Ratgeber https://www.tiefgang.net Sat, 17 Oct 2026 15:25:03 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Die Seele malt mit https://www.tiefgang.net/die-seele-malt-mit/ https://www.tiefgang.net/die-seele-malt-mit/#respond Sat, 17 Oct 2026 15:24:17 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14602 [...]]]> Ein Bild entsteht und plötzlich ist da eine Spinne, ein Labyrinth oder eine verschlossene Tür. Was hat das mit mir zu tun? Kunst öffnet einen Raum, in dem innere Bilder zu überraschenden Erkenntnissen führen und Geschichten sichtbar werden, für die es keine Worte braucht.

von Ulrike Hinrichs

Kunst kann uns als Ausdrucksform zur Selbstreflexion dienen. Dabei können wir entweder von einem konkreten Thema ausgehen, das uns aktuell beschäftigt – zum Beispiel Wut – und dieses in einem Bild ausdrücken. Oder wir legen das Thema gedanklich beiseite, lassen uns im Malprozess von einem kreativen Impuls leiten und schauen erst anschließend, wie sich das Gemalte mit unserer aktuellen Lebenssituation in Verbindung bringen lässt. Beide Herangehensweisen ermöglichen es, eigene Gefühle und Erfahrungen bewusster wahrzunehmen und neue Erkenntnisse über sich selbst zu gewinnen.

Kunst als Muttersprache

Besonders spannend wird es, wenn in Bildern mythische Figuren, Märchenfiguren oder Archetypen auftauchen. Das erlebe ich immer wieder in meinen Praxisgruppen. Im nachfolgenden Praxisbeispiel ist es die Spinne.

In Bildern, Symbolen oder Geschichten finden wir einen unmittelbaren Ausdruck dessen, was in uns lebt. Metaphern und Bilder können uns neue Zugänge zu unseren Erfahrungen eröffnen und uns erkennen lassen, dass wir Teil eines größeren Gewebes sind. Sie schaffen Verbindungen zu universellen Mustern und eröffnen neue Perspektiven auf schwierige Lebenssituationen.

Praxisbeispiel: Vom Text zum Bild

In meiner vom Bezirksamt Harburg geförderten Frauengruppe „Mit Bild- und Wortnotizen gegen Gewalt“ sind wir mit dem etwas absurden Text „Die Schublade“ in den Malprozess eingestiegen.

Die Schublade
In einer Schublade
liegt ein Nachmittag.

Ich mache sie
nur kurz auf.
Es riecht
nach Regen.
Ich schließe sie wieder.

Der Text diente als kreativer Impuls, ohne eine bestimmte Deutung oder ein konkretes Thema vorzugeben. Die Teilnehmerinnen konnten eigene Bilder, Assoziationen und Gefühle entstehen lassen und diese malerisch ausdrücken. Erst im anschließenden Austausch bestand die Möglichkeit, Verbindungen zwischen dem entstandenen Bild und der eigenen Lebenssituation herzustellen.

Auf einem der Bilder war eine Spinne mit einem großen Netz im weiten Blau zu sehen.

„Auf den ersten Blick gruselig, aber auf den zweiten Blick auch zärtlich“, meldete eine der Frauen zurück.

In der archetypischen Deutung steht die Spinne für die Große Mutter und als Krafttier für Schöpferkraft und die Fähigkeit, das eigene Lebensnetz zu weben. Sie kann dazu anregen, veraltete Denkmuster und Abhängigkeiten zu erkennen und neue Verbindungen zu sich selbst und zur Welt zu knüpfen.

Für die Teilnehmerin bekam das Bild vor dem Hintergrund ihrer Lebenssituation eine besondere Bedeutung. Sie versuchte gerade, sich aus einem toxischen Beziehungsgeflecht zu lösen und ihren eigenen Weg zurück zu sich selbst zu finden.

In unseren Bildern begegnen wir etwas, das längst in uns angelegt ist, aber noch keine Worte gefunden hat. Was zunächst fremd oder sogar bedrohlich erscheint, kann sich als Teil der eigenen Geschichte zeigen und neue Möglichkeiten eröffnen, das eigene Lebensnetz zu gestalten.

Was findest du in deiner Schublade?

Mehr Praxisbeispiel zur Selbstfürsorge findest du in meinem Buch Gymnastik für die Seele: Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl.

Ulrike Hinrichs – Gymnastik für die Seele

Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl

ISBN 978-3-99165-010-2

 Buschmiede – Happy Balance

 20,00 EUR

Mit 50 Praxisübungen und 73 farbigen Abbildungen

Das Cover-Bild stammt von der Harburger Künstlerin Yvonne Lautenschläger

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Anwenderin der Positiven Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com

Die Gruppe Mit Bild- und Wortnotizen gegen Gewalt wird gefördert vom Bezirksamt Harburg.


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Spende oder Sponsoring? https://www.tiefgang.net/spende-oder-sponsoring/ https://www.tiefgang.net/spende-oder-sponsoring/#respond Thu, 08 Oct 2026 22:24:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14589 [...]]]> Es klingt im ersten Moment nach einer Win-win-Situation: Ein regionales Unternehmen unterstützt den Sport- oder Kulturverein im Ort mit einer stattlichen Summe, druckt im Gegenzug das Vereinslogo auf die Firmen-Homepage und wirbt damit, ein treuer Förderer des Ehrenamts zu sein. Doch Vorsicht!

Was gut gemeint ist und Kasse sowie Image aufbessert, kann für den Verein steuerlich und rechtlich schnell zum Minenfeld werden. Das Vereins- und Stiftungszentrum e.V. warnt davor, die feine Trennlinie zwischen steuerbegünstigter Spende und steuerpflichtigem Sponsoring zu verwischen. Denn wer sich hier steuerlich vergreift, riskiert im schlimmsten Fall die Gemeinnützigkeit.

Spende versus Sponsoring

Um zu verstehen, wo die juristischen Stolpersteine liegen, muss man das Steuerrecht (die Abgabenordnung, AO) zu Rate ziehen. Die Unterschiede könnten kaum gravierender sein:

  • Die Spende: Eine Spende ist eine freiwillige Zuwendung ohne Gegenleistung. Das Unternehmen gibt dem Verein Geld, weil es dessen gemeinnützigen Zweck unterstützen will. Als Dankeschön stellt der Verein eine Spendenbescheinigung (Zuwendungsbestätigung) aus. Der Clou: Der Verein bleibt im Hintergrund. Das Unternehmen darf die Spende zwar steuerlich geltend machen, aber es darf keine nennenswerte Gegenleistung dafür erwarten. Ein kleiner Dank im Jahresbericht oder ein dezenter Namenszug auf einer unauffälligen Dankestafel sind erlaubt – mehr nicht.
  • Das Sponsoring: Hier handelt es sich um ein Geschäft auf Gegenseitigkeit (Leistung und Gegenleistung). Das Unternehmen zahlt Geld, erwartet dafür aber auch eine (werbliche) Gegenleistung: Das Firmenlogo prangt auf den Trikots, Bandenwerbung wird geschaltet oder der Verein wirbt aktiv auf seiner Website für das Unternehmen. Steuerlich ist das kein steuerfreier Bereich, sondern gehört in den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb des Vereins. Hier greifen die normale Körperschaft- und Gewerbesteuer (sowie unter Umständen die Umsatzsteuer), es sei denn, es handelt sich um bloße passive Öffentlichkeitsarbeit (Sponsoring als Einnahmequelle im Zweckbetrieb, wenn es satzungsgemäß dezent bleibt).

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Wenn das Unternehmen mit dem Vereinsnamen wirbt

Heikel kann es auch werden, wenn Firmen den guten Ruf, den Namen oder das Logo des Vereins ungefragt oder in einem falschen Rahmen für ihre eigene kommerzielle Werbung nutzen.

  1. Die Namens- und Markenrechte: Der Vereinsname und das Logo sind rechtlich geschützt. Ein Unternehmen darf sie nicht einfach für Marketingzwecke einspannen, nur weil es mal eine kleine Spende überwiesen hat.
  2. Die Spendenbescheinigung als Steuerfalle: Wenn ein Unternehmen eine stattliche Summe zahlt, dafür aber auf der Firmen-Homepage groß mit dem Vereinslogo wirbt („Wir unterstützen den Verein XY!“), liegt rechtlich oft gar keine Spende mehr vor, sondern eine Sponsoring-Leistung. Stellt der Verein in diesem Fall eine Spendenbescheinigung aus, bewegt sich der Vorstand im Bereich der unrichtigen Ausstellung von Bestätigungen – mit potenziell strafrechtlichen Konsequenzen für die Verantwortlichen und dem drohenden Entzug der Gemeinnützigkeit.

Damit die Partnerschaft mit der lokalen Wirtschaft nicht im Steuerdschungel oder beim Anwalt endet, sollten Vereine daher klare Regeln aufstellen:

  • Sponsoring-Vertrag statt Handschlag: Wenn das Unternehmen Werbung machen will (Logo auf der Website, Banner am Sportplatz, Erwähnung in Social Media), muss dies vertraglich als Sponsoring vereinbart werden. Der Verein stellt dann keine Spendenbescheinigung aus, sondern schreibt eine reguläre Rechnung (inklusive Umsatzsteuer sofern die Freigrenzen überschritten werden).
  • Klare Kommunikation: Unternehmen müssen verstehen, dass eine Spende keine Werbeplattform ist. Wer Logo-Präsenz will, betreibt Sponsoring und kauft eine Werbeleistung ein.
  • Rechnung prüfen lassen: Bei unklaren Kooperationen lohnt sich der Blick in den Steuerleitfaden oder die Rücksprache mit dem Finanzamt oder steuerlichen Berater*innen, um den schmalen Grat zwischen Zweckbetrieb und wirtschaftlichem Geschäftsbetrieb nicht zu verlassen.

Bleibt festzuhalten: Geld vom Unternehmen ist für Vereine gut und überlebenswichtig – egal ob als Spende oder Sponsoring. Doch wer die beiden Begriffe vermischt und dem Sponsor fälschlicherweise eine Spendenbescheinigung ausstellt, während draußen das Firmenlogo auf der Bandenwerbung leuchtet, riskiert den Ärger mit dem Finanzamt. Klarheit in der Sache und den Verträgen schützt den Verein vor bösen Überraschungen.

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Innere Anteile sind eigenwillige Gesellen https://www.tiefgang.net/innere-anteile-sind-eigenwillige-gesellen/ https://www.tiefgang.net/innere-anteile-sind-eigenwillige-gesellen/#respond Mon, 21 Sep 2026 16:04:37 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14555 [...]]]> Wer ist eigentlich auf deiner Seite, wenn du es selbst gerade nicht bist? Wir können gut mit anderen mitfühlen. Bei uns In uns wirken ganz unterschiedliche Stimmen und Seiten. Jede von ihnen verfolgt ihre eigene Absicht. Die eine will uns schützen, die andere uns vor Verletzung bewahren. Wieder andere sehnen sich nach Nähe, Freiheit oder Ruhe. Sie können sich widersprechen, bekämpfen oder gegenseitig übertönen.

Von Ulrike Hinrichs

Spannend wird es dort, wo wir unsere Anteile nicht länger nur im Kopf beobachten. Mit der Kunst können wir ihnen einen Körper geben, um sie besser kennenzulernen und zu verstehen.

Du kannst einen inneren Anteil aus Ton formen. Du kannst ihn zeichnen, collagieren, fotografieren oder aus Fundstücken bauen. Du kannst ihm eine Stimme geben und einen Namen. Oder du kannst ihn mit einem KI-Video zum Leben erwecken.

KI-Video „Der Tod“ von Ulrike Hinrichs

Hier findest du ein Beispiel-Video zu einem meiner inneren dunklen Anteile. Es ist der „Tod“, der mir Angst macht. Doch die entstandene Collage und vor allem das KI-Video haben mich neugierig gemacht. Animiert wirkt er plötzlich plappernd und erstaunlich lebendig. Und eigentlich ist die Figur mit ihrem großen Hut auch eher eine „sie“.

Kunst darf übertreiben. Das ist eine ihrer großen Freiheiten.

Innere Anteile sichtbar zu machen, stärkt dein Mitgefühl auch für die unangenehmen und schmerzenden Seiten in dir. Ein Gefühl, das sich im Alltag kaum zeigen darf, kann auf dem Papier riesig werden. Eine kleine Stimme kann eine Trompete bekommen. Ein schüchterner Anteil kann einen roten Umhang tragen. Ein Anteil, der sich ständig zurücknimmt, kann auf einer Leinwand drei Meter groß sein.

Du kannst die leisen Stimmen laut werden lassen. Du kannst den Anteil, den du am liebsten zum Schweigen bringen würdest, erzählen lassen, was er für dich tun will. Du kannst seine gute Absicht sichtbar machen. Du kannst seine Waffen malen.

Und du kannst dir auch neue Anteile erschaffen.

Du entscheidest, wer auf deiner inneren Bühne welchen Platz bekommt. Du gibst den Figuren ein Gesicht, einen Körper, eine Stimme. Du lässt sie miteinander sprechen, streiten, tanzen oder schweigen.

Ein Praxisbeispiel:

Für den Anteil der Gelassenheit wurde in meiner vom Bezirksamt Harburg geförderten Gruppe für Frauenbilder die Figur gestaltet, die im Header abgebildet ist. Sie tut nichts, außer zu atmen. Sie sitzt da, ohne Aufgabe, ohne Ziel, ohne etwas leisten zu müssen. Der Atem wird zum sichtbaren Ausdruck von Ruhe und Präsenz.

Die Figur erinnert daran, dass Gelassenheit kein Zustand ist, den ich herstellen muss. Sie darf einfach da sein.

Welchen Anteil möchtest du dir gestalten?

Interessiert dich die Arbeit mit inneren Anteilen in der Kunsttherapie? Dann empfehle ich dir unsere Fortbildung Die Arbeit mit inneren Anteilen in der Kunsttherapie am campus naturalis. Für alle, die diesen Weg ganz praktisch vertiefen möchten, bietet mein Buch Gymnastik für die Seele: Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl kreative Anregungen und künstlerische Übungen

Ulrike Hinrichs – Gymnastik für die Seele

Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl

ISBN 978-3-99165-010-2

 Buschmiede – Happy Balance

 20,00 EUR

Mit 50 Praxisübungen und 73 farbigen Abbildungen

Das Cover-Bild stammt von der Harburger Künstlerin Yvonne Lautenschläger

Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Anwenderin Positive Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com


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Dein innerer Fanclub https://www.tiefgang.net/dein-innerer-fanclub/ https://www.tiefgang.net/dein-innerer-fanclub/#respond Sat, 12 Sep 2026 22:19:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14522 [...]]]> Wer ist eigentlich auf deiner Seite, wenn du es selbst gerade nicht bist? Wir können gut mit anderen mitfühlen. Bei uns selbst sieht das oft ganz anders aus.

Von Ulrike Hinrichs

Selbstmitgefühl ist eine besondere Form innerer Beziehung. Es zeigt sich in dem Moment, in dem wir uns selbst auch dann zugewandt bleiben, wenn etwas in uns schmerzt, scheitert, sich schämt oder den eigenen Ansprüchen nicht genügt. Kristin Neff beschreibt Selbstmitgefühl über drei miteinander verbundene Qualitäten: einen freundlichen Umgang mit sich selbst, das Erleben gemeinsamer menschlicher Verletzlichkeit und eine achtsame Wahrnehmung des eigenen Erlebens. Damit entsteht eine innere Haltung, die Leid wahrnimmt, ohne den Menschen darin auf seine Schwäche zu reduzieren.

In der Praxis kennen viele allerdings einen anderen Umgang mit sich selbst. Etwas tut weh und sofort beginnt die Bewertung. Ich hätte anders reagieren müssen. Warum bin ich so empfindlich? Ich sollte längst darüber hinweg sein. Aus dem ursprünglichen Gefühl wird ein zweites Leiden, nämlich die Art, wie wir mit uns umgehen, wenn es uns schlecht geht.

Jeder braucht jemanden, der zu ihm hält. Auch du.

Was du in diesem Moment brauchst, ist Selbstzuwendung. Werde die Mutter für dein inneres Kind. Selbstmitgefühl schafft eine neue innere Beziehung. Der verletzte, erschöpfte oder beschämte Anteil in dir wird nicht zum Problem gemacht, das beseitigt werden muss. Er bekommt Zuwendung.

Die Kunst als Ausdrucksform kann dir dabei helfen. Sie hilft dir leicht zu werden, Fehler zu machen, das Unperfekte zu feiern.

Dazu möchte ich dir ein Praxisbeispielaus meiner vom Bezirksamt Harburg geförderten Gruppe „Vielfalt leben. Gemeinsam gestalten“ zeigen.

Wenn dein Selbstgefühl ein Wesen wäre, wie würde es aussehen?

Mit dieser Frage verändert sich der innere Zugang. Selbstmitgefühl wird zu einem Gegenüber. Es kommt näher und wird zu einer greifbaren Form.

Im Header ist ein Beispiel aus meiner Gruppe für so ein Wesen abgebildet. Das Herz bildet den Körper. Die kleinen Füße stehen auf dem Boden. Die Flügelarme öffnen sich. Die großen Augen schauen herzerwärmend. „Komm in meine Arme“, scheint es zu sagen, „ich halte dich“.

Dein innerer Fanclub ist nicht dafür da, dir zu sagen, dass alles gut ist. Er ist da, wenn gerade eben nicht alles gut ist. Er klatscht nicht nur, wenn du etwas geschafft hast. Er bleibt vor allem dann, wenn du gescheitert bist, dich geschämt hast oder nicht weiterweißt. Ich bin auf deiner Seite, auch und gerade jetzt.

Mehr zum Thema findest du in meinen Beiträgen auf Tiefgang:

Für alle, die diesen Weg vertiefen möchten, bietet das Buch Gymnastik für die Seele: Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl kreative Anregungen und künstlerische Übungen.

Ulrike Hinrichs – Gymnastik für die Seele

Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl

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Wenn Worte zu klein werden https://www.tiefgang.net/wenn-worte-zu-klein-werden/ https://www.tiefgang.net/wenn-worte-zu-klein-werden/#respond Mon, 07 Sep 2026 22:15:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14483 [...]]]> Über belastende Erfahrungen zu sprechen, setzt voraus, dass Sprache zur Verfügung steht. Erinnerungen können verschollen sein. Gefühle und innere Bilder halten sich nicht an Sprache. Sie können widersprüchlich, diffus oder körperlich sein. Manches ist spürbar, bevor es sich in Worte fassen lässt. Ein Satz wird schnell zu klein für das Unsagbare.

von Ulrike Hinrichs

Künstlerisches Arbeiten eröffnet einen anderen Zugang zu unserem Inneren. Eine Farbe, eine Form, ein Material oder ein selbst gewähltes Symbol können etwas aufnehmen, ohne es vollständig erklären zu müssen. Das ist auch der Grund, warum kreative Methoden in Gruppen mit Menschen, die belastende Themen mitbringen, einen besonderen Platz haben können und sollten.

Im Gestalten entsteht ein Raum, in dem auch das Unklare, Widersprüchliche und noch nicht Bewusste einen Ausdruck findet. Etwas kann sich zeigen, ohne dass wir bereits wissen müssen, was es bedeutet. Gerade diese Offenheit macht künstlerisches Arbeiten für Menschen mit belastenden Themen wertvoll.

Ein Beispiel aus meiner Praxis:

In meiner vom Bezirksamt Harburg geförderten Frauengruppe, in der Gewalterfahrungen Teil der Biografien sind, haben wir mit einer solchen Form des Ausdrucks gearbeitet.

Der Ausgangspunkt war die Idee einer Herz-Kammer für Mut und Milde.

Work in progress – Herzkammer für Mut und Milde

Die Herzkammer hatte keine vorgegebene Form. Jede Frau suchte sich das Gefäß, das für sie stimmig war. Eine Mappe, ein Briefumschlag, eine Shampooflasche, ein Eierkarton.

Aus Alltäglichem wurden persönliche Räume für das, was bewahrt, gestärkt und mitgenommen werden sollte.

Anschließend haben wir uns dazu folgende Fragen gestellt:

  • Was in mir möchte mutig werden und einen ersten Schritt gehen?
  • Wo darf ich aufhören, mich anzutreiben, und mir selbst mitfühlender begegnen?
  • Welcher Satz trägt mich, wenn ein Tag schwer wird und ich mich selbst verliere?
  • Was nährt mein Herz und wovon wünsche ich mir mehr in meinem Leben?
  • Und welche Frage darf heute einfach noch offen bleiben, bis die Zukunft dir die Antwort schickt?

Die Antworten wurden auf Kärtchen geschrieben und in unserer Herz-Kammer gesteckt.

Wenn wir Ressourcen gestalten, bleiben sie nicht auf der Ebene von Gedanken. Sie werden sinnlich erfahrbar, bekommen Gestalt und einen Platz in uns. Dabei berühren wir eine Ebene, die der Sprache vorausgeht. Durch das Tun können Ressourcen entstehen, die vorher noch keine konkrete Form hatten: ein Gefühl von Kraft, ein inneres Bild, ein Satz, eine Vorstellung von Schutz oder eine neue Erfahrung mit sich selbst.

Was dabei entsteht, wird nicht nur kognitiv verstanden, sondern fühlend erlebt. Genau darin liegt für mich die besondere Tiefe dieser Arbeit. Wir schaffen etwas, das uns innerlich stärken kann, bevor wir es vollständig in Worte fassen können. Die Erfahrung wird in uns lebendig und verbindet sich mit inneren Bildern, Gefühlen und Empfindungen. So entsteht ein persönlicher Anker, zu dem wir jederzeit zurückkehren können und der uns wieder mit der eigenen Kraftquelle verbindet.

Mehr Praxisbeispiel zur Selbstfürsorge findest du in meinem Buch Gymnastik für die Seele: Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl.

Ulrike Hinrichs – Gymnastik für die Seele

Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl

ISBN 978-3-99165-010-2

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Ulrike Hinrichs ist Gesprächstherapeutin, Kunsttherapeutin (M.A), Anwenderin der Positiven Psychologie und Autorin www.ulrikehinrichs.com

Die Gruppe Mit Bild- und Wortnotizen gegen Gewalt wird gefördert vom Bezirksamt Harburg.


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Wenn der Vereinsshop zur Rechtsfalle wird https://www.tiefgang.net/wenn-die-vereinsshop-zur-rechtsfalle-wird/ https://www.tiefgang.net/wenn-die-vereinsshop-zur-rechtsfalle-wird/#respond Mon, 07 Sep 2026 10:02:19 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14477 [...]]]> Wer heute als Verein oder gemeinnützige Organisation digital aufgestellt ist, bietet oft mehr als nur reine Information: Über die Website werden Seminare gebucht, Eintrittskarten für Konzerte verkauft, Fan-Artikel bestellt oder kostenpflichtige Mitgliedschaften abgeschlossen. Doch genau hier greift eine gesetzliche Neuerung, die viele Verantwortliche im Verein überfordern kann.

In einem aktuellen Beitrag klärt das Vereins- und Stiftungszentrum e.V. darüber auf. Denn das Bürgerliche Gesetzbuch wurde um eine klare Online-Funktionalität ergänzt: den sogenannten „Widerrufsbutton“ (§ 356a BGB). Was für große Online-Shops längst Pflicht ist, gilt nun im Ernstfall auch für den Vereinsauftritt im Netz.

Die Idee hinter der gesetzlichen Neuerung ist Verbraucherschutz pur: Wer einen Vertrag unkompliziert per Mausklick im Internet abschließen kann, soll ihn im Rahmen des gesetzlichen Widerrufsrechts auch genauso einfach digital wieder rückgängig machen können. Bisher mussten Verbraucher*innen oft umständlich nach Kontaktformularen suchen, E-Mails schreiben oder Briefe aufsetzen, wenn sie einen online gebuchten Kurs oder Shop-Artikel widerrufen wollten. Mit der Neuregelung müssen Anbieter auf ihrer Website eine leicht zugängliche Online-Funktion bereitstellen, die den Widerruf in wenigen Schritten ermöglicht.

Wann sind Vereine überhaupt betroffen?

Nicht jeder Verein gerät automatisch in den Fokus dieser Vorschrift. Die Pflicht betrifft Organisationen immer dann, wenn:

  • Entgeltliche Verträgeüber eine Online-Benutzeroberfläche (Website, Buchungsportal oder App) geschlossen werden.
  • Die Vertragspartner Verbraucher*innen (also Privatpersonen) sind.

Das bedeutet für die Praxis: Wenn ein Kulturverein online Eintrittskarten verkauft, ein Sportverein kostenpflichtige Online-Kurse anbietet oder der Tierschutzverein im Webshop Artikel gegen Bezahlung vertreibt, greifen die strengen Vorgaben. Handelt es sich hingegen um reine Spenden, kostenfreie Angebote oder Verträge, die ausschließlich offline (per klassischem Aufnahmeantrag auf Papier oder am Telefon) zustande kommen, greift die Regelung nicht.

Wie muss die Funktion aussehen?

Der Gesetzgeber und die Rechtsprechung verlangen klare Abläufe, die für Nutzer*innen transparent sein müssen:

  1. Keine Verstecke: Die Widerrufsfunktion muss ständig erreichbar sein – sie darf nicht hinter einem Login-Zwang oder einer zwingenden Registrierung versteckt werden.
  2. Der Zwei-Schritt-Prozess: Nach dem Anklicken (das muss kein grafischer Button sein, auch ein klar beschrifteter Link reicht aus) öffnet sich eine Eingabemaske, in der Bestelldaten und Kontaktdaten erfasst werden können. Ein zweiter Klick (z. B. auf „Widerruf bestätigen“) schließt den Prozess ab.
  3. Keine Hürden: Es dürfen keinerlei Gründe für den Widerruf abgefragt werden; auch zusätzliche Apps oder Downloads dürfen nicht zur Pflicht gemacht werden.
  4. Automatische Bestätigung: Nach Absenden des Widerrufs muss das System automatisiert eine Eingangsbestätigung (beispielsweise per E-Mail) auf einem dauerhaften Datenträger übermitteln.

Was Vorständ*innen jetzt tun sollten

Das Vereins- und Stiftungszentrum e.V. empfiehlt dringend, die eigenen Webseiten und digitalen Buchungsstrecken auf den Prüfstand zu stellen:

  • Web-Check: Prüfen Sie gemeinsam mit Ihrem Webdienstleister, ob entgeltliche Angebote über die Homepage abgewickelt werden.
  • Technische Integration: Ist ein Online-Shop oder ein Ticketsystem eingebunden, muss sichergestellt sein, dass die digitale Widerrufsfunktion integriert und die Widerrufsbelehrung entsprechend angepasst ist.
  • Datenschutz beachten:Da im Zuge des Widerrufs personenbezogene Daten verarbeitet werden, sollte auch die Datenschutzerklärung des Vereins entsprechend aktualisiert sein.

Die Digitalisierung macht auch vor dem Vereinsleben nicht halt – und mit den technischen Erleichterungen für Mitglieder und Kund*innen wachsen auch die rechtlichen Pflichten. Wer online Geld einnimmt, muss den Weg des Rückzugs genauso leicht gestalten. Ein kurzer technischer Check der Vereins-Homepage schützt hier vor unliebsamen Abmahnungen.

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Das Bild weiß mehr https://www.tiefgang.net/das-bild-weiss-mehr/ https://www.tiefgang.net/das-bild-weiss-mehr/#respond Thu, 27 Aug 2026 22:30:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14449 [...]]]> Kunst ist eine Sprache. Sie spricht nicht in Sätzen. Sie arbeitet mit Bildern, Formen, Farben und Assoziationen. Und manchmal bringt sie etwas zum Ausdruck, das wir mit dem bewussten, rationalen Denken nur schwer greifen können.

von Ulrike Hinrichs

Ein großer Teil unserer Wahrnehmung geschieht unmittelbar. Wir erkennen Gesichter, Stimmungen, Gefahren oder Vertrautes noch bevor wir bewusst darüber nachdenken. Ein Bild kann uns berühren, bevor wir wissen, womit genau wir in Resonanz gehen. Eine bestimmte Farbe kann eine Stimmung auslösen. Eine Form kann sich vertraut oder bedrohlich anfühlen, ohne dass wir zunächst erklären können, warum.

Sprache ermöglicht uns besonders das lineare und begriffliche Denken. Bilder eröffnen dagegen einen stärker assoziativen und nichtlinearen Zugang. Ein Bild zeigt Ambivalenzen und Widersprüche ganz selbstverständlich nebeneinander. Ein Bild kann eine Farbe mit einer Erinnerung verbinden, eine Form mit einem Gefühl, einen Gegenstand mit einer persönlichen Erfahrung. Es muss diese Verbindungen nicht erklären.

Während Sprache einen Gedanken entfaltet, kann das Bild ihn verdichten. Es kann etwas sichtbar machen, das begrifflich noch gar nicht zur Verfügung steht.

Mehr zu diesem Thema auf Tiefgang:

Diese Vorstellung einer mehrdeutigen, nicht vollständig in Begriffe übersetzbaren Bildsprache findet sich auch bei Carl Gustav Jung. Der Begründer der analytischen Psychologie hat sich intensiv mit der Sprache von Träumen, Mythen und Symbolen beschäftigt. Für ihn war ein Symbol nicht einfach ein Zeichen, dessen Bedeutung sich eindeutig übersetzen lässt. Ein Symbol hat Bedeutungstiefe. Es kann etwas Persönliches ausdrücken und gleichzeitig an etwas Allgemeineres anknüpfen. Es kann unterschiedliche Bedeutungen nebeneinander tragen. Und genau darin liegt die Kraft des Symbols. Es ist persönlich und zugleich über das Persönliche hinausweisend.

Diese andere Art der symbolischen Sprache können wir uns mittels des künstlerischen Ausdrucks zunutze machen. Gerade bei belastenden Themen kann es hilfreich sein, den sprachlichen Modus zu verlassen und in einen bildhaften, assoziativen Modus zu wechseln, um eine erweiterte Sicht auf ein Thema zu bekommen.

Hier ein Praxisbeispiel aus meiner vom Bezirksamt Harburg geförderten Gruppe Frauenbilder.

Wir haben uns zunächst eine einfache Frage gestellt:

Wenn du deinem derzeit belastenden Thema eine Überschrift geben würdest, nur ein Wort, welches wäre es?

Eine der teilnehmenden Frauen wählte das Wort „Grenzen“.

Damit war das Thema zunächst in einen Begriff gefasst. Ein Wort verdichtet und benennt etwas, das in der Alltagrealität viel komplexer ist.

Im nächsten Schritt ging es um die Übersetzung vom linearen, begrifflichen Denken in die assoziative, bildhafte Sprache.

Wenn dieses Wort ein Symbol wäre, welches wäre es?

Die Frau wählte für ihr Wort „Grenzen“ die Hand als „Stopp-Zeichen“.

Anschließend galt es, das Symbol künstlerisch umzusetzen. Die Frau zeichnete zunächst ihre Handumrisse nach. Der Hintergrund, der sich im Laufe des Malens zu einem kräftigen Feuer entwickelte, entstand erst im Prozess. Etwas, das zunächst noch nicht als konkrete Vorstellung vorhanden war, nahm beim Malen Gestalt an. Ein Feuer.

Das Entscheidende geschah dort, wo etwas Ungeplantes in den Gestaltungsprozess eintrat. Aus dem Symbol „Hand“ entwickelte sich ein Bild, dessen Aussage über die ursprüngliche Idee hinausging.

Die Hand scheint im Bild mehr als ein Stopp-Zeichen geworden zu sein. Sie wirkt beinahe schutzlos vor der gewaltigen roten und gelben Feuerfläche, die sie umgibt. Gleichzeitig bleibt die Hand selbst hell und weitgehend unbemalt und hebt sich dadurch deutlich von der aggressiven Farbigkeit des Hintergrunds ab. Ihre nach oben geöffnete Haltung macht das Bild ambivalent: Sie setzt eine Grenze und sagt „Stopp“, steht dem Feuer aber zugleich unmittelbar gegenüber. Gerade diese Spannung zwischen Abwehr und Ausgesetztsein macht die Bildwirkung aus.

Die Frau selbst war überrascht, wie heftig das Feuer loderte. Erst im fertigen Bild nahm sie die Wucht des Themas für sich selbst deutlich wahr. Sie beschrieb es anschließend so, dass sie die Situation und ihre Belastung bislang unterschätzt habe.

Hier zeigt sich, was mit dem Bild als Sprache gemeint sein kann: Die Erkenntnis war nicht einfach vorher da und wurde anschließend illustriert. Sie entstand im Wechselspiel von Wahrnehmen, Gestalten und Betrachten. Das Bild hatte etwas sichtbar gemacht, das der Frau zuvor noch nicht in dieser Deutlichkeit zugänglich gewesen war.

Assoziationen der Gruppe

Im nächsten Schritt haben wir in der Gruppe diese assoziative Ebene noch einmal bewusst aktiviert. Jede Teilnehmerin schrieb zu jedem Bild einen intuitiven Satz auf einen Zettel, ohne lange zu überlegen, ohne das Bild zu analysieren oder erklären zu müssen.

So kam zu dem, was die jeweilige Frau selbst in ihr Bild gelegt hatte, noch eine weitere Ebene hinzu: die unmittelbare Resonanz und Assoziation der anderen.

Es entstanden zu dem Bild diese intuitiven Sätze:

  • „Es reicht“
  • „Ich lege meine Hand ins Feuer“
  • „Die Erkenntnis zum Greifen nah“.

Das Bild wird damit zum Resonanzraum. Es spricht nicht nur aus der Perspektive der Frau, die es gemalt hat. Es löst auch bei den anderen etwas aus, das wiederum auf sie und ihr Bild zurückwirkt. Aus einer individuellen Erfahrung entsteht ein Bild, in dem mehrere Menschen unterschiedliche Bedeutungen entdecken können. Diese Art des Herangehens an Themen eröffnet eine neue Perspektive und bietet alternative Lösungsansätze.

Mehr Praxisbeispiel zur Selbstfürsorge findest du in meinem Buch Gymnastik für die Seele: Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl.

Ulrike Hinrichs – Gymnastik für die Seele

Mit Pinsel und Farbe zu mehr Selbstmitgefühl

ISBN 978-3-99165-010-2

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Schadensersatz gegen ehemaligen Vorstand https://www.tiefgang.net/schadensersatz-gegen-ehemaligen-vorstand/ https://www.tiefgang.net/schadensersatz-gegen-ehemaligen-vorstand/#respond Sun, 16 Aug 2026 10:18:06 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14385 [...]]]> Wenn das Erbe des Vorstands zum Rechtsstreit wird, kann es ein mühsamer Weg werden, zu seinem Recht zu kommen.

Ein Vereinsvorstand leitet, gestaltet, verwaltet – und zieht im Idealfall nach getaner Arbeit weiter. Doch was passiert, wenn die Amtszeit endet und zurück bleibt: Chaos im Inventar, unklare Finanzflüsse und im schlimmsten Fall drohender Ärger mit dem Finanzamt? Dass ein Verein auf Fehlentscheidungen oder fehlendem Inventar nicht einfach sitzenbleiben muss, zeigt eine Entscheidung des Landgerichts (LG) Essen, auf das jetzt das Vereins- und Stiftungszentrum e.V. hinweist. Doch der Fall macht auch deutlich: Den Weg zum Schadensersatz gegen einen ehemaligen Vorstand zu gehen, ist oft steinig, langwierig und mit hohen Hürden verbunden.

Der Fall: Verschwundene Geräte und satzungswidrige Zahlungen

Ausgangspunkt des Prozesses war ein klassisches Szenario, das in ähnlicher Form in vielen Vereinen für Unruhe sorgen kann. Während seiner aktiven Zeit hatte ein Vorstandsmitglied zeitweise Vereinsräumlichkeiten bewohnt, dafür Vergütungen erhalten und technische Gerätschaften für den Verein beschafft. Nach dem Ausscheiden des Vorstands stellte der Verein fest, dass wertvolle Technik unauffindbar war und die gezahlten Vorstandsvergütungen satzungswidrig geflossen waren.

Besonders bitter: Die unzulässigen Zahlungen hatten das Potenzial, den gesamten Verein in eine existenzielle Krise zu stürzen, da dem Träger wegen dieser Mittelfehlverwendung die Aberkennung der Gemeinnützigkeit und damit eine drastische Steuernachzahlung drohte. Der Verein zog vor Gericht, um Schadensersatz für das verschwundene Inventar und die Rückzahlung der Bezüge einzufordern. Der Beklagte entgegnete, die Technik befinde sich nach wie vor in den Räumen und die Vergütung sei schließlich intern abgesprochen gewesen.

Der mühsame Weg zum Schadensersatz

Der Essener Fall illustriert mustergültig, warum Vorstandsverantwortung im Verein kein theoretisches Konstrukt ist, die Geltendmachung von Ansprüchen in der Praxis aber oft an Grenzen stößt:

  1. Die Beweislast: Wer klagt, muss beweisen. Wenn Inventar verschwindet, muss der Verein nachweisen, dass der ehemalige Vorstand das Eigentum unrechtmäßig an sich genommen hat und es nicht etwa im Gebäude verblieben oder verschlissen ist.
  2. Die interne Absprache: Oft wird in Vereinen „auf dem kurzen Dienstweg“ entschieden. Wenn Vergütungen oder Sonderleistungen ohne glasklare satzungsmäßige Grundlage oder saubere Beschlüsse der Mitgliederversammlung gewährt wurden, stehen sich im Streitfall Aussagen gegenüber.
  3. Das finanzielle Risiko für den Verein: Ein Gerichtsverfahren kostet Geld und Nerven. Droht dann – wie im geschilderten Fall – neben dem Sachschaden auch noch der Verlust der Gemeinnützigkeit durch fehlerhafte Mittelverwendung, steht für den Verein oft mehr auf dem Spiel, als durch einen langwierigen Regressprozess überhaupt jemals zurückgeholt werden kann.

Der Blick auf die Rechtsprechung zeigt, dass Vereine ihre Kontrollstrukturen ernst nehmen müssen, bevor das Kind in den Brunnen fällt. Das Vereins- und Stiftungszentrum e.V. rät daher dringend zu präventiven Schritten:

  • Saubere Dokumentation: Jede Anschaffung, jedes Inventarverzeichnis und jede finanzielle Zuwendung an Organmitglieder muss lückenlos dokumentiert werden.
  • Satzungsmäßige Klarheit:Vorstandsvergütungen dürfen niemals im stillen Kämmerlein vereinbart werden, sondern müssen strikt durch die Satzung oder einen wirksamen Beschluss der Mitgliederversammlung gedeckt sein.
  • Rechtzeitiges Handeln: Läuft das Amt aus, sollte eine ordnungsgemäße Übergabe inklusive Kassenprüfung und Inventarcheck standardmäßig erfolgen, statt Unstimmigkeiten aus falscher Höflichkeit unter den Teppich zu kehren.

Ein Regressverfahren gegen einen ehemaligen Vorstand ist also alles andere als ein Selbstläufer. Wer als Verein seine Ansprüche geltend machen will, braucht einen langen Atem, gute Nerven und vor allem eine lückenlose Beweisführung. Umso wichtiger ist es, durch klare interne Prozesse von vornherein dafür zu sorgen, dass das Vertrauen in die Vereinsführung nicht auf dem juristischen Prüfstand endet.


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Übergangsfrist und sozialrechtliche Realität https://www.tiefgang.net/uebergangsfrist-und-sozialrechtliche-realitaet/ https://www.tiefgang.net/uebergangsfrist-und-sozialrechtliche-realitaet/#respond Wed, 12 Aug 2026 10:06:42 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14376 [...]]]> Das „Herrenberg“-Urteil sorgte bei Musikschulen und Honorarkräften für Panik. Dann kam eine Übergangsregelung. Damit ist aber nicht genug. Neue Urteil belegen das …

Unbehagen schwingt in vielen Musikschulen, Kulturvereinen und Bildungsträgern im Land mit. Da wird im Stadtteil der wöchentliche Instrumentalunterricht organisiert, dort leitet eine engagierte Honorarkraft ein kulturspartenübergreifendes Jugendprojekt. Man schätzt die Flexibilität, die freie Zusammenarbeit – und ignoriert dabei oft das schwebende Damoklesschwert, das seit Jahren über der Freiberuflichkeit in der Kulturpädagogik hängt. Zwar hat der Gesetzgeber mit einer Fristverlängerung den akuten Druck etwas abgefedert, doch die Grundproblematik bleibt ungelöst. Musikschulen und Träger stehen vor der Frage: Wie lange trägt die trügerische Sicherheit noch, bevor die Realität des Sozialrechts zuschlägt?

Der Ausgangspunkt: das Herrenberg-Urteil

Der Auslöser für diese anhaltende Verunsicherung liegt im Sommer 2022. Damals entschied das Bundessozialgericht (BSG, Urteil vom 28.06.2022, Az. B 12 R 3/20 R) in einem Fall über eine Musiklehrkraft an einer kommunalen Musikschule. Die Richter urteilten, dass die Dozentin nicht selbstständig, sondern abhängig beschäftigt war.

Die Kriterien, die das Gericht damals anlegte, trafen die Kultur- und Bildungsszene hart: Wer fest in die organisatorischen Abläufe einer Einrichtung eingebunden ist, sich nach vorgegebenen Stundenplänen richten muss, Räume des Trägers nutzt und kein echtes unternehmerisches Risiko trägt, gilt sozialrechtlich als angestellt – völlig egal, was im Vertrag steht („Honorarkraft“ oder „freie Mitarbeit“).

Bereits frühzeitig wurde in früheren Analysen und Berichten darauf hingewiesen, welche Wucht diese Rechtsprechung entfalten wird (vgl. dazu die Analysen auch hier in Tiefgang: „Honorarkraft oder doch angestellt?“, 22.02.2025 und „Urteil bringt Musikschulen in Bedrängnis“, 20.04.2024). Denn während die Verträge oft Freiheit suggerieren, verlangt der organisatorische Alltag in Musikschulen meist nach engen Absprachen, festen Kurszeiten und gemeinsamen Auftrittsorten. Das Resultat war eine spürbare Panik vor massiven Nachforderungen der Sozialversicherungsträger für die Vergangenheit.

Der Gesetzgeber riss nach heftigen Protesten die juristische Notbremse: Um den Kollaps von Musikschulen, Volkshochschulen und freien Kulturträgern durch drohende, rückwirkende Sozialabgabenforderungen abzuwenden, wurde der Gesetzestext des Vierten Buches Sozialgesetzbuch (SGB IV) um eine entscheidende Vorschrift ergänzt.

Die Übergangsregelung nach § 127 SGB IV

Mit dem im Frühjahr 2025 eingeführten und zwischenzeitlich verlängerten § 127 SGB IV schuf der Gesetzgeber ein befristetes Moratorium. Die Vorschrift bewirkt, dass Lehrtätigkeiten, die nach den strengen Kriterien des Bundessozialgerichts eigentlich als abhängige Beschäftigung einzustufen wären, bis zum 31. Dezember 2027 unter bestimmten Bedingungen als fortgeltend selbstständig behandelt werden.

Das bedeutet konkret: Die Sozialversicherungsträger und die Deutsche Rentenversicherung (DRV) sehen vorübergehend von massiven Beitragsnachforderungen für die Vergangenheit und die laufende Übergangszeit ab. Aber, die Regelung ist keineswegs ein Freibrief ohne Bedingungen. Sie greift nur dann, wenn beide Vertragsparteien bei Vertragsschluss übereinstimmend von einer selbstständigen Tätigkeit ausgegangen sind und die betroffene Lehrkraft dem Hinausschieben der Versicherungspflicht nochmals ausdrücklich zugestimmt hat.

Die Realität vor Gericht

Trotz dieses politischen Schutzschirms zeigen nun aber jüngere Entscheidungen (Das Schleswig-Holsteinische Landessozialgericht (LSG, Urteil vom 31.03.2026, Az. L 10 BA 14/22)) der Sozialgerichtsbarkeit (unter anderem in Verfahren zur sozialrechtlichen Statusfeststellung, vgl. dazu auch die Einordnung beim Vereins- und Stiftungszentrum in „Freie Lehrtätigkeit und Sozialversicherungspflicht“), dass die Pforte für echte Selbstständigkeit im Unterrichtsbetrieb extrem schmal bleibt.

Und die Botschaft der Gerichte ist eindeutig: Die Übergangsregelung verschafft zwar den Einrichtungen wertvolle Zeit, ändert aber nichts an den Maßstäben ab dem 1. Januar 2028. Wer nach diesem Stichtag weiterhin mit Honorarkräften arbeiten will, muss den Beweis antreten, dass keine organisatorische Eingliederung vorliegt.

Was Träger und Vorständ*innen jetzt tun müssen

Die verbleibende Zeit bis Ende 2027 darf in Kulturvereinen und Bildungseinrichtungen nicht zum Abwarten verleiten. Folgende Schritte sind im Alltag essenziell:

  1. Vertrags-Check: Bestehende Honorarverträge auf die Voraussetzungen des § 127 SGB IV überprüfen und die notwendigen schriftlichen Einverständniserklärungen der Lehrkräfte einholen.
  2. Strukturprüfung: Kritisch analysieren, ob die freien Dozent*innen feste Stundenpläne erfüllen, Rauminfrastruktur des Trägers nutzen oder wie Angestellte in den Ablauf integriert sind.
  3. Weichenstellung für 2028: Rechtzeitig entscheiden, ob künftig reguläre sozialversicherungspflichtige Anstellungen geschaffen oder die Honorarverträge so umgestaltet werden, dass eine echte unternehmerische Freiheit (inklusive eigener Preisgestaltung und freier Zeiteinteilung) rechtssicher möglich ist.

Die Übergangsfrist ist zwar ein Puffer, löst jedoch das strukturelle Problem der Kulturpädagogik nicht dauerhaft. Wer die Frist ungenutzt verstreichen lässt, läuft sehenden Auges in die nächste finanzielle Krise. Bleibt festzuhalten: Die Schonfrist bis Ende 2027 ist kein Ruhekissen, sondern die letzte Chance, um Verträge und Strukturen rechtssicher aufzustellen. Wer jetzt nicht handelt, riskiert, dass der vermeintliche Rettungsanker nach dem Auslaufen der Frist zum Bumerang wird.


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Wer Wind sät, erntet Missverständnisse https://www.tiefgang.net/wer-wind-saet-erntet-missverstaendnisse/ https://www.tiefgang.net/wer-wind-saet-erntet-missverstaendnisse/#respond Tue, 11 Aug 2026 08:45:55 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=14367 [...]]]> Es war eine dieser Meldungen, die wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke und Redaktionsstuben zog: Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) plane, Vereine stärker zur Kasse zu bitten. Was war da los?

Die Rede war von der Streichung eines Freibetrags und der Einführung einer strikten Freigrenze, die im Zuge des Referentenentwurfs für das Einkommensteuerreformgesetz 2027 die Gemüter erhitzte. Die Opposition tobte, Verbände sprachen von einem „fatalen Signal“ an das Ehrenamt, und kurz darauf ruderte der Minister zurück mit den Worten: „Durch die öffentliche Debatte der letzten Tage ist allerdings der Eindruck entstanden, wir würden es den Tausenden Ehrenamtlichen in unseren Vereinen schwer machen wollen.“ (Lars Klingbeil, dpa, 10.08.2026).

Doch Moment: Handelte es sich hierbei schlicht um ein Missverständnis der Öffentlichkeit oder um eine unglückliche, weil unpräzise politische Kommunikation des Ministeriums? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick ins deutsche Vereinsrechts und die Abgabenordnung – dort, wo der feine Unterschied zwischen gemeinnützigem Engagement und wirtschaftlichem Zweckbetrieb über Sein oder Nichtsein entscheidet.

Das Fundament: Was regelt das Vereinsgesetz?

Um zu verstehen, wer von steuerlichen Änderungen überhaupt betroffen sein kann, müssen wir ganz vorne anfangen. Die rechtliche Basis eines jeden Vereins in Deutschland bildet das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) in Kombination mit dem Bundesvereinsgesetz (des Bundesministeriums des Innern, kurz BMI). Das Vereinsgesetz regelt primär die Organisation, die Rechte und Verbote von Vereinigungen sowie die Freiheit, sich zu organisieren (Artikel 9 Grundgesetz).

Im BGB wird zwischen zwei grundlegenden Typen unterschieden:

Der ideelle Verein (§ 21 BGB): Das ist die klassische Heimat für die überwältigende Mehrheit der Vereine in Deutschland. Er verfolgt keinen wirtschaftlichen Zweck. Hierzu zählen Sportvereine, Musikvereine, Chöre, Tierschutz- oder Heimatvereine.

Der wirtschaftliche Verein (§ 22 BGB): Ein Verein, dessen Hauptzweck auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gerichtet ist (auf den wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb ausgerichtet). Er erlangt die Rechtsfähigkeit durch staatliche Verleihung, ist aber im Vereinsalltag die absolute Ausnahme.

Gemeinnützigkeit vs. steuerpflichtiger Wirtschaftsverein

Die Krux im Fall Klingbeil lag von Beginn an in einer begrifflichen Unschärfe: Wer in Deutschland das Wort „Verein“ hört, denkt an den Sportverein um die Ecke. Das Finanzministerium meinte im Entwurf jedoch etwas ganz anderes – nämlich steuerpflichtige Körperschaften, Wirtschaftsvereine und Verbände.

Hier greift das Steuerrecht (die Abgabenordnung, AO):

Gemeinnützige Vereine: Sobald ein Verein vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt ist (weil er beispielsweise mildtätige, kirchliche oder gemeinnützige Zwecke wie Kunst und Kultur fördert), genießt er weitreichende Steuerprivilegien. Er ist von der Körperschaftsteuer und der Gewerbesteuer weitgehend befreit.

Körperschaftssteuerpflichtige (Wirtschafts-)Vereine: Das sind Zusammenschlüsse, die eben nicht gemeinnützig sind – etwa reine Wirtschaftsverbände, bestimmte Berufsorganisationen, kommerziell agierende Clubs oder Vereine, die massiven, nicht-begünstigten Vermögens- oder Gewerbebetrieb unterhalten. Diese unterliegen voll der Körperschaft- und Gewerbesteuer.

Des Teufels Detail: Freibetrag versus Freigrenze

Warum aber regte sich überhaupt so viel Widerstand? Der Referentenentwurf sah vor, für diese steuerpflichtigen Körperschaften den bisherigen Freibetrag von 5.000 Euro durch eine Freigrenze von 1.000 Euro zu ersetzen.

Der Freibetrag (bisher): Er funktioniert wie ein Schutzschild. Selbst wenn ein steuerpflichtiger Verein Gewinne erwirtschaftet, blieben die ersten 5.000 Euro komplett steuerfrei. Nur der Betrag, der über 5.000 Euro hinausging, wurde versteuert.

Die Freigrenze (geplant): Hier drohte die harte Kante. Beträgt der Gewinn beispielsweise 1.050 Euro, würde bei einer Freigrenze von 1.000 Euro nicht etwa nur der Überschuss (50 Euro) besteuert, sondern das gesamte Einkommen.

Es war also (wieder mal) ein hausgemachtes Kommunikationsproblem in Klingbeils Ressort. Das Ministerium verteidigte sich: Im juristischen und steuerlichen Jargon sei völlig klar, dass ein gemeinnütziger Musikverein oder Sportverein gar nicht unter die Kategorie „steuerpflichtige Körperschaften, Personenvereinigungen oder Vermögensmassen“ falle, solange er sich im Rahmen seiner gemeinnützigen Zwecke bewegt. Der Entwurf zielte angeblich nur und explizit auf steuerpflichtige Verbände und Wirtschaftsvereine ab. Wer jedoch in der Realität Gesetzentwürfe liest, stolpert über den pauschalen Oberbegriff. Wenn in einem Atemzug von der Belastung von Vereinen gesprochen wird, ohne im ersten Satz gebetsmühlenartig die Differenzierung nach Paragraf 51 AO zu wiederholen, schrillen an der Basis zu Recht die Alarmglocken. Minister Klingbeil räumte dieses Dilemma indirekt ein, als er betonte: „Durch die öffentliche Debatte der letzten Tage ist allerdings der Eindruck entstanden, wir würden es den Tausenden Ehrenamtlichen in unseren Vereinen schwer machen wollen“ (Lars Klingbeil, ebenso dpa, 10.08.2026).

Schauen wir uns nun an, wie sich diese steuerlichen Mechanismen (Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer und Umsatzsteuer) anhand konkreter Beispiele aus der Praxis auf verschiedene Vereinstypen auswirken und wo die echten Stolpersteine liegen. Wie schaut die Realität hinter diesen steuerlichen Mechanismen aus? Und welche konkreten Vereine trifft das Gesetz wirklich? Schauen wir in die Werkzeugkiste des Steuer- und Vereinsrechts.

Das Zusammenspiel von Körperschaft-, Gewerbe- und Umsatzsteuer

Um zu verstehen, warum etwa ein gemeinnütziger Musikverein anders dasteht als ein kommerziell ausgerichteter Wirtschaftsverband, müssen drei Steuerarten unterschieden werden:

  1. Die Körperschaftsteuer: Sie besteuert den Gewinn von Körperschaften (wie Vereinen oder Kapitalgesellschaften).
    • Gemeinnützige Vereine sind hier nach § 5 Abs. 1 Nr. 9 KStG befreit, weil sie steuerbegünstigte Zwecke verfolgen.
    • Wirtschaftliche Vereine oder Verbände ohne Gemeinnützigkeit zahlen hierfür regulär den Körperschaftsteuersatz. Genau hier setzte Klingbeils geplanter Hebel an: Statt des bisherigen Freibetrags von 5.000 Euro (bei dem nur die Summe oberhalb von 5.000 Euro versteuert wird) sollte eine strikte Freigrenze von 1.000 Euro eingeführt werden (dazu z.B. Haufe, August 2026).
  2. Die Gewerbesteuer: Sie knüpft an den gewerblichen Betrieb an. Gemeinnützige Vereine haben zwar steuerfreie Bereiche (wie den ideellen Bereich oder Zweckbetriebe), betreiben sie jedoch einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb (etwa eine große kommerzielle Festwirtschaft), greifen Freigrenzen (z. B. die steuerliche Freigrenze für wirtschaftliche Geschäftsbetriebe von 45.000 Euro Bruttoeinnahmen nach § 64 Abs. 3 AO).
  3. Die Umsatzsteuer: Sie betrifft den Endverbraucher und ist unabhängig von der Gemeinnützigkeit, kennt aber für bestimmte kulturelle oder gemeinnützige Leistungen (z. B. Theateraufführungen von öffentlich geförderten oder gemeinnützigen Trägern) gezielte Befreiungen.

Nehmen wir mal zwei Beispiele aus der Praxis:

Fall A: Der gemeinnützige Kulturverein (z. B. ein lokaler Musikverein)

Er veranstaltet Konzerte, bildet Jugendliche aus und betreibt einen kleinen, ehrenamtlich organisierten Getränkestand beim Dorffest. Da er als gemeinnützig anerkannt ist, greifen die Steuerprivilegien der Abgabenordnung (§§ 51 ff. AO). Der Getränkestand läuft im Rahmen eines steuerbegünstigten Zweckbetriebs oder bleibt im Rahmen der gesetzlichen Freigrenzen völlig steuerfrei. Klingbeils geplante Freigrenzen-Änderung berührte diesen Verein in der Praxis kein einziges Mal, da er ohnehin körperschaftsteuerbefreit ist (vergleiche hierzu: Haufe, August 2026).

Fall B: Der nicht-gemeinnützige Wirtschafts- oder Profisportverein

Er vermietet große Immobilienbestände, führt reine Dienstleistungen aus oder gewerblichen Events ohne den Satzungszweck der Gemeinnützigkeit. Damit ist er körperschaftsteuerpflichtig. Bisher durfte ein solcher Verein bis zu 5.000 Euro Gewinn steuerfrei behalten (Freibetrag). Hätte die Reform gegriffen, wäre bei einem Gewinn von 1.050 Euro plötzlich das gesamte Einkommen voll zu versteuern gewesen (Freigrenze). Genau diese Gruppe sollte mit rund 45 Millionen Euro Mehrertrag pro Jahr belastet werden (WELT am Sonntag, 09., August 2026).

Wer hat hier also wen missverstanden?

Wenn in einer ohnehin aufgeheizten wirtschaftspolitischen Lage von der „Änderung des Freibetrags für steuerpflichtige Körperschaften“ gesprochen wird, ohne im ersten Satz unmissverständlich klarzustellen, dass gemeinnützig anerkannte Vereine absolut sicher sind, ist die mediale Panik hausgemacht. Finanzminister Lars Klingbeil nahm den umstrittenen Passus nun vom Tisch. Und um zu klären, ob es wirklich „nur“ die Wirtschaftsvereine getroffen hätte, müsste man den nun ad acta gelegten Entwurf im Detail beleuchten. Die Debatte offenbart aber ohnedies, wie sensibel das Thema Ehrenamt und Vereinsfinanzen in Deutschland besprochen wird.


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