Sonja Alphonso – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Thu, 10 Jun 2021 15:30:52 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Leinen Los https://www.tiefgang.net/leinen-los/ Fri, 11 Jun 2021 22:33:12 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=8007 [...]]]> Die SuedLese-Literaturtage bieten immer Überraschungen. So kommt nun am Mi., 30. Jun., noch ein literarischer Spaziergang am Außenmühlenteich und mit einer Hündin dazu. Wir fragten nach …

 Susanne Bienwald begegnete ich das erste Mal bei der SuedLese 2018, als sie aus ihrem Buch „Da geht einer“ in der Deichdiele in Wilhelmsburg vorlas. Seiner Zeit ging es um Friedrich Hebbel.

Die Lesung gefiel mir ausgesprochen gut und war gewissermaßen der Beginn persönlicher Verbundenheit durch die Liebe zur Sprache. In Susanne Bienwald lernte ich eine Schriftstellerin kennen und schätzen, die ebenso feinfühlig wie vielseitig ist. Besonders die Lektüre ihres Romans „Wittensee“ hat mich tief berührt. Gerne hätte ich mir daraus von ihr vorlesen lassen, z. B. bei einer „Lesung unterm Kirschbaum“ die von Anja Schwennsen als Begegnungsort ins Leben gerufen wurde. Allerdings verpasste ich jene Lesung, besuchte dafür jedoch im Mai eine von Jan Christophersen, der mit seinem Roman „Ein anständiger Mensch“ zu Gast war. Ein wunderschöner Ort der Worte, den ich wärmstens empfehlen möchte. Bevor ich weiterschwärme und vom Stöckchen zum Steinchen komme, zurück zu Susanne Bienwald und ihrem aktuellen Beitrag zur SuedLese 2021, die unter ausgefallenen Umständen geplant wurde.

Tiefgang (TG): Liebe Susanne, schön, dass du neben deinen freiberuflichen Verpflichtungen die Zeit gefunden hast, ein paar Fragen zu beantworten. Die Corona-Krise dürfte dich vor besondere Herausforderungen gestellt haben. Magst du erzählen, wie es dir damit ergangen ist? Was war besonders schwierig für dich und was würdest du gegebenenfalls positiv bewerten?

Susanne Bienwald: Ich lebe ja, wie übrigens die meisten Schriftsteller auch, von Lesungen und Vorträgen. Im letzten Frühjahr habe ich allein am 13. März (einem Freitag!) mehr als die Hälfte meines Jahreseinkommens verloren. Das war hart. Allerdings habe ich auch viel Solidarität erfahren, Hilfestellungen und hinter meinem Rücken organisierte Buchverkäufe. Da war ich fassungslos, wie mir völlig Unbekannte sich zusammentaten, um zu helfen. Danke an dieser Stelle an die vielen Unbekannten. Und: Die Stille in der Stadt, der heruntergefahrene Betrieb, das habe ich auch als wohltuend empfunden.

TG: Deine Lesung soll draußen stattfinden, im Harburger Stadtpark. Im Programmheft fehlt dieser Termin, weil er vorsichtshalber wegen vorläufiger Kontaktbeschränkungen ins digitale Format verlegt werden sollte. Wieso kam das für dich nicht in Frage?

Susanne Bienwald: Der Charme der Veranstaltung besteht für mich darin, dass mein kleiner Hund mit von der Partie ist und so die einzelnen Kapitel besonders lebendig werden. Ich habe Mina gefragt. Sie wollte sich nicht digitalisieren lassen.

TG: Nun kann die Lesung zum Glück ja doch noch unter freiem Himmel mit Auslauf stattfinden.

Susanne Bienwald: Ja, ich freu mich. Und hoffe trotz fehlender Ankündigung auf interessierte ZuhörerInnen.

 TG: Das wird schon klappen. Das Programmheft ist ja zum Glück nicht die einzige Möglichkeit, sich über die Veranstaltungen zu informieren. Es gibt auch Pressemitteilungen und im ganzen Gebiet verteilte Plakate, die auf die Website www.suedlese.de hinweisen. Zu deinem letzten Buch: Es unterscheidet sich erheblich von deinen anderen Werken. Was hat dich dazu animiert, und welche Leserschaft hattest du im Sinn? Muss man Herrchen oder Frauchen sein, um sich angesprochen zu fühlen?

Susanne Bienwald: Bei meinen Spaziergängen mit Mina habe ich oft überlegt, was sie wohl denken mag. Da ich vorher auch biografisch geschrieben habe, war es dann kein weiter Weg, mich in den Kopf meiner kleinen Hündin hineinzudenken. Außerdem hat es mich gereizt, einmal auf unterhaltsame Weise, menschliche Unzulänglichkeiten auf die Schippe zu nehmen. Man muss also kein glühender Hundefan sein, um das Buch zu mögen.

TG: Worauf freust du dich am meisten, wenn du an die SuedLese denkst? Sind es die Orte der Worte oder der Klang der Sprache? Die Resonanz bei der persönlichen Begegnung und ein möglicher Gedankenaustausch?

Susanne Bienwald: Nach der langen Durststrecke freue ich mich besonders auf die Begegnung en, die Fragen und Gespräche rund um die Lesung. Haben wir das nicht alle gerade nötig?

TG: Autor*innen müssen auch von etwas leben, sprich: Geld verdienen. Würdest du sagen, dass die Literaturtage dazu beitragen, über den Unterhaltungswert hinaus den Kulturschaffenden und ihren Werken mehr Gehör und Anerkennung zu verschaffen?

Susanne Bienwald: Auf jeden Fall. Es tut gut, seine Leser einmal persönlich kennenzulernen. So wie das mit uns beiden ja geschehen ist. Darüber hinaus ist die SuedLese eine Möglichkeit, mediale Aufmerksam zu bekommen. Wie etwa mit diesem Interview.

TG: Vielen Dank für den kurzen Einblick. Wir drücken die Daumen, dass das Wetter am 30. Juni genau richtig sein wird für einen gedanklichen Streifzug ohne Leinenzwang.

Susanne Bienwald: Ich danke dir. Vielleicht sehen wir uns im Stadtpark wieder? Meine Mina kennst du ja schon.

Termin: Mi., 30. Jun 2021, 18:00 Uhr, von der Hamburger Volkshochschule in Harburg, Eintritt: 10€

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Suanne Bienwald: „Ich, Mina aus der Gärtnerstraße“ – Ansichten eines klugen Hundes

Ein literarischer Spaziergang durch den Harburger Stadtpark im Rahmen der 6. SuedLese

Zum Inhalt:

„Ich halte mich nur an Regeln, die ich gut finde“. Mina, eine selbstbewusste Mischlingshündin, hat ihre eigene Sicht auf die Welt. In ihrem Buch spürt sie den Fragen nach, die sie umtreiben: Wo gibt es den besten Döner? Was ist dran an der Relativitätstheorie? Warum leiden Menschen unter Rassenwahn? Wozu gibt es Killer-Enten? Und wann begreift ihre Begleiterin Susanne endlich, dass Hunde Langschläfer sind? Ein heiter-philosophisches Buch, in dem ein Hund die Welt erklärt, wie sie wirklich ist. Die Autorin auf vier Pfoten ist selbstverständlich bei dem literarischen Spaziergang im Harburger Stadtpark dabei. Ihre Begleiterin, Susanne Bienwald, darf lesen. Und so wandern wir gemeinsam lauschend durch den Stadtpark von der Bushaltestelle Freizeitbad Midsommerland bis zur Freilichtbühne.

Der Kurs findet im Rahmen von „SuedLese – Literaturtage im Süden“ statt.

Anmeldung erforderlich unter Tel. 040 / 4284 1 4284 oder www.vhs-hamburg.de

Kursnummer 0538SHH01, 1 Termine, 2 UStd., Entgelt 10 €

Treffpunkt: Bushaltestelle Freizeitbad Midsommerland, Gotthelfweg 2 a

Mi., 30.6.21, 18-19.30 Uhr

 

Veranstaltung im Rahmen der Suedlese. Treffpunkt: Bushaltestelle Freizeitbad Midsommerland (Bus 146), gemeinsamer Endpunkt: Freilichtbühne im Harburger Stadtpark

Infos: https://suedlese.de/lesungen/ich-mina-aus-der-gaertnerstrasse-ansichten-eines-klugen-hundes/

(Das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

 

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Aller guten Dinge sind drei https://www.tiefgang.net/aller-guten-dinge-sind-drei/ Fri, 05 Jun 2020 22:57:16 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6967 [...]]]> Schrift, Bild und Körper sind ihre Medien und Ausdrucksformen. Die Harburger Künstlerin Ulrike Burbach im Gespräch über das Verurteiltsein zu Freiheit und absurden Erfahrungen.

Von Sonja Alphonso

Ulrike Burbach begegnete ich das erste Mal in der Heimfelder Schreibwerkstatt von Kerstin Brockmann, ein offenes, geselliges Format, an dem man teilnehmen kann, um Feedback für selbstverfasste Texte zu bekommen. Ulrike las seinerzeit einen Auszug aus einer Geschichte, die in der Tanz-Szene spielt, und die ich sehr anschaulich fand. Dann sah ich Anfang des Jahres Bilder von ihr in einer Ausstellung im „Komm du“. (Siehe dazu auch ´Tiefgang`: Neue Kunstpfade). Und noch etwas später, während der Pandemie, wurde ich online auf ihren Tanz aufmerksam. (siehe siehe ´Tiefgang`: „Stagger – Musik von underworld“) Ulrike Burbach hat sich also gleich drei Ausdrucksformen verschrieben und bedient sich dabei der Schrift-, Bilder- und Körpersprache. Mich interessiert, wie sich diese Ménage à trois entwickelt hat.

TIEFGANG (TG): Wie die meisten Kinder damals hast du dir Geschichten ausgedacht, hast gemalt und dich gerne bewegt. Kannst du dich erinnern, ab wann es zu einem ernsthaften Interesse wurde und langfristig zu einem nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil in deinem Leben?

Ulrike Burbach: Ich glaube, das war immer ziemlich ernsthaft. Anfangs eben mit dem Ernst eines Kindes. Gelesen habe ich seit ich Buchstaben auseinanderhalten konnte. Ich habe früh angefangen, Tagebuch und Briefe zu schreiben. Das Schreiben ließ mich dann irgendwie nicht mehr los. Mit 8 Jahren habe ich zum ersten Mal ein Ballett im Fernsehen gesehen und war von Stund´ an dem Tanz verfallen. Ich glaube, das ist nicht übertrieben. Der einzige Berufswunsch, den ich je hatte, war Tänzerin zu werden. Die Malerei machte tatsächlich mal eine Pause. Sie begann nach der Kinderphase erst wieder, als ich im Laufe meines Studiums nach Hamburg wechselte. Ich habe übrigens Literaturwissenschaften studiert, nicht Tanz.

TG: Du bist also nicht Tänzerin geworden?

Ulrike Burbach: Nein, nicht im konventionellen Sinn. In meinen jungen Jahren habe ich mich mit diversen Tanztechniken beschäftigt. Ich habe den Tanz nie aufgegeben und im Laufe meines Lebens wurde etwas ganz Eigenes daraus, was mit der normalen Tanzszene ziemlich wenig zu tun hat.

TG: Wenn du eine Rangfolge bestimmen müsstest, was käme bei dir an erster Stelle bzw. was scheint dir unverzichtbar?

Ulrike Burbach: Lange Zeit schien mir der Tanz an erster Stelle zu stehen. Ich habe da alles reingesteckt, was ich an intellektuellen und körperlichen Möglichkeiten habe. Die Sprache über den Körper ist die tiefste aller menschlichen Ausdrucksweisen.

Aber im Laufe der Zeit und des zunehmenden Alters ist jeder Bereich auf seine Weise wichtig geworden und kann den anderen bereichern.

TG: Hast du Phasen, in denen ein Bereich überwiegt, wo du z. B. intensiv malst und dafür das Schreiben und Tanzen in den Hintergrund treten?

Ulrike Burbach: Natürlich steht immer mal wieder etwas anderes im Vordergrund. Bereite ich z. B. eine Tanzwerkstatt vor, dann tritt in dieser Zeit alles andere in den Hintergrund. Ebenso ist es mit der Vorbereitung einer Ausstellung oder einer Lesung. Oder wenn ich gerade sehr beschäftigt bin mit einer Geschichte, bleibt das Malen schon mal eine Zeit lang liegen und umgekehrt. Nur das Tanztraining setzt fast nie aus, weil man sehr schnell aus dem Training raus ist. In der Regel versuche ich aber, alle drei Bereiche in einer (zeitlichen) Balance zu halten.

TG: Worin siehst du die Stärke jeder einzelnen Ausdrucksform?

Ulrike Burbach: Ich interpretiere das mit der „Stärke“ jetzt mal so: was ist möglicherweise ein bisschen „besonders“, wo sticht was hervor? Beim Tanz ist es die Verschmelzung von Rhythmus und ausgeprägter Körperspannung, die mich ballettartige Formen auf bestimmte Weise nutzen lässt.

Beim Schreiben ist es ebenfalls eine Verbindung aus einer gewissen differenzierten Sprache mit einem Gefühl für die Direktheit von Erfahrungen und ebenfalls für Rhythmus. Es macht Spaß, die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache zu nutzen; die derzeitige Tendenz zur Verödung der Sprachkultur finde ich ausgesprochen langweilig und sogar gefährlich, weil bestimmte Erfahrungen nicht mehr angemessen sprachlich ausgedrückt werden können. Meine Malerei habe ich „Moderne primitive Malerei“ genannt, weil mich die Malerei sogenannter „primitiver“ Völker mit ihrer sehr ausdrucksstarken Ansprache sehr fasziniert. Ich kombiniere „einfache“ Maltechniken wie die Verwendung von Buntstiften und Kreide und schaffe daraus etwas ganz Eigenes.

TG: Welche Verbindungen siehst du zwischen deinen drei Bereichen?

Ulrike Burbach: Jeder Bereich entsteht erstmal für sich und bearbeitet eigene Themen. Aber es gibt sozusagen eine geistige Klammer um alles. Ich habe auch Philosophie studiert. Für mich ist der französische Existenzialismus sehr wichtig, der sagt, dass der Mensch zur Freiheit verurteilt sei. Von da aus ist es nicht mehr weit bis zur „absurden Erfahrung“. Auch Kafka hat mich sehr beeindruckt. Das wirkt sich auf alle drei Bereiche aus.

TG: Du machst Lesungen und Ausstellungen. Tanzt du auch öffentlich?

Ulrike Burbach: Ich trete so oft auf, wie sich eine Gelegenheit bietet. Einmal war ich im „Sprechwerk“ mit einer Performance, mit einem Stück auf der Probebühne Kampnagel. Sehr oft bin ich bei der „altonale“ aufgetreten. Das Wichtigste aber sind, glaube ich, meine Tanzwerkstätten. Da zeige ich meine neuesten Stücke und gebe den Zuschauern Erläuterungen dazu, damit auch die Tanzunerfahrenen einen Zugang dazu zu gewinnen können.

TG: Was inspiriert dich zu deiner Kreativität, oder speist sie sich ausschließlich aus sich selbst?

Ulrike Burbach: Die unglaubliche Verrücktheit dieser Welt – im positiven wie im negativen Sinne – ist eine Quelle immerwährender Anregung. Aber auch Schönheit, Ordnung und Symmetrie können sehr anregend sein.  Außerdem imponieren mir große geistige und körperliche Leistungen. Deshalb habe ich für alle drei meiner Bereiche meine Vorbilder. Auch in der Philosophie und der Psychologie suche ich immer wieder nach Erklärungen, die mich weiterbringen.

 TG: Wieviel Zeit widmest du erfahrungsgemäß einem Bild oder einer Kurzgeschichte?

Ulrike Burbach: Oh –– die guten Sachen gehen schnell, sie sind oft „ein Wurf“. Wobei „schnell“ auch relativ ist, das können Stunden, Tage, Wochen sein, je nachdem, wieviel Zeit ich übrig und wie viele heiße Eisen ich gerade im Feuer habe. Und wenn etwas fertig ist, muss es eigentlich noch eine Weile liegen und „reifen“. So ähnlich wie Käse. Erst in der zeitlichen Entfernung sehe ich, ob ein Ding wirklich die Überzeugungskraft hat, die es haben sollte.

TG: Wie gehst du vor, nachdem du eine Eingebung hattest?

Ulrike Burbach: Mittlerweile habe ich ziemlich viel Erfahrung in meinen Arbeitsbereichen, das macht es leichter. Grob gesagt weiß ich inzwischen, was geht und was wahrscheinlich nicht geht. Ich bevorzuge offene Strukturen, d.h. ich lege manches fest, vieles überlasse ich Zufall, Eingebung, Spontaneität. Meine Choreografien sind fast nie völlig durchgeplant; meist geht es um ein bestimmtes Thema, für das ich immer nur Näherungslösungen finde.

Auch Geschichten plane ich nicht durch. Ich habe das Thema oder die Themen, ein paar Notizen dazu und fange an zu schreiben. Vor meinen Augen beginnt ein Film abzulaufen, wenn es gut geht, und ich muss nur die Sprache finden, um aufzuschreiben, was passiert. Auch viele Bilder entstehen, indem ich die Dinge quasi ein ganzes Stück sich selbst überlasse.

Trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit. An vielen Einfällen und Zufällen feile ich lange herum, biete mein „handwerkliches“ Wissen auf und suche nach der besten Lösung. Es ist also eine Mischung aus Zufall und bewusster Komposition.

TG: Beschäftigen dich manche Themen über einen längeren Zeitraum, sodass eine Art entsteht, oder gibt es ein zentrales Leitmotiv, das sich kontinuierlich in allen Bereichen wiederfindet?

Ulrike Burbach: Das eine schließt das andere nicht ganz aus. Trotzdem würde ich eher von zentralen Leitmotiven sprechen, die allerdings im einen oder anderen Bereich immer wieder auftauchen. Im Tanz geht es um Rhythmus (ich verwende nur sehr stark rhythmische Musik, also keine klassische), um Emotion, Impulse um (spontane) Bewegung. In der Malerei interessieren mich Natur und Struktur immer wieder, beim Schreiben hingegen geht es um Beziehungen, aber auch das Thema „sinnvolles Arbeiten“ taucht z. B. immer wieder auf.

In gewisser Weise habe ich meine Spezialthemen, von denen ich nicht wegkomme.

TG: Die Kulturszene hat ja insgesamt sehr unter der Corona-Krise gelitten. Was war bzw. ist derzeit für dich anders?

Ulrike Burbach:  Oh, ich habe mehr Zeit für das kreative Schaffen. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, jeder Arbeit so viel Zeit zubilligen zu können, wie sie eigentlich braucht. Aber da ist jetzt auch mehr Zeit für Zweifel und Selbstzweifel.

Zwar bin ich glücklicherweise finanziell abgesichert, aber ich habe ein bisschen Angst, dass meine Kontakte und Verbindungen auf die Dauer leiden. Online ist nicht so mein Ding, es beschränkt manches doch sehr, finde ich. Obwohl es natürlich wenigstens diese eingeschränkten Möglichkeiten bietet. Aber Kunst ist für mich grundsätzlich direkt: direkte Ansprache, direkter Kontakt.

TG: Wir bedanken uns für das Interview! Bleib gesund und kreativ!

Ulrike Burbach: Ich danke auch.

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„Wir passten nicht ins Raster“ https://www.tiefgang.net/wir-passten-nicht-ins-raster/ Fri, 05 Jun 2020 22:32:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6959 [...]]]> Wie ist es für Menschen, die positiv auf das Virus getestet wurden? ´Tiefgang`-Schreiberin Sonja Alphonso ging dem auf die Spur…

Man erfährt so gut wie nichts über unmittelbar Betroffene der Pandemie, außer der Anzahl der Infizierten, Toten und Genesenen. Wie ist es für Menschen, die positiv auf das Virus getestet wurden? Wie erleben sie die Zeit der Quarantäne? Und wie geht es den Angehörigen damit?

Ich kenne nur eine Person, die ich fragen kann: Wilfried Abels.

Tiefgang (TG): Wie kam heraus, dass deine Familie sich mit Covid-19 angesteckt hat?

Wilfried Abels: Nun, das war erstmal gar nicht so klar. Das wurde von uns als üblicher kleiner grippaler Infekt wahrgenommen. Unser Jüngster war halt etwas „angegrippt“. Er war schlapp, hatte erhöhte Temperatur. Das war es auch schon. Wir haben drei Kinder. Da ist sowas fast schon an der Tagesordnung. Irgendwo holt sich halt immer mal wer was. Zeitgleich traten bei meiner Frau, mir und auch unserer mittleren Tochter ähnliche Symptome auf. Jeweils ein bisschen unterschiedlich gelagert, aber alles nichts Ungewöhnliches. Wir haben da erstmal nur geseufzt und mit den Schultern gezuckt. Das ist in so einer fünfköpfigen Familie halt üblich. Einer schleppt was an. Alle haben das Vergnügen.

Wir haben dann zum ersten Mal aufgehorcht, als plötzlich, von einem Tag auf den anderen, bei meiner Frau und mir, der Geruchs- und Geschmackssinn vollständig weg war. Und das obwohl wir nicht erkältet waren und unsere Nasen frei waren. Das hatten wir so noch nie erlebt. Das war der Moment, wo wir zum ersten Mal überlegten, ob das, was wir gerade haben, vielleicht doch kein einfacher grippaler Infekt ist. Dann haben wir uns an unseren Hausarzt gewendet, der dann das Gesundheitsamt informierte.

TG: Konnte nachverfolgt werden, wer von euch sich bei welcher Gelegenheit angesteckt hatte und das Virus mit nach Hause brachte?

Wilfried Abels: Nein, das ist bis heute nicht geklärt. Das war in der Hochphase der Neuinfektionen. Wir hatten ausführlich mit dem Gesundheitsamt telefoniert, aber eine belastbare Theorie konnten wir nicht entwickeln. Wir waren da alle schon länger im Homeoffice und hatten nur absolut minimale Außenkontakte. Insofern ist das bis heute nicht geklärt.

Das war auch das Problem, um überhaupt getestet zu werden. Unser Hausarzt hat uns da glücklicherweise gleich ernst genommen, als ich ihn angemailt und unsere Bedenken geschildert hatte. Aber von dem Zeitpunkt, bis das Gesundheitsamt zum Testen vorbei kam, verging noch eine gute halbe Woche. Wir passten halt nicht ins normale Raster. Wir waren in keinem Risikogebiet gewesen und wir hatten, zumindest wissentlich, keinen Kontakt zu einem Corona-Erkrankten.

Fairerweise muss man aber sagen, dass in dieser Zeit das Gesundheitsamt auch schon mit den offensichtlicheren Fällen mehr als ausgelastet war. Und die Testkapazitäten waren auch sehr knapp. Deshalb wurden von uns fünf auch nur zwei Personen getestet, wovon dann ein Test eindeutig positiv war und einer uneindeutig. Hierzu meinte unser Hausarzt, dass die Tests eigentlich eh schon zu spät gemacht worden seien, da der Virus hauptsächlich nur in der Anfangsphase nachweisbar sei. Um wirklich sicher zu sein, ob wir alle Covid-19 hatten, müssen wir aber auf zuverlässige Antikörpertests warten.

TG: Wie habt ihr den Ausbruch der Krankheit erlebt?

Wilfried Abels: Am schwierigsten war es, sich am Anfang erstmal klar zu werden, wie man mit der Situation umgeht. Die Frage war: „Kann das wirklich Covid-19 sein? Oder bilde ich mir das nur ein und es ist ein ganz normaler Infekt?“ Man will ja sich und das Gesundheitssystem auch nicht umsonst verrückt machen. Zu der Zeit gab es ja auch haufenweise Fehlalarme, weil Leute bei jedem Husten gleich die Sorge hatten, dass sie erkrankt sein könnten. Man will in dem Fall nicht unbegründet Freunde und Nachbarn einspannen, um für einen einkaufen zu gehen.

Andererseits wollten wir, falls wir tatsächlich Covid-19 haben sollten, auch keine anderen Menschen in Gefahr bringen. Aber nur auf eine Vermutung hin, sich selbst komplett zu isolieren, ist halt auch schwierig. Diesen Zwiespalt zu handhaben, solange noch nicht getestet wurde, das war noch mit das Schwierigste.

TG: Meines Wissens musste niemand von euch im Krankenhaus medizinisch versorgt werden, also war der Verlauf vergleichsweise harmlos. Was war das Schlimmste an der Krankheit?

Wilfried Abels: Ja, der Verlauf war relativ harmlos. Wir hatten Glück. Wir alle hatten nach den Kategorien des RKI nur einen milden Verlauf. Die eigentlichen Krankheitssymptome waren auch gar nicht so schlimm. Da hatte ich schon grippale Infekte, die deutlich unangenehmer waren. Während der Erkrankung selber hatte ich keine echten Probleme. Ich hatte nie an Kurzatmigkeit oder sowas gelitten. Allerdings habe ich mich da auch nicht weiter als zwischen Couch und Bett bewegt.

Was aber bei dieser Erkrankung am übelsten war, war wie hartnäckig sie war, und wie schlapp sie uns alle gemacht hat. Als ich wieder anfing, mich normaler zu bewegen, da merkte ich erst, wie kurzarmig ich wirklich war. Selbst nach mehreren Wochen, als wir schon lange wieder aus der Quarantäne entlassen waren, waren wir noch weit davon entfernt, voll einsatzfähig zu sein. Selbst kleine Spaziergänge durch den Stadtteil waren noch ziemlich anstrengend. Da wurde mir erst im Nachgang klar, wie stark meine Lunge wirklich angegriffen wurde. Und unseren Geschmacks- und Geruchssinn haben meine Frau und ich noch immer erst in Ansätzen wieder.

TG: Wie habt ihr euch zuhause informiert, welchen Quellen vertraut?

Wilfried Abels: Grundsätzlich über die üblichen Medien (Fernsehen, Radio, Internet). Wenn wir aber was genauer recherchieren wollten, waren die Webseiten vom Robert-Koch-Institut und der John-Hopkins-Universität unsere erste Anlaufstelle. Für Informationen zu den Maßnahmen, haben wir die Seiten Hamburger Behörden zu Rate gezogen.

TG: Gab es Diskussionen innerhalb der Familie, ob die Maßnahmen gerechtfertigt sind oder nicht? Bzw. wie habt ihr die öffentlichen Debatten erlebt?

Wilfried Abels: Wir haben schon viel diskutiert. Allerdings weniger, ob das sinnvoll ist oder nicht. Da war schon ziemlicher Konsens, dass das im Groben alles so richtig ist. Aber wie geht man damit um? Was macht das mit einem? Das waren schon so Fragen, die uns einzeln und als Familie stark umgetrieben hat. Lagerkoller ist bei so einer Familie auch immer ein Thema, mit dem man sich auseinandersetzen muss, wenn man solange zusammen hockt.

TG: Seid ihr jetzt eigentlich immun oder bleibt ein Restrisiko, dass ihr euch nochmals infizieren könnt?

Wilfried Abels: Nun, wie soll ich das beantworten, wenn die Virologen weltweit darauf noch keine abschließende Antwort haben? Das ist ehrlich gesagt so eine Frage, wo ich selber als Wissenschaftler immer etwas, … hm, wie formuliere ich das …, ungeduldig werde.

Ich verstehe sehr, sehr gut, dass Menschen gerne klare Antworten haben wollen. Und ich verstehe auch, dass sie sich diese Antworten gerade in solchen Krisenzeiten von Wissenschaftlern und von Politikern wünschen. Doch diese klaren Antworten gibt es nicht. Weder Politiker noch Wissenschaftler sind Hellseher und haben keine Glaskugel, um in die Zukunft zu sehen.

Exakte Wissenschaft bedeutet nicht, dass man exaktes Wissen hat. Das wird leider häufig verwechselt. Exakte Wissenschaft bedeutet nur, dass man einen exakten Weg der Erkenntnisgewinnung hat. Aber im Gegensatz zu theologischen Systemen, gehen Wissenschaftler nicht von universellen Wahrheiten aus, sondern nur von immer wieder neu zu überdenkenden Zusammenhängen, die auf einem beobachteten Verhalten der Welt beruhen. Wenn neue Beobachtungen gemacht werden, dann müssen die bisher vermuteten Zusammenhänge neu überdacht und gegebenenfalls auch verworfen werden. Das ist dann kein „Beweis“ dafür, dass „die da alle das ja auch gar nicht wissen“ und jede beliebige Verschwörungstheorie von gleicher Wertigkeit sei, sondern es ist ein ganz zentraler und natürlicher Teil des wissenschaftlichen Prozesses. So funktioniert seit der Epoche der Aufklärung die Wissenschaft. Das ist langsam und anstrengend, und auch immer wieder frustrierend. Aber genau dies hat uns alle erst so weit gebracht, wie wir heute sind.

Insofern, um nach diesem kleinen Exkurs in Richtung Erkenntnistheorie auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen, natürlich gibt es ein Restrisiko, wie immer und überall im Leben. Man weiß auch bisher einfach zu wenig. Es gibt ja auch noch keine Langzeitstudien, da die längste Zeit, dass jemand die Krankheit überwunden hat, nur einige Monate beträgt. Allerdings ist es nach dem bisherigen Stand der Dinge wohl unwahrscheinlich, dass wir uns in näherer Zukunft erneut infizieren können.

TG: Allgemein ist die Pandemie noch längst nicht ausgestanden. Wir alle werden – auf sehr unterschiedliche Art – zu Zeitzeugen einer historischen Ära. Was denkst du, wird sich durch die Erfahrung mit Covid-19 grundlegend verändern?

Wilfried Abels:  Tja, gute Frage. Ich bin sicher, dass die Pandemie einen großen Einfluss haben wird. Aber in welche Richtung? Ich weiß es nicht. Jedes einschneidende Ereignis führt zu Veränderungen, die Chancen und Risiken bedeuten. Das ist aber nur eine Plattitüde, die nichts aussagt.

Während meiner Quarantäne bin ich seit langem mal wieder dazu gekommen zu lesen und habe mir in Ruhe den neuen Roman von Jan Christoph Nerger „S7 – Irrfahrt übers Zeitgleis“ durchgelesen. Da spielte in einer Szene die spanische Grippe eine Rolle und es wurde gut gezeigt, wie diese ein Baustein war, der die kommende Katastrophe begünstigte. Das war schon ein seltsames Gefühl, wenn man gerade selber an so einer Pandemie erkrankt ist.

Ich denke wir müssen alle aufpassen, dass die wirtschaftlichen Verwerfungen, die jetzt auf uns zurollen, nicht von den Populisten jeglicher Gattungsart ausgenutzt werden. Auch wenn ich mich selber eher in der links-grün-versifften Ecke verorten würde, meine ich damit nicht nur die Rechts-Populisten. Im Moment sieht man leider aus allen Ecken Populisten herauskriechen. Momentan ist es erschreckend, wie da jeder versucht, seine ganz eigenen Privatinteressen als staatstragend zu verkaufen.

Aber ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch und denke, dass wir alle miteinander die Kraft haben, diese Krise zu überstehen und vielleicht sogar anschließend die Welt ein bisschen besser machen können. Im Gegensatz zu früheren Generationen haben wir Möglichkeiten, auf die Pandemie zu reagieren, wie es noch nie in der Menschheitsgeschichte möglich gewesen ist. Die Welt hat rund um den gesamten Globus in einem Tempo reagiert, wie es noch niemals vorher geschehen ist. Die Entschlüsselung des Virus passierte in einem Tempo, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Die Entwicklung eines Impfstoffes hat bis vor kurzem noch Jahre gedauert. Jetzt laufen nach diesen wenigen Monaten schon die ersten klinischen Studien mit Menschen an. Der Spanischen Grippe war die Menschheit ziemlich hilflos ausgeliefert. Die Menschen damals mussten das einfach erleiden. Wir haben heute Möglichkeiten, aktiv gegen die Pandemie vorzugehen. Wir müssen nur aufpassen, dass wir sowohl im eigenen Land alle Menschen mitnehmen, aber auch nicht vergessen, dass es weltweit viele Menschen gibt, die in Ländern mit viel schlechter funktionierenden Gesundheits- und Staatssystemen leben. Z.B. muss verhindert werden, dass ein Impfstoff, wenn er denn da ist, nur für die reiche zahlungskräftige Bevölkerung in den Industriegesellschaften produziert wird.

Doch im besten Fall schaffen wir es durch diese Krise vielleicht ja auch wieder als Gesellschaft ein bisschen mehr Mut zurückzugewinnen. Vielleicht lernen wir wieder, an unsere Fähigkeit zu glauben, die Zukunft aktiv und positiv gestalten zu können. Aufgaben gibt es ja wahrhaftig genug.

TG: Du arbeitest an der TUHH. Glaubst du, dass Wissenschaft, Forschung und Technik an Bedeutung gewonnen haben?

Wilfried Abels: Hmm, warten wir es mal ab. Im Moment überschlagen sich ja alle mit Bekenntnissen zu Wissenschaft und Technik. Ich reibe mir momentan z.B. ziemlich die Augen, wie auf einmal jeder die Digitalisierung vorantreiben will.

Doch seit gut 30 Jahren, seitdem ich noch ein junger, etwas verschrobener Computer-Nerd der ersten Generation war, hängt Deutschland bei dem Thema locker zehn bis fünfzehn Jahre hinter dem Ausland her. Ende der 1980er Jahre hatte ich schon in den Niederlanden mal ein nettes Gespräch mit einem Elektronik-Verkäufer geführt, der sich sehr über die damalige Deutsche Bundespost amüsierte, als es um das Thema Datenkommunikation ging, weil diese alles, was auch nur entfernt nach Innovation roch, als geradezu blasphemisch von sich wies. Und seit damals hat sich an der Mentalität in Deutschland, wenn es um technische Innovation geht, nicht grundsätzlich was geändert.

Wenn es jetzt überall heißt: „Ja, Deutschland braucht einen Innovationsschub!“, dann antworte ich mal mit einem Zitat von Goethe aus Faust: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“

TG: Du bist nebenher auch Fantasy- und Science Fiction-Autor und auch Mitglied einer Second Life-Community namens „Brennende Buchstaben“. Dort finden Online-Lesungen im virtuellen Raum statt. Ein Format, das mehr Zukunft hat, weil Avatare sich nicht anstecken können?

Wilfried Abels: Ich denke schon, dass das Thema Online-Veranstaltungen in Zukunft einen größeren Raum einnehmen wird als bisher. Die Brennenden Buchstaben sind schon seit über zehn Jahren dabei, virtuelle Formate zu entwickeln. Es geht dabei ja auch nicht nur um Avatare, die computerspielartig durch die Gegend laufen, sondern grundsätzlich um Fragen wie:

Wie können sich Kulturschaffende präsentieren? Wie kann man ortsunabhängige Veranstaltungen organisieren? Wie beeinflusst Technologie Kultur? Wie kann man neue visuelle Kunstformen schaffen. Wo liegen Grenzen? Was gibt es für Möglichkeiten?

Da wurde in den letzten Jahren von vielen Mitstreitern und vor allem dem Organisator Thorsten Küper eine hervorragende Arbeit geleistet. Bald zweihundert Autoren ist so Raum für Veranstaltungen geschaffen worden, wo Ländergrenzen übergreifend Lesungen organisiert wurden, und wo ein sehr reger Austausch und eine internationale Vernetzung zwischen Kulturschaffenden erreicht wurde. Diese Formate wurden bisher gerne ein bisschen als Spielerei belächelt. Doch ich denke, so ganz langsam fängt ein Umdenken statt. Außerdem, ist Spielen und Spielerei nicht der eigentliche Motor jeder Entwicklung?

TG: Die Pandemie wird vermutlich viel Stoff liefern, um Geschichten zu erzählen, die den nüchternen Zahlen Leben einhauchen. Wird der von dir gegründete und ehrenamtlich betreute awsLiteratur Verlag das Thema in einer Anthologie aufgreifen?

Wilfried Abels: Oh, sehr gerne! Das wäre auf jeden Fall ein spannendes Projekt. Allerdings möchte ich an dieser Stelle kurz das Konzept unseres Verlagsprojektes bei Alles wird schön e.V. erläutern. Unser Verlag ist kein klassischer Verlag mit einem speziellen Verlagsprogram, das von einem Leitungskomitee von oben bestimmt wird und dann umsetzt. Wir sind ein Do-It-Yourself Verlag. Bei uns steht der Community Gedanke im Vordergrund, wo wir eine Art Plattform zur Verfügung stellen wollen, auf der sich Autor*innen gegenseitig unterstützen. Unsere Aufgabe sehen wir primär darin, diesen Prozess des gegenseitigen Unterstützens zu koordinieren und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten.

Wir versuchen, helfend und steuernd Projekte zu begleiten und vor allem technische Unterstützung bei Themen wie Layout, Cover, ISBNummern und Druckvorbereitung zu liefern. Das eigentliche Buchprojekt muss aber von der/dem Autor*in selber geleistet werden. Da wir alle nur ehrenamtlich tätig sind, sind unsere Ressourcen leider sehr begrenzt. Doch wenn sich eine kleine Projekt-Gruppe „Covid-19-Anthologie“ zusammenfinden würde, die gerne so eine Anthologie erstellen möchte und die sich um die Zusammenstellung der Geschichten, das Lektorat und das Korrektorat kümmern würde, dann wäre es uns bei awsLiteratur eine Freude, so ein Projekt heraus zu geben.

TG: Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview – und bleibt gesund!

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„Es hat sich ausgetindert“ https://www.tiefgang.net/es-hat-sich-ausgetindert/ Wed, 01 Apr 2020 22:17:06 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6358 [...]]]> Dem Romanautor Tomas Blum wird Atmosphäre und Tiefgang bescheinigt. Er wollte zur 5. SuedLese nach Harburg kommen. Nun liest er aus dem Homeoffice. Wir haben hatten vorab mit ihm gesprochen…

Das schreckliche Ereignis in ihrer Jugendzeit liegt so weit zurück, als würde es nicht mehr zu ihnen gehören – so als hätte es nicht ihr Leben bis auf den heutigen Tag geprägt. Zufällig treffen sie einander Jahrzehnte später im Geschäftsleben wieder, inzwischen als Kollegin und Kollege, und das Kennenlernen gerät zum Spießrutenlauf der Erinnerung.

Tomas Blum erzählt in seinem Romandebüt die Geschichte einer Befreiung aus den Ketten von Karriere und Konsum, und er stellt die Frage, was von uns bleibt, wenn wir nur funktionieren. Wenn wir keinen Dialog mehr wollen, sondern schon immer alles besser wissen. Das klingt nach einer reifen Leistung.

In einer Buchbesprechung heißt es, es sei ein sehr atmosphärischer Roman mit Tiefgang, der unheimlich eindrucksvoll geschrieben ist und noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Wenn das kein Aufhänger für ein Interview mit Tiefgang ist!

Tiefgang (TG): Du lebst und arbeitest in Berlin. Was verschlägt dich zur SuedLese nach Harburg?

Tomas Blum: Christoph, der Marketing-Leiter vom Liesmich Verlag, hat den Draht gelegt. Der ist direkt an der Waterkant auf die Welt gekommen. Bei Tiefgang hat er bestimmt an mich gedacht. Ich liebe Tiefgang. Im Alltag ist vieles zu oberflächlich…

TG: Du hast Literatur studiert und auch als Autor und Ghostwriter Geld verdient, allerdings in Wirtschaft und Politik. Erst nach einem Unfall hast du dich wieder auf das literarische Schreiben besonnen. Bedeutet das, dieses Ereignis hat dich quasi zur Besinnung gebracht?

Tomas Blum:  Ja. Es gab noch ein weiteres Ereignis: der Tod eines Schulfreundes. Mir wurde dabei klar, dass man Entscheidungen für die Zukunft nicht erst in der Zukunft treffen sollte. Ich habe ja mit dem Schreiben nie aufgehört, es jedoch immer nur für die Schublade getan.

TG: Schreiben genießt einen sehr hohen Stellenwert in deinem Leben und gehört für dich zu deinen Lieblingsbeschäftigungen. Kannst du den Zustand beschreiben, in dem du dann bist?

Tomas Blum:  Das ist ein Zustand ganz großer Klarheit. Es ist so, als könnte ich nur noch die Wahrheit denken. Alles, was dann beim Denken passiert, ist richtig. Manche würden vielleicht das Bild verwenden, Schreiben sei wie eine Droge, aber Schreiben ist das Gegenteil. Es ist innere Klarheit und Offenheit.

TG: Es gibt eine Autorenhündin namens Yella. Welche Rolle spielt sie in deinem Schriftsteller-Dasein?

Tomas Blum:  Klingst erstmal wie so ein Internet-Katzen Ding, nur mit einer Hündin. Aber ehrlich: Yella rettet jeden Tag meinen Arsch, weil sie mich rausbringt aufs Land und in den Wald. Hunde sind so sensibel. Die wissen, wie es einem geht, bevor man es selbst weiß. Und meine Zeit mit ihr zu teilen, ist super inspirierend.

TG: Deinen eigenen Worten zufolge bewähren sich die Hauptfiguren in deinen Romanen und Stücken durch ihr Vertrauen, obwohl ihre Umgebung nicht vertrauenswürdig ist. Was ist damit gemeint?

 Tomas Blum: Das ist DAS Ding im Leben, glaube ich. Neulich diskutierte ich mit einem Freund den Satz Adornos, es gebe kein richtiges Leben im falschen. Aber das stimmt nicht. Man sollte, wo immer es geht, das richtige Leben anstreben. Es herstellen. Das bedeutet Vertrauen. Davon ausgehen, dass ich in der richtigen Zeit am rechten Ort bin und innerhalb meiner Möglichkeiten handeln kann.

TG: Du versuchst auch, die Grenzen unserer Einfühlung auszuloten. Herrscht deiner Meinung nach ein Mangel an Empathie? Und wenn ja, was steht der im Weg?

Tomas Blum: Es herrscht in vielen Bereichen ein Mangel an Empathie, weil unsere an Leistung gemessenen Erfolge uns hochnäsig machen. An der Schule lernen wir, dass man theoretisch alles lernen kann. Das ist ein großer Irrtum. Wenn man glaubt, alles potentiell kennen und beurteilen zu können, dann wird man zum Zyniker. Das ist mit das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Und das steht der Empathie im Weg. Wir können uns selbst und einander nicht durch (Besser)wissen erleben, sondern durch Aufmerksamkeit, durch Offenheit, durch Konzentration.

TG: Wenn es in deinem Roman um den Mut zur Wahrhaftigkeit geht, darf man auf ein Happy End hoffen, oder?

Tomas Blum: Ab-so-lut! Schwarzseherei macht denkfaul, wenn man sich vorstellt, wie etwas kollabiert oder den Bach runtergeht. Ich will für mich und meine Leser das Gegenteil. Das wünsche ich mir jedenfalls. Ich möchte zeigen, wie man sich selbst aufrichten kann. Deshalb findet ihr in den Buchklappen meines Romans zwei handschriftliche Notizen. Am Anfang: „Bleib dort wo du bist.“ Das ist der Ausgangszustand meines „Helden“. Er ist resignativ. In der Buchklappe am Ende steht: „Ich wachse.“ Und darum geht es!

Tiefgang bedankt sich für Tiefgang bei Tomas Blum!

Tomas Blum: Auch ich bedanke mich. Ich freue mich schon auf die Lesung bei euch!

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

Online-Termin: Am Sa., 04. Apr., Tomas Blum – „Wofür wie uns schämen“, um 20 Uhr auf youtube:

statt im Elbdeich e. V., Moorburger Elbdeich 249, 21079 Hamburg

Zum Buchtrailer: 

Tomas Blum – „Wofür wie uns schämen“, erschienen im Liesmich Verlag, Oktober 2019, 14,95 €, ISBN 978-3-945491-08-9

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„Das schreibende Gewissen der Deutschen“ https://www.tiefgang.net/das-schreibende-gewissen-der-deutschen/ Fri, 06 Mar 2020 23:38:27 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6341 [...]]]> Johannes Kirchberg gastiert bundesweit, ist aber im Hamburger Süden zuhause. Nun tritt er mit einem Erich Kästner-Programm bei der 5. SuedLese auf. Grund genug mal nachzuhaken …

Johannes Kirchberg ist Chansonsänger und Musikproduzent gründete 2000 gründete er das Plattenlabel dermenschistgut Musik, wo er junge Gruppen produziert. Seit 2011 ist Kirchberg Ensemblemitglied vom Theaterschiff DAS SCHIFF in Hamburg. In der Fischhalle trat er im Mai 2019 mit seinem Wolfgang-Borchert-Programm „Meine Seele ist noch unterwegs“ auf.

Bei der diesjährigen SuedLese macht der aus Leipzig stammende Johannes Kirchberg eine tiefe Verbeugung vor dem Dichter Erich Kästner, der in den dortigen Kaffeehäusern seine ersten Gedichte schrieb.

„Freunde, nur Mut, lächelt und sprecht: Die Menschen sind gut, nur die Leute sind schlecht.“

Manches ist aus dem eigenen Wortschatz kaum wegzudenken wie beispielsweise „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (mein persönlicher Wahlspruch), auch wenn uns vielleicht gar nicht bewusst ist, dass das ursprünglich von Kästner kam. Der Mann ist jedenfalls eine Legende.

Johannes Kirchberg ist seines Zeichens auch kein unbeschriebenes Blatt, sondern einer, der aus dem Vollen zu schöpfen scheint und auch noch Noten schreiben und lesen, spielen und singen kann. Man erinnere sich an seine Auftritte in unseren Gefilden im Wasserturm am Elbdeich, auf der Freilichtbühne beim letzten Sommer im Park oder die Kulturtage – Gelegenheiten, bei denen das Publikum hellauf begeistert war.

Nun denn: „Ich dagegen bin dafür“, dass einer wie er dem anderen das Wasser reicht.

Tiefgang (TG): Was ist die Idee zu diesem Erich-Kästner-Abend in der Fischhalle Harburg?

Johannes Kirchberg: Da steckt keine Idee dahinter. Es ist einfach eine große Freude, in der wunderschönen Fischhalle aufzutreten. Ich wurde im letzten Jahr eingeladen, mein Wolfgang Borchert Programm zu spielen. Und es wurde ein sehr berührender Abend, der mich sehr beseelt hat. Die Menschen der Fischhalle wurden mir zu Freunden. Da Literatur einen großen Platz in der Fischhalle hat, haben wir uns für das nächste Gastspiel Erich Kästner ausgesucht. Von mir aus darf das gerne eine Tradition werden. An mir scheitert das nicht, denn ich habe noch ein paar musikalisch-literarische Abende im Gepäck. Das Engagement der Kulturmacher im Harburger Hafen kann gar nicht genug gewürdigt werden. Was dort auf die Beine gestellt wird, verdient größten Respekt. Und Erich Kästner passt natürlich auch sensationell nach Harburg. Nicht nur, weil ich in Hausbruch wohne und wie er aus Sachsen komme, sondern auch weil er ein urkomisches Gedicht über Hamburg & Harburg geschrieben hat. Ich werde es am 26.03. einbauen.

TG:  Wann machtest du Bekanntschaft mit seinen Texten? Durch „Emil und die Detektive“?

Johannes Kirchberg: Ich habe leider die Kinderbücher als Kind nicht gelesen. Zum Glück durfte ich sie später für mich entdecken. Aber sehr zeitig fielen mir seine Gedichte in die Hände und ich begann, sie zu vertonen, um sie zu meinen eigenen Stimmen zu machen. Sie waren immer Ausdruck meiner Gefühlswelt. Und wenn ich schreiben könnte, würde ich gern so schreiben wie Kästner. Er ist für mich das schreibende Gewissen der Deutschen. Zum 100sten Geburtstag 1999 durfte ich am Leipziger Schauspielhaus einen Abend gestalten. „Der Mensch ist gut“ hieß das Programm. Und es war der Beginn meiner Karriere. Seitdem sind noch drei andere Erich Kästner Programme entstanden. Und nach wie vor lässt er mich nicht los. Und wenn ich Kummer habe oder unter Ausweglosigkeit leide, lese ich immer noch hin und wieder in der „Lyrischen Hausapotheke“. Eines der schönsten Bücher, die ich kenne.

TG: Ist er zu einem Vorbild für dich geworden? Wenn ja, warum?

Johannes Kirchberg: Naja, Vorbild nicht unbedingt. Moralische Instanz vielleicht. Wie oft spricht man Kästner, ohne es zu wissen? „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ ist das wohl bekannteste Epigramm von ihm. Aber auch „Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken“ ist so aktuell und treffend wie vor hundert Jahren. Ich bin Kästner dankbar, denn durch seine Gedichte wurde meine Liebe für die Lyrik geweckt.

TG: Du trittst auch auf kleinen Bühnen auf. Wie wichtig ist dir die Tuchfühlung zum Publikum?

Johannes Kirchberg: Wenn es gut riecht, das Publikum, dann genieße ich die Tuchfühlung … (lacht) … im Ernst, ich mag die kleinen Bühnen. Ich singe gern unverstärkt und vor neugierigen Menschen. Auch gern in privater Atmosphäre. Aber ich mag natürlich auch die große Bühne. Das Konzert im Kleinen Saal der Elbphilharmonie war schon eine große Nummer.

TG: Neben dem Interesse an zeit- und gesellschaftskritischen Texten scheint dich auch der Humor mit Kästner zu verbinden. Sorgt Humor nur für Unterhaltungswert, oder siehst du einen tieferen Sinn darin? Anders gefragt: Was bedeutet Humor für dich?

Johannes Kirchberg: Heißt es nicht irgendwo „Humor ist der Regenschirm der Weisen“? Solange Satire nicht in Sarkasmus abrutscht, ist mir Humor ein gern gesehener Begleiter. Deshalb spiele ich neben den Literaturprogrammen auch ein eigenes Kabarettprogramm. TESTSIEGER heißt es und es ist humorvoll und unterhaltsam. Die Songs sind Ende Januar auf CD erschienen. Eine opulente Produktion mit Streichorchester und Bläserensemble, Chor und Band. Mit ganz großem Besteck sozusagen.

TG: Vom Spaß zum bitteren Ernst: Wenn man überlegt, dass die Nationalsozialisten damals Bücher von Kästner verbrannten – und er sogar dabei zugesehen hat… Was geht dir dann durch den Kopf?

Johannes Kirchberg: Ich finde es schon verrückt, dass Kästner so viel vorausgesehen hat, dass er immer ein Mahner und Warner gewesen ist, dass er verboten wurde und dennoch Zeitzeuge blieb. Dass er das Land nicht verlassen hat, sondern Chronist seiner Zeit war. „Manchmal“, schrieb er „ist der Alltag, auch im Krieg und unterm Terror eine langweilige Affäre.“ Zum großen Glück ist er irgendwie durch diese schlimme Zeit gekommen und hat seinen Kopf behalten. Er hatte vor, einen großen Roman zu schreiben, hat es aber dann nach dem Ende des Krieges nicht getan. Er hat es, nach eigener Aussage nicht gekonnt und nicht gewollt.

TG: Damit das Interview nochmal die Kurve kriegt bzw. angenehm ausklingt: Welche Spielorte gefallen dir in Harburg besonders gut und warum?

Johannes Kirchberg: Die Fischhalle ist natürlich ein traumhafter Ort im Hafen. Ich mag die Bühne im Stadtpark und das „Sommer im Park-Festival“ und ganz sensationell finde ich den neuen Saal im BGZ Neugraben, das JOLA. Ich habe die große Freude, dort das Kulturprogramm zusammenzustellen. Aber das sind natürlich nur die Orte, die ich als Kabarettist kenne und bespiele. Daneben gibt es noch viele Bühnen mehr im Hamburger Süden, deren Engagement gewürdigt gehört.

TG: Herzlichen Dank für das Interview!

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

 Termin: Mi., 26. Mrz., Erich Kästner-Abend mit Johannes Kirchberg, 19 Uhr Fischhalle Harburg, Kanalplatz 16, 21079 Hamburg

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„Gefummel am Sinn, Klang, Rhythmus“ https://www.tiefgang.net/gefummel-am-sinn-klang-rhythmus/ Fri, 06 Mar 2020 23:12:38 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6424 [...]]]> Lyrik scheint in Zeiten der Sachlichkeit und Funktionalität aus der zeit gefallen. Nicht so bei der 5. SuedLese. Wir haben nachgehakt.

 „Ich schreibe mir ein Bild“ (Siegfried Kopf)

Lyrik. Dieses Genre hat es schwer und dabei so viel zu bieten. Aber neben der Lyrikerin bzw. dem Lyriker braucht es natürlich auch ein aufgeschlossenes Publikum, das sich einlässt auf das, was da kommen mag und u. U. nicht leicht zu fassen ist. Lyrik erschließt sich in seiner Bedeutung nicht sofort, sondern lässt eher etwas anklingen; etwas, das einen berührt und/oder anspricht, bevor man versteht, wie und warum. Manches verhallt vielleicht unbegreiflich, anderes erzeugt ein Echo im eigenen Klangkörper.

Bei der diesjährigen SuedLese (5. März – 14. April) sollen auch wieder vorgetragene Verse – die sich keineswegs reimen müssen – dazu beitragen, der Ausdrucksform näherzukommen. Ein Werk möge wie ein Bild oder Parfüm auf Anhieb betören und dann nach und nach seine Kopfnote entfalten. Zu den Dichtenden, Denkenden und Fühlenden, die Dame zuerst:

Gisela Baudy veröffentlichte 2019 zwei Gedichtbände beim awsLiteratur Verlag des gemeinnützigen Kulturvereins Alles wird schön e. V.: „Worthaut“ und „Blaues Ufer“. In beiden Bänden hat Autor und Künstler Christian Baudy viele ihrer Gedichte mit eigenen Kunstwerken malerisch begleitet. Autorin und Maler lesen im Rahmen der awsLiteratur-Verlagspräsentation „Querbeet – awsLiteratur präsentiert Neues aus dem Verlagsprogramm“ gemeinsam aus beiden Werken und zeigen parallel Gedichte und Malereien per Powerpoint-Präsentation. Der Vortrag ist Teil einer Gemeinschaftslesung mit weiteren Autoren und Autorinnen und findet am 4. April in den Räumen des Heimfelder Kulturvereins statt.

Björn Jensen, u. a. Pädagoge und Bauarbeiter, beschreibt „Nächte aus Samt, Tage aus Beton“. Der Textschmied war schon oft zu Gast beim WORTart! Literaturfestival in der Fischhalle und liest in der Deichdiele in Wilhelmsburg.

Architekt, Texter, Maler und Fotograf Siegfried Kopf lädt bei einer Wohnzimmerlesung in Eißendorf zum „Frühlingsanfang“ ein.

Und last, but not least Ulrich Lubda, der auch schon mehr in seinem Leben gemacht hat, als hier aufgezählt werden kann und soll. Sein Thema bei der SuedLese: „Träume vom Schäfer von Schafen vom Überleben“ (Prosa) und “ShaFmanie” (Lyrik).

Tiefgang (TG): Von jedem von Euch wollen wir wissen: Was brachte euch zur Lyrik?

Gisela Baudy: Wer kann das schon wirklich sagen? Ich habe schon früh begonnen, „Tage“-Bücher zu schreiben. Irgendwann kam dort nur noch hinein, wenn mich Erlebtes auch sprachlich und klanglich reizte. Dazwischen konnten Wochen oder Monate vergehen.

Siegfried Kopf: Die Auseinandersetzung mit der Liebe und dem Zeitgeist während meiner Bundeswehrzeit als Kriegsdienstverweigerer in den Jahren 1973-1974.

Björn Jensen: Einen Auslöser oder ein bestimmtes Ereignis gab es nicht; Schon früh gefiel mir das Spiel mit der Sprache – oh, und mit 17 durfte ich an einem Buch der -auch- Kinderbuch-Autorin Ingeburg Kantstein mitschreiben („Sybilla war ein schönes Kind“).

Ulrich Lubda: Von allen Textsorten wird Lyrik gern als diejenige angesehen mit dem kürzesten Zugang zu Emotionen und dem, was als künstlerische Intuition bezeichnet wird. So jedenfalls wurde sie uns in den letzten Schuljahren im Deutschunterricht vorgestellt. Ich galt schnell als “Experte” für die für fast alle meiner gequälten Mitschüler hermetisch-geheimnisvollen und Abi-entscheidenden “Gedichtinterpretationen”. Vermutlich hatte ich eine Antenne dazu. Die in den 60ern behandelten Autoren waren natürlich wie üblich zeitversetzt eher gestrig wie: Trakl, Stadler, Rilke, Benn, Heym, Hofmannsthal, Lasker-Schüler – vielleicht auch Brecht. Die benutzte Anthologie hieß “Silberfracht”. Klar hat man sich dann stilistisch in eigenen Pennäler-Versuchen an diesen orientiert.

TG: Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Gisela Baudy: Mit etwa acht Jahren wusste ich schlagartig, dass ich Schriftstellerin werden wollte. Das schlummerte dann aber lange vor sich hin …

Siegfried Kopf: Ein Foto-Buchgeschenk an einen Freund mit dem Titel “Wüstenlandschaften” – Ich schrieb ihm dazu eine Widmung, meinen ersten Text in Lyrik.

Björn Jensen: Der Punk kam ungefähr `80 nach Hamburg und ich schrieb für die Hamburger Band „Nimm2“ einige Texte. Als dann die ersten sogenannten Poetry_Slams stattfanden (Molotow, Ponybar, Nochtspeicher, Heimfeld ist Reimfeld), habe auch ich mich auf die Bühne getraut und tue das bis heute.

TG: Habt ihr Vorbilder?

Gisela Baudy: Ich mag Dichterinnen und Dichter, die die Kürze lieben. Ich denke da an bekannte Namen wie Rose Ausländer, Reiner Kunze, Erich Fried, aber auch an weniger bekannte wie Fred Stäheli oder Angelica Seithe. Aber auch Dichter wie etwa Joseph von Eichendorff, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Paul Celan oder die Dichterin Ingeborg Bachmann haben es mir angetan. Ich könnte die Reihe unendlich fortsetzen.

Siegfried Kopf: Nicht unbedingt, doch Texte von Kurt Tucholsky, Erich Fried und Sarah Kirsch haben mich schon beeindruckt.

Björn Jensen: Ich finde Vorbilder nicht das richtige Wort, weil es ein „Nachahmen“ implizieren könnte… Ich lese gerne und mag z.B. F. Villon und C. Bukowski für Sozialkritik und ungeschliffene Härte, J. Ringelnatz, T. Pratchett und D. Adams für Sprachwitz und Fantasie, E. Mühsam, B. Brecht und E. Kästner für Werk und Haltung, Novalis für wunderschöne romantische Lyrik….. um nur einige zu nennen.

Ulrich Lubda: Über die bereits erwähnten hinaus beschäftigt man sich im Rahmen eines literaturwissenschaftlichen Studiums natürlich ausgiebig mit Lyrik verschiedener Zeiten und Sprachen, für mich der englische und slawische Sprachraum, aber auch Frankreich – e. e. cummings, Bukowski, Burns, Jewtuschenko, Lermontow, Jessenin, Celan, Prévert, Cohen, Brel u.v.a.m. In letzter Zeit versuche ich, Michael Hamburger (aus Berlin nach England emigriert) und vor allem Seamus Heaney zu übersetzen. Toll und nachahmenswert finde ich nach wie vor die Lesungen des charismatischen Peter Rühmkorf zum Jazz von Michael Naura und Wolfgang Schlüter. Sehr inspirierend.

TG: Was schätzt ihr am Spiel mit den Worten am meisten?

Gisela Baudy: Wenn es nicht selbstverliebt daherkommt. Ich mag das Spiel mit Worten  wenn es unser Da-Sein greift und ihm Stimme verleiht. Denn ich liebe Worte, die Wurzeln haben zum Trinken.

Björn Jensen: Dass es mir öfter gelingt, mit Worten Bilder oder Gefühle entstehen zu lassen, das hat fast etwas Magisches…

Siegfried Kopf: Das Bild und den Klang, wenn der Text fertig ist – wenn ich in Laune bin zu schreiben, weiß ich nie, was daraus wird.

TG: Was ist die größte Herausforderung?

Siegfried Kopf: Der Anfang eines neuen Textes.

Gisela Baudy: Das Warten oder der Stillstand zwischen zwei Schaffensphasen. Klangbilder sind wie Fische, die in der Tiefe schwärmen und dir schnell entgleiten. Eine weitere Herausforderung ist es, im Alltag einen Freiraum zum Atmen und kreativen Gestalten zu finden.

TG: Verarbeitet ihr persönliche Erfahrungen oder kommen die Eingebungen aus dem Land der Fantasie?

Ulrich Lubda: Klar. Nur. Was sonst? Der Vorgang ist immer der gleiche. Ausgelöst durch ein Bild, Gefühl – oft auch über Musik, Geruch usw. – sind schon die ersten Worte und Begriffe da. Notiz und dann tagelanges Gefummel – am Sinn, Klang, Rhythmus.

Gisela Baudy: Ich mache hier keinen Unterschied. Gelungene Gedichte sind für mich Brenngläser. Sie verdichten das Erlebte und sie vervielfachen das Licht, das Leben ist.

Christian Baudy – Blaues Ufer

Siegfried Kopf: Fast all meine lyrischen Texte spiegeln meine Lebensgeschichte wieder, also Erfahrungen und insbesondere meine Einstellung in all ihren Facetten.

Björn Jensen: Oft sind es politische Ereignisse, die mir auf den Nägeln brennen und mich zur Feder greifen lassen. Ob nun anlässlich des 80.ten Jahrestages der Reichsprogromnacht, die Umbenennung von toten Zivilisten durch kriegerische Handlungen in „Kollateralschäden“ oder die frierende Obdachlose. Aber auch romantische Verse an die auserwählte Liebste…

TG: Was war die wohl schönste Reaktion auf einen eurer lyrischen Texte?

Gisela Baudy: Es waren die Worte: Das hat mich berührt. Viele Gedichte in „Worthaut“ und „Blaues Ufer“ sind Hingabe, sind Liebeserklärungen an das Leben. Gibt es Schöneres als Liebe, die übergeht?

Ulrich Lubda: Immer schön, wenn wenigsts ein Mensch erreicht wird. Manchmal gründlich.

Wie bei Björn Jensen, als eine Zuhörerin ihm nach einer „Heimfeld ist Reimfeld“-Veranstaltung sagte, dass sie bei seinen Worten habe weinen müssen, so tief hatte das Gedicht sie berührt. Und manchmal erobert man sogar Herzen (zurück).

Siegried Kopf: Meine Jugendliebe hat mich wiedergefunden durch meine Lyrik – wir sind nach mehr als 40 Jahren wieder ein Paar.

TG: Wenn das kein schönes Schlusswort ist! Vielen Dank für die schöne Einstimmung auf magische Momente mit Lyrik.

(Die Fragen für ´Tiefgang` stellte Sonja Alphonso)

 Die Orte der Worte:

  • Wohnzimmerlesung im Mehringweg 1Siegfried Kopf am 20. März ab 19 Uhr, Hutspende
  • Deichdiele, Vehringsstr. 156Björn Jensen am 25. März um 20 Uhr, Eintritt frei
  • Alles wird schön e. V., Friedrich-Naumann-Str. 27Ulrich Lubda am 27. März um 19 Uhr, Eintritt frei
  • Alles wird schön e. V., Friedrich-Naumann-Str. 27Gisela Baudy u. a. am 4. April ab 16 Uhr, Hutspende

 

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Wertvoll für den Süden https://www.tiefgang.net/wertvoll-fuer-den-sueden/ Fri, 21 Feb 2020 23:32:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6383 [...]]]> Literaturtage nur zum passiven Konsum? Das reicht dem neuen Leitungsteam der Harburger VHs nicht und so bietet sie etliche Kurse rund ums Wort. Wir haben nachgefragt …

In den vorherigen Jahren holte die VHS in Kooperation mit der Bücherhalle prominente Gäste wie Heinz Strunk und Carmen Korn nach Harburg zu den Literaturtagen. Im diesjährigen Programm finden sich zudem Angebote, die dazu einladen, vom Zuhörer zum aktiven Teilnehmer zu werden. Wir fragten beim Leitungsteam der Region Harburg/ Finkenwerder, Ilker Ipek und Julia Hoffmann, nach, was für eine Idee dahintersteckt.

Tiefgang (TG): Die SuedLese entstand, um der Literatur eine besondere Bühne zu bieten und das Interesse an Büchern zu fördern. Die Hamburger Volkshochschule war von Anfang an Kooperationspartner. Welche Gründe waren dafür ausschlaggebend?

Ilker Ipek: Wir waren von Anfang an von genau dieser Idee der Suedlese begeistert. Die Suedlese bringt Institutionen und Kulturschaffende zusammen und es entstehen neue Kooperationen, neue Ideen und neue Angebote für die Menschen im Stadtteil. Das ist für den Süden Hamburgs sehr wertvoll.

TG: Betrachtet die VHS Lesen und Schreiben ganz grundsätzlich als Kernkompetenzen, die es explizit zu fördern gilt?

Ilker Ipek: Die Hamburger Volkshochschule betrachtet Lesen und Schreiben als unabdingbare Grundvoraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Die VHS bietet seit 1986 Kurse an, in denen Menschen das Lesen und Schreiben lernen. Darüber hinaus finden Teilnehmende in unserem offenen Programm Lesungen, Schreibwerkstätten, Literaturgesprächskreise und vieles mehr.

TG: Welche Erfahrungen werden bei deren Vermittlung gemacht? Welche Rolle spielt die persönliche Ansprache?

Ilker Ipek: Im Bereich Grundbildung ist eine persönliche Ansprache sehr wichtig. Für viele ist der erste Schritt zu einem Kurs aus vielerlei Gründen nicht einfach. Wir freuen uns aber immer wieder zu sehen, mit welcher Freude die Teilnehmenden die Kurse besuchen nach dem sie den ersten Schritt gemacht haben.

TG: Susanne Bienwald wird dieses Mal als Autorin keine Lesung mit einem ihrer Bücher machen, sondern versuchen, gemeinsam mit Teilnehmenden dem Geheimnis guter erster Sätze auf die Spur zu kommen. Ist dies ein eigens erdachter Ansatz anlässlich der SuedLese?

Ilker Ipek: Die konkrete Planung für die Kurse hat meine Kollegin Frau Hoffmann koordiniert. Sie kann die Fragen zu den konkreten Angeboten viel besser beantworten.

Julia Hoffmann: Die Idee zu diesem Kurs hat Susanne Bienwald eigens für die Suedlese entwickelt! Gerade die ersten Sätze sind ja die entscheidenden. Daher war Ihre Überlegung, einen Kurs anzubieten der sich besonders dem Einstieg in eine Erzählung widmet. Die Veranstaltung lautet daher auch: Erste Sätze finden – eine ganz besondere Textwerkstatt. („Hut ab“, sagte der Verleger nach dem Lesen des ersten Satzes.).

TG: Bei einem anderen Angebot werden Buchstaben selbst zum sinnlichen Erlebnis. Kalligraphie erinnert an die ursprünglich hohe Kunst der Schriftsprache, die wesentlich zur Weitergabe von Wissen beiträgt, also Bildung im eigentlichen Sinn.

Julia Hoffmann: Die Bedeutung der Schrift für die Bildung ist natürlich fundamental. Bei diesem Kurs geht es uns auch darum in Zeiten des digitalen Wandels, in denen ein großer Teil der Kommunikation im Alltag digital stattfindet ein Angebot vorzuhalten, welches genau auf die Kunst der analogen Schrift setzt. Ich denke, dass diese Kurse wirklich ein Ausgleich zum digitalen Alltag bieten und daher bei unseren Teilnehmenden sehr beliebt sind.

TG: Ähnlich ist das Angebot „Handlettering“. Hier kann man etwas über die Bandbreite der Schrifttypen erfahren und mit der Wirkung experimentieren. Welche Zielgruppe wird hiermit erfahrungsgemäß besonders angesprochen?

Julia Hoffmann: Unsere Kurse richten sich ganz nach unserem Motto „Bildung für alle!“ an eine sehr breite Zielgruppe. Jede oder jeder kann an diesen Kursen teilnehmen.

TG: Speziell etwas für Jüngere ist das Angebot „Comics zeichnen“, denn diese Form der Literatur erfreut sich besonders bei Kindern und Jugendlichen großer Beliebtheit. Früher eher belächelt und oftmals unterschätzt, genießt sie mittlerweile bisweilen Kultstatus, auch in erwachsenen Kreisen. Die Verknüpfung der Elemente Bild & Sprache bietet sehr viel kreativen Spielraum.

Versteht sich die VHS als Brückenbauerin, wenn sie Mittel und Wege zeigt, wie schon junge Menschen kulturschaffend sein können?

Ilker Ipek: Wir denken, dass Maßnahmen der kulturellen Bildung besonders wichtig für die Persönlichkeitsbildung und Selbstmotivation der Jugendlichen sind. Aus diesem Grund veranstaltet die Junge VHS seit Jahren den talentCAMPus. Das ist ein Ferienprogramm für Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 18 Jahren. Er richtet sich besonders an Kinder und Jugendliche, die wegen ihrer finanziellen, familiären oder sonstigen Situation bildungsbenachteiligt sind.

TG: „Stadtgeschichten“ schulen die eigene Beobachtungsgabe und sollen dazu verlocken, diese in Worte zu fassen. Durchaus denkbar, dass Teilnehmende auf den Geschmack kommen und weiterentwickeln, was beim Verfassen kurzer Texte seinen Anfang nahm. Vielleicht wird der eine oder andere noch Geschichte schreiben…

Julia Hoffmann: Genau das passiert tatsächlich in unseren Kursen. Die tollen Ergebnisse sehen wir jedes Jahr in der Veranstaltung „Hamburg schreibt – ein VHS-Leseabend“. In dieser Veranstaltung bekommen Teilnehmende aus unseren Schreibkursen und Literaturwerkstätten die Möglichkeit ihre Texte einem breiten Publikum vorzustellen. Das ist wirklich eine tolle Sache.

TG: Alle diese Angebote laden dazu ein, sich selbstwirksam mit dem Akt des Schreibens auseinanderzusetzen, also aktiv zu werden, statt nur Zuschauer bzw. Zuhörer zu sein. Eine schöne Idee, die SuedLese um einen zusätzlichen Aspekt zu erweitern. Diese Ergänzung dürfte den Besuchern und Besucherinnen noch mehr Lust auf Literatur machen und auch einmal mehr aufzeigen, wie vielseitig die Hamburger Volkshochschule ist!

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

Das Kursangebot der Volkshochschule während der Literaturtage findet sich im SuedLese-Programmheft auf den Seiten 63-67.

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Sabbeleien mit Sinn und Farbe https://www.tiefgang.net/sabbeleien-mit-sinn-und-farbe/ Fri, 21 Feb 2020 23:27:19 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6305 [...]]]> Ina Bruchlos ist Hessin und schreibt seit einigen Jahren auf, was sie so redet, wenn der Alltag wieder einmal aus den Fugen gerät. Ihr Debut bei der SuedLese lädt zum Lachen. Nicht nur.

Ina Bruchlos erzählt von ihrem Brotjob bei einem Musical in Hamburg, von dem Rumgerede bei Vernissagen, vom F.C. St. Pauli-Fan und seinen kleinen Erfolgen, von Kunst und Künstlichem, von missverständlichem Deutsch und allzu gut verständlichen Deutschen. Das ist komisch – und bestürzend. Der Leser lacht – aber über wen eigentlich?

Sie beobachtet liebevoll, wie verrückt Menschen tagtäglich miteinander reden – und dabei das Chaos nur vergrößern, das ihnen allerdings als normal erscheint. Sie glauben dabei oft, die Antwort zu haben auf all die Fragen, die sie sich noch nicht einmal gestellt haben.

Andererseits trauen sie sich Fragen zu stellen, für die nicht einmal in Lexika Befriedigendes zu finden ist. Wie gut, dass Ina Bruchlos auch keine Antworten weiß – und uns mitraten lässt.

Ina Bruchlos lebt direkt an der Straße und sie hört zu, wenn unweit im Straßencafé geredet. In ihren Texten flaniert zwischen den Worten, die sich hier und da zu eigenen Häusern auftürmen. Sie erzählt von der Straße. Ihre Straße ist die Sprache.

Bruchlos studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach sowie Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und ist seit Ende 1998 als freischaffende Künstlerin in den Bereichen Malerei und Literatur tätig.

2002 gewann sie den Förderpreis für Literatur der Kulturbehörde Hamburg. Seit 2014 ist Ina Bruchlos fester Bestandteil der regelmäßig in der Mathilde Bar Hamburg stattfindenden ´Hessenlesungen`, in denen drei Hessen bzw. Wahlhessen von ihrem Leben fern und von der Heimat berichten. Sie ist ebenfalls Mitveranstalterin der dort regelmäßig stattfindenden St. Pauli-Lesungen.

Tiefgang (TG): Ich habe gehört oder gelesen, man sage dir nach, du redest so komisch.

Das erinnert mich an ein komisches Buch und auch einen luschtigen französischen Film, in dem es um S / ESCH geht. Schprischt schisch nischt scho leicht ausch… Wasch, äh was hat dich seinerzeit nach Hamburg verschlagen?

Ina Bruchlos: Sehr schöner Film übrigens. Dem Nord-Franzosen scheint es ähnlich zu gehen, wie dem Süd-Hessen. Warum Hamburg? Ich mochte die Kunsthochschule. Dort schienen mir die Studenten irgendwie experimenteller als an anderen Hochschulen. Es wurde z.B. viel Musik gemacht. Und Hamburg spricht ja ehrlich gesagt für sich.

TG: Die Hamburger reden übrigens selber seltsam. Schnodderig sagte man früher. Ist das immer noch so bzw. hast du es so wahrgenommen, als du zugezogen bist?

Oder hat sich die norddeutsche Sprache voll krass geändert, Digga?

Ich frage solche Sachen, weil der Ton bekanntlich die Musik macht, und Sprache von daher sehr viel Klang in sich trägt. Welche bevorzugst du persönlich?

Ina Bruchlos: Ach, das kann ich gar nicht genau sagen. Das Norddeutsche ist mir natürlich fremder. Ich verstehe es noch nicht einmal, während das Hessische auf mich immer sehr plump-vertraulich wirkt. Kleines Beispiel: Was hier die „Federtasche“ ist heißt bei uns „Mäppchen“.

TG: Hat sich dein Verhältnis zur Sprache durch dein Germanistik-Studium verändert?

Ina Bruchlos:  Nein, eigentlich nicht. So oder so liest man ja einfach relativ viel. Ich glaube, das Lesen verändert die Sprache.

TG: Worin siehst du den größten Unterschied zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort?

Ina Bruchlos: Ganz klar in der Betonung. Ich glaube man kann jeden guten Text schlecht lesen und niemand käme auf die Idee, dass es sich um einen guten Text handelt. Das führt natürlich manchmal umgekehrt dazu, dass man sich nach einer Lesung ein Buch kauft und enttäuscht ist. Wobei ich finde, dass man das Lesen üben kann, beim Schreiben bin ich mir da nicht so sicher. So gesehen ist mir persönlich das geschriebene Wort wichtiger. Aber das ist wahrscheinlich Ansichtssache.

TG: Ich würde gerne noch auf die Kunst zu sprechen kommen. Ist es Zufall oder gibt es einen konkreten Zusammenhang bei deiner Neigung zu malen und zu schreiben?

Ina Bruchlos: Ich glaube schon, dass es eine Verbindung gibt. Meine Bilder und Zeichnungen sind oftmals auch sehr erzählerisch. Ich finde selbst den Titel nicht unwichtig.

TG: Siehst du Parallelen zwischen den bildnerischen und sprachlichen Ausdrucksformen?

Ina Bruchlos: Ja schon. Ich glaube, Menschen die gerne Geschichten erzählen würden z. B. keine abstrakten Bilder malen.

TG: Hast du Lieblingsthemen bzw. wo findest du deine Anregungen für deine Geschichten?

Ina Bruchlos: Im Alltag. Ich möchte ehrlich gesagt gar nichts Großes schreiben, ich möchte, dass das Nebensächliche interessant wird.

TG: Worum geht es in deinem Erzählband „Nennt mich nicht Polke?“

Ina Bruchlos: Um hoffentlich genau das.

TG: Wir bedanken unsch für dasch Interview!

 

(das Interview für ´Tiefgang` führte Sonja Alphonso)

 Termin: Ina Bruchlos am 12. März, Beginn: 19.30 Uhr, Haspa, Sand 1/Ecke Schloßmühlendamm

Link zur Autorin: www.ina-bruchlos.de/literatur (mit integrierten Leseproben)

Veröffentlichungen:

Nennt mich nicht Polke, Erzählband im Nachttischbuchverlag, Berlin 2005,

€ 14,40, ISBN 978-3937550053; nachttischbuch.de

Mittwochskartoffeln, Erzählband im Nachttischbuchverlag, Berlin 2006,

€ 14,80, ISBN 9783937550091, nachttischbuch.de

Der Kampf der Mähdrescher, Kurzgeschichtensammlung, Minimal Trash Art, Hamburg 2008, € 9,90, ISBN 978-3-9808788-7-6

Ina Bruchlos: Der Kampf der Mähdrescher

Alte Bekannte, Erzählband 2011, € 8,90, ISBN 978-3-9814175-0-0; minimaltrashart.de

∙  Da ist ein Riss in der Welt, Erzählband 2015, € 14,90, ISBN 97839814175-2-4; minimaltrashart.de

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Kunst, Liebe und Demut https://www.tiefgang.net/kunst-liebe-und-demut/ Fri, 14 Feb 2020 23:10:24 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6355 [...]]]> Dass Urheberrecht eine recht emotionale Sache ist, wird bei der fiktiven Geschichte von „Venus AD“ von Gabriele Borgmann klar. Nun liest sie daraus bei der 5. SuedLese. Grund genug, mal nachzuhaken …

In der Novelle „Venus AD“ von Gabriele Borgmann (siehe auch „Als Cranach bei Dürer klaute“) dreht sich alles um das wohl erste Plagiat in der Geschichte der Malerei. Lucas Cranach hat die Venus-Skizze aus der Dürer´schen Werkstatt gestohlen und beeindruckt mit der lasziven Schönen die Kenner der Kunst. Doch bemerkt der wahre Urheber, Albrecht Dürer, diesen Diebstahl und setzt alles daran, die atemberaubende Schöpfung wieder sein Eigen nennen zu können. Entschlossen springt er durch die Zeit, will sich zurückholen, was ihm gehört, und sein Monogramm auf die Venus ritzen. So landet er im Jahr 2019 vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, vor den Füßen der Doktorandin Nele Rosenbach. Was folgt, ist eine besondere und zeitlose Nacht voller Emotionen und neuer Erkenntnisse.

Tiefgang (TG): Bei der Wahl deines Motives spielt dein Hintergrund vermutlich eine große Rolle: Du hast Kunstgeschichte studiert. Kam dir die Grundidee schon während deines Studiums oder hat dich die Muse erst später geküsst?

Gabriele Borgmann: Meine erste Hausarbeit als Studentin der Kunstgeschichte drehte sich um Albrecht Dürer. Seine Neugierde auf das Leben, sein scheinbar unstillbarer Hunger nach Wissen faszinierten mich. Und ich war beeindruckt von seiner Fähigkeit, mit Farbe und Formen Geschichten zu erzählen. Wenn wir bedenken, dass um 1500 jenseits der Schlösser, Klöster und Humanisten-Häuser kaum jemand in der Lage war, uneingeschränkt zu lesen und zu schreiben, kaum jemand den literarischen Sinn von Worten erfassen konnte, dann hat Dürer mit seinen Bildern sowohl Kunst als auch Aufklärung geschaffen. Er war Maler und Autor seiner Werke. Er erzeugte Spannung und ein Gänsehautgefühl, er zauberte ein Schmunzeln und gleichsam eine Verneigung vor dem, was höher war als die Vorstellungskraft. So, dachte ich, sollte mein Protagonist sein, warum also nicht gleich den Künstler höchstpersönlich wählen?

TG: Die Geschichte selbst ist so geschrieben, dass sie sich auch ohne deine fachspezifischen Kenntnisse erschließt, oder?

Gabriele Borgmann: Da zitiere ich gerne die BILD-Zeitung. Sie schrieb: „Ein (Berliner) Kunstroman, der sich stellenweise spannend liest wie ein Krimi, aber auch nonchalant daherkommt – wie ein lauer Sommerwind. Das Ganze garniert mit einer Prise Erotik. Eine Lektüre, die unterhält und amüsiert!“ Und doch ging es mir auch darum, die Substanz einer Kunst zu spiegeln. Es bleibt in Erinnerung, wie Dürer mit feiner Feder die Natur abbildete, wie überhaupt die großen Maler die kostbarsten Farben mischten. Die Künstler des Mittelalters waren auch Alchemisten! Wer sich die Ingredienzen nicht leisten konnte, der nagte am Hungertuch. Denn die Farben, die Adel und Klerus liebten, die kosteten mehr als Gold. In aufwändiger Art wurde der Natur entlockt, was Bildern Leuchtkraft gab. Heute noch kostet ein Gramm Purpur rund 2.000 Euro. Wenn man mich also nach der Absicht hinter der Erzählung fragt, hat die Antwort mehrere Facetten: Liebesgeschichte, Kunstraub und Verneigung vor der Malerei.

TG: Es hört sich abenteuerlich an, kunsthistorische Figuren in einen Zeitreise-Kontext zu stellen und einen bedeutenden Künstler in der Moderne ankommen zu lassen. Geht das schon in Richtung Fantasy?

Gabriele Borgmann: Ein Zeitsprung ist ein Fantasy-Element, ja. Aber es geschieht in „Venus AD“ unspektakulär, wird alleine durch die Emotion getrieben. Für mich war die Vorstellung verführerisch, Dürer durch das moderne Berlin spazieren zu lassen, ihn mit den Eitelkeiten zu konfrontieren, die doch so alt sind wie die Zeit, aus der er kommt.

TG: Wähltest du Dürer bzw. die Venus, um eine Liebesgeschichte zu schreiben? Oder hast du eine skurrile Liebesgeschichte ersonnen, um Themen wie Kunst, Urheberrechte u.ä. zu behandeln?

Gabriele Borgmann:  Ich habe die Liebesgeschichte ersonnen, um dem vermutlich ältesten Plagiat der Kunstgeschichte eine Prosa zu geben.

TG: Was denkst du persönlich darüber, wie wichtig die Signatur eines Künstlers für sein Werk ist? Bei der Betrachtung und Bewertung scheint der Bekanntheitsgrad eine immense Bedeutung zu haben, auch für den Künstler/ die Künstlerin selbst.

Gabriele Borgmann: Albrecht Dürer durfte als erster deutscher Maler offiziell seinen Bildern ein Monogramm zufügen. Das hatte der Nürnberger Rat entschieden, um seine Werke vor Fälschern und Kopisten zu schützen. Schon damals erkannte man den Wert seiner Ideen, Skizzen, Werke.

TG: Was hältst du vom Konzept von Artotheken, d.h. wie vielversprechend findest du den Ansatz, auf diese Weise einen freieren Zugang zu Kunst und dem zugrunde liegenden kreativen Geist zu ermöglichen?

Gabriele Borgmann:  Das hat zwei Seiten, die harmonieren. Auf der einen Seite steht die Kunstförderung, die steigende Bekanntheit des Künstlers. Auf der anderen Seite beschäftigt sich derjenige, der ein Werk ausleiht, mit Intention und Motiv, vielleicht auch der Technik zum Bild. Kunst sollte nicht abhängig vom Geld sein, sondern Kreativität und Liebe zu den Werken sollten im Vordergrund stehen. Ja, bitte mehr davon!

TG: Wenn du vor der Rückreise nach Berlin noch Zeit findest, schau´ doch mal bei der Kunstleihe Harburg rein, der ersten Artothek in Hamburg. Schließlich gehört zu deinem Themenspektrum u. a. Kommunikation, Kunst und Kultur, Zeitgeist und Chancen im Leben.

Gabriele Borgmann: Ich freue mich auf Hamburg, auf die Lesung und nun auch auf die erste Artothek in der Stadt.

TG: Wir wünschen den Zuhörern spannende Unterhaltung! Vielen Dank für das Interview.

(das Interview für ´Tiefgang führte Sonja Alphonso)

Weitere Infos zur Autorin: www.gabrieleborgmann.com15

Termin: Am Do., 05. Mrz, Gabriele Borgmann – Venus AD, um 19 Uhr im „Komm du“, Buxtehuder Str. 13, 21073 Hamburg

 

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Interessenkonflikt https://www.tiefgang.net/6286-2/ Fri, 31 Jan 2020 23:51:21 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6286 [...]]]> Vergangene Woche lud die Verwaltung zum „Dialog zur Nutzung der Freilichtbühne“ im Harburger Stadtpark. Eine Nachbetrachtung von Sonja Alphonso.

Ich frage mich, ob und wie man einen Interessenausgleich hinbekommen könnte, Stichwort: Stadtkultur vs. Anwohner. Privatprotest spricht gegen öffentliche Veranstaltungen. Eine kleine Teilmenge fühlt sich nämlich extrem gestört, wenn an einigen Wochenenden im Jahr Veranstaltungen auf der Freilichtbühne stattfinden.

Der Bezirk hatte zum Dialog geladen. Zwei Meinungen standen im Raum: die einen begrüßen die Initiative, die Freilichtbühne wieder bzw. mehr zu bespielen, die anderen wollen ihre Ruhe haben. Beides verständlich.

Aber wessen Interessen zählen mehr? Wiegen vereinzelte Beschwerdebriefe mehr als das öffentliche Interesse? Stadtentwicklung braucht doch Kultur, sie dient dem Miteinander und der Stärkung eines WIR-Gefühls. Man sollte sie fördern, und nicht verhindern.

Mein Verständnis für den Protest hält sich in Grenzen, obwohl ich die Stille liebe und mich in meiner Freizeit ebenfalls gut und gerne zuhause erholen möchte. Doch ich lebe in der Stadt, unter anderem, weil ich die Infrastruktur zu schätzen weiß. Das bringt mit sich, dass ich Verkehr höre und Martinshörner, menschliche Stimmen, Hundebellen usw. Und sogar, wenn ich weiter draußen spazieren gehe, höre ich nur selten ausschließlich das Rauschen im Walde, sondern meistens auch irgendeine Autobahn. Hätte meine Klage über diese Art von Lärmbelästigung Aussicht auf Erfolg, damit all jene Straßen stillgelegt würden, die meine Nerven nerven? Wohl kaum.

Eine Handvoll Anlieger will jedoch von einer Ausweitung der Kultur in ihren Gefilden nichts wissen und auch nichts davon hören. Von Musik, die vehement als Lärm bezeichnet und als unzumutbar empfunden wird.

Zum Glück gab es bei der „Anhörung“ auch solche – und nicht wenige – Anwohner, die sich zu Wort meldeten, die ebenfalls von der Beschallung betroffen sind, und das trotzdem anders sehen, nämlich deutlich toleranter – trotz eigener Beeinträchtigung -und dankbar, dass es diesen Ort u. a. zu diesem Zweck gibt, weil er dazu einlädt, kulturelle Vielfalt im grünen Bereich zu feiern!

Es spricht vieles dafür, dass sich die Gegner mit dem mehrheitlichen Wunsch auseinandersetzen und über ihren Tellerrand hinausschauen sollten.

Es stünde Harburg gut zu Gesicht, wenn Harburger Harburgern Kultur bieten könnten, und andere Harburger dem nicht im Weg stünden. An diese richte ich meine werbenden Worte und rufe ihnen mit wohlwollend leiser Stimme zu: Auf gute, bessere Nachbarschaft! Kultur wird für und nicht gegen die Harburger gemacht.

Allen Mitwirkenden einen herzlichen Dank, dass sie dieses Revival möglich machen.

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