Gunter Demnig – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Mon, 26 Oct 2020 16:10:00 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.5 Johanne, Frieda und Klara https://www.tiefgang.net/johanne-frieda-und-klara/ Fri, 30 Oct 2020 23:00:18 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=7310 [...]]]> Lange haben sie gekämpft, dass drei NS-verfolgte Frauen nicht in Vergessenheit geraten. Nun werden drei neue Wege nach ihnen benannt. Ein gutes Zeichen.  

Die `Initiative Gedenken in Harburg´ und viele andere setzten sich seit langem dafür ein, dass die Harburgerinnen Frieda Cordes, Johanne Günther und Klara Laser, die in der NS-Zeit Verfolgten geholfen haben, nicht vergessen werden. Nun ist es für sie ein ermutigendes Zeichen, dass der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg beschlossen hat, drei neue Wege im Stadtteil Neugraben-Fischbek nach ihnen – und eine weitere Straße nach Sophie Scholl – zu benennen. Darüber hinaus werden 14 weitere Wege nach jüdischen Frauen benannt, die die Shoa nicht überlebten. An ihr Schicksal erinnern im Hamburger Süden inzwischen auch `Stolpersteine´, die in den letzten Jahren von Gunter Demnig zumeist persönlich an zahlreichen Orten verlegt wurden (www.stolpersteine-hamburg.de). Mit diesem Beschluss unterstützt der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg die ernsthaften Bemühungen zahlreicher Personen und Gruppen, den beträchtlichen Unterschied in der Gesamtzahl der nach Männern und der nach Frauen benannten Straßen im Bereich der Stadt nachhaltig zu verringern.

Johanne Günther – `Der Engel von Harburg´

Johanne Wassul wurde am 28.6.1876 in Tilsit in der damaligen Provinz Ostpreußen des Deutschen Reiches geboren, wo sie die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte. Nachdem ihr Vater von seinem Dienstherrn, einem preußischen Adligen, entlassen worden war, weil er ihm nicht den nötigen Respekt erwiesen hatte, verließ die Familie ihre ostpreußische Heimat. Die Industriestadt Harburg an der Elbe war für sie offenbar der richtige Ort für einen hoffnungsvollen Neubeginn. Hier engagierte Johanne Wassul sich schon in jungen Jahren ehrenamtlich in der Heilsarmee, und hier heiratete sie später den Badewärter Paul Günther (8.3.1877 – 12.5.1945). Die jungen Eheleute fanden eine Wohnung in der Lassallestraße 24 im Phoenixviertel der Stadt, in der drei Kinder ihnen bald Gesellschaft leisteten. Ein Sohn starb allerdings schon bald nach seiner Geburt.

Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Johanne Günther in der nahe gelegenen Harburger Jutespinnerei und -weberei, in der auch viele vor allem aus Osteuropa verschleppte Frauen Zwangsarbeit leisten mussten. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig, was die meisten Deutschen unberührt ließ. Nicht jedoch die 66jährige Johanne Günther. Sie blickte diese armseligen Geschöpfe nicht mürrisch oder gar feindselig an, wenn sie ihren Weg kreuzten, sondern schenkte ihnen ein freundliches Lächeln. Sie half ihnen, wann immer sie konnte, wenn es darum ging, einen Fehler auszubügeln, bevor der Werkmeister ihnen Sabotage unterstellte. Hier und wieder steckte sie ihnen unauffällig auch einen Apfel oder eine Scheibe Brot zu.

Ein besonders großes Herz hatte sie für die Russin Tamara Marková aus Taganrog am Asowschen Meer. Mit ihrer Herzensgüte war sie für die junge Russin eine `Babuschka´, ein Großmütterchen. Zweimal lud sie die mit ihrem Schicksal hadernde Kollegin sogar zu sich nach Hause ein, indem sie ihr half, sich bei den gelegentlichen Sonntagnachmittagsausflügen heimlich für eine Stunde von der beaufsichtigten Gruppe zu entfernen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die beiden Frauen sich aus den Augen, aber die Erinnerung an Johanne Günther verblasste bei Tamara Marková in all den Jahren danach nie. Als sie in hohem Alter im Mai 2003 als freier Mensch auf Einladung des Hamburger Senats noch einmal nach Harburg zurückkehrte, war es ihr größter Wunsch, das Grab ihrer Wohltäterin aufzusuchen und ihr aus ganzem Herzen für ihre einzigartige Menschlichkeit zu danken. Ein Grabstein mit der Inschrift `Johanne Günther, geb. Wassull, 28.6.1876 – 26.11.1949. Unvergessen in den Herzen vieler Zwangsarbeiterinnen 1942 – 1945´ erinnert heute an diese couragierte Harburgerin.

Klara Laser

Klara Laser, geb. Runkwitz, (*11.3.1877 – 26.3.1969) war mit dem erfolgreichen Harburger Kaufmann Salomon (Sally) Laser verheiratet, der in jungen Jahren das renommierte Geschäft `J. Weinthal´ für Herren-, Knaben- und Berufsbekleidung an der Ecke Lüneburger Straße/ Sand in der Harburger Altstadt übernommen hatte. Privat bewohnten die beiden Eheleute mit ihren drei Kindern Margarete (*19.6.1908), Kurt (*9.12.1912) und Ilse (*10.9.1916) ein kleines Haus im Langenberg 12 in Appelbüttel vor den Toren der Stadt. Alle drei Kinder erhielten kurz nach ihrer Geburt in der Ev.-Luth. Dreifaltigkeitskirche in der Neuen Straße wie ihre Mutter das Sakrament der Taufe.

Nach 1933 blieb die Familie nicht von schwerwiegenden Veränderungen verschont. Sally Laser war Jude, und der Boykott-Aufruf des Harburger Magistrats und der Harburger NSDAP betraf auch sein Geschäft. Der Druck verschärfte sich in den folgenden Jahren vor allem nach der Verkündung der `Nürnberger Gesetze´, durch die Ehen zwischen `Nichtariern´ und `Ariern´ zu `Mischehen´ und die Kinder dieser Eheleute zu `Mischlingen´ erklärt wurden. Angesichts dieser Zuspitzung der Lage entschieden Kurt und Ilse Laser sich zur Emigration in die USA und nach Spanien. Kurz vor dem Auswanderungsverbot für Juden im Oktober 1941 gelang auch ihrem Vater noch die Flucht nach Kuba, nachdem er sich vorher von seinem Geschäft hatte trennen müssen.

Seine Frau und seine Tochter Margarete blieben in Harburg zurück. Heute lässt sich nicht mehr klären, welche Beweggründe für Klara Laser im Herbst 1942 ausschlaggebend dafür waren, in dieser sowieso schon nicht ganz ungefährlichen privaten Situation noch ein zusätzliches Risiko einzugehen und ein jüdisches Waisenkind bei sich aufzunehmen. Helmut Wolff war damals sechs Jahre alt. Seine Mutter Anna Maria Kugelmann, geb. Wolff, und ihr Mann Robert Donald Kugelmann sowie seine Großeltern Gottfried und Lydia Wolff hatten sich am 18. und 19. Juli 1942 kurz vor ihrer angeordneten Deportation nach Theresienstadt das Leben genommen, was der Junge damals noch nicht wusste. Seine Mutter hatte ihn vor ihrem Freitod in den Sommerferien guten Freunden in Potsdam anvertraut, und von dort führte seine Odyssee über zwei weitere Familien zu Klara Laser in Hamburg-Appelbüttel. Sie war für Helmut Wolff eine Ersatz-Großmutter. Sie schottete den Jungen nicht hermetisch von der Außenwelt ab, sondern meldete ihn unerschrocken beim Einwohneramt und in der Schule als uneheliches Kind ihrer Tochter Margarete an.

Mit seinem zunehmenden Alter und seinem regelmäßigen Kontakt zu Gleichaltrigen wuchsen auch die Probleme, die Helmut Wolff in Appelbüttel auslöste. Doch Klara Laser stellte sich der Herausforderung auch in höchst brenzligen Situationen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs war für beide – für Klara Laser und für Helmut Wolff – eine Erlösung. Für Klara Laser ging es nach der glücklichen Rückkehr ihres Mannes aus dem Exil in erster Linie darum, ihm zur Seite zu stehen und seinen beruflichen Neubeginn nach Kräften zu fördern, während Helmut Wolff den weiteren Teil seiner Kindheit und Jugend in der Familie Margarete Lasers verbrachte, die nach dem Ende des NS-Zeit frei in der Wahl ihres Ehepartners war.

Frieda Cordes

Friederike (Frieda) Kistner (3.8.1895 – 27.7.1978) verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der Industriestadt Harburg a. d. Elbe. 1922 heiratete sie den Schlosser Georg Cordes und zog mit ihm in eine Wohnung im II. Stock eines Miethauses in der Kurzen Straße 1 (heute: Konsul-Renck-Straße) im so genannten Phoenixviertel. Dieses dicht besiedelte Wohnquartier war in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts im Zuge der rasanten Industrialisierung und der explodierenden Entwicklung der Einwohnerzahlen der Stadt praktisch aus dem Boden gestampft worden. Zu den Mitbewohnern des Hauses zählten die jüdischen Eheleute Hermann (*13. 11.1878) und Elisabeth Goldberg, geb. Simon, (*16.5.1882) mit ihren drei Töchtern Erna (*13.1.1909), Reta (24.3. 1910) und Henny (26.7.1915), die vorher einige Jahre in Wilhelmshaven gelebt hatten. Hermann Goldberg war in Cieszkowice im damals österreichischen Galizien (heute: Ukraine) zur Welt bekommen und hatte dort auch seine Kindheit verbracht. Frieda Cordes und Elisabeth Goldberg waren nicht nur einfache Nachbarinnen, sondern auch gute Freundinnen. Diese Freundschaft war für beide Familien in den Jahren der Weltwirtschaftskrise von unschätzbarem Wert und erwies sich in den Jahren nach 1933 als noch segensreicher. Am 28. Oktober 1938 gehörten Hermann und Elisabeth Goldberg mit ihren drei Töchtern zu den ca. 17.000 Juden polnischer Herkunft, die in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in das östliche Nachbarland abgeschoben wurden. Während Reta und Henny Goldberg kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch nach England ausreisen konnten, mussten ihre Eltern und ihre Schwester Erna zwei Jahre später nach der Besetzung Polens durch deutsche Truppen in das völlig überfüllte Getto der Stadt Tarnow übersiedeln. Die Pakete und Briefe, die Frieda Cordes den Leidgeprüften in diesen Tagen schrieb und schickte, waren die einzigen Zeichen von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Als die `Aktion Reinhardt´, die Ermordung der polnischen Juden, im Frühjahr 1942 begann, brach der Kontakt ab. Frieda Cordes hat die Briefe mit den verzweifelten Hilferufen und den nie ausbleibenden Dankesworten der vertriebenen Freunde aufbewahrt und nach dem Zweiten Weltkrieg den beiden Töchtern Reta und Henny Goldberg als private Zeugnisse der Erinnerung an ihre ermordeten Eltern übergeben.

Weiterführender Link: www.gedenken-in-harburg.de

 

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20 Jahre Gedenken, 15 Jahre Stolpern https://www.tiefgang.net/20-jahre-gedenken-15-jahre-stolpern/ Fri, 17 Aug 2018 22:42:33 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=4016 [...]]]> Die „Initiative Gedenken in Harburg“ feiert in Kürze gleich zwei Jubiläen. Eigentlich ein Grund zum Feiern, wären die Anlässe nicht so tragisch …

Die `Initiative Gedenken in Harburg´ wurde im Herbst 1998 gegründet und stellt sich seitdem der Aufgabe, die Geschichte des Nationalsozialismus in Harburg zu beleuchten, das nationalsozialistische Unrecht vorbehaltlos aufzuzeigen und der Harburger Opfer des NS-Regimes zu gedenken. Dieses Engagement ist mit der Hoffnung verbunden, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.

Die Erinnerungsarbeit der `Initiative Gedenken in Harburg´ umfasst u.a.:

  • die Koordination der jährlichen Harburger Gedenktage,
  • die Unterstützung des Stolperstein-Projekts vor Ort,
  • die Erforschung der Lebenswege von Harburgerinnen und Harburgern, die widerständig waren oder nicht dem nationalsozialistischen Weltbild entsprachen,
  • die Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Frauen, die im Winter 1944/1945 grauenvolle Tage im KZ-Außenlager Neugraben erlebten,
  • die intensive Pflege von Kontakten und die Begegnung mit Menschen, die in der NS-Zeit in Harburg verfolgt wurden und noch heute darunter leiden,
  • die Betreuung von Schulprojekten zur NS-Vergangenheit vor Ort.

Die `Initiative Gedenken in Harburg´ ist dem Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost angegliedert und wird von der Harburger Bezirksversammlung unterstützt. Für ihr gesellschaftspolitisches Engagement wurden die Mitglieder 2009 mit dem Harburger Bürgerpreis, 2015 mit dem Sonderpreis der Harburger Bezirksversammlung und der Harburger Bezirksverwaltung für ehrenamtliches Engagement und 2016 mit dem Hans-Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee ausgezeichnet.

`Stolpersteine – Spuren und Wege´ mit Gunter Demnig, Freitag, d. 21. September 2018, 19.30 Uhr, St. Trinitatis-Kirchengemeinde, Bremer Str. 9, 21073 Hamburg, Eintritt frei

Gedenkveranstaltung

anlässlich der Einweihung von 24 weiteren STOLPERSTEINEN für Harburger Opfer Nationalsozialismus, Mittwoch, d. 26. 9. 2018, 11.00 Uhr, Kulturzentrum Riekhof, Rieckhoffstraße 12, 21073 Hamburg.

Die `Initiative Gedenken in Harburg´ und die Oberschule Neu Wulmstorf laden zu einer weiteren Gedenkveranstaltung für Harburger Opfer des Nationalsozialismus ein. Sie findet am Mittwoch, 26. September, um 11.00 Uhr im Kulturzentrum Rieckhof, Rieckhofstraße 12, 21073 Hamburg, statt. Eintritt frei.

24 neue STOLPERSTEINE erinnern an das Schicksal von Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Ihre Geschichte haben auch diesmal wieder Mitglieder der `Initiative Gedenken in Harburg´ erforscht und aufgezeichnet. Dass die Ermordeten nicht in Vergessenheit geraten, ist erneut dem Engagement vieler Freunde dieses Erinnerungsprojekts zu verdanken, die abermals die Herstellung und Verlegung weiterer STOLPERSTEINE im Süden Hamburgs finanziell ermöglichten. Zu diesen engagierten Menschen gehören in diesem Jahr erneut viele Jugendliche. Allein 14 dieser neuen STOLPERSTEINE (à 120,- €) wurden von Schülerinnen und Schülern der Oberschule Neu Wulmstorf und des regionalen Bildungs- und Beratungszentrums Harburg in Auftrag gegeben.

Diese jungen STOLPERSTEIN-Freunde werden den Künstler im Samstagvormittag, 22. September 2018, bei der Verlegung dieser Mini-Denkmale mit den Namen der Ermordeten und Hinweisen zu ihrem Verfolgungsschicksal begleiten und sie dann vier Tage später im Rahmen der oben genannten Gedenkveranstaltung im Kulturzentrum Rieckhof offiziell einweihen und der Öffentlichkeit übergeben.

Im Rahmen dieser öffentlichen Veranstaltung, die von Klaus Barnick, Sprecher der `Initiative Gedenken in Harburg´ moderiert wird, werden sie die Namen aller 24 Harburger Opfer, für die neue STOLPERSTEINE verlegt wurden, mit Hinweisen zu ihrem Verfolgungsschicksal verlesen. Darüber hinaus werden sie die musikalische Umrahmung der Gedenkstunde gestalten. Auf ihren Wunsch hin wird Pastor Dr. Florian Schneider, Ev.-Luth. Lutherkirche Neu Wulmstorf, zu den Anwesenden – darunter auch den Angehörigen zweier Harburger, die zu den Opfern des Nationalsozialismus zählen, – sprechen. Die Veranstaltung endet mit der Enthüllung des STOLPERSTEINS für Bernhard Schreiber in der Wilstorfer Straße 45 – stellvertretend für die Einweihung aller anderen 23 STOLPERSTEINE – durch einen Schüler der Oberschule Neu Wulmstorf.

Gedenkveranstaltung anlässlich der Einweihung von 24 Stolpersteinen für Harburger Opfer des Nationalsozialismus Mittwoch, d. 26. September 2018, 11.00 Uhr, Kulturzentrum Rieckhof, Rieckhoffstraße 12, 21073 Hamburg, Eintritt frei

Weiterführender Link: www.gedenken-in-harburg.de

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15 Jahre des Stolperns https://www.tiefgang.net/15-jahre-des-stolperns/ Fri, 26 Jan 2018 23:32:18 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2890 [...]]]> Seit 15 Jahren und Stein um Stein hält ein Künstler auch in Hamburg auf eine ganz eigene Art das Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus wach. Ein Film würdigt diese Arbeit.

Am 3. Februar 2003 wurden die ersten Stolpersteine in Harburg und Wilhelmsburg verlegt. In den 15 Jahren sind viele weitere dazu gekommen. Unsere Serie hier in ´Tiefgang` dokumentiert einige wenige davon. Traurig genug. Aus Anlass des 15jährigen Jubiläums lädt nun die Initiative ´Gedenken in Harburg` der Ev.-Luth. Reiherstiegkirchengemeinde und der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen zu einem Filmabend am Mittwoch, d. 31.1.2018, 19.00 Uhr, im Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Kirche, Georg-Wilhelm-Straße 121, 21107 Hamburg, ein. Gezeigt wird der Dokumentarfilm ´Stolperstein` von Dörte Franke, der in 76 Minuten den Stolperstein-Künstler Gunter Demnig porträtiert, der Initiator dieses Erinnerungsprojekts. Damit skizziert der Film zugleich die Entwicklung dieses speziellen Beitrags zur europäischen Denkmalskultur.

Die ersten Wilhelmsburger Stolpersteine erinnern an Hermine Baron, die am 23.1.1943 im Getto Theresienstadt umkam, an ihre Tochter Katharina Leipelt, die am 9.12.1943 im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel tot aufgefunden wurde, und an ihren Enkel Hans Leipelt, dessen Leben am 29.1.1945 im Gefängnis München-Stadelheim unter dem Fallbeil endete.

Mitglieder der `Initiative Gedenken in Harburg´ und der `Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen´ gehören seit vielen Jahren zu den mehr als 300 ehrenamtlich tätigen Forscherinnen und Forschern der Hamburger Projektgruppe `Biografische Spurensuche´, die im Herbst 2006 von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg (Dr. Rita Bake) und dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Dr. Beate Meyer) ins Leben gerufen wurde. Unter wissenschaftlicher Anleitung haben sie in den letzten zehn Jahren rd. 3.000 Biografien von Menschen erarbeitet, für die in Hamburg Stolpersteine gesetzt worden sind oder gesetzt werden sollen.

Die Ergebnisse dieser Recherchen wurden in den bisher erschienenen 17 Bänden der Buchreihe `Stolpersteine in Hamburg – Biografische Spurensuche´, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hrsg.) und auf der Website www . stolpersteine-hamburg.de veröffentlicht. Die Bücher sind zum Preis von 3,- € in der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Dammtorwall 1, 20354 Hamburg, erhältlich.

Über 61.000 Namen

Besondere Beachtung verdient die Tatsache, dass es den Mitgliedern der `Initiative Gedenken in Harburg´ und der `Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen´ in den letzten Jahren gelungen ist, auf der Grundlage ihrer Recherchen Kontakte zu zahlreichen Angehörigen der Ermordeten zu knüpfen und mehrere denkwürdige Schülerprojekte zu initiieren.

Im Zentrum des Dokumentarfilms der Regisseurin Dörte Franke steht Gunter Demnig, Konzeptkünstler mit Cowboyhut, der mittlerweile über 61.000 Namen von NS-Opfern in die Bürgersteige Deutschlands und Europas einbetoniert hat. Dörte Franke begleitet ihn auf seiner Fahrt. Sie begegnet dabei Menschen, bei denen diese Minidenkmale auf ganz unterschiedliche Weise einen Nerv treffen.

In Hamburg polieren drei Frauen mühevoll Stolpersteine, um das schwierige Erbe ihrer SS-Väter zu verarbeiten. In Großbritannien kämpft ein Mann um Stolpersteine vor dem Haus seiner ermordeten Eltern in München und scheitert am Münchner Bürgermeister Christian Ude und Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland. In Österreich sehen zwei Sinti in den Stolpersteinen in Hochburg-Ach einen Grabsteinersatz für ihren Großvater. In Ungarn will eine junge Frau durch das Kunstprojekt ihre Landsleute zum Reden über eine verdrängte Vergangenheit bringen. Der Film ist sowohl Künstlerporträt als auch Roadmovie und dokumentiert zugleich die Geschichte des größten, dezentralen Denkmals der Welt. Dörte Franke porträtiert einen rastlosen Künstler, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, ausgelöschte Biografien zurück in den Alltag zu bringen. Er legt dabei großen Wert darauf, dass jeder Stein in mühsamer Handarbeit gefertigt und verlegt wird, da er davon überzeugt ist, dass nur so ein individuelles Schicksal nach Hause gebracht werden kann.

Hinter jedem Stolperstein stehen engagierte Helfer und private Spenden. In den letzten Jahren hat sich vielerorts eine Bürgerbewegung formiert, die täglich weiter wächst. Und immer mehr Menschen werden durch diese kleinen Messingplatten zugleich zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit angestoßen, der sie lange ausgewichen sind.

Stolpersteine für Hans und Katharina Leipelt sowie für Hermine Baron

Die ersten Wilhelmsburger Stolpersteine wurden am Montag, d. 3. Februar 2003, von Gunter Demnig, dem Initiator des Erinnerungsprojekts, in der Mannesallee 20 verlegt. Sie erinnern an Hans (18.7.1921 – 29.1.1945) und Katharina Leipelt, geb. Baron, (28.5.1892 – 9.12.1943) sowie an Hermine Baron, (15.9.1866 – 22.1.1943), die einst dort wohnten und von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Katharina Baron wuchs als evangelisch getauftes Mädchen in einem ursprünglich jüdischen Elternhaus in Wien auf. Nach ihrer Promotion heiratete sie den katholischen Dipl. Ing. Conrad Leipelt, den späteren Direktor der Wilhelmsburger Zinnwerke am Veringkanal.

Die Nürnberger Rassengesetze der Nationalsozialisten von 1935, die alle Menschen, die jüdische Eltern bzw. zwei jüdische Großeltern hatten, zu Nichtariern erklärten, griffen tief in das Leben Katharina Leipelts und ihrer Familie ein. Ihr Sohn Hans wurde 1940 unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen und 1941 von der Hamburger Universität vom Studium ausgeschlossen. Ihre evangelisch getaufte Mutter wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Noch bedrohlicher wurde die Lage, als Katharinas Leipelts Ehemann 1942 starb und ihr Sohn 1943 verhaftet wurde, nachdem er Flugblätter der `Weißen Rose´, einer Münchner Widerstandsgruppe, verteilt und Geld für die Angehörigen der Familie eines ihrer ermordeten Mitglieder gesammelt hatte. Auch Katharina Leipelt wurde festgenommen und kurz danach tot in ihrer Zelle im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel aufgefunden. 13 Monate später endete Hans Leipelts Lebensweg auf dem Schafott. Er war der letzte Todeskandidat, der vor dem Ende der NS-Herrschaft mit dem Fallbeil in der Haftanstalt München-Stadelheim hingerichtet wurde.

Weiteführende Links: www.gedenken-in-harburg.de, www.stolpersteine-hamburg.de

Termin: 31. Jan. 2018, Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Kirche, Georg-Wilhelm-Straße 121, 21107 Hamburg, 19h

Siehe auch: sued-kultur.de

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„Erinnern für die Zukunft“ https://www.tiefgang.net/erinnern-fuer-die-zukunft/ Fri, 13 Oct 2017 22:16:57 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2144 [...]]]> Das menschliche Zusammenleben ist zuweilen schwer zu verstehen. Denn vieles ist im Gestern begründet. Im November wird in Harburg an vieles erinnert. Und die Termine zeigen, wie wichtig dies ist …

„Erinnern für die Zukunft“ – unter diesem Motto finden die Harburger Gedenktage im Jahr 2017 in einer neuen Form statt. Und zwar den kompletten November 2017 über finden verschiedenste Veranstaltungen statt. Und zwar 24 an der Zahl! Dabei gibt es Rundgänge, Vorträge, Diskussionen, Lesungen, Filmbeiträge oder gar Ausstellungen und Projektarbeit.

Es beteiligen sich dabei Harburger Schulen, Kultureinrichtungen, politische und gesellschaftliche Organisationen und Vereine mit Beiträgen und Veranstaltungen. Damit sind die Gedenktage vielfältig wie der Bezirk selbst. Die Harburger Gedenktage erinnern an die Opfer und die Verfolgten des Nationalsozialismus – mit dem Fokus auf Akteure und Ereignisse im Bezirk Harburg. Sie schauen aber auch auf die Gegenwart und die Zukunft. Extremismus, Diskriminierung und Verfolgung, Flucht und Vertreibung, Krieg, Selbstbehauptung und Widerstand sind auch aktuelle Themen.

Vielfalt an Beteiligten

Und an Beteiligten ist kaum mehr aufzubieten: Die Liste reicht vom Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, über die Bücherhalle Harburg, den Roten Sessel, das Friedrich-Ebert-Gymnasium,  Geschichtswerkstatt Harburg, Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen, die Initiative Gedenken in Harburg, das Künstlerisch-kulturelles Integrationsprojekt „Wir sind Harburg“, KulturWerkstatt Harburg e.V, Libertäre H-Burg, Regionales Bildungs- und Beratungszentrum Harburg, Süderelbe-Archiv, VVN/BdA Harburg bis zum welt*RAUM. Unterstützt durch die Bezirksversammlung Harburg, das Bezirksamt und den Evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Hamburg-Ost.

Das komplette Programm zum Herunterladen unter: Harburger_Gedenktage_2017_Programm

Hier eine kleine Auswahl an Terminen:

Marione Ingram

Mi., 1. Nov. 18 Uhr, Friedrich-Ebert-Gymnasium, Pausenmehrzweckhalle, Alter Postweg 30-38, Zugang Eingang Petersweg 6

Zeitzeugengespräch: Marione Ingram über Verfolgung und Rettung im Nationalsozialismus

Marione Ingram ist sowohl Überlebende der Shoa als auch der „Operation Gomorrha“, die Hamburg für zehn Tage in ein Flammenmeer verwandelte und als „Feuersturm“ erinnert wird. Sie ist aus den USA zu Gast und liest aus ihrem Buch „Kriegskind, eine jüdische Kindheit in Hamburg“. Die heute 82-jährige Marione Ingram (sprich: Marion) beschreibt darin, wie sie als achtjähriges Mädchen 1943 der Deportation nach Auschwitz knapp entkommen ist, weil ausgerechnet in der Nacht zuvor die massiven Angriffe der britischen und US-amerikanischen Armee begannen. Marione konnte sich mit ihrer Mutter in einem Bombenkrater in Sicherheit bringen. Dank ihres mutigen Vaters, der immer zu seiner jüdischen Frau gestanden hat, konnten Marione, ihre jüngere Schwester und ihre Mutter die letzten Jahre der Nazi-Terrorherrschaft in einem Gartenhaus versteckt in Hamburg-Rahlstedt überleben. Alle drei sind Anfang der 1950er Jahre in die USA ausgewandert. Dort hat sie ihre traumatischen Erfahrungen in politisches Engagement für die Bürgerrechtsbewegung umgewandelt. Auch dies schildert sie in dem Buch, ebenso wie ihre schlimmen Erinnerungen an die ersten Schuljahre an einer deutschen Schule als gerade erst zehnjähriges Mädchen kurz nach der Befreiung. Wir freuen uns, dass sie nach der Lesung für Fragen bereit steht.

Anmeldung erbeten unter stefanie.engel@ebert.hamburg.de

Veranstalter: Friedrich-Ebert-Gymnasium

Sa., 4. Nov, 15 Uhr, Treffpunkt: Herbert-Wehner-Platz, S-Bahn-Station Harburg Rathaus (S 3, S 31), Ausg. Großer Schippsee

Rundgang: Gedenkorte mit Stolpersteinen für Harburger Opfer des Nationalsozialismus

Erinnerungsarbeit mit der Vierkaten-Schule aus Neu Wulmstorf. (Foto: GiH)

„Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“ – Das sagt der Kölner Künstler Gunter Demnig, der seit 1995 mit seinem Projekt Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Stolpersteine sind mit Messingplatten bezogene Pflastersteine mit den Namen und Lebensdaten der ermordeten Menschen. Sie werden auf den Gehwegen vor den Häusern verlegt, in denen diese Menschen einst lebten oder arbeiteten. Der Rundgang dauert ca. 45 Minuten und führt zu vier Gedenkorten mit fünf – von insgesamt 207 – Harburger Stolpersteinen. Eine Veranstaltung im Rahmen des Harburger Kulturtages.

Beitrag: 3 € | Veranstalter: Initiative Gedenken in Harburg

Anna Pröll (Archiv Pröll)

So., 5. Nov., 17 Uhr (Einlass ab 16 Uhr), Sauerkrautfabrik, Kleiner Schippsee 22, Eingang: Am Wall

Film: „Anna, ich hab Angst um dich“

Regie Josef Pröll, Deutschland 2001

Der Dokumentarfilm zeigt Auszüge aus dem Leben von Anna Pröll, die während der Zeit des Nationalsozialismus aktiven Widerstand leistete. So wurde sie mit 17 Jahren wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt und 4 1/2 Jahre „weggesperrt“. Über das Untersuchungsgefängnis Katzenstadel und das Gefängnis Aichach kam sie in das Konzentrationslager Moringen. Der Zuschauer wird durch die Erzählungen Annas, durch ihre menschlichen Verhaltensweisen fasziniert und in eine Zeit versetzt, in der Zivilcourage oft das Leben kostete. „Vor den Zuschauern zieht … ein Leben vorbei… aufregend, ergreifend, beispielhaft in seiner mutigen, humanen Haltung.“ (Augsburger Allgemeine)

Veranstalter: welt*RAUM in Kooperation mit Libertäre H-Burg

Mi., 8. Nov., 18 Uhr, Fischhalle, Kanalplatz 16

Lesung: Claus Günther liest aus „Heile, heile Hitler“

„Die Nazizeit von innen. Mit den Augen eines Kindes. Mit seinen Gedanken, seinen Verwirrungen und Versuchen zu verstehen. Fast belanglos schleicht sich das Gift in den Alltag der Harburger Kleinfamilie, wird stärker, verändert die Menschen.“ So beginnt der Klappentext des Buches von Claus Günther, aus dem er einige Passagen vortragen wird. Claus Günther, gebürtiger Harburger, Jahrgang 1931, wächst in der Eißendorfer Straße auf, besucht die Grundschule und die Oberschule (heute Friedrich-Ebert-Gymnasium), ist Hitlerjunge, kommt in die Kinderlandverschickung und erlebt die frühe Nachkriegszeit in Harburg.

Veranstalter: Geschichtswerkstatt Harburg und Initiative Gedenken in Harburg

Do., 16. Nov. 19:30 Uhr, BGZ Süderelbe, Stadtteilsaal, Am Johannisland 2

Vortrag & Diskussion: Dr. Christian Gotthardt – Widerstand & Verfolgung in Harburg und Wilhelmsburg

Zeugnisse und Berichte 1933 -1945. Im Februar 2005 erschien die erweiterte Ausgabe des Buchs „die anderen. Widerstand und Verfolgung in Harburg und Wilhelmsburg. Zeugnisse und Berichte 1933–1945.“ Die Autoren hatten damals umfangreiche Archivrecherchen vorgenommen und konnten sicher sein, den Gegenstand im Wesentlichen erfasst zu haben. Aber natürlich sind seitdem wichtige Details neu erforscht und wichtige Verfolgtengruppen komplexer begriffen worden. An diesem Abend sollen einige bisher unbekannte Fälle beleuchtet sowie ein – auch zahlenmäßiger – Gesamtüberblick gegeben werden. Spende erbeten.

Veranstalter: Süderelbe-Archiv | Harburger Gedenktage 2017 | zeitzeugengespräch | Harburger Gedenktage 2017

Sa., 18. Nov., 9 bis 16 Uhr, Treffpunkt: 9 Uhr vor dem Helms-Museum (Busbucht). Abfahrt: 9:30 Uhr

Bus-Exkursion zur Gedenkstätte Lager Sandbostel

Das STALAG X B war eines der größten Kriegsgefangenenlager Norddeutschlands. Zwischen 1939 und 1945 waren dort mehr als 313.000 Kriegsgefangene, Internierte und zuletzt etwa 9.500 KZ-Häftlinge aus mehr als 50 Nationen untergebracht. Tausende sind gestorben und wurden auf dem Lagerfriedhof bestattet. Die Teilnehmer der Bus-Exkursion erhalten auf dem geführten Rundgang über das Lagergelände eine Einführung in die Geschichte des STALAG X B sowie die Gelegenheit zur Besichtigung historischer Gebäude. Im Anschluss können die zwei Dauerausstellungen besucht werden. Ebenso besteht die Möglichkeit des individuellen Gedenkens am Gedenkstein und für einen Besuch der Kriegsgräberstätte Sandbostel (ehem. Lagerfriedhof).

Begrenzte Teilnehmerzahl, Anmeldung: Tel. 040 7927016 oder diewackers@web.de, Beitrag: 10 € pro Person, ermäßigt 5 € Veranstalter: VVN/BdA Harburg

 

Do., 23. Nov. 18:30 Uhr, Friedrich-Ebert-Gymnasium, Pausenmehrzweckhalle, Alter Postweg 30-38, Zugang Eingang Petersweg 6

Hannes Heer (Foto: Ulrike Deuscher)

Vortrag und Diskussion: Hannes Heer – Die Wehrmachtsausstellung

Das Ende der Legende von der „sauberen Wehrmacht“ und neue Legenden Lange glaubten viele, für die Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg sei allein die SS verantwortlich gewesen, die Wehrmacht sei sauber geblieben. Mit dieser Legende räumte 1995 die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht“ gründlich auf: Sie hat, im besten Sinne des Wortes, Geschichte gemacht.

Der Historiker Hannes Heer (* 1941) berichtet über die Kontroversen, die sich an die Ausstellung anknüpften: Konservative und Rechtsradikale protestierten gegen die angebliche Nestbeschmutzung, in der Presse wurden Fälschungsvorwürfe laut, Jan Philipp Reemtsma erstellte schließlich eine neue Ausstellung. Angesichts dieser Auseinandersetzungen, die zum Teil noch andauern, verspricht es ein spannender Abend zu werden.

Anmeldung für Gruppen/Schulklassen: Tel. 4287631-0 oder -12 bzw. joerg.isenbeck@ebert.hamburg.de.Spende erbeten. Veranstalter: KulturWerkstatt Harburg e.V. in Kooperation mit dem Friedrich-Ebert-Gymnasium

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Tod auf der Insel Kos https://www.tiefgang.net/tod-auf-der-insel-kos/ Fri, 22 Sep 2017 22:02:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2160 [...]]]> Als Sozialdemokrat war Ärger mit den Nationalsozialisten täglich und vorprogrammiert. Der Widerstand aber blieb. Der Tod kam kurz vor Kriegsende und in Griechenland: Otto Lang.

Otto Ernst Lang wurde am 30. Jan. 1908 geboren, stammte aus einer sozialdemokratischen Familie und schloss sich selbst früh der Sozialistischen Arbeiterjugend an. Am 8. Oktober 1924 trat er in die Jugendgruppe Hamburg des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold ein und war in den Folgejahren auch in der SPD in Rothenburgsort aktiv.

Der Schwerpunkt der Parteiarbeit in Rothenburgsort lag seit Ende der 20er Jahre in der Auseinandersetzung mit Nationalsozialisten und Kommunisten. Die Gruppe um Fritz von Hacht, Helmuth Weidt, Franz Wendt und Otto Lang las nationalsozialistische Schriften wie Hitlers „Mein Kampf“ und verfasste Flugblätter gegen die drohenden Gefahren des braunen Terrors. Handfeste Konfrontationen zählten zum politischen Tagesgeschäft.

Konfrontationen zählten zum Tagesgeschäft

Selbst arbeitslos engagierte sich Otto Lang Anfang der 30er Jahre in der Erwerbslosen-Selbsthilfe Groß-Hamburg e.V.. Auch nach der Gleichschaltung der Erwerbslosen-Selbsthilfe im Jahr 1933 blieb der Verein weiterhin ein Treffpunkt für Mitglieder der nun verbotenen SPD.

Mit seinen Weggefährten setzte Otto Lang die politische Arbeit in der Illegalität fort. Sie trafen sich regelmäßig und aus Sicherheitsgründen umschichtig in ihren jeweiligen Wohnungen, um die politische Lage zu diskutieren, Flugblätter zu entwerfen und ihre Verteilung zu organisieren. Die Gruppe unterhielt Kontakte zu anderen sozialdemokratischen Widerstandsgruppen in Hamburg und Umgebung. Ein Großteil des Widerstandsmaterials wurde aus Dänemark eingeschleust, wo geflohene Sozialdemokraten versuchten, den Widerstand der einzelnen Gruppen gegen den Nationalsozialismus zu aktivieren und zu koordinieren.

Denunziation

Aufgrund einer Denunziation flog die Gruppe dann aber am 5. Februar 1935 auf. Fritz von Hacht, Helmut Weidt, Franz Wendt und Otto Lang wurden verhaftet und im Konzentrationslager Fuhlsbüttel interniert. Die Gestapo, die nach der Verhaftung Langs die Wohnung der Familie nach illegalen SPD-Schriften durchsuchte, entdeckte zur Erleichterung der Ehefrau nicht die unter dem Wohnzimmertisch befestigte Druckmaschine, mit der viele Flugblätter hergestellt worden waren.

Otto Ernst Lang © Archiv Helga Roepert

Während die Gestapo nach eingehenden Ermittlungen wegen des Verdachts „den organisatorischen Zusammenhalt der SPD aufrecht erhalten zu haben“ Otto Lang am 30. April 1935 wieder frei ließ, verurteilte das Gericht die anderen drei Widerstandskämpfer zu Gefängnisstrafen. Am 16. Oktober 1935 verhaftete die Gestapo aber Otto Lang erneut. Eine weitere sozialdemokratische Widerstandsgruppe war zerschlagen worden und in diesem Zusammenhang war auch der Name Otto Langs gefallen. Zusammen mit sechs weiteren Angeklagten – zu denen Otto Lang jedoch in keinerlei Verbindung stand – erhob die Staatsanwaltschaft wiederum den Vorwurf „durch das Vertreiben hochverräterischer Schriften“ das Verbot der SPD zu unterlaufen. Im Prozess gab Otto Lang zu, etwa 25 bis 30 Exemplare der sozialdemokratischen Zeitung „Sozialistische Aktion“ an den schon verurteilten Franz Wendt weitergereicht zu haben.

Aufgrund dieser Tätigkeit verurteilte das Hanseatische Oberlandesgericht Otto Lang wegen Vorbereitung zum Hochverrat am 19. Dezember 1935 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus mit Ehrverlust. Lang wurde in das Konzentrationslager Börgermoor/Ems eingeliefert. Am 19. Januar 1938 kam Otto Lang wieder frei, nachdem er unterschrieben hatte, nichts über die Haftbedingungen in Börgermoor verlautbaren zu lassen.

Bewährungsbataillon 999

Während der Haftzeit erhielt die Ehefrau Otto Langs, Senta Lang, keinerlei staatliche Unterstützung für sich und ihre Tochter Helga. Außerdem ruhte die Krankenversicherung, so dass alle anfallenden Krankheitskosten privat bezahlt werden mussten. Die Behörden offerierten ihr, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, um ihre Situation zu verbessern. Senta Lang bestritt den Lebensunterhalt in dieser Zeit als Wäscherin und Putzfrau. Sie unterlag der Überwachung durch die Gestapo und musste sich einmal wöchentlich bei der Polizei melden. Besucher der Familie wurden offen von der Gestapo beschattet.

Foto: NordNordWest

Nach der Haftentlassung fand Otto Lang von 1938 bis 1942 Arbeit als Monteur bei der amerikanischen Firma International Harvester Company, die in Hamburg landwirtschaftliche Maschinen fertigte. Hier arbeiteten mehrere Regimegegner. Am 3. Dezember 1942 zog die Wehrmacht Otto Lang als „wehrunwürdigen“ Soldaten ein und wies ihn ins ´Bewährungsbataillon 999` ein. Im Laufe des Jahres 1943 wurde das Bataillon auf die griechische Insel Kos verlegt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ertrank Otto Lang beim Versuch, gemeinsam mit einem Kameraden per Floß von der Insel zu fliehen.

© Christel Oldenburg

Quelle: Privatarchiv Helga Roepert (Prozessakten, Familienunterlagen u.a.), Interview Helga Roepert am 7.Juni 2001

 (leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

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Weiterführende Links:

stolpersteine-hamburg.de; verfolgte.spd-hamburg.de; www.gedenken-in-harburg.de

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„Da läuft etwas an der Hand“ https://www.tiefgang.net/da-laeuft-etwas-an-der-hand/ Fri, 15 Sep 2017 22:19:51 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2157 [...]]]> Eines von drei Geschwistern kommt in Finkenwerder behindert zur Welt. Der Weg in die Alsterdorfer Anstalten war seine Sackgasse: Hermann Quast.

Hermann Quast kam am 24. März 1936 als drittes Kind der Hausfrau Hildegard Quast, geb. Fenske, (geb. 15. Jan. 1912) zur Welt. Bei seiner Geburt wog er drei Kilo. Seine Mutter war in zweiter Ehe mit Heinrich Quast (geb. 9. Mai 1908) verheiratet, nachdem ihr erster Mann Heinrich Hennings (geb. 30. Okt. 1907), ein gelernter Klempner, den sie 1932 geheiratet hatte, infolge eines Unfalls im Jahre 1934 in der Elbe ertrunken war.
Nach ihrer Schulzeit hatte Mutter Hildegard Quast ein Jahr die Berufsschule in Wilhelmsburg besucht und dann eine Stellung als Hausangestellte angenommen. Im Jahre 1935 hatte sie ein zweites Mal geheiratet und ihre beiden Kinder Hertha (geb. 14. Aug. 1933) und Heinrich (geb. 28. Nov. 1934) mit in die Ehe gebracht. Zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen zwei Halbgeschwistern lebte Hermann in der Benittstraße 26 III in Hamburg-Finkenwärder, wie es damals hieß.

Hermann Quast (sein Kopf wird für die Fotografie gestützt) © Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Hermann Quasts Vater Heinrich Hennings war zunächst in Finkenwerder aufgewachsen und hatte hier wie seine sechs Geschwister die Schule besucht. Nach Jahren der Seefahrt nahm er jedoch zur Zeit seiner Heirat eine Stelle als Bohrer bei der Deutschen Werft auf der Rüschhalbinsel in Finkenwerder an. Seine Familienangehörigen waren in Finkenwerder und in Neuenfelde ansässig.

Über das erste Lebensjahr von Hermann Quast ist uns nichts bekannt. Mit einem Jahr und fünf Monaten jedoch, vom 3.8. bis 14.8.1937, war Hermann im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort untergebracht. Warum, wissen wir (noch) nicht. Doch hier heißt es zum ersten Mal in der Akte: „Das Kind erscheint weder geistig noch körperlich seinem Alter entsprechend entwickelt zu sein.“ Geriet er damit in den Fokus der nationalsozialistischen Behörden?

„In der Entwicklung zurückgeblieben“

Am 17.11.38 wurde die „Fü-Akte“ (Fürsorgeakte) über den zweieinhalbjährigen Hermann erstellt. Hier ist zu lesen: „…vollkommen in der Entwicklung zurückgeblieben, läuft jetzt etwas an der Hand, spricht noch nicht und isst noch kaum mit dem Löffel. In der Untersuchungen der Wiegestunde wurde Mongoloide Idiotie festgestellt.“

Zwei Jahre später, am 27.10.1939, wurde vom Jugendamt Hamburg eine „psychiatrische Untersuchung“ durchgeführt einschließlich „erbbiologischer Erhebungen“, „Untersuchungsgrund?: Unterbringung“.

Auf wessen Initiative diese Maßnahme zurückging, ist unklar. Waren es die Eltern selbst, die nach der Geburt eines weiteren Kindes im Juni 1938 womöglich nicht mehr die Kraft hatten, allen vier Kindern in gleicher Weise gerecht zu werden? Waren es staatliche Stellen? War es jemand aus ihrem Umfeld, der glaubte, dass der kleine Junge in einer Einrichtung, die auf die Hilfe für Menschen mit Behinderungen spezialisiert war, besser als in seiner Familie in der Benittstraße 26 aufgehoben war? Oder gab es andere Gründe? Wir wissen es ebenso wenig wie uns die Reaktion seiner Eltern auf die Aufforderung zur Untersuchung bekannt ist.

„Mongoloide Idiotie“

Bei der Untersuchung am 27. Oktober 1939 kamen die Ärzte Hülsemann, Ltd. Oberarzt, und Gräfe, Assistenzarzt, beim Jugendamt Hamburg, Abt. II B, zur Beurteilung: „Es handelt sich um mongoloide Idiotie“. Hermann solle deshalb in die Alsterdorfer Anstalten überwiesen werden, zumal seine Mutter ein weiteres Kind erwarte und ihn nicht mehr versorgen könne. Ein „Überweisungsschein“ wurde dem Bericht beigelegt, d.h. die Sozialverwaltung würde die Kosten übernehmen.

Am 10.1.1940 wurde Hermann in den Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. Am Tag der Einweisung schrieb ein Arzt über den kleinen Patienten „[Das Kind] ist sehr unruhig, so daß es angegurtet werden muß“. Hermann konnte nicht allein essen und wusste nicht, wann er auf die Toilette gehen sollte. Er musste versorgt und gefüttert werden, sei aber freundlich und anhänglich, wie es am 10. Juli 1941 hieß.

Am 14. Juli 1941 bestätigte Gerhard Kreyenberg, Leitender Arzt der Alsterdorfer Anstalten, der „Sozialverwaltung Sonderstelle“, dass eine Verlängerung des Aufenthaltes von Hermann Quast in dieser Einrichtung erforderlich sei, was auch Prof. Schäfer, Vorsitzender des Alsterdorfer Vorstands, am 30. Oktober 1942 bekräftigte. Am 6. August 1943 schloss Kreyenberg die Krankenakte Hermann Quasts mit der Eintragung: „Verlegt, da die Alsterdorfer Anstalten zerstört sind.“ Hermann Quast kam in die Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Eltville in Hessen.

Damit gehörte er zu den insgesamt 26 Kindern und 44 Männern aus Alsterdorf, die am 8. August 1943 in Eichberg eintrafen. Einige der Neuankömmlinge trugen Zwangsjacken und wurden – so ein Bericht – „wie Vieh auf LKWs“ geladen und zum Eichberg gebracht.

Die „Landesheilanstalt Eichberg“ am Rhein (die heutige „Vitos Klinik Eichberg“) war 1849 auf dem Gelände des Klosters Ebersbach gegründet worden. Die Einrichtung fungierte bis zum August 1941 als Durchgangsstation der Euthanasie-Patienten in die Vernichtungsanstalt Hadamar. Im Winter 1940/41 richtete der leitende Arzt Mennecke eine „Kinderfachabteilung“ ein, in der geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche „euthanasiert“ wurden. Diese Abteilung wurde vom Arzt Walter Schmidt geleitet. Er verabreichte den Patienten Morphium/Skopolamin oder in Zuckerwasser aufgelöste Schlaf- und Betäubungsmittel, wie z. B. Luminal, die zum Tode führten.

„Nach zwei bis drei Minuten tot“

Ein ehemaliger Pfleger berichtete später: „Dr. Schmidt kam öfters, manchmal zwei- bis dreimal an einem Tag … durch meine Station. … Er deutete dann mit seinem Finger auf einzelne Patienten und sagte, der oder jener würde ihm nicht mehr gefallen. Dr. Schmidt trug meistens einen Zettel in der Tasche, auf welchem er die Namen verschiedener Kranker notiert hatte. Manchmal waren es mehrere, manchmal nur ein Kranker … Manchmal ließ er solche Kranken sofort ins Ärztezimmer bringen, manchmal gab er auch eine bestimmte Zeit an, wann er den Kranken im Ärztezimmer sehen wollte. Der Pfleger vom Dienst musste dann jeweils den Kranken zu Dr. Schmidt bringen. Wenn ich Dienst hatte, war ich mit Dr. Schmidt im Ärztezimmer zusammen und habe für ihn, wie es üblich ist, die Handreichungen gemacht. Wenn nun ein solcher Kranker im Ärztezimmer war, sagte Dr. Schmidt, dass ich eine Morphiumspritze zurechtmachen sollte. Er gab auch immer das Quantum Morphium an, welches ich in die Spritze einfüllen sollte. Manchmal waren es 10 ccm, manchmal auch 20 ccm, manchmal noch mehr. Es ist auch vorgekommen, dass ich die Spritzen mit Luminal füllen musste, je nachdem, was gerade an Giften vorhaben war. Nachdem ich nun jeweils die entsprechende Spritze vorbereitet hatte, spritzte er dieselbe intravenös ein. Nachdem Dr. Schmidt jeweils die Spritze verabfolgt hatte, verließ er meist ohne ein Wort zu sagen das Ärztezimmer. Nach zwei bis drei Minuten war der Patient tot. Die diensthabenden Krankenpfleger holten die Leiche dann im Ärztezimmer ab.“

Am 18. September 1943 – sechs Wochen nach seiner Einlieferung – starb auch Hermann Quast um 5 Uhr morgens in Eichberg, wie seine Sterbeurkunde besagt. Als Todesursache wurden Herzschwäche und Geisteskrankheit eingetragen.
Können wir den Angaben glauben? Keines der 26 Kinder, die am 8. August 1943, von den „Alsterdorfer Anstalten“ kommend, in Eichberg ankamen, überlebte.

© Julia Klindworth/Hannelore Fielitz

Quellen: Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, V0 23, Hermann Quast; Stadtarchiv Eltville am Rhein; www.alsterdorf.de/ueber-uns/geschichte.html; Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Hamburg 1988, Ernst Klee, `Euthanasie´ im NS-Staat. Die `Vernichtung lebensunwerten Lebens´, Frankfurt a. M. 1985.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

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Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, bertini-preis.hamburg.de, gedenken-in-harburg.de

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Betonwürfel gegen das Vergessen https://www.tiefgang.net/betonwuerfel-gegen-das-vergessen/ Sat, 01 Jul 2017 06:57:07 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1530 [...]]]> Es war wohl ein `Kuss der Muse´, der den Künstler Gunter Demnig vor 22 Jahren dazu animierte, in aller Stille in Köln den ersten STOLPERSTEIN für ein Opfer des Nationalsozialismus zu verlegen. Dass diese unspektakuläre Einzelaktion inzwischen zu einer Volksbewegung geworden ist, ahnte damals wohl niemand.

Ein Beitrag von Klaus Möller

Europaweit erinnern inzwischen über 61.000 Stolpersteine – darunter 207 in Harburg – an Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Die 10cm x 10cm x 10cm großen Betonwürfel tragen Inschriften mit den Namen, den Lebensdaten und den Todesorten der Ermordeten und liegen vor den Gebäuden, in denen sie einst wohnten oder arbeiteten.

An dem Bau dieses weltweit größten dezentralen Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus sind inzwischen ganze Heerscharen von Förderern und Freunden des Projekts aktiv – und weitgehend ehrenamtlich – beteiligt. Während die einen in endloser Reihenfolge – auch im Bezirk Harburg – mit ihren Spenden die Herstellung und Verlegung dieser Bausteine finanzieren, erforschen die anderen auf unterschiedlichen Wegen in unzähligen Groß- oder Kleingruppen – wie die Mitglieder der `Initiative Gedenken in Harburg´ – in engem Kontakt mit dem Kölner Künstler die Namen, die einstigen Wohn-adressen und das jeweilige Schicksal der Menschen, denen die Nationalsozialisten ihr Leben nahmen.

Auf diese Weise trägt die `Initiative Gedenken in Harburg´ tatkräftig zur Verankerung dieses speziellen Erinnerungsprojekts vor Ort bei. [Ein Großteil ihrer Forschungsergebnisse ist nachlesbar in dem Buch `Barbara Günther, Margret Markert, Hans-Joachim Meyer, Klaus Möller, Stolpersteine in Hamburg-Harburg und Hamburg-Wilhelmsburg – Biographische Spurensuche, Landeszentrale für politische Bildung, Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hrsg.), Hamburg 2012]

Die ersten Stolpersteine: 1995 in der Kölner Bobstraße 1 (Foto: Demnig)

Darüber hinaus lädt die `Initiative Gedenken in Harburg´ in regelmäßigen Abständen zu öffentlichen Rundgängen zu Gedenkorten mit Stolpersteinen für Opfer des Nationalsozialismus im Bezirk Harburg und zu öffentlichen Gedenk- und Informationsveranstaltungen anlässlich der Einweihung neuer Stolpersteine – mitunter auch im Beisein von Angehörigen – im Hamburger Süden ein, auf denen weitere Einzelheiten des Projekts zur Sprache kommen.

Auch das Online-Feuilleton Tiefgang von SuedKultur möchte jetzt nicht länger abseits stehen und mit der Veröffentlichung einer Serie von Biographien Harburger Opfer des Nationalsozialismus dazu beitragen, dass diese Toten nicht in Vergessenheit geraten und ihre Mahnung zur Wachsamkeit gerade auch in Zeiten immer stärkerer fremdenfeindlicher Hetze und zunehmender gesellschaftlicher Isolierung Andersdenkender nicht ungehört verhallt.

Darüber hinaus wird es auch nicht an Hinweisen auf die anderen Veranstaltungen der  `Initiative Gedenken in Harburg´ fehlen, mit denen sie versucht, die NS-Vergangenheit vor Ort aufzuarbeiten, – ob im Rahmen der jährlichen HARBURGER GEDENKTAGE oder im Zuge ihrer weiteren Erforschung der Geschichte der Lager am Falkenbergsweg in HH-Neugraben in der NS-Zeit oder im Verlaufe ihrer nach wie vor intensiven Suche nach immer noch unentdeckten Spuren des Widerstands der `Weißen Rose´ gegen das NS-Regime auch im Hamburger Süden.

30. Jun. 2017, Klaus Möller

Initiative Gedenken in Harburg, Ev.-Luth.Kirchenkreis Hamburg-Ost,

Hölertwiete 5, 21073 Hamburg, gedenken-in-harburg.de

 

 

 

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Der 207. Stein des Stolperns https://www.tiefgang.net/der-207-stein-des-stolperns/ Sat, 24 Jun 2017 07:00:11 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1392 [...]]]> Über ihre Gedenkarbeit stolpert man allerorts. Leider. Doch bevor man aus dem Tritt kommt, ist viel Arbeit nötig. Jetzt wurde sie wieder sichtbar.

Vor einigen Tagen kreuzten sich in Harburg zwei „Stolperstein-Ereignisse“. Am Dienstag, 13. Juni 2017, traf der Kölner Künstler Gunter Demnig in der Bremer Straße ein, um einen weiteren geplanten Stolperstein vor dem Haus Nr.3 zu verlegen. für Berl Löwi. Drei weitere Stolpersteine für Gertrude Grünfeld, Elfriede Horwitz und Kurt Horwitz wurden anschließend in der Harburger Rathausstraße vor Haus Nr. 45 in den Fußweg eingebettet. Und dann ging es noch zum Reeseberg 104 ging, wo der nunmehr 207. Stolperstein auf Harburger Gebiet für Ehrenfried Diers verlegt wurde.

Der „Vater“ der Stolpersteine: Gunter Demnig (Foto: GiH)

Zur gleichen Zeit trafen sich vor dem Harburger Rathaus 30 Schüler*innen der Realschule Vierkaten in Neu Wulmstorf. Sie brachen zu einer Stolperstein-Rallye auf, die zwischen ihren Lehrern Hövekenmeier und Dudda und der „Initiative Gedenken in Harburg“ verabredet worden waren. Dadurch ergab sich nicht nur die seltene Gelegenheit, direkt eine Stolperstein-Verlegung mitzuerleben und den „Vater“ von mehr als 50.000 in Europa verlegten Stolpersteinen aus der Nähe und bei der Arbeit zu sehen.
Zu jedem neu verlegten Stolperstein wurde auch eine Rose zum Gedenken gelegt. Gab es an gleicher Stelle schon einen oder mehrere Stolpersteine, wurden diese vor Ort gereinigt und dann ebenfalls mit einer Rose bedacht.

Anschließend teilten sich die Schüler*innen in Gruppen auf, um insgesamt 131 Stolpersteine zu finden, zu putzen, zu fotografieren und zu protokollieren. Beim späteren Treffen aller Beteiligten im Haus der Kirche stellte sich heraus, dass ein Stolperstein – vermutlich bei Straßenbauarbeiten – ganz verschwunden war und ein anderer so stark verschmutzt war, dass er von der Umgebung kaum noch zu unterscheiden war.
Die „Initiative Gedenken in Harburg“ war erfreut vom Engagement der Neu Wulmstorfer Schüler*innen und hofft, auch im kommenden Schuljahr wieder Lehrer zu finden, die ein solches Projekt unterstützen und begleiten.

Erinnerungsarbeit mit der Vierkaten-Schule aus Neu Wulmstorf. (Foto: GiH)

Die „Initiative Gedenken in Harburg“ arbeitet rein ehrenamtlich und sucht permanent weitere Mitstreiter*innen. Denn die Recherche zu Biographien von Menschen, die von Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, ist überaus komplex.

Mit öffentlichen Veranstaltungen und speziellen Rundgängen (s. Veranstaltungen) erinnert sie zu verschiedenen Anlässen an das Schicksal dieser Opfer des Nationalsozialismus. Für Rundgänge mit Gruppen, Spenden aber vor allem persönlicher Unterstützung und Mithilfe  steht die Initiative nach Absprache gerne zur Verfügung.

Kontakt:

Initiative Gedenken in Harburg
Ev.- Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost
c/o Haus der Kirche
Hölertwiete 5
21073 Hamburg

E-Mail: info[at]gedenken-in-harburg[dot]de
gedenken-in-harburg.de

(21. Jun. 2017, hl)

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Aus der Vergangenheit für die Zukunft https://www.tiefgang.net/aus-der-vergangenheit-fuer-die-zukunft/ Sat, 06 May 2017 06:00:30 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1033 [...]]]> Erinnerungen sind nicht immer schön. Aber sie sind nötig, um das Morgen zu gestalten. Erst recht wie bei der Initiative „Gedenken in Harburg“. Auch 2017 ist noch viel geplant …

Vor gut 15 Jahren startete das Projekt „Stolpersteine“ in Hamburg. An den Wohnorten ehemaliger Opfer werden seither goldene Steine mit Namen, Geburtsdatum und oft Zeitpunkt der Deportation sowie Ort desselbigen in den Boden eingelassen und so „stolpert“ man beim Gang durch die Straßen regelmäßig überNamen und Biographien unserer Geschichte. Diese Initiative gründete 1995  der Kölner Künstler Gunter Demnig. Mit seinem Projekt erinnert er so durch die Gedenksteine europaweit an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor deren früheren Wohnorten – seit 2002 auch in Hamburg. Die Anzahl der Stolpersteine in Hamburg beläuft sich bereits auf mehr als : 5200!

Bei der Recherche nach Opferdaten wurde überwiegend auf im Staatsarchiv Hamburg vorhandene Kopien von Deportationslisten zurückgegriffen. Hierin fanden sich jedoch grundsätzlich nur die letzten Wohnadressen – also Wohnungen, die zumal den jüdischen Opfern sehr häufig zwangsweise zugewiesen wurden. Dies hat zunächst dazu geführt, dass vor den ehemaligen so genannten ‚Judenhäusern’ eine Häufung von Stolpersteinen anzufinden war, während dort, wo die Opfer ihren eigentlichen Lebensmittelpunkt hatten, kein Stolperstein auf ihre Verfolgung und Ermordung hinwies.

Foto: Initiative Gedenken in Harburg

Ab etwa 2004 griff man dann auch auf Anschriften aus der Kultussteuerkartei der früheren jüdischen Gemeinden in Hamburg und ergänzend auf alte Adressbücher zurück. Dies machte es möglich, Adressen ausfindig zu machen, an denen diese Opfer ohne Drangsalierung bis Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts gelebt haben. Nach Mitte der 30er Jahre wurden in diesen Unterlagen häufig Anschriften vorgefunden, an denen die Verfolgten nur noch zur Untermiete gelebt haben oder es waren Häuser von jüdischen Wohnstiften sowie Gebäude der jüdischen Gemeinde in Hamburg, in die sie aufgrund behördlicher Anordnung einquartiert wurden.

Eine der heutigen selbst gestellten Aufgaben der Initiative Gedenken in Harburg ist es, die jährlichen Harburger Gedenktage zu organisieren. Sie finden jedes Jahr um den 9. November, den Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, statt und werden mit vielfältigen Veranstaltungen begangen. Neben Ausstellungen werden Vortrags- und Filmabende, Lesungen, öffentliche Zeitzeugengespräche oder Exkursionen angeboten. Auch Publikationen bringt die Initiative heraus. So wurden mehr als 180 Stolpersteine in Hamburg-Harburg und Hamburg-Wilhelmsburg an Männer, Frauen und Kinder, die in der NS-Zeit von den Nationalsozialisten aus der `Volksgemeinschaft´ausgeschlossen und ermordet worden, dokumentiert und die Geschichte hinter diesen `Mini-Denkmalen´ in mühevoller Kleinarbeit erforscht und als Buch herausgegeben.

Günther, Markert, Meyer u. Möller: Stolpersteine in Hamburg-Harburg und Hamburg-Wilhelmsburg, Hamburg 2012. Preis: 3,– €

 

Aber die Gedenkarbeit ist noch viel umfangreicher. Die Initiative, die sich überkonfessionell und unabhängig versteht, über sich selbst: „Wir, die Initiative Gedenken in Harburg, stellen uns der Aufgabe, die Geschichte des Nationalsozialismus im Stadtteil zu beleuchten. Wir wollen nicht nur das geschehene Unrecht vorbehaltlos aufzeigen, sondern auch der Harburger Opfer des NS-Regimes gedenken. Dabei gilt es, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.

Lebendige Erinnerungskultur

Mit unserer ehrenamtlichen Arbeit möchten wir in Harburg eine lebendige Erinnerungskultur verankern und so das Bewusstsein für die Demokratie stärken. Unsere Initiative ist dem Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-Ost angegliedert. Sie wird vom Bezirksamt Harburg und der Harburger Bezirksversammlung unterstützt.

Gespräche mit Zeitzeugen sind aus naheliegenden Gründen immer seltener geworden. Daher war es uns eine besondere Ehre und Freude, gleich zwei von ihnen begrüßen und zu verschiedenen Veranstaltungen begleiten zu dürfen: Hana Weingarten und Eva Smolková-Keulemansová.“

Noch 2017 plant die Initiative eine größere Zahl von Harburger Kulturträgern an der Gestaltung der Gedenktage zu beteiligen. Die Koordinatorin dieser Neugestaltung der Gedenktage obliegt Katja Hertz-Eichenrode:

„Im November 2017 werden die Harburger Gedenktage in einer neuen Form stattfinden.

Alle Harburger Schulen, Religionsgemeinschaften, Kultureinrichtungen, politischen, gesellschaftlichen und sozialen Organisationen und Vereine sind eingeladen, sich mit Beiträgen und Veranstaltungen an den Harburger Gedenktagen zu beteiligen, sie zu gestalten und zu bereichern. Die Harburger Gedenktageerinnern an die Opfer und die Verfolgten des Nationalsozialismus  – mit dem Fokus auf Akteure und Ereignisse im Bezirk Harburg. Dabei ist das Gedenken an die Pogromnacht in Harburg, bei der am 10. November

1938 der jüdische Friedhof am Schwarzenberg geschändet und die Harburger Synagoge verwüstet wurden, ein fester Bestandteil der Harburger Gedenktage. Das Motto Erinnern für die Zukunft zeigt, dass die Harburger Gedenktage sowohl in die Vergangenheit wie auch auf die Gegenwart und in die Zukunft schauen. Extremismus, Diskriminierung und Verfolgung, Flucht und Vertreibung, Krieg, Selbstbehauptung und Widerstand sind auch aktuelle Themen. Mit dem Wissen um und aus der Verantwortung für die deutsche Vergangenheit beziehen die Harburger Gedenktage Stellung in der heutigen Zeit. Die Harburger Gedenktage stellen sich der Herausforderung, neue Formen des Erinnerns und des Gedenkens zu entwerfen und zu erproben. Die Harburger Gedenktage sind eine Veranstaltung aller Generationen!

Schulklassen und Jugendgruppen sind besonders aufgerufen, sich an den Harburger Gedenktagen zu beteiligen und Ergebnisse von Projekten oder AGs vorzustellen!

Viele Veranstaltungsformate sind denkbar:

  •  Vorträge und (Podiums-) Diskussionen
  • Filmvorführungen, Theateraufführungen
  • Stadtrundgänge und -rundfahrten
  • Ausstellungen (Fotos, Bilder, Objekte, von Laien und Profis…)
  • Konzerte (Chor, Klassik, Liedermacher, Rock, Jazz….)
  • Gottesdienste, Andachten, Meditationen
  • Zeitzeugengespräche
  • Sportveranstaltungen
  • Lesungen, Buchvorstellungen (Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher, Romane,…)
  • interkulturelle Begegnungen Ideen und Fragen gerne an gedenktage(at)gedenken-in-harburg.de

Auch wir wollen das Gedenken künftig unterstützen und werden hier regelmäßig Biografien ehemaliger Harburger*innen vorstellen und Sie über diese Geschichte an die Orte dieser Menschen und die „Stolpersteine führen. Denn es waren Menschen unter uns. Sie sind nicht einfach verschwunden. Sie sind deportiert und häufig umgebracht worden. Zur Zeit sind allein für Harburg 217 Namen (!) in der Datenbank erfasst – und die Suche geht weiter!

Zur Website der Initiative mit Terminen, weiteren Informationen und Buchtiteln: gedenken-in-harburg.de

Zum Stolperstein-Künstler Gunter Demnig finden sich Informationen auf seiner website: www.gunterdemnig.de 

Die Aktion „Stolpersteine“ selbst finden Sie unter der website: www.stolpersteine-hamburg.de.

(05. Mai 2017, hl)

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