Poesie https://www.tiefgang.net Sat, 21 Jan 2023 11:44:25 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Warum Gedichte? https://www.tiefgang.net/warum-gedichte/ Sat, 21 Jan 2023 11:44:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=9665 [...]]]> Sind Gedichte out oder zu mühsam? Unsere Autorin sagt nein. Aus gutem Grund …

von Ulrike Burbach

Viele Menschen machen um Gedichte einen Bogen. Oft werden diese für irgendwie unzeitgemäß gehalten, zu poetisch verklausuliert in unserer rationalen Zeit, es gilt als mühsam, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Dass sich diese Mühe lohnen kann, dass Gedichte uns bereichern und in andere Welten versetzen können, möchte ich beispielhaft an dem folgenden Gedicht zeigen. Geschrieben hat es Stefan George.

Der Herr der Insel
Die fischer überliefern dass im süden
Auf einer insel reich an zimmt und öl
Und edlen steinen die im sande glitzern
Ein vogel war der wenn am boden fussend
Mit seinem schnabel hoher stämme krone
Zerpflücken konnte – wenn er seine flügel
Gefärbt wie mit dem saft der Tyrer-schnecke
Zu schwerem niedrem flug erhoben habe
Er einer dunklen wolke gleichgesehn.
Des tages sei er im gehölz verschwunden
Des abends aber an den strand gekommen
Im kühlen windeshauch von salz und tang
Die süsse Stimme hebend dass delfine
Die freunde des gesanges näher schwammen
Im meer voll goldner federn goldner funken.
So habe er seit urbeginn gelebt
Gescheiterte nur hätten ihn erblickt.
Denn als zum ersten mal die weissen segel
Der menschen sich mit günstigem geleit
Dem eiland zugedreht sei er zum hügel
Die ganze teure stätte zu beschaun gestiegen
Verbreitet habe er die grossen schwingen
Verscheidend in gedämpften schmerzenslauten.

Warum gerade dieses Gedicht?
Zum ersten Mal MUSSTE ich es lesen, in der Schule im Deutschunterricht. Von seinem Inhalt begriff ich damals nicht sehr viel, doch schlug es mich von Anfang an mit seiner ganz besonderen Sprache in seinen Bann. Hier verstand sich jemand meisterhaft auf sprachlichen Ausdruck.
Seitdem habe ich es (freiwillig) noch viele Male gelesen, denn seine Faszination ließ auch über die Jahre nicht nach. Gerade dieses Gedicht erinnert an Musik, an Klang und Rhythmus und spricht auf diese Weise etwas in uns an, das jenseits von reiner Informationsweitergabe und logischer Aussage liegt. Es fordert etwas in uns heraus, was mit unserer Fantasie zu tun hat, mit unserer Sinnlichkeit und Erlebnisfähigkeit. Ein Gedicht wie dieses können wir erfahren. Natürlich vermitteln Gedichte neben dem rein ästhetischen Erlebnis auch einen gewissen Inhalt. Und dies auf eine ganz besondere Weise; nämlich in Wörtern, die so dicht gepackt sind, wie sonst an keinem anderen Ort der Sprache. Hier ist tatsächlich unser Scharfsinn gefragt.
Um den Inhalt eines Gedichtes besser erschließen zu können, kann es ratsam sein, z.Bsp. Über Wikipedia schnell etwas über den Autor, die Zeit, in der er lebte und die literarische Epoche, der sein Werk angehört, in Erfahrung zu bringen.
Der Herr der Insel fällt in die Zeit des Symbolismus‘ (1890 – 1920). Diese literarische Phase lässt sich als Reaktion auf die damaligen Zeitumstände verstehen, auf die zunehmende Industrialisierung, den wachsenden technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, auf die sich ausbreitende rationale und materielle Gesinnung in der Gesellschaft. Die symbolistischen Dichter sahen diese Entwicklung eher skeptisch. Deshalb wollten sie eine eigene Kunstwelt schaffen, eine gewisse Gegenwelt sozusagen, eine symbolische Version der Wirklichkeit. Dafür verwendeten sie eine besonders schöne, sinnliche und bildhafte Sprache, wofür Georges Gedicht sicher ein gutes Beispiel ist.

Stefan George (1868 – 1933) war zunächst stark von den französischen Symbolisten um Mallarmé beeinflusst, löste sich aber später davon und suchte eigene ästhetische und philosophische Wege. Doch lässt sich Der Herr der Insel, das 1894 entstand, sicher noch zu seiner symbolistischen Phase zählen. George war ein Sprachgenie, der sich mehrere Sprachen selbst beibrachte. Er litt unter seiner Homosexualität, die damals noch als völlig verwerflich galt. Die Nazis versuchten, ihn zu vereinnahmen, doch lehnte er dies ab. Tatsächlich hat er den Widerstand gegen die Nationalsozialisten um Stauffenberg inspiriert.
In menschlicher Hinsicht mag er gelegentlich fragwürdig gehandelt haben – dies können wir kritisieren – doch ist seine Kunst unabhängig davon zu bewerten. Einen Widerspruch zwischen Werk und Mensch müssen wir als Rezipienten aushalten.

Mit diesen Hintergrundinformationen wenden wir uns nun dem Gedicht selbst zu.

Im Mittelpunkt dieses Werkes stehen eine Insel von unglaublicher Schönheit und der sagenhafte Vogel, der sie bewohnt. Fischer berichten davon; im Text steht überliefern – ein Begriff, der gleich auf einen Zusammenhang mit Legenden und Mythen verweist. Diese Insel liegt im Süden, einer Region, mit der wir Wärme, Glück und Wohlergehen assoziieren. Die Vorstellung einer Insel ruft ein Bild von Weltabgeschiedenheit und Idylle hervor.
Und tatsächlich leben keine Menschen auf dieser Insel, sondern nur ein geheimnisvoller Vogel, der unglaublich groß (und wenn am boden fussend / Mit seinem schnabel hoher stämme kronen zerpflücken konnte) und gekleidet wie ein König ist (seine flügel / Gefärbt wie mit dem saft der Tyrerschnecke). Er überblickt ein Königreich voller natürlicher Schätze (zimmt, öl, edle steine, gehölze).
Doch besitzt er sein Reich auf eine ganz besondere Art. Nicht ohne Grund hat George dort keinen Menschen als Herrscher eingesetzt. Denn dieser märchenhafte Vogelkönig giert nach nichts, er beutet seine Insel nicht aus, sondern ist – ganz im Gegenteil – eins mit seiner Welt. Seine Größe ist nicht nur körperlicher Art, sondern ebenso Bild seiner Großzügigkeit, eines Reichtums auch in seiner Art zu existieren. Der Vogel belässt diese zauberhafte Insel so, wie sie immer gewesen ist (so habe er seit urbeginn gelebt).
Seine Sprache ist der Gesang, von dem Geschöpfe angezogen werden, die diese Sprache verstehen und lieben, die die Schönheit und Vollkommenheit der Umgebung zu schätzen wissen. Auch diese Wesen sind keine Menschen, sondern Delfine, von denen ebenfalls keine Bedrohung ausgeht (Die süsse stimme hebend dass delfine / Die freunde des gesanges näher schwammen / Im meer voll goldner federn goldner funken).
Über eine lange Zeit hinweg konnten nur Gescheiterte dieses Paradies erblicken, Menschen, die in ihrem Leben Schiffbruch erlitten haben und deshalb ihre Hoffnungen auf etwas Höheres setzen müssen. Als endlich die Menschen es schafften, zu dieser sagenhaften Insel vorzudringen, nehmen die Dinge ihren gewöhnlichen Lauf: nun ist es vorbei mit all dieser Herrlichkeit. Im letzten Augenblick nimmt der Vogel Abschied von ihr. Sein Tod vollzieht sich unbemerkt und ohne große Klage (Verscheidend in gedämpften schmerzenslauten). Die Menschen werden nie wissen, was sie angerichtet haben.
Das Gedicht besteht aus einer einzigen langen, 23 Zeilen umfassenden Strophe, in der der Inhalt in einer streng geformten Sprache dennoch auf das Anschaulichste präsentiert wird. Wir finden keine Reime vor, eine Zeile fließt inhaltlich in die nächste über, was man in der Fachsprache Enjambement nennt. Auf diese Weise wird der Leser fortlaufend durch das Geschehen gezogen bis hin zu seinem bitteren Ende.

Was hat uns dieses Gedicht heute noch zu sagen?

Zu Georges Zeiten hat es noch keine Umweltbewegung im heutigen Sinne gegeben und wir dürfen sein Anliegen nicht mit unseren derzeitigen verwechseln. Doch war George ein Naturliebhaber – vielleicht in einem etwas umfassenderen Sinne als in unserer aktuellen Konzentration auf den Naturschutz. In seinem Gedicht erscheint die Natur als eine alte Ordnung, die zu stören Unglück und Tod mit sich bringt. Zudem wollte der Dichter, der auf Menschen nicht gut zu sprechen war, auch etwas über die problematische menschliche Natur zum Ausdruck bringen, die Habsucht und Besitzgier, die zuviel von dem zerstört, das wir eigentlich in unserem eigenen Interesse erhalten müssten. In diesem Sinne halte ich das Werk für hochmodern.
Und was Gedichtinterpretationen anbelangt: könnten sie in einer ökologischeren und weniger materiell ausgerichteten Gesellschaft nicht eine sinnvolle Beschäftigung darstellen?

Literatur:
1) Hans Dieter Gelfert: Wie interpretiert man ein Gedicht? (Reclam)
2) Deutsche Gedichte, eine Anthologie (Reclam)
3) Wikipedia: Stefan George
4) Wikipedia: Symbolismus

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Mehr Worte auch ohne Orte https://www.tiefgang.net/mehr-worte-auch-ohne-orte/ Fri, 14 May 2021 22:59:50 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7902 [...]]]> Ein Slogan der fast schon traditionell gewordenen Literaturtage „SuedLese“ sind die „Orte der Worte“. Auch wenn man die wohl kaum besuchen kann, scheint es die Worte kaum zu kümmern. Ein Literaturfest der Superlative kündigt sich an.    Das kulturelle Leben liegt weitestgehend brach und immer wieder angekündigte Veranstaltungen werden meist ebenso wieder abgesagt. Nicht so in Hamburgs Süden. Die fast schon tot geglaubten Literaturtage SuedLese machen dank Bundesförderung gar einen Sprung nach vorne.

„Es ist unglaublich, was sich an Ideen, Kreativität und Engagement aufgestaut hat“, so Projektleiterin Anne Lamsbach zu den laufenden Planungen. „Gut 100 Lesungen, Workshops und Diskussionen erwarten Literaturfreunde den ganzen Juni über. Das zeigt den Hunger nach Kultur bei den Kulturschaffenden und wir hoffen, mit unserem vielfältigen Angebot auch bei den Kulturinteressierten zumindest in Teilen die literarisch-kulturellen Entbehrungen des letzten Jahres ausgleichen zu können!“ 

Projektleiterin 2021: Anne Lamsbach

Und wie es die Zeiten erfordern, wird vieles anders und neu:

  • Erstmals und unter dem Motto „Stadt – Land – Harburg“ sprengt die SuedLese die kulturellen Grenzen des Landkreises Harburg in Nordniedersachsen und dem Bezirk Harburg der Hansestadt Hamburg. Bisher waren aus politisch-administrativen Abgrenzungen keine gemeinsamen Kulturaktivitäten möglich
  • Dadurch sind „Orte der Worte“ wie der Kulturpunkt Moisburg, der Marstall in Winsen, die Empore in Buchholz oder auch das Freilichtmuseum Kiekeberg ebenso dabei wie die Wilhelmsburger Deichdiele oder der Speicher am Kaufhauskanal und viele, viele andere
  • Erstmals findet eine offizielle Kooperation mit der Hamburger Autor* innenvereinigung statt, die in einem Sonderformat einen großen Querschnitt des literarischen Schaffens in und um Hamburg bietet
  • Es gibt bald eigens eine Website für die Literaturtage, die aber auch ganzjährig Lesehungrigen ein Wegweiser für Lesetermine oder Neuerscheinungen sein wird: suedlese.de.
  • Es wurde eine eigene Literaturwerkstatt <<LitLab>> gegründet als Kooperation der Initiative SuedKultur und dem Fachbereich Poesie der Medical School Hamburg. Hier sollen dauerhaft neue Wege und Formen der Darstellung von Literatur erforscht und befördert werden. Dazu werden in einem Blog auf der Seite suedlese.de regelmäßig Ergebnisse veröffentlicht, die Autor*innen aber auch Lesefans gutes Handwerkszeug geben werden.
  • Die gut 100 (!) Termine für Lesungen, Schreib- und Kreativworkshops, Diskussionen und Besprechungen im Rahmen der 6. SuedLese geben einen direkten Verweis auf die Online-Adressen per Link, die meist über das Videokonferenz ZOOM abgewickelt werden. Das reduziert ständig wechselnde Formate und soll auch weniger internetaffinen Literaturfreunden die Teilhabe und Teilnahme vereinfachen
  • Es werden brauchbare und leicht verständliche Hinweise gegeben, wie man den Genuss der online-Lesungen per Flachbildschirm-Fernseher oder Kopfhörer erhöhen kann
  • Die haptisch hochwertigen Programmhefte der 6. SuedLese aber auch persönlich signierte Bücher der Lesungen können in Bälde direkt über das Portal suedlese.de bestellt und auch der Online-Zahlungsverkehr dort abgewickelt werden. Die Gelder werden dann zentral an Autor*innen oder den lokalen Buchhandel weitergegeben und der postalische Versand organsiert. Ein Rund-um-Lese-Paket der besonderen Art!
  • Da Lesungen für die Leseorte als auch Literat*innen stets auch eine Einnahmequelle sind, wird dem Publikum nahegelegt, auch einen Eintritt zu zahlen, wenngleich er nicht Bedingung ist, um sich zu den Lesungen zuzuschalten. Die üblichen Eintritte bzw. Spenden zwischen 5,- und 15,- € können ebenso direkt über das SuedLese-Portal abgewickelt werden

Das Literaturangebot im Rahmen der SuedLese reicht von Kinderlesungen über Poesie, Prosa, Sachbuch, Kabarett, Krimi bis zu szenischer Lesung. Mit dabei sind lokale Matadoren wie Ute Holst oder Sonja Alphonso der Harburger Schreibwerkstatt von „Alles wird schön e.V.“ und der wiederbelebte „Club der lebenden Dichter“ aus Wilhelmsburg. Auch literarische Größen wie die vielfach ausgezeichnete Kinderbuchautorin Kirsten Boie, der Preisträger des Blauen Löwen, Jens Böttcher, der Hamburger Literaturpreisträger aus Harburg, Benjamin Maack, sind bei der diesjährigen SuedLese vertreten und nicht zuletzt bereichern die Kabarettisten Kerim Pamuk, Lutz von Rosenberg-Lipinsky und Johannes Kirchberg mit ihren szenischen Lesungen den Literatursommer im Hamburger Süden und dem Landkreis Harburg in Niedersachsen.

Das Programm wird zurzeit unter Hochdruck fertig gestellt und ist bis zur SuedLese dann vollumfänglich auf dem Portal www.suedlese.de zu finden. Das gedruckte Programmheft kann ab sofort und für 2,50€ Schutzgebühr und Versandkosten unter post@seudlese.de  vorbestellt werden und wird zugestellt sobald es aus dem Druck ist.

Über die einzelnen Programmpunkte und Inhalte, Orte der Worte und Diskussionen rund um das Buch und Hamburgs literarischen Süden informiert das SuedLese-Team zeitnah.

Die 6. Suedlese – Literaturtage im Süden Hamburgs werden gefördert durch NEUSTART Kultur sowie die Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

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ZANSHIN https://www.tiefgang.net/zanshin/ Fri, 27 Nov 2020 23:01:38 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7423 [...]]]> für Volker Maaßen

Immer wenn sich für kurze Zeit das Schwarze Loch öffnet, das alle und alles verschlingt, frage ich mich, ob es einen Sinn hat, dem so Verschwundenen noch etwas hinterher zu rufen. Sicher nicht.

Wenn überhaupt, mache ich es für mich als in erster Linie schon jetzt notwendige persönliche Erinnerung und als Selbstvergewisserung nach dem wiederkehrenden Schock und Schwindel angesichts der Ver-nicht-ung. Das hätte Dich vielleicht inspiriert, lieber Volker  – die Bedeutung der Entdeckung des Nichts, der  Null vor langer Zeit in Indien für unser Rechnen und Denken überhaupt.

Zweierlei fällt mir ein, für mich und vielleicht andere.

Freundschaft und Poesie.

In meinem Verhältnis zu Volker Maaßen fiel beides schließlich und zuletzt zusammen, erklärte und bedingte sich gegenseitig. In der Poesie wird in einem sprachlichen Bild verdichtet, was sonst anders nicht ausdrückbar ist, sei es ein Gefühl, ein Glaube, eine Gewißheit, eine Epiphanie oder eine Mischung von allem diesem – und von noch mehr, darüber hinaus weisend und jenseits davon.

In der Suche nach diesem Ausdruck waren wir uns verwandt. So ein gemeinsames Interesse und Suchen kann Freundschaft begründen, Volker hat es als erster  ausformuliert, wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod, als er mir schrieb „… Freund möchte ich dich nennen, nicht aus gewachsener Verbundenheit, sondern aus einer eigenartigen Gedankenähnlichkeit…“

Ich der Bauer habe Volker vor vielen Jahren zunächst auf einem anderen Feld kennen gelernt. Ich traf ihn in seiner Eigenschaft als Klinikchef und Krebsarzt, nicht als ersten der Disziplin, denn diese heimtückische Krankheit hatte in meinem Leben schon mittelbar gewütet und Betroffenheit hinterlassen. Mir begegnete ein Arzt und Mensch, der sich weit über das übliche Maß hinaus für seine Patientinnen im wahren Sinne des Wortes besorgt zeigte und sich auch nach der unvermeidlichen Operation für die Verheilung der entstandenen körperlichen und seelischen Narben verantwortlich fühlte. Ich erinnere mich an ein Vorgespräch, in dem er versuchte, den Verlust einer weiblichen Brust, einer Mamma, als neue ungewöhnliche ästhetische Wahrnehmung zu vermitteln. In solchen Gesprächen stellte er einmal die Frage: woher kommt die Intuition? Woher die Inspiration? was mich aufhorchen ließ. Da wußte ich noch nichts von seinem Schreiben und Dichten. Damals blieb ich ihm wohl aus anderer Sorge die Antwort schuldig. In seinem, unserem Denken könnte sie jetzt und hier lauten: Intuition und dann auch Inspiration entsteht als überspringender Funke der Neuronen bei besonders dichter und komplexer Verschaltung der Synapsen, mit Verbindungen über entfernte und kaum verwandte Bereiche hinweg, zu paradoxen und widersprüchlichen Verknüpfungen, die parallel existieren und zu merk-würdigen Assoziationen, regelrechten Geistes-Blitzen führen. Auch unter Künstlern begegnen einem dazu aufgeschlossene und bereite Menschen nicht sofort. Wie bei dem Semiotiker Umberto Eco zu lesen, am ehesten noch bei solchen, die in mehreren Sprachen und Zeichensystemen beheimatet sind.

Später begannen wir beide ungefähr gleichzeitig, uns auch unter künstlerischen, das heißt poetischen Aspekten wahrzunehmen und füreinander zu interessieren. Ich ging zu seinen Lesungen, er besuchte meine, wir äußerten Anerkennendes. Da war die von Viola Livera organisierte „Straße der Poesie“, wo ich in Harburg vor der Heimfelder Pauluskirche gleich neben meiner alten Schule gelesen hatte. Bei dieser Gelegenheit entstand ein gemeinsames Foto, Volker mit rotem Schal und Baskenmütze, ich daneben rund einen Kopf kleiner mit gelbem Schal. Natürlich kannten wir beide jenes Plakat von Henri de Toulouse-Lautrec von 1892, das Aristide Bruant zeigt und nicht erst 100 Jahre später dazu führte, daß man immer wieder in der Kunstszene auf Herren mit großen schwarzen Hüten und rotem Schals traf. Oh ja, wir spielten das Spiel vom Jahrmarkt „Vanity Fair“, spielten es gern und durchschauten es, Volker sprach oft von den eitlen Affen und zählte sich durchaus dazu. Name dropping, auch das. So beeindruckte er mich damit, daß er Harry Rowohlt getroffen hätte, Harry, der die gleiche Schule im gleichen Jahrgang wie ich besucht hatte. Oder Robert Gernhardt, der soetwas wie ein Lehrer und Mentor für Volker Maaßen gewesen ist. In der Tat haben viele Verse von Volker, die er auch gern gegen Rezept verordnete, einiges von Robert Gernhardts Prägnanz, Schärfe und beißendem Witz. Das verleitete mich mehr als einmal dazu, mit ihm sarkastisch die Feder zu kreuzen. Er ging darauf ein und so flogen in den sozialen Medien die angespitzten Repliken spielerisch hin und her. Für das „Federlesen“ in der Harburger Kulturkirche „Dreifalt“ haben wir das ende 2018 auch gemeinsam öffentlich vorgetragen und anschließend publiziert. Hat Spaß gemacht.

Volker Maaßen und Ulrich Lubda (Foto: Morvae Frank)

Aber da war noch mehr. Mehr als Spaß und Gesplänkel. Volker wußte es, ich ahnte es. Ihm war aufgefallen, daß bei ähnlichen Gedanken in unserem Schreiben darüber verwandte Bilder und Metaphern entstanden, sogar sich ähnelnde Rhythmen und Klänge. Nicht verwunderlich, denke ich, waren es doch oft die klassischen, universalen Themen der Literatur, die uns gedanklich beschäftigten – das Aufleuchten des Frühlings im Herbst und der herbstliche Verfall schon im Frühling, das Ende im Anfang, der neue, junge Keim, der den Tod schon in sich trägt. Kreislauf des Lebens. Interessant, daß das auch an einem Text deutlich wurde, den ich vor mehr als zwanzig Jahren auf englisch geschrieben hatte („Omdurman Road“) und den Volker mit einem Gedicht verglich, das er über sich und seinen Schatten verfaßt hatte. So kam es dazu, daß Volker vor einiger Zeit die Frage an mich herantrug, ob ich eine Sammlung seiner Gedichte ins Englische übersetzen könnte. Vielleicht war es der Gedanke an die ihm noch verbleibende Zeit, Volker hatte den Wunsch, seine neuesten Gedichte einer breiteren, internationalen Leserschaft vorzustellen. Über persönliche Kontakte war eine russische Übersetzung im Netz herausgekommen und kurz darauf erschien eine zweisprachige Buchveröffentlichung in der Ukraine. Zunächst hatte ich erhebliche Bedenken, denn Englisch ist nicht meine Muttersprache, obwohl ich sie seit fast 60 Jahren pflege und überhaupt – Lyrik ist nicht übersetzbar. Genau das ist der Punkt, sagte Volker, ich möchte, daß du meine Gedichte auf deine Art nachdichtest, neu schreibst und dabei in die andere Sprache überträgst.

Wenige Tage vor seinem Tod schickte mir Volker eine WhatsApp-Nachricht nach Dänemark und bat mich um einen Telefonanruf, denn nach einem Schlaganfall fiel ihm Lesen und Schreiben schwer. Wir sprachen über Möglichkeiten, das zu kompensieren und auch über das Übersetzen. Der Ton ist sehr wichtig, sagte Volker, ich achte immer auch auf den Klang. Auch sprachen wir über neue alte Themen, über das Wetter, Ebbe und Flut und den Kreislauf des Wassers und des Lebens. „Ebbe und Flut, beruhigend wie der Atem der Natur, verwirrend aber doch, wenn das Wasser verschwunden ist und man nicht sicher sein kann, daß es wiederkommt“, schrieb er.

Draußen im Wald an der dänischen Westküste fand ich ich Zeit zum Übersetzen  und schickte Volker eine erste Probe von den „Erinnerungsnähten“, als Sprachnachricht – eines seiner besten und berührendsten Gedichte, wie ich finde. Kurz zuvor hatte er den Text nocheinmal überarbeitet und mir geschickt. Er war karger und knapper und auch mehrdeutig geworden. Die Antwort kam prompt, er war zufrieden, jedenfalls mit dem Klang. „Die Übersetzung hat den Worten einen ganz eigenen, wunderbaren Klang gegeben.“ Es folgte nochmals die Bitte, alle Gedichte auf diese Weise zu übertragen, die nun für mich zum Vermächtnis geworden ist.

Zwei Tage später schickte ich eine weitere Sprachnachricht mit weiteren Ergebnissen nach Hamburg. Sie blieb tagelang ungeöffnet. Ich machte mir Sorgen. Am Tag meiner Abreise, der mit Gewitter, Hagelsturm und sehr viel Wasser begann, sah ich, daß die Nachricht geöffnet und abgehört worden war. Dann ist ja alles gut, dachte ich. Das war auch der Tag der Abreise von Volker Maaßen, dem Arzt und Dichter.

Ich möchte das Gedicht „Erinnerungsnähte“ an den Schluß stellen, aus dem bezeichnenderweise auch wieder der Chirurg spricht. Meine Übersetzung existiert bisher nur als Tondatei, sie soll erst erscheinen, wenn alle Gedichte des Bandes „Zanshin“ übersetzt sind. „Zanshin“ ist ein Begriff aus dem Zen-Buddhidmus, erklärte mir Volker, er meint den Moment des Loslassens, wenn der Bogenschütze den Pfeil freigegeben hat.

Ulrich Lubda 11/2020

 

Erinnerungsnähte

Nahe Worte,

die ich lang schon kannte,

bis spät

von ihnen

kaum ein Flüstern blieb.

Kraniche waren wir,

unzertrennlich

aus dem Fluge abgestürzt

von einem

in ein anderes Leben.

Nur Erinnerungsnähte

blieben uns,

im Raume unserer Zeit

spürbar,

geformt

zwischen Daumen

und Zeigefinger

aus dem Kerzenwachs

am Rande des Feuers.

Es bleiben deine Bitte,

den Reißverschluß

nach oben zu ziehen

und der Moment,

wenn mein Blick

über deine

Nackenwirbel gleitet.

VM © 8/2020

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Poesie goes EAST https://www.tiefgang.net/poesie-goes-east/ Fri, 06 Apr 2018 22:38:09 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3436 [...]]]> Manches im Leben ist so schön wie ein Gedicht. Wer davon mehr haben will, kann dies nun auch studieren: Poesie als Studium. Und zwar direkt in Harburg …

Ab dem Wintersemester 2018/19 ist es möglich, den Studiengang EAST mit dem Schwerpunkt  ‚Poesie‘ zu studieren. Bewerber*innen, die sich insbesondere in poetischem Arbeiten und Gestalten ausbilden möchten, also insbesondere mit dem Schreiben, Lesen und verschiedenen Formaten von Literatur beschäftigen wollen, absolvieren etwa 30% des Studiums in poetisch-künstlerischer Theorie und Praxis. Darüber hinaus lernen sie auch die Grundlagen anderer Künste kennen: Musik, Performing Arts, Bildende Kunst, Digitale Medien.

Poesie in sozialen Veränderungsprozessen

Worte, Sprache, Schreiben und Lesen sind Universalien unserer Kultur und stellen zentrale Kompetenzen in Kommunikationsprozessen und für Beziehungsgestaltungen zur Verfügung. Das ‚In Worte fassen können‘ ermöglicht es, subjektive Wahrnehmungen von Welt zur Sprache zu bringen und damit in einen Dialog mit anderen und der Welt einzutreten. So können wir persönliche, soziale und gesellschaftspolitische Verhältnisse gestalten und Teilhabe erleben. 

Wir kreieren und ordnen unser Leben in Geschichten

Das Verfassen und Erfassen von ästhetisch gestalteter Schrift und Sprache in ihren unterschiedlichen Genres ermöglicht die Erfahrung von individueller Autor*innenschaft. Im Sinne eines kunstanalogen Prozesses sind diese Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Kohärenz übertragbar und ermöglichen es, sich als aktive Gestalterin nicht nur auto-biografischer oder fiktionaler Texte zu erleben und zu verstehen, sondern auch als aktiver Teil einer poiesis von Lebenswelt.

Daher eignet sich ein derart intermediales, angewandt-literarisches Studium zur erfolgreichen Arbeit in verschiedenen sozial-kulturellen Feldern, in kulturellen Bildungsprojekten aber auch der gesundheitlichen Vorsorge und Selbstfürsorge. Über die fachliche Qualifikation hinaus bietet es ein professionelles Netzwerk mit interessanten beruflichen Anknüpfungsmöglichkeiten und Perspektiven.

  • Studieninhalte und Aufbau
  • Zulassungsvoraussetzungen
  • Berufliche Perspektiven
  • Studieninhalte und Aufbau

Ca. 30% des Unterrichts findet im Schwerpunkt Poesie statt. Die verbleibenden 70% bestehen aus gemeinsamem Studium mit den Studierenden der anderen künstlerischen Schwerpunkte.

Das Schwerpunktstudium umfasst vor allem die Vermittlung einer erfahrungsgesättigten und soliden poetisch-künstlerischer Praxis und Theorie in Bezug auf unterschiedliche Praxisfelder:

 

Kontexte I

  • Die Kultur- und Entwicklungsgeschichte des Schreibens und Lesens sowie der Poesie
  • Literatursoziologischer und anthropologisch-philosophischer Bezugsrahmen
  • Autorinnen- und Poesie-Begriff: Positionen, Haltungen und Selbstverständnisse

Kontexte II

  • Handwerkskoffer des Kreativen Schreibens und des Einsatzes von Poesie, Literatur und Storytelling
  • Strategien und Konzepte poetischen Gestaltens beim Schreiben und Lesen
  • Intermedial-schriftstellerische Strategien und deren Anwendung
  • Performative und partizipatorische poetische Strategien
  • Poetische Projektarbeit: Von der Idee zum Konzept und in die Umsetzung
  • Autor*innenschaft, Textproduktions und -publikationsverfahren

Kontexte III

  • Wahrnehmung und Selbstwirksamkeit in poetischen Veränderungsprozessen
  • Literaturpädagogik, Poesie- und Bibliotherapie, Schreib-, Lese- bzw. Graphotherapie, Graphologie
  • Berufliche Perspektiven, konkrete Anwendungsfelder und Netzwerken mit professionellen Akteurinnen

Verantwortlich und Ansprechperson: Professorin Kerstin Hof, M.A., eMail an kerstin.hof(at)medicalschool-hamburg.de

als PDF-Download: arts-and-change.de

Quelle: arts-and-change.de/east-schwerpunkt-poesie

 

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