Kolonialgeschichte https://www.tiefgang.net Fri, 31 Jul 2026 07:29:35 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Harburgs Historie hautnah https://www.tiefgang.net/harburgs-historie-hautnah/ https://www.tiefgang.net/harburgs-historie-hautnah/#respond Thu, 30 Jul 2026 22:17:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14317 [...]]]> Harburgs Geschichte zu Fuß erleben: Heiko Langanke lädt wieder zu Stadtteilrundgängen durch die koloniale und industrielle Vergangenheit des Hamburger Südens ein.

Man steht vor dem Harburger Rathaus und fragt sich unwillkürlich: Wann ist das denn bitte hier reingestellt worden? Denn es will so gar nicht recht passen in die heutige, bisweilen doch eher ernüchternde Stadtlandschaft Harburgs, wo Beton, verwaiste Fassaden und städtebauliche Brüche oft den Ton angeben.

Genau diese irritierte Verwunderung war es wohl auch, die Heiko Langanke einst umtrieb. Wer mit offenen Augen durch den Süden Hamburgs geht, stolpert permanent über solche historischen Fremdkörper, über Spuren einer verblassten Industriebonanza und globale Verflechtungen, die im heutigen Alltag meist unsichtbar bleiben. Langanke, Kopf hinter geschichtsbewussten Interventionen wie der historischen Schaufenster-Folierung des ehemaligen Karstadt-Leerstands über die Agentur reflexblue, gräbt diese Schichten seit Jahren wieder aus.

Nun lädt Langanke, auch Herausgeber unseres Feuilletons, zu einer neuen Reihe von Stadtteilrundgängen ein, die unter die Oberfläche des gegenwärtigen Straßenbelags blicken lassen. Und der Startpunkt könnte passender kaum sein: Am Donnerstag, den 13. August 2026, geht es um 18 Uhr direkt am Harburger Rathaus – genauer gesagt beim Tuba-Bläser – los.

Wer dort den Blick nach oben richtet, steht keineswegs vor dem urprünglichen Zentrum der Macht, sondern bereits vor dem dritten Rathaus in der wechselvollen Geschichte dieses Stadtbezirks. Es ist der Auftakt zu einer Tour, die uns von der industriellen Vergangenheit über die brandneuen Erkenntnisse der Studie „Koloniales Harburg“ von Annika Bärwald und Dr. Yves Schmitz bis hin zum Wandel der Stadtentwicklung führt. Rund zweieinhalb Stunden lang führt Langanke die Teilnehmenden durch die Epochen – vorbei am zweiten Harburger Bahnhof am Freitag (14.08.) und dem finalen Blick am Kanalplatz im Binnenhafen am Sonntag (16.8.).

Der Einstieg an diesem Rathaus zeigt bereits, wie trügerisch der erste Blick auf Harburg ist. Wer verstehen will, warum unsere Stadt heute so tickt, wie sie tickt, sollte sich auf diese Spurensuche einlassen. Die Zeitreise führt uns unweigerlich weiter, denn wer am Freitag, den 14.08. um 17 Uhr den Eingang des Harburger Bahnhofs ansteuert, blickt auf den nächsten geschichtlichen Sprung. Auch dieser monumentale Bau ist keineswegs der erste seiner Art, sondern der zweite in der Bahnhofsgeschichte der einst eigenständigen Stadt – ein Zeuge jener Epoche, in der Harburg als eigenständige Industriestadt zu einem europäischen Kraftpaket heranwuchs.

Hier, wo heute Pendlerströme und urbane Betriebsamkeit herrschen, entfaltet sich bei Langankes Rundgang das volle Ausmaß der wirtschaftlichen Verflechtungen. Die Tour verknüpft die klassische Industriegeschichte direkt mit den neuen, aufschlussreichen Erkenntnissen aus dem aktuellen Abschlussbericht „Koloniales Harburg“. Denn der Aufstieg zur Industriestadt im 19. und frühen 20. Jahrhundert kam nicht aus dem Nichts. Er war untrennbar verbunden mit globalem Handel, guter verkehrlicher Infrastruktur und kolonialen Ausbeutungsketten und Rohstoffen wie Kautschuk oder Palmkernen, die hier an der Elbe verarbeitet wurden. Langanke blickt hinter die Fassaden des Ziegelbaus und zeigt, wie tief die Fäden der Globalisierung damals wie heute in den Boden des Südens eingewoben sind.

Auch der finale Teil der zeithistorischen Expeditionen führt uns dorthin, wo Harburgs industrielles Herz einst am stärksten schlug und heute der Wandel am greifbarsten ist: an den Kanalplatz im Harburger Binnenhafen. Am Sonntag, den 16.08. um 12 Uhr bildet dieser geschichtsträchtige Ort den Abschluss der kleinen Serie von Zeitreisen. Hier, wo Schiffe einst Güter aus aller Welt löschten und die enge Verzahnung von Hafenwirtschaft, globalem Handel und lokaler Arbeit das Gesicht des Viertels prägte, schließen sich die Fäden der Tour. Heiko Langanke führt die Teilnehmenden an jene Kaikanten, an denen die harten ökonomischen Realitäten der Industrialisierung und ihre Nachwirkungen bis in die heutige Stadtentwicklung greifbar werden. Es ist der perfekte Ort, um zu begreifen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart im Hamburger Süden verwoben sind.

Im Überblick:

Für die spannende Spurensuche durch zwei Jahrhunderte kann man an drei Terminen jeweils rund zweieinhalb Stunden lang mitgehen: Den Auftakt macht der Gang vom Harburger Rathaus (Treffpunkt beim Tuba-Bläser) am Do., den 13. Aug., um 18 Uhr. Am Fr., den 14. Aug. um 17 Uhr führt die Tour ab Eingang des Harburger Bahnhofs. Den abschließenden Blick in den Wandel des Binnenhafens bietet der Rundgang am So., 16. Aug. um  12 Uhr ab Treffpunkt Kanalplatz. Die Teilnahme an allen Terminen ist kostenfrei, über Spenden freut sich der Veranstalter, und wegen teils unwegsamer Wege wird um entsprechende Beachtung gebeten.


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Ein Kühne(r) Plan https://www.tiefgang.net/ein-kuehner-plan/ Fri, 14 Feb 2025 23:36:58 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11494 [...]]]> Was erst wie eine absurde Idee klang (Sommer 2022) wurde erschreckend konkret. Kühne hat seine persönliche Idee einer neuen Hamburger Oper bis Anfang Februar 2025 bis zur Unterschriftsreife gebracht. Wir sollten reden …

In Hamburg ist eine öffentliche Debatte über den geplanten Neubau einer Staatsoper in der Hafencity entbrannt. Zu Recht.

Denn öffentlich ist ja erst jetzt, nicht dass eine Oper gedacht wird, sondern der Plan in fester Vertragsform steht. Die Vereinbarung besteht zwischen der Stadt Hamburg und der Michael Kühne Stiftung. Eine Beteiligung der Stadt-Bevölkerung gab es nicht. Diese Debatte ist vielschichtig und wirft eine Reihe von Fragen auf, die sowohl die kulturelle Bedeutung eines solchen Projekts als auch die Rolle und Geschichte des Unternehmens Kühne & Nagel betreffen. Wir fangen mal an, einen Überblick zu verschaffen.

Anfang Juni 2022 veröffentlichte das Hamburger Abendblatt einen Gastbeitrag des Vorstandsvorsitzenden der hiesigen Alfred-Toepfer-Stiftung, Anasgar Wimmer, und leitete diesen mit den Worten ein: „Braucht Hamburg einen Opern-Neubau? Und wenn ja – wie, wo und wer soll ihn bezahlen? Der Vorschlag des Logistik-Milliardärs Klaus-Michael Kühne – nach einer ursprünglichen Idee des Generalmusikdirektors Kent Nagano, aber erweitert um den Vorschlag des Abrisses des bestehenden Gebäudes – stieß in den vergangenen Tagen auf reichlich Kritik und wenig Zustimmung.“ (Abendblatt, 01. Juni 2022) 

Der Gastbeitrag der besonders im Kulturbereich hoch geschätzten Toepfer-Stiftung fasste gleich zu Beginn zusammen: „Klaus-Michael Kühnes Vorschlag, der Hamburgischen Staatsoper an der Dammtorstraße zu Leibe zu rücken, um nicht nur dem Operngesang in der HafenCity ein Denkmal zu setzen, ist originell – und sollte von der Politik dieser Stadt höflich, aber zügig zur Seite gelegt werden.“

Genau das aber passierte nicht. Es gab aber auch keine öffentlichen Diskussionen oder Beteiligungsformate. Immer wieder sickerte mal durch Recherche hartnäckiger Journalist*innen durch, dass Kultursenator Brosda und Klaus-Michael Kühne offenbar weiter planten. Und auf einmal sollte am Montag (3. Feb. 2025) gar die notarielle Beglaubigung der Opern-Idee erfolgen. Die aber – und das führte zum Eklat – sagte ausgerechnet Kühne ab mit der offiziellen Verkündung: „Bei der Endfassung des komplizierten Vertragswerks zwischen der Stadt Hamburg und meiner Kühne-Stiftung sind noch offene Fragen aufgetaucht, sodass weitere Gespräche folgen müssen“, sagte Klaus-Michael Kühne auf Abendblatt-Anfrage. „Die Kühne-Stiftung bekennt sich nach wie vor zu ihrem Projekt, allerdings muss die Aufteilung der wirtschaftlichen Belastungen und Risiken aus unserer Sicht überdacht werden. Dies wird mit der Stadt erörtert.““

Befürworter des Neubaus betonen nun die Notwendigkeit, Hamburg als Kulturstadt weiter zu stärken und ein architektonisch herausragendes Gebäude zu schaffen, das der Bedeutung der Hamburgischen Staatsoper gerecht wird. Sie argumentieren, dass der Neubau die Möglichkeit bietet, modernste technische und künstlerische Standards zu realisieren und die Oper für ein breiteres Publikum zu öffnen. Insbesondere Kultursenator Brosda führt ins Feld, dass der jetzige Standort in absehbarer Zeit saniert werden muss. Die Sanierung aber müsste unter den Bedingungen des bestehenden Denkmalschutzes erfolgen, so dass neue Ideen und Nutzbarkeiten kaum möglich seien.

Kritiker hingegen bemängeln vor allem die Kosten des Projekts und die Prioritätensetzung in einer Zeit, in der andere Bereiche der Kultur und sozialen Dienste unterfinanziert sind. Sie kritisieren außerdem die Rolle der Michael Kühne Stiftung und die damit verbundene Einflussnahme auf die Stadt. Aber auch der Standort stieß auf Kritik. Denn: Der Baakenhafen war in Deutschland die zentrale logistische Drehscheibe des Genozids, von dem 95% aller deutschen Soldaten in den Krieg fuhren.

Der Historiker und Kolonialismusforscher Prof. Dr. Jürgen Zimmerer hat sich immer wieder kritisch zum geplanten Neubau der Staatsoper in Hamburg geäußert. Seine Kritik zielt vor allem auf die Rolle der Michael Kühne Stiftung als Hauptsponsor und die damit verbundene Frage der „moralischen Patenschaft“ für ein solches Prestigeprojekt. Zusammengefasst lassen sich Zimmerers Kritikpunkte vielleicht wie folgt darstellen:

  1. Koloniale Verstrickungen der Familie Kühne: Zimmerer weist auf die Rolle der Familie Kühne während der Kolonialzeit hin, insbesondere auf die Verstrickungen von August Kühne, dem Mitbegründer des Unternehmens Kühne & Nagel, in den Kolonialhandel und die Ausbeutung kolonialer Ressourcen. Er argumentiert, dass die Stiftung, die den Namen der Familie trägt, sich ihrer historischen Verantwortung stellen und eine aktive Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit betreiben müsse.
  2. Mangelnde Transparenz und Aufarbeitung: Zimmerer kritisiert die mangelnde Transparenz in Bezug auf die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit der Familie Kühne und des Unternehmens Kühne & Nagel. Er fordert eine umfassende und unabhängige Untersuchung der Rolle des Unternehmens im Kolonialismus sowie eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Ergebnissen.
  3. Symbolische Bedeutung des Opernhauses: Zimmerer betont die symbolische Bedeutung eines solchen Prestigeprojekts und die Frage, welche Werte und Repräsentationen durch die Wahl des Sponsors vermittelt werden. Er argumentiert, dass die Stadt Hamburg mit der Annahme der Spende der Kühne-Stiftung eine Mitverantwortung für die Vergangenheit des Unternehmens übernimmt und sich damit potenziell mit kolonialen Unrechtskontexten identifiziert.

Ein Interview mit Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, in dem er seine Kritik am Opernneubau und der Rolle der Kühne-Stiftung äußert, findet sich auf dem Blog „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“.

Die leitenden Forscher der Kolonialforschungsstelle Hamburg, Dr. Jürgen Zimmerer und Dr. Kim Todzi formulierten erneut am 4.2.2025 eindeutig eine Stellungnahme: „Die Kühne-Oper gerade auch an diesem Ort ist aus verschiedenen Gründen problematisch.

  1. Ein zentraler authentischer Ort der Erinnerung an koloniale Verbrechen in Deutschland wird versiegelt und – bildlich gesprochen – überschrieben, und zu einem Ort des Vergnügens.
  2. Der Ort, der wie kaum ein zweiter für das Verhältnis von Genozid und Logistik steht, wird zu einem Prestigeprojekt für einen Mann, an dessen Bereitschaft, die Rolle der eigenen Logistikfirma am Holocaust aufzuklären, immer wieder Zweifel geäußert wurden.“

Die Rolle und strittige Historie von Kühne & Nagel:

Kühne & Nagel ist ein weltweit agierendes Logistikunternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz. Das Unternehmen wurde 1890 in Hamburg gegründet und ist bis heute eng mit der Stadt verbunden. Die Michael Kühne Stiftung, die den Opernneubau finanziert, ist nach dem Ehrenvorsitzenden und Mehrheitsaktionär von Kühne & Nagel benannt.

Die Geschichte von Kühne & Nagel ist umstritten. Während des Nationalsozialismus profitierte das Unternehmen von der Arisierung jüdischer Unternehmen und war in die Enteignung und Deportation von Juden verstrickt. Man vollzog quasi die Zwangsumzüge jüdischer Deportierter. Diese Vergangenheit wirft Fragen nach der moralischen Verantwortung des Unternehmens und der Stiftung auf, insbesondere im Zusammenhang mit einem so prominenten Kulturprojekt.

Einige Medienberichte und öffentliche Debatte:

  • Hamburger Abendblatt: Berichtet über die Einigung zwischen der Stadt und der Kühne-Stiftung, betont die Chancen für die Stadtentwicklung und die Modernisierung des Opernbetriebs (Quelle: Hamburger Abendblatt).
  • NDR Kultur: Analysiert die Hintergründe der Entscheidung, die Rolle der Kühne-Stiftung und die möglichen Auswirkungen auf die bestehende Kulturszene (Quelle: NDR Kultur).
  • Die Zeit: Kommentiert die Pläne kritisch und wirft Fragen nach der Prioritätensetzung in der Kulturpolitik auf (Quelle: Die Zeit).
  • taz: Beleuchtet die Geschichte von Kühne & Nagel im Nationalsozialismus und die möglichen ethischen Implikationen der Spende (Quelle: taz).

Und dann ist da noch die dauerhafte Diskussion über das Prinzip der Oper an sich. Denn man schätzt den öffentlichen Zuschuss je Besucher*in auf weit mehr als 150,- €. Die Besuchszahlen sind rückgängig – wie bei vielen der angestammten Opernhäuser.

Und der Wohnsitz des Milliardärs Michael in der Schweiz tut sein Übriges: Kühne hat seinen Wohnsitz in der Schweiz, wo er vermutlich einen tieferen Steuersatz hat als in Deutschland. Dadurch entgehen dem deutschen Staat höchstwahrscheinlich hohe Steuereinnahmen. Es ist schwierig, die genaue Höhe der Steuerersparnis von Kühne zu schätzen, da seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse nicht öffentlich bekannt sind. Schätzungen gehen jedoch aufgrund seines Wohnsitzes in der Schweiz jährlich von einem hohen Millionenbetrag an „Steuerersparnis“ aus.

Mehrere Medien haben über die möglichen Steuerersparnisse von Klaus-Michael Kühne aufgrund seines Wohnsitzes in der Schweiz berichtet. Hier sind einige Beispiele:

  • Der Spiegel: Ein Artikel mit dem Titel „Die Tricks der Superreichen und Konzerne“ befasst sich mit verschiedenen Methoden der Steuervermeidung, darunter auch die Verlagerung des Wohnsitzes ins Ausland. In diesem Zusammenhang wird auch Klaus-Michael Kühne erwähnt. (Quelle: Der Spiegel)
  • NDR: In einem Beitrag über das „Steuerparadies Luxemburg“ wird erläutert, wie Konzerne und Superreiche durch die Nutzung internationaler Strukturen ihre Steuerlast reduzieren können. Auch hier wird auf Klaus-Michael Kühne und seine Firma Kühne+Nagel eingegangen. (Quelle: NDR)
  • Süddeutsche Zeitung: In einem Artikel über „Steueroasen“ wird die Problematik der Steuervermeidung durch Superreiche und Konzerne thematisiert. Auch hier wird Klaus-Michael Kühne als Beispiel genannt. (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

 

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Aus den Speichern der Kolonialgeschichte https://www.tiefgang.net/aus-den-speichern-der-kolonialgeschichte/ Fri, 11 Aug 2023 22:30:01 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=10166 [...]]]> Die Hamburger Südsee-Expedition brachte zwischen 1908 und 1910 umfangreiche Sammlungen aus deutschen Kolonialgebieten nach Hamburg. Was es damit auf sich hat, wird nun gründlich untersucht …

Das zweijährige Provenienzforschungsprojekt untersucht ihre Erwerbsumstände im kolonialen Kontext während der ersten von zwei Expeditionsreisen und widmet sich dem Zusammenwirken von Wissenschaft, Wirtschaft und Kolonialmacht. Das Projekt findet in Zusammenarbeit mit Partner:innen in Papua-Neuguinea und der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung statt. Es wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK: „Die Südsee-Expedition war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der größten wissenschaftlichen Projekte Hamburgs und verfolgte klare koloniale und wirtschaftliche Ziele. Eine Analyse der Unrechtskontexte von Sammeltätigkeiten und Datenerhebungen, die im Rahmen dieses Vorhabens stattfanden, ist eine Grundvoraussetzung, um gemeinsam mit Vertreter:innen der Nachfolgegesellschaften über den zukünftigen Umgang mit diesem Bestand in Austausch zu treten. Wir freuen uns sehr, dass uns die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung und das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste dabei unterstützen, in einem ersten Schritt die Aufarbeitung dieses kolonialen Erbes anzugehen, dem sicher weitere Schritte folgen werden.“

Die erste Reise der Hamburger Südsee-Expedition 1908/1909:

Kolonialer Erwerbungskontext der ethnografischen Sammlungen

Auf der Hamburger Südsee-Expedition wurden mehr als 12.000 Objekte, davon ca. die Hälfte im ersten Jahr, eine Vielzahl von Feldnotizen sowie an die 1.700 Fotografien und Skizzen angehäuft. Darüber hinaus entstand ein in 30 Bänden publizierter Ergebnisbericht. Die Reise fand in Kooperation der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung und dem ehemaligen Museum für Völkerkunde Hamburg, dem heutigen MARKK, statt. In einem ersten Schritt widmet sich die Forschung der Quellenlage, um die Kontexte der im Reisejahr 1908/09 im Bismarck-Archipel und in Neuguinea angelegten ethnografischen Sammlungen auszuleuchten. Diese Rekonstruktion basierend auf kolonialzeitlichen Quellen wird im zweiten Schritt zusammen mit Partner:innen aus Papua-Neuguinea mit dem dortigen kulturellen Gedächtnis abgeglichen und durch lokale Wissenstraditionen ergänzt und neu bewertet. Auf diese Weise sollen Deutungshoheiten neu verhandelt, die Relevanz der Sammlungsstücke mehrstimmig erörtert und ihr Nutzen für kommende Generationen diskutiert werden. Die Forschungsergebnisse werden mit den Partner:innen vor Ort geteilt und die Notwendigkeit potentieller Rückgaben soll auf ihrer Basis erkundet werden.

Kooperation mit der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung (HWS)

Bereits im Gründungsjahr der HWS 1907 wurde die Finanzierung einer Südsee-Expedition beschlossen, deren Konzeption maßgeblich auf die Initiative von Georg Thilenius (1868-1937) zurückging, der seit 1904 als Direktor des Völkerkundemuseums den Sammlungsausbau und die Profilierung des Hauses vorantrieb. In den folgenden Jahren wurde die Expedition und die Publikation ihrer Ergebnisse mit 600.000 Reichsmark gefördert und damit die Umsetzung eines der umfassendsten, unmittelbar an ein Museum angebundenen Forschungsprojekte der deutschen Kolonialzeit ermöglicht. Vor diesem Hintergrund sind beide Institutionen bestrebt, den kolonialen Kontext des Expeditionsprojektes zu untersuchen. Sowohl Netzwerke und Dokumentationen der Stiftung, als auch die Sammlung und Archivbestände des MARKK bilden Ausgangspunkte für dieses neue Provenienzforschungsprojekt.

Die Ergebnisse des Projekts sollen über die museumseigene Website, im Rahmen der sukzessiven Onlinestellung der Sammlungen sowie mit einer Ergebnispräsentation mit öffentlichem Vortrag veröffentlicht werden.

Dr. Ekkehard Nümann, Präsident der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung: „Die Südsee-Expedition ist bis zum heutigen Tag das größte Projekt, das die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung in ihrer langen Geschichte gefördert hat. Was hat diese Expedition erkundet und wie sind die Expeditionsteilnehmer:innen damals vorgegangen? Das soll zusammen mit den Partner:innen in Papua-Neuguinea erkundet und aufgearbeitet werden. Das Forschungsprojekt wird eine Expedition beleuchten, die in ihrer kolonial und wirtschaftlich getriebenen Ausrichtung begriffen werden muss. Wir als Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung sehen die Expedition als Teil unserer Geschichte und erhoffen uns neue Erkenntnisse, denen wir uns stellen werden.“

Finanziert von der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung fand zwischen Sommer 1908 und Frühjahr 1910 die sogenannte Hamburger Südsee-Expedition als ethnographische Forschungs- und Sammelexpedition mit dem Dampfer Peiho statt. Die Organisation lag in den Händen von Georg Thilenius, Direktor des Museums für Völkerkunde Hamburg und Initiator des Unternehmens. Dieses gliederte sich mit wechselnden Teilnehmern in zwei Abschnitte: Unter Führung des Arztes Friedrich Fülleborn (1866–1933) wurde bis Juni 1909 Melanesien erforscht, im zweiten Jahr unter Leitung des Ethnologen Augustin Krämer Mikronesien. Knapp 15.000 der Ethnographica befinden sich heute in Hamburg, 629 wurden an das Leipziger Museum für Völkerkunde überwiesen.
Neben Zeichnungen und Aquarellen wurde viel Wert auf die fotografische Dokumentation gelegt, allein im ersten Expeditionsjahr entstanden mehr als 1.700 Aufnahmen. Die über 2.000 Abzüge in der Leipziger Fotosammlung gehen auf fünf Bildautoren zurück. Von Ernst Sarfert (1882–1937), damals wissenschaftlicher Assistent am Museum für Völkerkunde Leipzig, wurden schon 1911 rund 140 Fotografien angekauft. Im gleichen Jahr wurden von Wilhelm Lorenzen, der während des zweiten Expeditionsabschnitts als Erster Offizier auf dem Schiff tätig war, knapp 350 Aufnahmen zusammen mit ethnographischen Objekten erworben. In den Jahren 1915 und 1917 wurden im Hamburger Museum knapp 700 Abzüge von dort verwahrten Negativen Friedrich Fülleborns und des Malers Hans Vogel (1885–1970) bestellt. Vom Anthropologen Otto Reche (1879–1966) erwarb man 130 Abzüge aus Melanesien. Während Reche überwiegend anthropometrische Aufnahmen fertigte, widmeten sich die anderen unterschiedlichen Sujets wie Hausbau, Handwerk oder Landschaft, aber auch dem ethnographischen Porträt. In zahlreichen dieser Fotografien hat sich zudem die Begegnung zwischen den Kulturen eingeschrieben: Nicht immer intentional sind häufig auch die Wissenschaftler im Bild zu entdecken.

 

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