Institutionen https://www.tiefgang.net Fri, 07 Aug 2026 13:16:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1 Spuren der Geschichte https://www.tiefgang.net/spuren-der-geschichte/ https://www.tiefgang.net/spuren-der-geschichte/#respond Fri, 07 Aug 2026 13:13:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14352 [...]]]> Wenn Museen ihre eigenen Sammlungen durchleuchten, offenbaren sich oft nicht nur Schätze, sondern auch schmerzhafte Leerstellen. Das Museum am Rothenbaum (MARKK) widmet sich ab dem 28. August 2026 mit der Ausstellung „Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK“ einem ebenso sensiblen wie überfälligen Kapitel.

Bis zum 27. Juni 2027 richtet die Schau den Fokus auf jüdisches Kulturgut in den Beständen und folgt den oft verschlungenen und schmerzhaften Biografien dieser Objekte vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Im Zentrum der Ausstellung stehen zehn Objekte der ehemaligen Gesellschaft für jüdische Volkskunde, deren einstige Sammlung von über 400 Stücken ab 1913 das Fundament für eine jüdische Sammlung an der Rothenbaumchaussee bildete. Mit der nationalsozialistischen Verfolgung veränderte sich alles: 1935 unter Druck aus der Ausstellung entfernt, 1937 an die Gesellschaft zurückgegeben, deren Mitglieder im Anschluss ins Exil getrieben, deportiert oder ermordet wurden. Der Verbleib der meisten Stücke ist bis heute ungeklärt – umso bedeutender ist die Rückkehr jener zehn Objekte im Jahr 1991.

Die Schau macht deutlich, wie eng das Museum in der NS-Zeit verstrickt war. Bereits zwischen 1933 und 1945 nahm das Haus wissentlich konfiszierte Objekte auf, darunter Silberobjekte, die Jüdinnen und Juden ab 1938 zwangsweise abgeben mussten. Die seit 2021 am MARKK laufende Provenienzforschung arbeitet diese unrechtmäßigen Besitzwechsel akribisch auf.

Neben den dunklen Kapiteln der Entrechtung erzählen Stücke wie ein Tora-Wickelband von 1712 – gestiftet 1917 von dem Hofagenten Berend Lehmann aus Halberstadt – von familiären Geschichten, jüdischer Kultur und der Verbundenheit zu Hamburg und Niedersachsen. Unter der Leitung von Kuratorin Jana Caroline Reimer hinterfragt die Ausstellung kritisch die museale Klassifizierung dieser Stücke als „Judaica“ oder „ethnografische Objekte“.

Wer sich im kommenden Jahr in Hamburg auf diese historische Spurensuche begibt, findet ein bemerkenswertes, sich ergänzendes Netzwerk an Ausstellungen vor: Parallel zeigt das Bucerius Kunst Forum (11.9.2026 bis 29.3.2027) „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler*innen in Deutschland“, während das Altonaer Museum ab dem 12. November 2026 mit „Menschen & Orte. Hamburgs jüdische Geschichte“ das vielfältige jüdische Leben in den Blick nimmt.

Das MARKK lädt mit seiner Ausstellung dazu ein, die eigene Museumsgeschichte kritisch zu reflektieren und den Dingen ihre wahren Geschichten und Kontexte zurückzugeben. Begleitet wird die Schau von einem Katalog sowie einer gemeinsamen Online-Ausstellung mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden.

Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK

Museum am Rothenbaum (MARKK) | Rothenbaumchaussee 64 | 20144 Hamburg

reguläre Museumsöffnungszeiten: Di bis So 10–18 Uhr
Do bis 21 Uhr, reg. Eintritt: 10,- € |www.markk-hamburg.de


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Die literarische Herzkammer der Stadt https://www.tiefgang.net/die-literarische-herzkammer-der-stadt/ https://www.tiefgang.net/die-literarische-herzkammer-der-stadt/#respond Tue, 04 Aug 2026 09:16:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14346 [...]]]> Wenn die Kulturbehörde die Shortlist des Buchhandlungspreises verkündet, blickt man auch dorthin, wo das gedruckte Wort gegen die Vereinzelung kämpft. Ein Nachruf, eine Verbeugung und ein Blick aus dem Süden.

Es gibt Orte in einer Metropole, die sich dem hastenden Takt des Alltags entziehen. Sie duften noch nach Druckerschwärze, altem Papier und einer ganz besonderen Sorte Geduld. Wenn die Stadt Hamburg stets im Sommer die Shortlist für ihren Buchhandlungspreis bekannt gibt, ist das weit mehr als eine administrative Notiz aus dem Haus an den Hohe Bleichen. Es ist ein Befund über den Zustand unserer urbanen Kultur: Wer liest wo, wer hält die Stellung, während um die Ecken herum die Kettenläden und digitalen Algorithmen das Feld übernehmen?

Besonders für uns hier im Hamburger Süden schlägt dieses literarische Herz in einem ganz eigenen Takt. Es ist kein Zufall, dass die Wilhelmsburger Buchhandlung Lüdemann – im Vorjahr selbst preisgekrönt – diesmal als Teil der unabhängigen Jury mit am Tisch saß und mit wahrem Blick über die Elbe wog, welche Orte das geistige Gewebe dieser Stadt zusammenhalten. Und wenn man den Blick weiter nach Süden richtet, hin zum südwestlichen Neugraben, füllt sich diese Shortlist mit tiefem Leben: Der Buchladen von Bettina Meyer ist nominiert. Ein Ort, an dem Literatur nicht verkauft, sondern gelebt wird – getragen von einer Inhaberin, deren Schmerz über den erst kürzlich verstorbenen Ehemann noch schwer auf dem Laden lastet, und die dennoch den Mut hat, diesen Raum der Kultur offenzuhalten.

Sieben inhabergeführte Buchhandlungen stehen in diesem Jahr auf der engsten Auswahlliste, sie spannen den Bogen von der Neustadt bis in die Außenbezirke. Kultursenator Brosda betont wohl auch mit Seitenhieb auf den Bundeskulturbeauftragten Weimer: „Das Engagement für eine vielfältige Literaturlandschaft und einen freien und offenen Diskurs verdient besondere Anerkennung.“

Die nominierten Buchhandlungen:

Buchhandlung Blattgold (Neustadt)

Buchhandlung Lutz Heimhalt (Fuhlsbüttel)

Bücherfuchs (Wedel)

Bücherstube Stolterfoht (Eimsbüttel)

Der Buchladen Bettina Meyer (Neugraben)

Frau Büchert (Eimsbüttel)

Buchhandlung im Schanzenviertel (Schanzenviertel)

Und Literatur kennt neben der Feier des Augenblicks immer auch die Melancholie des Abschieds. Kaum war die Nominierungsliste fixiert, erreichte die Literaturszene zudem die Nachricht vom Tod Frank Bartlings, der die Bücherstube Stolterfoht in Eimsbüttel seit 1997 mit Leib und Seele prägte. Sein Name auf der Liste ist nun ebenso eine schmerzliche Zäsur und eine späte, tief empfundene Verbeugung vor einem Lebenswerk. Ein Buchhändler dieses Schlags ist ein Seelsorger des Geistes.

Wenn am 5. September beim Ausklang der Langen Nacht der Literatur im Literaturhaus die drei Siegerinnen und Sieger gekürt werden, wird dieser Schatten spürbar sein. Und dennoch liegt in der Shortlist ein tröstliches Versprechen. Ob in Neugraben, in Wilhelmsburg oder in den anderen nominierten Refugien: Hier wird der öffentliche Raum verteidigt als ein Ort der Begegnung, der Kontemplation und des freien Wortes. Hamburg zeigt sich einmal mehr als eine Stadt, die weiß, dass das Buch der wertvollste Kompass für unsere gemeinsame Zukunft ist.


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Geld für kleine Konzerte https://www.tiefgang.net/geld-fuer-kleine-konzerte/ https://www.tiefgang.net/geld-fuer-kleine-konzerte/#respond Thu, 30 Jul 2026 10:16:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14323 [...]]]> Wenn in den kleinsten Clubs der Stadt die Lichter ausgehen, wird die Musikstadt Hamburg plötzlich ganz leise. Gerade jene intimen Bühnen, die neuen Talenten eine erste Heimat geben, kämpfen aktuell ums Überleben. Gut, dass es support gibt.

Denn es gibt es einen dringend benötigten Rettungsanker: Die Clubstiftung Hamburg zieht eine positive Bilanz der zweiten Förderrunde ihres Programms „Minibooster“ und schüttete insgesamt 78.000 Euro an 26 Hamburger Kleinstclubs aus. Dank der großzügigen Unterstützung der Hamburger Stiftung elementarteilchen konnte die Fördersumme pro Spielstätte von zuvor 2.000 auf nun 3.000 Euro erhöht werden, um auf die anhaltend angespannte wirtschaftliche Situation adäquat zu reagieren.

In Zeiten massiv gestiegener Kosten für Veranstaltungstechnik, GEMA-Gebühren und die Künstlersozialkasse stehen viele Betreiber*innen mit dem Rücken zur Wand. Das trifft letztlich auch den Hamburger Süden mit seinen kleinen aber so wichtigen Kulturorten im Quartier, wie etwa das Turtur, die Deichdiele oder die Fischhalle Harburg. Hier entstehen jene unverwechselbaren Begegnungen zwischen Publikum und Nachwuchskünstler*innen, die für unsere lokale Identität unersetzlich sind.

Wie Vorstand Heiko Langanke betont, darf in wirtschaftlich extrem herausfordernden Zeiten nicht zugelassen werden, dass elementare Auftrittsmöglichkeiten für den musikalischen Nachwuchs wegbrechen. Der „Minibooster“ setzt hier genau am richtigen Punkt an, um den Live-Betrieb pragmatisch abzusichern. Wer diese unverzichtbare Arbeit unterstützen und das Überleben der kleinsten Bühnen sichern möchte, kann sich mit einer Spende unter dem Verwendungszweck „Minibooster“ direkt an der Aktion der Clubstiftung beteiligen.

Weitere Informationen unter Clubstiftung.de


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Die verlorene Lesewelt https://www.tiefgang.net/die-verlorene-lesewelt/ Sun, 12 Jul 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14165 [...]]]> Wer die sozialen Medien scrollt, stößt oft auf den Ratschlag, seine Zeit lieber effizient zu nutzen statt in einem dicken Buch zu versinken. Der Verzicht auf Literatur als moderner Lifestyle. Doch die neuesten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollte man schon noch gelesen haben …

Denn sie zeichnen ein düsteres Bild dieser digitalen Selbstoptimierung: In der Altersgruppe der Zehn- bis Fünfzehnjährigen ist die Zahl der Buchkäufer*innen binnen eines Jahres um alarmierende 30,6 Prozent eingebrochen. Was also als digitale Freiheit getarnt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eher besorgniserregender Rückzug aus der analogen Welt der Reflexion. Wir erleben derzeit, wie ein Stück unserer immateriellen Infrastruktur wegbricht – und damit eine der zentralen Säulen unserer demokratischen Urteilsfähigkeit.

Wenn wir von einer „Lesekrise“ sprechen, meinte man früher oft das Feuilleton-Geplänkel über die Sinnhaftigkeit postmoderner Literatur. Heute meinen wir vielmehr das nackte Überleben eines Kulturmediums in den Händen der nächsten Generation. Die Zahlen des Börsenvereins – ein Einbruch von 30,6 Prozent bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen – sind kein statistisches Rauschen mehr. Sie sind der Ausdruck einer Entfremdung, die sich bereits schleichend vollzogen hat.

Fragt man nach den Gründen, blickt man oft auf eine digitale Wand. Jugendliche verbringen heute Stunden in einer Welt, die keine Pausen für den langen Atem eines Buches lässt, sondern auf die sofortige Belohnung durch den Algorithmus setzt. Doch greift die Kritik an den sozialen Medien als alleinige Sündenböcke zu kurz. Uwe Ebbinghaus bringt in seinem Kommentar „Challenge Buchkauf“ (FAZ vom 10.07.2026) eine interessante Facette in die Debatte: Er konstatiert, dass wir den „analogen Muskel“ des Lesens im Alltag verkümmern lassen. Das Buch ist für den Heranwachsenden, der sich in der Unendlichkeit des Feeds verliert, zu einer „Challenge“ geworden – einem Hindernislauf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, schlägt einen schärferen Ton an und verweist auf die bildungspolitischen Trümmerhaufen. Wenn ein Viertel der Grundschulabgänger*innen nicht mehr sinnerfassend lesen kann, dann haben wir nicht nur ein Problem mit der Lesekompetenz, sondern ein massives Problem mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Hier bricht etwas weg, das Guggolz treffend als „immaterielle Infrastruktur“ bezeichnet – ein Begriff, der das Buch nicht als Ware, sondern als geistiges Leitungsnetz unserer Demokratie begreift.

Ist das Buch für die heutigen Zehn- bis Fünfzehnjährigen also nur noch ein „fremdes Objekt“ in einer Welt, die sich längst in Pixeln organisiert hat, oder unterschätzen wir die Sehnsucht nach echter, analoger Tiefe, die unter der Oberfläche der digitalen Betriebsamkeit vielleicht doch noch existiert?

Zwischen New-Adult-Hype und komplettem Rückzug

Es ist ein Paradoxon, das uns dieser Tage vor Augen geführt wird: Während der Buchmarkt insgesamt einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent hinnehmen muss, gleicht die Belletristik einer kleinen, trotzigen Insel der Seligen. Hier wachsen die Genres Young Adult und New Adult – wir sprechen von jenen pastellfarbenen, emotional aufgeladenen Welten, die auf Plattformen wie TikTok unter dem Hashtag #BookTok einen regelrechten Kultstatus genießen.

Doch darf man sich von diesem glitzernden Fassadenanstrich täuschen lassen? Tillmann Neuscheler zeigt in seiner Analyse („Der Buchmarkt verliert seine jüngsten Käufer“, FAZ vom 09.07.2026), dass der Erfolg dieser spezifischen Segmente zwar ein Leuchtfeuer ist, aber eben nicht den gesamten Markt wärmt. Wir sehen hier eine gefährliche Konzentration: Verlage setzen immer stärker auf die Backlist – also jene Bücher, die sich bereits bewährt haben –, weil das Risiko bei neuen Titeln angesichts der allgemeinen Verbraucherunsicherheit kaum noch kalkulierbar scheint. Die Zahl der Novitäten ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent eingebrochen.

Das ist ein Kulturverlust in Zeitlupe. Wenn wir uns nur noch an das halten, was wir kennen, stirbt das Wagnis der literarischen Neuentdeckung. Die Belletristik floriert zwar, doch das Sachbuch verliert fünf, Ratgeber sogar acht Prozent an Umsatz. Wir kaufen mehr vom Gleichen, statt uns im Fremden zu verlieren. Der Boom der New-Adult-Literatur könnte wie ein Beweis dafür herkommen, dass die Jugend das Lesen gar nicht aufgegeben hat – doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Es ist eine Nischenblüte, kein Markttrend. Wenn wir das Lesen nicht mehr als Werkzeug der Teilhabe begreifen, verliert unsere Demokratie ihren Nährboden.

Der Wert des Vorlesens

Wenn wir über den Schwund der Lesekompetenz klagen, blicken wir oft nur auf die Ziffern. Doch das eigentliche Drama spielt sich dort ab, wo keine Kamera dabei ist: im Kinderzimmer. Was geschieht, wenn die ersten Impulse fehlen? Ebbinghaus kritisiert zurecht in der FAZ die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das Programm „Lesestart 1-2-3“ auslaufen zu lassen. Dieses Programm sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt, und stärkte so die frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse. Der „Vorlesemonitor“ liefert dazu die bittere Bestätigung: Über 30 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren bekommen nie oder selten vorgelesen.

Man muss sich das einmal plastisch ausmalen: Das Vorlesen ist kein bloßes Ritual der Entspannung; es ist die erste Begegnung mit der menschlichen Fähigkeit, Welten zu erschaffen, ohne ein einziges Pixel zu bemühen. Es ist die Einübung in das geduldige Zuhören. Das Lesen ist nicht nur ein privates Vergnügen; es ist ein bürgerschaftliches Training. Wer sich als Kind in der Unendlichkeit eines Buches verlieren durfte, der weiß, dass es mehr als eine Wahrheit gibt – eine Erkenntnis, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung so wertvoll ist wie nie zuvor.

Literatur wird mobil

Während wir also um das gedruckte Wort bangen, vollzieht sich eine ästhetische Verschiebung, die wir als Feuilletonist*innen schon länger aufmerksam beobachten: Das Hörbuch hat sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem veritablen Wachstumsgaranten geworden. Mit einem Zuwachs von fast vier Prozent bei den Hörbuchkäufer*innen zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Erzählungen keineswegs erloschen ist – es hat nur das Medium gewechselt.

Doch ist das Hören nur ein Ersatz für das Lesen? Oder erleben wir hier eine neue Form der literarischen Aneignung? Die Stimme einer Sprecher*in verleiht einem Text eine körperliche Präsenz, die das reine Schriftbild manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Doch wir müssen kritisch fragen: Entzieht uns das bloße Konsumieren per Streaming die Konzentrationsfähigkeit, die das gedruckte Buch – die vertiefte Lektüre – fordert? Das Buch verlangt eine Entscheidung, einen Rückzug, eine Stille, die wir aktiv herstellen müssen. Die Branche setzt auf bewährte Klassiker, auf die sogenannte Backlist, während neue Stimmen es schwerer haben, den Weg in die Ohren des Publikums zu finden.

Debattenräume unter Druck

Wir haben den Blick auf die Umsätze und die jungen Käufer*innen gerichtet, doch wir müssen das Bild weiten. Buchhandlungen sind in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Echokammern und digitale Filterblasen zurückzieht, zu den letzten echten Debattenräumen geworden. Wenn aber die Konjunktur schwächelt und die Verbraucher*innen verunsichert sind, wie Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, zu bedenken gibt, dann trifft es ausgerechnet diese Orte vor Ort am härtesten.

Warum lassen wir zu, dass die Orte des freien Geistes unter dem ökonomischen Druck erodieren? Wenn Buchhändler*innen ihre Läden schließen müssen, verschwindet nicht nur ein Geschäft – es verschwindet eine Begegnungsstätte, die uns lehrt, mit Ambivalenzen und komplexen Narrativen zu leben. Wir sollten den „langsamen Genuss“ des gedruckten Wortes wieder in den Mittelpunkt stellen, nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Werkzeug für die Zukunft. Bücher sind unsere Schutzschilde gegen die Polarisierung.

Greifen Sie zum Buch, diskutieren Sie es, lassen Sie sich darauf ein! Es ist ein Akt, der sich beliebig oft wiederholen lässt und dessen Wirkung auf unsere gesellschaftliche Urteilsfähigkeit unbezahlbar ist.

Weitere Informationen des Deutschen Börsenvereins: www.boersenverein.de


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Heimat als modernes Erlebnis https://www.tiefgang.net/heimat-als-modernes-erlebnis/ https://www.tiefgang.net/heimat-als-modernes-erlebnis/#respond Tue, 07 Jul 2026 08:24:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14137 [...]]]> Wer das Buxtehude Museum am St.-Petri-Platz heute besucht, betritt einen Ort, der in den vergangenen fünf Jahren eine beeindruckende Wandlung vollzogen hat.

Seit der feierlichen Eröffnung am 12. Juli 2021 – inmitten der Corona-Pandemie – ist das Haus weit mehr als ein klassisches Heimatmuseum; es ist ein lebendiger Treffpunkt, der Buxtehuder Stadtgeschichte mit europäischer Archäologie und handwerklicher Tradition verknüpft. Pünktlich zum fünften Geburtstag lädt das Museum vom 14. bis 19. Juli 2026 bei freiem Eintritt dazu ein, diesen Wandel selbst zu erleben.

Die Geschichte des Hauses ist eine Erzählung über stetige Entwicklung: Ausgehend von der Stiftung des Seifenfabrikanten Julius Cäsar Kähler im Jahr 1913, durchlief das Museum eine jahrzehntelange Platznot, bis die Sanierung ab 2015 den Durchbruch brachte. Durch den Erwerb des Nachbargebäudes konnte der Eingang repräsentativ zum St.-Petri-Platz geöffnet werden, was den Grundstein für die heutige Strahlkraft legte. Eine begleitende Fotoshow zur Jubiläumswoche macht deutlich, dass während der sechsjährigen Umbauzeit kein Stein auf dem anderen blieb.

Dass das Museum heute so tief in die Kulturgeschichte eintaucht, zeigt sich an seinen wechselnden Schwerpunkten. Zwei Beispiele verdeutlichen die Bandbreite der vergangenen Jahre. In der Ausstellung Luxusgut Papier wurde die Geschichte der Papierherstellung und -nutzung beleuchtet, die als ein faszinierendes Beispiel für den kulturellen und wirtschaftlichen Wandel in der Region diente. Und mit den Funden des Gräberfeldes von Immenbeck positionierte sich das Haus mit Europäischer Archäologie als wissenschaftlich ernstzunehmender Akteur, der die lokale Geschichte in einen größeren, europäischen Kontext stellt und regelmäßig archäologische Wochenenden anbietet.

Neben diesen tieferen Einblicken etablierte das Museum aber auch erfolgreich Formate für jede Generation: Ob bei der Spurensuche nach Eulen im Stadtgebiet, beim kreativen Basteln mit „Drachen im Museum“ oder bei Vorträgen zum Thema Handel und Wandel – das Haus ist ein aktiver Teil des städtischen Lebens geworden.

Jubiläumsprogramm: Ein Dank an das Publikum

Der Höhepunkt der Jubiläumswoche findet am Sonntag, den 19. Juli 2026, von 11.30 bis 17 Uhr statt. Besucher*innen erwartet dann ein bunter Tag mit Kurzführungen, bei denen Mitarbeiter*innen ihre persönlichen Lieblingsobjekte vorstellen. Das Rahmenprogramm bietet darüber hinaus kreative Aktionen wie ein Riesen-Memory oder ein Glücksrad. Wer den perfekten Ausklang sucht, kann den Tag im Museumsshop oder bei einem Besuch im Café Baham abrunden.

Es lohnt sich also auch nach 5 Jahren, das Buxtehude Museum neu zu entdecken. Denn auch wenn der Hase und der Igel stets ein beliebtes Buxtehuder Thema bleiben – wie die aktuelle Schau „Läuft…! Hase und Igel im Wandel der Zeit“ beweist –, so beweist das Museum insgesamt, dass Buxtehude eine Stadt mit einer ebenso vielfältigen wie bewegten kulturellen Identität ist.

Buxtehude Museum für Regionalgeschichte und Kunst

St.-Petri-Platz 11 | 21614 Buxtehude | 0 4161 507 97-0 | www.buxtehudemuseum.de

Öffnungszeiten: DiSo 1118 Uhr

aktuelle Ausstellungen:

Läuft…! Hase und Igel im Wandel der Zeit, Verlängert bis 31. Januar 2027!

Kurt Schmischke – Der unbekannte Illustrator, den alle kennen, noch bis 12. Juli 2026


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Hanne Darbovens Erbe in neuem Gewand https://www.tiefgang.net/hanne-darbovens-erbe-in-neuem-gewand/ Wed, 24 Jun 2026 10:15:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14092 [...]]]> Ein Hauch von Exklusivität liegt über dem Burgberg in Harburg-Rönneburg. Dort, wo die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven bis zu ihrem Tod 2009 ihr monumentales Lebenswerk – ein Geflecht aus Zahlenreihen, Kalenderdaten und seriellen Strukturen – schuf, öffnet sich nun die historische Villa für eine neue Ära.

Ein neues internationales Residenzprogramm des Kunstvereins in Hamburg, unterstützt durch die Behörde für Kultur und Medien, JEF – Not a Foundation sowie weitere Partner, macht diesen Ort erstmals einer breiteren künstlerischen Auseinandersetzung zugänglich.

Die Resonanz in der „institutionellen Welt“ mag groß sein, doch in der breiten Öffentlichkeit bleibt das Vorhaben bislang erstaunlich unbemerkt. Die Kommunikation wirkt so diskret, dass sich die Frage stellt, ob hier ein exklusiver Zirkel den Dialog zwischen Erbe und Gegenwart pflegt, ohne den Bezirk oder Stadtteil, in dem das Werk gewachsen ist, einzubeziehen. Es ist das bekannte Paradoxon des Kunstbetriebs: Man schafft neue Räume für den Austausch, agiert dabei aber mit einer bemerkenswerten Zurückhaltung, die eher an ein geschlossenes System als an einen lebendigen Diskurs erinnert.

Hanne Darboven in Rönneburg. (Foto Michael Danner)

Dabei ist die Bedeutung Darbovens für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts kaum zu überschätzen. Ihre Praxis, die Literatur, Bildhauerei und Musik zu einem zeitlichen Raster verdichtete, ist in Harburg physisch präsent – etwa durch die Installation im Gebäudekomplex der Technischen Universität Hamburg (TUHH), die architektonische Strenge in Zeitlichkeit übersetzt. Dass die Stiftung nun die historische Villa am Burgberg öffnet, markiert eine Zäsur: Der einstige Ort stiller Archivierung wandelt sich zum lebendigen Atelier. Prof. Dr. Christoph H. Seibt, Vorstand der Hanne Darboven Stiftung, betont: „Mit dem neuen Residency-Programm öffnen wir die historische Villa für zeitgenössische Kunst und fördern den Dialog zwischen Hanne Darboven und jüngeren künstlerischen Positionen.“

Mit der US-Amerikanerin Nandi Loaf als erster Artist-in-Residence vollzieht die Stiftung einen inhaltlichen Kurswechsel. Während Darboven das System archivierte, hinterfragt Loaf in ihrer neuen Werkreihe „Zirkus“ die heutige Aufmerksamkeitsökonomie und die Grenzen zwischen Kunst und Konsumprodukt. Für Milan Ther, Direktor des Kunstvereins in Hamburg, ist dies ein notwendiger Schritt: „Wir schaffen einen neuen Ort für künstlerische Produktion und internationalen Austausch in Hamburg.“

Doch bleibt die Kritik an der mangelnden Sichtbarkeit bestehen. Wenn eine Initiative, die mit insgesamt 40.000 Euro an Anschubfinanzierung öffentlicher und privater Partner ausgestattet ist, den Anspruch erhebt, die Kunstszene Hamburgs nachhaltig zu bereichern, sollte die Partizipation der lokalen Bevölkerung kein „notwendiges Übel“ sein. Ein Sommerfest, angekündigt als „immersive Veranstaltung“ und „inszenierte Verführung“, droht bei dieser Art der Bekanntmachung zur bloßen Selbstvergewisserung eines Zirkels zu verkommen, statt den Burgberg als Ort des Austauschs für Harburg zu etablieren. Der Bezirk wäre gut beraten, das Zusammenspiel mit Playern wie der Sammlung Falckenberg oder dem Kunstverein Harburger Bahnhof strategisch zu nutzen, um sich als Kunstbezirk breiter aufzustellen.

Die Chance auf einen Dialog zwischen internationaler Szene und lokaler Realität besteht – man muss sie jedoch auch für die Öffentlichkeit sichtbar machen.

Die Eröffnung am Sa., 27. Jun., ab 16 Uhr im Hanne Darboven Haus, Am Burgberg 26, wird von einer Performance sowie einem Sommerfest begleitet, das bis in den späten Abend andauern soll. Ob diese Veranstaltung eine Brücke in die Nachbarschaft schlägt oder lediglich ein geschlossenes Ereignis für das Fachpublikum bleibt, wird sich zeigen. Denn eine Anmeldung zur Besichtigung war nur bis Ende Mai möglich.

Weitere Informationen: www.kunstverein.de oder www.hanne-darboven.org


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Wegbereiter der Moderne https://www.tiefgang.net/wegbereiter-der-moderne/ Sat, 20 Jun 2026 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14028 [...]]]> Die Geschichte der deutschen Moderne ist ein strahlendes Panorama, doch in ihrem Glanz verblasst oft ein entscheidender Teil ihrer Entstehungsgeschichte. Es war eine Generation von jüdischen Sammler*innen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit visionärem Weitblick, intellektueller Offenheit und beachtlichem Mäzenatentum den Boden für den Siegeszug der modernen Kunst in Deutschland bereitet hat.

Viel zu lange sind diese Persönlichkeiten – wie die Familie Hirschland in Essen, Paul und Clothilde Schüler in Bochum oder die Hamburgerin Rosa Schapire – aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dass ihre Namen heute bestenfalls in fachinternen Kreisen genannt werden, ist ein Verlust, den das Bucerius Kunst Forum nun mit einer außergewöhnlichen Anstrengung korrigieren möchte.

Die kommende Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland ist weit mehr als eine bloße Präsentation von Werken. Sie ist ein Akt der Erinnerung und eine notwendige Korrektur unseres kunsthistorischen Gedächtnisses. Indem die Kurator*innen Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff über 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 rekonstruierten Sammlungen weltweit zusammenführen, schaffen sie physische und gedankliche Räume, in denen das Werk der Moderne wieder auf seine ursprünglichen Eigentümer*innen trifft. „Die langjährige und aufwändige Recherche zur Ausstellung hat gezeigt, dass viele Jüdinnen und Juden, deren Sammlungspraxis integraler Bestandteil der deutschen Moderne war, höchstens in Fachkreisen noch namentlich bekannt sind“, so das Kurator*innen-Team.

Diese Sammler*innen agierten oft gegen den erbitterten Widerstand eines konservativ geprägten Kunstbetriebs des Kaiserreichs. Während die offizielle Kulturpolitik an akademischen Konventionen festhielt, begegneten sie Stilen wie dem Impressionismus, dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit mit einer Neugier, die Grenzen sprengte. Doch diese kulturelle Blütezeit endete mit dem Jahr 1933 in einer Katastrophe. „Spätestens in der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre Lebensgeschichten von Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geprägt“.

Die Ausstellung scheut nicht davor zurück, auch die dunklen Kapitel dieser Zerstreuung zu beleuchten. Sie thematisiert, wie Netzwerke aus Museen, Kunsthändlern und internationalen Käufern unter politischem Druck von der Zerschlagung dieser privaten Sammlungen profitierten. Im Programm hießt es daher: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler*innen, Museen, staatlichen Akteur*innen und internationalen Käufer*innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren“.

Mit dieser Schau kehrt also auch ein Stück deutsche Identitätsgeschichte zurück und an die Wände des Bucerius Kunst Forums. Es ist eine Einladung, den Blick zu schärfen: für die Schönheit von Werken wie denen von Cézanne, Kirchner oder Picasso und für die Menschen, deren Mut und Leidenschaft sie erst zugänglich machten. „Diese Sammler*innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“, heißt es.

Die Sammler*innen – Zwischen Weltläufigkeit und Verfolgung

Wer aber waren diese Menschen, deren Spürsinn die deutsche Kunstlandschaft so nachhaltig prägte? Die Ausstellung nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch das damalige Deutsche Reich, von den Sammlungen in Mannheim über Frankfurt bis nach Berlin und Hamburg. Es wird deutlich, dass das Sammeln für diese Persönlichkeiten keine bloße Akkumulation von Objekten war, sondern ein tiefgreifender Ausdruck ihrer geistigen Welt.

Die Sammler*innen zeichneten sich durch eine bemerkenswerte ästhetische Wahl aus. Während das offizielle Kunst-Establishment des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik oft starr an traditionellen Werten festhielt, bewiesen gerade diese Mäzen*innen eine Vorreiterrolle. Ihre Offenheit für die Moderne war Ausdruck eines modernen Selbstverständnisses. Im Programm liest man:  „Sie trugen durch ihre individuellen Tätigkeiten zur gesellschaftlichen Etablierung moderner Kunst bei: Neben der intellektuellen Aneignung, Auswahl und Präsentation der Werke spielte die öffentliche Unterstützung dieser Kunstformen in Museen, Kunstvereinen und Publikationen, die Kooperation mit Galerist*innen und die direkte Förderung von Künstler*innen eine große Rolle.“

Die Schau stellt dabei den Menschen in den Mittelpunkt, nicht nur das Werk. Durch Zeitdokumente und Fotografien werden die Biografien von Familien wie den Blanks aus Köln oder Max Meirowsky greifbar. Man begegnet Menschen, die sich nicht nur durch ihren Kunstbesitz, sondern durch aktives gesellschaftliches Engagement auszeichneten – sei es in öffentlichen Institutionen oder durch privates Mäzenatentum. Diese Räume machen deutlich, dass moderne Kunst in Deutschland ohne die intellektuelle und finanzielle Unterstützung dieser jüdischen Familien kaum den Stellenwert erreicht hätte, den sie heute genießt.

Die systematische Zerstörung dieser bedeutenden Sammlungen unter dem Nationalsozialismus markiert eine der dunkelsten Zäsuren der deutschen Kulturgeschichte. Der politische Druck manifestierte sich dabei in einem perfiden Geflecht aus Zwangssteuern, Vermögenssperren, Ausreiseverboten und Devisenauflagen, die jüdische Sammler*innen gezielt in den wirtschaftlichen Ruin trieben. Wie das Bucerius Kunst Forum dazu erläutert: „Als ein Aspekt dieser Unrechtsgeschichte wird daran erinnert, wie politischer Druck, Zwangssteuern, Ausreiseverbote, Vermögenssperren und Devisenauflagen jüdische Sammler:innen häufig zur Aufgabe ihrer Sammlungen zwangen.“

Das Ausmaß dieses Raubzugs war jedoch nicht allein das Werk nationalsozialistischer Ideologen, sondern ein gesellschaftliches Versagen, an dem sich Akteur*innen aus der Mitte der Gesellschaft beteiligten. Die Ausstellung macht deutlich, wie eng das Netz aus Museen, Kunsthändler*innen und internationalen Käufer*innen gestrickt war. Hierzu heißt es: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler:innen, Museen, staatlichen Akteur:innen und internationalen Käufer:innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren.“

Nach 1945 setzte sich der Prozess der Verschleierung oft fort. Die Kunstwerke wurden weltweit zerstreut und in Institutionen oder private Sammlungen integriert, wobei ihre belastete Herkunft entweder in Vergessenheit geriet oder aktiv verborgen wurde. Es gelang nur wenigen Familien, ihren Besitz über die Jahre der Verfolgung und des Exils hinweg zu retten. Die Ausstellung arbeitet diese Mechanismen der Enteignung akribisch auf, um das Schicksal der Sammler*innen aus der Anonymität der bloßen Objektgeschichte zurückzuholen. Im Programm heißt es: „Nach 1945 verstreuten sich die Kunstwerke über alle Kontinente und gelangten in private oder institutionelle Bestände, wobei die Vorgeschichte manchmal nicht mehr bekannt war, häufig aber auch bewusst verschleiert wurde.“

Die Schau verbindet damit kunsthistorische Analyse mit einer tiefgreifenden erinnerungskulturellen Reflexion, die den Verlust als eine fortdauernde Mahnung begreift.

Rekonstruktion als Akt der Wiederbegegnung

Die kuratorische Arbeit von Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff geht in der Ausstellung weit über die bloße Zusammenstellung von Kunstwerken hinaus. Indem sie die weltweit verstreuten Stücke – von Gemälden und Skulpturen bis hin zu privaten Künstler*innenpostkarten – wieder an einem Ort vereinen, schaffen sie eine emotionale und historische Rekonstruktion, die den Sammler*innen ihr Gesicht zurückgibt. „Jeder Sammlung ist ein eigener Raum gewidmet, in dem die Begegnung mit den Kunstwerken, deren Weg bis in die Gegenwart, mit den Sammler:innenpersönlichkeiten und ihrer Geschichte möglich ist“.

Dieser Ansatz verwandelt das Bucerius Kunst Forum in einen Ort des aktiven Erinnerns. Die Schau fungiert dabei nicht als statisches Museum, sondern als ein komplexer Resonanzraum, in dem kunsthistorische Forschung und kunstsoziologische Analyse miteinander verschmelzen: „In der Gesamtkonzeption verbindet die Schau kunsthistorische und kunstsoziologische Forschung und Analyse, kulturpolitische Kontextualisierung und erinnerungskulturelle Reflexion“.

Für die Besucher*innen eröffnet sich dadurch eine seltene Gelegenheit, die Genese der Moderne aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Die Räume werden zu einer Bühne für die Lebenswege der Sammler*innen, deren Engagement für die Kunst oft einherging mit einem tieferen Wunsch nach einer offenen, progressiven Gesellschaft. Die Ausstellung leistet somit Pionierarbeit, indem sie diese „Physischen und gedanklichen Räume“ nutzt, um aufzuzeigen, „aus welchen Motivationen, auf welche Weise und mit welcher Unterstützung die einzelnen Sammlungen entstanden sind – und aus welchen Gründen die Sammler:innen sich häufig auch progressiver Kunst zuwandten“.

Letztlich aber ist diese Ausstellung auch ein dringender Aufruf an die Gegenwart. Sie fordert dazu auf, Provenienz nicht als abstraktes Feld der Geschichtswissenschaft zu sehen, sondern als integralen Bestandteil einer lebendigen Erinnerungskultur, die den Wert und die Geschichte des Kulturguts stets mit der Geschichte der Menschen verknüpft, die es einst so leidenschaftlich förderten.

Die kommende Ausstellung im Bucerius Kunst Forum ist also weit mehr als eine Rückschau. Wer durch die Räume wandelt, wird konfrontiert mit der Ambivalenz von ästhetischem Hochgenuss und menschlicher Tragödie. Die Kunstwerke von Meistern wie Cézanne, Modersohn-Becker oder Kirchner gewinnen durch ihre Geschichte eine neue, dringliche Präsenz. Sie sind nicht länger nur Zeugnisse einer Epoche, sondern Mahnmale für einen gesellschaftlichen Aufbruch, der gewaltsam unterbrochen wurde.

Es erfordert Mut, den Blick nicht abzuwenden – weder von der Schönheit der Bilder noch von der Härte des Unrechts, das ihre einstigen Besitzer*innen erfahren haben. „Diese Sammler:innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“ (Bucerius Kunst Forum). Die Schau bietet uns einen Resonanzraum, in dem wir lernen können, dass Kultur niemals im luftleeren Raum existiert, sondern immer tief in den Biografien und politischen Kämpfen derer verwurzelt ist, die sie fördern und bewahren.

Wer diese Ausstellung besucht, begibt sich auf eine Reise, die unser Verständnis von der deutschen Moderne für immer verändern wird. Sie macht sichtbar, was zu lange unsichtbar blieb, und erinnert daran, dass das Erbe dieser jüdischen Kunstsammler*innen ein unverzichtbarer Teil unserer Identität ist. Es ist ein würdiger, notwendiger und zutiefst menschlicher Beitrag, den das Bucerius Kunst Forum hier leistet, um das Unrecht der Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern den Sammler*innen die Anerkennung zurückzugeben, die sie verdienen. Ebenso sollte erwähnt werden, dass parallel zur Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland das MARKK vom 28. August 2026 bis 27. Juni 2027 die Schau Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK zeigt. Anhand der als verschollen geltenden Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde erzählt die Ausstellung Objektgeschichten und Biografien vom frühen 20. Jahrhundert bis heute und hinterfragt dabei die Klassifizierung ‚jüdischer Objekte’ sowie die Rolle des Museums im Nationalsozialismus. Auch hier lohnt ein Besuch.

Überblick

Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland

11.09.2026 bis 29.03.2027

Ort: Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg| Website: buceriuskunstforum.de


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Vom Hof zum Palast? https://www.tiefgang.net/vom-hof-zum-palast/ Sat, 13 Jun 2026 22:52:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13995 [...]]]> Der Kulturpalast Harburg öffnet bald (wieder) und viele trauern um den alten Rieckhof. Doch wer die heutige Stiftung Kultur Palast verstehen will, darf nicht nur auf die lichtdurchfluteten Tanzstudios des Hamburger Ostens schauen.

Die Ursprünge des heutigen Kultur Palast Hamburg (KPH) im Stadtteil Hamburg-Billstedt liegen in einer Bürgerinitiative im Jahr 1980 und der anschließenden Besetzung einer ehemaligen Polizeiwache 93 im Jahr 1982. Dann mietete der Verein im Jahr 1986 einen kleinen, heizungslosen Laden im Schiffbeker Weg. Dort kam der Wille vieler Billstedter zum Ausdruck, selbst an der Gestaltung ihres Umfeldes mitzuwirken. Nachdem in Billstedt dann das Wasserwerk stillgelegt worden war, erstritt später die Initiative die Umnutzung auch dieses markanten Gebäudes. Es war eine klassische Aneignung von Raum von unten. Das „Alte Wasserwerk“ wurde so erst zum heute bekannten pulsierenden Zentrum für Stadtteilkultur, selbstverwaltete Jugendprojekte, Konzerte und Diskussionen im Hamburger Osten. Dörte Inselmann, die spätere Intendantin und das langjährige Gesicht des Hauses, stieß in dieser prägenden Phase zur Initiative und begleitete den Aufstieg des Zentrums von der improvisierten Fabriketage hin zur festen Institution. Sie erinnerte sich in Rückblicken oft an diesen Pioniergeist: „Wir wollten damals im alten Wasserwerk schlicht einen Ort schaffen, an dem gesellschaftliche Teilhabe im Alltag spürbar wird. Es ging uns um Kultur von allen für alle, ganz ohne administrative Hürden.“

Eine ähnliche Dynamik zeigte sich im Grunde zeitgleich am anderen Ende der Elbe, im Harburger Süden. Bevor das markante Allzweckgebäude des Rieckhofs 1984 offiziell eröffnet werden konnte, schlug das Herz der dortigen Szene in der Nöldekestraße. Dort richtete sich eine Initiative ab den späten 1970er-Jahren ein improvisiertes Freizeitzentrum ein. Auch die „Toten Hosen“ machten hier erste Schritte hin zu großen Bühnen. Auch in Harburg brannte das Licht damals aber eben nur, weil Menschen vor Ort Räume besetzten, sie in Eigenregie gestalteten und für ihre Gemeinschaft reklamierten.

Obwohl Billstedt und Harburg geografisch und atmosphärisch getrennte Welten waren, teilten diese beiden frühen Kulturzentren dieselbe unverkennbare DNA. Sowohl das Alte Wasserwerk im Osten als auch die Keimzelle in der Nöldekestraße im Süden entstanden aus dem echten, dringenden Bedürfnis nach Selbstverwaltung, politischer Einmischung und der soziokulturellen Ur-Idee. Es ging um die ungestörte Eigenzeit der Bürger*innen – ohne Blick auf Rentabilität oder behördliche Vorgaben.

Stadtteilkultur im Wandel

Von also fast baugleichen Graswurzel-Wurzeln bogen die beiden Häuser in den folgenden Jahrzehnten in völlig unterschiedliche Richtungen ab. Sie entwickelten zwei fundamentale, geradezu gegensätzliche Philosophien darüber, was Stadtteilkultur leisten kann, wie sie sich finanzieren muss und wer sie steuert.

In Billstedt vollzog das Projekt unter der Führung von Dörte Inselmann eine bewusste Metamorphose weg vom klassischen, chronisch unterfinanzierten Stadtteilverein. Der strategische Hebel hierzu war die Transformation in ein hochprofessionelles Stiftungsmodell. Eine Stiftung bot die rechtliche Struktur, um staatliche Institutionelle Förderung mit beträchtlichem privatem Kapital zu bündeln. Als entscheidender Katalysator erwies sich hierbei der Hamburger Medienunternehmer Frank Otto, der als langjähriger Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung nicht nur eigenes Geld einbrachte, sondern auch die Türen zu Hamburgs finanzstarken Philanthropen und Großstiftungen öffnete.

Mit dieser wirtschaftlichen Schlagkraft im Rücken etablierte der Kultur Palast eine ganze Reihe von eigenständigen, hochkarätigen Marken, die weit über Billstedt hinausstrahlten. Neben den bekannten Bildungsprojekten wie der frühkindlichen Musikförderung „Klangstrolche“ oder der bundesweit renommierten „HipHop Academy“ gelang dem Haus eine bemerkenswerte Gratwanderung zwischen Hochkultur, Massenattraktion und Subkultur in den Nischen. Und es ging nicht nur um Beschäftigung Jugendlicher, sondern um konkrete Förderung von Perspektiven.

So schuf die Stiftung im Keller des Hauses mit dem „Bambi Galore“ einen mittlerweile preisgekrönten Club, der sich über die Jahrzehnte zu einer der renommiertesten und treuesten Underground-Adressen für die norddeutsche Heavy-Metal- und Hardrock-Szene entwickelte. Gleichzeitig bewies das Haus mit Großprojekten wie „Billvue“ (dem bunten Billstedter Lichterfest und Kultur-Netzwerk), wie moderne Stadtteilkultur als identitätsstiftendes Stadtteilmarketing funktionieren kann, das Zehntausende Menschen auf die Straßen lockt. Der im Jahr 2017 für rund 10 Millionen Euro aus städtischen RISE-Mitteln errichtete Neubau am Öjendorfer Weg besiegelte diesen Weg: Er ersetzte die improvisierte Gemütlichkeit der Gründertage durch funktionale Profi-Studios, Konzertsäle und eine maßgeschneiderte Club-Infrastruktur.

Harburg hingegen wählte mit dem Umzug des Zentrums in die Rieckhofstraße im Jahr 1984 den exakten Gegenentwurf. Der Verein „Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V.“ unter Jörn Hansen blieb dem Modell des bedingungslosen Bürgerhauses treu. Der Rieckhof verstand sich primär als Dienstleister und Bereitsteller von Infrastruktur für die Menschen vor Ort. Er diktierte kein Programm von oben, sondern überließ den Raum dem Bezirk. Dazu gehörte ganz explizit auch die Vermietung des großen Saals für private Zwecke: Der Rieckhof war über Jahrzehnte das logistische Rückgrat für große Familienfeste, Vereinsjubiläen und insbesondere für die großen, oft interkulturellen Hochzeitsfeiern der Harburger Nachbarschaft, die sich teure kommerzielle Säle nicht leisten konnten. Diese Vermietungen waren für das Haus gelebte soziokulturelle Teilhabe – und gleichzeitig eine überlebenswichtige eigene Einnahmequelle abseits staatlicher Zuschüsse.

Zudem bewies das Team um Jörn Hansen entgegen späteren Vorwürfen ein hohes Maß an sozialer Innovationskraft, indem es seinerzeit eine wegweisende Kooperation mit den Elbe-Werkstätten vereinbarte. Menschen mit Behinderungen übernahmen im Rieckhof nicht nur maßgeblich den Betrieb der hauseigenen Gastronomie, sondern zeichneten auch für Catering und die gesamte Gebäudereinigung verantwortlich. Dieses Modell war seinerzeit neu und brachte echte, gelebte Inklusion mitten in den Harburger Alltag und verzahnte die Kulturarbeit organisch mit dem ersten Arbeitsmarkt. Hansen betonte den Wert dieser gewachsenen Struktur immer wieder vehement gegenüber Kritikern: „Der Rieckhof ist das unzensierte, niedrigschwellige Wohnzimmer Harburgs. Wer uns vorwirft, wir ersticken im Gestern, übersieht, dass Inklusion und interkulturelle Feste bei uns längst Alltag waren, bevor sie zu politischen Modeworten wurden.“

Doch genau dieses Beharren auf dem soziokulturellen Gesamtkonzept der 1980er-Jahre stieß in der modernen, von Effizienz und Kennzahlen geprägten Stadtverwaltung zunehmend auf harten Widerstand. Aus dem Harburger Bezirksamt und von Teilen der Politik (SPD und Grüne) wurde dem Rieckhof ein massiver Modernisierungsstau attestiert. Der Vorwurf wog schwer: Das Programm sei in den Strukturen vergangener Jahrzehnte erstarrt. Es erreiche die stark wachsende, postmigrantische Stadtteilgesellschaft zu wenig, schotte sich gegen zeitgemäße Kooperationen mit Schulen ab und überlasse wertvollen Kulturraum zu oft privaten Feiergesellschaften, statt selbst gestaltete, integrative Kultur anzubieten. Heinke Ehlers (Grüne) fasste die politische Ungeduld damals in die Worte: „Wir brauchen in einem diversen Bezirk wie Harburg eine zeitgemäße, interkulturelle Öffnung der Stadtteilkultur, die Kooperationen mit Schulen sucht und alle Menschen erreicht – starre Strukturen vergangener Jahrzehnte werden dem nicht mehr gerecht.“

Dass das Haus über die Elbe-Werkstätten bereits ein tief verwurzeltes, inklusives Beschäftigungsmodell lebte, geriet in der harten Argumentation der administrativen Planer*innen zunehmend in den Hintergrund. Das unperfekte Kiez-Wohnzimmer wurde aus ihrer Sicht als unzeitgemäßer Anachronismus wahrgenommen, den man von oben neu ordnen musste.

Soziales Dienstleistungszentrum oder Freiraum der Bürger*innen?

An diesem Wendepunkt berührt die Hamburger Entwicklung den eigentlichen, demokratietheoretischen Kern moderner Soziokultur. Es geht um die fundamentale Frage, wie Wandel in diesen sensiblen Räumen überhaupt vollzogen werden darf: Muss er organisch von innen herauswachsen, oder darf er von oben durch die Verwaltung diktiert werden?

In der Theorie lebt die Stadtteilkultur von ihrer Autonomie. Kultur lässt sich nicht im klassischen Sinne verordnen oder wie ein Franchise-Konzept auf dem Reißbrett entwerfen. Wenn eine Verwaltung – wie im Fall des Rieckhofs über das Interessenbekundungsverfahren im Jahr 2021 geschehen – den harten, administrativen Weg des Trägerwechsels wählt, geht das in der Soziokultur selten reibungslos aus. Es entsteht ein tiefes Misstrauen, weil die gewachsene Vertrauensbasis und die lokale Verankerung im Stadtteil per Dekret erschüttert werden.

Um diesen Hebel der Verwaltung zu verstehen, lohnt sich wiederum ein Blick in das formelle Regelwerk der Hansestadt: die sogenannte Globalrichtlinie Stadtteilkultur. Sie bildet das administrative Fundament, über das der Senat und die Bezirke die Verteilung der millionenschweren Rahmenzuweisungen für Stadtteilkulturzentren steuern. Eigentlich betont diese Richtlinie in ihrer Anlage explizit die Eigenverantwortung der freien Träger sowie die Berücksichtigung der spezifischen Bedarfe vor Ort. Doch sie enthält auch ein zweites Gesicht: Sie knüpft das öffentliche Geld an messbare Zielvorgaben wie die interkulturelle Öffnung, demografische Anpassung, Antidiskriminierung und Barrierefreiheit.

Genau hier bricht das moderne Dilemma auf. Das Harburger Bezirksamt nutzte die Kriterien dieser Globalrichtlinie im Grunde als ordnungspolitisches Steuerungsinstrument, um das Haus neu auszurichten. Aus Sicht der Verwaltung mag das legitim klingen: Wer Millionen an Steuergeldern für Sanierung und Betrieb bereitstellt, muss die Einhaltung moderner, gesellschaftlicher Standards einfordern dürfen. Doch für die Soziokultur birgt dieses Vorgehen eine immense Gefahr. Wenn Richtlinien und Kennzahlenabfragen zu eng gefasst werden, mutieren Kulturorte im schlimmsten Fall zu sozialen Dienstleistungszentren. Sie werden dann zu reinen Erfüllungsgehilfen staatlicher Sozialarbeit degradiert, die von oben definierte Aufgaben wie Sprachförderung oder Integration abzuarbeiten haben.

Der ursprüngliche Freiraum – die Idee, dass ein Raum unperfekt, unvorhersehbar und sperrig von den Bürger*innen selbst mit Leben gefüllt wird – geht dabei schleichend verloren. So Verwaltung und Politik den Wandel von oben zu erzwingen versuchen, anstatt einen kritisierten Träger bei der internen Modernisierung partnerschaftlich zu begleiten, verliert so ein Haus oft das Wichtigste, was es hat: seine Seele und die Akzeptanz der Menschen, für die es eigentlich gebaut wurde.

Das sieht man schon an der eigenen Darstellung beider Häuser: Die archivierte digitale Welt des alten Rieckhofs spiegelte bis zuletzt das klassische, gewachsene Bürgerhaus-Prinzip wider. Die Internetseite funktionierte im Grunde als ein offener, digitaler Marktplatz und als virtuelles schwarzes Brett für die Harburger Gemeinschaft. Wer die Seite aufrief, stieß nicht auf ein durchgestyltes Kulturprogramm, sondern primär auf logistische Angebote und Kooperationen: Es ging um die unkomplizierte Vermietung der Säle für private Anlässe und große Familienfeste oder um direkte Verlinkungen zu externen Selbsthilfegruppen, Mieterberatungen und Stadtteilinitiativen. Im Musikbereich lag der Fokus im Netz auf der Bereitstellung der Bühne für lokale Newcomer-Festivals und Nachwuchsbands, denen hier eine der wenigen großen Auftrittsmöglichkeiten im Bezirk geboten wurde. Der Trägerverein verstand sich somit im Netz nicht als dominierender, kreativer Absender, sondern ganz bewusst als neutraler Ermöglicher und Verwalter einer Infrastruktur, die von der Nachbarschaft eigenständig bespielt und genutzt werden sollte.

Ein Klick auf die aktuelle Webpräsenz der Stiftung Kultur Palast führt die User*innen in eine völlig andere Welt. Hier präsentiert sich kein lokales Bürgerhaus, sondern eine hochprofessionelle, zentral gesteuerte Markenplattform von gesamtstädtischer Strahlkraft. Der Fokus liegt hier dezidiert nicht auf der bloßen Verwaltung von freiem Raum für lokale Initiativen, sondern auf der wirksamen Inszenierung eigener, exzellent kuratierte Kultur- und Bildungsmarken. Großprojekte wie die „HipHop Academy“, die „Klangstrolche“ oder das urbane Musiknetzwerk „Billstedt United“ prägen das visuelle Geschehen.

Auch die organisatorische Struktur bildet sich im Netz unterschiedlich ab: Statt flacher Vereinsstrukturen findet man ein professionelles Management, klare administrative Ansprechpartner*innen für die unterschiedlichen Sparten, ein institutionalisiertes Fundraising sowie einen prominent besetzten Stiftungsrat – in dem neben Frank Otto auch Elbphilharmonie-Generalintendant Christoph Lieben-Seutter aktiv ist –, der strategische Allianzen in die Hamburger Wirtschaft und Hochkultur abbildet. Der Stadtteil und seine Bewohner*innen tauchen auf dieser Plattform primär in der Rolle der Zielgruppe auf – eher als partizipierende Konsument*innen und Nutznießer*innen eines perfekt durchdachten und qualitativ hochwertigen Angebots, seltener als autonome Gestalter*innen des Programms. Der Systemwechsel ist also im Grunde auf den ersten Blick greifbar.

Hinter den glänzenden Fassaden der neuen Kulturgebäude und den philosophischen Debatten über die wahre Natur der Soziokultur liegt aber noch ein ganz anderes, oft verdrängtes Terrain: die unbarmherzige Ökonomie des Kulturbetriebs. Beide Modelle – sowohl das gewachsene Bürgerhaus als auch der moderne Kultur-Konzern – kämpfen mit über die Jahre im Wandel befindlichen finanziellen Realitäten, die im schlimmsten Fall existenzbedrohend sind.

Wie hart dieser wirtschaftliche Wendepunkt sein kann, zeigte sich am Ende des alten Harburger Trägervereins. Nach dem abrupten Entzug der staatlichen Gelder per Juni 2022 und dem erteilten Betretungsverbot geriet das Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V. in eine klassische finanzielle Sackgasse. Im Dezember 2022 musste der traditionsreiche Alt-Verein Insolvenz anmelden. Der Genickbruch waren dabei nicht nur die fehlenden Einnahmen aus dem laufenden Betrieb, sondern historische Altlasten: Durch die jahrzehntelange Beschäftigung von Personal nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes drückten immense Pensionsverpflichtungen (VBL) für ehemalige Mitarbeitende das Budget. Ohne die verlässlichen, staatlichen Zuwendungen konnten diese langfristigen Verpflichtungen nicht mehr bedient werden – ein strukturelles Verhängnis, das viele alte Vereine der ersten Soziokultur-Generation im Zuge eines harten Trägerwechsels ereilt.

Doch glaubt man, dass das hochprofessionalisierte Stiftungsmodell der Stiftung Kultur Palast automatisch finanzielle Sorgenfreiheit bedeutet, erweist sich bei einem Blick hinter die Kulissen ebenso als Illusion. Die Expansion nach Harburg vergrößert den administrativen und operativen Apparat massiv. Stiftungen im Kulturbereich agieren per se gemeinnützig und dürfen keine nennenswerten freien Rücklagen bilden. Sie leben in einer permanenten, volatilen Balance aus kurzfristig bewilligten Projektgeldern, privaten Spenden und staatlichen Zuschüssen.

Wie hoch der wirtschaftliche Druck im System des Billstedter Riesen tatsächlich ist, verrät ein Blick in die offiziellen Transparenzberichte der Stiftung, abrufbar auf der Webseite. Um einer drohenden Schieflage entgegenzusteuern, musste die Stiftung Kultur Palast ihre Belegschaft zuletzt spürbar reduzieren – von 89 Mitarbeitenden im Jahr 2023 auf 75 im Jahr 2024. Die Führung spricht selbst offen von einer notwendigen „Konsolidierung aufgrund einer angespannten Lage in allen Bereichen“.

Zwar besteht aktuell keine Insolvenz, schon da die Stadt Hamburg die Stiftung im Zuge der millionenschweren Harburg-Sanierung institutionell und über Sonderbeschlüsse stützt, doch die Bilanzanalyse zeigt: Die Stiftung reitet immer wieder wirtschaftlich auf einer Rasierklinge. Jede Verzögerung bei städtischen Zuschüssen oder ein Einbruch bei den privaten Sponsoren bringt das fragile System ins Wanken. Die Expansion nach Harburg hat die finanzielle Schlagkraft der Stiftung erhöht, aber die wirtschaftlichen Risiken für das Gesamtsystem gleichzeitig auch massiv potenziert.

Der Neustart

Die symbolische Schlüsselübergabe im Mai 2026 beendet nun erstmal eine quälend lange Phase der Starre für den Kulturstandort in Harburg. Jahrelang war das Gebäude an der Rieckhofstraße eine leblose Baustelle, komplett von der Bildfläche verschwunden und für die Menschen im Bezirk schlicht nicht nutzbar. Die langwierige Sanierung, verzögert durch die Insolvenz des alten Trägervereins und die bürokratischen Mühlen einer millionenschweren RISE-Großbaustelle, hinterließ ein tiefes kulturelles Vakuum im Harburger Zentrum. Nach Jahren des Stillstands und der verrammelten Türen stellt sich nun die existenzielle Frage, wie dieses runderneuerte, rund 9 Millionen Euro teure Haus wieder mit Leben gefüllt wird oder werden kann. Jüngere Menschen kennen das Gebäude schlicht nur als verschlossene Baustelle.

Das erste angekündigte Programm der Stiftung Kultur Palast fungiert nun also als die eigentliche Reifeprüfung für das neue Konzept und zeigt bereits eine ganz klare Handschrift: Der Fokus liegt massiv auf einer jüngeren Generation, auf Familien und auf urbaner Eventkultur.

Kinder- und Jugendtheater als Fundament: Das Haus meldet sich im Sommer mit guten Angeboten für junges Publikum zurück. Unter dem Dach des 1. Harburger Theatertreffens gastieren ab Ende Juni zahlreiche preisgekrönte Produktionen. Darunter finden sich Stücke wie Prinz Eile, die bilinguale, deutsch-kurdische Inszenierung Nachteulen, das musikalische Objekttheater Wasser – ein philosophisches Geplätscher sowie die Tanzperformance Um die Ecke.

Musik für Familien und die Kleinsten: Auch die aus Billstedt bekannte Strategie wird sofort ausgerollt. Im September bespielt die bekannte Kinderrockband Radau! den großen Familientag zur Eröffnung, gefolgt von der Dino-Metal-Band Heavysaurus Ende September. Zudem feiert die Kinderphilharmonie im November ihre Harburg-Premiere mit interaktiven Klassik-, Jazz- und Weltmusikkonzerten für Kinder bis 7 Jahren.

Die urbane Jugendkultur: Im Juni gastierte gerade das DNA Festival im Haus, ein großes Breaking- und HipHop-Battle für Kids und Jugendliche bis 16 Jahre, das direkt an das professionelle Netzwerk der HipHop Academy andockt. Passend dazu gibt es in den Sommerferien ein einwöchiges Youngsters HipHop Camp für lokale Nachwuchstalente.

Die musikalische Brücke zum alten Rieckhof: Auch für das erwachsene Publikum kehrt die Livemusik zurück. Im September steht mit Boerney & die Tri Tops eine absolute Institution der Hamburger Cover- und Rock-Show-Partyszene auf der Bühne – ein Format, das laut und feierfreudig an die Tradition des alten Bürgerhauses erinnert.

Was bei dieser ersten Event-Welle allerdings auffällt: Ein klassisches, wöchentliches Kursprogramm für Erwachsene – wie Töpfern, Sprachen oder Handwerk – oder ein dezidiertes, fortlaufendes Kabarett- und Kleinkunstprogramm sucht man noch vergeblich.

Hier bricht genau das Spannungsfeld auf, das die Debatte bestimmt. Auf der einen Seite bringen Formate wie die HipHop Academy oder die Kinderphilharmonie unbestreitbar eine neue, exzellente pädagogische Qualität und eine starke Nachwuchsförderung in den Bezirk. Das sind Leuchttürme mit überregionaler Strahlkraft, die Jugendliche ansprechen, die vom alten Rieckhof-Programm zuletzt kaum noch erreicht wurden.

Auf der anderen Seite steht die alles entscheidende Frage der lokalen Aneignung. Ein Kulturhaus wird vermutlich nach jahrelanger Schließung nicht allein durch durchgetaktete Markenprogramme von oben wiederbelebt werden können. Die Nagelprobe für die Stiftung wird sein, wie viel bedingungsloser Freiraum den Harburgerinnen abseits dieser kuratierten Groß-Events überlassen wird. Finden die unkommerziellen Kiez-Initiativen, die lokalen Selbsthilfegruppen und die im Bezirk verwurzelten Bands den Weg zurück in das sanierte Gebäude? Akzeptiert die Nachbarschaft das neue Haus wieder als ihren Ort, oder bleibt das Gefühl zurück, nur noch Konsument*innen in einem sterilen Kultur-Dienstleistungszentrum zu sein? Die früh gestartete und aktive Vernetzung des Kulturpalast-Team mit dem örtlichen Netzwerk SuedKultur spricht zunächst mal für eine tiefergehende Arbeit an den Wurzeln des Bezirks.  Nach Jahren der Dunkelheit brennt nun an der Rieckhofstraße immerhin erstmal wieder Licht – doch die emotionale Rückeroberung des Hauses durch die Menschen vor Ort hat aber gerade erst begonnen.

Der tiefgreifende Strukturwandel am Rieckhof zeigt aber eben auch exemplarisch, dass das reine, improvisierte Kiez-Wohnzimmer alter Prägung es in der heutigen, von Effizienz und Kennzahlen geprägten Verwaltungs- und Förderwelt extrem schwer hat. Die Anforderungen an Barrierefreiheit, interkulturelle Öffnung und professionelles Management sind real und berechtigt. Doch ein rein funktionales, von oben verordnetes Dienstleistungszentrum läuft Gefahr, seine wichtigste Ressource zu verlieren: die organische Akzeptanz und die Seele des Stadtteils.

Die echte Reifeprüfung für die Stiftung Kultur Palast in Harburg beginnt genau jetzt, nach der langen Phase der Stille. Das runderneuerte Haus wird sich in den kommenden Jahren daran messen lassen müssen, ob es gelingt, die unbestreitbare Professionalität, das finanzielle Geschick und die hohe pädagogische Qualität aus Billstedt mit der nahbaren, eigenwilligen und unperfekten Seele der alten Harburger Tradition zu versöhnen. Nur wenn aus der sterilen neuen Infrastruktur wieder ein echter Freiraum für die Menschen vor Ort wird, kann dieses Experiment gelingen. Dafür aber muss man sie auch einfach mal machen lassen.

Das kommende Programm hier: www.kulturpalast-harburg.com


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Kulturgut oder Kreissäge? https://www.tiefgang.net/kulturgut-oder-kreissaege/ Mon, 08 Jun 2026 22:45:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13984 [...]]]> Wer an einem milden Wochenende durch das Hamburger Schanzenviertel oder über die Reeperbahn spaziert, der hört sie: die dumpfen, rhythmischen Bässe, die aus den Kellern und Hinterhöfen dringen.

Vor den Türen stehen junge Menschen in Zweierreihen, rauchen, lachen, warten auf den Einlass. Für die einen ist das der Herzschlag einer lebendigen Metropole, die Wiege von Newcomer*innen und der Ausdruck urbanen Lebensgefühls. Für die Stadt ist es ein unschätzbarer Kultur- und Wirtschaftsfaktor.

Doch der Schnitt folgt oft so prompt wie ernüchternd. Nur wenige Meter weiter ragt die Fassade eines frisch sanierten Wohnhauses in den Nachthimmel – gebaut, um den dringend benötigten Wohnraum in der verdichteten Innenstadt zu schaffen. Hinter den modernen Fenstern wohnen Menschen, die am Montag fit im Büro sein wollen oder müssen und ein berechtigtes Interesse an ungestörtem Schlaf haben. Es dauert meist nicht lange, bis die erste Beschwerde beim Bezirksamt eingeht oder der Brief einer Anwaltskanzlei wegen Ruhestörung im Kasten des Clubbetreibenden liegt.

Genau hier bricht ein klassischer, fast unlösbar scheinender Konflikt auf: das Phänomen der herannahenden Wohnbebauung. Wenn die Wohnungen immer dichter an die über Jahrzehnte gewachsenen Kulturorte herangerückt werden, geraten die Clubs rechtlich fast immer ins Hintertreffen. Es ist das Aufeinandertreffen zweier Welten, das uns mitten in die Frage führt: Ab wann wird die Kunst des einen zur unzumutbaren Belästigung des anderen?

Die juristische Nüchternheit

Wenn es dann hart auf hart kommt und der Streit vor den Behörden oder Gerichten landet, offenbart das deutsche Recht eine erstaunliche Nüchternheit. In der juristischen Praxis wird die Poesie eines Live-Konzerts nämlich schlicht in Dezibel gemessen. Das entscheidende Werkzeug der Ämter ist hierbei die Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm, kurz TA Lärm.

Und genau hier liegt für die Clubszene die Wurzel des Problems. Die TA Lärm unterscheidet in ihrer Systematik im Grunde nicht, aus welcher Quelle ein Geräusch stammt. Für die Messgeräte der Immissionsschutzbehörden macht es keinen Unterschied, ob der dumpfe Bass einer Bassdrum das Mauerwerk zum Schwingen bringt, oder ob nebenan eine industrielle Kreissäge kreischt, ein Presslufthammer den Asphalt aufreißt oder der Lieferverkehr eines Logistikzentrums vorbeirollt. Musik wird rechtlich wie Gewerbelärm behandelt.

Diese Gleichsetzung hat fatale Folgen für Kulturorte. Denn während eine Fabrik ihre Betriebszeiten in die Früh- oder Mittagsschicht verlegen oder die Maschinen nachts herunterfahren kann, beginnt das wirtschaftliche und kulturelle Leben eines Musikclubs naturgemäß erst in den späten Abendstunden. Sobald die Uhr auf 22 Uhr springt, gelten im Wohnumfeld drastisch abgesenkte Richtwerte für die Nachtzeit.

Erschwert wird die Lage durch eine Koppelung an veraltete Baustandards. Das Baurecht verweist bei der Definition schutzbedürftiger Räume meist routinemäßig auf die DIN 4109. Das führt in der Praxis zu dem absurden Ergebnis, dass Räume, die tagsüber als Büro oder Wohnzimmer genutzt werden, schallschutztechnisch nachts genauso streng geschützt werden müssen wie das eigentliche Schlaf- oder Kinderzimmer. Weil die Messungen zudem meist an der Außenwand des betroffenen Wohnhauses stattfinden, nützt es dem Club oft überhaupt nichts, wenn das Nachbarhaus über modernste, dicke Schallschutzfenster verfügt. Sobald der Wert an der Fassade überschritten wird, drohen Bußgelder, Sperrzeiten oder im schlimmsten Fall die Schließung. Kultur steht hier rechtlich auf einer Stufe mit störender Industrie.

Wem gehört die Nacht?

Um aus dieser rechtlichen Sackgasse herauszukommen, hat die Diskussion nun eine neue Ebene erreicht. Der Hebel, den Verbände und Jurist*innen ansetzen wollen, findet sich im Bundes-Immissionsschutzgesetz, konkret in § 23 Abs. 1. Diese Vorschrift ermächtigt die Bundesregierung, per Rechtsverordnung konkrete Schutzpflichten für Anlagen festzulegen, die keiner großen, formellen Genehmigung bedürfen – und darunter fallen eben auch Musikclubs.

Der nun vorliegende Entwurf 3.0 – entstanden durch verschiedene Stellungnahmen einer Allianz aus Deutscher Musikrat, Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) und LiveKomm – benannte relevante Handlungsbedarfe, die vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) im Gesetzesentwurf in Teilen aufgegriffen wurden. Diese „Kulturschall-Verordnung“ zielt nun auf einen echten Paradigmenwechsel ab. Weg vom starren Gewerbelärm-Diktat, hin zu einer differenzierten Betrachtung. (Genau genommen sind es zwei verschiedene wenn auch parallele Baustellen: Die Verbände fordern Änderungen im Baurecht, damit Clubs überhaupt in den Gebieten zulässig sind. Die Kulturschall-Verordnung hingegen ist eine eigenständige Initiative auf Basis des Immissionsschutzrechts (§ 23 Abs. 1 BImSchG), um die TA Lärm zu ersetzen. Praktisch hieße das, dass  das Ministerium für Bauwesen (BMWSB) das Baurecht ändert; für die Immissionsschutz-Verordnung hingegen wäre das Umweltministerium zuständig.)

Die zentralen Säulen dieser geplanten Reform:

  • der Begriff „Kulturschall“: Geräusche von Live-Bühnen, Clubs, aber ausdrücklich auch die Stimmen der wartenden Gäste vor der Tür sowie der Auf- und Abbau von Equipment sollen rechtlich als eigene Kategorie geschützt werden. Sie werden damit als Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt anerkannt und nicht mehr mit dem Lärm einer Kreissäge gleichgesetzt.
  • Fokus auf den Innenschutz: Das ist der wohl pragmatischste juristische Kniff des Entwurfs. Überschreitungen der Richtwerte an der Außenfassade sollen künftig schlicht unbeachtlich sein, solange der Schallschutz im Inneren der betroffenen Wohnungen ausreicht. Wenn durch moderne Schallschutzfenster oder gedämmte Außenwände in den Schlafräumen nachts der Grenzwert von 25 dB(A) eingehalten wird, darf draußen die Musik weiterspielen.
  • Schutz seltener Veranstaltungen: Der Entwurf sieht zudem eine Flexibilisierung für besondere Events vor. An bis zu 18 Tagen oder Nächten im Jahr soll von den strengen Richtwerten abgewichen werden dürfen, um der Kultur den nötigen temporären Freiraum zu geben.

Mit diesem rechtlichen Werkzeugkasten soll der Verordnungsentwurf die starren Fronten aufbrechen. Doch wie bei jeder Medaille gibt es auch hier zwei Seiten, die sorgfältig abgewogen werden müssen.

Hier zeigt sich die klassische Gratwanderung des Rechtsstaats. Denn wo die einen die Rettung der Kultur feiern, sehen die anderen eine potenzielle Aufweichung ihrer mühsam erkämpften Rechte. Bei genauer Betrachtung stehen sich hier zwei Positionen gegenüber, die für sich genommen beide ein hohes Maß an Legitimität beanspruchen können.

Auf der einen Seite argumentieren die Clubbetreiber*innen und Musikverbände: Musikclubs sind keine bloßen Vergnügungsstätten oder reine Wirtschaftsbetriebe, sie sind soziale Infrastruktur und anerkannte Kulturorte. Sie bieten dem künstlerischen Nachwuchs eine unentbehrliche Bühne und prägen das Gesicht und die Attraktivität moderner Städte. Ohne einen wirksamen rechtlichen Schutz vor Verdrängung durch heranrückende Wohnbebauung droht ein irreparabler Kahlschlag in der Kulturlandschaft. Wenn Kultur immer hinter den Interessen von Investor*innen und dem Wohnungsbau zurücktreten muss, veröden unsere Innenstädte.

Auf der anderen Seite steht das ebenso gewichtige Schutzbedürfnis der Anwohnenden. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die eigene Gesundheit ist ein hohes Gut, das auch im Grundgesetz verankert ist. Dauerhafter Schlafmangel, ausgelöst durch nächtliche Bassfrequenzen oder johlende Partygäste vor dem Fenster, kann nachweislich krank machen. Daher verlangt der Entwurf der Kulturschall-Verordnung zu Recht, dass bei der Beurteilung nicht auf eine überempfindliche Einzelperson, sondern auf den Maßstab eines verständigen, durchschnittlich empfindlichen Menschen abgestellt werden muss. Auch die Frage des Innenschutzes birgt Konfliktpotenzial: Wer trägt am Ende die Kosten für die teuren Schallschutzfenster, und wer kontrolliert im Alltag, ob die Fenster in warmen Sommernächten auch wirklich geschlossen bleiben?

Kann Musik einen?

Der Gesetzgeber steht also vor der Herkulesaufgabe, diese beiden Pole miteinander zu versöhnen. Weder darf der Schutz der Gesundheit zu einer lautlosen, klinisch reinen Stadt führen, in der Kultur keinen Platz mehr hat, noch darf die Kulturfreiheit das Recht der Bürger*innen auf ein gesundes Wohnumfeld völlig aushebeln.

Damit sind das Parlament und das Bauministerium nun am Zug. Der im Koalitionsvertrag formulierte Wille, „Kulturschutzgebiete“ zu schaffen und Clubs endlich den Opern- und Theaterhäusern baurechtlich gleichzustellen, liegt schwarz auf weiß vor. Doch die zähe Praxis der Bauleitplanung hinkt meist den politischen Versprechen hinterher. Der Deutsche Musikrat moniert nun zu Recht, dass im aktuellen Referentenentwurf zur Modernisierung des Städtebaurechts dieser Wille kaum spürbar ist – Clubs drohen baurechtlich wieder zu Kulturorten zweiter Klasse degradiert zu werden.

Die Lösung dieses urbanen Dauerkonflikts kann daher nicht auf den Schultern von DIN-Arbeitsausschüssen abgeladen werden. Es ist eine ureigene Aufgabe des Gesetzgebers, hier klare, zeitgemäße Spielregeln zu definieren. Ein vielversprechender Weg wäre das vorgeschlagene Bundes-Kulturkataster, das Kulturräume in Bebauungsplänen von vornherein sichtbar macht, bevor der erste Bagger für ein neues Wohnhaus anrollt. Hamburg hat da seine Erfahrungen in der HafenCity sowohl mit dem einstigen Moloch (Oberhafenquartier) als auch mit der MS Stubnitz (noch am Kirchenpauerkai) machen können. Gepaart mit einem staatlich geförderten Schallschutzprogramm könnten nun aber Nutzungskonflikte nachhaltig entschärft werden, anstatt sie in jahrelangen, teuren Gerichtsprozessen auszufechten.

Kultur braucht lebendige Freiräume, unsere Städte brauchen bezahlbaren Wohnraum. Die geplante Kulturschall-Verordnung ist der mutige Versuch, diesen juristischen Spagat zu wagen. Es wird sich in den kommenden Monaten auf ein Neues zeigen, ob der Rechtsstaat flexibel genug ist, das Wummern der Bässe in unseren Vierteln nicht länger als störenden Lärm, sondern als schützenswertes Lebensgefühl und echte Lebensqualität zu begreifen.

Und Sie? Glauben Sie, bei geschlossenem Fenster moderat mehr „Kulturschall“ vor der Haustür dulden zu können, oder befürchten Sie, dass damit der Schutz der Nachtruhe in den Städten schleichend aufgeweicht wird?

Der Autor dieses Beitrags, Heiko Langanke, ist auch im Vorstand der Hamburger Clubstiftung.


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Sechs Saiten für Hamburg https://www.tiefgang.net/sechs-saiten-fuer-hamburg/ Sun, 07 Jun 2026 22:00:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13978 [...]]]> Hamburgs Kulturlandschaft ist um eine Facette reicher, und sie klingt herrlich unverbraucht. Wenn im Juni 2026 die ersten Akkorde durch die Säle hallen, feiert der jüngste Spross der Hamburger Musikförderung seine lang ersehnte Premiere: Das Landesjugendgitarrenensemble Hamburg (HH LJGitE).

Und es bittet zugleich zu seinen Debütkonzerten. Als neuestes Auswahlensemble unter dem Dach des Landesmusikrats Hamburg schließt dieser Klangkörper eine spürbare Lücke in der musikalischen Nachwuchsarbeit der Hansestadt.

Hinter den 15 jungen Gitarrentalenten im Alter zwischen 14 und 20 Jahren liegt eine intensive Zeit des Zusammenwachsens. In zwei großen Arbeitsphasen im Frühjahr haben die Jugendlichen aus allen Teilen der Stadt nicht nur ihre Instrumente gestimmt, sondern vor allem gelernt, als eine atmende, dynamische Einheit zu agieren. Es ist spürbar: Hier geht es um weit mehr als um das fehlerfreie Abspulen von Noten. Es ist die pure Lust am gemeinsamen Gestalten, die diesen neuen Klangkörper antreibt.

Dass diese jugendliche Energie in die richtigen Bahnen gelenkt wird, ist das Verdienst einer Ausnahmekünstlerin am Dirigentenpult. Mit Julia Villarroel hat das Ensemble eine musikalische Leiterin gewonnen, die Internationalität und pädagogisches Feingefühl perfekt verkörpert. Die aus Ecuador stammende Gitarristin ist längst keine Unbekannte mehr: Sie ist Preisträgerin zahlreicher internationaler Wettbewerbe und verfeinert ihr eigenes Können derzeit im prestigeträchtigen Konzertexamen an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Villarroel versteht sich nicht als strenge Taktgeberin, sondern als Impulsgeberin, die die individuellen Stärken der Jugendlichen zusammenschweißt. Ihre Herkunft und ihre tiefe Verwurzelung in der lateinamerikanischen Gitarrentradition bringt eine spürbare Wärme und Rhythmik in die Probenarbeit. Unter ihrer Hand reift das Ensemble zu einem Kollektiv heran, das technische Präzision mit emotionaler Tiefe verbindet – ein Glücksfall für die Hamburger Gitarrenszene.

Das Debütprogramm, mit dem das Ensemble im Juni 2026 an die Öffentlichkeit tritt, trägt den bezeichnenden Titel „Con Spirito“ – mit Geist, mit Seele, mit Lebensfreude. Und genau dieser Geist spiegelt sich in der anspruchsvollen Dramaturgie wider, die Julia Villarroel für ihre 15 Schützlinge zusammengestellt hat. Die Zuhörer*innen erwartet eine musikalische Entdeckungsreise, die geografische und epochengeschichtliche Grenzen spielend überwindet.

Der Bogen spannt sich von der romantischen, nordisch-melancholischen Klangpoesie Edvard Griegs bis hin zur meditativen, fast zeitlosen Schlichtheit der Musik von Arvo Pärt. Doch das unbestrittene emotionale und künstlerische Zentrum des Programms ist ein echtes Wagnis für ein so junges Ensemble: die absolute Uraufführung der „Suite de las animas“ des ecuadorianischen Komponisten Juan Carlos Urrutia. Hier verschmelzen zeitgenössische Tonsprache und die rhythmische Urkraft Lateinamerikas zu einem packenden Klangerlebnis. Dass ein Jugendensemble eine solche Uraufführung stemmt, beweist den enormen Mut und das hohe Niveau, auf dem hier von Beginn an gearbeitet wird.

Kulturförderung als Gemeinschaftsraum

Hinter den Kulissen dieses musikalischen Erfolgs steht eine strukturierte und weitsichtige Kulturpolitik. Ermöglicht wurde die Gründung des Ensembles durch die maßgebliche Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg (BKM). Hier wurde erkannt, dass Begabtenförderung dann am besten funktioniert, wenn sie jungen Menschen nicht nur Einzelunterricht, sondern einen kollektiven Raum des Austausches bietet.

Das HH LJGitE ist weit mehr als eine Kaderschmiede für den professionellen Nachwuchs. Es schließt ein wichtiges Bindeglied in der Hamburger Musiklandschaft, indem es zeigt, dass die klassische Gitarre ein extrem wandelbares Ensemble-Instrument ist. Für die Jugendlichen bedeutet das Mitwirken in diesem Auswahlensemble eine prägende Erfahrung von Gemeinschaft und geteilter Verantwortung. In einer von Algorithmen und Vereinzelung geprägten Zeit ist dieses gemeinsame Arbeiten an einem analogen Klangkörper ein unschätzbares gesellschaftliches und pädagogisches Gut.

Die monatelange Probenarbeit biegt auf die Zielgerade ein, und für das Publikum in Hamburg und Umgebung bietet sich Mitte Juni gleich dreimal die Gelegenheit, die Geburtsstunde dieses neuen Klangkörpers live miterleben zu können. Das Ensemble zieht für seine Debütkonzerte ganz bewusst an verschiedene Orte, um die pulsierenden Saiten in ganz unterschiedlichen Akustiken erstrahlen zu lassen.

Die Konzerttermine im Überblick:

  • Freitag, 12.06. (19.30 Uhr): Das erste offizielle Konzert findet in der Jungen Musikakademie Hamburg statt (Bramfelder Chaussee 265).
  • Samstag, 13.06. (17 Uhr): Für das zweite Konzert verlässt das Ensemble die Stadtgrenzen und gastiert im idyllischen Kulturhof Itzehoe (Dorfstraße 4, 25524 Itzehoe).
  • Sonntag, 14.06. (16 Uhr): Das große Finale der Debütkonzertreihe steigt schließlich in der St. Johanniskirche Eppendorf (Ludolfstraße 38), wo der Nachhall des Kirchenschiffs dem Programm „Con Spirito“ eine ganz besondere Tiefe verleihen dürfte.

Der Eintritt zu allen drei Konzerten ist frei – der Landesmusikrat freut sich jedoch über Spenden, die direkt der zukünftigen Arbeit des Ensembles zugutekommen. Man sollte sich diese Termine rot im Kalender anstreichen, um Zeuge*in zu werden, wie 15 junge Talente Hamburgs Gitarrenlandschaft nachhaltig beleben.

weitere Informationen unter www.lmr-hh.de/landesjugendgitarrenensemble/


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