Ein Nachruf auf den Harburger Poeten Volker Maaßen

ZANSHIN

Der Poet Volker Maaßen (Foto: Jürgen Lubda)

für Volker Maaßen

Immer wenn sich für kurze Zeit das Schwarze Loch öffnet, das alle und alles verschlingt, frage ich mich, ob es einen Sinn hat, dem so Verschwundenen noch etwas hinterher zu rufen. Sicher nicht.

Wenn überhaupt, mache ich es für mich als in erster Linie schon jetzt notwendige persönliche Erinnerung und als Selbstvergewisserung nach dem wiederkehrenden Schock und Schwindel angesichts der Ver-nicht-ung. Das hätte Dich vielleicht inspiriert, lieber Volker  – die Bedeutung der Entdeckung des Nichts, der  Null vor langer Zeit in Indien für unser Rechnen und Denken überhaupt.

Zweierlei fällt mir ein, für mich und vielleicht andere.

Freundschaft und Poesie.

In meinem Verhältnis zu Volker Maaßen fiel beides schließlich und zuletzt zusammen, erklärte und bedingte sich gegenseitig. In der Poesie wird in einem sprachlichen Bild verdichtet, was sonst anders nicht ausdrückbar ist, sei es ein Gefühl, ein Glaube, eine Gewißheit, eine Epiphanie oder eine Mischung von allem diesem – und von noch mehr, darüber hinaus weisend und jenseits davon.

In der Suche nach diesem Ausdruck waren wir uns verwandt. So ein gemeinsames Interesse und Suchen kann Freundschaft begründen, Volker hat es als erster  ausformuliert, wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod, als er mir schrieb „… Freund möchte ich dich nennen, nicht aus gewachsener Verbundenheit, sondern aus einer eigenartigen Gedankenähnlichkeit…“

Ich der Bauer habe Volker vor vielen Jahren zunächst auf einem anderen Feld kennen gelernt. Ich traf ihn in seiner Eigenschaft als Klinikchef und Krebsarzt, nicht als ersten der Disziplin, denn diese heimtückische Krankheit hatte in meinem Leben schon mittelbar gewütet und Betroffenheit hinterlassen. Mir begegnete ein Arzt und Mensch, der sich weit über das übliche Maß hinaus für seine Patientinnen im wahren Sinne des Wortes besorgt zeigte und sich auch nach der unvermeidlichen Operation für die Verheilung der entstandenen körperlichen und seelischen Narben verantwortlich fühlte. Ich erinnere mich an ein Vorgespräch, in dem er versuchte, den Verlust einer weiblichen Brust, einer Mamma, als neue ungewöhnliche ästhetische Wahrnehmung zu vermitteln. In solchen Gesprächen stellte er einmal die Frage: woher kommt die Intuition? Woher die Inspiration? was mich aufhorchen ließ. Da wußte ich noch nichts von seinem Schreiben und Dichten. Damals blieb ich ihm wohl aus anderer Sorge die Antwort schuldig. In seinem, unserem Denken könnte sie jetzt und hier lauten: Intuition und dann auch Inspiration entsteht als überspringender Funke der Neuronen bei besonders dichter und komplexer Verschaltung der Synapsen, mit Verbindungen über entfernte und kaum verwandte Bereiche hinweg, zu paradoxen und widersprüchlichen Verknüpfungen, die parallel existieren und zu merk-würdigen Assoziationen, regelrechten Geistes-Blitzen führen. Auch unter Künstlern begegnen einem dazu aufgeschlossene und bereite Menschen nicht sofort. Wie bei dem Semiotiker Umberto Eco zu lesen, am ehesten noch bei solchen, die in mehreren Sprachen und Zeichensystemen beheimatet sind.

Später begannen wir beide ungefähr gleichzeitig, uns auch unter künstlerischen, das heißt poetischen Aspekten wahrzunehmen und füreinander zu interessieren. Ich ging zu seinen Lesungen, er besuchte meine, wir äußerten Anerkennendes. Da war die von Viola Livera organisierte „Straße der Poesie“, wo ich in Harburg vor der Heimfelder Pauluskirche gleich neben meiner alten Schule gelesen hatte. Bei dieser Gelegenheit entstand ein gemeinsames Foto, Volker mit rotem Schal und Baskenmütze, ich daneben rund einen Kopf kleiner mit gelbem Schal. Natürlich kannten wir beide jenes Plakat von Henri de Toulouse-Lautrec von 1892, das Aristide Bruant zeigt und nicht erst 100 Jahre später dazu führte, daß man immer wieder in der Kunstszene auf Herren mit großen schwarzen Hüten und rotem Schals traf. Oh ja, wir spielten das Spiel vom Jahrmarkt „Vanity Fair“, spielten es gern und durchschauten es, Volker sprach oft von den eitlen Affen und zählte sich durchaus dazu. Name dropping, auch das. So beeindruckte er mich damit, daß er Harry Rowohlt getroffen hätte, Harry, der die gleiche Schule im gleichen Jahrgang wie ich besucht hatte. Oder Robert Gernhardt, der soetwas wie ein Lehrer und Mentor für Volker Maaßen gewesen ist. In der Tat haben viele Verse von Volker, die er auch gern gegen Rezept verordnete, einiges von Robert Gernhardts Prägnanz, Schärfe und beißendem Witz. Das verleitete mich mehr als einmal dazu, mit ihm sarkastisch die Feder zu kreuzen. Er ging darauf ein und so flogen in den sozialen Medien die angespitzten Repliken spielerisch hin und her. Für das „Federlesen“ in der Harburger Kulturkirche „Dreifalt“ haben wir das ende 2018 auch gemeinsam öffentlich vorgetragen und anschließend publiziert. Hat Spaß gemacht.

Volker Maaßen und Ulrich Lubda (Foto: Morvae Frank)

Aber da war noch mehr. Mehr als Spaß und Gesplänkel. Volker wußte es, ich ahnte es. Ihm war aufgefallen, daß bei ähnlichen Gedanken in unserem Schreiben darüber verwandte Bilder und Metaphern entstanden, sogar sich ähnelnde Rhythmen und Klänge. Nicht verwunderlich, denke ich, waren es doch oft die klassischen, universalen Themen der Literatur, die uns gedanklich beschäftigten – das Aufleuchten des Frühlings im Herbst und der herbstliche Verfall schon im Frühling, das Ende im Anfang, der neue, junge Keim, der den Tod schon in sich trägt. Kreislauf des Lebens. Interessant, daß das auch an einem Text deutlich wurde, den ich vor mehr als zwanzig Jahren auf englisch geschrieben hatte („Omdurman Road“) und den Volker mit einem Gedicht verglich, das er über sich und seinen Schatten verfaßt hatte. So kam es dazu, daß Volker vor einiger Zeit die Frage an mich herantrug, ob ich eine Sammlung seiner Gedichte ins Englische übersetzen könnte. Vielleicht war es der Gedanke an die ihm noch verbleibende Zeit, Volker hatte den Wunsch, seine neuesten Gedichte einer breiteren, internationalen Leserschaft vorzustellen. Über persönliche Kontakte war eine russische Übersetzung im Netz herausgekommen und kurz darauf erschien eine zweisprachige Buchveröffentlichung in der Ukraine. Zunächst hatte ich erhebliche Bedenken, denn Englisch ist nicht meine Muttersprache, obwohl ich sie seit fast 60 Jahren pflege und überhaupt – Lyrik ist nicht übersetzbar. Genau das ist der Punkt, sagte Volker, ich möchte, daß du meine Gedichte auf deine Art nachdichtest, neu schreibst und dabei in die andere Sprache überträgst.

Wenige Tage vor seinem Tod schickte mir Volker eine WhatsApp-Nachricht nach Dänemark und bat mich um einen Telefonanruf, denn nach einem Schlaganfall fiel ihm Lesen und Schreiben schwer. Wir sprachen über Möglichkeiten, das zu kompensieren und auch über das Übersetzen. Der Ton ist sehr wichtig, sagte Volker, ich achte immer auch auf den Klang. Auch sprachen wir über neue alte Themen, über das Wetter, Ebbe und Flut und den Kreislauf des Wassers und des Lebens. „Ebbe und Flut, beruhigend wie der Atem der Natur, verwirrend aber doch, wenn das Wasser verschwunden ist und man nicht sicher sein kann, daß es wiederkommt“, schrieb er.

Draußen im Wald an der dänischen Westküste fand ich ich Zeit zum Übersetzen  und schickte Volker eine erste Probe von den „Erinnerungsnähten“, als Sprachnachricht – eines seiner besten und berührendsten Gedichte, wie ich finde. Kurz zuvor hatte er den Text nocheinmal überarbeitet und mir geschickt. Er war karger und knapper und auch mehrdeutig geworden. Die Antwort kam prompt, er war zufrieden, jedenfalls mit dem Klang. „Die Übersetzung hat den Worten einen ganz eigenen, wunderbaren Klang gegeben.“ Es folgte nochmals die Bitte, alle Gedichte auf diese Weise zu übertragen, die nun für mich zum Vermächtnis geworden ist.

Zwei Tage später schickte ich eine weitere Sprachnachricht mit weiteren Ergebnissen nach Hamburg. Sie blieb tagelang ungeöffnet. Ich machte mir Sorgen. Am Tag meiner Abreise, der mit Gewitter, Hagelsturm und sehr viel Wasser begann, sah ich, daß die Nachricht geöffnet und abgehört worden war. Dann ist ja alles gut, dachte ich. Das war auch der Tag der Abreise von Volker Maaßen, dem Arzt und Dichter.

Ich möchte das Gedicht „Erinnerungsnähte“ an den Schluß stellen, aus dem bezeichnenderweise auch wieder der Chirurg spricht. Meine Übersetzung existiert bisher nur als Tondatei, sie soll erst erscheinen, wenn alle Gedichte des Bandes „Zanshin“ übersetzt sind. „Zanshin“ ist ein Begriff aus dem Zen-Buddhidmus, erklärte mir Volker, er meint den Moment des Loslassens, wenn der Bogenschütze den Pfeil freigegeben hat.

Ulrich Lubda 11/2020

 

Erinnerungsnähte

Nahe Worte,

die ich lang schon kannte,

bis spät

von ihnen

kaum ein Flüstern blieb.

Kraniche waren wir,

unzertrennlich

aus dem Fluge abgestürzt

von einem

in ein anderes Leben.

Nur Erinnerungsnähte

blieben uns,

im Raume unserer Zeit

spürbar,

geformt

zwischen Daumen

und Zeigefinger

aus dem Kerzenwachs

am Rande des Feuers.

Es bleiben deine Bitte,

den Reißverschluß

nach oben zu ziehen

und der Moment,

wenn mein Blick

über deine

Nackenwirbel gleitet.

VM © 8/2020

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