VG Wort – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Sat, 31 Oct 2020 10:26:12 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Wissen nutzen ohne Zustimmung https://www.tiefgang.net/wissen-nutzen-ohne-zustimmung/ Sat, 24 Jun 2017 07:14:15 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1387 [...]]]> Die Bundesregierung will noch vor der Sommerpause eine Reform des Wissenschaftsurheberrechts beschließen. Viele befürchten dramatische Folgen für Wissenschaftsverlage und die Presse. Auch die TU Hamburg-Harburg hat sich geäußert.

Es liegt derzeit ein Reformentwurf beim Bundesjustizministerium vor, der das wissenschaftliche Urheberrecht an sein digitales Umfeld anpassen will. Schnelle Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Texten, pauschale Vergütung seiner Urheber. Damit zöge es einen Schlussstrich unter das bisherige Modell, nach dem Universitäten und Bibliotheken erst Lizenzen mit Verlagen abschließen müssen, bevor sie deren Erzeugnisse nutzen und verbreiten dürfen.

Nach künftiger Gesetzeslage könnten die Bibliotheken Bücher nach Belieben einscannen und für Forschung und Lehre 15 Prozent davon anbieten, und zwar ohne dafür an die Urheber zu zahlen. Das wirft natürlich die Frage auf, welcher Anreiz für Verlage noch bestehen soll, Lehrbücher und Zeitschriften zu verlegen, die hinterher in wesentlichen Teilen gratis kursieren.

Gratis im Namen der Wissenschaft

Der Gesetzentwurf geht noch in einem anderen Punkt weiter und erlaubte es jedem, einzelne Zeitungsartikel der Allgemeinheit zu Bildungszwecken kostenlos zur Verfügung zu stellen. Anders als für wissenschaftliche Publikation, die der Staat teilweise selbst finanziert, dürfen diese Zeitungstexte vollständig benutzt werden. Wer dann einzelne Zeitungstexte lesen möchte, könnte sie sich von der Bücherhalle oder Uni-Bibliothek frei nachhause senden lassen. Nicht nur das „Hamburger Abendblatt“ hätte ein Problem.

Hier zu den wesentlichen Punkten des „Gesetzes zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft“ (UrhWissG):

„Werke der Literatur, Wissenschaft und Kunst genießen den Schutz des Urheberrechts: Die Rechtsordnung gewährt den Urhebern und Werkmittlern Rechte, um die Ergebnisse des kreativen Schaffens zu kontrollieren und zu verwerten. Zugleich bestimmt das Urheberrecht die Schranken dieser Rechte: Sie regeln, welche Nutzungshandlungen gesetzlich erlaubt sind, ohne dass es einer Zustimmung des Rechtsinhabers bedarf. Gesetzlich erlaubte Nutzungen sorgen insbesondere dafür, dort Zugang zu geschützten Inhalten zu schaffen, wo vertragliche Systeme aus unterschiedlichsten Gründen keinen ausbalancierten Interessensausgleich zu schaffen vermögen.

Der vorliegende Entwurf setzt die Maßgabe des Koalitionsvertrages um, eine „Bildungs- und Wissenschaftsschranke“ zu schaffen. Er regelt also neu, welche urheberrechtlichen Nutzungshandlungen im Bereich Bildung und Wissenschaft gesetzlich erlaubt sind, ohne dass es einer Zustimmung der Urhebers und sonstiger Rechtsinhaber bedarf. Durch den Entwurf sollen das Urheberrechtsgesetz, das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek und das Patentgesetz geändert werden.

Der Entwurf

  • regelt die künftigen Nutzungsbefugnisse für Unterricht, Forschung und Wissensinstitutionen möglichst konkret;
  • verzichtet so weit wie möglich auf unbestimmte Rechtsbegriffe;
  • weitet die Nutzungsbefugnisse aus, soweit unionsrechtlich zulässig und fachlich geboten;
  • koppelt die erlaubten Nutzungen i. d. R. an einen gesetzlichen Anspruch der Urheber auf angemessene Vergütung, der über Verwertungsgesellschaften geltend zu machen ist;
  • enthält erstmals eine urheberrechtliche Regelung zum „Text and Data Mining“;
  • regelt unter anderem die „Anschlusskopie“ bei der Nutzung von Terminals;
  • bereinigt die vorhandenen Schranken-Vorschriften und
  • fügt erstmals eine plausible Binnenstruktur in den hochkomplexen Abschnitt 6 des Urheberrechtsgesetzes zu den Schrankenbestimmungen ein.

Ergänzend sollen im Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek den Pflichtexemplarbibliotheken die Aufnahme elektronischer Pflichtexemplare in ihren Bestand sowie das sogenannte „Web-Harvesting“ (Archivierung frei zugänglicher Internet-Inhalte) und Zitationsarchive für bestimmte Web-Inhalte erlaubt werden. Durch eine Neuregelung im Patentgesetz soll das Deutsche Patent- und Markenamt die sogenannte Nichtpatentliteratur besser nutzen können als bislang.“

Quelle: www.bmjv.de

Der Kanzler der Technischen Universität Hamburg-Harburg, Klaus J. Scheunert, hat wie viele andere Institutionen den Entwurf kommentiert bzw. sich gemeinsam mit den Universitätskanzler*innen von Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern der Einschätzung der Kanzler*innen der Uni Dortmund angeschlossen. Diese begrüßen den Gesetzesentwurf, da er grundsätzlich geeignet sei, „der in hohem Maße durch Digitalisierung geprägten Lehre und Forschung an den Hochschulen einen angemessenen und rechtssicheren Rahmen zu geben. Besonders hervorzuheben sind die klaren Vorgaben im Gesetzestext, die in der Praxis eine erhebliche Erleichterung und Entlastung von juristischen Detailproblemen bedeuten werden. Jahrelange Rechtsstreitigkeiten mit ungewissem Ausgang, wie sie in den vergangenen Jahren den Arbeitsalltag an den Hochschulen stark belastet haben, können so in Zukunft vermieden werden. Durch die ausdrückliche Berücksichtigung von Text- und Datamining (§ 60d rhWissG-RefE) wird auch aktuellen Entwicklungen in der Forschung Rechnung getragen.“

Kaum noch gedruckte Lehrbücher?

Aber es gibt auch Kritik: „Wenn Lehrbücher in Lehrveranstaltungen durch frei zugängliche oder selbst erstellte Materialien faktisch ersetzt werden, dürften Studierende kaum noch daran interessiert sein, gedruckte Lehrbücher für ihr Studium zu erwerben. Insofern besteht die Gefahr, dass Verlagspublikationen gerade kleiner und mittlerer Wissenschaftsverlage auf längere Sicht massiv an Bedeutung verlieren. Diese Verlage aber sind ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Publikationslandschaft.“

vollständige Stellungnahme

Auch die Bundestagsfraktion der CDU übt harsche Kritik, da die Novelle die Verlage und Autoren ihres Existenzrechts beraube. Der Bundesrat hingegen sieht die Pressefreiheit gefährdet. Kommt das Gesetz also überhaupt? Maas scheint es selbst unklar: Mal sagt er, es sei völlig offen, wie sich der Bundestag entscheide. Und sollte es kommen, dann nur in stark veränderter Form. Im „heute journal“ wieder hörte man: „Wichtig wäre, dass wir das Gesetz vor der Sommerpause verabschieden werden“. Wenn also dürfte es wieder ein Gesetzessüppchen von viele Köchen werden. Und hier liegt schon eines der grundlegenden Urheberrechtsprobleme.

(21. Jun. 2017, hl)

]]>
Wenn Worte zu Gold werden https://www.tiefgang.net/wenn-worte-zu-gold-werden/ Sat, 27 May 2017 06:00:07 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1181 [...]]]> Alle Macht den Autoren und die Verlage gehen reihenweise in die Knie? Nach einem grundlegenden Urheberrechtsurteil des Bundesgerichtshofs im letzten Jahr sah es fast so aus. Nun scheint der Weg zur Wende gefunden …

Am vorherigen Wochenende (19./20. Mai 2017) tagten in München die Gremien der VG WORT. Sie wurde 1958 gegründet und vertritt vor allem die Urheberrechte der schreibenden Zunft. Ob Journalist*innen, Fachautor*innen, Autor*innen allgemein. Dafür müssen die Nutzenden zahlen. Manchmal in Form des Buchpreises. Manchmal aber auch in Form von versteckten Gebühren im Preis z.B. für Kopien, der PC-Nutzung etc.pp.

Die Tagung am Wochenende wurde nun von vielen mit großer Spannung erwartet und wohl auch aufgrund des Urteils sind erheblich mehr abstimmungsfähige Mitgliedschaften erfolgt. Waren es Anfang 2016 noch 401 Mitglieder, zählt die VG Wort nach jetzigem Stand 835. Anlass war aber vor allem, dass Ende 2016 die Bundesregierung auf das BGH-Urteil reagierte und das sogenannte „Verwertungsgesellschaftengesetz“ (VGG) verabschiedete.

Dies regelte, dass sich Autoren und Verlage in einer Gesellschaft zusammenschließen können, welche die Nutzung der Urheberrechte wahrnimmt. Allerdings was die Verteilung der Einnahmen angeht, nicht mit Pauschalquoten, wie sie bei der VG Wort bis dahin galten und eben von Gericht wegen bemängelt wurden. Statt dessen sollte nun neu gelten: Die Einnahmen, die aus der Nutzung von Urheberrechten erzielt werden, können die Autoren zu hundert Prozent behalten, sie können aber auch einer Beteiligung der Verlage zustimmen. Wie das geschehe sollte, oblag aber nach wie vor der VG Wort.

Es geht um 184,71 Mio. €

In der Pressemitteilung der VG Wort heißt es nun:

„Die Erlöse aus der Wahrnehmung von Urheberrechten beliefen sich im Jahr 2016 auf insgesamt € 184,71 Mio. Das ist das drittbeste Ergebnis in der 59jährigen Geschichte der VG WORT. Der Verwaltungsaufwand war sehr niedrig und lag bei lediglich 4,14% der Inlandserlöse.

Ein besonders wichtiger Einnahmenbereich für die VG WORT ist die Gerätevergütung für gesetzlich erlaubte Vervielfältigungen von Schriftwerken („stehender Text“). Hier konnten im Jahr 2016 € 124,12 Mio. erzielt werden, davon sind € 61,67 Mio. Nachzahlungen für PC für den Zeitraum 2001 bis 2007 („nach altem Recht“) enthalten.

Schwerpunkt der diesjährigen Mitgliederversammlung am Samstag war die Beschlussfassung über den Verteilungsplan der VG WORT. Zum einen ging es um den zukünftigen Verteilungsplan, der ab dem Jahr 2017 gilt und damit erstmals für die Ausschüttungen in 2018 zur Anwendung kommt. Zum anderen wurde ein Übergangs- und Ergänzungsverteilungsplan im Hinblick auf die diesjährigen Ausschüttungen 2017 (für 2016) zur Abstimmung gestellt.

Aufs Wort achten und Wort halten … (Grafik: VGWort)

Beide Verteilungspläne erhielten erfreulicherweise in allen sechs Berufsgruppen die notwendige  Zweidrittelmehrheit.

„Mit den neuen Verteilungsplanregelungen wurde die Grundlage dafür geschaffen, dass die VG WORT die gemeinsame – sehr erfolgreiche – Rechtewahrnehmung für Urheber und Verlage fortsetzen kann. Ein wichtiger Schritt in die Zukunft ist gelungen“, so äußerten sich die beiden geschäftsführenden Vorstände der VG WORT, Dr. Robert Staats und Rainer Just direkt nach der Sitzung. Der zukünftige Verteilungsplan setzt die gesetzlichen Vorgaben des 2016 in Kraft getretenen Verwertungsgesellschaftengesetzes (VGG) zur Verlegerbeteiligung um.

Weiterhin wird im neuen Verteilungsplan auch die Anpassung einiger Aufteilungsquoten  zu Gunsten der Urheber berücksichtigt.

 Ausschüttungen 2017

Der Übergangs- und Ergänzungsverteilungsplan sieht für die Ausschüttungen in 2017 (für 2016) vor, dass bei gesetzlichen Vergütungsansprüchen die Autoren zunächst eine Abschlagszahlung erhalten. Danach können die Ausschüttungsempfänger bis zum 30.9.2017 entscheiden, ob ihr jeweiliger Verlag beteiligt werden soll und ggf. eine entsprechende Zustimmung gegenüber der VG WORT erklären.

Erfolgt keine Zustimmungserklärung, erhält der Autor anschließend noch den zu 100% fehlenden Anteil auf der Grundlage der neuen Verteilungsplanregelungen. Stimmt der Autor der Verlegerbeteiligung zu, erhält der Verlag seinen Anteil auf der Grundlage der im Verteilungsplan festgelegten Quoten.“

Alle Zahlen und wichtigen Informationen des vergangenen Jahres sind im Geschäftsbericht 2016 nachzulesen. Dieser ist auf der Startseite der VG WORT www.vgwort.de veröffentlicht.

Detaillierte Informationen u.a. zu den diesjährigen Ausschüttungsquoten sowie zum

Stand der Rückforderungen gegenüber Verlagen werden in Kürze auf der Homepage  veröffentlicht und mittels Newsletter ausgesandt. Die Verwertungsgesellschaft WORT verwaltet treuhänderisch urheberrechtliche Nutzungsrechte und Vergütungsansprüche für mehr als 400.000 Autoren und über 10.000 Verlage in Deutschland.

Quelle: www.vgwort.de

(21. Mai 2017, TG)

 

]]>
„Russendisko in der Elbphilharmonie“ https://www.tiefgang.net/russendisko-in-der-elbphilharmonie/ Sat, 18 Feb 2017 08:00:41 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=607 [...]]]> Wladimir Kaminer lebt seit 1990 in Berlin und wurde mit dem Buch „Russendisko“ landesweit zum Kult-Autor. Im April kommt er zur SuedLese nach Harburg. Grund genug, mal einiges im Vorfeld zu klären …

Tiefgang (TG): Mal eine nicht ganz so ernst gemeinte Frage zu Beginn: vor kurzem eröffnete die Elbphilharmonie, würden Sie dort auch mal gerne lesen?

Wladimir Kaminer: Lesen? Oder ob ich dort auflegen will? Ich habe neulich ein paar Bilder von dem Bau gesehen. Das wäre sicher toll, wenn ich dort lesen oder besser noch Platten auflegen dürfte. Wenn wir dort mal die `Russendisko´ machen. Warum nicht? Das würde sicher viel Spaß machen und wäre sicher auch für Hamburg ein klasse Event.

TG: Zu Ihrem Buch ´Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger`, das Sie am 4. April bei der SuedLese vorstellen werden. Kann man es als eine Hommage an die Frau Mutter bezeichnen?

Kaminer: Eine Hommage? Nein. Ich weiß nicht. Eine Hommage würde ich es nicht nennen. Ich habe auch vorher schon über meine Mutter oder meine Schwiegermutter geschrieben. Aber es geht nicht um sie, sondern um die Geschichten, die sie als Menschen erleben. Es passiert so viel in der ganzen Welt, in der Weltpolitik. Und das Leben im Alltag kann dies gut aufzeigen. Meine Mutter ist jetzt 85 Jahre, sie hat viel erlebt und macht ganz viel, interessiert sich, geht in Konzerte … Aber im Supermarkt um die Ecke scheitert sie … Das ist es, worum es ja wirklich geht.

TG: Wie fand Ihre Mutter es denn, dass sie zum Sujet des Buches wurde?

Kaminer: Sie fand es toll. Sie hatte das Buch, glaube ich, als erste gelesen. Sie lachte und wunderte sich, was sie so alles in ihrem winzigen Leben macht. Sie fand es gut, dass ich es so wahrnehme.

TG: Ihre Mutter, Sie sagten es gerade selbst, ist 85, Sie selbst sind Ende 40 und Ihre Kinder dürften auch schon erwachsen sein. Würden Sie das die generationsübergreifende Geschichte einer Familienintegration nennen?

 Kaminer: Naja, das ist eine schwierige Frage. Denn was soll Integration denn sein? Integration setzt ja immer voraus, dass da etwas ist, was integriert. Aber wer oder was soll denn integrieren?

TG: Was halten Sie denn überhaupt von der aktuellen Integrationsdebatte?

Kaminer: Wissen Sie, Anfang der neunziger Jahre in Berlin war die Mauer gefallen, Häuser standen leer oder wurden besetzt, alles war in Aufbruch und hat sich neu erfunden. Wer sollte da wen integrieren? Seitdem hat sich Deutschland immer und immer wieder verändert. Deutschland ist heute ein sehr weltoffenes Land. Viele Leute ziehen hier her und leben hier in ihren Nischen …

TG:  Mir sagte neulich der bekannte Jazzmusiker Gunter Hampel, der Tanz- und Musik-Workshops mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen macht, dass man in Sachen Integration vielleicht bisher vergisst, auch unsere, die deutsche Kultur zu zeigen und nahe zu bringen … Dass man vergisst, sich auch der deutschen Kultur bewusst zu werden.

 

„Trump ist wie die Schlange von Adam und Eva“

 

Kaminer: Ja, da ist was dran. Er hat vermutlich recht. Kultur verbindet und durch sie lernt man die Menschen kennen. Ja, das ist wohl so. Und es ist wichtig.

Wissen Sie, überall auf der Welt spielt Politik verrückt und Menschen flüchten. Und Deutschland steht dabei für Freiheit und ist dabei vielleicht sogar die Speerspitze von gelebter Freiheit in ganz Europa!

TG: … a propos ´verrückt spielen`. Was sagen Sie denn zu Trump – wenn Sie dazu überhaupt etwas sagen wollen …?

Kaminer: Aber ja, will ich. Wissen Sie, ich habe einige Interviewanfragen und schreibe auch einige Kolumnen für verschiedene Zeitungen. Und auf einmal sagen alle, „aber bitte nichts zu Trump und Amerika. Dazu haben wir schon seit Wochen genug“. Und es ist ja so. Jeden Tag haben wir Schlagzeilen nur noch zu Trump.

Aber nun zu Trump: Trump ist ein absolut ungebildeter Mensch. Er ist wie die Schlange von Adam und Eva. Er erzählt den Leuten Lügen und verführt sie. Trump ist ein Verführer. Er ist mit so vielen Firmen und Projekten gescheitert und jetzt ist er drei Wochen im Amt. Man wird sehen, was daraus wird, wenn er seine Versprechungen nicht einhalten kann. Aber dass ausgerechnet Amerika, das immer viel vom Handel gelebt hat, nun dem Protektionismus verfällt … das wird nicht funktionieren.

TG: … vielleicht so etwas wie ein Kulturschock?

Kaminer: Ja, Kulturschock trifft es wohl ganz gut …

TG: Mal zu Ihnen als Kulturmensch. War das Schreiben schon immer Ihre große Leidenschaft?

Kaminer: Das Schreiben? Nein, vielleicht eher das Geschichtenerzählen. Ich bin eher ein Geschichtenerzähler. Denn das ist es, was von Menschen bleibt. Häuser gehen in Schutt und Asche, Menschen sterben. Aber was bleibt, sind ihre Geschichten. Und das ist mir wichtig. Daher sehe ich mich weniger als Literat.

TG: Es gibt ja noch mehr als das Wort und die Sprache. Wie war es mit der Malerei? Können Sie sich an Ihr erstes Bild erinnern, das Sie beeindruckt hat?

Kaminer: Mein erstes Bild? Ja, das hing in unserer Küche. Mein Vater hatte es vermutlich aus einer Zeitung irgendwo ausgeschnitten und an den Küchenschrank geklebt. Es war von (Pieter) Brueghel – eine Schneelandschaft und es verfolgte mich mein Leben lang. Ich dachte immer, so ist meine Heimat. Noch heute denke ich oft an das Bild.

TG: Und Theater? Hat Sie das auch beeinflusst?

Kaminer: Aber ja. Theater war in Russland schon immer sehr wichtig. Wenn man etwas erleben wollte, dann ging man ins Theater. Auch ich mag Theater absolut.

TG: Wie war es mit der Musik? Was hat Sie da beeinflusst oder geprägt?

Kaminer: In der Musik war es seit meiner Jugend die Underground-Musik. Die hat mir erstaunlicherweise meine Mutter immer besorgt. Durch sie bin ich überhaupt zu ihr dazu gekommen. Schon komisch …

TG: Noch mal zu Ihnen als Autor … es gab vor einiger Zeit ein Urteil zu den Urheberrechten von Autoren. Demnach muss die ´Verwertungsgesellschaft Wort` die Tantiemen ausschließlich an den Autor statt wie bisher auch an Verlage ausschütten. Viele Verlage fürchteten um ihre Existenz. Ist das ein Thema zwischen Ihnen und Ihrem Verlag?

Kaminer: Aber ja. Auch ich habe einen Brief bekommen, in dem ich unterschreiben sollte, dass ich auf Forderungen gegenüber meinem Verlag verzichte. Das habe ich auch getan. Verlage haben es schwer und als Autoren können wir froh sein, dass sie ihre Arbeit machen. Sie sind wichtig und müssen auch Entwicklungen mit gehen, die auch Geld kosten. Alle haben mal vom E-Book gesprochen und alle Verlage mussten hier auch Geld investieren. Aber viel gebracht hat es nicht. Heute sind gerade junge Menschen ja keine langen Bücher mehr gewohnt. Sie sind bei Facebook oder Twitter und nach ein bis zwei Sätzen hört es auf. Da ist es wichtig, dass Bücher nach wie vor herausgebracht werden. Daher habe ich großen Respekt vor meinem Verlag und bin froh, dass es ihn gibt.

TG: Das nächste Buch ist schon in Arbeit. Was erwartet uns?

Kaminer: Ja, es heißt „Goodbye Moskau“ und es kommt jetzt Ende Februar heraus. Es ist toll. Und es geht darum, dass dieses Jahr die Russische Revolution 100 Jahre alt ist. Russland ist noch immer und war immer eine Revolution. 100 Jahre feiern die Menschen Revolution. Die Menschen erleben jeden Tag ihre Revolution. Ihre ganz eigene Revolution. Darum geht es.

TG: noch ein typisch hamburgische Schlussfrage: trinken Sie Astra oder Holsten?

Kaminer: Astra. In Hamburg natürlich Astra.

TG: Na, dann treffen wir uns hoffentlich auf ein Astra am 4. April bei der SuedLese. Vielen Dank für das Interview.

Kaminer: Ja, gerne. Auch vielen Dank und bis dahin.

 

Wladimir Kaminer liest am Die., 4. April um 20h in der Bücherhalle Harburg, Eddelbüttelstr. 4, 21073 Hamburg. Vorverkauf 15,- € über die Bücherhalle, Volkshochschule Harburg oder Buchhandlung am Sand.

 

Das Buch:

Wladimir Kaminer: Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger –  Ein Unruhestand in 33 Geschichten, € 17,99, erschienen: 22.08.2016 , gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-442-54759-3

]]>
„Wir brauchen Vorurteile!“ https://www.tiefgang.net/wir-brauchen-vorurteile/ Sat, 11 Feb 2017 08:00:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=577 [...]]]> Mord und Totschlag in Wilhelmsburg – für viele ist es immer noch ein Alltagsklischee. Mit Theo Matthies entstand gar eine Krimi-Figur dazu. Grund genug mal seine literarische Mutter zu fragen …

Christiane Fux wuchs in Hamburg, genauer Kirchdorf, auf, lebt in München, ist Journalistin und irgendwann entwickelte sie die Romanfigur Theo Matthies. Der ist Arzt in Hamburg-Wilhelmsburg, ist nach dem Tod seiner Frau ins familieneigene Bestattungsinstitut eingestiegen und hilft immer mal wieder, wenn der Kriminalpolizei bei der Aufklärung eines Mordes die Fantasie ausgeht. So entstand mittlerweile eine regelrechte Reihe an Wilhelmsburger Krimi-Romanen. Im Rahmen der SuedLese 2017 wird sie am 23. März den aktuellen Krimi „Das Mädchen im Fleet“ in der Buchhandlung am Sand lesen.

Tiefgang (TG): „Das Mädchen im Fleet“ ist der 4. Krimi von Dir. Auf dem Cover ist die Speicherstadt zu sehen, er spielt aber vor allem in Wilhelmsburg. Ein Versehen …?

Christiane Fux: Ja, das tut zugegebenermaßen ein bisschen weh. Mein Wilhelmsburger Lieblingsbuchhändler (Buchhandlung Lüdemann, Anm. d. Red.) ist mir auch schon ordentlich aufs Dach gestiegen! Der Hintergrund ist, dass der Verlag die Reihe nun doch stärker in Hamburg verorten möchte. Und da Wilhelmsburg und sein Kolorit im ikonografischen Bewusstsein nicht so verankert sind, ist es halt die Speicherstadt geworden. Immerhin konnte ich abwenden, dass im Titel was mit „Alster“ steht. Ich sag nur so viel: Das Ringen um den Titel war diese Mal so zäh, dass das Buch ein halbes Jahr später erschienen ist als geplant. Der Veringkanal, in dem das Opfer ertrinkt, ist zwar letztlich auch kein Fleet, aber irgendwann muss man es auch mal Gutsein lassen.

TG: Schlüsselperson der Kriminalromane ist Theo Matthies. Eigentlich gelernter Arzt, der aber sein Geld als Bestatter verdient und immer wieder in Mordfälle hineinschlittert. Wer kommt denn auf so was, brauche ich nicht zu fragen … Aber WIE kommt man darauf?

Fux: In Deutschland werden jedes Jahr rund 2.000 Mordfälle untersucht. Tatsächlich schätzen Experten aber, dass es doppelt so viele sind! Besonders bei alten Leutchen schaut der Arzt oft nicht so genau hin. Und Theo, der kann das als ausgebildeter Arzt und nun Bestatter aufdecken. Diese Idee hat mir einfach Spaß gemacht. Darüber hinaus liegt mir das Thema Tod und Sterben am Herzen. Obwohl wir alle sterben müssen, schiebt das jeder möglichst weit weg. Gestorben wird meist im Krankenhaus, obwohl die meisten in ihrer gewohnten Umgebung, bei ihren Lieben sein möchten. Mit einem Blick hinter die Kulissen des Bestattergewerbes kann ich vielleicht dazu beitragen, dass der Tod wieder ein Stück weit enttabuisiert wird.

TG: „Das Mädchen im Fleet“ kreist viel um die in Wilhelmsburg real lebende Sinti-Familie Weiss. Kennt man sich? Hattet Du mit Ihnen während des Schreibens Kontakt? Wie finden sie das Buch und sich in der Darstellung?

Fux: Natürlich habe ich da als allererstes Kontakt aufgenommen. Ich bin ja Journalistin, da ist gute Recherche Ehrensache. Es gibt da eine Beratungsstelle für Sinti und Roma in Wilhelmsburg, die Leute da sind selbst überwiegend Sinti. Die haben mir viel erzählt, wirklich unfassbare Geschichten darüber, was sie immer noch an Diskriminierung erleben. Leider haben die dicht gemacht, als ich dann soweit war, das Buch zu schreiben. Verstanden hab ich das bis heute nicht. Aber das muss man respektieren. Und daher weiß ich auch leider nicht, wie sie den fertigen Roman finden.

„Den Horizont nicht einschränken lassen!“

TG: Und wie konntest du das Buch dann trotzdem schreiben?

Fux: Nachdem ich alle meine Kontakte in Wilhelmsburg erfolglos bemüht hatte, um doch noch ein Gespräch zu ermöglichen, habe ich tatsächlich erst gedacht, ich muss das Projekt abbrechen. Aber die Geschichte, die kann ja nix dafür und die will erzählt werden! So habe ich dann mit Sinti aus anderen Familien geredet, viel gelesen, einige Dokumentarfilme geschaut. Und letztlich geht es nicht um die Familie Weiss. Letztlich geht es in erster Linie nicht einmal vornehmlich um Sinti und Roma. Es geht um Vorurteile. Die hat ja jeder von uns. Und wir brauchen die auch. Wenn einer mit Glatze und Springerstiefeln auf mich zukommt, ist es wenig sinnvoll, vorurteilsfrei zu sein und zu denken: Bestimmt ist das ein netter Kerl. Wir brauchen Vorurteile, aber wir müssen uns dessen bewusst sein. Wir dürfen uns davon nicht den Horizont einschränken lassen! Darum geht es.

TG: Wieso eigentlich Wilhelmsburg?

Fux: Ich bin da aufgewachsen. Wenn ich an Heimat denke, denke ich an Kirchdorf und den Papenbrack, die Süderelbbrücken, den Imbiss am Vogelhüttendeich und unseren Hund, der die Pferde auf der Koppel aus dem Autofenster heraus ausgebellt hat. Und spannend ist natürlich auch, dass Wilhelmsburg so unterschiedliche Facetten auf kleinstem Raum bietet. Ländliches Idyll – immer noch – und sozialer Brennpunkt. Hafen und Jugendstil. Und rundherum die Elbe. Das ist schon einmalig.

TG: Du bist Hamburgerin, hast hier Germanistik studiert. Vermisst Du die Stadt und Elbe?

Fux: Na klar, und zwar für immer! Das ist meine Sprache, meine Denke, mein Humor. Nordisch by nature!

TG: Du lebst und arbeitest ja in München. Wie würdest Du die Stadt im Hinblick auf Kultur beschreiben?

Fux: München ist, kulturell gesehen, nicht Hamburg und schon gar nicht Berlin. Die Mieten hier sind so wahnsinnig hoch, dass es schwierig ist, künstlerische oder Kulturprojekte, für die man Räume braucht, zu verwirklichen. Trotzdem lässt es sich in München sehr gut leben, keine Frage. Ich wohne direkt an der Isar – die ist ja ne Art Bächlein im Vergleich zur Elbe. Aber – insbesondere seit der Fluss renaturalisiert wurde – ist da immer was los. Im Sommer Badende, Sonnende, Hunde, Bongospieler, Reiter und Wellenreiter und Würstchengriller! Es ist toll. Und dann sind da natürlich die Berge, die nicht so weit weg sind. Da draufzusteigen und dieses unglaubliche Panorama zu schauen – das macht mich jedes Mal froh.

TG: Deine Bücher erscheinen im Piper-Verlag. 2016 entschied der BGH, dass die Verwertungs-gesellschaft Wort, die sich um die Urheberrechte der schreibenden Zunft kümmert, diese Tantiemen vor allem an Autoren und nicht mehr auch an die Verlage ausschütten darf? Wie siehst Du das als Autorin? Hat sich was im Verhältnis zum Verlag geändert?

Fux: Nee, hat es nicht. Mein Verlag, Piper, die verstehen sich immer noch als Verleger. Im Sinne von: Es geht nicht nur um Kohle, es geht um Literatur. Da gibt es Mainstream, der das Geld bringt, und schwieriger zu verkaufende, aber wichtige Autoren. Wenn von der VG-Wort kein Geld mehr kommt, dann wird das noch schwieriger, weniger eingängige Autoren zu finanzieren. Das fände ich schade.

TG: Deine Bücher erscheinen auch als E-Books. Wird das die Zukunft sein oder bleibt es beim guten alten Papier?

Fux: Ich glaube, es wird immer beides geben. Ich lese viel und bin vor ein paar Jahren auch auf E-Books umgestiegen. Ich finde das noch immer weniger sexy, als ein richtiges Buch in der Hand zu halten, das nach Papier und Druckerschwärze duftet. Aber es spart Platz und Bäume und CO2-Emissionen. Meine Lieblingsautoren kaufe ich aber immer noch im Hardcover, Print.

TG: Zum Beispiel?

Fux: Hakan Nesser. Haruki Murakami. Fred Vargas.

TG: Die Lesung bei der 2. SuedLese 2017 wird in der Buchhandlung am Sand statt finden. Schon mal dort gewesen? Was erwartet uns?

Fux: Nee, da war ich noch nie! Ich bin selbst total gespannt! Und ich freue mich darauf!

Christiane Fux liest im Rahmen der Suedlese 2017 am Donnerstag, 23. März um 19.30h in der Buchhandlung am Sand.

Ihr aktuelles Buch: Das Mädchen im Fleet;  € 9,99, erschienen am 01.12.2016, 320 Seiten, Broschur, ISBN: 978-3-492-30371-2

(07. Feb. 2017, das Interview führte Heiko Langanke)

]]>
Ich werde immer eine „Ossi“ bleiben https://www.tiefgang.net/ich-werde-immer-eine-ossi-bleiben/ Sat, 04 Feb 2017 08:00:58 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=530 [...]]]> Vom 20. März bis 14. April 2017 finden die Literaturtage „SuedLese“ statt. Einige der dort lesenden Autorinnen und Autoren stellen wir vorab schon mal vor … Heute die in Harburg lebende und arbeitende Autorin Conny Schramm.

Tiefgang (TG): Das Buch „Mein ungebügeltes Leben“ – Dein Erstlingswerk?

Conny Schramm: Es ist mein erstes Buch, was von einem großen Verlag veröffentlicht wurde. Davor hatte ich einen heiteren Reisebericht über Westaustralien „Monsterkakerlake, Redbackspinne und Bluetonguelizard“ auf eigene Kosten drucken lassen. Durch mein Australienbuch habe ich gemerkt, dass Leute tatsächlich Lust haben, etwas zu Lesen, was ich geschrieben habe. Ich habe sehr viel gelernt und tolle und interessante Leute kennengelernt.

TG: Wie kommt man auf so einen Titel?!?

Schramm: Die Wahl des Titels war eine schwierige Geburt. Der Arbeitstitel von meinem Manuskript hieß „Befreit“. Ich hätte mir auch „Grüne Orangen“, oder „Überraschung für den Herrn Pfarrer“ vorstellen können. Auch vom Brunnenverlag kamen Vorschläge. Einen Vorschlag fand ich ziemlich schrecklich. Ich weiß gar nicht mehr, wie er lautete … Er hatte jedoch den Untertitel: „Mein ungebügeltes Leben“. Das fand ich super und dann hatte die Mitarbeiter des Brunnenverlages die Idee, den Untertitel einfach als Buchtitel zu nehmen.

TG: Das Buch ist sehr autobiografisch. Ist es für Dein Schreiben Bedingung oder war es hier einfach nötig, das mal zu Papier zu bringen?

Schramm: Ich schrieb eigentlich schon immer über Dinge, die ich selbst erlebt hatte. Meine Reiseberichte und auch meine Kurzgeschichten sind häufig nicht nur humorvoll mit einem Augenzwinkern geschrieben, sondern auch autobiografisch.

TG: Dein Stil zeigt einen scharfen Sinn für Begriffe und Werte wie Individualität und Menschlichkeit. Sind sie zentrale Themen für Dich und Deine Schriften und Bücher?

Schramm: „Mein ungebügeltes Leben“ ist durch und durch ein besonderes Buch, da es wirklich persönlichste Erlebnisse enthält. In der ehemaligen DDR lief vieles „uniform“. Zum Beispiel wurden alle Kinder Jungpionier… „Das war einfach so!“ Da sehnte man sich besonders nach Individualität.

Ich bin Christ und Menschlichkeit ist mir sehr wichtig. Ich versuche das auch im Alltag zu leben. In der Zukunft könnte ich mir jedoch „leichtere Themen“, zum Beispiel heitere Reiseberichte oder humorvolle autobiografische Kurzgeschichten sowie Kolumnen, als ein Genre für mich sehr gut vorstellen.

TG: Im Buch beschreibst Du gut, wie Du mit dem Dilemma einer ungeliebten Staatsautorität zum einen, einer festen Verwurzelung im Freundes- und Arbeitsumfeld auf der anderen umgingst. Flucht war für Dich offenbar keine Lösung. Nach der Wiedervereinigung aber bist Du nun in Hamburg. Was ist passiert?

Schramm: Anfang der 1990iger Jahre wurden allein im ehemaligen Ostberlin über 1000 Krankenhausbetten abgebaut. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre im Schichtdienst in einem großen Berliner Krankenhaus gearbeitet, hatte aber auf dem „ach so sozialen“-Punkteplan die wenigsten Punkte. Punkte gab es für Lebensalter ab 30, für eigene Kinder in der Familie und für Krankenhausdienstjahre … Mir drohte täglich die Kündigung. Irgendwann hielt ich den Druck nicht mehr aus und suchte mir eine neue Tätigkeit. Ich bekam eine Stelle als Erziehungshelferin in einem Kinderheim in Braunschweig. Dort wurde ich dann nach zehn Monaten arbeitslos. Das war für mich eine völlig neue und schreckliche Erfahrung. Ich war über viele Jahre arbeitslos, lebte  eine Zeitlang auf Amrum und fast acht Monate in den Golanhöhen in Israel in einem Kibbuz. Im Anschluss an meine Volontärszeit in Israel – Thema meines aktuellen Buches – begann meine Ausbildung zur Ergotherapeutin in Wolfsburg. Am Ende der dreijährigen Ausbildung bewarb ich mich in Berlin und in Hamburg als Ergotherapeutin. Von Hamburg bekam ich die erste Zusage und so zog ich nach Hamburg.

TG: Deine alte Jugendliebe Henry floh in den Westen. Noch zu DDR-Zeiten triffst Du ihn kurz im Westen, bist aber enttäuscht, dass er im Grunde nichts aus seinem Leben in Freiheit machte. Eine Art Scheitern?

Schramm: Mich hat es damals zutiefst erschüttert, zu sehen, dass Henry nach allem, was er mir und seiner Familie durch seine Flucht angetan hatte, nichts aus seiner „großen Freiheit“ gemacht hatte und die Chancen die ihm für sein neues Leben gegeben wurden, einfach nicht genutzt hatte. Ja – ich empfand das als eine Art „Scheitern“. Ob Henry das auch so sieht, weiß ich jedoch nicht.

TG: Du schreibst sehr humorvoll. Es wird dennoch sehr deutlich, wie Dein Glaube an Gott ebenso auf die Probe gestellt wird wie der an ein System der DDR. Und auch amWesten bleibt nicht so viel Gutes. Wie siehst Du die heutige Zeit? Fühlst Du Dich „freier“ oder sind nur andere Zwänge hinzugekommen?

Schramm: (schmunzelt) „Freiheit“ ist ein  großes „Schlagwort“ … In meinem Buch beschreibe ich ja nur eine Woche im „Westen“ und einen Tag in Paris. Inzwischen sind mehr als 25 Jahre Erfahrungen dazu gekommen. Ich bin kein Fan von „schwarz–Weiß–Denken“. Das heißt ich glaube, dass längst nicht alles toll ist im „Westen“ genauso wenig wie im Osten nicht nur alles grau in grau, trist und schlecht war. So einfach ist die Frage nicht zu beantworten. Ich bin froh, dass ich meinen christlichen Glauben – ohne Konsequenzen z.B. für mein Berufsleben ausleben kann. Ich bin froh, dass ich nicht mehr hinter einer Mauer und im Sozialismus leben muss. Diese Form von Freiheit fühlt sich gut und richtig an. Allerdings hatte diese Freiheit auch einen sehr hohen Preis, wenn ich z.B. an die vielen Menschen in Ostdeutschland denke, die durch die Wende ihren – vorher sicheren – Arbeitsplatz verloren und plötzlich nicht mehr ihre Familien versorgen konnten.

Ich habe gerade auch hier in Hamburg tolle Menschen kennen gelernt, Menschen deren tiefe Freundschaft ich nicht mehr missen möchte. Trotzdem freue ich mich immer wieder, in der Heimat alte Freunde wieder zusehen und gemeinsam über witzige, vergangene Erlebnisse zu lachen. In meinem Herzen werde ich immer eine „Ossi“ bleiben. Darauf bin ich auch ein kleines bisschen stolz.

Ein weiterer Grund zur Freude ist für mich die Möglichkeit – mir die Welt anzusehen. Mit meinem abenteuerlustigen Ehemann – übrigens auch ein früherer „Ossi“ – macht es einfach Spaß, die Welt zu bereisen. Wir waren schon einige Tage im Dschungel von Malaysia , in Australien und auf Island. In diesem Jahr möchten wir nach Afrika fliegen.

TG: Mal zu Dir als Autorin … wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Schramm: Ich habe eigentlich schon immer geschrieben. Tagebücher und  „kilometerlange Briefe an die beste Freundin … Ohne jedoch auch nur über „Begabung“ nachzudenken, sonder nur weil es mir Spaß gemacht hat und ich so Erlebtes, witziges und trauriges,  auf meine Art verarbeitet konnte.

Später schrieb ich Reiseberichte und immer mehr Leute drängten mich, doch mal was zu veröffentlichen. Das habe ich dann im Januar 2014 mit meinem Reisebericht über Westaustralien auch getan und dabei bemerkt, wie viel Freude mir das Schreiben, aber auch das Lesen meiner Bücher macht.

Ich nahm 2014 das erste Mal an einem Poetry-Slam in Heimfeld teil und gewann gleich den 4. Platz mit der Kurzgeschichte, aus der später mein Buch entstanden ist. Dann wurde ich Mitglied der Schreibwerkstatt.

Zeitgleich las meine Mutti eine Anzeige von einem Schreibstudium von der Schule des Schreibens. Ich war von den Informationen über ein Schreibstudium begeistert und begann umgehend mit dem Kurs „biografisches Schreiben“. Ich war stolz darauf jetzt endlich mir einen Traum zu verwirklichen und im Fernstudium zu studieren. Bereits nach meiner 3. Studienaufgabe ermutigte mich mein Dozent und sagte: „Sie müssen Ihre Geschichte erzählen – Sie sollten ein Buch schreiben…“ Inzwischen studiere ich das Studienfach Belletristik.

TG: Woran arbeitest du zur Zeit?

Schramm: Ich schreibe gerade über meine Zeit als Volontärin in einem israelischen Kibbuz, als ich auf engstem Raum mit Menschen aus der ganzen Welt zusammen lebte. Der Arbeitstitel lautet: „Abenteuer gelobtes Land – was Kishon noch nicht in Israel erlebte“. Ab und zu drängt mich ein Erlebnis aus dem Alltag eine neue Kurzgeschichte zu schreiben

TG: Was wünscht Du deinen Lesern?

Schramm: Ich wünsche mir,  dass  meine Leser angerührt sind, dass sie Lachen und Nachdenken. Ich möchte die Mauer, die noch häufig in unseren Köpfen vorhanden ist, abbauen und stattdessen Brücken bauen.

TG: Was wünscht du dir als Autorin?

Schramm: Ich wünsche mir Zeit zum Schreiben neuer Bücher. Ich habe noch viele Ideen … Und natürlich freue ich mich, wenn viele Menschen meine Bücher lesen, kaufen und verschenken.

TG: Du möchtest, dass viele Menschen deine Bücher lesen – gibt es öffentliche Lesungen?

Schramm: Man kann mich sehr gerne für eine Lesung  in der Gemeinde, Schule, Bibliothek oder im Kulturverein buchen. Man kann mir einfach eine Anfrage per mail senden Connys65(at)hotmail.com. Es wird sich bestimmt ein Termin finden lassen! Honorar nach Absprache …

TG: Du nimmst an der wöchentlichen „Schreibwerkstatt“ in  Heimfeld teil, eine Gruppe von Autoren, die was genau eigentlich macht …?

Schramm: Die Mitglieder der Schreibwerkstatt bei „Alles wird schön“ treffen sich jeden 2. Dienstag. Ich kann jedoch meist nur einmal im Monat dabei sein. Unter der fachkundigen Leitung der Journalistin Kerstin Brockmann treffen wir uns in gemütlicher Runde. Sie ist auch seit mehr als 10 Jahren ehrenamtlich die Leiterin der Schreibwerkstatt tätig. Sie achtet darauf dass eventuelle Textkritik angemessen vorgetragen wird und dass man sich immer mit Wertschätzung und Respekt begegnet.

TG: Was bedeutet sie für dich?

Schramm: Gerade als mein Australienbuch veröffentlicht wurde, war ich bei einer öffentlichen Lesung der Schreibwerkstatt im Kulturcafé „Komm Du“ zu Gast. Ich unterhielt mich an dem Abend mit Kerstin und mit anderen Mitgliedern der Schreibwerkstatt. Sie ermutigte mich, doch mal „vorbei zu schauen“. Das tat ich gleich beim nächsten Treffen und habe es bis heute nicht bereut. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich niemand in dieser Region, der schreibt. Daher möchte ich mich hier bei Kerstin und allen Mitgliedern der Schreibwerkstatt mal für alle Unterstützung bedanken. Es ist wirklich schön, dass es euch gibt! DANKE!!!

TG: Was sind Deine literarischen Vorbilder?

Schramm: Meine drei Lieblingsautoren sind:  Ken Follett. Ich liebe das Buch „Die Säulen der Erde“. Ich bewundere und verehre Titus Müller. Ich habe ihn auch schon persönlich etwas kennengelernt. Der 3. Autor, dessen Bücher ich „verschlinge“ ist Adrian Plass – ein christlicher Bestseller-Autor aus England. Er hat mit seinem „Tagebuch eines frommen Chaoten“ das lustigste Buch geschrieben, dass ich je gelesen habe.  Es gibt einige Menschen, die sagen, ich hätte den gleichen Humor wie Adrian Plass. Wenn ich so etwas höre, schwebe ich natürlich gleich ein paar Zentimeter über dem Boden. (lacht)

TG: Was magst Du an Hamburg besonders?

Schramm: Ich finde Hamburg wunderschön. Ich bin gern an der Alster, an der Elbe und der Außenmühle unterwegs und finde die „Elphi“ super. Hamburg ist für mich zu einer neuen Heimat geworden. Hier habe ich meinen Ehemann kennengelernt. Wir sind glücklich über unsere Gemeinde, der Christuskirche in Harburg. Ich freue mich über die Wasserorgel bei Planten und Bloom und genieße das Feuerwerk freitags Abend auf dem Dom. Ich mag das Schanzenviertel, denn es erinnert mich an frühere Zeiten in Berlin im Prenzlauer Berg. Ich finde es toll, dass Hamburg eine solch´ große Multi-Kulti-Stadt ist.

TG: 2016 entschied der BGH, dass die Verwertungsgesellschaft Wort, die sich um die Urheberrechte der schreibenden Zunft kümmert, diese Tantiemen vor allem an Autoren und nicht mehr auch an die Verlage ausschütten darf? Wie siehst Du das als Autorin? Hat sich was im Verhältnis zum Verlag geändert oder wird es das?

Schramm: Zu diesem Thema, kann ich nicht sehr viel sagen.  Ich bin gerade erst im November 2016 Mitglied bei der VG – Wort geworden und werde vermutlich das erste mal im Sommer 2017 Tantiemen erhalten. Ich gehe davon aus, dass sich unser positives Verhältnis mit dem Brunnenverlag dadurch nicht verändert.

Ich sollte mich intensiver mit diesem Thema befassen, zumal mein Buch acht Mal beim Radio ERF und einmal beim TV des ERF vorgestellt wurde.

TG: Die Lesung bei der 2. SuedLese 2017 wird im „Alles wird schön“ in Heimfeld  statt finden. Was erwartet uns?

Schramm: Eine emotionale Autorin und eine emotionale Lesung – ein Abend voller Lachen und Weinen! Ich hoffe du bist jetzt angemessen neugierig.

TG: Vielen Dank für das Interview …

Conny Schramm liest im Rahmen der Suedlese 2017 am Mo., 10. April um 19.30h bei „Alles wird schön“, Friedrich-Naumann-Straße 27.

Conny Schramm: Mein ungebügeltes Leben.

112 Seiten, Taschenbuch, 12 x 18,6 cm, Erscheinungsdatum: 26.07.2016

Bestell-Nr.: 114302, ISBN: 978-3-7655-4302-9, EAN: 9783765543029
1. Auflage

(02. Feb. 2017, das Interview führte Heiko Langanke)

]]>