Claus Ewitz – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Tue, 13 Jan 2026 15:29:29 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl https://www.tiefgang.net/ein-club-ist-mehr-als-seine-dezibelzahl/ Fri, 16 Jan 2026 15:18:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=13122 [...]]]> Die Stadt ist ein empfindliches Ökosystem, ein Geflecht aus Sehnsüchten, die oft diametral entgegengesetzt verlaufen. Und so wird oft gefragt: Lärm oder laut?

Während die einen das pulsierende Leben, den Bass in der Magengrube und die ekstatische Gemeinschaft der Clubkultur suchen, fordern die anderen das Recht auf nächtliche Ruhe in ihren immer teurer werdenden Eigentumswohnungen. In diesem Spannungsfeld zwischen Kulturgenuss und Ruhebedürfnis setzt nun ein neues Förderprogramm des Bundesbauministeriums an, das die Koexistenz von Clubkultur und Wohnen technisch untermauern soll.

Das Bundesprogramm Schallschutz, kurz BSSP, zielt darauf ab, die bauliche Resilienz der Livemusikspielstätten zu stärken. Es ist ein spätes Eingeständnis der Politik, dass Clubs nicht bloße Vergnügungsstätten, sondern schützenswerte Kulturorte sind. Über die Initiative Musik werden Mittel bereitgestellt, um Clubbetreiber*innen bei kostspieligen Schallschutzmaßnahmen zu unterstützen. Das Spektrum reicht von baulichen Veränderungen an Fassaden und Dächern bis hin zur Installation hochmoderner, limitergesteuerter Soundsysteme. Es geht darum, den Schall dort zu halten, wo er hingehört: im Inneren des Clubs, weg von den Ohren der Nachbar*innen.

Hamburg ist für diese Problematik ein historisch gewachsenes Laboratorium. Die Hansestadt hat in der Vergangenheit schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn die Verdrängung durch Lärmbeschwerden und Gentrifizierung ungebremst voranschreitet. Man denke an das Molotow, das bereits mehrfach seinen Standort wechseln musste, oder an die langwierigen Debatten rund um die Sternbrücke. Hier kollidieren die Interessen der Stadtentwicklung massiv mit der gewachsenen Subkultur. Oft reichte die Beschwerde einer einzelnen Person aus der neu zugezogenen Nachbarschaft, um traditionsreiche Orte an den Rand des Abgrunds zu treiben. Die Schließung des Golem am Fischmarkt oder die Konflikte um die Clubnutzung auf der Elbinsel Wilhelmsburg sind weitere Mahnmale einer Stadtplanung, die den Schallschutz zu lange als Privatvergnügen der Veranstalter*innen begriffen hat.

Mit dem neuen Förderprogramm wird die technische Aufrüstung nun zur kulturpolitischen Strategie. Es ist ein Versuch, den Gordischen Knoten aus Lärmschutzverordnung und Kulturerhalt zu durchschlagen. Dass dies notwendig ist, zeigt der Blick in die Praxis: Bauliche Maßnahmen zur Schalldämmung sind für die meisten Betreiber*innen kleinerer Läden ohne staatliche Hilfe schlicht nicht finanzierbar. Die Initiative Musik übernimmt hier eine zentrale Rolle bei der Verteilung der Gelder, um sicherzustellen, dass nicht nur die großen Player, sondern auch die für das Stadtklima so wichtigen Nischenorte profitieren.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob die bauliche Trennung von Innen und Außen ausreicht, um den sozialen Frieden im Quartier zu sichern. Ein Club ist mehr als seine Dezibelzahl; er ist ein Ort der Begegnung, der auch vor der Tür stattfindet. Schallschutzfenster helfen gegen den Bass, aber kaum gegen die angeregten Gespräche der Besucher*innen auf dem Gehweg. Das Förderprogramm ist daher ein wichtiger Schritt, doch die eigentliche Aufgabe für die Stadtplaner*innen und Kulturschaffenden bleibt die Moderation zwischen den verschiedenen Lebensentwürfen in einer immer enger werdenden Stadt.

Aber auch für Hamburgs Clublandschaft könnte dieses Programm eine Atempause bedeuten. Es gibt den Betreiber*innen die Möglichkeit, proaktiv zu handeln, bevor das erste Ordnungsgeld fällig wird. In einer Zeit, in der jeder Quadratmeter umkämpft ist, ist die Investition in Stein, Wolle und Glas letztlich eine Investition in die Freiheit der Kunst. Denn nur wenn der Lärm draußen bleibt, darf es drinnen weiterhin laut und lebendig zugehen.

Alle Infos zum Förderprogramm hier: www.initiative-musik.de

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Die Steuergeld-Festspiele https://www.tiefgang.net/die-steuergeld-festspiele/ Fri, 10 Oct 2025 22:51:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12616 [...]]]> Der Bund der Steuerzahler (BdSt) hat sein neues Schwarzbuch rausgehauen. Man wünschte sich, Politik würde auch mal hineinschauen …

Ja, es ist ein bisschen wie das jährliche Bashing-Ritual. Man weiß, dass der BdSt seine Klientel bedienen will – ein bisschen populistischer Zorn auf die Obrigkeit schadet nie. Aber ganz ehrlich: Wer die Fälle liest, merkt schnell, es ist nicht nur ein Buch der Wut, sondern ein trauriger Beweis dafür, dass der Staat uns zum Sparen anhält, wenn es um soziale Wohltaten geht, aber selbst mit der vollen Schaufel in den Wind schanzt.

Das eigentliche Problem hat einen Namen: „Folgekostenfalle“. Die Politik sieht nur die prächtigen Einweihungen von Neubauten. Was der Betrieb, das Personal und die Wartung über Jahrzehnte kosten, wird systematisch ignoriert. Das ist keine Verwaltungsmacke, das ist eine Hypothek für die nächste Generation.

Die Summe des Irrsinns: Über 1,3 Milliarden Euro im Nu verpulvert

Wenn wir mal grob die größten Posten zusammenzählen, die im Schwarzbuch mit einer konkreten Zahl genannt werden, kriegt man Kopfschmerzen:

  • Bundeskosten-Wahnsinn: Das Kanzleramt lässt sich für über 800 Millionen Euro um 400 Büros erweitern. Der Bundespräsident zieht sich einen 180-Büro-Interimssitz für stolze 205 Millionen Euro daneben. Macht allein beim Bund über 1 Milliarde Euro für zusätzliche Beamtenzimmer.
  • Hamburgs Beitrag zur Pracht: Die Hansestadt steht mit Fällen im Gesamtwert von über 311,5 Millionen Euro in den Büchern. Das ist der Löwenanteil der Stadtbeteiligung an der jahrelangen Hängepartie um die Oper.

Gesamtbilanz der quantifizierten Fälle: Wir sprechen hier von einem Volumen von über 1,3 Milliarden Euro, die der Bund der Steuerzahler exemplarisch als Steuergeldverschwendung anprangert.

Gerade Hamburg liefert einen schmerzhaft klaren Beweis dafür, dass der hanseatische Kaufmannsgeist an der Elbe anscheinend keinen Beamtenjob bekommen hat. In der „schönsten Stadt der Welt“, die so frei und hanseatisch ist, sitzt das Geld offenbar so locker wie die Hosen in den Sommerferien. Neben der sündhaft teuren Opern-Debatte stechen drei Fälle heraus, die den Appetit auf das kostenlos beziehbare Buch steigern sollen:

  1. Das Geister-Museum: Das geplante Hafenmuseum. Da will man ein Prestigeprojekt, aber es gibt weder einen Entwurf noch einen Zeitplan. Trotzdem frisst das Projekt schon jetzt erhebliche Personalmittel. Der BdSt nennt es bereits jetzt eine der teuersten Fehlplanungen Hamburgs. Das ist die reinste Subventionierung von Planungschaos. Da kann man sich nur bei Johannes Kahrs – kennt den noch wer? – bedanken und ihm mit dem Museum – so es denn kommt – ein Mahnmal setzen.
  2. Der 35.000-Euro-Hüpfer: Ein kleiner, aber feiner Beweis für die Sorgfalt im Detail. Ein zeitlich befristeter Mini-Spielplatz an der Mönckebergstraße inmitten  der Innenstadt für 35.000 Euro. Da weiß man wenigstens, dass die Kleinstprojekte genauso verschwendet werden wie die Milliarden-Projekte.
  3. Die Elbvertiefung für Frösche: Ein weiterer Fall, der zeigt, wie es in Deutschland zugeht, ist die Kostenexplosion beim „Krötentunnel“ – obwohl dies nicht nur Hamburg betrifft, steht es symbolisch für die unaufhaltsame Baupreissteigerung und Mehrkosten bei Kleinstprojekten.

Man könnte ja auch mal etwas Sinnvolles tun

Das Beste am Schwarzbuch ist ja, dass es nicht nur meckert, sondern auch sagt, wo das Geld besser aufgehoben wäre. Die Alternativen, die der BdSt auflistet, sind der eigentliche Witz an der Sache, weil sie so offensichtlich sind:

  • Besser als Hafenmuseum: Anstatt das Hafenmuseum zu bauen, könnte man die 311,5 Millionen Euro (die städtische Beteiligung an der Oper) besser in den Erhalt und die Sanierung der alten Oper stecken. Oder, noch besser: Mit den 500 Millionen Euro, die im Kontext des Hafenmuseums genannt werden, ließen sich alle bestehenden Hamburger Museen grundsanieren. Aber wer will schon funktionierende Museen, wenn er ein neues Denkmal des Chaos haben kann?
  • Besser als Namenswechsel: Im Norden wollte man den Namen eines Landesbetriebs ändern. Kostenpunkt: 210.000 Euro für Schilder und Briefbögen. Die Alternative? Für die 210.000 Euro könnten vier Straßenwärter ein Jahr lang Radwege und Straßen pflegen.
  • Besser als sinnfreie Bürokratie: Hätte man die 1,43 Millionen Euro aus einem anderen Fall genommen, hätte man die Stadt Borken mit für jeden Schüler einem Tablet ausstatten können.

Das ist das Muster: Auf der einen Seite die Millionen für Luxus-Büros und Luftschlösser (wie die Erweiterung des Bundestages auf 500 Mandate würde Milliarden sparen), auf der anderen Seite das Management von Mangel, wo das Geld dringend gebraucht wird.

Die Lektion ist klar: Die Regierung mahnt zum Sparen und streicht dafür die kleinen, sozialen Posten zusammen. Gleichzeitig zimmern sich Bundes- und Landesregierungen gigantische, langfristige Schuldenfallen, die wir alle über Jahrzehnte bezahlen werden. Und das ist leider kein Witz mehr. Wenn Sie jetzt einen Kloß im Hals haben – der BdSt bietet das Schwarzbuch kostenlos an. Lesen Sie selbst. Und dann weinen Sie. Download hier.

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Ende der Illusionen! https://www.tiefgang.net/ende-der-illusionen/ Fri, 12 Sep 2025 22:09:00 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=12439 [...]]]> Es gab eine Zeit, da lag ein Zauber in der Luft. Ein Traum, der so groß und so kühn war wie der Koloss, den er zu beleben suchte. Es war die Vision eines „Third Place“ für Harburg.

So beschwor ihn die Kollegin der Kolumne, Clara Klatsch, einst – ein Ort der Begegnung, der Kreativität, der Kultur, direkt im Herzen des Bezirks. Nun ist dieser Traum zerplatzt. Mit einer knappen, aber unmissverständlichen Pressemitteilung hat das Netzwerk SuedKultur den Stecker gezogen. Nach mehr als 300 unentgeltlich ehrenamtlich geleisteten Stunden ist das Kapitel Karstadt für sie beendet. Es ist das traurige Ende eines Prozesses, der nie so richtig begonnen hat.

Die Erzählung begann im April 2024 mit einer hoffnungsvollen Nachricht: Die Stadt Hamburg hatte das ehemalige Karstadt-Kaufhaus am Harburger Ring gekauft. Der Senat versprach, die Schlüsselimmobilie im Herzen des Bezirks zu einem neuen, lebendigen Viertel zu entwickeln. Kurze Zeit später, im Juni 2024, wurden die Kulturschaffenden von SuedKultur angefragt. Ihre Aufgabe: Ideen liefern, die das damals völlig leere Gebäude kulturell beleben könnten. Die Motivation war enorm. Mehr als 20 Vorschläge wurden erarbeitet, gut 7.000 Quadratmeter wären planbar gewesen. Dabei Musikproberäume, eine aktives Spielemuseum, eine interaktives Kino, die Modelleisenbahn des Museums für Hamburgische Geschichte, die Staatliche Jugendmusikschule, die Volkshochschule, Kunst, Literatur, Treffpunkte … Und es schien, als würde das Projekt mit dem Arbeitstitel „SuedStadt“ eine neue Ära für Harburgs Kultur einläuten.

Doch die Hoffnung verflüchtigte sich schnell. Im Herbst 2024 wurde aus dem Traum ein Schatten. Erste Berichte sprachen von den „Karstadt-Geistern“: fehlende Transparenz, unklare Kosten und eine scheinbar undurchsichtige Verwaltung. Während in Hamburgs Innenstadt der temporäre Gebrauch des ehemaligen Karstadt Sport-Gebäudes als vorbildliches Modell mit klarem Mandat und einem Millionenbudget gefeiert wurde, herrschte in Harburg der „Blindflug“. Die Harburger Linken-Fraktion kritisierte das Fehlen von Haushaltsgeldern für die soziokulturelle Zwischennutzung.

Zwischendurch gab es kleine Lichtblicke. Das „Schau-Fenster der Stadtentwicklung“ erhellte die leeren Ladenfronten, und im Dezember 2024 wurde bekannt, dass das Archäologische Museum tatsächlich in das Erdgeschoss ziehen würde. Dies war eine willkommene Belebung, doch es blieb ein Projekt für eine einzige Etage, keine große, transformative Vision.

Der wahre Einschnitt kam im September 2025: die erfahrene Hamburg Kreativ Gesellschaft zog sich zurück. Der Boden, der unter den Füßen der Kulturschaffenden ohnehin schon wackelig war, gab nach. Plötzlich sollte SuedKultur die „konzeptionelle Lücke“ schließen – aber ohne klare Rollendefinition und ohne einen Finanzierungsvorschlag für die enormen Aufwände.

Die Pressemitteilung von SuedKultur ist nun die logische, wenn auch traurige Konsequenz dieser Entwicklung. Man hat sich nach einem Jahr des Wartens und der Frustration einstimmig entschieden, nicht mehr als „bündelnder Partner“ zur Verfügung zu stehen. Das war keine spontane Entscheidung, sondern das Ende eines Prozesses, der von unklaren Rahmenbedingungen und fehlender finanzieller Unterstützung geprägt war. Der Wunsch, einen Ort für alle zu schaffen, ist gescheitert an den nüchternen Realitäten von mangelndem Mandat und fehlendem Geld.

Die Vision von einem Harburger „Third Place“ bleibt somit eine verpasste Chance. Eine von vielen in Harburgs Stadtentwicklung! SuedKultur will sich nun wieder verstärkt dem Konkreten widmen: Ergebnisse des Runden Tisches Kultur vom letzten Jahr aufarbeiten und in die Umsetzung bringen. Es wäre zu wünschen, dass Politik und Verwaltung hier mehr zu Ergebnissen beizutragen haben.

Die Pressemitteilung im Wortlaut:

SuedKultur zieht sich aus dem Prozess der soziokulturellen Zwischennutzung für das ehemalige Karstadt-Gebäude zurück

Nach mehr als 300 ehrenamtlich geleisteten Stunden, über 20 Ideen, sehr vielen Gesprächen und einem ganzen Jahr Wartezeit, hat sich das Netzwerk der Kulturschaffenden im Bezirk Harburg am vergangenen Mittwochabend einstimmig dafür entschieden, nicht mehr für weitere konzeptionelle Arbeiten im ehemaligen Karstadt Gebäude zur Verfügung zu stehen.

Im Juni 2024 wurde SuedKultur vom Bezirksamt angefragt, ob es Ideen aus dem Netzwerk gibt, wie man die große Fläche des damals völlig leerstehenden Gebäudes kulturell beleben könnte. Sehr kurzfristig hat SuedKultur über 20 Ideen formuliert und an die Verantwortlichen bei der Sprinkenhof GmbH gesendet. Das Angebot seitens SuedKultur diese Vorschläge gemeinsam konzeptionell zu entwickeln, wurde leider in den folgenden 12 Monaten nicht angenommen.

Der Wunsch von SuedKultur, die erfahrene Hamburg Kreativ Gesellschaft einzubinden, wurde geprüft – am Ende scheiterte es aber an einem mangelnden Mandat, einer klaren Rolle und nicht zuletzt an der Finanzierung. Im Laufe des über 12 monatigen Prozesses wurden zwar Flächen an verschiedene Einzelhändler vergeben, die Ideen von SuedKultur aber leider nie berücksichtigt.

Nach dem Rückzug der Hamburger Kreativ Gesellschaft sollte nun SuedKultur die entstandene konzeptionelle Lücke schließen – leider ohne klare Rollendefinition und ohne einen Finanzierungsvorschlag der dadurch entstehenden enormen Aufwände.

Ein Teil der damaligen Interessenten zur kulturellen Nutzung, sind zu dem heute entweder bereits woanders untergekommen oder möchten in dem aktuell entstandenen, teils noch unklaren Gemisch aus Einzelhandelsflächen und Soziokultur, ihr Angebot nicht aufrechterhalten.

SuedKultur bedauert die Entwicklung sehr, gab es doch im Frühjahr kurzzeitig noch sehr positive Signale. Ideen waren vor 12 Monaten da und auch ein enorm hohes Maß an Motivation. Die lange Zeit, die unklaren, sich verändernden Rahmenbedingungen und fehlende finanzielle Unterstützungen führen aber nun zu dieser traurigen Entscheidung.

Ungeachtet des Rückzugs von SuedKultur steht es jedem einzelnen Kulturschaffenden natürlich frei, sich eigenständig um Flächen zu bewerben. Als bündelnder Partner aber ist SuedKultur nicht mehr verfügbar. Es gibt aktuell Bestrebungen die verbliebenen Interessenten in einer Arbeitsgemeinschaft außerhalb von SuedKultur zu sammeln. SuedKultur begrüßt das Vorgehen und hofft, so zumindest ein wenig beitragen zu können, Kultur in Harburgs zentralste Immobilie zu bringen.

SuedKultur wird sich weiterhin um die kulturelle Entwicklung im Bezirk und Landkreis Harburg bemühen und sich nun verstärkt um eine praktische Umsetzung der erarbeiteten Ziele des Runden Tisches Kultur kümmern.

SuedKultur ist ein seit 2007 agierendes Netzwerk aus Kulturschaffenden in der gesamten Süderelberegion und Wilhelmsburg. Mehr zu SuedKultur unter www.sued-kultur.de.

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Gelobt sei, was hilft? https://www.tiefgang.net/gelobt-sei-was-hilft/ Fri, 06 Jun 2025 22:02:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=11914 [...]]]>

Die Corona-Pandemie stellte Deutschland vor eine Zerreißprobe, deren Ausmaß in der Nachkriegsgeschichte beispiellos war. Nun veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium eine erste Evaluation. 

Die seinerzeitige Bundesregierung reagierte zur Pandemie mit einem Bündel an Wirtschaftshilfen, um die ökonomischen Schäden zu begrenzen. Eine erste Evaluation des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) kommt nun zu einem überwiegend positiven Schluss. Doch ein genauerer Blick offenbart ein differenzierteres Bild.

Laut dem BMWE haben die Hilfen grundsätzlich funktioniert. Die Evaluation kommt zu dem Ergebnis, dass die Programme dazu beitrugen, die Existenz von Unternehmen zu sichern, die deutsche Wirtschaft zu stabilisieren und eine rasche Erholung nach dem Lockdown zu ermöglichen. „Die Ziele der Hilfen wurden erreicht“, heißt es im Bericht. Das Ministerium betont, dass mit den Hilfen rund 136.000 Unternehmen sowie die Arbeitsplätze von etwa 283.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gerettet werden konnten.

Kleinstbetriebe im Fokus, Soloselbstständige im Zwielicht

Unbestritten ist, dass ein Großteil der Hilfen bei Kleinst- und Kleinunternehmen ankam. Gerade Soloselbstständige, oft das Rückgrat der Kultur- und Kreativwirtschaft oder der Dienstleistungsbranche, profitierten von den Neustarthilfen. Doch hier liegt auch ein kritischer Punkt: Die Evaluation lässt die spezifische Situation dieser Gruppe teilweise im Unklaren.

Während das BMWE die rasche Auszahlung der Hilfen als Erfolg feiert, bleibt die Frage der Rückzahlungen ein Damoklesschwert. Die Schlussabrechnung der Überbrückungs- und außerordentlichen Wirtschaftshilfen ist noch nicht abgeschlossen. Das bedeutet, dass viele Empfänger*innen noch nicht wissen, ob und in welcher Höhe sie Gelder zurückzahlen müssen. Gerade für Soloselbstständige, die oft mit geringen Margen arbeiten, kann dies existenzbedrohend sein.

Prüfende Dritte – Segen oder Fluch?

Die Einbindung von Steuerberater*innen, Wirtschaftsprüfer*innen und Rechtsanwält*innen als „prüfende Dritte“ sollte die Antragsverfahren absichern. Laut Evaluation trugen sie zur Verbesserung der Datenqualität bei. Kritiker*innen halten jedoch dagegen, dass dies die Verfahren unnötig verkomplizierte und Soloselbstständige zusätzlich belastete, die ohnehin schon mit den bürokratischen Hürden zu kämpfen hatten.

Das BMWE betont, dass Deutschland im internationalen Vergleich angemessen auf die Krise reagiert habe. Zuschussprogramme seien ein probates Mittel gewesen, um Umsatzverluste zu kompensieren. Doch auch andere Länder hatten ihre eigenen Strategien, und ein tiefergehender Vergleich könnte wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Krisen liefern.

Ein Erfolg mit Fragezeichen

Die Corona-Wirtschaftshilfen waren zweifellos ein wichtiges Instrument zur Krisenbewältigung. Die Evaluation des BMWE zeichnet ein überwiegend positives Bild. Doch es bleiben Fragen offen. Insbesondere die Situation der Soloselbstständigen und die Unsicherheit bezüglich der Rückzahlungen erfordern eine differenzierte Betrachtung. Ob die Hilfen wirklich nachhaltig gewirkt haben, wird sich erst in der Langzeitperspektive zeigen.

Die Evaluation findet sich hier.

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Willkommen, Genosse 3falt! https://www.tiefgang.net/willkommen-genosse-3falt/ Fri, 13 Dec 2019 23:30:19 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6176 [...]]]> Das Projekt „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“  hat viele Kulturaffine begeistert. Auch ohne die wieder leerstehende Kirche wurde nun ein wirtschaftliches Standbein geschaffen, das der Raumnot für Kultur Abhilfe schaffen soll. Alle können mitmachen!

 Marita Schillerwein, Hein Diekmann und Carsten Lünzmann – das sind die Namen der drei Initiator*innen, die Harburgs Kulturlandschaft vielleicht neu aufstellen. Ihr Kind heißt Genossenschaft „3falt e.G.“. So schlicht der Titel, so spektakulär für Harburg.

Letzte Woche gab es Wochen des Studiums des Genossenschaftsrechts und an Diskussionen nun die Gründungsversammlung. Zu der trafen sich knapp 20 Personen und nun wird die Mitgliedschaft im Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften e.V. beantragt und „nebenher“ am eigentlichen Ursprung und geistigen Kind – der leerstehenden Dreifaltigkeitskirche in der Neuen Straße 44 – an einer Interessensbekundung gearbeitet. Das initiative Trio: Marita Schillerwein, langjährige Programmmacherin z.B. der Kulturwerkstatt, Hein Diekmann, in der Nähe der Kirche als Hausverwalter tätig und mit Herz für Kultur und Gebäude, sowie Carsten Lünzman, Architekt in Harburg, selbst als Musiker aktiv  und unter anderem für das vielfach gelobte Dach der Harburger Freilichtbühne verantwortlich.

Die „3falt“ lebt also weiter.  Und zwar mit oder ohne Kirchengebäude. Denn auch wenn die Genossenschaft sich an der Umnutzungsidee der Kirche „3falt – Kunst, Kultur, Kreativität“ orientiert, ist sie generell auf Raumnutzungen für Kultur in Harburg ausgelegt.

Die Dreifaltigkeitskirche hatte allerdings viele Kulturschaffende und –interessierte im Süden der Stadt und darüber hinaus besonders in den Ideen-Bann gezogen. Für ein halbes Jahr wurde sie ab Mitte 2018 bis Ende Februar 2019 kulturell bespielt. Es fanden Kino, Theater, Tanz, Treffen und klassische wie alle anderen Konzerte statt, die erste nonkommerzielle Kunstleihe Hamburgs wurde geboren und mehrere tausend Menschen waren erstaunt und fasziniert von der Bauweise, der Geschichte und den Möglichkeiten des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes im Herzen Harburgs (´Tiefgang` berichtete reichlich)

Dann lief das Projekt aus, die Kirchengemeinde entschied sich, doch lieber zu einer Ausschreibung zum kompletten Verkauf des Ensembles und dafür sollte sie schlichtweg ungenutzt leer stehen.

Harburgs Politik  schien überfordert und die Verwaltung ebenso. Alles zu spontan. Alles zu  wenig koordiniert. Als wenn Projekte wie das Gängeviertel oder die Viktoriakaserne nördlich der Elbe anders gelaufen wären.

Nun also der nächste Schritt in koordinierter Version. Wir haben mal nachgefragt.

Wie kam die Idee auf und von wem?

Carsten Lünzmann: Die Idee kam von mehr oder weniger von mir auf, auch nach diversen Gesprächen mit Hein. Hintergrund ist die einfache Überlegung, von vielen Genossen, auch mit kleinen Beträgen Kapital zu bilden, anstatt einen Investor zu finden, der in der Regel grundsätzlich andere Interessen verfolgt, als wir.

Ist die Genossenschaft an das Kirchengebäude gebunden?

Die Genossenschaft wurde gegründet mit dem Ziel, das Projekt Dreifalt weiterzuführen und am Interessenbekundungsverfahren als Firma teilzunehmen. Langfristig sollen aber durchaus weitere Projekte umgesetzt werden, insbesondere natürlich auch dann, wenn wir von der Kirche nicht als Pächter oder Erwerber in die engere Wahl gezogen werden. Dann wird eben ein anderes Gebäude gesucht.

Wieviele Genossen erwartet Ihr?

50, 100, 1000, keine Ahnung, ob Harburg(er) das Potential erkennt/ erkennen. Wir gehen jetzt nach der Gründung in die Akquise, treten ohne Schwellenängste an private wie juristische Personen, also Firmen, Vereine, Institutionen, Kirche, Bestandsgenossenschaften und so weiter, heran, um die Möglichkeit der Teilnahme zu bewerben.

Wieviel Kapital soll zusammen kommen und für genau was?

Es soll natürlich möglichst viel Kapital zusammengetragen werden, um entsprechendes Eigenkapital zu bilden. Der Rest soll dann mittels Finanzierungen, Förderungen usw. beigeschafft werden. Ziel ist die Förderung der Kultur in Harburg im weitesten Sinne, durch Anmietung, Pacht oder Erwerb von Räumlichkeiten, für Ateliers, Initiativen, Übungsräume.

In der Satzung liest es sich wie kulturelle Hilfe zur Selbsthilfe? Ist das so zu verstehen und gibt es sonst keinen Dialog zwischen Verwaltung, Politik und Kultur?

So ist es. Argumentiert die Politik mit der Direktive „aus dem Quark kommen“ zu sollen (der Satz fiel zum Ende der kulturellen Zwischennutzung seitens eines Harburger Kulturpolitikers und zum Erstaunen der Kulturaktivisten, woraufhin lange Zeit symbolisch ein geöffneter und verschimmelnder Quarktopf den Kirchenraum symbolisch schmückte; Anm. d.Red.), so kann man das gut oder weniger gut heißen, diesen bequemen Standpunkt des Beobachters einzunehmen. Aber, soll man in Harburg weiter auf Unterstützung warten oder versuchen, das Zepter selber in die Hand zu nehmen?

Die Raumnot für Kulturnutzungen ist seit Jahren Thema in Harburg. Ist das ein Versuch der Lösung dieses Problems?

Ja

Wer kann mitmachen und wie?

Jeder kann und sollte mitmachen, um an der Entwicklung Harburgs zum Kulturstadtteil seinen Beitrag zu leisten. Das geht nicht allein durch Postings via www.facebook.com/3falt, sondern viel besser im aktiven, analogen Diskurs unter Gleichgesinnten. Wünschenswert wäre es auch, wenn durchaus spürbare Animositäten innerhalb der Kulturszene Harburgs für die gute Sache überwunden werden.

Die Likörfabrik Hilke steht mal wieder zur Diskussion bzw. ein Antrag auf Abriss ist gestellt? Wie seht Ihr den Umgang Harburgs mit seinen Baudenkmälern?

Das sehen wir kritisch, da Baudenkmäler selbstverständlich Stadtbild prägend sind. Wenn jedoch ausschließlich Renditebestrebungen entscheidend sind, ohne Gespür für Atmosphäre, lokale Gestaltungskriterien und das charmante Potenzial von Altbausubstanz, dann entstehen diese Quartiere, die fast überall inzwischen identische Gesichter haben, eben langweilig.

Gibt es weitere Gebäude oder Räume, die schon in Sicht sind?

Ja, leerstehende, kleine, denkmalgeschützte Gebäude und Bunker, die regelrecht nach einer Nachnutzung schreien.

Interessenten können sich zur Genossenschaft per Mail dreifalt@luenzmann.de oder bald auf www.dreifalt.info melden. Das sogenannte „Eintrittsgeld“ in die  Genossenschaft wird einmalig auf 50,- € beziffert. Ein Genossenschaftsanteil kostet 50,- € und es können für jeden Genossen maximal 100 Anteile erworben werden. Einzelne Personen oder auch ganze Institutionen sind als Genossen möglich. Das Stimmrecht wie auch Vermögensverwaltung oder Ausschüttungen regelt die Satzung.

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Jetzt ist es Zwölf! https://www.tiefgang.net/jetzt-ist-es-zwoelf/ Fri, 13 Dec 2019 23:16:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=6171 [...]]]>  

„5 vor 12“ hieß der Weckruf der Geschichtswerkstatt Mitte 2018. Jetzt scheint es 12 zu sein.  Zeit einer der ältesten Harburger Fabriken Adieu zu sagen.  

Harburg und seine Baudenkmäler: eine unsägliche Geschichte mit seiner Geschichte. Mit der Likörfabrik Hilke am Karnapp 15 und 16 findet sie eine weitere Fortsetzung. Denn es ist mehr als dubios, was sich wieder mal in Harburgs Sektor der Stadtabwicklung zuträgt.

Bereits Mitte 2018 wies die Geschichtswerkstatt Harburg  zum Tag des offenen Denkmals dringlichst darauf hin, dass das unter Denkmalschutz stehende Gebäude offensichtlich vorsätzlich dem Verfall ausgeliefert wird. Unter dem Motto  „5 vor 12 für die alte Likörfabrik: Rettet Hilke!“ wurden Unterschriften für den Erhalt gesammelt. (´Tiefgang` berichtete am 8. Sept. 2018)

Die Spirituosen- und Likörfabrik Louis Hilke geht auf die Brennerei Osterhoff von 1833 zurück, die zu den ersten „fabrikähnlichen Etablissements“ in Harburg gehörte.

1833 von H. Osterhoff gegründet, 1893 von Louis C. Hilke übernommen und bis 1980 von der Familie Berg weitergeführt, war die Likörfabrik Hilke über viele Jahrzehnte eine Institution in Harburg. Seit der Gründung befand sich die Produktionsstätte am Karnapp, der zweitältesten Straße Harburgs, die bereits um 1500 angelegt wurde.

Die noch heute erhaltenen Gebäude Karnapp 15 und Karnapp 16 wurden in den Jahren 1859 und 1899 erbaut. Seit der Einstellung der Produktionsbetriebs 1980 erfolgte keine Pflege des gesamten Gebäudeensembles mehr, so dass sich der gesamte Komplex in einem baulich schlechten Zustand befand. Das Gesamtobjekt steht unter Denkmalschutz. Also ein durchaus relevantes Gebäude für die Stadtgeschichte.

Bis 1985 war es als Fabrik noch aktiv im Gebrauch. Später kaufte es die Harburger Traditionsfirma H.C. Hagemann (die übrigens 2019 gerade still ihr 150jähriges Bestehen hat) für einen Betrag unter 1 Mio. D-Mark. Dann stand es als wahre „Schrott-Immobilie“ für sage und schreibe 2 Mio. Euro (!) im Internet als Kaufangebot.

Das Gebäude war in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Thema der Harburger Stadtent- bzw. –abwickler. Erst sollte es als Erweiterungsbau der Technologiefirmen im Harburger Channel dienen, dann gab es immer wieder politische Stellungsnahmen, man möge auf dieses Gebäude Acht geben. In der Begleitgruppe Binnenhafen Harburg – einer Art Bürgerbeteiligungsforum wurde immer wieder behelligt, wie sehr man in Sorge um das Gebäude sei und letztlich wurde seitens des Baudezernenten beteuert, man frage ernsthaft an, ob die Landesimmobiliengesellschaft (kurz LIG) das Gebäude nicht kaufe und so wieder in den städtischen Einflussbereich hole.

Schöne Worte, wüsste man nicht in Harburg und seit Jahrzehnten all zugut, dass Worte und Taten hier so gut wie keinen Zusammenhang finden. (zur langjährigen Tradition siehe auch Rainer Jogschies Buch „21 Hamburg 90“ in ´Tiefgang`: „Zur DNA eines Bezirks“).

Und siehe da: seit einigen  Wochen findet sich ein mit Containern erstellter Durchgang vor dem Gebäude und dieses selbst abgezäunt. Das  „Hamburger Abendblatt“  (6.12.2019) nahm die Sache gleich skeptisch auf und recherchierte. Da wurde als Sachstand auf Seiten der Bezirksverwaltung  bzw. des Eigentümers festgehalten: „Nachfragen beim Bezirksamt ergaben, dass weder Baumaßnahmen noch ein Abriss beantragt seien. Aus Webers Firma HC Hagemann heißt es, ein Abriss sei nicht geplant. Man wolle lediglich der Pflicht nachkommen, den Gehsteig zu sichern, falls durch den Verfall Teile des Gebäudes herabstürzen.“

Die Partei „die Linke“ hatte kurz zuvor am 4. Dezember ebenso argwöhnisch ihrerseits zugleich eine Anfrage an die Bezirksverwaltung gestellt, wie es um die Situation stünde. Nun kam am 11. Dezember – also 5 Tage nach dem erwähnten Abendblatt-Artikel die Antwort, in der es ganz anders auf einmal heißt: „Ja, der Abbruchantrag ist am 13.09.2019 bei der Bauprüfabteilung des Bezirks reingegangen.“ (Drs. 21-0394.01)

Laut Abendblatt vom 12. Dezember spreche „die Pressestelle des Bezirksamts mittlerweile von einem internen Missverständnis bei der Bearbeitung der Abendblatt-Nachfrage“. Kann ja mal passieren?!

Im September also lag bereits ein Antrag vor, im Oktober wurde noch mit den Anwohnern über denkbare Rückkäufe geplaudert und im Dezember noch ganz im Walter Ulbrich-Stil versichert, „Niemand hat die Absicht“ das Gebäude abzureißen. Man braucht kein Verschwörungstheoretiker zu sein, um zu sagen: das stinkt zum Himmel.

Dass es um mehr als Formalitäten geht, ist in Harburg dabei schon lange vom Tisch gefallen. Wen wundert´s dann, wenn in Harburg immer und immer wieder dieselben Fehler gemacht werden und eben mehr Stadtabwicklung als –entwicklung betrieben wird. Zum Schluss wird es meist teurer.

 

Siehe dazu auch den Artikel: Hilke: „Nicht nachzuvollziehen!“

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Heino gehört (leider) zu Deutschland https://www.tiefgang.net/heino-gehoert-leider-zu-deutschland/ Thu, 29 Mar 2018 22:40:53 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=3391 [...]]]> Heino hat´s mal wieder krachen lassen. Eine alte LP als Präsent an eine NRW-Ministerin enthält SS-Lieder wie „Wenn alle Untreu werden“ oder „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Der Aufschrei ist groß. Aber was genau ist der Skandal?

Heino wird dieses Jahr 80. Und er kann es immer noch: die Nation spalten. Ist ja irgendwie Zeitgeist und ein Gespür für eben diesen hat er all die Jahre bewiesen. Nun schenkte er der nordrhein-westfälischen Ministerin Ina Scharrenbach eine Platte, die seine Frau Hannelore noch im Keller gefunden haben will. Darauf einige Lieder, die einst jeder SS-Kamerad zu singen wusste und die sich auch nach dm zweiten Weltkrieg noch erstaunlich lange in manchem Gemüt hielten.

Insgesamt fünf der 24 Lieder auf Heinos Doppel-Album sind laut „Westdeutscher Zeitung“ (WZ) in allen Auflagen des SS-Liederbuchs wiederzufinden. Keines der Stücke sei jedoch indiziert oder verboten. Scharrenbachs Ministerium teilte mit, Heinos Geschenke – insgesamt zwei Schallplatten und vier CDs – seien „bei der Übergabe nicht unter dem Aspekt der politischen Korrektheit überprüft worden“. Die Ministerin verwahre sich aber strikt dagegen, „in irgendeiner Weise mit der nationalsozialistischen Ideologie in Verbindung gebracht zu werden“. Und was sagt der schwarz-braune Haselnussknacker? „Die Lieder können doch nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert worden sind“.

Eichen-Astrein! So kannte man ihn. Tenor: „Das wird man ja wohl noch singen dürfen …!“

Es waren vor allem die 80er Jahre, als Heino sich einen Ruf erarbeitete, an der er heute lückenlos anzuknöpfen schafft. 1983 und 1986 tourte er durch das damals noch am Apartheidsystems festhaltende Südafrika – trotz eines UNO-Embargos und trotz eines Kulturboykotts vieler internationaler Künstler. 1977 sang Heino auf Bitte des damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Hans Filbinger auf einer für Unterrichtszwecke produzierten Schallplatte alle drei Strophen des Deutschlandliedes. Filbinger selbst stürzte ein Jahr später darüber, dass er zuvor NS-Marinerichter war und vier Todesurteile fällte. Heino sang weiter.

Heimat-Botschafter

All das ist also nicht ganz fremd und unbekannt, beschäftigt man sich mit dem blonden Germanen. Wichtiger scheint daher die Frage, wieso dies so in den Hintergrund geraten konnte, als Heino 2013 mit dem Studioalbum Mit freundlichen Grüßen sich neu erfand und in Lederkutte und mit Gothic-Kette antrat, die Jugend zu erobern. Das Album beinhaltete zwölf Coverversionen bekannter deutschsprachiger Pop-, Hip-Hop- und Rocklieder. Nach dem Motto: „Heino traut sich was!“ wurde die Veröffentlichung von umfangreichen Werbemaßnahmen begleitet, so dass schon kurz nach Erscheinen das Album so oft aus dem Internet heruntergeladen wurde wie kein Werk eines deutschen Interpreten zuvor. Zeitweilig stand es auf Platz 1 der deutschen Album-Charts. Die meisten Medien jubelten. Verweise auf die Vorgeschichten – selten bis gar nicht. Selbst die Macher des Metalfestivals ´Wacken Open Air` luden ihn ein und er spielte gemeinsam mit Rammstein den Song Sonne, den er auf dem Album Mit freundlichen Grüßen gecovert hatte.

Ist Erfolg also doch so erotisch, dass Ruhm keine (moralischen oder gar politischen) Grenzen kennt?

Oder passt der Ausspruch von Fußball-Manager-Legende Reiner Calmund besser? „Wenn Du Erfolg hast, kannst Du einen Haufen auf die Straße machen und alle staunen noch und jubeln – ´schau mal, der dampft sogar´!“ Hinsichtlich der braunen Farbe vielleicht ein recht passendes Bild.

Interessanter ist aber, einen Blick auf die von Heino beschenkte Ministerin zu werfen. Denn es ist das „Ministerium für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung“, das nach der Abwahl der rot-grünen Regierung von der neuen CDU-geleiteten Führung um Ministerpräsident Laschet erstmals neu und im Sommer 2017 installierte wurde. Und Heino war als einer der „Heimat-Botschafter“ eingeladen. Wo also könnte man ein solches heimatbezogenes Geschenk besser platzieren? Und es spricht Bände, dass man seitens des Ministeriums das Geschenk „nicht unter dem Aspekt der politischen Korrektheit überprüft“ hatte. Denn was ist „politische Korrektheit“ im neuen Heimatministerium?

Und was ist das eigentlich für ein Ministerium, das es nun auch gleich auf Bundesebene und mit blau-weiß-bayrischer Färbung gibt?

Unsichtbare Wurzeln

Ina Scharrenbach: „Heimat sind aus meiner Sicht unsichtbare Wurzeln, die jeder und jede von uns in sich hat.“ Dem Eindruck, das Ganze solle vielleicht doch nur eine Art Geheimwaffe gegen Wutbürger darstellen, eben gegen die AfD, entgegnete Scharrenbach den Kopf schüttelnd: „Für mich ist das keine Rückwärtsbetrachtung, von dem, was irgendwann war. Oder, dass es Personen gibt, die dann sagen: Heimat ist nur für Inländer. Die gibt es ja auch. Und dann sage ich immer relativ offen: Nein, das ist es nicht. Weil: Jeder Mensch, auch die, die zuwandern, bringen eine Geschichte mit sich. Eine Heimat mit sich.“ Und Scharrenbach weiter: „Heimat sind aus meiner Sicht unsichtbare Wurzeln, die jeder und jede von uns in sich hat.“

Naja. Alles in allem doch recht unausgegoren. Wissen die eigentlich, worauf sie sich da einlassen? In Zeiten des rechten Populismus darf man gewiss sein, dass Heinos Geste kein Einzelfall bleiben wird (und schon jetzt nicht ist!). Und unser Bundes-Heimatminister Seehofer hat ja auch schon bewiesen, dass die Nutzung des Heimat-Begriffs problemlos an vergangen geglaubte Denktraditionen anzuknüpfen vermag.

Man schafft also ein Ministerium für Heimat und wundert sich dann, dass der Begriff Heimat „instrumentalisiert“ wird – wie Heino sagen würde. Eher unglaubwürdig. Wahrscheinlicher ist, dass genau dies gewollt war und ist. Wehret den Anfängen …

 

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Die Söhne des Bürgertums https://www.tiefgang.net/die-soehne-des-buergertums/ Fri, 29 Sep 2017 22:50:22 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2236 [...]]]> Politik und Kultur könnten viel gemein haben. Nämlich den Austausch über verschiedene Perspektiven und Aspekte zu ein und demselben Umstand.

Bei der Politik etwa über den Zustand der Gesellschaft. Bei der Kunst und Kultur etwa um den Zustand der Ästhetik.

Nach der Bundestagswahl aber zeigt sich wieder: Politik scheint der Diskurs über Aspekte und Perspektiven abhanden zu kommen. Schuld sind eh immer die anderen. Die eigene Überzeugung oft eine Sache des „Preises“. Das werden wir nun in den Koalitionsverhandlungen wieder zugenüge erleben. Um so interessanter, dass eine Partei, die dem Vorurteil unterliegt, es so genau nicht mit Tatsachen zu nehmen, nun eine Studie einfordert. Und zwar eine zur „Soziologie der linken Gewalttäter in Hamburg“. Ja, genau. Es geht um die G-20-Krawalle und damit irgendwie auch immer um das Thema Rote Flora. Und nein, es kommt nicht von André Trépoll der Hamburger CDU, der gerne über die Zukunft der Roten Flora einen Volksentscheid herbeiführen will – oder zumindest bis zur Bundestagswahl wollte. Nein, der Wunsch kommt von der Alternative für Deutschland (AfD).

AfD und Studie? Das überrascht auf den ersten Blick. Und doch findet sich dies in einem Antrag der ´Drucksache 21/10381` der Hamburger Bürgerschaft.

Weniger erstaunlich, dass im Grunde die Antwort gleich mit geliefert wird:

„Ähnlich wie 1968 und den Folgejahren kann man (…) auch bei den heutigen Gewalttätern eine bürgerliche Herkunft vermuten. Es sind nicht diejenigen, die für 3,50 Euro als Tellerwäscher oder Landarbeiter schuften müssen, sondern eher diejenigen, die sich schicke Marken-Klamotten leisten können – egal, ob aus eigenem oder elterlichem Einkommen. Pier Paolo Pasolini, der italienische Filmemacher und Kommunist, hat über die 68er-Demonstrationen gesagt: „Die Söhne des Bürgertums bewerfen die Söhne der Arbeiterklasse mit Steinen“. Die Söhne der Arbeiterklasse sind die Polizisten, die für ein mäßiges Gehalt ihre Köpfe hinhalten, um den Rechtsstaat zu beschützen. Die Söhne des Bürgertums sind die Gewalttäter, die Kriminellen und Marodeure, die Steine und Flaschen auf die Polizisten werfen.“

Dennoch soll zu den Tätern erforscht werden, „welche Schulbildung, Studium und/oder Berufsausbildung haben sie? Wie kann ihre familiäre Herkunft soziografisch typisiert werden? Welche Berufe et cetera üben sie aus oder aus welchen Quellen finanzieren sie sich sonst? Wohnen sie bei ihren Eltern, allein oder in Beziehungen? Wie ist die Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht? Wo – das heißt in welchen Zusammenhängen, Gruppen oder Institutionen – findet die politische Sozialisation, die Meinungsbildung und die Radikalisierung statt?“

Nun, man könnte auch solchen einen Antrag ignorieren, da er von den parlamentarischen Mehrheiten eh nicht angenommen werden wird. Um eine ernsthafte Bearbeitung des Antrages aber wird es der AfD auch nicht gehen. Und nicht nur ihr nicht. Die Fülle von Kleinen und Großen Anfragen in Bürgerschaft und Bezirksparlamenten ist selten so groß gewesen wie heute. Nicht unbedingt, um Transparenz und Aufklärung zutage zu fördern. Dafür waren diese Instrumente ja eigentlich mal bestimmt. Sondern um mit Mitteln der Demokratie Aufmerksamkeit auf Themenbereiche zu lenken und so im Grunde eben Politik zu betreiben.

Alle wären gut beraten, diese Art von Politik zu überdenken. Nicht nur wegen ihrer unaufrichtigen Art. Denn der Austausch über Wahrnehmungen und Perspektiven gehört ja eigentlich ins Parlament. Da wo geredet und diskutiert werden soll. Sondern auch, weil es die Verwaltung von den wirklich wichtigen Dingen abhält, wenn sie solche Anfragen beantworten muß, die sie natürlich auch immer so formulieren wird, dass sie fast aussagelos werden. Und Aussagelosigkeit wiederum ist dem Diskurs einer Demokratie erst recht abträglich.

Alternativ könnte man natürlich eine Studie zur Soziologie aktueller politischer Taten in Hamburg in Auftrag geben. Sie würde uns vermutlich mehr Aufschluss über echtes gesellschaftliches Wirken und symbolische Nullsummen-Agitation verschaffen. Und richtig: dem Antrag würde vermutlich auch nicht statt gegeben.

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