Institutionen https://www.tiefgang.net Fri, 11 Sep 2026 09:32:22 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 DDR-Stahl entert Oper https://www.tiefgang.net/ddr-stahl-entert-oper/ https://www.tiefgang.net/ddr-stahl-entert-oper/#respond Sun, 13 Sep 2026 22:18:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14525 [...]]]> Ein verrosteter DDR-Fischfrachter macht demnächst genau dort fest, wo Hamburg für hunderte Millionen seine neue Staatsoper baut. Wie viel wilde Subkultur verträgt die durchgestylte HafenCity?

Hamburg schmückt sich gerne mit schwimmendem Stahl – solange er glänzt, Geschichte atmet und brav am Pier liegt. Die städtischen Millionen fließen verlässlich in polierte Postkartenmotive: Die elegante Cap San Diego von 1961 erinnert an das Wirtschaftswunder an der Überseebrücke, die Rickmer Rickmers von 1896 liefert den Landungsbrücken ihr historisches Panorama, und für die Rückholaktion und Restaurierung des Legendären Vier-Mast-Seglers Peking (Baujahr 1911) ließ der Staat rund 30 Millionen Euro springen. Sie sind ruhmreiche Wahrzeichen, museale Denkmäler und visuelle Visitenkarten für den Tourismus.

Und dann ist da die MS Stubnitz. 80 Meter dunkler, unpolierter Stahl. Gebaut 1964 in Stralsund als Kühl- und Gefrierschiff (SAS 501) der DDR-Fischfangflotte. Ein Koloss, der nicht nach Elbchaussee riecht, sondern nach Diesel, Maschinenschmiere, Schweiß und Bass. Die Stubnitz ist kein Museum, in dem alte Zeiten konserviert werden, sondern ein hochaktiver, roher Nährboden für Gegenkultur, Avantgarde und Experimentelles. Und im Gegensatz zu ihren adligen Geschwistern im Hafen muss sie seit Jahrzehnten um ihre schiere Existenz und einen festen Liegeplatz kämpfen.

Seit dem Verfall der DDR-Fischerei 1992 von einer engagierten Künstler*innen-Initiative vor dem Abwracken gerettet, zog die Stubnitz als Kulturschiff-Nomadin durch Europa – von Rostock über Rotterdam, Newcastle und London bis nach Hamburg. 2013 machte sie an den Elbbrücken fest. Doch in der hochglanzpolierten HafenCity rückte die Bebauung immer näher. Es folgte das vertraute Hamburger Spiel: Subkultur als Pioniernutzung feiern, aber Verträge auslaufen lassen, wenn die ersten Eigentumswohnungen stehen.

Industrie-Charme im Bauch der MS Stubnitz. (Quelle MS Stubnitz)

Jetzt steht die nächste Reise an: Unter dem Titel „EXIT Elbbrücken“ packt das Schiff im Herbst seine Kisten. Die Stadt schiebt den Koloss weiter – ausgerechnet an das Baakenhöft (das ehemalige Cruise Center). Und hier erreicht die stadtentwicklungspolitische Posse einen weiteren Höhepunkt: Das Baakenhöft ist exakt jenes Areal, auf dem ab etwa 2028 der imposante Neubau der neuen Hamburger Staatsoper entstehen soll. Ab Oktober macht das rohe Subkultur-Schiff also den Platzhalter für den gläsernen Tempel der Hochkultur.

Zwischen Ruderschaden und Instagram

Dass die Stubnitz kein gewöhnlicher Musikclub ist, zeigt ein Blick in die aktuellen Stellenausschreibungen und den Zustand der Crew. Während andere Clubs nach Tresenkräften oder DJs suchen, braucht die Stubnitz Verstärkung im Maschinenraum: Gesucht werden derzeit etwa Mechaniker*innen, die die historischen Schiffsdiesel und die Hydraulik in Schuss halten. Der Schiffs-TÜV steht an, ein Ruderschaden fordert ungeplante Werftaufenthalte in Kiel. Hier entscheidet nicht nur das Booking über die Partynacht, sondern das Kurbelgehäuse. Selbst die BFD-Stelle für Social Media und Öffentlichkeitsarbeit verlangt mehr als nur schöne Fotos: Verlangt werden UNIX-Kenntnisse, Markdown und HTML-Verständnis – eine reizvolle Mischung aus technischem Know-how und Do-It-Yourself-Ethos.

Im Bauch des Schiffs läuft derweil das gewohnt kompromisslose Programm weiter: Von experimentellen Improvisations-Sessions über Noise-Fraktionen bis hin zu Filmpremieren (Vom Traum, unsinkbar zu sein).

Die Ankunft der MS Stubnitz am Baakenhöft bis voraussichtlich zum ersten Quartal 2028 ist eine der typischen Ironien der Hamburger Kulturpolitik. Ein verrosteter DDR-Gefrierfrachter hält die Stellung für die Hochkultur. Doch was passiert, wenn die Bagger für die Oper anrollen? Die Stubnitz erinnert Hamburg daran, dass eine Kulturstadt nicht nur geschmückte Museumsschiffe und schicke Opernsäle braucht, sondern auch Räume, die stören, anecken und nach Diesel riechen.

Programm-Highlights auf der MS Stubnitz

  • Kino & Talk: Vom Traum, unsinkbar zu sein (Doku-Filmabend & Gespräch über DDR-Fischereischiffe) | Genre: Dokumentarfilm & Zeitgeschichte |Do., 17. Sept. | Uhrzeit: 19.30 Uhr
  • Konzert: Horse Lords (Minimalistischer Avantgarde-Rock / Math-Rock mit mikrotonaler Stimmlage) | Genre: Experimental Rock |Fr., 25. Sept. | Uhrzeit: 20.00 Uhr
  • Clubnacht: Subkultur-Revival: Industrial & Heavy Electro (Nachtveranstaltung in den tiefen Laderäumen) | Genre: Electro / Industrial / Dark Wave | Sa., 3. Okt. | Uhrzeit: 23.00 Uhr
  • Performance & Jazz: Pavel Milyakov & Guests (Improvisierte Klangräume zwischen Ambient und Free Jazz) | Genre: Avantgarde / Jazz-Performance | Fr., 16. Okt. | Uhrzeit: 20.30 Uhr

Aktueller Liegeplatz (bis Ende September 2026): Kirchenpauerkai 26, 20457 Hamburg (Östliche HafenCity / Elbbrücken)

Neuer Liegeplatz (ab 5. Oktober 2026): Baakenhöft / Versmannstraße, 20457 Hamburg (Künftiges Baufeld der neuen Hamburgischen Staatsoper)

Webseite & Tickets: stubnitz.com


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Coltrane und Chorallen https://www.tiefgang.net/coltrane-und-chorallen/ https://www.tiefgang.net/coltrane-und-chorallen/#respond Fri, 11 Sep 2026 22:09:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14507 [...]]]> Ein zaghafter Takt auf der Tischkante, das spontane Mitsingen im Radio, die Aufregung beim ersten Live-Konzert: Der Spaß an der Musik ist tief in uns allen verwurzelt. Und der Hamburger Landesmusikrat kümmert sich um ihn …

Forscher*innen wiesen sogar nach, dass harmonische Schallwellen das Zellwachstum von Pflanzen wie Korallen stimulieren können. Wenn schon Grünpflanzen auf Wohlklang reagieren, wie tief muss die Musik dann erst im menschlichen Wesen verankert sein? Sie ist kein flüchtiger Luxus, sondern ein grundlegendes Lebensbedürfnis – biologisch, emotional und gesellschaftlich.

Wer in Hamburg verstehen will, wie aus diesem ureigenen Impuls eine nachhaltige Kulturpraxis wird, trifft schnell auf den Landesmusikrat Hamburg e.V. (LMR HH). Als Dachverband vertritt der LMR HH die Interessen professioneller Musiker*innen ebenso wie die der weitverzweigten Amateurmusikszene. Er agiert als kulturpolitisches Sprachrohr, fördert den Nachwuchs in Spitzenensembles und stößt bundesweite Initiativen wie das jährliche „Instrument des Jahres“ an. Wie lebendig dieser Auftrag gestaltet wird, beweisen zwei aktuelle Projekte, die in den kommenden Wochen und Monaten das musikalische Leben der Hansestadt maßgeblich prägen.

John Coltrane trifft Nachwuchspower

Was hat die Urgewalt eines John-Coltrane-Saxosolo eigentlich mit der Lebensrealität heutiger Jugendlicher zu tun? Sehr viel – vorausgesetzt, man betrachtet Jazz nicht als Museumsstück, sondern als lebendigen Resonanzraum. Am 23. September 2026 wäre der Gigant der Jazzgeschichte 100 Jahre alt geworden. Das Landesjugendjazzorchester Hamburg (LJJO HH) in der Trägerschaft des LMR HH nimmt dieses Jahrhundertjubiläum zum Anlass, der Legende ein ganz besonderes musikalisches Denkmal zu setzen.

Unter dem Titel „New York – Rio – Hamburg: John Coltrane meets Emiliano Sampaio“ bringt das Ensemble die zeitlose Strahlkraft Coltranes in die Gegenwart. Als Gast und Dirigent konnte der brasilianische Komponist und Multiinstrumentalist Emiliano Sampaio gewonnen werden. Im Gepäck hat er ein ganz besonderes Präsent: die Uraufführung einer Hommage an Coltrane, die Sampaio extra für diesen Abend komponiert hat.

„Mit im Gepäck als ganz besonderes Geschenk haben wir die Uraufführung einer Hommage an Coltrane – Good vibes only!“, verspricht das Ensemble voller Vorfreude auf ein Konzert voller Energie. Das Jubiläumskonzert steigt punktgenau am Geburtstag des Meisters, am Mittwoch, den 23. September 2026 um 19:30 Uhr in der JazzHall an der HfMT Hamburg. Tickets sind für 19,00 Euro (ermäßigt 12,00 Euro) direkt über die JazzHall erhältlich.

Gleichzeitig markiert das Projekt eine Phase des Umbruchs: Das LJJO HH bietet jungen Nachwuchstalenten bis 25 Jahren laufend die Möglichkeit, sich für vakante Positionen an Posaune oder Trompete zu bewerben, während für 2027 die künstlerische Leitung neu ausgeschrieben wird.

CHORALLE 2026 – Festival der Stimme

Noch imposanter wird es im Spätherbst, wenn am 07. und 08. November 2026 rund 2.000 Sänger*innen in der Hansestadt zusammenkommen. Unter dem Namen CHORALLE 2026 – passend zur eingangs erwähnten musikalischen Wirkung auf ähnlich klingenden Riffpflanzen – richten der LMR HH und der Landesmusikrat Schleswig-Holstein das gemeinsame Festival der Stimme aus, das zugleich als Landeschorwettbewerb beider Bundesländer fungiert.


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Der Schulchor der Fridtjof Nansen Schule Hamburg (Foto: Sabine Vinar)

Rund um den Hamburger Mittelweg verwandelt sich das Viertel in ein riesiges Vokal-Mekka. Von klassischen Knaben- und Frauenchören über Kammerensembles bis hin zu modernen Pop- und Jazz-Vokalformationen treten rund 100 Amateurchöre an, um sich fachliches Feedback einzuholen und sich für den Deutschen Chorwettbewerb 2027 in Leipzig zu qualifizieren.

„Die CHORALLE ist der zentrale Ort für die Chorszene Norddeutschlands. Im Mittelpunkt stehen die Präsentation der musikalischen Arbeit, der fachliche Austausch sowie die Begegnung und Vernetzung innerhalb der regionalen Chorszene“, betont das Organisationsteam des LMR HH.

Das Besondere für Musikbegeisterte: Sämtliche Wertungssingen und Festkonzerte sind öffentlich zugänglich und kostenfrei. Ein detaillierter Zeitplan mit allen Auftrittszeiten wird im Herbst online unter www.choralle.org veröffentlicht. Das abschließende Preisträgerkonzert steigt am 25. April 2027 in der Pauluskirche in Kiel.

Ob die Verneigung vor John Coltrane im modernen Bigband-Gewand oder das kraftvolle Zusammentreffen Tausender Stimmen beim Chorfestival – beide Initiativen verdeutlichen die Kernphilosophie des LMR HH: Musik ist ein aktiver Prozess, der Raum, Verankerung und verlässliche Strukturen braucht. Der LMR HH sorgt mit seinen Projekten dafür, dass der Impuls zum gemeinsamen Musizieren in der Stadt keineswegs leiser wird.

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Neugrabens Buchladen ist spitze! https://www.tiefgang.net/neugrabens-buchladen-ist-spitze/ https://www.tiefgang.net/neugrabens-buchladen-ist-spitze/#respond Tue, 08 Sep 2026 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14488 [...]]]> Ein durchdachtes Sortiment, treue Kundschaft, ausgesuchte Veranstaltungen und eine inspirierende Website voller Büchertipps: diese Kriterien des Neugrabener Buchladens waren preiswürdig!

An einem Spätsommerabend galt alle Aufmerksamkeit den literarischen Stätten der Hansestadt. Hamburg blickte dorthin, wo Kultur nicht nur verwaltet, sondern mit Leib und Seele gelebt wird. Als Höhepunkt der 13. Langen Nacht der Literatur im Literaturhaus Hamburg wurden am vergangenen Samstagabend wieder drei besonders engagierte, inhabergeführte Buchhandlungen mit dem Hamburger Buchhandlungspreis geehrt. Die Auszeichnung, die von der Behörde für Kultur und Medien seit 2014 alle zwei Jahre vergeben wird, ist mit einem Preisgeld von je 5.000 Euro dotiert.

Staatsrätin für Kultur und Medien Jana Schiedek hob bei der Preisübergabe die unverzichtbare Rolle des unabhängigen Buchhandels hervor: „Der unabhängige Buchhandel öffnet uns mit Kreativität und Leidenschaft die Welt der Literatur. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler unserer Stadt laden uns ein, in ferne Welten abzutauchen und helfen uns, unsere eigene Welt besser zu verstehen.“ Oft zeigten sie dabei auch Haltung und eckten an – genau das mache sie für eine freie und offene Gesellschaft so wichtig.

Aus sieben Nominierungen wählte die hochkarätig besetzte Jury – bestehend aus Dr. Thomas Andre, Dr. Antje Flemming, Volker Petri, Frauke Untiedt und Bede Lüdemann – in diesem Jahr drei Preisträger aus, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch denselben Geist atmen:

  • Der Buchladen Bettina Meyer (Neugraben): Mitten in der Neugrabener Einkaufsmeile führt Bettina Meyer mit ihrem Team seit vielen Jahren einen Ort, der aus dem Stadtteil nicht mehr wegzudenken ist. Ein durchdachtes Sortiment, treue Kundschaft, ausgesuchte Veranstaltungen und eine inspirierende Website voller Büchertipps zeichnen das Geschäft aus.
  • Frau Büchert (Eimsbüttel): Jana Büchert hat die einstige Kinder- und Jugendbuchhandlung (PÄKI) seit ihrer Übernahme 2018 zu einem breit aufgestellten Anlaufpunkt im Grindelviertel weiterentwickelt und im vergangenen Jahr sogar um wertvollen Raum für ein feines Non-Book-Sortiment ergänzt.
  • Schanzenbuchhandlung (Schanzenviertel): Das traditionsreiche Kollektiv prägt das Schanzenviertel seit den frühen 1990er-Jahren an zwei Standorten mit den Schwerpunkten Literatur und Politik im Schulterblatt sowie Kinderbuch und Pädagogik in der Schanzenstraße. Eine Buchhandlung mit klarer Kante und dezidierter Meinung, die sich im wandelnden Viertel unerschrocken behauptet.

Diese drei Buchhandlungen zeigen einmal mehr, dass der echte, unabhängige Buchhandel weit mehr ist als ein Ort des Verkaufs: Er ist die literarische Herzkammer der Stadt.


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Spuren der Geschichte https://www.tiefgang.net/spuren-der-geschichte/ https://www.tiefgang.net/spuren-der-geschichte/#respond Fri, 07 Aug 2026 13:13:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14352 [...]]]> Wenn Museen ihre eigenen Sammlungen durchleuchten, offenbaren sich oft nicht nur Schätze, sondern auch schmerzhafte Leerstellen. Das Museum am Rothenbaum (MARKK) widmet sich ab dem 28. August 2026 mit der Ausstellung „Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK“ einem ebenso sensiblen wie überfälligen Kapitel.

Bis zum 27. Juni 2027 richtet die Schau den Fokus auf jüdisches Kulturgut in den Beständen und folgt den oft verschlungenen und schmerzhaften Biografien dieser Objekte vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Im Zentrum der Ausstellung stehen zehn Objekte der ehemaligen Gesellschaft für jüdische Volkskunde, deren einstige Sammlung von über 400 Stücken ab 1913 das Fundament für eine jüdische Sammlung an der Rothenbaumchaussee bildete. Mit der nationalsozialistischen Verfolgung veränderte sich alles: 1935 unter Druck aus der Ausstellung entfernt, 1937 an die Gesellschaft zurückgegeben, deren Mitglieder im Anschluss ins Exil getrieben, deportiert oder ermordet wurden. Der Verbleib der meisten Stücke ist bis heute ungeklärt – umso bedeutender ist die Rückkehr jener zehn Objekte im Jahr 1991.

Die Schau macht deutlich, wie eng das Museum in der NS-Zeit verstrickt war. Bereits zwischen 1933 und 1945 nahm das Haus wissentlich konfiszierte Objekte auf, darunter Silberobjekte, die Jüdinnen und Juden ab 1938 zwangsweise abgeben mussten. Die seit 2021 am MARKK laufende Provenienzforschung arbeitet diese unrechtmäßigen Besitzwechsel akribisch auf.

Neben den dunklen Kapiteln der Entrechtung erzählen Stücke wie ein Tora-Wickelband von 1712 – gestiftet 1917 von dem Hofagenten Berend Lehmann aus Halberstadt – von familiären Geschichten, jüdischer Kultur und der Verbundenheit zu Hamburg und Niedersachsen. Unter der Leitung von Kuratorin Jana Caroline Reimer hinterfragt die Ausstellung kritisch die museale Klassifizierung dieser Stücke als „Judaica“ oder „ethnografische Objekte“.

Wer sich im kommenden Jahr in Hamburg auf diese historische Spurensuche begibt, findet ein bemerkenswertes, sich ergänzendes Netzwerk an Ausstellungen vor: Parallel zeigt das Bucerius Kunst Forum (11.9.2026 bis 29.3.2027) „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler*innen in Deutschland“, während das Altonaer Museum ab dem 12. November 2026 mit „Menschen & Orte. Hamburgs jüdische Geschichte“ das vielfältige jüdische Leben in den Blick nimmt.

Das MARKK lädt mit seiner Ausstellung dazu ein, die eigene Museumsgeschichte kritisch zu reflektieren und den Dingen ihre wahren Geschichten und Kontexte zurückzugeben. Begleitet wird die Schau von einem Katalog sowie einer gemeinsamen Online-Ausstellung mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden.

Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK

Museum am Rothenbaum (MARKK) | Rothenbaumchaussee 64 | 20144 Hamburg

reguläre Museumsöffnungszeiten: Di bis So 10–18 Uhr
Do bis 21 Uhr, reg. Eintritt: 10,- € |www.markk-hamburg.de


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Die literarische Herzkammer der Stadt https://www.tiefgang.net/die-literarische-herzkammer-der-stadt/ https://www.tiefgang.net/die-literarische-herzkammer-der-stadt/#respond Tue, 04 Aug 2026 09:16:29 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14346 [...]]]> Wenn die Kulturbehörde die Shortlist des Buchhandlungspreises verkündet, blickt man auch dorthin, wo das gedruckte Wort gegen die Vereinzelung kämpft. Ein Nachruf, eine Verbeugung und ein Blick aus dem Süden.

Es gibt Orte in einer Metropole, die sich dem hastenden Takt des Alltags entziehen. Sie duften noch nach Druckerschwärze, altem Papier und einer ganz besonderen Sorte Geduld. Wenn die Stadt Hamburg stets im Sommer die Shortlist für ihren Buchhandlungspreis bekannt gibt, ist das weit mehr als eine administrative Notiz aus dem Haus an den Hohe Bleichen. Es ist ein Befund über den Zustand unserer urbanen Kultur: Wer liest wo, wer hält die Stellung, während um die Ecken herum die Kettenläden und digitalen Algorithmen das Feld übernehmen?

Besonders für uns hier im Hamburger Süden schlägt dieses literarische Herz in einem ganz eigenen Takt. Es ist kein Zufall, dass die Wilhelmsburger Buchhandlung Lüdemann – im Vorjahr selbst preisgekrönt – diesmal als Teil der unabhängigen Jury mit am Tisch saß und mit wahrem Blick über die Elbe wog, welche Orte das geistige Gewebe dieser Stadt zusammenhalten. Und wenn man den Blick weiter nach Süden richtet, hin zum südwestlichen Neugraben, füllt sich diese Shortlist mit tiefem Leben: Der Buchladen von Bettina Meyer ist nominiert. Ein Ort, an dem Literatur nicht verkauft, sondern gelebt wird – getragen von einer Inhaberin, deren Schmerz über den erst kürzlich verstorbenen Ehemann noch schwer auf dem Laden lastet, und die dennoch den Mut hat, diesen Raum der Kultur offenzuhalten.

Sieben inhabergeführte Buchhandlungen stehen in diesem Jahr auf der engsten Auswahlliste, sie spannen den Bogen von der Neustadt bis in die Außenbezirke. Kultursenator Brosda betont wohl auch mit Seitenhieb auf den Bundeskulturbeauftragten Weimer: „Das Engagement für eine vielfältige Literaturlandschaft und einen freien und offenen Diskurs verdient besondere Anerkennung.“

Die nominierten Buchhandlungen:

Buchhandlung Blattgold (Neustadt)

Buchhandlung Lutz Heimhalt (Fuhlsbüttel)

Bücherfuchs (Wedel)

Bücherstube Stolterfoht (Eimsbüttel)

Der Buchladen Bettina Meyer (Neugraben)

Frau Büchert (Eimsbüttel)

Buchhandlung im Schanzenviertel (Schanzenviertel)

Und Literatur kennt neben der Feier des Augenblicks immer auch die Melancholie des Abschieds. Kaum war die Nominierungsliste fixiert, erreichte die Literaturszene zudem die Nachricht vom Tod Frank Bartlings, der die Bücherstube Stolterfoht in Eimsbüttel seit 1997 mit Leib und Seele prägte. Sein Name auf der Liste ist nun ebenso eine schmerzliche Zäsur und eine späte, tief empfundene Verbeugung vor einem Lebenswerk. Ein Buchhändler dieses Schlags ist ein Seelsorger des Geistes.

Wenn am 5. September beim Ausklang der Langen Nacht der Literatur im Literaturhaus die drei Siegerinnen und Sieger gekürt werden, wird dieser Schatten spürbar sein. Und dennoch liegt in der Shortlist ein tröstliches Versprechen. Ob in Neugraben, in Wilhelmsburg oder in den anderen nominierten Refugien: Hier wird der öffentliche Raum verteidigt als ein Ort der Begegnung, der Kontemplation und des freien Wortes. Hamburg zeigt sich einmal mehr als eine Stadt, die weiß, dass das Buch der wertvollste Kompass für unsere gemeinsame Zukunft ist.


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Geld für kleine Konzerte https://www.tiefgang.net/geld-fuer-kleine-konzerte/ https://www.tiefgang.net/geld-fuer-kleine-konzerte/#respond Thu, 30 Jul 2026 10:16:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14323 [...]]]> Wenn in den kleinsten Clubs der Stadt die Lichter ausgehen, wird die Musikstadt Hamburg plötzlich ganz leise. Gerade jene intimen Bühnen, die neuen Talenten eine erste Heimat geben, kämpfen aktuell ums Überleben. Gut, dass es support gibt.

Denn es gibt es einen dringend benötigten Rettungsanker: Die Clubstiftung Hamburg zieht eine positive Bilanz der zweiten Förderrunde ihres Programms „Minibooster“ und schüttete insgesamt 78.000 Euro an 26 Hamburger Kleinstclubs aus. Dank der großzügigen Unterstützung der Hamburger Stiftung elementarteilchen konnte die Fördersumme pro Spielstätte von zuvor 2.000 auf nun 3.000 Euro erhöht werden, um auf die anhaltend angespannte wirtschaftliche Situation adäquat zu reagieren.

In Zeiten massiv gestiegener Kosten für Veranstaltungstechnik, GEMA-Gebühren und die Künstlersozialkasse stehen viele Betreiber*innen mit dem Rücken zur Wand. Das trifft letztlich auch den Hamburger Süden mit seinen kleinen aber so wichtigen Kulturorten im Quartier, wie etwa das Turtur, die Deichdiele oder die Fischhalle Harburg. Hier entstehen jene unverwechselbaren Begegnungen zwischen Publikum und Nachwuchskünstler*innen, die für unsere lokale Identität unersetzlich sind.

Wie Vorstand Heiko Langanke betont, darf in wirtschaftlich extrem herausfordernden Zeiten nicht zugelassen werden, dass elementare Auftrittsmöglichkeiten für den musikalischen Nachwuchs wegbrechen. Der „Minibooster“ setzt hier genau am richtigen Punkt an, um den Live-Betrieb pragmatisch abzusichern. Wer diese unverzichtbare Arbeit unterstützen und das Überleben der kleinsten Bühnen sichern möchte, kann sich mit einer Spende unter dem Verwendungszweck „Minibooster“ direkt an der Aktion der Clubstiftung beteiligen.

Weitere Informationen unter Clubstiftung.de


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Die verlorene Lesewelt https://www.tiefgang.net/die-verlorene-lesewelt/ Sun, 12 Jul 2026 22:40:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14165 [...]]]> Wer die sozialen Medien scrollt, stößt oft auf den Ratschlag, seine Zeit lieber effizient zu nutzen statt in einem dicken Buch zu versinken. Der Verzicht auf Literatur als moderner Lifestyle. Doch die neuesten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sollte man schon noch gelesen haben …

Denn sie zeichnen ein düsteres Bild dieser digitalen Selbstoptimierung: In der Altersgruppe der Zehn- bis Fünfzehnjährigen ist die Zahl der Buchkäufer*innen binnen eines Jahres um alarmierende 30,6 Prozent eingebrochen. Was also als digitale Freiheit getarnt wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eher besorgniserregender Rückzug aus der analogen Welt der Reflexion. Wir erleben derzeit, wie ein Stück unserer immateriellen Infrastruktur wegbricht – und damit eine der zentralen Säulen unserer demokratischen Urteilsfähigkeit.

Wenn wir von einer „Lesekrise“ sprechen, meinte man früher oft das Feuilleton-Geplänkel über die Sinnhaftigkeit postmoderner Literatur. Heute meinen wir vielmehr das nackte Überleben eines Kulturmediums in den Händen der nächsten Generation. Die Zahlen des Börsenvereins – ein Einbruch von 30,6 Prozent bei den Zehn- bis Fünfzehnjährigen – sind kein statistisches Rauschen mehr. Sie sind der Ausdruck einer Entfremdung, die sich bereits schleichend vollzogen hat.

Fragt man nach den Gründen, blickt man oft auf eine digitale Wand. Jugendliche verbringen heute Stunden in einer Welt, die keine Pausen für den langen Atem eines Buches lässt, sondern auf die sofortige Belohnung durch den Algorithmus setzt. Doch greift die Kritik an den sozialen Medien als alleinige Sündenböcke zu kurz. Uwe Ebbinghaus bringt in seinem Kommentar „Challenge Buchkauf“ (FAZ vom 10.07.2026) eine interessante Facette in die Debatte: Er konstatiert, dass wir den „analogen Muskel“ des Lesens im Alltag verkümmern lassen. Das Buch ist für den Heranwachsenden, der sich in der Unendlichkeit des Feeds verliert, zu einer „Challenge“ geworden – einem Hindernislauf gegen die eigene Aufmerksamkeitsspanne.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, schlägt einen schärferen Ton an und verweist auf die bildungspolitischen Trümmerhaufen. Wenn ein Viertel der Grundschulabgänger*innen nicht mehr sinnerfassend lesen kann, dann haben wir nicht nur ein Problem mit der Lesekompetenz, sondern ein massives Problem mit der Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Hier bricht etwas weg, das Guggolz treffend als „immaterielle Infrastruktur“ bezeichnet – ein Begriff, der das Buch nicht als Ware, sondern als geistiges Leitungsnetz unserer Demokratie begreift.

Ist das Buch für die heutigen Zehn- bis Fünfzehnjährigen also nur noch ein „fremdes Objekt“ in einer Welt, die sich längst in Pixeln organisiert hat, oder unterschätzen wir die Sehnsucht nach echter, analoger Tiefe, die unter der Oberfläche der digitalen Betriebsamkeit vielleicht doch noch existiert?

Zwischen New-Adult-Hype und komplettem Rückzug

Es ist ein Paradoxon, das uns dieser Tage vor Augen geführt wird: Während der Buchmarkt insgesamt einen Umsatzrückgang von 2,7 Prozent hinnehmen muss, gleicht die Belletristik einer kleinen, trotzigen Insel der Seligen. Hier wachsen die Genres Young Adult und New Adult – wir sprechen von jenen pastellfarbenen, emotional aufgeladenen Welten, die auf Plattformen wie TikTok unter dem Hashtag #BookTok einen regelrechten Kultstatus genießen.

Doch darf man sich von diesem glitzernden Fassadenanstrich täuschen lassen? Tillmann Neuscheler zeigt in seiner Analyse („Der Buchmarkt verliert seine jüngsten Käufer“, FAZ vom 09.07.2026), dass der Erfolg dieser spezifischen Segmente zwar ein Leuchtfeuer ist, aber eben nicht den gesamten Markt wärmt. Wir sehen hier eine gefährliche Konzentration: Verlage setzen immer stärker auf die Backlist – also jene Bücher, die sich bereits bewährt haben –, weil das Risiko bei neuen Titeln angesichts der allgemeinen Verbraucherunsicherheit kaum noch kalkulierbar scheint. Die Zahl der Novitäten ist im vergangenen Jahr um fast zehn Prozent eingebrochen.

Das ist ein Kulturverlust in Zeitlupe. Wenn wir uns nur noch an das halten, was wir kennen, stirbt das Wagnis der literarischen Neuentdeckung. Die Belletristik floriert zwar, doch das Sachbuch verliert fünf, Ratgeber sogar acht Prozent an Umsatz. Wir kaufen mehr vom Gleichen, statt uns im Fremden zu verlieren. Der Boom der New-Adult-Literatur könnte wie ein Beweis dafür herkommen, dass die Jugend das Lesen gar nicht aufgegeben hat – doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Es ist eine Nischenblüte, kein Markttrend. Wenn wir das Lesen nicht mehr als Werkzeug der Teilhabe begreifen, verliert unsere Demokratie ihren Nährboden.

Der Wert des Vorlesens

Wenn wir über den Schwund der Lesekompetenz klagen, blicken wir oft nur auf die Ziffern. Doch das eigentliche Drama spielt sich dort ab, wo keine Kamera dabei ist: im Kinderzimmer. Was geschieht, wenn die ersten Impulse fehlen? Ebbinghaus kritisiert zurecht in der FAZ die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das Programm „Lesestart 1-2-3“ auslaufen zu lassen. Dieses Programm sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt, und stärkte so die frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse. Der „Vorlesemonitor“ liefert dazu die bittere Bestätigung: Über 30 Prozent der Kinder zwischen einem und acht Jahren bekommen nie oder selten vorgelesen.

Man muss sich das einmal plastisch ausmalen: Das Vorlesen ist kein bloßes Ritual der Entspannung; es ist die erste Begegnung mit der menschlichen Fähigkeit, Welten zu erschaffen, ohne ein einziges Pixel zu bemühen. Es ist die Einübung in das geduldige Zuhören. Das Lesen ist nicht nur ein privates Vergnügen; es ist ein bürgerschaftliches Training. Wer sich als Kind in der Unendlichkeit eines Buches verlieren durfte, der weiß, dass es mehr als eine Wahrheit gibt – eine Erkenntnis, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung so wertvoll ist wie nie zuvor.

Literatur wird mobil

Während wir also um das gedruckte Wort bangen, vollzieht sich eine ästhetische Verschiebung, die wir als Feuilletonist*innen schon länger aufmerksam beobachten: Das Hörbuch hat sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem veritablen Wachstumsgaranten geworden. Mit einem Zuwachs von fast vier Prozent bei den Hörbuchkäufer*innen zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Erzählungen keineswegs erloschen ist – es hat nur das Medium gewechselt.

Doch ist das Hören nur ein Ersatz für das Lesen? Oder erleben wir hier eine neue Form der literarischen Aneignung? Die Stimme einer Sprecher*in verleiht einem Text eine körperliche Präsenz, die das reine Schriftbild manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Doch wir müssen kritisch fragen: Entzieht uns das bloße Konsumieren per Streaming die Konzentrationsfähigkeit, die das gedruckte Buch – die vertiefte Lektüre – fordert? Das Buch verlangt eine Entscheidung, einen Rückzug, eine Stille, die wir aktiv herstellen müssen. Die Branche setzt auf bewährte Klassiker, auf die sogenannte Backlist, während neue Stimmen es schwerer haben, den Weg in die Ohren des Publikums zu finden.

Debattenräume unter Druck

Wir haben den Blick auf die Umsätze und die jungen Käufer*innen gerichtet, doch wir müssen das Bild weiten. Buchhandlungen sind in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in Echokammern und digitale Filterblasen zurückzieht, zu den letzten echten Debattenräumen geworden. Wenn aber die Konjunktur schwächelt und die Verbraucher*innen verunsichert sind, wie Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, zu bedenken gibt, dann trifft es ausgerechnet diese Orte vor Ort am härtesten.

Warum lassen wir zu, dass die Orte des freien Geistes unter dem ökonomischen Druck erodieren? Wenn Buchhändler*innen ihre Läden schließen müssen, verschwindet nicht nur ein Geschäft – es verschwindet eine Begegnungsstätte, die uns lehrt, mit Ambivalenzen und komplexen Narrativen zu leben. Wir sollten den „langsamen Genuss“ des gedruckten Wortes wieder in den Mittelpunkt stellen, nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Werkzeug für die Zukunft. Bücher sind unsere Schutzschilde gegen die Polarisierung.

Greifen Sie zum Buch, diskutieren Sie es, lassen Sie sich darauf ein! Es ist ein Akt, der sich beliebig oft wiederholen lässt und dessen Wirkung auf unsere gesellschaftliche Urteilsfähigkeit unbezahlbar ist.

Weitere Informationen des Deutschen Börsenvereins: www.boersenverein.de


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Heimat als modernes Erlebnis https://www.tiefgang.net/heimat-als-modernes-erlebnis/ https://www.tiefgang.net/heimat-als-modernes-erlebnis/#respond Tue, 07 Jul 2026 08:24:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14137 [...]]]> Wer das Buxtehude Museum am St.-Petri-Platz heute besucht, betritt einen Ort, der in den vergangenen fünf Jahren eine beeindruckende Wandlung vollzogen hat.

Seit der feierlichen Eröffnung am 12. Juli 2021 – inmitten der Corona-Pandemie – ist das Haus weit mehr als ein klassisches Heimatmuseum; es ist ein lebendiger Treffpunkt, der Buxtehuder Stadtgeschichte mit europäischer Archäologie und handwerklicher Tradition verknüpft. Pünktlich zum fünften Geburtstag lädt das Museum vom 14. bis 19. Juli 2026 bei freiem Eintritt dazu ein, diesen Wandel selbst zu erleben.

Die Geschichte des Hauses ist eine Erzählung über stetige Entwicklung: Ausgehend von der Stiftung des Seifenfabrikanten Julius Cäsar Kähler im Jahr 1913, durchlief das Museum eine jahrzehntelange Platznot, bis die Sanierung ab 2015 den Durchbruch brachte. Durch den Erwerb des Nachbargebäudes konnte der Eingang repräsentativ zum St.-Petri-Platz geöffnet werden, was den Grundstein für die heutige Strahlkraft legte. Eine begleitende Fotoshow zur Jubiläumswoche macht deutlich, dass während der sechsjährigen Umbauzeit kein Stein auf dem anderen blieb.

Dass das Museum heute so tief in die Kulturgeschichte eintaucht, zeigt sich an seinen wechselnden Schwerpunkten. Zwei Beispiele verdeutlichen die Bandbreite der vergangenen Jahre. In der Ausstellung Luxusgut Papier wurde die Geschichte der Papierherstellung und -nutzung beleuchtet, die als ein faszinierendes Beispiel für den kulturellen und wirtschaftlichen Wandel in der Region diente. Und mit den Funden des Gräberfeldes von Immenbeck positionierte sich das Haus mit Europäischer Archäologie als wissenschaftlich ernstzunehmender Akteur, der die lokale Geschichte in einen größeren, europäischen Kontext stellt und regelmäßig archäologische Wochenenden anbietet.

Neben diesen tieferen Einblicken etablierte das Museum aber auch erfolgreich Formate für jede Generation: Ob bei der Spurensuche nach Eulen im Stadtgebiet, beim kreativen Basteln mit „Drachen im Museum“ oder bei Vorträgen zum Thema Handel und Wandel – das Haus ist ein aktiver Teil des städtischen Lebens geworden.

Jubiläumsprogramm: Ein Dank an das Publikum

Der Höhepunkt der Jubiläumswoche findet am Sonntag, den 19. Juli 2026, von 11.30 bis 17 Uhr statt. Besucher*innen erwartet dann ein bunter Tag mit Kurzführungen, bei denen Mitarbeiter*innen ihre persönlichen Lieblingsobjekte vorstellen. Das Rahmenprogramm bietet darüber hinaus kreative Aktionen wie ein Riesen-Memory oder ein Glücksrad. Wer den perfekten Ausklang sucht, kann den Tag im Museumsshop oder bei einem Besuch im Café Baham abrunden.

Es lohnt sich also auch nach 5 Jahren, das Buxtehude Museum neu zu entdecken. Denn auch wenn der Hase und der Igel stets ein beliebtes Buxtehuder Thema bleiben – wie die aktuelle Schau „Läuft…! Hase und Igel im Wandel der Zeit“ beweist –, so beweist das Museum insgesamt, dass Buxtehude eine Stadt mit einer ebenso vielfältigen wie bewegten kulturellen Identität ist.

Buxtehude Museum für Regionalgeschichte und Kunst

St.-Petri-Platz 11 | 21614 Buxtehude | 0 4161 507 97-0 | www.buxtehudemuseum.de

Öffnungszeiten: Di–So 11–18 Uhr

aktuelle Ausstellungen:

Läuft…! Hase und Igel im Wandel der Zeit, Verlängert bis 31. Januar 2027!

Kurt Schmischke – Der unbekannte Illustrator, den alle kennen, noch bis 12. Juli 2026


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Hanne Darbovens Erbe in neuem Gewand https://www.tiefgang.net/hanne-darbovens-erbe-in-neuem-gewand/ Wed, 24 Jun 2026 10:15:23 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14092 [...]]]> Ein Hauch von Exklusivität liegt über dem Burgberg in Harburg-Rönneburg. Dort, wo die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven bis zu ihrem Tod 2009 ihr monumentales Lebenswerk – ein Geflecht aus Zahlenreihen, Kalenderdaten und seriellen Strukturen – schuf, öffnet sich nun die historische Villa für eine neue Ära.

Ein neues internationales Residenzprogramm des Kunstvereins in Hamburg, unterstützt durch die Behörde für Kultur und Medien, JEF – Not a Foundation sowie weitere Partner, macht diesen Ort erstmals einer breiteren künstlerischen Auseinandersetzung zugänglich.

Die Resonanz in der „institutionellen Welt“ mag groß sein, doch in der breiten Öffentlichkeit bleibt das Vorhaben bislang erstaunlich unbemerkt. Die Kommunikation wirkt so diskret, dass sich die Frage stellt, ob hier ein exklusiver Zirkel den Dialog zwischen Erbe und Gegenwart pflegt, ohne den Bezirk oder Stadtteil, in dem das Werk gewachsen ist, einzubeziehen. Es ist das bekannte Paradoxon des Kunstbetriebs: Man schafft neue Räume für den Austausch, agiert dabei aber mit einer bemerkenswerten Zurückhaltung, die eher an ein geschlossenes System als an einen lebendigen Diskurs erinnert.

Hanne Darboven in Rönneburg. (Foto Michael Danner)

Dabei ist die Bedeutung Darbovens für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts kaum zu überschätzen. Ihre Praxis, die Literatur, Bildhauerei und Musik zu einem zeitlichen Raster verdichtete, ist in Harburg physisch präsent – etwa durch die Installation im Gebäudekomplex der Technischen Universität Hamburg (TUHH), die architektonische Strenge in Zeitlichkeit übersetzt. Dass die Stiftung nun die historische Villa am Burgberg öffnet, markiert eine Zäsur: Der einstige Ort stiller Archivierung wandelt sich zum lebendigen Atelier. Prof. Dr. Christoph H. Seibt, Vorstand der Hanne Darboven Stiftung, betont: „Mit dem neuen Residency-Programm öffnen wir die historische Villa für zeitgenössische Kunst und fördern den Dialog zwischen Hanne Darboven und jüngeren künstlerischen Positionen.“

Mit der US-Amerikanerin Nandi Loaf als erster Artist-in-Residence vollzieht die Stiftung einen inhaltlichen Kurswechsel. Während Darboven das System archivierte, hinterfragt Loaf in ihrer neuen Werkreihe „Zirkus“ die heutige Aufmerksamkeitsökonomie und die Grenzen zwischen Kunst und Konsumprodukt. Für Milan Ther, Direktor des Kunstvereins in Hamburg, ist dies ein notwendiger Schritt: „Wir schaffen einen neuen Ort für künstlerische Produktion und internationalen Austausch in Hamburg.“

Doch bleibt die Kritik an der mangelnden Sichtbarkeit bestehen. Wenn eine Initiative, die mit insgesamt 40.000 Euro an Anschubfinanzierung öffentlicher und privater Partner ausgestattet ist, den Anspruch erhebt, die Kunstszene Hamburgs nachhaltig zu bereichern, sollte die Partizipation der lokalen Bevölkerung kein „notwendiges Übel“ sein. Ein Sommerfest, angekündigt als „immersive Veranstaltung“ und „inszenierte Verführung“, droht bei dieser Art der Bekanntmachung zur bloßen Selbstvergewisserung eines Zirkels zu verkommen, statt den Burgberg als Ort des Austauschs für Harburg zu etablieren. Der Bezirk wäre gut beraten, das Zusammenspiel mit Playern wie der Sammlung Falckenberg oder dem Kunstverein Harburger Bahnhof strategisch zu nutzen, um sich als Kunstbezirk breiter aufzustellen.

Die Chance auf einen Dialog zwischen internationaler Szene und lokaler Realität besteht – man muss sie jedoch auch für die Öffentlichkeit sichtbar machen.

Die Eröffnung am Sa., 27. Jun., ab 16 Uhr im Hanne Darboven Haus, Am Burgberg 26, wird von einer Performance sowie einem Sommerfest begleitet, das bis in den späten Abend andauern soll. Ob diese Veranstaltung eine Brücke in die Nachbarschaft schlägt oder lediglich ein geschlossenes Ereignis für das Fachpublikum bleibt, wird sich zeigen. Denn eine Anmeldung zur Besichtigung war nur bis Ende Mai möglich.

Weitere Informationen: www.kunstverein.de oder www.hanne-darboven.org


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Wegbereiter der Moderne https://www.tiefgang.net/wegbereiter-der-moderne/ Sat, 20 Jun 2026 22:41:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14028 [...]]]> Die Geschichte der deutschen Moderne ist ein strahlendes Panorama, doch in ihrem Glanz verblasst oft ein entscheidender Teil ihrer Entstehungsgeschichte. Es war eine Generation von jüdischen Sammler*innen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit visionärem Weitblick, intellektueller Offenheit und beachtlichem Mäzenatentum den Boden für den Siegeszug der modernen Kunst in Deutschland bereitet hat.

Viel zu lange sind diese Persönlichkeiten – wie die Familie Hirschland in Essen, Paul und Clothilde Schüler in Bochum oder die Hamburgerin Rosa Schapire – aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dass ihre Namen heute bestenfalls in fachinternen Kreisen genannt werden, ist ein Verlust, den das Bucerius Kunst Forum nun mit einer außergewöhnlichen Anstrengung korrigieren möchte.

Die kommende Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland ist weit mehr als eine bloße Präsentation von Werken. Sie ist ein Akt der Erinnerung und eine notwendige Korrektur unseres kunsthistorischen Gedächtnisses. Indem die Kurator*innen Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff über 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 rekonstruierten Sammlungen weltweit zusammenführen, schaffen sie physische und gedankliche Räume, in denen das Werk der Moderne wieder auf seine ursprünglichen Eigentümer*innen trifft. „Die langjährige und aufwändige Recherche zur Ausstellung hat gezeigt, dass viele Jüdinnen und Juden, deren Sammlungspraxis integraler Bestandteil der deutschen Moderne war, höchstens in Fachkreisen noch namentlich bekannt sind“, so das Kurator*innen-Team.

Diese Sammler*innen agierten oft gegen den erbitterten Widerstand eines konservativ geprägten Kunstbetriebs des Kaiserreichs. Während die offizielle Kulturpolitik an akademischen Konventionen festhielt, begegneten sie Stilen wie dem Impressionismus, dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit mit einer Neugier, die Grenzen sprengte. Doch diese kulturelle Blütezeit endete mit dem Jahr 1933 in einer Katastrophe. „Spätestens in der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre Lebensgeschichten von Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geprägt“.

Die Ausstellung scheut nicht davor zurück, auch die dunklen Kapitel dieser Zerstreuung zu beleuchten. Sie thematisiert, wie Netzwerke aus Museen, Kunsthändlern und internationalen Käufern unter politischem Druck von der Zerschlagung dieser privaten Sammlungen profitierten. Im Programm hießt es daher: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler*innen, Museen, staatlichen Akteur*innen und internationalen Käufer*innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren“.

Mit dieser Schau kehrt also auch ein Stück deutsche Identitätsgeschichte zurück und an die Wände des Bucerius Kunst Forums. Es ist eine Einladung, den Blick zu schärfen: für die Schönheit von Werken wie denen von Cézanne, Kirchner oder Picasso und für die Menschen, deren Mut und Leidenschaft sie erst zugänglich machten. „Diese Sammler*innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“, heißt es.

Die Sammler*innen – Zwischen Weltläufigkeit und Verfolgung

Wer aber waren diese Menschen, deren Spürsinn die deutsche Kunstlandschaft so nachhaltig prägte? Die Ausstellung nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch das damalige Deutsche Reich, von den Sammlungen in Mannheim über Frankfurt bis nach Berlin und Hamburg. Es wird deutlich, dass das Sammeln für diese Persönlichkeiten keine bloße Akkumulation von Objekten war, sondern ein tiefgreifender Ausdruck ihrer geistigen Welt.

Die Sammler*innen zeichneten sich durch eine bemerkenswerte ästhetische Wahl aus. Während das offizielle Kunst-Establishment des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik oft starr an traditionellen Werten festhielt, bewiesen gerade diese Mäzen*innen eine Vorreiterrolle. Ihre Offenheit für die Moderne war Ausdruck eines modernen Selbstverständnisses. Im Programm liest man:  „Sie trugen durch ihre individuellen Tätigkeiten zur gesellschaftlichen Etablierung moderner Kunst bei: Neben der intellektuellen Aneignung, Auswahl und Präsentation der Werke spielte die öffentliche Unterstützung dieser Kunstformen in Museen, Kunstvereinen und Publikationen, die Kooperation mit Galerist*innen und die direkte Förderung von Künstler*innen eine große Rolle.“

Die Schau stellt dabei den Menschen in den Mittelpunkt, nicht nur das Werk. Durch Zeitdokumente und Fotografien werden die Biografien von Familien wie den Blanks aus Köln oder Max Meirowsky greifbar. Man begegnet Menschen, die sich nicht nur durch ihren Kunstbesitz, sondern durch aktives gesellschaftliches Engagement auszeichneten – sei es in öffentlichen Institutionen oder durch privates Mäzenatentum. Diese Räume machen deutlich, dass moderne Kunst in Deutschland ohne die intellektuelle und finanzielle Unterstützung dieser jüdischen Familien kaum den Stellenwert erreicht hätte, den sie heute genießt.

Die systematische Zerstörung dieser bedeutenden Sammlungen unter dem Nationalsozialismus markiert eine der dunkelsten Zäsuren der deutschen Kulturgeschichte. Der politische Druck manifestierte sich dabei in einem perfiden Geflecht aus Zwangssteuern, Vermögenssperren, Ausreiseverboten und Devisenauflagen, die jüdische Sammler*innen gezielt in den wirtschaftlichen Ruin trieben. Wie das Bucerius Kunst Forum dazu erläutert: „Als ein Aspekt dieser Unrechtsgeschichte wird daran erinnert, wie politischer Druck, Zwangssteuern, Ausreiseverbote, Vermögenssperren und Devisenauflagen jüdische Sammler:innen häufig zur Aufgabe ihrer Sammlungen zwangen.“

Das Ausmaß dieses Raubzugs war jedoch nicht allein das Werk nationalsozialistischer Ideologen, sondern ein gesellschaftliches Versagen, an dem sich Akteur*innen aus der Mitte der Gesellschaft beteiligten. Die Ausstellung macht deutlich, wie eng das Netz aus Museen, Kunsthändler*innen und internationalen Käufer*innen gestrickt war. Hierzu heißt es: „Die Ausstellung verdeutlicht zudem, wie Netzwerke aus Kunsthändler:innen, Museen, staatlichen Akteur:innen und internationalen Käufer:innen in der Zeit des Nationalsozialismus an den Verwertungsprozessen beteiligt waren.“

Nach 1945 setzte sich der Prozess der Verschleierung oft fort. Die Kunstwerke wurden weltweit zerstreut und in Institutionen oder private Sammlungen integriert, wobei ihre belastete Herkunft entweder in Vergessenheit geriet oder aktiv verborgen wurde. Es gelang nur wenigen Familien, ihren Besitz über die Jahre der Verfolgung und des Exils hinweg zu retten. Die Ausstellung arbeitet diese Mechanismen der Enteignung akribisch auf, um das Schicksal der Sammler*innen aus der Anonymität der bloßen Objektgeschichte zurückzuholen. Im Programm heißt es: „Nach 1945 verstreuten sich die Kunstwerke über alle Kontinente und gelangten in private oder institutionelle Bestände, wobei die Vorgeschichte manchmal nicht mehr bekannt war, häufig aber auch bewusst verschleiert wurde.“

Die Schau verbindet damit kunsthistorische Analyse mit einer tiefgreifenden erinnerungskulturellen Reflexion, die den Verlust als eine fortdauernde Mahnung begreift.

Rekonstruktion als Akt der Wiederbegegnung

Die kuratorische Arbeit von Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff geht in der Ausstellung weit über die bloße Zusammenstellung von Kunstwerken hinaus. Indem sie die weltweit verstreuten Stücke – von Gemälden und Skulpturen bis hin zu privaten Künstler*innenpostkarten – wieder an einem Ort vereinen, schaffen sie eine emotionale und historische Rekonstruktion, die den Sammler*innen ihr Gesicht zurückgibt. „Jeder Sammlung ist ein eigener Raum gewidmet, in dem die Begegnung mit den Kunstwerken, deren Weg bis in die Gegenwart, mit den Sammler:innenpersönlichkeiten und ihrer Geschichte möglich ist“.

Dieser Ansatz verwandelt das Bucerius Kunst Forum in einen Ort des aktiven Erinnerns. Die Schau fungiert dabei nicht als statisches Museum, sondern als ein komplexer Resonanzraum, in dem kunsthistorische Forschung und kunstsoziologische Analyse miteinander verschmelzen: „In der Gesamtkonzeption verbindet die Schau kunsthistorische und kunstsoziologische Forschung und Analyse, kulturpolitische Kontextualisierung und erinnerungskulturelle Reflexion“.

Für die Besucher*innen eröffnet sich dadurch eine seltene Gelegenheit, die Genese der Moderne aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Die Räume werden zu einer Bühne für die Lebenswege der Sammler*innen, deren Engagement für die Kunst oft einherging mit einem tieferen Wunsch nach einer offenen, progressiven Gesellschaft. Die Ausstellung leistet somit Pionierarbeit, indem sie diese „Physischen und gedanklichen Räume“ nutzt, um aufzuzeigen, „aus welchen Motivationen, auf welche Weise und mit welcher Unterstützung die einzelnen Sammlungen entstanden sind – und aus welchen Gründen die Sammler:innen sich häufig auch progressiver Kunst zuwandten“.

Letztlich aber ist diese Ausstellung auch ein dringender Aufruf an die Gegenwart. Sie fordert dazu auf, Provenienz nicht als abstraktes Feld der Geschichtswissenschaft zu sehen, sondern als integralen Bestandteil einer lebendigen Erinnerungskultur, die den Wert und die Geschichte des Kulturguts stets mit der Geschichte der Menschen verknüpft, die es einst so leidenschaftlich förderten.

Die kommende Ausstellung im Bucerius Kunst Forum ist also weit mehr als eine Rückschau. Wer durch die Räume wandelt, wird konfrontiert mit der Ambivalenz von ästhetischem Hochgenuss und menschlicher Tragödie. Die Kunstwerke von Meistern wie Cézanne, Modersohn-Becker oder Kirchner gewinnen durch ihre Geschichte eine neue, dringliche Präsenz. Sie sind nicht länger nur Zeugnisse einer Epoche, sondern Mahnmale für einen gesellschaftlichen Aufbruch, der gewaltsam unterbrochen wurde.

Es erfordert Mut, den Blick nicht abzuwenden – weder von der Schönheit der Bilder noch von der Härte des Unrechts, das ihre einstigen Besitzer*innen erfahren haben. „Diese Sammler:innen und ihre kulturelle Leistung mithilfe der Kunst wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückzuholen, ist zentrales Anliegen der Ausstellung“ (Bucerius Kunst Forum). Die Schau bietet uns einen Resonanzraum, in dem wir lernen können, dass Kultur niemals im luftleeren Raum existiert, sondern immer tief in den Biografien und politischen Kämpfen derer verwurzelt ist, die sie fördern und bewahren.

Wer diese Ausstellung besucht, begibt sich auf eine Reise, die unser Verständnis von der deutschen Moderne für immer verändern wird. Sie macht sichtbar, was zu lange unsichtbar blieb, und erinnert daran, dass das Erbe dieser jüdischen Kunstsammler*innen ein unverzichtbarer Teil unserer Identität ist. Es ist ein würdiger, notwendiger und zutiefst menschlicher Beitrag, den das Bucerius Kunst Forum hier leistet, um das Unrecht der Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern den Sammler*innen die Anerkennung zurückzugeben, die sie verdienen. Ebenso sollte erwähnt werden, dass parallel zur Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland das MARKK vom 28. August 2026 bis 27. Juni 2027 die Schau Zuschreibung: Jüdisch – Fragen an die Geschichte des MARKK zeigt. Anhand der als verschollen geltenden Sammlung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde erzählt die Ausstellung Objektgeschichten und Biografien vom frühen 20. Jahrhundert bis heute und hinterfragt dabei die Klassifizierung ‚jüdischer Objekte’ sowie die Rolle des Museums im Nationalsozialismus. Auch hier lohnt ein Besuch.

Überblick

Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland

11.09.2026 bis 29.03.2027

Ort: Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg| Website: buceriuskunstforum.de


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