Gedenken in Harburg – Tiefgang https://www.tiefgang.net Kultur, Politik, Kulturpolitik und mehr Wed, 22 Nov 2017 17:37:17 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Im Arbeitslager erschlagen https://www.tiefgang.net/im-arbeitslager-erschlagen/ Fri, 24 Nov 2017 23:20:14 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2545 [...]]]> Beruflich selbständig, charakterlich lieb. Auch das konnten die Nationalsozialisten nicht ändern: Wilhelm Buchholz.

Der Tischlermeister Wilhelm Buchholz wurde am 16. Sept. 1888 in Hasselwerder (Kreis Jork) geboren, und zwar im Haus mit der heutigen Adresse Tiefenstraße 10 im Stadtteil Neuenfelde, wo er bis zu seiner Festnahme im Winter 1944/45 lebte. Die Gemeinden Hasselwerder und Nincop wurden 1929 zu Neuenfelde vereinigt. 1935 wurde Neuenfelde an den Landkreis Harburg abgetreten, und nach dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 wurde es hamburgisch.

Tier- und kinderlieb

Aus alten Fotoalben ist ersichtlich, dass Wilhelm Buchholz ein sehr kinder- und tierlieber Mensch gewesen sein muss. Er musizierte gern, gehörte einer Neuenfelder Musikkapelle an und spielte auf Schützenfesten und anderen Feiern. Seine Tochter schildert ihn als humorvoll und zu Streichen aufgelegt.

Hobbyfotograf

Wilhelm Buchholz besaß als einer der ersten in Neuenfelde einen Fotoapparat. Es existieren viele Passfotos, die er von Neuenfeldern gemacht hat. Fotografie war sein Hobby, er entwickelte die Filme selbst. Er war aber auch ein politischer Mensch und Gegner der Nationalsozialisten. Deswegen stritt er oft mit seinem Sohn, der Hitler-Anhänger war. Außerdem wird erzählt, dass er bei Festumzügen und anderen feierlichen Anlässen nicht die Hakenkreuzfahne herausgehängt hatte.

„Bummelant“

Im Winter 1944/45 nahm die Gestapo ihn fest und lieferte ihn ins „Arbeitserziehungslager“ (AEL) der Gestapo in Wilhelmsburg am Langen Morgen ein. Die Gestapo unterhielt etwa 200 solcher Lager. Das Wilhelmsburger AEL war das einzige auf hamburgischem Gebiet. Die Insassen waren dort wegen angeblichen „Bummelantentums“ (besonders in Betrieben, die als kriegswichtig erklärt waren), aber auch wegen unliebsamer politischer Äußerungen, Abhörens von „Feindsendern“ oder nach Verbüßung von Strafhaft eingeliefert worden. Im Unterschied zum KZ war die Haft auf 56 Tage befristet, sie konnte aber verlängert worden. Besonders betroffen waren Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter. Das Lager am Langen Morgen war für 800 Gefangene eingerichtet, aber ständig überbelegt. Eine Frauenbaracke sollte 250 Frauen aufnehmen, zeitweise mussten hier bis zu 600 zusammengepfercht leben. Die Straße Langer Morgen war eine Parallelstraße des Eversween. Reste sind heute noch zwischen Bahngleisen sichtbar.

Selbständiger Tischler

Warum Wilhelm Buchholz in dieses Lager kam, wissen wir nicht mit Sicherheit. Entweder hat ihn ein Nachbar bei der Gestapo angeschwärzt oder er hatte sich geweigert, in der Kriegsproduktion zu arbeiten. Nachdem Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 den „totalen Krieg“ ausgerufen hatte, sollte nur noch das produziert werden, was nach Meinung der Nationalsozialisten kriegswichtig war. Wilhelm Buchholz betrieb als selbstständiger Tischler eine eigene Werkstatt. Es wird erzählt, dass er es ablehnte, diese zu schließen und in der Kriegsproduktion auf der Deutschen Werft zu arbeiten.

Die Häftlinge vom Lager Langer Morgen wurden nach dem Morgenappell nach Wilhelmsburg oder in das Hafengebiet geführt, wo sie unter steter Gefahr durch Luftangriffe arbeiten mussten. Wie in allen Lagern wurden sie völlig unzureichend ernährt. Die hygienischen Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung. Es gab nicht einmal Seife zum Waschen, der „Gestank des Lagers Langer Morgen“ ist sprichwörtlich geworden.

Von Wachleuten erschlagen

Am 12. Februar 1945 kam Wilhelm Buchholz im Lager ums Leben. Es heißt, er wurde von den Wachmannschaften erschlagen. Er wurde 58 Jahre alt. Der Leichnam wurde nach Neuenfelde überführt. Seine Tochter, die den Sarg in Augenschein nehmen wollte, fand jedoch eine Frauenleiche vor. Dennoch hoffen seine Angehörigen, dass Wilhelm Buchholz auf dem Neuenfelder Friedhof bestattet wurde.
© Hans-Joachim Meyer

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: Lotfi, Gabriele: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich, Stuttgart/München 2000; VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 271ff.; Literatur über die Arbeitserziehungslager; alle Angaben zu Wilhelm Buchholz verdanken wir der Kirchengemeinde Neuenfelde, Verwandten oder Nachbarn, besonders seinen Enkelinnen Anna Köster und Gunda Neumann-Henneberg.

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, www.gedenken-in-harburg.de

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Die Todesfabrik https://www.tiefgang.net/die-todesfabrik/ Fri, 17 Nov 2017 23:28:36 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2540 [...]]]> Von Harburg zog sie in die Niederlande, doch auch dort wüteten die Nationalsozialisten: Bertha Themans.

Bertha Seckel kam am 31. Jan. 1859 in Harburg und als Tochter des jüdischen Rohlederhändlers Joseph Seckel und seiner Ehefrau zur Welt. Kurz nach dem Beitritt des Königreiches Hannover zum Deutschen Zollverein, der die Industrialisierung ihrer Geburtsstadt explosionsartig beschleunigte. Die Neue Straße, in der die junge Familie in dieser Zeit wohnte, verlief auch damals schon parallel zur Schlossstraße (heute: Harburger Schlossstraße), die das alte Zentrum Harburgs um die ehemalige Zitadelle und den Hafen mit den neuen Ansiedlungen um den Sand verband und die Richtung der weiteren Stadtentwicklung aufzeigte. Hier ragte der Kirchturm der Dreifaltigkeitskirche, der Hauptkirche der Stadt, in den Himmel, und hier reihte sich ein Geschäft an das andere. Auch das Leben auf der Straße spiegelte die zentrale Bedeutung dieser wichtigen Zufahrt zum Kaufhaus im Harburger Hafen wider.

Umzug in die Niederlande

Bertha Seckel verzog nach ihrer Heirat 1890 in die Niederlande, wo sie mit ihrem Ehemann Salomon Themans in Amelo eine Familie gründete. Ihr Ehemann starb 30 Jahre später. Über Bertha Themans Leben nach seinem Tod wissen wir ebenso wenig wie über die Jahre davor. Dass die Besetzung der neutralen Niederlande durch deutsche Truppen im Mai 1940 mit tiefgreifenden Veränderungen ihres Lebens verbunden war, ist nicht weiter verwunderlich.

Nach der Entlassung aller jüdischen Beamten und Angestellten aus dem öffentlichen Dienst mussten alle Juden, die in den Niederlanden lebten, sich registrieren lassen. Schlag auf Schlag folgten weitere antijüdische Anordnungen. Im April 1942 wurden alle Juden in den Niederlanden dazu aufgefordert, ihre Kleidung mit dem Gelben Stern zu kennzeichnen, und bald darauf verließen die ersten Deportationszüge das Land in Richtung Osten.

Sammellager Westerbork

Bertha Themans musste sich am 18. Mai 1943 von ihrer Enkelin Bertha Rika de Vries-Suskind, die sie aufgenommen hatte, verabschieden, und im Sammellager Westerbork melden. Eine Woche später wurde sie von dort nach Sobibor im „Generalgouvernement“ deportiert.

An dieser entlegenen Gegend hatten die nationalsozialistischen Besatzer Anfang 1942 ein riesiges Vernichtungslager errichtet, das im Sommer 1942 seiner Bestimmung übergeben wurde. Gleich nach der Ankunft der Züge wurden die Neuankömmlinge in die Gepäckbaracken geführt, wo ihnen ihre Koffer und Rucksäcke abgenommen wurden; dann mussten sie sich entkleiden und den Gang in die als Duschräume getarnten Gaskammern antreten.

Todesfabrik Sobibor

In 15 Monaten wurden mehr als 150.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer in dieser „Todesfabrik“ von ca. 30 SS-Leuten und 120 – zumeist ukrainischen – Hilfskräften ermordet. Die Gebeine der Ermordeten wurden anschließend in Gruben verscharrt, auf denen bald Kiefern den Boden bedeckten, um alle Spuren dieses Verbrechens zu verwischen. Bertha Themans war 83 Jahre alt, als ihr Leben in Sobibor ausgelöscht wurde.

(Stand: November 2016)

© Klaus Möller

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Jürgen Sielemann, Paul Flamme (Hrsg.), Hamburg 1995; Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv (Hrsg.), Koblenz 2006; Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org; Harburger Opfer des Nationalsozialismus, Bezirksamt Harburg (Hrsg.), Hamburg 2003; Herinnerungscentrum Kamp Westerbork; Helms-Museum, Harburger Adressbücher; Jules Schelvis, Vernichtungslager Sobibor, Münster/Hamburg 2003

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de, www.gedenken-in-harburg.de

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„Schluss mit diesem Leben“ https://www.tiefgang.net/schluss-mit-diesem-leben/ Fri, 10 Nov 2017 23:57:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2515 [...]]]> Er war Arbeiter, Sozialdemokrat und Familienvater. Behandelt wurde er wie ein Hund.  

Otto Noack wurde am 10. August 1880 in Szaken im Kreis Insterburg im damaligen Ostpreußen geboren. Von dort zog er nach Harburg, wo er am 6. April 1919 die drei Jahre jüngere Hamburgerin Auguste Schiemann heiratete. Noch im gleichen Jahr bekamen sie eine Tochter: Mary Noack, geb. am 15.12.1919 in Harburg. Außerdem lebten bei ihnen noch zwei Kinder aus der ersten Ehe Augustes: der Lehrling Heinrich Tödter, geb. am 28.12.1911 in Harburg, und Hildegard Tödter, geboren am 26. September 1913 in Harburg. Otto Noack gehörte der SPD an. Wie sein Parteifreund Johannes Bremer wohnte die Familie im Haus Grumbrechtstraße 62.

Gelernter Heizer

Am 13. März 1920 brach der Kapp-Putsch aus. In der Nacht zum 15. März marschierte ein Trupp „Baltikumer“, der den Putsch gegen die Republik unterstützte, unter dem Kommando des Fliegerhauptmanns Rudolf Berthold in Harburg ein. Die Freikorpsler quartierten sich in der Heimfelder Schule an der Woellmerstraße ein. Das Gebäude wurde von teils bewaffneten Arbeitern belagert. Nach einem heftigen Schusswechsel mussten sich die „Baltikumer“ ergeben. Die wütende Menge lynchte Hauptmann Berthold (siehe Johannes Bremer). Unter den Belagerern befanden sich Otto Noack und Johannes Bremer. Sie wurden später beschuldigt, an der Tötung Bertholds beteiligt gewesen zu sein, was sie abstritten. Es kam zu mehreren Prozessen, aber man konnte ihnen nichts nachweisen.
Am 24. November 1927 zog Noack mit seiner Familie in die Stader Straße 320. Heute existiert das Haus nicht mehr, es muss etwa unter der heutigen Autobahnbrücke gestanden haben.

Gebrochener Mensch

Otto Noack, eigentlich Heizer, arbeitete von 1931 bis zu seiner Verhaftung als Kontrolleur bei den Mauser-Werken in Harburg am Seehafen 1. Nach Hitlers Machtantritt wurden Johannes Bremer und Otto Noack in Haft genommen und zunächst am 10. Mai ins Polizeigefängnis Wetternstraße eingeliefert. Am 10. September 1933 kam Otto Noack ins Gerichtsgefängnis an der Buxtehuder Straße. Ein neuer Prozess in Sachen Hauptmann Berthold wurde jedoch nicht angestrengt, sondern Noack in Konzentrationslagern festgehalten: ab 9. Oktober 1933 im KZ Börgermoor im Emsland, ab April 1934 im KZ Esterwegen. Von hier schrieb er am 18. Dezember 1934 an seine Frau: Sein Leben habe keinen Wert mehr. „Mach Schluss mit diesem Leben“, habe er zu sich selbst gesagt, „denn du hast ja doch nichts davon.“ 1936 gelangte er ins KZ Sachsenhausen. Dort traf ihn der Harburger Kommunist Gustav Bergmann. Er berichtet, dass Otto Noack so gebrochen gewesen sei, dass er kaum noch menschliche Züge gehabt habe. Die SS-Bewacher legten ihn an eine Eisenkette und zwangen ihn, wie ein Hund zu laufen und zu bellen.

Haftnummer 2539

Otto Noacks Frau Auguste, inzwischen völlig mittellos, zog 1938 nach Hausbruch. Die Nationalsozialisten zwangen sie, sich scheiden zu lassen, um im öffentlichen Dienst Arbeit zu bekommen. Das tat sie 1939 und wurde Posthilfsarbeiterin in Fischbek. Am 6. April 1940 wurde Otto Noack ins KZ Flossenbürg in Bayern eingeliefert und unter der Haftnummer 2539 registriert. Dort starb er am 25. Juni 1941 mit 60 Jahren, angeblich an doppelseitiger Lungenentzündung. Die Toten wurden im lagereigenen Krematorium verbrannt. Die im Umfeld verstreute Asche wurde nach dem Krieg in der Gedenkstätte zu einer Aschepyramide aufgeschichtet.

Seit 1988 gibt es den nach ihm benannten Noackstieg (Langenbeker Feld).

© Hans-Joachim Meyer

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Quellen: VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, s. Personenverzeichnis; StaH 351-11 AfW, Otto Noack; StaH 332-8 Meldewesen A 46; StaH 430-64 Amtsgericht Harburg II B 25; Sta Stade; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN; Auskunft der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg vom 11.4.2011.

Weiterführende Links:

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Tod kurz vor Kriegsende https://www.tiefgang.net/tod-kurz-vor-kriegsende/ Fri, 06 Oct 2017 22:28:43 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2226 [...]]]> Sie kam aus gutem Haus, heiratete einen Staatsrat und hätte nicht nur ihre Kindheit glücklich verbringen können. Aber sie war Jüdin.

Alice Weilová, geb. Kaufmanová, wurde am am 6. Juli 1902 in Kostelec tnad Orlicí (Adlerkosteletz) geboren. Die böhmische Stadt, in der Alice Kaufmanová kurz nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Tochter ihrer jüdischen Eltern Arnold Kaufman und Irene Kaufmanová geboren wurde, gehörte vor dem Ersten Weltkrieg noch zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Dass diese Monarchie ein Vielvölkerstaat war, spiegelte sich auch in der Familie Kaufman wider, Arnold Kaufman war Ungar, seine Frau Österreicherin und seine Tochter Tschechin.

Alice Kaufmanovás Vater war zusammen mit seinem Bruder Inhaber einer kleinen, aber sehr erfolgreichen Fabrik für Damenschuhe. Ihre Eltern wohnten in einer stattlichen Villa, die auch entsprechend eingerichtet war. Hier am Rande des Adlergebirges verbrachte das Mädchen eine glückliche Kindheit, an die sie sich später immer wieder gern erinnerte. 1924 starb ihr Vater, ein schmerzhafter Verlust für alle.

Sie heiratet einen Staatsrat

1925 heiratete Alice Kaufmanová im Alter von 23 Jahren den Sohn eines jüdischen Staatsrates im tschechoslowakischen Verkehrsministerium Oskar Weil. Er war zwei Jahre älter als sie und Beamter im Dienst der tschechoslowakischen Eisenbahngesellschaft. Die beiden Jungvermählten bezogen eine bescheidene Wohnung in der tschechoslowakischen Hauptstadt, wo 1927 ihre Tochter Eva zur Welt kam und anschließend ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Obwohl in der Wohnung nicht viel Platz war, fand ihr Vater noch eine Ecke für seinen Bücherschrank und ihre Mutter noch eine Lücke für ihr Klavier.

Jüdische Religion spielte kaum eine Rolle

Die jüdische Religion spielte im Leben der Familie Weil keine besondere Rolle. Sie feierte sowohl die jüdischen als auch die christlichen Feste, und zu ihrem Freundeskreis gehörten Juden und Nicht-Juden. Auch Eva Weilová fühlte sich in ihrer Klasse in keiner Weise weder von den Lehrerinnen und Lehrern noch von den Mitschülerinnen und Mitschülern ausgegrenzt.

Die heile Welt zerbrach, als Truppen der deutschen Wehrmacht am 15. März 1939 in Prag einmarschierten. Mit der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ begann die Verfolgung der dort lebenden jüdischen Bevölkerung. Es dauerte nicht lange, bis alle jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner aufgefordert wurden, sich registrieren zu lassen. Ebenso schnell wurden alle Jüdinnen und Juden aus dem öffentlichen Dienst entlassen, wovon auch Oskar Weil nicht verschont blieb. Kurzfristig fand er in einem Reisebüro eine neue Anstellung, und als er auch diesen Arbeitsplatz verlor, wurde die Not der Familie immer größer. Die Gelegenheitsarbeiten, mit denen er die Tätigkeit der Jüdischen Gemeinde in zunehmendem Maße unterstützte, konnten nichts daran ändern.

Stolperstein v. Alice Weilowa (Foto: Hinnerk11)

Auch Eva Weilová war von den judenfeindlichen Anordnungen der Besatzer betroffen. Im Sommer 1940 wurde ihr – wie allen anderen jüdischen Kindern und Jugendlichen – der weitere Besuch einer öffentlichen Schule untersagt. Dieses Verbot versperrte ihr nicht nur den Weg zur Bildung, sondern erschwerte ihr auch den unbekümmerten Zugang zu gleichaltrigen Kindern. Doch sie hatte das große Glück, dass viele Klassenkameradinnen und auch eine Lehrerin weiterhin zu ihr hielten und sich – trotz zunehmender Gefahr – nicht zurückzogen. Sie trafen sich auch unter erschwerten Umständen mit ihr und schreckten nicht vor dem Risiko zurück, sie zu gemeinsamen Theater- und Konzertbesuchen einzuladen, bei denen alle Beteiligten viel riskierten. Dass eine Lehrerin zu denen zählte, die sich unerschrocken über alle Kontaktverbote hinwegsetzten, wussten Eva – und vor allem ihre Mutter – ganz besonders zu schätzen.

Der gelbe Stern

In schneller Folge wurden weitere Gesetze und Verordnungen verkündet, die die Existenzgrundlagen der jüdischen Bevölkerung in Böhmen und Mähren in zunehmendem Maße zerstörten. Die Zahl der Berufsverbote erhöhte sich, und die Lebensmittelzuteilungen wurden in immer kürzeren Abständen reduziert. Viele jüdische Mieter mussten ihre Wohnungen verlassen und in kleinere Wohnungen, die sich in jüdischem Besitz befanden, umziehen. Außerdem wurden nach und nach nicht nur alle Radiogeräte und Telefonapparate, sondern auch Plattenspieler und Pelzmäntel beschlagnahmt. Theater- und Kinobesuche waren bald ebenso wenig erlaubt wie der Aufenthalt in Restaurants und Schwimmbädern. Ab 1. September 1941 galt für alle Jüdinnen und Juden, die im Protektorat lebten, die Kennzeichnungspflicht mit dem `Gelben Stern´.

Trennung von Kind und Eltern

Einen Monat später begannen die Deportationen nach Lodz und Theresienstadt. Am 6. März 1943 mussten auch Oskar Weil sowie Alice und Eva Weilová ihre Wohnung in Prag verlassen und einen Zug besteigen, der sie zunächst nach Bauschowitz (Bohusovice) brachte. Anschließend legten sie – beladen mit jeweils 50 kg Gepäck – einen ca. 3 km langen Fußmarsch ins Getto Theresienstadt zurück. An diesem Ort kamen Oskar Weil und seine Frau mit ihrer Tochter in zwei getrennten Kasernen unter. Nach einiger Zeit zog Eva Weilová in das Mädchenheim des Gettos.  Sie kam mit den widrigen Gegebenheiten dieses Ortes besser zurecht als ihre Eltern. Vor allem ihre Mutter fand sich mit den veränderten Lebensumständen – und speziell der Auflösung der Familie – nur schwer ab. Unter der räumlichen Trennung von Mann und Tochter und dem nicht weniger schmerzhaften Verlust jeglicher Privatsphäre sowie der quälenden Ungewissheit über die Zukunft litt sie noch mehr als unter dem ständigen Hunger.

Auschwitz-Birkenau

Das Getto Theresienstadt war nicht zuletzt auch für Oskar Weil und Alice und Eva Weilová – wie für viele andere – nur eine Zwischenstation. Die Transporte in die Vernichtungslager im Osten gehörten zum Alltag dieses Ortes.
Am 18. Dezember 1943 mussten auch sie sich einem Transport in den Osten anschließen, ohne zu wissen, wohin die Reise ging. Doch schon die Umstände des Transports in völlig überfüllten Viehwagen, in denen die Menschen so dicht zusammengedrängt waren, dass sie einander auf die Füße traten und in denen es kein Wasser und keine Latrinen gab, ließen nichts Gutes ahnen. Als die Türen der Güterwagen zwei Tage später aufgerissen wurden, erfuhren sie, dass sie sich in Auschwitz-Birkenau befanden.

Nr. 73.671

Nach ihrer Ankunft wurden sie zusammen mit 1.137 Männern und Jungen, die die Nummern 169.969 bis 171.105 erhielten, sowie 1.336 Frauen und Mädchen, die mit den Nummern 72.435 bis 73.700 gekennzeichnet wurden, in das Theresienstädter Familienlager des Lagerabschnitts B II geführt. Hier war Alice Weilová ab sofort nur noch Häftling Nr. 73.671 und Eva Weilova nur noch Häftling Nr. 73.672.

Dieses Sonderlager war ein gigantisches Täuschungsmanöver, mit dem die nationalsozialistischen Machthaber allen Spekulationen über die wahre Funktion des Lagers Auschwitz-Birkenau, die in der internationalen Öffentlichkeit im Umlauf waren, entgegentreten wollten. Die Neuankömmlinge wurden bei ihrer Ankunft keiner Selektion unterzogen. Stattdessen wurden sie am nächsten Morgen in die „Sauna“ geführt, wo sie sich ausziehen und alles abgeben mussten. Nach dem Duschen bekamen sie neue Wäsche, die eher einer Lumpensammlung glich. Anschließend belegten sie, getrennt nach Geschlecht, unterschiedliche Baracken, die aber nicht weit voneinander entfernt waren. Sie schliefen auf Strohsäcken in dreistöckigen Pritschen, die sich oft mehr als drei Personen teilen mussten. Im Unterschied zu den anderen Insassen des Lagers zogen sie nicht täglich zur Arbeit aus. Nur hin und wieder mussten sie vor Ort sinnlos Steine von einer Stelle zur anderen tragen und dann wieder zurückbringen und bei Wind und Wetter zu oft stundenlangen Appellen antreten, die vor allem die älteren Menschen zermürbten.

Doch schon bald erkannten sie, was sich in Auschwitz-Birkenau tatsächlich abspielte. Spätestens am 9. März 1944, als 3.791 jüdische Häftlinge des Theresienstädter Familienlagers in den Krematorien II und III ermordet wurden, wurde ihnen ihre Situation bewusst.
Am 2. Juli 1944 mussten alle noch im Theresienstädter Familienlager verbliebenen Männer zwischen 16 und 50 Jahren sowie alle Frauen zwischen 16 bis 40 Jahren zu einer Selektion antreten. In deren Verlauf suchte der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele 2.000 Frauen und 1.000 Männer aus, die er für noch arbeitsfähig hielt und die demnächst außerhalb der Lagers zum Arbeitseinsatz kommen sollten. Zu diesen Häftlingen zählten Oskar Weil und Alice und Eva Weilová. Die anderen Insassen des Theresienstädter Familienlagers wurden bald danach in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau getrieben.

Zug nach Veddel

Nachdem monatelang nur vollbesetzte Züge aus Mittel- und Westeuropa im Lager Auschwitz angekommen waren, dürfte die Nachricht, dass vollgepackte Züge Auschwitz-Birkenau neuerdings auch in umgekehrter Richtung verließen, zunächst wie ein Märchen geklungen haben. Oskar Weil gelangte im Juli 1944 mit einem Transport in das Nebenlager Schwarzheide in Brandenburg, einer Außenstelle des KZ Sachsenhausen, und Alice und Eva Weilová verließen Auschwitz mit einem Transport, der für das Frauenlager Dessauer Ufer, einer Außenstelle des KZ Neuengamme, im Hamburger Stadtteil Veddel bestimmt war. Hier kamen die jüdischen Frauen und Mädchen in einem freigeräumten Lagerhaus unter. In einem großen Saal standen Doppelstockbetten, in denen sie schliefen, und Tische und Bänke, an denen sie aßen und tranken. Auch Waschgelegenheiten und eine Toilette fehlten nicht. Ihre Arbeitsplätze lagen im Hamburger Hafen. Gearbeitet wurde an sechs Tagen der Woche.

KZ-Außenlager Neugraben

Zwei Monate später wurden sie von dort zusammen mit 498 Frauen in das KZ-Außenlager Neugraben am Falkenbergsweg im Hamburger Süden verlegt. Im Umfeld des Lagers kamen die Frauen beim Bau von Behelfsheimen, beim Ausheben eines Panzergrabens, bei der Trümmerbeseitigung und beim Schneeschieben zum Einsatz. Als sie im Februar 1945 erneut verlegt wurden, war Alice Weilovás Körper inzwischen so geschwächt, dass er den starken physischen und psychischen Belastungen des Lagerdaseins nicht mehr gewachsen war. Kurz vor der Räumung des KZ-Außenlagers Tiefstack und dem Abtransport ihrer Tochter und der anderen Häftlingsfrauen in das als Auffanglager dienende KZ Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide schloss Alice Weilová für immer die Augen. Vergebens hatte ihre Tochter an ihrem Totenbett versucht, ihr Trost und Kraft zu spenden.

Die Tochter Eva Weilová wurde zehn Tage später an dieser letzten und furchtbarsten Station ihrer Lagerodyssee – zwischen Bergen von Leichen – von britischen Truppen befreit. Im November 1945 kehrte sie nach einem längeren Genesungsaufenthalt in Schweden in ihre Heimatstadt Prag zurück. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Vater erfüllte sich nicht. Stattdessen musste sie eines Tages die traurige Nachricht vernehmen, dass er den Todesmarsch der Häftlinge im Zuge der Räumung des KZ-Außenlagers Schwarzheide in den letzten Kriegstagen nicht überlebt hatte.

Zu den Menschen aus Eva Weilovás Familie, die den Holocaust nicht überlebten, zählen nicht nur ihre Eltern, sondern auch nahezu alle anderen Verwandten. Bei ihrer Rückkehr nach Prag gab es nur ein Wiedersehen mit einer Großmutter und einer Tante.

© Klaus Möller

Quellen: Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org; Häftlingsliste des Lagers Theresienstadt. Theresienstädter Gedenkbuch; KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Interview mit Eva Keulemansova, geb. Weilova, vom 5.5.2011; Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989; Alfred Gottwald, Diana Schulle, Die `Judendeportationen´ aus dem Deutschen Reich 1941–1945, Wiesbaden 2005, Karl-Heinz Schultz, Das KZ-Außenlager Neugraben, in: Jürgen Ellermeyer, Klaus Richter, Dirk Stegmann (Hrsg.), Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Hamburg-Harburg 1988, S. 493ff; Hans Ellger, Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichte der Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme 1944/45, Berlin 2007 Karl-Heinz Schultz, Das Barackenlager am Falkenbergsweg 1936–1976. Entstehung – Nutzung – Ende, in: Peter de Knegt, Olinka. Eine Freundschaft, die im Krieg begann, Hamburg 2012.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)

Standort: google/maps

Weiterführende Links: stolpersteine-hamburg.de und www.gedenken-in-harburg.de

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„Vollkommen verwirrt, sehr leicht gereizt“ https://www.tiefgang.net/vollkommen-verwirrt-sehr-leicht-gereizt/ Fri, 29 Sep 2017 22:19:47 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2223 [...]]]> Sie wollte Schneiderin werden. Dann aber kamen epileptische Anfälle. Statt Hilfe kamen die Nazis. Das war ihr Verderben …

Helene Jakobsen wurde am 22. Februar 1893 in Harburg geboren. Sie war das dritte Kind ihrer Eltern Peter (geb. 15. Sept. 1853) und Magdalene Jakobsen, geb. Lehmkuhl (geb. 7. Dez. 1862). Nach der Schule absolvierte sie eine Lehre als Schneiderin. Diesen Beruf konnte sie aber nur kurzfristig ausüben, weil sie seit ihrem 16. Lebensjahr unter epileptischen Anfällen litt.

Während die junge Harburgerin in den 1920er Jahren nur in großen Abständen über epileptische Anfälle zu klagen hatte, traten sie nach dem plötzlichen Tod ihres schwerkriegsbeschädigten Bruders Paul am 13. Oktober 1931 häufiger und heftiger auf. Die Medikamente, die die behandelnden Ärzte einsetzten, erwiesen sich als nur kurzzeitig erfolgreich. Die psychischen Beeinträchtigungen waren so groß, dass Helene Jakobsen am 21. November 1931 in die „Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ eingewiesen werden musste. Dort „besserte sich“ ihr Zustand langsam. Nach zehn Monaten glaubten die Ärzte, sie in das „Pflegeheim Huckfeld“ bei Emmelndorf im Landkreis Harburg entlassen zu können. Doch nach einer Zwangssterilisation und einer weiteren Unterleibsoperation traten die alten Symptome erneut auf. Die epileptischen Anfälle häuften sich wieder, und die Zeichen geistiger Verwirrung waren nicht zu übersehen.

Helene Jakobsen, 1934 © Evangelische Stiftung Alsterdorf

Am 31. August 1935 wurde Helene Jakobsen ein zweites Mal in die „Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg“ verlegt. Nach einem Schlaganfall nahmen die epileptischen Krämpfe und die Phasen psychischer Störungen abermals zu. Eineinhalb Jahre später wurde die Patientin zur weiteren Behandlung und Pflege in die damaligen Alsterdorfer Anstalten eingewiesen. Die Eintragungen in ihre Patientenakte vermitteln ein schwankendes Bild ihrer weiteren Entwicklung. An einigen Tage wurde sie als ordentlich und freundlich beschrieben, als Frau, die „Interesse an ihrer Umgebung“ zeigte und „sich über die Natur freute“; an anderen Tagen gurteten die Pfleger sie im Bett an, weil sie „wirr“ redend im Schlafsaal umherlief und mit Gegenständen warf.

In seinem Gutachten für die Hamburger Sozialverwaltung stellte der leitende Oberarzt Gerhard Kreyenberg im November 1938 fest: „In der Körperpflege ist sie [Helene Jakobsen] selbständig. Sie wird mit Handreichungen beschäftigt, ist fleißig und ordentlich. In der freien Zeit ist sie leicht zu leiten. Sie hat häufig langandauernde Dämmerzustände, in denen sie strengster Beaufsichtigung bedarf. Weiterer Anstaltsaufenthalt ist erforderlich.“

Mit dem letzten großen Abtransport von 228 Frauen und Mädchen aus den damaligen Alsterdorfer Anstalten gelangte Helene Jakobsen am 16. August 1943 in die „Landes- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke am Steinhof“ in Wien. Die Wiener Ärzte stellten durchweg negative Diagnosen für sie. Schon bei der ersten Eintragung in ihre Krankenakte hieß es: „Patientin … [nach] einem typischen epileptischen Anfall … vollkommen verwirrt, sehr leicht gereizt … und sehr grob. Auf Fragen antwortet sie nach langer Latenz langsam und unbeholfen, erweist sich als stark dement.“

Am „Steinhof“ regierte der Tod. 196 der Alsterdorfer Patientinnen waren Ende 1945 nicht mehr am Leben. Das Sterben geschah systematisch: durch Überdosierung von Medikamenten, Nichtbehandlung von Krankheiten und Nahrungsentzug. Helene Jakobsens Leben endete am 17. Juli 1944.

© Klaus Möller

Quellen: Gedenkbuch der Evangelischen Stiftung Alsterdorf; Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, Krankenakte Helene Jakobsens (V192); Wunder u. a., Kein Halten., 2. Auflage.

(leichte Überarbeitung für ´Tiefgang` v. Heiko Langanke)
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Tod auf der Insel Kos https://www.tiefgang.net/tod-auf-der-insel-kos/ Fri, 22 Sep 2017 22:02:25 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2160 [...]]]> Als Sozialdemokrat war Ärger mit den Nationalsozialisten täglich und vorprogrammiert. Der Widerstand aber blieb. Der Tod kam kurz vor Kriegsende und in Griechenland: Otto Lang.

Otto Ernst Lang wurde am 30. Jan. 1908 geboren, stammte aus einer sozialdemokratischen Familie und schloss sich selbst früh der Sozialistischen Arbeiterjugend an. Am 8. Oktober 1924 trat er in die Jugendgruppe Hamburg des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold ein und war in den Folgejahren auch in der SPD in Rothenburgsort aktiv.

Der Schwerpunkt der Parteiarbeit in Rothenburgsort lag seit Ende der 20er Jahre in der Auseinandersetzung mit Nationalsozialisten und Kommunisten. Die Gruppe um Fritz von Hacht, Helmuth Weidt, Franz Wendt und Otto Lang las nationalsozialistische Schriften wie Hitlers „Mein Kampf“ und verfasste Flugblätter gegen die drohenden Gefahren des braunen Terrors. Handfeste Konfrontationen zählten zum politischen Tagesgeschäft.

Konfrontationen zählten zum Tagesgeschäft

Selbst arbeitslos engagierte sich Otto Lang Anfang der 30er Jahre in der Erwerbslosen-Selbsthilfe Groß-Hamburg e.V.. Auch nach der Gleichschaltung der Erwerbslosen-Selbsthilfe im Jahr 1933 blieb der Verein weiterhin ein Treffpunkt für Mitglieder der nun verbotenen SPD.

Mit seinen Weggefährten setzte Otto Lang die politische Arbeit in der Illegalität fort. Sie trafen sich regelmäßig und aus Sicherheitsgründen umschichtig in ihren jeweiligen Wohnungen, um die politische Lage zu diskutieren, Flugblätter zu entwerfen und ihre Verteilung zu organisieren. Die Gruppe unterhielt Kontakte zu anderen sozialdemokratischen Widerstandsgruppen in Hamburg und Umgebung. Ein Großteil des Widerstandsmaterials wurde aus Dänemark eingeschleust, wo geflohene Sozialdemokraten versuchten, den Widerstand der einzelnen Gruppen gegen den Nationalsozialismus zu aktivieren und zu koordinieren.

Denunziation

Aufgrund einer Denunziation flog die Gruppe dann aber am 5. Februar 1935 auf. Fritz von Hacht, Helmut Weidt, Franz Wendt und Otto Lang wurden verhaftet und im Konzentrationslager Fuhlsbüttel interniert. Die Gestapo, die nach der Verhaftung Langs die Wohnung der Familie nach illegalen SPD-Schriften durchsuchte, entdeckte zur Erleichterung der Ehefrau nicht die unter dem Wohnzimmertisch befestigte Druckmaschine, mit der viele Flugblätter hergestellt worden waren.

Otto Ernst Lang © Archiv Helga Roepert

Während die Gestapo nach eingehenden Ermittlungen wegen des Verdachts „den organisatorischen Zusammenhalt der SPD aufrecht erhalten zu haben“ Otto Lang am 30. April 1935 wieder frei ließ, verurteilte das Gericht die anderen drei Widerstandskämpfer zu Gefängnisstrafen. Am 16. Oktober 1935 verhaftete die Gestapo aber Otto Lang erneut. Eine weitere sozialdemokratische Widerstandsgruppe war zerschlagen worden und in diesem Zusammenhang war auch der Name Otto Langs gefallen. Zusammen mit sechs weiteren Angeklagten – zu denen Otto Lang jedoch in keinerlei Verbindung stand – erhob die Staatsanwaltschaft wiederum den Vorwurf „durch das Vertreiben hochverräterischer Schriften“ das Verbot der SPD zu unterlaufen. Im Prozess gab Otto Lang zu, etwa 25 bis 30 Exemplare der sozialdemokratischen Zeitung „Sozialistische Aktion“ an den schon verurteilten Franz Wendt weitergereicht zu haben.

Aufgrund dieser Tätigkeit verurteilte das Hanseatische Oberlandesgericht Otto Lang wegen Vorbereitung zum Hochverrat am 19. Dezember 1935 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus mit Ehrverlust. Lang wurde in das Konzentrationslager Börgermoor/Ems eingeliefert. Am 19. Januar 1938 kam Otto Lang wieder frei, nachdem er unterschrieben hatte, nichts über die Haftbedingungen in Börgermoor verlautbaren zu lassen.

Bewährungsbataillon 999

Während der Haftzeit erhielt die Ehefrau Otto Langs, Senta Lang, keinerlei staatliche Unterstützung für sich und ihre Tochter Helga. Außerdem ruhte die Krankenversicherung, so dass alle anfallenden Krankheitskosten privat bezahlt werden mussten. Die Behörden offerierten ihr, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, um ihre Situation zu verbessern. Senta Lang bestritt den Lebensunterhalt in dieser Zeit als Wäscherin und Putzfrau. Sie unterlag der Überwachung durch die Gestapo und musste sich einmal wöchentlich bei der Polizei melden. Besucher der Familie wurden offen von der Gestapo beschattet.

Foto: NordNordWest

Nach der Haftentlassung fand Otto Lang von 1938 bis 1942 Arbeit als Monteur bei der amerikanischen Firma International Harvester Company, die in Hamburg landwirtschaftliche Maschinen fertigte. Hier arbeiteten mehrere Regimegegner. Am 3. Dezember 1942 zog die Wehrmacht Otto Lang als „wehrunwürdigen“ Soldaten ein und wies ihn ins ´Bewährungsbataillon 999` ein. Im Laufe des Jahres 1943 wurde das Bataillon auf die griechische Insel Kos verlegt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ertrank Otto Lang beim Versuch, gemeinsam mit einem Kameraden per Floß von der Insel zu fliehen.

© Christel Oldenburg

Quelle: Privatarchiv Helga Roepert (Prozessakten, Familienunterlagen u.a.), Interview Helga Roepert am 7.Juni 2001

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Weiterführende Links:

stolpersteine-hamburg.de; verfolgte.spd-hamburg.de; www.gedenken-in-harburg.de

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„Da läuft etwas an der Hand“ https://www.tiefgang.net/da-laeuft-etwas-an-der-hand/ Fri, 15 Sep 2017 22:19:51 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=2157 [...]]]> Eines von drei Geschwistern kommt in Finkenwerder behindert zur Welt. Der Weg in die Alsterdorfer Anstalten war seine Sackgasse: Hermann Quast.

Hermann Quast kam am 24. März 1936 als drittes Kind der Hausfrau Hildegard Quast, geb. Fenske, (geb. 15. Jan. 1912) zur Welt. Bei seiner Geburt wog er drei Kilo. Seine Mutter war in zweiter Ehe mit Heinrich Quast (geb. 9. Mai 1908) verheiratet, nachdem ihr erster Mann Heinrich Hennings (geb. 30. Okt. 1907), ein gelernter Klempner, den sie 1932 geheiratet hatte, infolge eines Unfalls im Jahre 1934 in der Elbe ertrunken war.
Nach ihrer Schulzeit hatte Mutter Hildegard Quast ein Jahr die Berufsschule in Wilhelmsburg besucht und dann eine Stellung als Hausangestellte angenommen. Im Jahre 1935 hatte sie ein zweites Mal geheiratet und ihre beiden Kinder Hertha (geb. 14. Aug. 1933) und Heinrich (geb. 28. Nov. 1934) mit in die Ehe gebracht. Zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen zwei Halbgeschwistern lebte Hermann in der Benittstraße 26 III in Hamburg-Finkenwärder, wie es damals hieß.

Hermann Quast (sein Kopf wird für die Fotografie gestützt) © Archiv Evangelische Stiftung Alsterdorf

Hermann Quasts Vater Heinrich Hennings war zunächst in Finkenwerder aufgewachsen und hatte hier wie seine sechs Geschwister die Schule besucht. Nach Jahren der Seefahrt nahm er jedoch zur Zeit seiner Heirat eine Stelle als Bohrer bei der Deutschen Werft auf der Rüschhalbinsel in Finkenwerder an. Seine Familienangehörigen waren in Finkenwerder und in Neuenfelde ansässig.

Über das erste Lebensjahr von Hermann Quast ist uns nichts bekannt. Mit einem Jahr und fünf Monaten jedoch, vom 3.8. bis 14.8.1937, war Hermann im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort untergebracht. Warum, wissen wir (noch) nicht. Doch hier heißt es zum ersten Mal in der Akte: „Das Kind erscheint weder geistig noch körperlich seinem Alter entsprechend entwickelt zu sein.“ Geriet er damit in den Fokus der nationalsozialistischen Behörden?

„In der Entwicklung zurückgeblieben“

Am 17.11.38 wurde die „Fü-Akte“ (Fürsorgeakte) über den zweieinhalbjährigen Hermann erstellt. Hier ist zu lesen: „…vollkommen in der Entwicklung zurückgeblieben, läuft jetzt etwas an der Hand, spricht noch nicht und isst noch kaum mit dem Löffel. In der Untersuchungen der Wiegestunde wurde Mongoloide Idiotie festgestellt.“

Zwei Jahre später, am 27.10.1939, wurde vom Jugendamt Hamburg eine „psychiatrische Untersuchung“ durchgeführt einschließlich „erbbiologischer Erhebungen“, „Untersuchungsgrund?: Unterbringung“.

Auf wessen Initiative diese Maßnahme zurückging, ist unklar. Waren es die Eltern selbst, die nach der Geburt eines weiteren Kindes im Juni 1938 womöglich nicht mehr die Kraft hatten, allen vier Kindern in gleicher Weise gerecht zu werden? Waren es staatliche Stellen? War es jemand aus ihrem Umfeld, der glaubte, dass der kleine Junge in einer Einrichtung, die auf die Hilfe für Menschen mit Behinderungen spezialisiert war, besser als in seiner Familie in der Benittstraße 26 aufgehoben war? Oder gab es andere Gründe? Wir wissen es ebenso wenig wie uns die Reaktion seiner Eltern auf die Aufforderung zur Untersuchung bekannt ist.

„Mongoloide Idiotie“

Bei der Untersuchung am 27. Oktober 1939 kamen die Ärzte Hülsemann, Ltd. Oberarzt, und Gräfe, Assistenzarzt, beim Jugendamt Hamburg, Abt. II B, zur Beurteilung: „Es handelt sich um mongoloide Idiotie“. Hermann solle deshalb in die Alsterdorfer Anstalten überwiesen werden, zumal seine Mutter ein weiteres Kind erwarte und ihn nicht mehr versorgen könne. Ein „Überweisungsschein“ wurde dem Bericht beigelegt, d.h. die Sozialverwaltung würde die Kosten übernehmen.

Am 10.1.1940 wurde Hermann in den Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. Am Tag der Einweisung schrieb ein Arzt über den kleinen Patienten „[Das Kind] ist sehr unruhig, so daß es angegurtet werden muß“. Hermann konnte nicht allein essen und wusste nicht, wann er auf die Toilette gehen sollte. Er musste versorgt und gefüttert werden, sei aber freundlich und anhänglich, wie es am 10. Juli 1941 hieß.

Am 14. Juli 1941 bestätigte Gerhard Kreyenberg, Leitender Arzt der Alsterdorfer Anstalten, der „Sozialverwaltung Sonderstelle“, dass eine Verlängerung des Aufenthaltes von Hermann Quast in dieser Einrichtung erforderlich sei, was auch Prof. Schäfer, Vorsitzender des Alsterdorfer Vorstands, am 30. Oktober 1942 bekräftigte. Am 6. August 1943 schloss Kreyenberg die Krankenakte Hermann Quasts mit der Eintragung: „Verlegt, da die Alsterdorfer Anstalten zerstört sind.“ Hermann Quast kam in die Heil- und Pflegeanstalt Eichberg bei Eltville in Hessen.

Damit gehörte er zu den insgesamt 26 Kindern und 44 Männern aus Alsterdorf, die am 8. August 1943 in Eichberg eintrafen. Einige der Neuankömmlinge trugen Zwangsjacken und wurden – so ein Bericht – „wie Vieh auf LKWs“ geladen und zum Eichberg gebracht.

Die „Landesheilanstalt Eichberg“ am Rhein (die heutige „Vitos Klinik Eichberg“) war 1849 auf dem Gelände des Klosters Ebersbach gegründet worden. Die Einrichtung fungierte bis zum August 1941 als Durchgangsstation der Euthanasie-Patienten in die Vernichtungsanstalt Hadamar. Im Winter 1940/41 richtete der leitende Arzt Mennecke eine „Kinderfachabteilung“ ein, in der geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche „euthanasiert“ wurden. Diese Abteilung wurde vom Arzt Walter Schmidt geleitet. Er verabreichte den Patienten Morphium/Skopolamin oder in Zuckerwasser aufgelöste Schlaf- und Betäubungsmittel, wie z. B. Luminal, die zum Tode führten.

„Nach zwei bis drei Minuten tot“

Ein ehemaliger Pfleger berichtete später: „Dr. Schmidt kam öfters, manchmal zwei- bis dreimal an einem Tag … durch meine Station. … Er deutete dann mit seinem Finger auf einzelne Patienten und sagte, der oder jener würde ihm nicht mehr gefallen. Dr. Schmidt trug meistens einen Zettel in der Tasche, auf welchem er die Namen verschiedener Kranker notiert hatte. Manchmal waren es mehrere, manchmal nur ein Kranker … Manchmal ließ er solche Kranken sofort ins Ärztezimmer bringen, manchmal gab er auch eine bestimmte Zeit an, wann er den Kranken im Ärztezimmer sehen wollte. Der Pfleger vom Dienst musste dann jeweils den Kranken zu Dr. Schmidt bringen. Wenn ich Dienst hatte, war ich mit Dr. Schmidt im Ärztezimmer zusammen und habe für ihn, wie es üblich ist, die Handreichungen gemacht. Wenn nun ein solcher Kranker im Ärztezimmer war, sagte Dr. Schmidt, dass ich eine Morphiumspritze zurechtmachen sollte. Er gab auch immer das Quantum Morphium an, welches ich in die Spritze einfüllen sollte. Manchmal waren es 10 ccm, manchmal auch 20 ccm, manchmal noch mehr. Es ist auch vorgekommen, dass ich die Spritzen mit Luminal füllen musste, je nachdem, was gerade an Giften vorhaben war. Nachdem ich nun jeweils die entsprechende Spritze vorbereitet hatte, spritzte er dieselbe intravenös ein. Nachdem Dr. Schmidt jeweils die Spritze verabfolgt hatte, verließ er meist ohne ein Wort zu sagen das Ärztezimmer. Nach zwei bis drei Minuten war der Patient tot. Die diensthabenden Krankenpfleger holten die Leiche dann im Ärztezimmer ab.“

Am 18. September 1943 – sechs Wochen nach seiner Einlieferung – starb auch Hermann Quast um 5 Uhr morgens in Eichberg, wie seine Sterbeurkunde besagt. Als Todesursache wurden Herzschwäche und Geisteskrankheit eingetragen.
Können wir den Angaben glauben? Keines der 26 Kinder, die am 8. August 1943, von den „Alsterdorfer Anstalten“ kommend, in Eichberg ankamen, überlebte.

© Julia Klindworth/Hannelore Fielitz

Quellen: Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, V0 23, Hermann Quast; Stadtarchiv Eltville am Rhein; www.alsterdorf.de/ueber-uns/geschichte.html; Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, Hamburg 1988, Ernst Klee, `Euthanasie´ im NS-Staat. Die `Vernichtung lebensunwerten Lebens´, Frankfurt a. M. 1985.

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Gefallen gegen Franco https://www.tiefgang.net/gefallen-gegen-franco/ Fri, 01 Sep 2017 22:01:26 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1950 [...]]]> Er war Kommunist und Kämpfer. Zum Opfer fiel er letztlich Francos Truppen im spanischen Bürgerkrieg: der Harburger Max Neubacher.

Der Arbeiter Max Neubacher wurde am 19. April 1895 in Harburg geboren, war Kommunist und leitete die „Rote Marine“ in Harburg. Das war eine Abteilung des „Roten Frontkämpferbundes“, der in Preußen (also auch in Harburg) nach dem blutigen 1. Mai in Berlin 1929 verboten wurde. Neubacher wohnte 1923 in der Neuen Straße 14. Als Beruf wiesen die Adressbücher „Händler“ und „Bote“ aus. Weitere Adressen lauteten Bremer Straße 127 (im Jahr 1928) und Friedrich-Naumann-Straße 8 (im Jahr 1930). Er heiratete die 1894 geborene Luise Attermüller aus Magdeburg. Einen acht Jahre jüngeren Bruder namens August hatte er auch noch.
Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurde Max Neubacher wie viele Kommunisten und Sozialdemokraten in „Schutzhaft“ genommen, die er vom 6. März bis zum 1. Juni 1933 im Harburger Gerichtsgefängnis in der Buxtehuder Straße verbrachte. Von dort wurde er ins Gerichtsgefängnis Altona verlegt. Über einen Prozess oder eine Verurteilung ist nichts be­kannt.

Gerichtsgefängnis Harburg

1934 hatte er zusammen mit seinem Bruder August Kontakt zu Karl Nieter, der später nach Dänemark emigrierte und als Kurier des kommunistischen Widerstandes wiederholt nach Harburg kam. August Neubacher beherbergte Karl Nieter öfter in seiner Wohnung an der Langen Straße 14 (heute: Goldtschmidtstraße). 1937 wurde August Neubacher verhaftet, kam ins Kola-Fu, dann in Untersuchungshaft in Hamburg und Berlin und wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ (im Prozess Günther) verurteilt. August Neubacher überlebte die NS-Zeit und wohnte nach dem Krieg in Fischbek (Haus Nr. 175).

Schon früher geriet auch Max Neubacher wieder ins Visier der Gestapo. Er ahnte das wohl und entkam auf einem Schiff nach Dänemark. Seine letzte Wohnadresse in Harburg war die Feldstraße 3a, neben dem heutigen Haus Kalischerstraße 3. Ab 15. August 1935 galt er als „unbekannt verzogen“. Luise Neubacher blieb zunächst in der Wohnung Feldstraße 3a, im Juni 1938 zog sie um in die Gerade Straße 8.

Francos Putsch 1936

Am 18. Juli 1936 putschten in Spanien Generale unter Francisco Franco gegen die nach demokratischen Wahlen entstandene Volks-frontregierung der Spanischen Republik. Militärisch unterstützt wurden die Putschisten vom nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien. Deutsche Transportflugzeuge brachten Francos Söldnerheer von Spanisch-Marokko aufs spanische Festland, später schickten Deutschland und Italien auch Truppen, z. B. die deutsche „Legion Condor“.

Aus ganz Europa und den USA kamen Freiwillige, um den Kampf der Spanischen Republik gegen den Faschismus zu unterstützen. Sie wur­den in den „Internationalen Brigaden“ zusammengefasst. Die Exilleitungen der SPD und KPD hatten zur Unterstützung der legalen Regierung aufgerufen. Als Journalist oder auch in politischer Funktion waren z. B. die späteren SPD-Vorsitzenden Willy Brandt und Erich Ollenhauer in Spanien.

Politik der Nichteinmischung

Viele Emigranten wollten in den „Internationalen Brigaden“ kämpfen und gelangten zum Teil auf abenteuerlichen Wegen nach Spanien, denn Frankreich verfolgte die Politik der „Nichteinmischung“ in den Bürgerkrieg, und die ging so weit, dass Antifaschisten die Grenze nach Spanien nicht legal überschreiten durften.

Max Neubacher  gehörte zu den Harburgern, die in Spanien auf der Seite der Republik kämpften. Er war im Tschapajew-Bataillon, und zwar als Zugführer der 1. Kompanie. Dieses Bataillon, benannt nach einem Heerführer der Sowjets im russischen Bürgerkrieg gegen die „Weißen“ (die Bürgerlichen und Monarchisten), bestand hauptsächlich aus Deutschen und Österreichern. Es gehörte zur XIII. Internationalen Brigade. Sie wurde nach der verlustreichen Schlacht bei Brunete (Juli 1937) aufgelöst und der XI. Brigade angegliedert.

Leutnant Neubacher

Das Tschapajew-Bataillon kämpfte im April 1937 an der Grenze von Andalusien und Estremadura beim Sturmangriff auf den Bahnhof Valsequillo. Hier wurde Max Neubacher später wegen besonderer Tapferkeit ausgezeichnet und zum Teniente (Leutnant) befördert. Aus seiner Feder gibt es über diese Schlacht einen ausführlichen Bericht in der Schrift „Tschapajew – das Bataillon der 21 Nationen“, die 1938 auf Deutsch in Madrid erschien.

Vom Dezember 1937 bis zum Februar 1938 gab es heftige Kämpfe um die Stadt Teruel im Süden der Provinz Aragón. Die Stadt lag nur 140 km vom Mittelmeer entfernt, Francos Truppen wollten hier, von Norden kommend, das republikanische Gebiet in zwei Teile aufspalten (was ihnen später auch gelang). Die Stadt wechselte zweimal ihren Besitzer, bis im Februar Franco endgültig siegte. Bei diesen Kämpfen fiel Max Neubacher am 10. Januar 1938 vor Concud an der Straße Teruel–Zaragoza.

© Hans Joachim Meyer

Quellen: VVN-BdA Harburg (Hrsg.), Die anderen, S. 55, 169ff.; Hochmuth/Meyer, Streiflichter, S. 176, 201; StaH, 332-8 Meldewesen, A44, A46; StaH, 430-64 Amtsgericht Harburg II B 25; StaH, Adressbücher Harburg-Wilhelmsburg; VVN, Komitee-Akten; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN.

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Zwei dünne Schnitten zum Essen https://www.tiefgang.net/zwei-duenne-schnitten-zum-essen/ Sat, 26 Aug 2017 06:01:17 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1912 [...]]]> Sie war ein lebhaftes Arbeiterkind, das als Teenie epileptische Anfälle bekam. Statt ihr zu helfen, gaben ihr die Nationalsozialisten den Rest.

Marie Przywarra wurde am 23. Sept. 1898 als uneheliches Kind der Arbeiterin Charlotte Przywarra in Harburg an der Elbe geboren. Ihre Mutter wohnte im Zentrum der seinerzeit noch preußischen Stadt. Einer der Wohnsitze war definitiv aber der Große Schippsee 15. Später wechselte sie ihre Anschrift mehrfach. Auf diese Weise lernte Marie Przywarra nicht nur Harburg, sondern auch die ländliche Umgebung der Stadt kennen. In den ersten Lebensjahren entwickelte sich das kleine Mädchen offenbar so wie andere Kinder. Sie war in guter körperlicher Verfassung, in der Schule gab es keine Probleme, obwohl sie seit 1909 bei einer Pflegefamilie in Adolphsheide in Fallingbostel aufwuchs. Hier war sie in den Augen ihrer Mitmenschen ein „lebhaftes, heiter gestimmtes und gutmütiges Mädchen”.

Epileptische Insulte

Zur tragischen Wende in ihrem Leben führten epileptische Krampfanfälle, die erstmals Pfingsten 1911 auftraten. Sie waren so heftig und häufig, dass das Mädchen vom Schulbesuch ausgeschlossen und in das Kreiskrankenhaus Walsrode eingeliefert wurde. Weil die anschließende Therapie nach vier Wochen nicht den gewünschten Erfolg zeitigte, plädierte der Leiter des Kreiskrankenhauses am 21. August 1911 für die Aufnahme des Mädchens in eine Anstalt. Knapp drei Wochen später wurde Marie Przywarra Patientin des „Asyls zur Pflege Epileptischer in Rotenburg i. Hann.“. Hier diagnostizierten die Ärzte „epileptische Insulte und Aequivalente”.

Diese Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in der Kreisstadt a. d. Wümme entwickelte sich nach 1900 zu einem der bedeutendsten Zentren im Dienste der Armen- und Krankenfürsorge in Norddeutschland. Die Kranken wurden von Schwestern betreut, die vorher in einem von Elise Averdieck gegründeten Diakonissenhaus in Hamburg gearbeitet hatten. Sie teilten sich die Arbeit anfangs mit Diakonen des Stephanstifts und später mit Brüdern des Lutherstifts.

„Immer heiter gestimmt“

Eine Betreuerin von Marie Przywarra hielt nach vier Wochen in der Krankenakte fest, dass diese in der Zeit drei Krampfanfälle gehabt hatte. Unter demselben Datum trug sie die Bemerkung ein: „Zeigt ein lebhaftes Wesen, ist immer heiter gestimmt, oftmals etwas vorlaut, besucht die Anstaltsschule mit Erfolg“. Sie half sogar den Kindern, die zum „Beschäftigungsunterricht“ gingen. Auch auf der Station packte sie in ihrer Freizeit mit an. Nach Abschluss ihrer Schulausbildung arbeitete sie auf dem Landhof und in der Flickstube. An diesem Bild änderte sich in den ersten Jahren wenig.

Zu nützlicher Beschäftigung unfähig

Leichte, aber wichtige Veränderungen wurden nach ihrem 21. Geburtstag erkennbar. Die Akten hielten fest, dass sie körperlich und geistig langsam abbaute. Ihre Arbeitskraft reichte nur noch für einen halben Tag. Sie wurde zusehends vergesslich und ließ sich „immer öfter gehen“. Diese Entwicklung kam in den nächsten Jahren nicht mehr zum Stillstand, sondern der Zustand verschlechterte sich langsam, aber unaufhaltsam von Jahr zu Jahr. Die negativen Signale häuften sich. Im Januar 1939 hatte Marie Przywarra „fast jede Nacht einen oder mehrere Krampfanfälle, auch öfter am Tage“. Außerdem – so ein Bericht – wirke sie „sehr stumpf und träge“. Sie helfe beim Kartoffelschälen und sei „sonst zu nützlicher Beschäftigung unfähig“. Darüber hinaus erfordere sie hohen Pflegeaufwand, da sie unrein sei und einnässe. Außerdem stellten die Betreuerinnen fest, dass es nach dem frühen Tod ihrer leiblichen Mutter, bei der sie noch einmal einen längeren Urlaub verbringen konnte, offenbar keine Angehörigen mehr gab, die sich hin und wieder nach ihr erkundigten.

„Aktion T4“

Mit diesem Befund war Marie Przywarra extrem bedroht, als die Berliner Zentrale der „Aktion T4“ bereits in den ersten Kriegswochen mit den Planungen und Vorbereitungen zur massenhaften Tötung angeblich unheilbar kranker Männer, Frauen und Kinder unter dem Stichwort „Euthanasie“ begann. Zu diesem Zweck wurden in sechs Tötungsanstalten im Deutschen Reich Gaskammern installiert, in denen die „Aussortierten“ kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Unter den Opfern waren in erster Linie Kranke, die als nicht mehr arbeitsfähig galten, in hohem Maße pflegebedürftig waren und kaum noch – oder gar keinen – Kontakt zu Angehörigen hatten. Am 5. August 1941 wurde Marie Przywarra zu­sammen mit 69 anderen Patientinnen der Rotenburger Anstalten in die Zwischenanstalt Weilmünster in Hessen verlegt, wo Todgeweihte die letzten Tage oder Wochen bis zu ihrer Ermordung verbrachten. Als die Gasmorde wenig später offiziell eingestellt wurden, befanden sich die Rotenburger Patientinnen noch in der Landesheilanstalt Weilmünster. Doch das bedeutete keineswegs ihre Rettung. Das Mordprogramm lief in anderer Form weiter.

Durch Kohlenmonoxidgas „desinfiziert“

Marie Przywarra verbrachte die folgenden drei Jahre in diesem Krankenhaus, bevor sie in die nahe gelegene „Landesheilanstalt Hadamar“ in der Provinz Hessen-Nassau weiterverlegt wurde. Hinter den Mauern dieser Anstalt waren von Januar 1941 bis September 1941 insgesamt 10.072 Menschen durch Kohlenmonoxidgas „desinfiziert“ worden, wie es in der verschleiernden Sprache der Mörder hieß. Nach der Einstellung der Gasmorde waren die Vernichtungsanlagen zwar wieder abgebaut worden, aber das Töten ging weiter, nun auf den jeweiligen Stationen. Hier entschieden Ärzte und Pfleger über Leben und Tod. Der Oberarzt Adolf Wahl­mann bestimmte jeweils nach der täglichen Visite und einem kurzen Blick in die Patientenakte, wer nicht mehr weiterleben durfte. Die zuständigen Stationsschwestern und Krankenpfleger hatten dann den Opfern die verordneten Medikamente zu verabreichen.

Dünne Suppe, ohne Fett und Mehl

Die „Landesheilanstalt Hadamar“ hatte in diesen Jahren einen extrem hohen Verbrauch an Luminal, Veronal, Morphium-Skopolamin und Choral-Hydrat zu verzeichnen. Hauptverantwortlich für die Tötun­gen war allerdings Alfons Klein als Leiter der Anstalt. Ihm war es wichtig, dass immer wieder Betten für neue Patientinnen und Patienten frei wurden. Die vorsätzliche Mangelernährung mit ihren Folgen trug ihrerseits zu dem massenhaften Sterben bei. Der Bericht einer überlebenden Patientin lässt daran kaum Zweifel: „Das Essen bestand morgens aus zwei dünnen Schnitten, mittags einer dünnen Suppe, ohne Fett und Mehl mit schwimmenden Kartoffelschalen, abends wieder eine Wassersuppe. … Dass bei dieser Ernährung eine schnelle Abmagerung eintreten musste, ist wohl erklärlich.“

Die Toten wurden anfangs noch auf dem städtischen Friedhof bestattet. Ab September 1942 nutzte die Anstalt ein Grundstück auf dem Berg hinter dem Hauptgebäude als neuen Friedhof. Von nun an mussten die Särge nicht mehr durch die Stadt transportiert werden, sondern konnten unauffälliger auf dem Anstaltsgelände bestattet werden. Hier konnten dann auch problemlos Massengräber für die Ermordeten ausgehoben werden.

Sterbeurkunde verschweigt Todesursache

Von 1942 bis 1945 wurden 4.817 Menschen nach Hadamar transportiert. Von diesen Patientinnen und Patienten starben in diesem Zeitraum nicht weniger als 4.422. Allein schon diese hohe Opferzahl lässt die These, dass diese Menschen eines natürlichen Todes starben, mehr als zweifelhaft erscheinen. Die Angaben auf ihren Sterbeurkunden verschweigen in der Regel die wahre Todesursache. Jeder Argwohn der Angehörigen sollte im Keim erstickt werden.

Zu den vielen Toten dieser Jahre zählt auch Marie Przywarra. Sie starb am 24. August 1944 – nur wenige Tage nach ihrer Überführung in diese NS-„Euthanasie“-Anstalt. Als Todesursache wurden „Epilepsie, Daueranfälle und Herzschwäche“ in ihre Ster­­beurkunde eingetragen.

© Klaus Möller

Quellen: Gedenkbuch der Rotenburger Werke der Inneren Mission; Archiv der Rotenburger Werke der Inneren Mission, Akte Nr. 135, 196; Rotenburger Werke (Hrsg.), Zuflucht; Landeswohlfahrtsverband Hessen (Hrsg.), „Verlegt nach Hadamar“, 3. Auflage; Schriftliche Mitteilung Christina Vanjas vom 30.5.2011; Sander, Landesheilanstalt.

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Von Westerbork nach Auschwitz https://www.tiefgang.net/von-westerbork-nach-auschwitz/ Sat, 19 Aug 2017 06:32:40 +0000 https://www.tiefgang.net/?p=1853 [...]]]> Seine Liebe galt einer Niederländerin. Aber auch das bot keinen Schutz …

Isaak Eduard Falck kam am 21. Juli 1905 als Sohn des jüdischen Inhabers des Haushaltswarengeschäftes Ferdinand Falck und seiner Ehefrau zur Welt – kurz vor der Eingemeindung des Dorfes Lauenbruch in die Stadt Harburg an der Elbe. Die Wilstorfer Straße, in der die Familie an der Ecke zum Krummholzberg wohnte, führte auch damals schon an den Harburger Phoenixwerken vorbei, dem großen Arbeitgeber der Stadt, und verband die Innenstadt mit dem Stadtteil Wilstorf.

1929 heiratete Isaak Falck die Niederländerin Johanna Dame (geb. 2. Feb. 1913) und zog zunächst zu ihr nach Amsterdam, wo am 1. Sept. 1935 auch ihr gemeinsamer Sohn Henk das Licht der Welt erblickte.

Auch Amsterdam unsicher

Als die Niederlande am 10. Mai 1940 von deutschen Truppen ohne Kriegserklärung besetzt wurden, begann auch hier die Verfolgung der dort lebenden jüdischen Bevölkerung. Eine der ersten Maßnahmen betraf die Entlassung aller Juden aus dem öffentlichen Dienst. In den folgenden Wochen und Monaten riss die Kette weiterer antijüdischer Verordnungen und Gesetze nicht ab.

Im Frühjahr 1942 verstärkten die deutschen Besatzer ihre Vorbereitungen zur Deportation der niederländischen Juden. In Westerbork bauten sie das bisherige Flüchtlingslager zu einem zentralen jüdischen Sammel- und Durchgangslager aus. Im Sommer 1942 bestiegen die ersten jüdischen Insassen einen Zug, der in ein Vernichtungslager im Osten fuhr. Insgesamt wurden in den nächsten beiden Jahren mehr als 107.000 Juden aus Westerbork in den Osten deportiert. Nur etwa 5000 von ihnen überlebten und kehrten zurück.

107.000 Juden deportiert

Isaak Falck war nicht darunter. Er wurde am 5. Februar 1944 in das Durchgangslager Westerbork gebracht und von dort am 3. März 1944 mit 731 anderen Juden in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert. Die näheren Umstände seines Todes sind ungeklärt.

© Klaus Möller

Quellen: Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Jürgen Sielemann, Paul Flamme (Hrsg.), Hamburg 1995; Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bundesarchiv (Hrsg.), Koblenz 2006; Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org; Harburger Opfer des Nationalsozialismus, Bezirksamt Harburg (Hrsg.), Hamburg 2003; Herinnerungscentrum Kamp Westerbork; Helms-Museum, Harburger Adressbücher; Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989.

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