihrer Väter, Brüder, Ehemänner und Malerkollegen sichtbar gemacht. Außerordentlich erfolgreich waren Künstlerinnen in jeglichen familiären Konstellationen: Sie waren als Hofmalerinnen, Lehrende, Unternehmerinnen sowie Verlegerinnen tätig und wurden mit höchsten Auszeichnungen geehrt.
Die von Dr. Katrin Dyballa kuratierte Ausstellung präsentiert rund 30 Künstlerinnen und 150 Werke, u.a. von Sofonisba Anguissola, Judith Leyster, Marietta Robusti (La Tintoretta) und Angelika Kauffmann. Meisterhafte Port-räts, Stillleben und Historien in Malerei, Zeichnung und Druckgrafik von der Renaissance über die Zeit des Barocks bis zum beginnenden Klassizismus aus ganz Europa werden in Hamburg zusammengeführt.
Eine Künstlerkarriere einzuschlagen, war für Frauen in der Frühen Neuzeit nicht unmöglich, jedoch nicht vorgesehen und unterlag deshalb stets besonde-ren Herausforderungen. Für eine freie Berufsausübung war die Zugehörigkeit zu einer Zunft notwendig, diese war den Frauen jedoch je nach Region verwehrt, oder andernfalls mit Hürden und Kosten versehen. Auffallend viele Künstlerinnen dieser Zeit stammten daher aus Künstlerfamilien oder heira-teten in solche ein. Sie arbeiteten ihren Vätern, Brüdern und Ehemännern zu und waren oftmals im Verborgenen tätig. An Höfen sah die Situation anders aus: Frauen konnten offen als Künstlerinnen tätig sein, da andere Regeln herrschten und man aufgeschlossen gegenüber der künstlerischen Leistung war, unabhängig von Herkunft und Geschlecht. Künstlerinnen, die sich entgegen den gesellschaftlichen Normen durchgesetzt hatten, fielen den Zeitgenossen auf und ihnen wurde Anerkennung gezollt. Durch den überwiegend männlichen Blick, der in der Kunstwissenschaft bis ins 20. Jahrhundert vorherrschte, gerieten ihre Leistungen jedoch lange Zeit in Vergessenheit.

Ausstellung „GENIALE FRAUEN. KÜNSTLERINNEN UND IHRE WEGGEFÄHRTEN“ im Bucerius Kunst Forum in Hamburg (Foto: Ulrich Perrey)

Die Ausstellung startet fulminant mit dem Selbstporträt von Katharina van Hemessen, dem frühesten Selbstbildnis, auf dem sich ein Maler oder eine Malerin arbeitend an der Staffelei darstellt. Katharina van Hemessen erhielt ihre Ausbildung in der Werkstatt ihres Vaters Jan Sanders van Hemessen. Auch er malte Bildnisse, doch übertraf ihn seine Tochter auf diesem Gebiet. Katharina van Hemessens Leben und Werk ist Teil des ersten Kapitels Töchter, Väter, Brüder wie auch das von La Tintoretta, der Tochter des venezianischen Künstlers Tintoretto. Die Ausstellung gliedert sich darüber hinaus in folgende Kapitel: Bewusst ohne Ehemann, Karriere vor der Ehe, Malen mit Familie, Frauen und Druckgrafik, Künstlerinnen am Hof und Künstlerinnen in den Institutionen.
Für viele Malerinnen geriet nach der Eheschließung das produktive künstlerische Schaffen in den Hintergrund, wie u.a. auch die Biografie Judith Leysters zeigt. Sie hatten sich um die familiären Pflichten zu kümmern oder arbeiteten anonym in der Werkstatt ihres Mannes.
Andere Künstlerinnen setzten ihr künstlerisches Schaffen auch mit Familie fort. Lavinia Fontana war in der Spätrenaissance eine sehr bekannte Malerin und eine der ersten Frauen, die sich in diesem Beruf etablierte. Ihr Erfolg war so groß, dass ihr Ehemann Giovanni Paolo Zappi, ebenfalls Maler, zu ihren Gunsten seine Karriere aufgab, um sich um die Familie zu kümmern.
Demgegenüber verzichteten einige Künstlerinnen offenbar bewusst auf eine Heirat oder trennten sich von ihren Ehemännern, um ihrer Profession nachgehen zu können. So auch Maria van Oosterwijck, eine der bedeutendsten Stilllebenmalerinnen der nördlichen Niederlande, oder die Blumenmalerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian. In der Druckgrafik fassten einige Künstlerinnen Fuß: Hier sticht im 18. Jahrhundert Maria Katharina Prestel hervor, die sich zusammen mit ihrem Mann Johann Gottlieb Prestel auf die druckgrafische Darstellung von Zeichnungen und Gemälden spezialisiert hatte.
Mehrere Künstlerinnen brachten es bis zur Hofmalerin, darunter Sofonisba Anguissola, die den spanischen König Philipp II. und seine Familie in zahlreichen Porträts festhielt. Eine Ausnahme bildete in jener Zeit Rachel Ruysch, denn sie und ihr Ehemann waren beide in ihrem Beruf als Maler:in erfolgreich. Beide waren für den Düsseldorfer Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz-Neuburg tätig.
Die Ausstellung schließt mit dem Kapitel Künstlerinnen in den Institutionen, das Werke bekannter Künstlerinnen wie Elisabetta Sirani, Angelika Kauffmann und Dorothea Therbusch präsentiert. Elisabetta Sirani übernahm die Leitung der Werkstatt ihres Vaters, in der sie ausgebildet wurde. Aufgrund ihres ausgezeichneten Rufs wurde sie in die Accademia di San Luca in Rom aufgenom-men. Darüber hinaus gründete sie in Bologna eine Malschule ausschließlich für Frauen, um sie künstlerisch auszubilden.
Zum ersten Mal werden Werke der Künstlerinnen mit denen ihrer männlichen Kollegen so pointiert gegenübergestellt. Dabei werden sowohl formale als auch stilistische Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich. Die wissenschaftliche Arbeit und der Austausch mit internationalen Expert:innen hat darüber hinaus einige neue Erkenntnisse zu Tage gebracht.

Mythos Spanien – Ignacio Zuloaga 

(17. Feb – 26. Mai 2024)

Die von der Kunsthalle München in Kooperation mit dem Bucerius Kunst Forum entwickelte Schau ist die erste umfassende Ausstellung zu dem spanischen
Maler Ignacio Zuloaga in Deutschland. Zu seinen Lebzeiten international ein Star, prägte er das Spanienbild im Ausland wie kein anderer Künstler. Dies wirkt bis heute nach. Dabei fokussierte er auf Figuren, die seiner Ansicht nach das „wahre“ Spanien verkörperten: Toreros, Flamenco-Tänzerinnen, die einfache ländliche Bevölkerung und Außenseiter. Die Ausstellung versammelt rund 80 Werke aus dem Zeitraum von 1890 bis 1941 aus Spanien, Frankreich, Italien, Schweden, Polen, Deutschland, Mexiko, Argentinien und den USA.
Ignacio Zuloaga hat den Mythos Spaniens um 1900 mit seinen Gemälden wie kein anderer Künstler geprägt. Das Land befand sich durch die zunehmende Indust-rialisierung und Orientierung an der europäischen Moderne im Umbruch. Zuloaga sah das Ursprüngliche bedroht: die kleinen Dörfer, die traditionelle Kleidung, Tanz und Stierkampf, religiöse Prozessionen, jahrhundertealte Sitten, Bräuche und Legenden. In seinem Streben, die Essenz Spaniens zu erfassen, bemühte er sich, die „spanische Seele“ in seinen Kunstwerken festzuhalten. Diese fand er vor allem in Kastilien, als er 1898 nach Segovia umzog. Landschaft und Bewohner waren für ihn Abbilder des ursprünglichen Spaniens. Es entstanden viele Bilder, die in ihrer Symbolik die Identität Spaniens verkörpern.
1870 im Baskenland in Eibar als Sohn eines renommierten Kunstschmieds geboren, verbrachte Zuloaga viel Zeit seines Lebens in Paris, dem internationalen Zentrum der Kunstwelt. Er war befreundet mit Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Musiker:innen und bestens vernetzt in der kosmopolitischen High Society. So teilte er sich etwa ein Atelier mit Paul Gauguin, war befreundet mit Auguste Rodin und reiste mit Maurice Ravel. Mitte der 1890er Jahre übersiedelte er nach Sevilla, wo er eigene Erfahrungen als Torero sammelte und sich bevorzugt in der Gemeinschaft der Gitanos, der spanischen Roma, bewegte.

Zuloaga: Junge Toreros vom Dorf, 1906

Die Ausstellung präsentiert in mehreren thematischen Kapiteln Zuloagas künstlerischen Werdegang und verortet den Maler im kulturgeschichtlichen Kontext seiner Zeit. Das erste Kapitel widmet sich seinen künstlerischen Anfängen und seiner frühen Zeit in Paris. In Café- und Straßenszenen sowie ersten Porträts werden seine Inspiration durch die internationale Kunstszene deutlich. Das zweiten Kapitel beleuchtet seine Auseinandersetzung mit den spanischen Meistern, insbesondere Velázquez, El Greco und Goya, und deren Auswirkung auf sein Schaffen. Werke, die sich dem Milieu der Prostitution widmen und sowohl in Frankreich als auch in Spanien angesiedelt sind, werden anschließend präsentiert. Die folgenden beiden Kapitel sind biografisch an seine Zeit in Sevilla geknüpft und zeigen folkloristisch geprägte Darstellungen rund um Themen des Stierkampfes und des Flamencotanzes. Das sechste Kapitel präsentiert Zuloagas wichtigste Schaffensperiode, die mit seinem Umzug nach Segovia 1898 einsetzte. Der Fokus liegt hier auf Darstellungen der kargen, rauen Landschaft von Segovia und dem Umland sowie ihre „archetypischen“ Bewohner:innen. Im siebten Kapitel werden die Verbindungen von Zuloaga zu Protagonist:innen der Musik-, Tanz- und Theaterwelt vorgestellt. Es folgen religiöse Szenen, die die spanische Volksfrömmigkeit aufgreifen. Die letzten beide Kapitel befassen sich mit Auftragsporträts, intimen und privaten Darstellungen von Freund:innen und Kollegen sowie mit dem Verhältnis von Porträt und Landschaft. Mit letzterem prägte der Künstler eine eigene Bildnisgattung.
An Zuloagas Sichtweise auf Spanien entzündeten sich zu seiner Zeit in Spanien heftige Debatten. Viele Landsleute kritisierten sie als unpatriotisch und vom Ausland geformt. Spanien war in einer tiefen Krise nach dem verlorenen Krieg 1898 gegen die USA und dem Verlust der letzten bedeutenden Überseekolonien. In Deutschland hingegen waren seine Werke zu seinen Lebzeiten in zahlreichen Ausstellungen vertreten und wurden von Künstler:innen und Schriftsteller:innen rezipiert. Literatur- und Kunstschaffende wie Rainer Maria Rilke, August Macke, Paul Klee oder Paula Modersohn-Becker ließen sich von seinen Werken inspirieren. Man glaubte in seiner Malerei das „echte“, „wirkliche“ Spanien zu finden. In den späten Lebensjahren Zuloagas fand er beim spanischen Diktator Franco große Anerkennung und ließ sich für Propagandazwecke instrumentalisieren.

Retrospektive: Watch! Watch! Watch! Henri Cartier-Bresson

(14. Juni – 22. Sept. 2024)

Das Bucerius Kunst Forum widmet dem französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson (1908 bis 2004) die erste große Retrospektive in Deutschland seit 20 Jahren. In verschiedenen Kapiteln werden neben den frühen, surrealistisch geprägten Aufnahmen und Filmarbeiten sowie den Fotoreportagen auch Cartier-Bressons Porträts bekannter Künstler:innen und Schriftsteller:innen gezeigt, ebenso wie seine späteren Fotografien, in denen der Fokus auf dem menschlichen Alltagsverhalten liegt. In 220 Schwarzweißfotografien, sowie Beiträgen in Magazinen und Büchern gibt die Ausstellung Zeugnis von Cartier-Bressons Lebenswerk, das nahezu das gesamte 20. Jahrhundert umfasst.
Der Mitbegründer der Fotoagentur Magnum gehörte zu den berühmtesten Fotograf:innen des 20. Jahrhunderts. Als Fotojournalist, Kunstfotograf und Porträtist schuf er zeitlose Kompositionen und prägte damit den Stil nachfolgender Generationen von Fotograf:innen. Sein künstlerischer Ausdruck beeinflusste insbesondere den Stil der Street Photography. Ein untrügliches Gespür für den „entscheidenden Augenblick“ in spontanen Begegnungen und Situationen charakterisiert sein Werk und machte viele seiner Arbeiten zu Ikonen der Fotografie.
Bereits 1932 erwarb Cartier-Bresson eine Leica-Kleinbildkamera, mit der er experimentierte. Sein daraus entstandenes surrealistisches Frühwerk sowie eine Auswahl seiner Filmarbeiten bilden den Auftakt der Retrospektive. Daran schließen seine bekannten Fotoreportagen, Porträts von Kunst- und Kulturschaffenden sowie seine ikonischen fotografische Beobachtungen spontaner zwischenmenschlicher Begegnungen an.
1908 geboren und 2004, im Alter von fast 96 Jahren gestorben, erlebte Cartier-Bresson als Zeitzeuge das gesamte 20. Jahrhundert und wurde zu dessen fotografischen Chronisten. Als Augenzeuge dokumentierte er zahlreiche historische und politische Großereignisse. In der Ausstellung werden stellvertretend die Krönung des britischen Königs George VI. in London 1937, die Befreiung von Paris 1944, Deutschland nach Kriegsende 1945, die Beisetzung von Gandhi 1948, das Ende der Kuomintang-Herrschaft in China 1948, Russland nach dem Tode Stalins 1954, Kuba nach der Raketen-Krise 1963 sowie seine Langzeitstudien aus Frankreich vorgestellt.

Henri Cartier-Bresson: Berlin Wall West-Germany, 1962 (Rechte: Fondation Henri Cartier-Bresson, Magnum-Photos)

Cartier-Bresson pflegte jahrelange Freundschaften in die Kunst- und Kulturwelt, die ihn und sein künstlerisches Schaffen nachhaltig inspirierten. Seine intimen Porträts von Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Fotograf:innnen wie Pablo Picasso, Simone de Beauvoir und Henri Matisse bilden einen wichtigen Teil seines OEuvres und werden in der Ausstellung präsentiert.
Darüber hinaus beinhaltet die Schau eine Auswahl an Street Photography, die das zwischenmenschliche Verhalten im Alltag, bei der Arbeit und Freizeit abbildet. Die Werke verdeutlichen das stilprägende Element in Cartier-Bressons Fotografien: das Beobachten und gleichzeitige Analysieren von menschlichem Handeln in spontanen Augenblicken. Cartier-Bresson setzte sich mithilfe seiner Kamera bewusst Begegnungen aus, hielt dabei Verhaltensmuster fest und machte flüchtige Szenen sichtbar, die sonst im Getümmel der Straßen untergegangen wären.
Cartier-Bresson selbst war lange in der kommunistischen Bewegung aktiv, was sich nachhaltig auf sein politisches und künstlerisches Engagement auswirkte. So galt sein fotografisches Interesse insbesondere sozial ausgegrenzten Menschen. Schlüsselereignisse seines Lebens wie die deutsche Kriegsgefangenschaft während des Zweiten Weltkriegs, die mehrmaligen erfolgreichen Fluchtversuche aus dieser und das Engagement in der Widerstandsbewe-gung gegen den Nationalsozialismus prägten sein dokumentarisches Interesse an der Fotografie. Mit der Gründung der Fotoagentur Magnum zusammen mit Robert Capa, Chim Seymour, George Rodger und William Vandivert im Jahr 1947 wurden seine Fotoreportagen zunehmend professionalisiert. In den folgenden Jahrzehnten bereiste Cartier-Bresson im Auftrag von Magazinen und Zeitungen wie „Life“, „Paris Match“ oder „New York Times Magazine“ die verschiedenen Kontinente. Seine Fotoreportagen erschienen weltweit in millionenfacher Auflage. In der Ausstellung werden diese Originalfotografien durch gedruckte Abbildungen in Zeitschriften begleitet.

Flowers Forever. Blumen in Kunst und Kultur

(12. Okt. 2024 – 19. Jan 2025)

Das Bucerius Kunst Forum präsentiert mit Flowers Forever. Blumen in Kunst und Kultur eine aufwendig inszenierte Ausstellung durch die Kunst- und Kulturgeschichte der Blume vom Altertum bis heute. Der Rundgang versammelt Gemälde, Skulpturen, Fotografien sowie Objekte aus Design und Naturwissenschaft. Positionen der Kunst- und Designgeschichte treten mit neu zu entdeckenden künstlerischen Ansätzen in einen fruchtbaren Dialog. Dabei wird die bedeutende Rolle der Blume in zentralen Lebens- und Gesellschaftsbereichen – Kultur, Mythologie, Religion, Politik, Ökonomie, Ökologie – behandelt und die Allgegenwart der Blume als Symbol und Naturphänomen aufgezeigt.
Die Schau sorgte bereits 2023 in der Kunsthalle München für große Begeisterung. Dr. Roger Diederen und Dr. Franziska Stöhr präsentierten zum ersten Mal eine Ausstellung, die sich der Kunst- und Kulturgeschichte der Blume von der Antike bis zur Gegenwart widmete und lockten damit innerhalb von sieben Monaten über 350.000 Besuchenden in die Ausstellungsräume. Auch die Schau in Hamburg zeigt Werke aus internationalen Sammlungen sowie eigens für die Ausstellung entwickelte Installationen. Die facettenreiche Geschichte der Blume wird durch die Zusammenstellung interdisziplinärer und internationaler Exponate auf mehreren Ebenen für den Besuchenden erlebbar. Unter anderem sind folgende Künstler:innen vertreten: Ai Weiwei, Jan Brueghel d.J., Andreas Gursky, Hannah Höch, Kapwani Kiwanga, Walid Raad.

Ann Carrington – Delft Snowball, 2021 (Copy: VG Bild Kunst)

Der Anblick der Blume löst eindrückliche Emotionen aus und hat sowohl für uns persönlich als auch gesellschaftlich in der Kulturgeschichte seit Jahrhunderten hohe Symbolkraft. Die gattungs- und zeitübergreifende Präsentation verdeutlicht die unterschiedlichen und zugleich ähnlichen Interpretationen von Blumen. Ob in Politik und Kultur, in Mythologie und Religion – dass sich die Sinnbilder regional und über die Jahrhunderte veränderten, zeugt davon, wie Menschen den Blumen immer wieder neue Bedeutungen zuschreiben. Neben der Literatur sind besonders viele Beispiele im Politischen zu finden: In der Hippie-Bewegung, als Symbol des Widerstands und Sinnbild der Vielfalt. Die breite politische Verwendung zeigt die Omnipräsenz der Blume in der politischen und aktivistischen Kommunikation.
Die enorme Vielfalt an Formen und Farben lässt die Blume zur Inspirationsquelle für künstlerische Auseinandersetzungen werden. Kunst und Naturwissenschaft haben sich dabei stets gegenseitig inspiriert. Die Ausstellung zeigt anhand der Blume die enge Verbindung der beiden Disziplinen: Während die Naturwissenschaft sich vor allem der kunstvollen wie präzisen Illustration der Forschungsergebnisse bedient, reflektieren die künstlerischen Auseinandersetzungen das Verhältnis von Kunst, Natur und Wissenschaft und zelebrieren die Mannigfaltigkeit der Blume. Meist gehen die Darstellungen dabei weit über die naturwissenschaftliche Realität hinaus.
Dass Blumen nicht zwingend nur als Symbolbild fungieren, zeigt die Klassifizierung als Produkt auf dem heutigen Markt. In vergangenen Jahrhunderten waren Blumen begehrte Statussymbole, heute werden sie als Massenprodukt global gehandelt. So rückt die Blume aktuell als ebenso fragiler wie unverzichtbarer Bestandteil des weltweiten Ökosystems in den Fokus. Die Ausstellung versammelt künstlerische Positionen, die diesen ökologischen und sozialen Fragen nachgehen. Der menschliche Umgang mit der Blume als Massenprodukt regt einige der Künstler:innen der Ausstellung an, das Konsumverhalten und die Auswirkungen des menschlichen Handelns auf die Umwelt zu thematisieren. Gleichzeitig wird das Verhältnis des Menschen zur Natur und seine Rolle in ihr in Frage gestellt.

Ort des Geschehens: BUCERIUS KUNST FORUM | ALTER WALL 12 | 20457 HAMBURG

 

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Fotografin zwischen Krieg und Glamour https://www.tiefgang.net/fotografin-zwischen-krieg-und-glamour/ Fri, 02 Jun 2023 22:46:59 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9822 [...]]]> Elizabeth „Lee“ Miller (1907 – 1977) war als Fotografin, Surrealistin, Kriegsberichterstatterin, Modell und Muse viele verschiedener Leben eine Ausnahmepersönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Im Bucerius Kunst Forum sind bald Arbeiten von ihr zu sehen …

Das Bucerius Kunst Forum präsentiert mit Lee Miller. Fotografin zwischen Krieg und Glamour vom 10. Juni bis Ende September eine der vielseitigsten Fotografinnen und Fotojournalistinnen des 20. Jahrhunderts. In ihrem Œuvre vereint Elizabeth „Lee“ Miller (1907 – 1977) gegensätzliche Genres wie den Surrealismus, Mode-, Porträt- und Reisefotografie sowie Kriegsberichterstattung. Inhaltlich und geografisch brach Miller immer wieder zu neuen Ufern auf. Die Schau zeigt, wie Lee Millers biografische Stationen ihre fotografische Herangehensweise beeinflussten. Anhand von 150 Aufnahmen aus der Zeit von 1928 bis 1951 wird die ganze Breite ihres Lebenswerkes sichtbar.  

Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Museum für Gestaltung Zürich und den Lee Miller Archives entstanden ist, fasst Millers Schaffensphasen unter den Kapiteln Fotomodell, Mode und Porträts, Surrealismus, Frauen im Krieg, Millers Krieg, Konzentrationslager, Befreites Paris und Food, Friends, Farley Farm zusammen.

In den 1920er Jahren stand Lee Miller den bekanntesten Fotografen des 20. Jahrhunderts Modell. Nach zwei Jahren vor der Kamera wechselte sie die Seite. In Paris lernte sie den Fotografen Man Ray kennen. Sie arbeiteten an gemeinsamen Fotoprojekten und experimentierten mit der Technik der Solarisation. In ihrem künstlerischen Streben fand Miller Anschluss an die progressive Kunstszene von Paris. Sie beschäftigte sich mit den Stilmitteln des Surrealismus und entwickelte ihre eigene künstlerische Sprache.

Lee Miller: WRNS probationer cleaning windows of traning depot, 1944

1932 verließ sie Paris und kehrte in ihre Heimat New York zurück, wo sie für zwei Jahre ein äußerst erfolgreiches Fotostudio betrieb. 1934 heiratete sie den ägyptischen Geschäftsmann Aziz Eloui Bey und zog mit ihm nach Kairo. Ihr eigener, im Surrealismus wurzelnder Blick für eine mehrdeutige Wirklichkeit findet sich in den Naturformen ihrer Landschaftsbilder wieder. In der ägyptischen Wüste entstanden viele ihrer bekanntesten surrealistischen Arbeiten, wie Portait of Space. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, lebte Miller mit ihrem neuen Partner, dem englischen Künstler Roland Penrose, in London. Ab 1940 arbeitete sie als Fotografin für die amerikanische Vogue. Die in London entstandenen Aufnahmen sind häufig kunstvoll inszeniert und deutlich vom Surrealismus geprägt. In Reportagefotografien hielt sie die gesellschaftlichen Umstände und desaströsen Folgen des Zweiten Weltkrieges fest. 1942 akkreditierte sie sich als eine von wenigen Amerikanerinnen bei der US Army als Kriegsreporterin und berichtete ab 1944 an vorderster Front für die Vogue: Sie fotografierte die Eroberung der Normandie durch die Alliierten und bewegte sich mit den vorstoßenden amerikanischen Truppen durch Europa. Lee Miller gehörte auch zu den Reporter:innen, die die Befreiung von Paris miterlebten und dokumentierten. Ab 1945 fotografierte Miller die Folgen des Krieges in Deutschland und Österreich und hielt als eine der Ersten die Verbrechen der Nationalsozialist:innen in den soeben befreiten Konzentrationslagern in Dachau und Buchenwald fotografisch fest. Während einer Zwischenstation in München hielt sie sich in der von amerikanischen Soldaten besetzten Privatwohnung von Adolf Hitler auf. Dort entstand das berühmt gewordene Foto, auf dem sie sich in der Badewanne des Diktators abbilden ließ. Die Stiefel, die sie während ihres Besuchs des Konzentrationslagers in Dachau getragen hat, stehen auf der schmutzigen Badematte vor der Wanne. Inszeniert wird die Besitzergreifung der Intimsphäre des besiegten Feindes just an seinem Todestag.
Die eindringlichen Kriegsreportagen für die Vogue machten Miller zu einer der renommiertesten Bildjournalistinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre durch den Surrealismus geprägte fotografische Praxis erlaubte es ihr, sich auch dem grauenvollen Anblick der gerade befreiten Konzentrationslager Dachau und Buchenwald in einer besonderen, unerschrockenen Art zu nähern.

Nach Kriegsende kehrte Miller – traumatisiert von ihren Erlebnissen – nach England zurück und legte ihre Arbeit als professionelle Fotografin nieder. Sie entdeckte das Kochen für sich, kreierte Gourmetrezepte und empfing die Kunstszene Europas in ihrem Haus in Sussex.

Zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag ein umfangreicher Katalog mit Beiträgen von Ami Bouhassane, Elisabeth Bronfen, Karin Gimmi, Cathérine Hug und Katharina Menzel-Ahr.

LEE MILLER – FOTOGRAFIN ZWISCHEN KRIEG UND GLAMOU

10. JUNI BIS 24. SEPTEMBER 2023

BUCERIUS KUNST FORUM; ALTER WALL 12, 20457 HAMBURG, buceriuskunstforum.de

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8.422,66 Tonnen Fußabdruck https://www.tiefgang.net/8-42266-tonnen-fussabdruck/ Fri, 03 Feb 2023 23:22:04 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9690 [...]]]> Über 8.422 Tonnen CO2-Belastung – das ist die Zahl für 2019, mit der sich 11 Hamburger Institutionen nun herumschlagen müssen …

Unter dem Motto „Elf zu Null – Hamburger Museen handeln“ startete im Sommer 2022 die bundesweit einmalige Initiative von elf Hamburger Museen, Ausstellungshäusern und Gedenkstätten, um gemeinsam das Thema Nachhaltigkeit und Betriebsökologie anzugehen. Jetzt werden die ersten Ergebnisse vorgestellt: Die CO2-Bilanzierung der elf Häuser hat ergeben, dass der gemeinsame Fußabdruck sich auf 8.422,66 Tonnen jährlich beläuft (Referenzjahr 2019). Der mit 90,4 % überwiegende Anteil der Emissionen resultiert dabei aus den Strom- und Wärmeverbräuchen der Häuser. Dies entspricht etwa der Klimawirkung von neun vollbesetzten Großraumflugzeugen, die von Hamburg nach New York und zurück fliegen. In einer erweiterten Bilanz wurde auch die Gästemobilität berücksichtigt, wobei diese teilweise auf Schätzwerten beruht. Inklusive Gästemobilität steigt der CO2-Fußabdruck der elf Häuser auf knapp 40.000 Tonnen, also das Viereinhalbfache. Durch die Einbeziehung der Gästemobilität in den Bilanzierungsprozess nimmt Elf zu Null eine Vorreiterrolle im Kulturbereich ein. Die Bilanzen bilden nun eine belastbare Datengrundlage für ein strategisches Umweltmanagement.

Darüber hinaus erhalten 17 Transformationsmanagerinnen und Transformationsmanager ein Zertifikat über den erfolgreichen Abschluss ihrer Fortbildung. Sie verfügen nun über methodische und fachliche Kompetenzen für die Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien in ihren Häusern. Die Behörde für Kultur und Medien Hamburg wird die erfolgreiche Initiative auch in 2023 und 2024 unterstützen, um die praktische Umsetzung in den Häusern zu gewährleisten und die Vernetzung weiter zu fördern.

Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Elf zu Null ist ein hervorragendes Beispiel, wie Kultureinrichtungen die Herausforderungen der Zukunft annehmen. Erstmals liegt eine belastbare Klimabilanz vor, auf der die Häuser nun konkrete Einsparmaßnahmen aufbauen können. Dank der guten Zusammenarbeit können dabei alle von den besten Ideen lernen. Im Rahmen des Mieter-Vermieter-Modells sind wir bei der energetischen Sanierung der Einrichtungen schon einen großen Schritt voran gekommen. Mit den Ergebnissen von Elf zu Null können wir nun den Betrieb der Museen und Ausstellungshäuser nachhaltiger gestalten und beim Schutz des Klimas weiter vorankommen. Der Senat wird dies weiterhin unterstützen, indem er unter anderem Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs fördert.“

Alexander Stockinger, Kaufmännischer Geschäftsführer Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg: „Wir sind mit großem Tempo ins Handeln gekommen: Innerhalb von wenigen Monaten haben wir ein hochmotiviertes Team aus versierten Kolleginnen und Kollegen gebildet und mit den Klimabilanzen eine solide Datengrundlage geschaffen. Daran kann nun die langfristige Arbeit an der Transformation unserer Häuser anknüpfen. Ich danke der Behörde für Kultur und Medien, dass wir unseren Weg im Schulterschluss fortsetzen können und unsere Initiative für zwei weitere Jahre unterstützt wird. Bereits jetzt wird Elf zu Null bundesweit als Good Practice wahrgenommen – unser handlungsorientierter Ansatz und unser geschlossenes Vorgehen inspirieren andere. Das motiviert uns!“

Jacob Sylvester Bilabel, Geschäftsleiter des Aktionsnetzwerks Nachhaltigkeit in Kultur und Medien: „Für mich eine Sensation: Die elf Hamburger Museen legen den ersten deutschen Standard zur Klimabilanzierung der Häuser samt Publikumsverkehr vor und dokumentieren diesen transparent für alle. So etwas gab es bis jetzt noch nicht. Ich bin mir sicher, dass viele in Zukunft von der Vorarbeit des Projektes werden profitieren können. Denn: Der datenbasierte Blick der Hamburger Museen auf die eigenen CO2-Emissionen und die Ursachen dafür schafft Transparenz und ermöglicht so einen strategischen Umgang mit steigenden Energiekosten.“

 Ergebnisse CO2-Bilanzierung

Die CO2-Bilanzierung macht deutlich, an welchem Punkt die Museen ökologisch stehen und bilden den Handlungsrahmen für die künftige Einsparung von Emissionen. Dafür werden nun pro Haus passgenaue Strategien zur Verbesserung der Umweltwirkung entwickelt und in Nachhaltigkeitskonzepten zusammengefasst.

Bereits jetzt wurden zahlreiche Maßnahmen entwickelt oder umgesetzt, so zum Beispiel die Installation smarter Heizkörperthermostate, die Durchführung hydraulischer Abgleiche und die Umrüstung auf LED-Beleuchtung in fast allen Häusern; erweiterte Klimakorridore; großflächige Fenstertausche im MK&G, dem Archäologischen Museum und der Hamburger Kunsthalle; sowie die Nachrüstungen der Gebäudeleittechnik und Anlagensteuerung in mehreren beteiligten Häusern. Auch die Installation von Photovoltaik-Anlagen ist in Planung, so zum Beispiel auf dem Altonaer Museum. Weitgehend finden diese Arbeiten in Zusammenarbeit mit der Sprinkenhof GmbH als Vermieterin der städtischen Kulturimmobilien statt.

Die CO2-Bilanzen wurden einheitlich nach ISO 14064 erstellt und sind damit international vergleichbar. Für den Bereich der Gästemobilität wurde ein eigener Elf zu Null-Standard entwickelt. Dieser legt fest, zu welchem Anteil Emissionen aus der An- und Abreise des Publikums berücksichtigt werden.

Fortbildung erfolgreich abgeschlossen

17 Personen aus den beteiligten Häusern wurden im Rahmen einer Weiterbildung als „Transformationsmanagerinnen und Transformationsmanager für nachhaltige Kultur“ qualifiziert und unterstützen nun ihre Institutionen mit Fachwissen und Methodenkompetenz. Sie fungieren dabei als Übersetzerinnen und Übersetzer, Fürsprecherinnen und Fürsprecher, Ideengeberinnen und Ideengeber und Macherinnen und Macher, um Nachhaltigkeit in allen Prozessen zu verankern und den Veränderungsprozess in die Teams zu vermitteln.

 Wie geht es weiter?

Die Arbeit erfolgt in zwei Strängen: Zum einen werden die Häuser individuell Steuerungsmaßnahmen zur Reduktion von Emissionen entwickeln und umsetzen. Zum anderen wird die erfolgreiche Arbeit in der Elf zu Null-Community fortgesetzt. Dort liegt der Fokus auf Wissenstransfer, Kompetenzaufbau und Vernetzung. Geplant sind Weiterbildungs- und Informationsveranstaltungen, öffentliche Angebote und Publikationen, ein regelmäßiger Austausch und Exkursionen. Außerdem sollen zusätzliche Mittel für gemeinsame Projekte eingeworben werden. So wird die Transformation gestärkt und beschleunigt. Um die elf Häuser in den kommenden zwei Jahren bei diesem Programm zu unterstützen, wird mit Hilfe der Förderung der Behörde für Kultur und Medien eine Stelle als Netzwerkmanagerin bzw. Netzwerkmanager geschaffen.

 Allgemein „Elf zu Null“

Die Federführung der Initiative „Elf zu Null – Hamburger Museen handeln“ liegt beim Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G), die weiteren beteiligten Häuser sind das Altonaer Museum, das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg, das Bucerius Kunst Forum, die Deichtorhallen Hamburg, das Deutsche Hafenmuseum, die Hamburger Kunsthalle, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, das Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt (MARKK), das Museum der Arbeit und das Museum für Hamburgische Geschichte.

Elf zu Null kooperiert mit dem bundesweiten Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien und wird durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg gefördert.

 

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Expressionistische Menschenbilder https://www.tiefgang.net/expressionistische-menschenbilder/ Fri, 30 Dec 2022 23:41:52 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9603 [...]]]> Mit Kunst und Kultur ins Neue Jahr zu starten kann sicher nicht schaden. Das Bucerius Forum lädt dazu vom 11. Februar an zu einer umfassenden Ausstellung der Expressionistin Gabriele Münter …

Das Bucerius Kunst Forum präsentiert mit Gabriele Münter. Menschenbilder (11. Februar bis 21. Mai 2023) die erste umfassende thematische Ausstellung der bedeutenden deutschen Expressionistin. Die Schau legt erstmals den Fokus allein auf die Porträts, mit denen sich die Künstlerin in den Jahren 1899/1900 bis 1940 intensiv beschäftigte. Anhand von rund 100 Gemälden, Druckgrafiken, Zeichnungen, Fotografien und Hinterglasmalerei veranschau-licht die Schau den enormen Facettenreichtum ihres Werkes und ihren einzig-artigen Pioniergeist. Neben Werken der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München versammelt die Schau Leihgaben bedeutender Sammlungen wie dem Milwaukee Art Museum, der National Gallery of Ireland, dem Museum Ludwig, Köln oder dem Israel Museum sowie privater Leihgeber:innen.
Ihr Leben lang hat sich Gabriele Münter (1877 – 1962) für Menschen und deren Darstellung interessiert. Als Kind hielt sie Personen in Bleistiftzeichnungen und während ihrer Reise durch die USA (1899/1900) mit ihrer Kamera fest. Bei ihrem künstlerischen Debüt 1907 im Salon d’Automne in Paris waren die Mehrzahl ihrer ausgestellten Werke Porträts. „Bildnismalen ist die kühnste und schwerste, die geistigste, die äußerste Aufgabe für den Künstler. Über das Portrait hinaus zu kommen, kann nur der fordern, der noch nicht bis zu ihm vorgedrungen ist“, formulierte sie selbst einmal. Während ihrer Zeit als Gründungsmitglied des Blauen Reiters schuf sie unvergleichliche Bildnisse in farbgewaltiger, expressiver Formensprache. Auch als sie in Skandinavien im Exil lebte und nach ihrer Rückkehr 1920 interessierten sie die Menschen am meisten. Die Zeichnungen in ihren Skizzenbüchern sind unübertroffen, sowohl in der ausdrucksstarken Wiedergabe des Menschen in wenigen Strichen als auch in der Komposition.
Die Ausstellung Gabriele Münter. Menschenbilder, die in Kooperation mit der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München entstanden ist, gliedert sich in sechs Kapitel: Selbstbildnisse, Porträts, Kinderporträts, Figurenbildnisse, Menschen in Zeichnungen und Gruppenporträts. Jedes Kapitel ist chronologisch aufgebaut und beginnt mit Münters frühen Fotografien, welche bisher in der Rezeption meist ausgeklammert wurden. Doch diese zeigen schon in frühen Jahren ihren Blick für Menschen, Situationen und Kompositionen und ihre künstlerische und visuelle Begabung. Zusammen mit den farbintensiven Porträts in Malerei, den Druckgrafiken und Zeichnungen der folgenden Jahrzehnte lassen sich Gabriele Münters künstlerische Entwicklung und ihre Experimentierfreudigkeit nachvollziehen. Der Umgang mit Farbe und Formen, für den sie berühmt wurde, sowie ihr ausgeprägtes Zeichentalent werden ebenso sichtbar wie die Vielseitigkeit ihrer Bildsprache.

Gabriele Muenter – Schlafendes Maedchen, 1934

In ihren Porträts schafft es Münter, das Wesen der Porträtierten durch den jeweils gewählten Malstil, die Komposition und die Abstraktion zu erfassen. Sie bringt in der Gattung des Porträts auch zum Ausdruck, was sie inhaltlich oder formal bewegt. In ihren Gruppenporträts übersetzt sie zwischenmenschliche Beziehungen und die Gruppendynamik in ein Strukturgefüge und bezieht auch die Landschaft als Bedeutungsträger in die Komposition mit ein.
Die offene Architektur der Ausstellung gewährt immer wieder Blicke in andere Kapitel, in denen sich Parallelen und die Vielschichtigkeit ihres OEuvres erkennen lassen. Kathrin Baumstark, Direktorin des Bucerius Kunst Forums und Kuratorin der Ausstellung, war es bei dieser fokussierten monografischen Schau wichtig, Münter als eigenständige Künstlerin unabhängig vom Kontext des Blauen Reiters und Wassily Kandinskys zu betrachten und ihre enorme künstlerische Bandbreite losgelöst von ihrer Biografie zu zeigen. Somit verdeutlicht das Bucerius Kunst Forum Münters singuläre Bedeutung als zentrale Künstlerfigur des deutschen Expressionismus.
Zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag ein umfangreicher Katalog mit Beiträgen von Kathrin Baumstark, Christine Hopfengart, Isabelle Jansen,
Ulrich Pohlmann, Frank Schmidt und Uwe M. Schneede (ca. 240 Seiten mit far-bigen Abbildungen der ausgestellten Werke, 29,90 Euro in der Ausstellung).

Im Rahmen der Förderung der Ausstellung durch die Hapag-Lloyd AG ermöglicht diese den freien Eintritt in die Ausstellung anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März 2023.

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Die neuen Bilder des Augustus https://www.tiefgang.net/die-neuen-bilder-des-augustus/ Fri, 23 Sep 2022 22:42:50 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9221 [...]]]> Augustus markierte einen Wendepunkt in der römischen Geschichte. Mit radikalen Methoden konnte er sich gegenüber Kontrahenten als Alleinherrscher durchsetzen. Dabei spielten Bilder eine ungeahnte Rolle. Das Bucerius Kunst Forum thematisiert nun in einer Ausstellung. 

„Die neuen Bilder des Augustus. Macht und Medien im antiken Rom“ – so der Titel der Ausstellung – beleuchtet einen zentralen Aspekt antiker Bildkultur: den regelrechten Bilderboom, der sich unter dem ersten römischen Kaiser Augustus Bahn bricht. Im Fokus der von Prof. Dr. Annette Haug und Prof. Dr. Andreas Hoffmann kuratierten Ausstellung steht ein neues Verständnis von Bildsprache, -strategien, -medien und -materialien dieser Zeit. Dieses wird anhand von etwas mehr als 200 Objekten wie Statuen, Büsten, Reliefs, Wandgemälden, Münzen und Keramiken sichtbar gemacht, die u.a. aus dem Louvre in Paris, den Uffizien in Florenz, den Kapitolinischen und Vatikanischen Museen in Rom, dem Archäologischen Nationalmuseum in Neapel und weiteren bedeutenden europäischen Museen und Sammlungen stammen. Es ist die erste Ausstellung zu Augustus in Deutschland seit 34 Jahren.

Augustus markierte einen Wendepunkt in der römischen Geschichte. Mit radikalen Methoden konnte er sich gegenüber Kontrahenten als Alleinherrscher durchsetzen. Als erster Kaiser (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) besaß er nicht nur eine immense Macht, sondern bediente sich auch neuartiger Kommunikationsstrategien. Dabei spielten Bilder eine ungeahnte Rolle. Eine zuvor nicht erreichte Omnipräsenz an Bildwerken, insbesondere des Kaisers, sowie ein großes Interesse an Abbildungen in der Gesellschaft sorgten für einen Bilderreichtum an allen Orten. Dahinter standen auch neue Auftraggeber:innen: Erstmals hatten nicht nur die Eliten, sondern die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite an der Beauftragung und Rezeption der Werke teil. Die wirtschaftlichen Umstände begünstigten dies, so sorgten erfolgreiche Kriege für neuen Reichtum in der Gesellschaft, die Entdeckung der Steinbrüche in Luni für die umfangreiche Verfügbarkeit von Marmor und das Kopistenwesen für eine einsetzende serienhafte Kunstproduktion. Augustus nutzte die Möglichkeiten visueller Kommunikation in vielfältigen Medien strategisch: Porträtstatuen, Büsten, Reliefs, Bilder und Inschriften an Bauwerken sowie die Errichtung neuer öffentlicher Gebäude, Münzen und Schmuck vermochten seine intendierten Botschaften in allen Lebenskontexten und im ganzen Reich zu verbreiten. Dabei inszenierte und veränderte er sein Image jeweils passend zur politischen und gesellschaftlichen Situation, um seine Macht zu sichern.

Auch im privaten Wohnraum wandelte sich der Geschmack. Ein neuer Bilderreichtum zeigte sich in Form regelrechter Pinakotheken mit Tafelbildern, Bildern auf Keramik und Möbeln sowie in den Innenhöfen und Gärten durch Statuetten, reich dekorierte Wasserbecken und Brunnen. Die Themen waren weniger politisch inspiriert, sondern kreisten vor allem rund um die Götter Bacchus und Venus.

Die politische Instrumentalisierung von Bildern lässt das Vorgehen von Augustus auch heute aktuell erscheinen. Inszenierte Bilder spielen gerade in Diktaturen, gelenkten Demokratien und Kriegen, die zunehmend auch Medienkriege sind, eine bedeutende Rolle. Die Parallelen zwischen dem Übergang von der ausgehenden Römischen Republik zum Prinzipat, der Alleinherrschaft Augustus, und heute verleihen der augusteischen Bilderwelt eine Aktualität wie lange nicht mehr.

Die Ausstellung zeigt anhand von fünf Kapiteln diesen neuen Umgang mit Bildern: Das Bild des Kaisers und der Kaiserin, Neue Narrative und einprägsame Bilder, Das neue Bild der Stadt, Neue und alte Bilder im Kult und Bilder im Haus zwischen Tradition und Innovation.

Zu Beginn werden die Bildinnovationen anhand der Selbstdarstellung des Kaisers greifbar gemacht. Verschiedene Bildnistypen zeigen die Entwicklung des Porträts vom Image des jugendlichen Staatsretters über jenes des Feldherrn und Imperators bis zur revolutionären Erfindung des Kaiserporträts. Mit Augustus´ Gattin Livia rückte erstmals auch das Bild einer prominenten Frau in den Fokus der Öffentlichkeit, deren Image nicht weniger sorgfältig kuratiert wurde. Durch Bildnisse in Form von Porträtköpfen, Büsten, Statuen und Münzen, die in zuvor unerreichter Omnipräsenz in Rom und in den Provinzen Verbreitung fanden, kommunizierte das Kaiserhaus in diversen Medien mit dem Volk.

Für seine Selbstdarstellung nutzte Augustus zudem neue Narrative und einprägsame Bilder über die Geschichte der Stadt Rom, die göttliche Herkunft seiner Familie, seine Erfolge oder die Sieghaftigkeit des Kaisers im Allgemeinen. Diese Bildideen wurden u.a. an prominenten neuen Bauten zur Schau gestellt und im ganzen Reich rezipiert. In der Ausstellung sind diese auf Wandfresken, Architekturfragmenten, Terrakotten, Statuen und Statuetten, Reliefs und Inschriften zu sehen.

Das Stadtbild Roms veränderte sich zur Zeit von Augustus durch prestigeträchtige Bauvorhaben und verwandelte Rom in eine Großbaustelle. Während zuvor besonders Heiligtümer mit Bildern versehen waren, wurden jetzt auch die neuen Profanbauten als Bildträger verwendet. Anhand ausgewählter Gebäude wie dem Augustusforum wird dies in der Ausstellung präsentiert. Augustus propagierte diese Bauten und auch die Bauvorhaben über die Darstellung auf Münzen im ganzen Reich.

Zu den prominentesten Baukomplexen des augusteischen Rom gehörte das Heiligtum Apollos, dem Schutzgott Augustus, auf dem Palatin, seinem Wohnort. In die Kultstätten der einfachen Leute wurde schon zur Zeit des Augustus der Kaiserkult integriert. An den Straßenkreuzungen der Stadtbezirke verehrten sie ihre persönlichen Schutzgötter, die Laren. Durch die Neuordnung der Kultfeiern an den Larenschreinen wurden diese Festlichkeiten mit der Person des Princeps verbunden. Schon kurze Zeit nach dem Tod von Augustus entstanden in vielen Städten Heiligtümer für den Kaiserkult. Die Ausstellung vermittelt anhand von Statuen, kostbare Hermen, Büsten, Altäre, Friesfragmente und Bilder auf Terrakottenplatten aus Rom, Heraculum und Cuma die Verwendung von Bildern in den Kultstätten.

Besonders deutlich zeigte sich die neue Lust am Bild zu Beginn der Kaiserzeit im privaten Bereich. Neben den Wandmalereien des dritten Stils mit seinen klassizistischen Motiven, seinen neuen Bildergalerien und Pinakotheken gilt dies auch für die Skulpturen, marmorne und bronzene Dreifüße und Kandelaber, welche die Gärten der Reichen bevölkerten. Auch das Tafelgeschirr wurde als Bildträger entdeckt. Die Themen kreisten um die Welt des Bacchus und der Venus und waren von der öffentlich-politischen Bildkultur weit entfernt.

Bauten wie das Augustusforum, das Apolloheiligtum des Augustus auf dem Palatin, das Apolloheiligtum in Pompeji, aber auch das Augusteum von Herculaneum und pompejanische Wohnhäuser wie die augusteische Casa di Cecilio Giocondo und die Casa della Fortuna werden zumindest in Teilbereichen in der Ausstellung räumlich derart erlebbar gemacht, dass die Besucher:innen sie in ähnlicher Weise wie die Betrachter:innen aus augusteischer Zeit wahrnehmen können.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hirmer Verlag mit Aufsätzen internationaler Professor:innen für Klassische Archäologie, Museumsdirektor:innen und Kurator:innen.

Die Ausstellung ist in besonderem Maße ein deutsch-italienisches Ausstellungsvorhaben. Ein internationales Ehrenkomitee der Ausstellung versammelt neben dem Generaldirektor der italienischen Museen, Massimo Osanna, einige der bedeutendsten Museumsdirektor:innen Italiens. Sie alle haben sich bei der Vernetzung des Bucerius Kunst Forums und der Vermittlung von Leihgaben persönlich engagiert. Eine Vielzahl italienischer Museen beteiligen sich als Leihgeber, darunter die Vatikanischen und Kapitolinischen Museen, der Archäologische Park des Kolosseums, das Museum am Palatin, die Uffizien sowie die Archäologischen Nationalmuseen der Städte Florenz, Neapel, Spoleto und Venedig. Das italienische Ministerium für Kultur spielt eine zentrale Rolle für die Ausstellung schon allein durch die Freigabe der Leihgaben für die Ausleihe.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der Botschaft der Italienischen Republik. Mit freundlicher Unterstützung des Ministeriums für Kultur der Italienischen Republik. Die Ausstellung wird gefördert von ExxonMobil.

DIE NEUEN BILDER DES AUGUSTUS MACHT UND MEDIEN IM ANTIKEN ROM

8. OKTOBER 2022 BIS 15. JANUAR 2023

BUCERIUS KUNST FORUM, ALTER WALL 12, 20457 HAMBURG; buceriuskunstforum.de

 

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